Polyphones Zusammenspiel

Außergewöhnlich präsentiert sich die abstrakte Farbkomposition auf dem mehrteiligen Untergrund. Die aus je vier Stabhölzern verleimten Bretter bilden vier individuell bemalte Hochformate, die durch einzelne Bildelemente über die dunklen Abstände hinweg miteinander zu einem Ganzen verbunden sind.

Gegliedert durch drei Fugen schimmern die Stöße, Risse und Strukturen des Holzes durch den lasierenden Farbauftrag und spielen dadurch so etwas wie eine Hintergrundmusik, welche die Gesamterscheinung wesentlich beeinflusst. Der wiederverwendete Malgrund und der neue Farbauftrag mit dem vielgestaltigen Linienspiel treten als fast gleichwertige Partner auf.

Während die dunklen Zwischenräume trennen und gliedern, verbinden waagrechte und diagonale Geraden die einzelnen Hölzer. Sie bilden unten eine breite Basis und führen über verschiedene Diagonalen zur Mitte und in die Höhe. Farblich wird die Komposition zum einen von den beiden blauen Flächen auf den äußeren Hölzern zusammengehalten, zum anderen durch die grünen und roten Farbaufträge, die sich in intensiver Form unten in der Mitte finden und abgeschwächt überkreuzt im oberen Bereich der äußeren Hölzer. Über alle vier Tafeln tanzen gelbe Flächen auf und ab und verleihen der Komposition etwas Lebendiges und Fröhliches. In ihrer Mitte wird oben ein nur wenig bemalter Bereich frei, der einen Blick darüber hinaus ermöglicht.

Die sorgfältig orchestrierten Farbflächen erinnern bisweilen an eine geistige Landschaft, in der das Sonnenlicht alles Sichtbare in farbige Facetten fragmentiert. Mehr jedoch entzieht sich die Komposition der konkreten Zuordnung der Einzelelemente. Es bleibt ein fröhlicher, meditativer Farbklang, eine bezaubernde Harmonie, in der die einzelnen Erscheinungen auf wundersame Art und Weise miteinander in einen spielerischen Dialog treten, in dem sich Frage und Antwort bzw. Feststellung und Weiterführung die Hand geben.

Das Farbenspiel meditierend kann in dieser geistigen Landschaft eine Verbindung zu den Seligpreisungen gesehen werden. Die wiederverwendeten Abfallhölzer, die einfach an die Wand gelehnt am Boden stehen, vereinigen in symbolischer Form einiges von den Menschen, die Jesus seligpreist. Die vom Künstler über sie gelegten Farben können dann als göttliche Verheißung gedeutet werden, dass sie weder vergessen noch verloren sind, sondern gesehen werden und einen Lohn empfangen, der weit über das Vorstellbare hinausgeht.

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.
(Mt 5,3-12)

Seine Herrlichkeit schauen

Das mit Symbolen gestaltete Bild lädt von oben nach unten zur Betrachtung ein. Doch der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Krippe: Sie bzw. der in ihr Liegende weist den Weg, zum Verständnis und das Licht des Johannesprologs (Joh 1,1-18) beleuchtet ihn zusätzlich.

Im dunklen Querbalken sind Schriftzeichen zu sehen. Sie deuten das göttliche Wort an: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.“ (Joh 1,1-2) Da Gott nicht darstellbar ist, sehen wir nur schriftähnliche Zeichen als Symbol für den göttlichen Logos. Der Balken selbst kann dabei als sichtbares Moment einer ewigen und gleichbleibenden Präsenz in der Schöpfung interpretiert werden.

Darunter entfaltet sich vor dem blauen Dreieck die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn. „Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,3-4) – Es ist ein trinitarisches Geschehen, ein Zusammenwirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist. In der großen Sonne klingt die Unendlichkeit Gottes an und dass er die Quelle des Lebens und des Lichtes ist. Der kleinere untere Kreis weist durch die Überschneidung und die gleiche Form auf die Gottheit Jesus hin. Er ist der Einzige, der „am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18). Der nach unten versetzte Kreis macht auch deutlich, dass er sich entäußert hat, um uns Kunde zu bringen von der Gnade und der Wahrheit Gottes. Seine Geburt ist eine Sternstunde der Menschheit und der Schöpfung. Gott wird Mensch: Seine ganze trinitarische Fülle ergießt sich „Gnade über Gnade“ in unsere menschliche Armut, dargestellt durch die nach oben geöffnete Krippe. „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12) Die Krippe ist gleichsam die Antwort des unteren dunklen Balkens auf die vom oberen Balken ausgehende Frage.

Weder das Jesuskind noch Maria, Josef oder sonst jemand sind an der Krippe dargestellt. Nur zwei blaue Flügel deuten eine Anwesenheit von himmlischen Wesen an – seien es die Engel der Heiligen Nacht oder den Geist des Johannes. Letztlich sind es zwei Präsenzen, die das Geschehen wohlwollend begleiten.

Alles zwischen den beiden Kontinuen am oberen und unteren Bildrand ist in ein warmes, goldgelbes Licht getaucht. In dieser mystischen Vision der Menschwerdung Gottes symbolisiert auch es die Materialisation: vom farblosen Licht zum von Farben, Gefühlen und damit vom Leben erfüllten gelben Licht. Im Licht gießt sich Gott symbolisch in die ganze Schöpfung aus. Im Licht offenbart er sich allen wesenhaft in seiner grenzenlosen Güte, Wärme und Freude. Es verweist immateriell auf Jesus, der von sich sagt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ (Joh 9,5)

So abstrakt-symbolisch das Bild auch ist, letztlich wissen wir nur durch die geschichtlich konkret gewordene Person Jesu so viel über Gott und seine grenzenlose Liebe zu uns. Wir leben jeden Tag in der Erwartung Ihn zu sehen und Sein Erbarmen und Sein Heil zu erleben, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14)

anwesend

Der Bildausschnitt führt den Betrachter zeitlich in die Nacht und räumlich in ein Zimmer mit einer offenen Balkontüre. Der Blick wandert über einen bläulich schimmernden See, der von einem Hügel begrenzt wird, hinauf in den türkis-nebligen Himmel, der etwa gleich viel Raum wie der See einnimmt.

Die einzige Lichtquelle im Bild ist die Reflexion des Mondscheins auf der Wasseroberfläche. Der angeschnittene Kreis lässt uns das Licht als sichtbare Hälfte eines unsichtbaren Ganzen wahrnehmen. Ungefähr in der Bildmitte positioniert erfüllt der Widerschein des Mondes alles gerade mit so viel Licht, dass die Landschaft und das Haus noch in unscharfen Konturen und dunklen Farbtönen wahrnehmbar sind.

Das Zimmer selbst ist in Dunkelheit gehüllt. Nur durch die große Öffnung werden die linke Wand mit der Balkontüre und der Boden schwach beleuchtet. So wirkt das Zimmer wie ein Rahmen für den nächtlichen Ausblick auf den mondbeschienenen See und macht diesen zu einem Blick ins Licht.

Es sind Elemente wie der Glanz des Sees oder der wolkig schattierte Himmel mit den grünlichen und rötlichen Lichteffekten, die zur wohltuenden Ruhe und dem tiefen Frieden im Bild beitragen. Harmonie geht von der flächig ausgeglichenen Darstellung von Wasser und Himmel aus und im Gegensatz zur Nacht und dem See ist hier im höhlenartigen Gemäuer Geborgenheit erfahrbar. „Durch die Sanftheit der Übergänge, den weichen Schmelz im Spiel mit Licht und Schatten, das glimmende Geheimnis magischen Farbdunkels bieten die Nachtstücke […] dem Betrachter einen nächtlich warmen Resonanzraum, in dessen Geborgenheit er mit seinen eigenen Empfindungen eintauchen, in den er sich wie in einen dunklen Mantel einhüllen kann.“ (Dr. Barbara Renftle in: „umnachtet-bestirnt – Das Nächtliche in der Kunst“, Stiftung BC – pro arte 2022, S. 46)

In der Stille einer solchen Nacht sind durchaus Gotteserfahrungen möglich. Durch das die Nacht erhellende und sich im See spiegelnde indirekte Mondlicht wird eine starke unsichtbare Gegenwart angedeutet, auch wenn die Lichtquelle selbst nicht zu sehen ist. Der Psalmist hat die Anwesenheit Gottes so stark erfahren, dass er zu Ihm sagen konnte: „Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, / die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“ (Ps 139,12) Das Wasser und die Nacht können dazu beitragen, dass der dunkle Raum als Zufluchtsort und Schutz erlebt wird, Eigenschaften, die gerne Gott zugeschrieben werden: „Da wurde mir der HERR zur Schutzburg, mein Gott zum Fels meiner Zuflucht.“ (Ps 94,22) Das gibt Kraft und Zuversicht, den Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens zu begegnen und sie mit Seinem Beistand auszuhalten und zu überwinden in der Gewissheit, dass der Nebel sich lichten und ein neuer Tag anbrechen wird.

Das Bild ist Teil der Ausstellung „Umnachtet – bestirnt: Das Nächtliche in der Kunst“, die bis zum 25. November 2022 in der Galerie der Stiftung BC – pro arte, Biberach. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit allen Werken und einer umfassenden kunstgeschichtlichen Einführung der Kuratorin Dr. Barbara Renftle.

Schritte in die Weite

Der Blick des Betrachters geht mit zwei Fußspuren durch eine angedeutete Türöffnung in einen schmalen, langen Raum, dessen Rückwand perspektivisch leicht nach rechts aus dem Zentrum verschoben wurde. Die farbigen Flächen wirken plakativ, symbolisch. Der Raum mit dem braunen Boden, den roten Seitenwänden und der gelben Rückwand erscheint ohne Fenster, Türen und ohne Decke wie eine ausweglose Sackgasse.

Diesen imaginären Raum hat ein Mensch barfuß betreten. Die weißen Abdrücke bilden einen seltsamen Kontrast zu den anderen Bildelementen. Der abstrakte Raum erhält durch diese Spuren etwas Menschliches. Eine menschliche Präsenz wird spürbar. Der braune Boden lässt an Erde denken. Der Ort hat etwas Grabähnliches. Doch die roten Wände pulsieren voller Leben und sie können wie symbolische Hände der Liebe gesehen werden, die den Verloren-Geglaubten umfassen und ihm Halt geben, die den Erkalteten und Erstarrten wärmen und in ihm neues Leben zirkulieren lassen.

Auch die sonnengelbe Rückwand mit der Leiter signalisiert, dass dieser Raum kein Ort des Todes ist, sondern der Auferstehung und des Lebens. Es führt über die Leiter ein Weg ins Freie und in die Weite durch den, der von sich sagte: „Ich bin die Tür, ich bin der Weg, ich bin die Auferstehung und das Leben“: JESUS!

ER ist es, der zu den Angehörigen von kürzlich Verstorbenen, wie zu Jairus oder der Schwester des Lazarus, sprach: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ (Mt 5,36) ER ist es, der zu den Verstorbenen selbst sagt: „Talita cum – Steh auf!“ (Mt 5,41; vgl. Joh 11,1-45) ER lässt die Worte aus Psalm 18 immer wieder Wirklichkeit werden: „Er führt mich hinaus ins Weite.“ (Vers 20) „Du schufst weiten Raum meinen Schritten“ (Vers 37). Jesus ist im Symbol des feinen Türbogens ins Bild gebracht. Durch ihn wird die Wahrnehmung positiv verändert, die Sicht auf das Kreuz wird im Symbol der Leiter wieder auf das Leben geweitet, denn er sagt: ICH sage dir: Steh auf! ICH führe dich ins Weite – in die Weite des Lebens!

 

Die Arbeit von Thomas Lauer ist bis zum 18. Oktober 2022 in der Ausstellung “Talita kum – steh auf!” Theodosius Akademie im Kloster Hegne am Bodensee ausgestellt.

Trinitarische Liebe

Drei leuchtende Kugeln bilden zusammen einen Dreipass, wie die verbundene Form von drei Kreisen im gotischen Maßwerk genannt wird. Die Form gleicht einem dreiblättrigen Kleeblatt. Die Konturen sind unscharf wie bei etwas, das ständig in Bewegung ist und deshalb nicht genau erfasst oder begriffen werden kann. Durch das innere Licht leuchtet der Dreipass in der nachtblauen Umgebung wie ein besonderer Stern.  Die feine Äderung erinnert an Bilder von im Mutterleib geborgenen Embryonen.

Die drei Einheiten formieren in der Weite des Universums eine unbegreifliche Erscheinung, eine geheimnisvolle trinitarische Vereinigung. In ihrer Einzigartigkeit sind sie schwer zu erfassen. Als Gestirn erscheinen sie uns in unerreichbar weiter Ferne. So können sie nur annähernd beschrieben oder sogar umschrieben werden. Die dunklere gelbe Außenseite lässt spüren, dass sie einander zugewandt sind, die Äderungen lassen vermuten, dass Leben in ihnen pulsiert, das fähig ist – wie bei der Zellteilung – unbegrenzt weitergegeben zu werden. Sie wirken wie eine atmende Gemeinschaft voller Energie und Bewegung, die in unaufhörlicher Beziehung Energie und damit auch Leben austauscht.

Die dreipassförmig vereinten Sonnen erinnern an Gott, der sich den Menschen trinitarisch als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart hat. Ein von menschlichen Erfahrungen geprägtes Bild für die Keimzelle einer von Leben erfüllten Gemeinschaft. Dagegen bietet das Bild eine mystisch-kosmische Vorstellung der Trinität. Die Vision vermittelt auf abstrakt-lebendige Weise das Wesen der Trinität. Der Perspektivenwechsel rückt Gott als den unvorstellbar Anderen zunächst in weite Ferne und man fragt sich, wie da eine Beziehung entstehen kann und wo der Platz des Menschen oder der Schöpfung ist.

Bei genauer Betrachtung fällt in der Mitte ein viertes Element auf. Es befindet sich im Kern der Gemeinschaft, an dem Ort der vollsten und ungeteilten Zuwendung und Aufmerksamkeit. Wie wäre es, wenn wir uns an dieser Stelle vorstellen, mitten im Herzen der trinitarischen Gemeinschaft? Hat Jesus uns nicht genau das vermittelt, dass Gott Vater uns so liebt, wie Er den Sohn liebt? (Joh 17,23) Gott liebt uns und die ganze Schöpfung so privilegiert innig wie ein Vater oder eine Mutter ihr Kind lieben. Wie im Bild umgibt uns Gott von allen Seiten, er ist bildlich wie eine Gebärmutter, die uns in grenzenloser Geborgenheit rundum beschützt und Leben schenkt. Was auch immer geschehen mag, uns kann nichts passieren. Wir können unmöglich aus Gottes Liebe und Fürsorge herausfallen (vgl. Röm 8,38-39).

Weil Gott uns derart liebt und seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen hat, dürfen wir etwas von dieser Liebe erwidern und sie allen Menschen und der ganzen Schöpfung zurückgeben. Wir sind berufen, nach dem Vorbild Gottes uns zu neuen lebensspendenden und -bewahrenden Einheiten zusammenzuschließen und wie Er alle Menschen und die ganze Schöpfung in unser Herz zu schließen (vgl. Röm 5,5; 1. Joh 4,19), sie zu unserem Herzensanliegen zu machen, ihnen – und nicht uns – unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, Liebe und dadurch Leben zu schenken.

Blick ins aller Heiligste

Feine Farbklänge verleihen dem Bild etwas Zärtliches, Geheimnisvolles und Kostbares. Schwebend atmen die einzelnen Elemente ineinander und bilden zusammen eine Lebensgemeinschaft, die alles Bekannte übersteigt.

Das weiße Oval mit seinem diffusen Rand schenkt diesem Organismus einen grenzenlosen und lichtvollen Lebensraum, der mit seiner Energie das erdig wirkende, ockerrote Umfeld strahlenförmig erleuchtet. Vom unteren Bildrand her durchquert ein rosafarbenes Kreuz das Oval in seiner Höhe und Breite. Wie ein Stempel prägt es die neue Gemeinschaft, wie ein Schlüssel öffnet es das Verständnis für das Wunder, dass es dieses Miteinander überhaupt gibt – sah doch bei der Kreuzigung alles nicht so rosig aus.

Das Kreuz lässt die Wandlung miterleben, die der an ihm Gekreuzigte durchlitten und durchlebt hat. Die quadratische rote Mitte erzählt mit ihrer farbig-formalen Symbolik von der irdischen Gewalt, dem vergossenen Blut, dem qualvollen Tod. Gewandelt bildet es die kraftvolle Mitte des neuen Lebensraumes, das schlagende Herz, das aller Heiligste. Das Viereck ist der irdische Schlussstein im Gewölbe der Ewigkeit, die verdichtete Gegenwart Gottes unendlicher Liebe in der menschlichen Geschichte. Es ist ein stiller Ruhepol, Halt für den Unsicheren, Orientierung dem Suchenden.

Intensiv, fröhlich und unbeschwert lebt das Kreuz aus seiner quadratisch-kraftvollen Mitte heraus. Die rosa Farbe mag einen verklärten Blick suggerieren, aber keinesfalls einen zu optimistischen oder unrealistischen Blick durch eine rosarote Brille. Sie ist vielmehr die Farbe der Liebe und der Zärtlichkeit, die Farbe des jungen, neuen Lebens, das – einem Fötus gleich – im Entstehen begriffen ist.

Im oberen Bereich der Aureole deuten zwei kleinere Ovale die Köpfe von zwei Menschen an. Ihre Körper lassen sich in den mit ihnen verbundenen Linien und Schattierungen erahnen. Links eine größere Gestalt, sitzend vielleicht, mit ausgebreiteten Armen, rechts eine kleinere Gestalt, der linken zugewandt. Sie lassen an einen Vater oder eine Mutter mit ihrem Kind denken. Beide sind einander zugeneigt und bilden im intensiven Austausch eine von Liebe getragene Einheit. Sie versinnbildlichen in abstrahiert menschlicher Form die Einheit der Zweiheit, die Versöhnung der Gegensätze, die Geborgenheit im Einen oder auch das Geheimnis der Trinität.

Im österlich erschlossenen Lebensraum kann so Gott-Vater gesehen werden, der seinen Sohn nach dem irdischen Leben und Sterben mit offenen Armen im ewigen Leben empfängt. In der kleineren Gestalt dürfen wir aber auch uns selbst als Kinder Gottes erkennen, die wir einst von Ihm ins Allerheiligste aufgenommen werden und sein göttliches Erbarmen, seine grenzenlose Liebe in unmittelbarer Nähe erfahren.

 

Dieses und weitere Kunstwerke von Anneli Schwager sind bis Ende 2022 in der Ausstellung “Für die Welt” in der Ev. Patmos-Gemeinde an der Gritznerstraße 18/20 in 12163 Berlin im Original zu sehen.
Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Ostermorgen – Zwischen Mythos und Logos

Suchend streift der Blick über das großformatige Bild und versucht einen Zusammenhang bzw. den roten Faden in der Fülle an Motiven zu finden. Noch herrscht wie vor der Erschaffung der Welt Chaos auf dem Bild. In dem scheinbar ungeordneten Durcheinander tut sich der suchende Geist schwer, das Ganze zu verstehen. Es ist nur ein schrittweises Herantasten möglich, bis nach und nach Erkenntnis und Verstehen geschenkt wird. Die Eindrücke sind überwältigend und schwer zu entschlüsseln. Innehalten ist angesagt vor dem Geschehen in dieser komplexen Bildwelt. Geschieht hier nicht etwas noch nie Dagewesenes, etwas, das alles Bekannte über den Haufen wirft und sich neu buchstabiert: Die Auferstehung von den Toten? Es ist ein Ringen um „Worte“, die Darstellung des Nicht-Darstellbaren. Es ist nicht die siegreiche Auferstehung wie im Isenheimer Altar von Matthias Grünewald oder das triumphale händelsche Halleluja. Es ist vielmehr ein verwundertes Sich-die-Augen-Reiben nach den erschütternden Ereignissen der Karwoche, eine Revolution im Verborgenen, wie der Totgeglaubte zwischen den Beinen des erblindeten Todes aus der Höhle heraustransportiert wird, mit den Füssen voraus in den Tag hineingetragen wird von einem Widder.

Die Bildmitte nimmt eine hohe, weiße Gestalt ein. Als unumstößliche Dreiecksfigur dominiert sie das Bild und teilt es in eine linke und eine rechte Hälfte, bzw. in drei Teile. Am einäugigen Riesen mit drei Armen ist kein Vorbeikommen. Seine Größe weist darauf hin, dass sich durch ihn alles entscheidet. Seine Gehrichtung gibt maßgeblich die ungewohnte Blick- und Leserichtung von rechts nach links vor. Hat der Künstler einen Weg zurück gemalt, einen Weg zurück ins Leben? Kann es sein, dass in den drei Bildteilen die Geschehnisse der drei österlichen Tage dargestellt sind? Karfreitag, Karsamstag und Ostern?

Beginnend im rechten Bildteil lässt sich der rote Hahn erkennen, der mit seinem Schrei Petrus seine dreimalige Verleugnung Jesu schmerzhaft zum Bewusstsein bringt. Die Frau daneben ist die Magd, die nach Jesu Verhaftung zu Petrus sagt: „Der war auch mit ihm zusammen.” (LK 22,56) Im grünen Gesicht unter dem Hahn ist Petrus selbst als gebrochene Säule dargestellt. In der ganzen Bestürzung über seinen Verrat wird ihm bewusst, dass seine Kraft nicht ausreicht, um das Gebäude zusammenzuhalten. Gleichsam stellvertretend schreit der rote Kopf seinen Schmerz hinaus (Bild-Impuls dazu). In der Zusammenschau steht dieses rechte Drittel des Bildes somit für den Verfall, den Verrat, für das ganze Leiden der Kreatur, für die Welt des Todes.

Aber im Zentrum des rechten Drittels dominiert ein großes grünes Gesicht das Bild. Es ist das Antlitz des Menschensohnes, der im Grab liegt. Erstaunlich sind seine großen offenen Augen und sein unter dem Widder langgesteckter Körper. Erich Schickling verbindet seine Gestalt mit einer Erzählung aus der griechischen Mythologie: Odysseus hatte mit zwölf seiner Gefährten in der Höhle des Zyklopen Polyphem Zuflucht gesucht. Doch nachdem dieser seine Schafe hineingetrieben hatte, verschloss er die Höhle mit einem großen Stein und begann einen Gefährten nach dem anderen zu fressen. So wurde er zum Inbild des Ungeheuers und des Todes. Um Polyphem zu entkommen, griff Odysseus zu einer List, wodurch es ihm gelang, diesen mit einem glühenden Pfeil in sein einziges Auge derart zu blenden, dass Odysseus und seine restlichen Gefährten am nächsten Morgen, als die Tiere hinausgetrieben wurden – sich am Bauch der Schafe festklammernd – ungesehen aus der Höhle des Todes entkommen konnten.

Bei Schickling ist es ein männliches Tier, welches die große, fast das ganze Bildformat querende, brettartig versteifte Gestalt unten am Riesen vorbei auf die andere Seite trägt. Ein Bild für Gott-Vater, an dem sich Jesus festklammert und von dem er aus dem Reich des Todes gerettet wird? Oder eine Erinnerung an Isaak, den einzigen Sohn Abrahams, der durch Gottes Eingreifen vom Tode verschont blieb und an dessen Stelle ein Widder geopfert wurde (Gen 22,1-19)? Gleichzeitig wird Jesus vom blauen Wasser des Lebens aus der Dunkelheit ins Licht gespült und auf der anderen Seite von den ersten Strahlen des Ostermorgens ans Licht gezogen. Alles geschieht im Verborgenen und endet offenbart. Es ist nicht der Kopf als Sitz des Verstandes, der dieses Wunder zuerst begreift. Mit den Füßen voran wird die Welt des Todes überwunden. Sie werden schon vom lichten Glanz der Ostersonne überstrahlt, welche mit ihrer Intensität die linke Bildseite dominiert.

Die Ostersonne als Symbol für den Morgen, die Auferstehung und das Offenbarte korrespondiert mit einem dunklen, geheimnisvollen Rund darüber. Es könnte als Symbol für die uns unbekannte Seite Gottes stehen, für die Nacht, den Traum, den verborgenen Gott, von dem wir nichts wissen. Dennoch ist dieses Rund nicht vollkommen dunkel und schwarz, sondern in seinem Innern rot, blau und grün belebt, den Symbolfarben für seine Liebe, Treue und die Hoffnung. Für den Künstler mag diese geheimnisvolle Dunkelheit auch für den Traum als Ursprung der Kreativität gestanden haben, denn als drittes Symbol des Ostermorgens springt aus dieser Dunkelheit rechts daneben ein geflügeltes Pferd vom Himmel und fordert Polyphem zum Kampf heraus. „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab als harter Krieger mitten in das Land des Verderbens.“ (Weish 18,14-15) Das springende Ross ist das göttliche Wort, der Logos. Polyphem wehrt es ab, wird dadurch aber von seiner Suche nach Odysseus abgelenkt.

Mit seinem Ostermorgen formuliert Erich Schickling einen Gegenentwurf und eine Antwort auf Picassos berühmtes Monumentalbild „Guernica“, das er in Erinnerung an den Terrorangriff des 26. April 1937 auf die spanische Stadt Guernica malte und in dem sich das durch Gewalt, Terror und Krieg verursachte Leid im vielfachen Aufschrei von Schmerz, Verzweiflung, Not und Tod verdichtet. Schickling verwendete den gleichen Bildaufbau und ähnliche Bildelemente, so dass in einer Fülle von Details ein direkter Bezug gegeben ist und eine bildliche Antwort auf die Frage: Gibt es etwas, worauf man hoffen darf angesichts von Leid und Tod?

Doch während bei Picasso der Aufschrei der vielen unerhört verhallt, die Gewalt und das himmelschreiende Unrecht das letzte Wort haben und – bis auf die zarte Blume als Symbol für die Regeneration der Natur – alles trost- und hoffnungslos ist, lebt Erich Schicklings Bild vom Glauben und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. In Jesu Schrei hört Gott das verdichtete Leiden eines jeden Menschen und der ganzen Menschheit. Als Gottesknecht und „-krieger“ ist Jesus für alle gestorben. Durch Jesu Auferweckung von den Toten hat er den Tod besiegt und alle Menschen, die daran glauben, aus dessen Gefangenschaft befreit. Das Licht der aufgehenden Sonne und die Kraft des herabspringenden Pferdes, des Wortes, erfüllen die ganze Schöpfung mit Hoffnung und Leben. Das weiße Licht verwandelt selbst die furchteinflößende Gestalt des Polyphem, den Angst verbreitenden Tod in einen Diener Gottes (vgl. 1. Kor 15,55).

Gott hat das letzte Wort. Darauf weisen auch die Omega-Zeichen auf dem Widder hin: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.“ (Offb 1,8)

Lebens(g)rund

Blau – Blau machen
Freiheit genießen
auf dem Boden liegend
in den Himmel schauen
ins Blaue!

Von der Enge des Alltags
hinauf in die Weite
durch einen Astkreis
den Blick fokussieren
Gott wahrnehmen, nicht sehen

Der Astkreis schwebt
wie eine Lebenskrone über mir
oder wie ein Fenster in die Ewigkeit
gewachsen, geflochten
gehalten von meinen Begrenzungen

Eine Momentaufnahme?
Wahrnehmung eines Augenblicks?
Oder ist es immer da?
Und ich sehe es nicht?
Das Lebensrad?

Was alles rund läuft in meinem Leben?
Was still und leise treibt
mich bewegt, aufbricht
sprießt und letztlich blüht?
Lebensfülle um die leere Mitte?

Lebensrad
in Bewegung sein
das Leben spüren
seine Veränderung erleben
unsichtbar gehalten und bewegt

Er ist da – und mein Halt
weiten Raum schaffend
Gestaltungsfreiraum gebend
luftige Kraftquelle
Lebensfülle – Atem

Lebensrund, Lebensgrund
zeit-leben-s aus Gott heraus
und auf Ihn hin wachsend als
sichtbare Gestalt des Unsichtbaren
vergängliche Schönheit des Ewigen

 

Bis zum 17. April 2022 sind in der Kirche St. Bonifatius Emmendingen von Carola Faller-Barris eine Kunstinstallation zur Fastenzeit 2022 mit zwei ihrer Kunstwerke zu sehen. Meine Gedanken zu den beiden Kunstwerken können Sie hier lesen: Voll-Kommen und Grace.

Der Schrei

Auf einer kleinen Anhöhe streckt sich in weißes Licht getaucht der gekreuzigte Schmerzensmann nach oben zum Schrei. Man meint die Worte aus dem Psalm 130 (1-2,5) zu hören: „Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir: Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade. … Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“

Der expressive Bildaufbau führt zu diesem Schrei in der oberen Bildmitte und konzentriert sich in ihm. Von rechts unten führen – die Oberkanten der blauen und grünen Elemente verlängernd und verbindend – Linien im Zickzack treppenartig nach oben. Ähnlich laufen die Verlängerungen der Seitenkanten der blauen und grünen Elemente von unten kommend im Kopfbereich zusammen und kreuzen sich dort.  Auf diese Weise erreicht die ganze Schöpfung mit allem Leben, Leid und allen Schmerzen in diesem gewaltigen Schrei einen einzigartigen Höhepunkt. Die flammend rote Farbe intensiviert den Schrei zum gequälten Aufschrei eines Gefolterten, eines ungerechterweise Höllenqualen Erleidenden, der die Schuld der ganzen Welt auf sich nimmt.

Als Antwort auf diese himmelschreiende Ungeheuerlichkeit finden sich im Bild drei Reaktionen: Rechts oben zeigt sich der Kopf einer Person, die schweigend im Beobachterstatus verharrt. Das rundliche Gesicht könnte auch der verdunkelten Sonne oder Gott Vater gehören, der in sich gekehrt seinem Sohn beisteht, aber nicht in das Leiden eingreift. Im gleichen Weiß wie bei der gezackten zentralen Form schreit links ein Pfau mit dem Gekreuzigten und verstärkt den Schrei von Seiten der Tierwelt. Unter dem Kreuz, es gleichsam mit ihrem Leib umfassend – denn Knie und Ellbogen berühren sich fast – findet sich kniend eine junge Frau, die in ihren Händen ein Tuch mit dem Abdruck eines traurig blickenden Gesichtes hält. Dem Tuch nach wäre die Frau Veronika, in der Tradition wird aber Maria Magdalena weinend unter dem Kreuz dargestellt. Wie auch immer verkörpert die Frau die zutiefst Betroffene, Trauernde, Mitleidende.

Mehrere Bildelemente weisen symbolhaft über den Schrei der Verlassenheit und die letzte Verlautbarung (vgl. Mk 15,34.37) des Gekreuzigten hinaus: Das maskenhaft wiedergegebene Gesicht auf dem Tuch verweist auf die Doppelnatur der Person Jesu („Person” stammt vom lateinischen „personare“, dem „Hindurchtönen“ der Schauspielerstimme durch die Maske, die seine Rolle charakterisiert). In der menschlichen Gestalt Jesu leidet der Sohn Gottes und in diesem Leiden und Sterben leiden und sterben auch die anderen beiden Personen der Dreifaltigkeit, die untrennbar mit ihm verbunden sind. So kann am linken oberen Bildrand in der verkrampften Hand auch ein zur Mitte gewandtes gefiedertes Wesen – eine Taube –  als Symbol für den Heiligen Geist und auf der anderen Seite das Sonnengesicht als Symbol für Gott-Vater gesehen werden. Jesus leidet in dieser Sichtweise inmitten der Dreifaltigkeit und sein Schrei ertönt im Anblick und Angesicht seines Vaters. Die Palmen und Pflanzenelemente erinnern nicht nur an den Einzug in Jerusalem, sondern deuten auch den bevorstehenden Einzug in das himmlische Paradies, ins himmlische  Jerusalem an (vgl. Lk 23,43). Erich Schickling hat die Kreuzigung zudem in eine Mandelform gemalt (zu sehen sind die „Klammern“ der Mandorla), um die Bedeutung des Kreuzestodes als Übergang und „Geburt“ in diese neue, göttliche Welt zu offenbaren, in der Gott „alle Tränen von ihren Augen abwischen wird: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,4)

So trägt der stumme Schrei Jesu stellvertretend das Leid der Welt weiter durch das Bild und über das Bild hinaus in die Ohren Gottes: im Rot die hilflose Wut, all das vergossene Blut, das verlorene Leben, die geopferte Liebe. Im Grün die fragmentierte, zerbrochene Hoffnung, die gegen alle Hoffnung hofft. Im Dunkelblau am Fuße des Kreuzes die Treue der Liebenden, der Glaube, dass nichts verloren geht und die Liebe über den Tod hinaus Früchte trägt (vgl. 1Kor 13,13). Und im Weiß des Gekreuzigten und des Pfaus als Sinnbild des Himmels darf bereits das Licht der Auferstehung aufleuchten. Denn kein Schrei verhallt unerhört in Gottes Ohren, denn „beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle“. (Ps 130,7)

 

Im Pfarrhof Gempfing sind in Verbindung mit der Stadtpfarrkirche St. Johannes Rain am Lech anlässlich des 10. Todestages des Künstlers Hinterglasbilder, Temperabilder, Kreuzwege, Entwürfe zu Glasfenstern ausgestellt. Vernissage ist am Sonntag, 13. März 2022 um 16 Uhr. Anmeldung bitte unter 09090-1346. Danach jeden Sonntag bis Ostermontag (außer Ostersonntag) von 14-17 Uhr geöffnet.

Geheimnis des Glaubens

Die Zusammenschau der drei quadratischen Bilder lässt durch Ihre Heterogenität eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten zu. Denn das Grau der Steine und des Wasserglases oder das runde Element in jedem Bild vermögen Verbindungen zu schaffen und den “Trialog” zu beleben. Auf verschiedenen Ebenen entstehen Bezüge, die immer wieder um eine Dreiheit kreisen:

Allen drei Bildern geht es um Ausdehnung und um Irritation. Die Ausdehnung erfolgt um eine runde Mitte herum (auch beim Glas hat die nicht sichtbare Öffnung des Glases in etwa den gleichen Durchmesser wie die beiden zentralen Steine). Die verwendeten Primärfarben Gelb, Rot und Blau bilden die Basis für den ganzen Farbenkosmos. Von links oben bis zum unteren Bild ist zudem eine Steigerung zu beobachten. Während die goldgelben Samen, die auch Wachstum beinhalten, noch geschlossen daliegen, scheint die rote Farbe im zweiten Bild wie Feuer oder vergossenes Blut unter dem dunklen Stein hervorzuspritzen, um dann ganz rechts explosionsartig alles zu sprengen und jede feste Form hinter sich zu lassen bzw. in Seifenblasen eine temporäre Form einzunehmen. Letztere stehen im Gegensatz zu den Versteinerungen in den anderen beiden Bildern, die Überzeitliches versinnbildlichen.

Die Bildtitel zu den in einem trompe-d’oeil-haften Realismus gemalten Arbeiten legen einen Zusammenhang mit alchemistischem Denken nahe. Splendor solis lässt an das gleichnamige illustrierte alchemistische Manuskript aus dem 15. Jahrhundert denken, in dem es um die Herstellung und Wirkungsweise des Steines der Weisen geht. Mit Mercurius wird Quecksilber (keckes oder lebendiges Silber) bezeichnet, von dem angenommen wurde, dass es den flüssigen und festen Zustand überschreitet. Ob es sich bei dem Triptychon um eine Darstellung der Tria Prima der Alchemie handelt? In der Tria Prima beschreibt Paracelsus das Gesetz des Dreiecks: zwei Komponenten kommen zusammen, um eine dritte zu erzeugen. Grundlage sind bei ihm Schwefel, Salz und Merkur. Schwefel ist die Flüssigkeit, die das Hohe und das Niedrige verbindet. Salz gilt als Grundstoff, Merkur ist der allgegenwärtige Geist des Lebens.

Doch anstatt von Schwefel liegen Weizenkörner auf dem runden Stein, anstelle von Salz spritzt Blut über die quadratische Platte und statt Quecksilber schießt blasenbildendes Wasser in die Höhe. Diese Beobachtung und auch der zweite Bildtitel Salz der Erde, der in engem Bezug zu Jesus steht, sorgen für Irritation. Sind hier alchemistische Symbole weiterentwickelt worden und mit neuen Bedeutungen verbunden worden? Dann wäre eine christliche Interpretation der vielleicht unorthodoxen Darstellung von etwas Bekanntem gar nicht so abwegig. Vorzugsweise setzen wir unsere Betrachtung rechts oben fort.

Der viereckige Stein ist ein Symbol für die Erde. Mit Salz der Erde werden die Worte aus der Bergpredigt (Mt 5,13) angesprochen, mit denen Jesus auf die unabdingbare, verantwortungsvolle Aufgabe der Jünger in der Welt hinweist, Gutes zu bewirken, sich für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzusetzen – Licht der Welt zu sein. Jesus hat sein Leben bis in den Tod hinein dafür hingeben. Er ist DAS Salz der Erde, der mit seinem Leben und seinem Blut zur Vergebung des Unrechts an den Menschen neue Maßstäbe gesetzt hat. So kann das mittlere Bild als eine Art Kreuzigung gesehen werden: Gottes Sohn, erschlagen durch unsere Sünden. Sein Blut ist das Salz der Erde, das bewirken sollte, dass solches Unrecht nicht weiter geschieht. Er ist der Stein der Weisen, der in uns diesen Sinneswandel vollbringt und einen menschlichen Goldstandard etabliert wie es keine alchemistischen Wunder zustande bringen. Blut und Wein verweisen auf die Einsetzungsworte beim Abendmahl: „Trinkt alle daraus, das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,27f). Der perfekt runde Stein in der Mitte mag die göttliche Natur Jesu andeuten, die Zweiteilung mit der roten Farbe, dass er mit seinem Blut die gespaltene Erde/Materie versöhnt.

Der runde Stein – ohne Anfang und Ende – ist Symbol für die Unendlichkeit und für Gott. Mit seinen Versteinerungen ist er ein Urgestein. Die Weizenkörner sind im Licht und der Wärme der Sonne (Spendor solis = Pracht der Sonne/Sonnenglanz) gereift und als Goldkörner dargestellt. Mit dem Stein in der Mitte wird ihre nächste Wandlung zu Mehl angedeutet, aus dem dann Brot und andere Lebensmittel gemacht werden können. Entsprechend kann hier eine Allegorie Gott Vaters gesehen werden, der der Sonne ihre Pracht verliehen hat und uns das tägliche Brot schenkt.

Auf dem unteren Blatt wird alles Bisherige gesprengt und in eine neue Daseinsform überführt, der etwas für uns Menschen Unfassbares anhaftet. Das versteinerte Wasserglas birst und das Wasser sucht sich nicht den bekannten Weg der Schwerkraft, sondern breitet sich überraschenderweise wie eine in die Freiheit entlassene Materie nach oben aus, die dabei noch fröhliche Luftblasen bildet. Merkur bzw. Hermes war in der griechischen Mythologie der geflügelte Götterbote, der Überbringer von Botschaften. Im christlichen Glauben wird die unsichtbare göttliche Kraft dem Heiligen Geist zugeordnet, der kreativ in der ganzen Schöpfung am Wirken ist: unsichtbar, geheimnisvoll, wunderbar, lebendig.

So liegt die Vermutung nahe, dass Manfred Scharpf in diesem Triptychon über die alchemistische Tria prima hinaus die grundlegende und alles umfassende „Tria prima“ des christlichen Glaubens allegorisch gemalt hat: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Oder anders betrachtet: Das mystische Geheimnis der beiden Hauptsakramente Taufe und Abendmahl (Brot und Wein).

Gewagter Blick

Eine in ein blaues Tuch gewickelte Frau steht im Dialog mit dem Licht hinter einem raumteilenden Vorhang. Sie hat ihn ein wenig zur Seite geschoben, so dass sie unentwegt das blendend weiße Licht schauen kann. Dieses scheint auf der linken Seite so stark, dass es den Vorhang durchdringt und diesen gleichsam entmaterialisiert. Vom energiegeladenen Lichtereignis führt die Bewegung im Bild über den ausgestreckten Arm und die Falten des blauen Wickeltuches in die dunklere Ecke rechts unten, in der sich hinter der Ferse der Frau – die Wellenlinien ihrer Körperkontur aufnehmend  – eine Schlange windet. So gibt es im Gemälde ein dunkleres Diesseits, von dem aus die junge Frau den Blick wie von einer Bühne in ein unbeschreibliches Jenseits wagt.

„Maria“ nennt die Künstlerin das Bild, das die Frau „voll der Gnaden“ ganz anders als gewohnt und doch sehr treffend darstellt. Anders ist der moderne Kontext, in dem sie zwischen Licht und Schatten steht, dem „lichten“ Ruf folgend sich Gott zuwendet und dem Bösen und der Versuchung (in Gestalt der Schlange) widersagt. Treffend ist sie in ihrer Mittlerposition zwischen Gott und der Welt wiedergegeben. Es bleibt offen, im Bild die „Verkündigung an Maria“ zu sehen, die beispielhafte „Nachfolge Mariens“, eine Andeutung der „Himmelfahrt Mariens“ oder auch den „Apokalyptischen Kampf“.

Verkündigung
In traditionellen Darstellungen wird Maria vom Engel „heimgesucht“ – oder auch: „daheim besucht?“ Die Initiative liegt beim von Gott gesandten Engel, Maria verhält sich passiv bejahend (vgl. Lk 1,28-38). Hier scheint es so, als würde Maria aktiv einem Impuls der Neugier folgen, indem sie vorsichtig den Vorhang öffnet, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt, während der Engel nicht personifiziert dargestellt ist. Wer könnte dem wehren, da Maria mit so großer Zartheit und Unschuld wie beiläufig den Vorhang beiseiteschiebt, nicht ahnend, dass sie damit eine Grenze überschreitet, die über ihren Daseinsbereich hinausgeht: Die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, Immanenz und Transzendenz, endlichem Raum und Zeitlosigkeit. So wird mit dem geöffneten Vorhang gleichzeitig eine höhere, heilsgeschichtliche Ebene angedeutet: Die bisher absolut geltende Grenze zwischen Gott und Mensch – für die auch der Vorhang stand, der in der Stiftshütte das Volk Israel vom Allerheiligsten trennte – wurde mit der Menschwerdung Gottes geöffnet.

Nachfolge
Durch das über ihrem rechten Arm hängende halbtransparente Tuch wird die Schwangerschaft Marias angedeutet. So kann sie als Gott schauende Christusträgerin gesehen werden. Sie erkennt in Jesus Gottes Sohn und sein Licht und folgt ihm daraufhin ihr Leben lang. So steht das Bild für die radikale Veränderung ihres Lebens, aus der eine lebenslange Haltung und Orientierung resultiert: Vorbildlich das Licht und damit das Gute im Blick zu behalten und das Leben aus dieser Grundhaltung heraus zu gestalten.

Aufnahme in den Himmel
Ihr gewagter Blick ermöglicht eine Vorschau dessen, was sie am Ende ihrer Tage erwarten wird: Vom Licht, das sie in sich aufgenommen und getragen hat und dem sie durch alle Höhen und Tiefen hindurch treu gefolgt ist, aus dem Tod erhoben, umarmt und in Ewigkeit gehalten zu werden.

Machtkampf
Ebenso finden sich Hinweise auf die schwangere Frau auf den Wolken, deren Kind vom Drachen bedroht wird (Offb 12,1-6). Der neutrale Boden wirkt durch die Schattierungen und Lichtreflexe wie ein Wolkenmeer über einer Wüstenlandschaft, es kleidet sie zwar kein Sonnenlicht, doch das starke Licht ist da und der Drache wird durch die Schlange symbolisiert. Es ist ein stiller Machtkampf zwischen Gut und Böse dargestellt, zwischen den Mächten des Himmels und der Erde, bei dem ganz klar das Licht gewinnt und die Schlange davonziehen muss. Vorbildlich hat Maria dem Reptil den Rücken zugewendet und ihre Augen zum Herrn erhoben, um ihn unentwegt zu schauen und ihr Heil von ihm zu erwarten (vgl. Ps 123).

Dieser gewagte und doch zuversichtliche Blick Mariens erhält durch den fast bildfüllenden Vorhang eine weitere Bedeutung. Während die rechte Hälfte von seiner braungrauen Farbigkeit her undurchdringlich erscheint, erstrahlt die linken Hälfte in einer zarten Farbigkeit von blauem und rotem Purpur und Karmesin und vermag dadurch auf den Vorhang im Offenbarungszelt (= Stiftshütte) zu verweisen, der das Heiligste vom Allerheiligsten mit der Bundeslade trennte (vgl. Ex 26,31ff; Ex 36,35), zu dem nur Aaron und seine Söhne Zugang hatten. Allen anderen war bei Todesstrafe der Zutritt verwehrt. Wie revolutionär mutet es nun an, wenn mit Maria eine Frau – der inneren Berufung folgend – es wagt, den Vorhang im „Tabernakel“ (lat. tabernaculum = Zelt, Hütte) mit sanfter Hand zur Seite zu schieben, um im Licht Gottes Herrlichkeit zu schauen und diese gleichsam über den Blick bejahend in sich aufzunehmen? Dadurch, dass die Künstlerin Maria ihre eigene Gestalt und eigenen Gesichtszüge gab, hat sie eine Brücke zur Gegenwart geschaffen und verstärkt die Einladung zur Nachahmung. Wir sollen wie sie die Erfahrung des Psalmisten erleben: „Meine Augen schauen stets auf den Herrn; denn er befreit meine Füße aus dem Netz.“ (Ps 25,15) Wir sollen wie sie erfahren: „Wenn wir offen sind für die Wirklichkeit Gottes, kann sich alles verändern.“ (Kardinal Marx)

Erstaunlicherweise zeigt sich Maria weder vom Licht geblendet noch erschrocken. Sie ist für die Begegnung mit Gott auch nicht besonders gekleidet. Barfuß und im übergeworfenen Umhang sieht es mehr danach aus, als sei sie eben aufgestanden, weil sie ein Klopfen oder Rufen gehört hat und nun mit dem Gewicht auf ein Bein verlagert gerade einen Blick nach draußen wagt, um den Rufer ausfindig zu machen. Maria geht einem Weckruf nach, Gottes Weckruf an uns. Alltäglich ruft Er uns aufzustehen, Ihn zu schauen, in Seinem Licht zu erkennen, was im Hier und Jetzt notwendig ist, und es mutig zu tun.

Beflügelndes Miteinander

Leben ist diesem vermutlich intuitiv entstandenen Bild eingeschrieben. Leben ohne Vorgabe, ungebundenes, freies Leben! Lebendigkeit, die sich in der spielerischen Entfaltung von Strichformen und Farbakzenten, in der freien Bewegung und dem geselligen Miteinander äußert.

Das helle und fröhliche Bild kann auf ganz unterschiedliche Weise betrachtet werden. Nachfolgende Zugänge können eröffnende Impulse sein.

Welcher Strich, welches Lebenszeichen, mag wohl der erste auf der Leinwand gewesen sein? Wo fand ein zweiter Strich seinen Platz, als Ausgleich und Partner zum ersten? Welcher Strich ergänzte dieses Paar zu einem Trio bzw. zu einer Familie? Auf welche Weise verdichteten sich die Striche bis nach und nach das komplexe Gefüge einer (Farb- und auch Lebens-) Gemeinschaft entstand? Welche Striche sind bei der Entstehung der Komposition übermalt worden und haben dabei die Farbe gewechselt?

Die vielen Pinselstriche verunmöglichen wie bei einem Schneegestöber einen Blick in die Tiefe. Während vorne die starken Farben wirken, verwirbeln die schwächeren nach hinten. Die unterschiedliche Intensität ermöglicht umgekehrt ein Auftauchen oder Erscheinen der Farben, indem die Pinselstriche mit zunehmender Farbigkeit in den Vordergrund rücken und über den anderen Strichen zu schweben scheinen.

Diese lebensfrohe Komposition durchziehen fast unmerklich Bewegungen, die durch farb- und formbedingte Verdichtungen entstanden sind. Sie äußern sich in vielfältigen Bezügen, Farbintensivierungen, Aneinanderreihungen, Gruppenbildungen. So bilden zwei „Linien“ – ausgehend von den unteren Ecken – über der Bildkante eine in das Bild hineinführende Dreiecksform. Darüber, leicht nach rechts verschoben, eine Ansammlung von gelb-orangen und violetten Strichen, die eine Kreisform ohne feste Mitte bilden. Zudem schwingt ein großer Bogen von der rechten unteren Ecke links um die Kreisform herum zur rechten oberen Ecke hoch. Nicht zuletzt finden sich in der linken oberen Ecke gelb-orange Striche dicht beieinander. Einen Akzent bildet der vielfarbig schräg angelegte blau-weiße Strich in der oberen Mitte. Er wirkt in seiner Umgebung von gelben und weißen Strichen wie ein Ruhepol im Fluss der Farben, wie ein „Aufhänger“ oder Anker bei gedanklicher Unruhe. Ein spiegelbildliches Gegenüber oder „Dialogpartner” findet er in der gelbrot übermalten dunkelblauen Spitze des Dreiecks unten.

Es ist ein Tanz der Farben auf der Leinwand, bei dem jeder Strich voller Kraft und Dynamik für sich selbst stehen könnte und ein eigenes Kunstwerk bildet. In schier endloser Kombination steht jeder farbige Pinselstrich mit den anderen im Dialog und zusammen entwickeln sie eine Dynamik, die im Miteinander über sich selbst hinauswächst: beflügelnd, begeisternd, beseelend, bestärkend, belebend, bewegend. Durchdrungen und getragen von Dem, der das Leben selbst ist und es mit Seiner Liebe erfüllt.

In dem Sinne könnte das Gemälde ein Sinnbild einer Gesellschaft sein, die aus Individuen, wechselnden Gruppen und deren Interaktionen besteht. Einer Gesellschaft, in der durch die Liebe erbauende und einende Kräfte wirken, welche die vielen auseinanderstrebenden Gruppen zu einer Gemeinschaft verbinden. Ganz wie der Apostel Paulus Gläubige in Kolossai ermahnt: „Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!“ (Kol 3,14-15) Wer so lebt, wird – wie jeder Pinselstrich im Bild – Spuren voller Leidenschaft, spontaner Lebenszeichen, tiefgründiger Freude hinterlassen, die das Miteinander beflügeln.

Herzensarbeit

Wie eine kosmische Wolke schweben und leuchten die vielen stilisierten Sterne vor dem nachtschwarzen Hintergrund. Jeder Stern ist aus sechs sich kreuzenden Strichen zusammengesetzt. Ihre Farbigkeit erinnert an eine bunte Blumenwiese oder an ein sich immer wieder neu entfaltendes Feuerwerk. Unterschiedliche Größen formen Gruppen und vermitteln ein natürliches Wachstum und einen lebendigen Dialog zwischen den einzelnen Sternen und Sternhaufen. Ein Dutzend weißer Sterne umgibt den Verband wie vorgelagerte Außenposten. Der „Blumenteppich“ leuchtet durch seine starke Farbigkeit von innen heraus, die dunkleren und dahinterliegenden Sterne verleihen dem Gebilde eine kosmische Tiefe und lassen eine starke Lichtquelle hinter dem Betrachter vermuten.

Das Bild ist über einen längeren Zeitraum entstanden. Jeden Tag hat der Künstler in einer anderen Farbe einen Stern gemalt oder eine Blume sich entfalten lassen. So haben sich über die Wochen und Monate viel Zeit und Aufmerksamkeit in diesem Bild versammelt und jedem einzelnen Stern in dem Gesamt einen einzigartigen und leuchtenden Platz gegeben.

Das Sternenmeer oder der „fliegende Blumenteppich“ lassen mich an den bekannten Pfadfinderspruch denken: „Jeden Tag eine gute Tat!“ Denn durch jede gute Tat, durch alles, was man tut, um anderen eine Freude zu machen, geht gewissermaßen ein Stern oder eine Blume auf. Jede gute Tat verändert  positiv das Leben des Beschenkten – und auch des Schenkenden selbst. Gutes Tun erfüllt den Tag mit Sinn und Zufriedenheit, weil das Leben wertgeschätzt und gefördert wird.

Jesus lebte uns beispielhaft vor, auf wie vielfältige Weise man Gutes tun kann. Seine Worte waren und bleiben Worte der Wahrheit und des Heils. Er holte Verstoßene und Ausgegrenzte in die Gemeinschaft zurück und gab ihnen neue Chancen. Er war barmherzig, wenn Menschen ihre Verfehlungen erkannten und um Vergebung baten. Er lebte in Armut und anspruchslos ganz aus der Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Die guten Worte und Werke Jesu leuchten wie Sterne in der Nacht, sie sind für jeden, dem sie zugutegekommen, eine bleibende Wohltat und Freude, ein ewiges Heil.

Paulus ermutigt die Gläubigen in Galatien (Gal 6,10): „Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun“ und die Gemeinde in Thessaloniki (2 Thess 3,13): „Ihr aber, Brüder und Schwestern, werdet nicht müde, Gutes zu tun!“ Seine Worte tönen bis in unsere Zeit, wo sie auch von weltlichen Seelenführern aufgenommen werden, weil das Gute-Tun einen wesentlichen Einfluss auf das Glück aller und auch das Seelenheil des Schenkenden hat.

So leuchten auch unsere guten Gedanken, Worte und Werke wie Sterne im Leben unserer Mitmenschen. Insbesondere wenn es ihnen nicht gut geht, ist das an sie herangetragene Gute in ihrer Dunkelheit ein Lichtblick der Hoffnung, in ihrer Ratlosigkeit haltgebende Orientierung, in ihrer Krankheit oder Einsamkeit eine heilsame Umarmung, in der Armut und Not eine wertvolle Zuwendung.  In unserem Leben brauchen wir das Gute so notwendig wie die Luft zum Atmen. Ist es da verkehrt, in dem Sternenensemble auch ein Herz, mehrere Herzen oder zwei Lungenflügel zu sehen, die das Gute ein- und ausatmen – immer und immer wieder – und es zum Leuchten bringen?

Geisteskraft

Eine eruptive Stichflamme bestimmt dieses Bild. Sie bricht aus dem dunklen kantigen Teil des Bildes hervor und gestaltet lebendig die Bildmitte. Sie ist der helle Mittelpunkt im dunkleren Umfeld. Sie ist das Licht in der Nacht, die unbändige Kraft in der lähmenden Kälte der Erstarrung.

Der abstrakte Aufbau des Bildes lässt keine zeitliche oder örtliche Zuordnung des Geschehens zu. Einzigartig und gleichzeitig unendlich steht es im Raum des sich stetig erneuernden Geschaffenen.

Es ist eine Urkraft zu spüren, die wie bei einem Vulkanausbruch aus der Tiefe kommend gewaltige Massen zu bewegen und zu verändern vermag. Mit den warmen Gelb- und Rottönen wird eine kraftvolle Energie angedeutet, das verdeckte Licht lässt ahnen, dass sie im Verborgenen agiert und der große Widerschein verweist auf ihre übergroße Wirkung.

Das Bild erinnert an Auferstehungsbilder, in denen sich Christus in hellem Glanz aus dem Grab erhebt. Vielleicht soll in dieser Assoziation aufleuchten, dass Jesus nach der Auferweckung von den Toten seinen Jüngern den „Heiligen Geist“ geschenkt hat (Joh 20,22), und „die Verheißung“ seines Vaters in Erinnerung rufen, dass „die Kraft aus der Höhe“ sie erfüllen wird (Lk 24,49). Schemenhaft und subjektiv meint man eine formatfüllende rundliche Form zu erkennen, die oben links eine Doppelung aufweist. Ob in diesen beiden “Köpfen” Vater und Sohn gesehen werden dürfen, die uns aus ihrer göttlichen Einheit heraus ihren Geist senden, damit wir mit ihnen eins werden? – So gesehen erscheint das Bild wie eine moderne Dreifaltigkeitsdarstellung!

Gleichzeitig darf das Licht in der Bildmitte mystisch spirituell auf uns gedeutet werden:  Der Heilige Geist ist ein Geschenk Gottes an alle Menschen, um aus einer intensiven Verbindung mit Gott unsere Beziehungen zu Ihm, den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung zu gestalten. So ist es der Heilige Geist, der in dieser Verbundenheit in unseren Geistesblitzen aufleuchtet und der überall wirkt, wo wir geistesgegenwärtig seinen Impulsen folgend handeln. Der Heilige Geist stärkt unsere Begabungen, er brennt in unserer Leidenschaft und befeuert unser Engagement für das Gute.

Wie das Magma im Innern der Erde glüht der Heilige Geist in uns. Wir sind wie Vulkane, durch die seine erneuernde Lebenskraft fruchtbar in unsere Lebenswelten einfließen will. Das geschieht die meiste Zeit still und unbemerkt, doch es gibt auch gewaltige Ausbrüche und Manifestationen, bei denen große Veränderungen und Wandlungen bewirkt werden. Die schöpferische und erneuernde Kraft des Heiligen Geistes wird oft unterschätzt. Sie vermag Welten zu bewegen und in einem stetigen Prozess zu erneuern. Die gleiche Kraft Gottes ist in uns aktiv, belebt und erneuert uns unablässig. Sie ermutigt, stärkt, tröstet und fördert unseren Geist und unsere Kräfte in einem uns angemessenen Maß. Zum einen durch den Glauben, dann durch die Hoffnung, vor allem aber durch die Liebe.

 

1. Der Geist des Herrn erfüllt das All
mit Sturm und Feuersgluten;
er krönt mit Jubel Berg und Tal,
er lässt die Wasser fluten.
Ganz überströmt von Glanz und Licht,
erhebt die Schöpfung ihr Gesicht,
frohlockend: Halleluja.

2. Der Geist des Herrn erweckt den Geist
in Sehern und Propheten,
der das Erbarmen Gottes weist
und Heil in tiefsten Nöten.
Seht, aus der Nacht Verheißung blüht;
die Hoffnung hebt sich wie ein Lied
und jubelt: Halleluja.

3. Der Geist des Herrn treibt Gottes Sohn,
die Erde zu erlösen;
er stirbt, erhöht am Kreuzesthron,
und bricht die Macht des Bösen.
Als Sieger fährt er jauchzend heim
und ruft den Geist, dass jeder Keim
aufbreche: Halleluja.

4. Der Geist des Herrn durchweht die Welt
gewaltig und unbändig;
wohin sein Feueratem fällt,
wird Gottes Reich lebendig.
Da schreitet Christus durch die Zeit
in seiner Kirche Pilgerkleid,
Gott lobend: Halleluja.

Maria Luise Thurmair, GL 347 / EG 554

Link zu allen Pfingstbildern der Künstlerin

Befreiung zum Leben

Jedem der drei heiligen Tage ist im Triptychon ein Bild gewidmet: Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Farblich sticht durch die rötlich-braune Farbe das mittlere Bild heraus, von der Form her ist das Kreuz am besten zu fassen, während das Osterbild je nach Sichtweise Unterschiedliches zu sehen ermöglicht.

Die hellen, gleichlangen Balken verweisen als Kreuzzeichen auf den Tod Jesu, weshalb dieses Bild dem Karfreitag zugeordnet werden kann. Das Kreuz wirkt wie eine Klammer über dem breiten Rahmen, wie ein Gitter vor einer Fensteröffnung, um etwas Dahinterliegendes zu versperren. So sehr das Kreuz im Vordergrund steht, führt der Blick daran vorbei in die Tiefe, in eine mit lichten Punkten durchsetzte Finsternis. Das Lichtermeer in der Nacht erinnert an das stille Totengedenken auf Friedhöfen, bei denen allein die Kerzenlichter bis zum Verlöschen bei den verstorbenen Lieben ausharren.

Doch das Kreuz selbst trägt im „Brustbereich“ oder im Herzen das Leiden und den Schmerz, den Tod und die Einsamkeit. So erhält seine Gestalt menschliche Züge, bei der die Arme weit ausgebreitet sind – wie um alle Menschen aufzufangen und vor dem Verderben zu retten. Auch die weißliche Farbe des Kreuzes kann in diese Richtung gedeutet werden: Jesus ist der, „der heilig ist, frei vom Bösen, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel.“ „Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten.“ (Hebr 7,26.25) Das helle Kreuz macht deutlich: Jesus ist „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29).

Das Starre, Recht-Eckige, Unflexible und Unbewegliche findet sich auch im zentralen Bild. Die engmaschige Gitterstruktur der schwarzen Linien erinnert an ein dorniges Heckendickicht. Doch im Durchblick auf das rötliche Licht ist Verwandlung spürbar. Dunkel ist bereits die schalenförmige Grundstruktur des Auferstehungsbildes angedeutet, aber sie gleicht mehr einem von Erkenntnis erschrockenen und darunter leidenden Kopf. Inferno und Fegefeuer können in diesem Bild gesehen werden, aber auch eine Transformation zu etwas Neuem. Oder ein alle Verstorbenen vertretendes Gesicht, das als Seele darauf hofft, bei Gott Erbarmen zu finden und von Jesus beim Hinabsteigen zu den Toten gerettet zu werden.

Das dritte Bild nimmt die weiß-braunen Farben des linken Bildes auf und ordnet sie neu. Gott läutert und wandelt das Bestehende in der glühenden Kraft seiner Liebe zu einem befreiten, ungebundenen Leben, das allein aus der Liebe heraus handelt. Es gibt nicht mehr verschiedene Ebenen, sondern nur noch die Gegenwart der Auferstehung. Formal wird das durch die freien und lebendigen Formen zum Ausdruck  gebracht, inhaltlich durch die Heimkehr zu Gott, der Begegnung mit IHM, seiner Umarmung und der dadurch erfahrenen Geborgenheit (vgl. Lk 15,24). Die schwungvollen Formen machen zudem deutlich, dass die Auferstehung ein lebendiger Prozess des Erkennens und Wahrnehmens ist, in dem die neue Wirklichkeit Gottes in unserem Leben erst nach und nach sichtbar wird. So ähnlich wie bei den Emmausjüngern (vgl. Lk 24,13-35), die ebenfalls in diesem Bild gesehen werden können.

Die Zusammenschau aller drei Bilder tut gut und ermöglicht ein Ausloten und Finden des eigenen Standpunktes. Das Triptychon zeigt in Leserichtung einen befreienden Entwicklungsprozess auf: Das stellvertretende Opfer Jesu und seine Auferstehung befreien zu einer erneuerten Beziehung zu Gott, die Kraft und Mut gibt, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv und kreativ den Aufgaben unserer Zeit zu stellen.

Erlöser der Welt

Zweifach und dem Betrachter frontal zugewandt wird der segnende Christus in diesem Diptychon dargestellt. Jesus ist in beiden Bildern nach dem berühmten Vorbild des Salvator Mundi von Leonardo da Vinci um 1500 wiedergegeben, allerdings in Grisaille-Technik und mit deutlichen Veränderungen. Im Vergleich zum Original – bei dem Jesus in idealer Gestalt als Licht und Erlöser der Welt aus dem dunklen Hintergrund heraustritt – hat Manfred Scharpf gerade die Hintergründe am stärksten verändert und dadurch Christus als Salvator Mundi, als Erlöser der Welt, in neue Zusammenhänge gestellt.

In jedem Bild sind in Variationen die gleichen acht Elemente dargestellt: Christus, der Hintergrund, die Doppelkugeln in seiner Hand, das Weinglas bzw. der Kelch auf der linken Seite, der Brustschmuck, die Seifenblasen, die Klaviatur der Farben als Basis des Bildes und die Zeichen der Zerstörung und des Aufbruchs. Die meisten Elemente sind komplementär, also gegensätzlich, aber sich ergänzend dargestellt. Sie erzählen unterschiedliche Geschichten, zielen aber auf das Gleiche. Im Vergleich der Unterschiede entsteht die Frage nach deren Bedeutung. Durch die Nebeneinanderstellung der beiden Varianten erweitert sich der Dialog zwischen den nicht abschließend zu entschlüsselnden Symbolen.

Links wirkt der Erlöser gealtert. Vor allem im Halsbereich ist ein Netz von Sprüngen und Rissen zu beobachten, die auf den Verfall des Originalbildes verweisen. An den Stellen, die auf dem nicht restaurierten Originalbild von Da Vinci größere Fehlstellen aufwiesen, sind bei Manfred Scharpf gemalte Verletzungen und Durchbrüche der Leinwand zu sehen. Sie sind mit dem kostbaren Pigment Lapislazuli gefüllt und deuten auf einen dahinterliegenden Himmel. Jesus wird mit einer traubenbehangenen Krone dargestellt, eingewachsen in das Astwerk einer Weinrebe. So erscheint er als Dionysos, der griechische Gott des Weines, der schöpferischen Naturkraft und der Ekstase. Die Darstellung erinnert aber auch an die Worte Jesu: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15,5) Dieser Satz tönt wie eine Mahnung, dass Jesus als Salvator Mundi nur die erlösen kann, die mit ihm in enger und lebendiger Beziehung leben. So wie Jesus mit dem Ast- und Blattwerk verwachsen in den Hintergrund rückt, verstärkt die Distanzierung die Aussage, dass er im Lebensalltag vieler Menschen keine große Rolle mehr spielt.

Dagegen ist der Messkelch im blauen Kreis nach vorne ins Blickfeld gerückt wie ein Markenzeichen. In der Kugel in der Hand des Erlösers ist er schwach angedeutet und steht schief. In der schwebenden Kugel steht der Kelch jedoch gerade und leuchtet farbintensiv. Neben dem Brustschmuck in Form eines gebrochenen und mit einem Nagel durchbohrten Herzens vermag der Kelch an die Worte Jesu beim letzten Abendmahl zu erinnern: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! […] Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22,19-20) Erlösung ereignet sich gerade in der Kommunion mit Jesus in der Gestalt von Brot und Wein. Die Heilkraft des Kelches wird durch die Struktur eines aufgeschnittenen Achats verstärkt, der den Ruf eines Heilsteins hat (vgl. Hildegard von Bingen) und die Form eines Omega zeichnet, des letzten Buchstabens im griechischen Alphabet. „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (Offb 21,6) Damit geht es im Abendmahl um mehr als um eine Grals-Mystik, – in der der Kelch als wunderkräftiges, heiliges Gefäß, als Gral, beschrieben wird, – denn Jesus schenkt uns Erlösung durch die Spende seiner ewigen Lebenskraft.

Auch im rechten Bild ist der Hintergrund stark gegliedert. Die Natur ist durch menschliche Bauten vollständig verdrängt worden. In der Bildmitte trennt eine Mauer aus Goldbarren die Welt der Menschen mit Atomkraftwerken, religiösen Bauten und Hochhäusern, die wie rauchende Fabrikschlote wirken, von der göttlichen Welt. Die Geld- und Profitgier beutet die Ressourcen der Schöpfung schonungslos aus, mit der Folge, dass die Schönheit der ursprünglichen Schöpfung völlig verunstaltet und verschwunden ist.

Jesus als Erlöser ist durch die Mauer klar von dieser Menschenwelt getrennt und dadurch in den Vordergrund gerückt. Seine segnende Hand erscheint mit dem erhobenen Zeigfinger in diesem Kontext mahnend. Auch die schwebenden Seifenblasen mahnen, dass die „Blase“ schnell platzen und sich der scheinbare Reichtum in Nichts auflösen kann. Auch aus dieser Darstellung kann Jesus gehört werden, wie er sagt: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen! Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. […] Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zum einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,19-21.24)

In diesem Bild wird in der farbigen Glaskugel die Natur in der Gestalt eines Weinstocks hervorgehoben. Er wirkt wie eine Antithese oder Vision zur zerstörten Natur im Hintergrund. Der Weinstock verweist auf den Ursprung und erinnert an die bereits zitierten Worte, dass ER der Weinstock und wir die Reben sind und wir von IHM getrennt nichts Dauerhaftes zustande bringen. Die Trauben, die Jesus wie nebensächlich auf dem Zeigefinder seiner segnenden Hand balanciert, verstärken diese Aussage. Sie befinden sich an einem zentralen Ort in diesem fein pointierten „Denk-mal“. Als rundes, natürliches und mit Leben gefülltes und dadurch göttliches Element bilden sie einen formalen Gegensatz zu den eckig-künstlichen Goldbarren. Ihnen scheint eine große Sprengkraft innezuwohnen, denn an dieser Stelle beginnt die Mauer instabil zu werden und die Gold-Ziegelsteine in der Mauer des irdischen Paradieses beginnen herunterzufallen. Diesbezüglich wiederholt und verdichtet sich das linke Bild in diesem Rondo.

Es bleibt die Reflexion der fallenden Gefäße und des roten Scheins im Hintergrund des rechten Bildes. Während das Weinglas mit den grünen Trauben unauffällig dargestellt ist, spritzt aus dem Kelch im rechten Bild eine rote Flüssigkeit heraus. Ist es das Blut, das Jesus für uns vergossen hat und das mit roten Tropfen im linken Brustschmuck bereits angedeutet wird? Oder deutet der fallende Kelch auf die versäumte Chance, das Heilsangebot Jesu anzunehmen und durch ihn Erlösung von allen Gebundenheiten zu erhalten, die unfrei und krank machen und zum Tode führen? Die rote Farbe findet sich hinter Jesus ganz oben im Bild zwischen den Häusern am Horizont wieder. Zum einen als diffuser, indirekter Schein eines verborgenen Brandes oder einer sonnenähnlichen Lichtquelle, zum anderen als tropfenartige rote Punkte, die an Jesu Wort erinnern: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. […] Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung. […] Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr sofort: Es gibt Regen. Und so geschieht es. Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Und es geschieht. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12,49a.5.54-57)

Das Diptychon thematisiert also zum einen unseren rauschartigen, egoistischen und die Welt ausbeutenden Lebensstil und zum anderen die entscheidende Kernfrage, ob wir Christus bzw. dem Salvator Mundi die Rettung und Erlösung der Welt noch zutrauen. Wenn nicht, dann muss der Mensch mit seinen beschränkten Fähigkeiten und Möglichkeiten permanent versuchen die Welt „selbst zu retten“ – mit den fatalen Folgen, die wir allenthalben sehen. Wenn ja, dann müsste jede und jeder einzelne von uns sehr viel demütiger sein und Gott einen Platz in seinem Leben geben, der Erlösung und damit Veränderung von innen heraus bewirkt.

Von Gottes Gegenwart erleuchtet erkennen

Kraftvoll umreißt die gelbe Linie eine menschliche Kopfform und lässt sie aus dem blau-grünen Grund hervortreten. Die Form ist nach oben geöffnet, wodurch die beiden geschwungenen Linien auch wie grafisch vereinfachte – den Kopf umfassende – Hände gesehen werden können. Nur das rechte Auge ist mit Bleistift ausgearbeitet und mit einem gelben Strich konturiert und hervorgehoben. Der Mund ist lediglich angedeutet. Alle anderen Gesichtsmerkmale sind weggelassen worden, um die Botschaft klarer zum Ausdruck zu bringen. Die Signatur am linken unteren Bildrand gleicht einem achtlos weggeworfenen Auge. Offensichtlich ist das zweite, für das räumliche Sehen wichtige Auge für den Prozess des geistigen Sehens unbedeutend.

Dafür bricht von der oberen rechten Ecke ein weißliches Objekt in die Bildfläche und den Kopf dieses Menschen ein. Die kantige Form lässt an einen keilförmig behauenen Stein denken, der, ohne die Schädeldecke zu verletzen, ins geistige Bewusstsein tritt, die eigenen Vorstellungen durchbricht und ins Geistige überführt. Die stilisierte Dreidimensionalität der Form kann auch als lichtes Buch gesehen werden, dessen Inhalte in den Geist des Menschen übergehen. Die weiße Farbe, die lebendige Offenheit der Form und die von oben hereinbrechende Bewegung erinnern auch an die Taube als Symbol für den Heiligen Geist.

Begeisterung? Oder geht es mehr um den Geist der Erkenntnis, um den Geist, der uns mit Gedankenblitzen mehr als nur das Sichtbare sehen lässt? Tut es nicht grundsätzlich und immer not, über die vordergründige Begrenzung hinauszusehen, die Wirklichkeit in ihren Höhen und Tiefen auszuloten und auch die geistige Dimension ins Auge zu fassen? Letztlich bis in die Seele zu blicken?  Der jugendliche Gesichtsausdruck und die wache Kopfstellung lassen spüren, wie dieser Mensch etwas Unsichtbares entdeckt hat und nun mit dem geistigen  Auge zu erkennen und mit dem Verstand zu „begreifen“ versucht.

Der fokussiert suchende und gleichzeitig die gesichtete Wirklichkeit abtastende Blick fasziniert. Der aufmerksam nach oben gerichtete Blick wirkt wie durch ein Fernrohr in die Weite gerichtet und gleichzeitig wie ein Röntgenblick, wie ein die Wirklichkeit durchdringendes Schauen, das auch unsichtbare Welten wahrnimmt und zu fassen versucht.  Die weichen, die Kopfform querenden Pinselstriche mögen für diese unsichtbaren und doch gegenwärtigen Welten stehen, die wie Gedanken durch den Kopf gehen und den Hintergrund wie das Wasser eines unergründlichen Sees erscheinen lassen.

Die gelben Linien elektrisieren. Es geht darum, nicht nur mit dem äußeren Auge zu erkennen, sondern die Wahrheit auch mit dem inneren, geistigen Auge zu sehen und anzunehmen, bis sich Gott im “Auge als Spiegel der Seele” wie ein Lichtpunkt widerspiegelt. Wer IHN in sein Leben aufnimmt und Jesus in allen Menschen erkennt, der ist ein von Gott wie von einem Keil Gezeichneter und gleichzeitig ein von Gottes Gegenwart Leuchtender.

„Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.“
(Eph 1,17-19)

Dialoge

In dem konstruktivistisch anmutenden Bild befinden sich sechs flächige Formen paarweise miteinander im Dialog. Zwei olivgrüne, senkrecht stehende Rechtecke bilden die größten Dialogpartner. Sie stehen sich in gleicher Größe und gleicher Höhe mit respektvollem Abstand gegenüber.

Über den olivgrünen Rechtecken sind oben zwei Quadrate miteinander im Gespräch, unten zwei breite grüngelbe Bogenformen. Beide Formen verbinden auf eigene Weise die beiden Rechtecke.

Die beiden Quadrate gleicher Größe sind versetzt übereinander und auch versetzt zur Mitte angeordnet. Ihre Gestaltung ist gegensätzlich: Während das obere Quadrat durch das Blattgold hell leuchtet und sich solitär über den beiden gelben Bogenformen erhebt, ist  das dunkelgrüne Quadrat durch seine farbliche Nähe zu den darunterliegenden Rechtecken nur schwach präsent bzw. hat es für diese eine Brückenfunktion.

Die beiden Bogenformen sind die einzigen dynamischen Elemente im Bild. Ihre Bewegung führt von der Seite her nach oben und nach unten gewölbt zueinander und übereinander, um auf der anderen Seite wieder auseinanderzugehen. Die eine ist wie eine Schale nach oben geöffnet, die andere wölbt sich entgegengesetzt wie ein Hügel in der Landschaft. In der teilweisen Überlagerung verdichtet sich ihre Farbe und erhalten die Formen Halt.

Ein Stück Stacheldraht und das Wort DU bilden das letzte Gesprächspaar. Während das helle, goldgelbe DU für das Gegenüber offen ist und es zur Begegnung einlädt, grenzt der schwarze Stacheldraht das Gegenüber als unerwünschte Person aus. In der Mitte des Bildes erinnert er auch, dass Begegnungen und Beziehungen mitunter nicht harmonisch verlaufen und zu Verletzungen und Ausgrenzungen führen können.

Mit diesen vier symbolischen Gesprächspaaren und ihrem Dialog miteinander und untereinander ist in dem Bild alles auf Begegnung und Beziehung ausgerichtet. Dabei wird das verbindende und gemeinschaftsstiftende Wesen von Begegnungen ebenso sichtbar, wie der respektvolle Dialog auf Augenhöhe oder die Verletzlichkeit, die entsteht, wo Menschen sich einander öffnen. Ermutigend, tröstend und vergebend leuchtet über allen menschlichen Begegnungen das für Gott stehende goldene Quadrat. Als Quelle des Lebens ist er der Ursprung jeder Begegnung. Als das Licht der Welt begleitet und führt er uns durch alle Höhen und Tiefen.

So spiegelt sich in den vielfältigen Bezügen der konstruktiven Bildformen Gottes trinitarisches Wesen und seine liebevolle Zuwendung zum Menschen: Die beiden senkrechten Hintergrundrechtecke können als Gesetzestafeln gesehen werden, als haltgebende Struktur für die menschliche Gemeinschaft, die deutlich Recht und Unrecht, Gut und Böse unterscheidet. Alle anderen Formen stehen – diese Spaltung verbindend – darüber: Das goldene Quadrat als Symbol für die Vollkommenheit, das Licht und die Liebe Gottes. Das grüne Quadrat als Symbol für die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, aber auch für das überwundene Leid. Und drittens die grüngelben, gebogenen Formen, in deren Begegnung sich der Heilige Geist im Dialog zwischen DU und ICH lebendig realisiert.

Wirbel um das Licht

Kreisförmige Bewegungen ziehen wie bei einem Strudel alles zur weißen Mitte hin. Die Spirale erinnert an Naturphänomene wie Wasserstrudel, Gletschermühlen, Wirbelstürme, Schneckenhäuser u.a.m. Im Wesentlichen besteht das Bild aus Blautönen, die an einen Wassersog nach unten erinnern. Doch dann müsste es zur Mitte hin immer dunkler werden. Im Bild wird es jedoch immer heller und die kreisrunde Mitte erscheint mit den gebogenen Strahlen eher wie ein leuchtender Stern in dunkler Nacht.

Dieser Zugang wird unterstützt durch die mit Hügeln und Bäumen angedeutete Landschaft, die links unten zu erkennen ist. Sie wird zur Mitte hin in den Wirbel hineingezogen und löst sich dabei auf.

Was ist das für ein Wirbel um ein Licht, das die ganze Schöpfung um sich kreisen lässt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht? Was ist das für ein Stern, der sich der Dunkelheit widersetzt, ja kontrastreich in sie hineinzustrahlen und sie nachhaltig aufzuhellen vermag? Was ist das für ein Licht, das auch in der größten Dunkelheit noch wahrnehmbar ist und seine rettende Anziehungskraft ausübt?

In Psalm139,12 werden diese Gedanken staunend mit Gottes Allgegenwart in Verbindung gebracht: „Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“ Und der Prophet Jesaia kündigt die Geburt des messianischen Herrschers mit dem Aufstrahlen eines hellen Lichtes über dem Volk an, das in der Finsternis lebt. Dieses Licht entreißt das Volk den „Todesschatten“. Er schreibt: „Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Die große Herrschaft und der Frieden sind ohne Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, von jetzt an bis in Ewigkeit.“ (Jes 9,1-6)

Die Geburt dieses Kindes wandelt den Sog nach innen in einen nach außen sprühenden Wirbel. In wunderbaren Worten beschreibt Paulus im Brief an die Kolosser das Heilswirken Gottes durch Jesus Christus: „Dankt dem Vater mit Freude! […] Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. […] Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. […] Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. […] um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.“ (Kol 1,12a.13.15,16c.20)

Der Wirbel um das Licht ist also weit über die Advents- und Weihnachtszeit hinaus berechtigt, sofern Jesus Christus der Dreh- und Angelpunkt ist. Und überall, wo dem so ist, geht von ihm eine alles durchdringende, zum Leben verwandelnde Segenskraft aus.

Präsent

In der als Diptychon geteilten, kleinformatigen Arbeit begegnen sich und auch uns ganz unterschiedlich gestaltete Bildwelten, die scheinbar unvermittelt nebeneinanderstehen:

Das linke Bild zeigt Maria aus der von Matthias Grünewald zwischen 1512 bis 1516 gemalten Verkündigungstafel des „Isenheimer Altars“. Durch den knapp bemessenen Bildausschnitt ist die Gestalt Mariens aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und von allen umgebenden Bildsymbolen freigestellt. So bleibt der Fokus auf ihrem seitlich abgewendeten und nach hinten geneigten Kopf, der ihr überraschtes Zurückweichen vor dem Engel, aber auch ihr konzentriertes Hinhören zum Ausdruck bringt. Am rechten Bildrand – in Verlängerung der diagonal ins Bild führenden gelockten Haarsträhne – weisen die zum Gebet gefalteten Hände bereits auf die andere Seite des Diptychons.

Die zweite Bildfläche ist bis auf die Zeichnung rechts oben ganz in lichtem, changierendem Grau gehalten. Eine zart angedeutete Mauer füllt die unteren zwei Drittel des Hochformats. Die obere Abschlusskante setzt sich in das linke Bild fort und verbindet dadurch beide Bildtafeln miteinander. Wo in Grünewalds Originalbild mächtig der rot gewandete Engel vor Maria steht, ragen hier von rechts oben nur zwei im gleichen Rot gehaltene Hände ins Bild, die ein mit Geschenkband verschnürtes Päckchen halten. Die fein umrissenen Hände erinnern an Kinderhände oder an die eines Engels, die das Paket von jenseits der Mauer und aus dem Himmel in den Bildraum hineinreichen. Anstatt es freudig entgegenzunehmen, beäugt Maria die Gabe abschätzend aus den Augenwinkeln, denn die eingeschriebene Kreuzform wird ihr nicht entgangen sein. Noch bleiben die Hände geschlossen im Gebet, nur die gekreuzten kleinen Finger mögen andeuten, dass sie ihre stille Frage, wann der HERR den verheißenen Messias sendet, mit ins Gebet genommen hat. Die zeitenwendende Antwort des Engels lautet: Jetzt! – Und auf ganz andere Weise, als sie es erwartet hätte, weil sich seine Ankunft ganz persönlich mit ihrem Leben verbindet. Darum erschrickt Maria bei den Worten des Engels. – Und aus dem Lukasevangelium wissen wir, dass sie das Geschenk angenommen hat: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lk 1,38)

Das Diptychon thematisiert neben der Glaubenserfahrung Mariens auch unsere eigene. Manches Widerfahrnis stellt sich im Nachhinein als großes Geschenk, als großer Segen dar, obwohl wir es uns nicht ausgesucht hatten und es, wenn man uns gefragt hätte, rundheraus abgelehnt hätten. „Präsent“ bedeutet sowohl „Geschenk“ als auch „Gegenwart“. Der Andachtsbildcharakter der Arbeit lädt uns ein, beide Bildhälften mit unserem eigenen Leben in Beziehung zu setzen: Als Ereignis im Jetzt. So präsent wie Maria das Geschehen bei der überraschenden Verkündigung durch den Engel Gabriel erlebt hat. Und genauso wie Matthias Grünewald rund 1500 Jahre später seine Verkündigung an Maria als gegenwärtiges Geschehen in das Spital der Antoniter versetzt hat, damit die Kranken Jesus leibhaftig vor Augen sehen und in ihrem Herzen aufnehmen konnten.

Vielleicht hilft uns bei unseren Überlegungen, dass der Engel Maria zweimal als Frau der Gnade angesprochen hat: zuerst als „Begnadete“, dann als diejenige, die „bei Gott Gnade gefunden“ hat (Lk 1,28.30). Im „Ave Maria“ wiederholen wir den englischen Gruß, wenn wir beten: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir“. Wie Maria bietet Gott auch uns seine Gnade als Geschenk an:  Seine heilsame, Heilung bewirkende Gegenwart in uns, Gottes innigste Zuneigung zu und Liebeserklärung an uns!