Kraft der Gemeinschaft

Wie aus einem Fenster in großer Höhe schweift der Blick über eine wolkige Farbenlandschaft. Kaum erkennbar und verloren klein verteilen sich Menschenfiguren auf den vier Bildquadraten. In den blau-grauen Weiten stehen sie vereinzelt, im gelben Bereich in Gruppen. Begleitet wird der Farbwechsel durch die Veränderung der Schatten von links oben nach rechts unten: Je einsamer die Menschen in der Landschaft stehen, um so länger sind ihre Schatten, je näher sie zusammenstehen, desto kürzer werden sie oder verschwinden als deren dunkle Begleiter ganz.

In der Bewegung der Gruppierung, der Farben und Schattenbildung kann das Bild in die eine oder in die andere Richtung „gelesen” werden. Entgegen der gewohnten Leserichtung, also von rechts nach links, stellt die Auflösung der Gruppen eine zunehmende Entfernung, Vereinsamung, Angst und Kälte dar. Das kann als Desinteresse am Nächsten interpretiert werden oder auch als eine Atomisierung der Gesellschaft (Herbert Pietschmann). Die Menschen stehen im linken und oberen Teil des Bildes haltlos im bodenlosen Nirgendwo, während sich rechts die Verortung auf einer Landkarte andeutet.

Von links nach rechts gesehen befinden sich die Menschen im Aufbruch. Sie zeigen zunehmend Interesse aneinander. Je näher sie beieinander und zueinanderstehen, umso wärmer wird die Farbe des Bodens. Die Menschen gewinnen Land unter ihren Füßen und gleichzeitig erhalten sie einen festen Standpunkt. Nicht mehr die Scheingestalt des Schattens nimmt den größten Platz ein, sondern die Person selbst.

Das Bild lässt die Kraft der Gemeinschaft für unser Leben und Wohlergehen spüren. Es ist ein Plädoyer, den Nächsten in und mit seiner Position stehenzulassen, eine andere Meinung zu akzeptieren und darin einen Anlass für einen konstruktiven Austausch zu sehen. Doch was ist die Voraussetzung dafür, um sich auch mit unterschiedlichen Standpunkten und Meinungen „stehenlassen” zu können? Das Fensterkreuz deutet an, dass es über die Standpunkte und Meinungen hinaus noch etwas Größeres und Übergeordnetes geben muss, das trotz aller Differenzen verbindet und in dem alle eins sind. Gibt es das nicht, werden die Differenzen absolut und die Distanz zwischen den Menschen unüberbrückbar.

Den Ursprung des gemeinschaftlichen Geistes verorten die biblischen Texte in Gott. Deshalb kann Jesus dem Gesetzeslehrer auf seine Frage, was er für das ewige Leben tun muss, antworten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.” (Lk 10,27) Diese bedingungslose und unsere ganze Existenz durchdringende und umfassende Liebe zu Gott ist die Grundlage unserer Liebe zu den Mitmenschen und nicht zuletzt zu uns selbst. Sie macht die Kraft und die Größe einer Gemeinschaft aus. Im Bild werfen die Menschen keine dunklen Schatten mehr, weil Gott selbst ihr Licht ist (vgl. Offb 22,5) und das „Reich Gottes” auf diese Weise schon hier und heute beginnen kann.

Zwischen Jammertal und himmlischer Aussicht

Vertraute Objekte schweben in einer raumlosen Weite, die gedanklich über die Wolken oder in Traumwelten entführt. Bis auf den zentralen Stuhl sind sie alle schattenlos und verweisen damit auf geistig-seelische Räume unserer Gedanken.

Zwei weiße Rahmen suggerieren eine Wandfläche, doch öffnen sie vielmehr wie zwei Augen Ausblicke und Rückblicke. Sie regen zur aufmerksamen Betrachtung der Außen- und Innenwelt an, der sorgfältigen Unterscheidung zwischen Realität und Traum, Erinnerung und Vorstellung. Das linke Rechteck ist als Kippfenster gestaltet und ermöglicht mit dem Baum und dem Horizont einen Blick in die reale Welt mit ihrem Wachsen, Blühen und Vergehen. Der Ausblick zeigt eine rosarote Welt, die doch vom Kampf um die Existenz und um Freiheit gezeichnet ist.

Das Rechteck am anderen Bildrand ist als Rahmen gemalt. Das Bild zeigt den gleichen Hintergrund wie die Umgebung, allerdings etwas heller. Der Hund und das Metallgeländer darüber ragen in das Bild hinein, während das Mädchen als drittes Bildelement ihm nach oben entschwebt. Mit dem Angeschnittenen oder Fragmentarischen wird ein Kommen und Gehen symbolisiert und Vergänglichkeit thematisiert. Nichts bleibt für immer.

Der leere Stuhl in der Mitte lädt ein, sich darauf zu setzen, innezuhalten und das Leben zu betrachten: sich selbst und sein Umfeld, die Vergangenheit und die Gegenwart, die Licht- und die Schattenseiten des Lebens. Im Licht, das von hinten durch die rosaroten Wolken fällt, werden die vielen Durchkreuzungen sichtbar und Beleuchtungs- oder Betrachtungsweisen bewusst gemacht. Die bunte Erinnerungsbox darunter lädt ihrerseits ein, die gesammelten Erlebnisse liebevoll in ihr abzulegen, um Freiheit für Neues zu gewinnen: federleicht in neue Sphären zu entschweben oder einen neuen Begleiter im Leben zuzulassen, wie das Bild daneben suggeriert.

Der auf einer Schattenkonstruktion stehende Stuhl wirkt instabil wie das Leben. So könnte er ein Anlass sein, über die Grundlagen des eigenen Lebens zu reflektieren und zu überlegen: Was gibt mir Halt? Auf welchem Boden stehe ich?

Christlich-theologisch möchte man dem sich Fragenden, Sinnenden und Suchenden die Empfehlung Jesu mit auf den Weg geben, ihm, Jesus, zu vertrauen und seinem Wort zu folgen. Dann sei sein Haus auf festen Fels und eben nicht auf beweglichen Sand gebaut und könne allen Stürmen des Lebens standhalten (vgl. Mt 7,24-27). Der Apostel Paulus gibt seiner Glaubens- und Lebensbasis im Brief an die Römer Ausdruck: „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38-39) Paulus will uns damit sagen, dass in der Vergänglichkeit unseres Erdendaseins, in der Instabilität aller Beziehungen durch das ständige Werden und Vergehen, Kommen und Gehen nur eine höhere Macht, Halt und Lebensmut geben kann: die Liebe Gottes. Die Liebe Gottes ist größer als alle Mächte und Gewalten dieser Schöpfung, sie steht über der Zeit und gibt uns Leben in Ewigkeit.

Traurige Leere

Das Porträt einer jungen Frau ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. In einem knapp bemessenen Bildausschnitt nimmt der Kopf mit der angeschnittenen Schulter fast den ganzen Raum ein. Allein am linken Bildrand führt eine stimmungsvolle Landschaft in perfekt gemaltem Sfumato bis zum Horizont und darüber hinaus in den bedeckten, die Farbtöne des Inkarnats aufnehmenden Himmel. Der aufsteigende Hügelrücken lenkt den Blick zu den Augen und weiter auf das von einer Haarsträhne verdeckte Ohr. Von den wässrig traurigen Augen fließen fünf Tränen über die feinschattierte Haut ihrer Wangen. Eine weitere Träne hängt kurz vor dem Abtropfen am Kinn. Die unendlich traurigen Augen blicken haltlos in die Leere. Die Tränen und der leere Blick deuten auf ein schwerwiegendes, unbegreifliches Geschehen, das die junge Frau miterlebt hat und nun irgendwie zu verstehen oder zu verarbeiten versucht.

Die feinen Gesichtszüge und der blaue Strickpulli versetzen die Frau in unsere Zeit. Doch gleichzeitig erinnern das Blau und die geneigte Kopfhaltung an Maria. Altmeisterlich gemalt und doch zeitgenössisch gegenwärtig wirkend ist sie zweifach von ihrem Sohn gezeichnet. Die vom Mittelscheitel aus gleichmäßig das Gesicht rahmenden Haare lassen zum einen Herz Jesu-Darstellungen vom Ende des 19. Jahrhunderts anklingen. Zum anderen bildet die Aufhellung am Horizont mit der rechtwinklig dazu verlaufenden Linie „Scheitel-Nase-Mund-Hals eine unauffällige Kreuzform. Damit erhält das unfassbare Geschehen der Kreuzigung und des Sterbens Jesu ein Gesicht. Ja, sein Leiden und Sterben haben sich in das Gesicht der jugendlichen Maria eingeschrieben. Jesu Leiden leuchtet in unserem Leiden auf, in unseren Dunkelheiten und Einsamkeiten. Die weinende Frau steht für alle Menschen, die unter schrecklichen Umständen jemanden verloren haben, insbesondere Mütter, die ihre Kinder wegen der Gewalttaten anderer verlieren oder generell geliebte Menschen loslassen müssen.

Der Leipziger Maler Leif Borges hat das Bildnis durch den Titel „Was dancing with tears in my eyes“ (Ich habe mit Tränen in meinen Augen getanzt) zudem mit einem Song der britischen Band Ultravox aus dem Jahre 1984 verknüpft, der das Weinen über die Erinnerung an ein vergangenes Leben bei einer nuklearen Katastrophe zum Inhalt hat: „Dancing with Tears in My Eyes“.  Von der dunklen Wolke überschattet, die Last der alles vernichtenden Katastrophe auf ihren Schultern tragend, leuchtet die Schönheit der menschlichen Kreatur auf, gezeichnet vom Kreuz des 20. und 21. Jahrhunderts, dem unerträglichen Licht und den zerstörenden Strahlen der Atombombe. Der traurige Blick der Frau nimmt die traurige Leere danach vorweg. Ihr Blick lässt die unfassbare Leere in ihrem Innern spüren, das Leid des unendlichen Verlustes des und der Liebsten.

Trotzdem wirkt das Bild nicht zwangsläufig trostlos. Denn in der zarten Farbigkeit des Bildnisses, dem in allen Details wunderschön wiedergegebenen Frauengesicht und der im Kontrast dazu weichen Landschaft leuchtet eine schöpferische Schönheit mit lebensverändernder Kraft auf. In den Anklängen an Maria und Jesus verschwimmen die Grenzen zwischen Bild und Realität und öffnen sich Zugänge zu diesen beiden menschlichen Ur- und Vorbildern. Gerade weil Jesus und Maria so viel durchgemacht haben, vermögen sie in allen das Leben durchkreuzenden, bedrohenden und vernichtenden Situationen Halt und Trost zu schenken. Sie lassen spüren, dass man nicht allein ist – im Begreifen dieses Geschehens als auch im Wissen, dass danach Ostern kommt. „Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt,“ sind Jesu Schlussworte im Matthäusevangelium (28,20b).

Bereit

Ein Umzugskarton als Bild mag erstaunen. Da wird ein fast alltäglicher Gegenstand auf einzigartige Weise hervorgehoben. Der fotorealistisch gemalte Karton, ein an sich billiges Material, wird hier kostbar. Denn die Kartonhülle wird zum Bildinhalt, der Außenseiter zum Protagonisten, der leere Karton mit den vier Klappen zum Bildraum füllenden Kreuz. So strahlt der Umzugskarton eine erhabene Tiefe und Größe aus, die tief blicken lässt.

Einladend leer und offen präsentiert sich die Box dem Betrachter. Bereit, befüllt zu werden mit Inhalt, mit Gegenständen, die für uns von Bedeutung sind und damit einen bedeutungsschweren Inhalt haben. Was ist mir wichtig? Was werde ich bei jedem Umzug mit mir nehmen? Wer viele Kartons und viel Platz zur Verfügung hat, muss sich nicht groß entscheiden und kann so gut wie alles mitnehmen.

Ganz anders sieht es aus, wenn ich nur den Inhalt eines Umzugskartons mitnehmen dürfte. Ich müsste mich extrem beschränken und sehr vieles loslassen, das ich im Laufe der Jahre gesammelt und liebgewonnen habe. Ich müsste mich auf das Allerwichtigste und -nötigste konzentrieren und diesbezüglich gut abwägen, was ich brauchen werde. Früher habe ich solche gedanklichen Herausforderungen als unnötig und unrealistisch abgetan, aber heute sieht es anders aus angesichts der größer werdenden Bedrohung und Kriegsgefahr, die unter Umständen zur Flucht veranlassen.

Die Kreuzform des Kartons und der leere Innenraum lassen die Gedanken noch weiter schweifen. Ist nicht jeder Umzug ein Einüben auf den letzten Weg und Ortswechsel, bei dem wir nichts Materielles mitnehmen können, nicht einmal unseren Körper? Machen wir in unserem Erdenleben nicht öfters die Erfahrung, dass wir nie alles von einem Ort zum anderen mitnehmen können? Fast immer müssen wir schweren Herzens etwas von uns zurücklassen. Vielleicht machen wir auch die positive Erfahrung, dass das Entsorgte uns nicht mehr beschäftigt oder Sorgen bereitet und dadurch Raum zum Atmen, neuer Bewegungs- und Lebensraum entsteht. Denn Leere muss nicht leer sein, sondern sie beinhaltet Freiraum als Voraussetzung für Bewegung und Leben.

Der leere Karton weist darauf hin, dass wir beim letzten Lebensweg nichts mitnehmen können! Bedeutet das, dass der Karton leer bleibt oder bleiben muss? Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist. Der „Karton“ wird sogar voller persönlicher und einzigartiger Kostbarkeiten sein, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Diese immateriellen Güter wie unseren Glauben, unsere Hoffnung, Liebe und Freude, unseren Frieden und unser Glück werden uns unsichtbar überall hin begleiten und in allen Herausforderungen stärken. Das Schöne an ihnen ist, dass sie nicht gepackt werden müssen, dass sie nicht belasten und trotz ihrer unfassbaren Größe leicht zu tragen sind. Mit ihnen ist man jederzeit bereit umzuziehen.

Arbeiten von René Wirths und Sven Drühl sind bis 14. April 2024 in der Gemeinschaftsausstellung  „Jenseits der Realität“ im Kunsthaus Kaufbeuren (Allgäu) zu sehen.

Liebesbeweis

In Paris gibt es am Montmartre nahe der Place des Abbesses eine künstlerisch gestaltete Mauer, die ganz der Liebe gewidmet ist. Die Liebeserklärung par excellence ist hier in 311 handschriftlich individuellen Varianten in 250 Sprachen und Dialekten wiedergegeben. Von 1992 an sammelte der Sänger Frédéric Baron mit seinem Bruder in der ganzen Welt den Schriftzug „Ich liebe dich“, um dann die Kalligraphin Claire Kito zu beauftragen, die gesammelten Versionen künstlerisch zu bearbeiten und sie zu arrangieren. So entstand im Jahre 2000 „Le mur des je t’aime“ – die „Ich-liebe-dich-Mauer“. Die Kacheln im A4-Format erinnern an die damals noch analog auf A4-Papier gesammelten Schriftzüge. Die eingestreuten roten Farbflecken sollen Stücke gebrochener Herzen darstellen und der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die zersplitterte Menschheit durch die Kraft der Liebe wieder vereint werde (Quelle: Wikipedia).

Ein Ausschnitt dieser 40 m2 großen Mauer wurde in dem Moment fotografiert, als eine Frau in orangerotem Mantel und weißer Mütze darunter vorbeilief und sich genau zwischen drei roten Fragmenten befand. Der in der Unschärfe der Frau wiedergegebene flüchtige Moment ist ein Zeichen der Zeit. Der universelle Satz „Ich liebe dich“ findet so in einem manifesten Individuum eine konkrete menschliche Gestalt und es entsteht ein Dialog zwischen den vielen Liebeserklärungen und der einen Frau. In welcher Sprache hat sie wohl einem Mitmenschen gesagt, dass sie ihn liebt? Ist sie glücklich verliebt oder trägt sie den Schmerz und die Wunden einer zerbrochenen Liebe in sich? Die zwischen den weißen Schriftzügen eingestreuten roten Farbpunkte können von der Frau ausgehender Ausdruck hochfliegender Gefühle als auch Fragmente einer zerbrochenen Liebe sein. Ob sie die vielen Liebesbekundungen aus aller Welt vorübereilend – en passant – überhaupt wahrnimmt oder sie sogar auf sich bezieht und sich so in diesem Moment geliebt fühlt?

Den auf dieser Wand versammelten Liebesäußerungen wohnt eine gewaltige Kraft inne. So unterschiedlich die berühmten drei Worte in den verschiedenen Sprachen auch lauten, sie bringen einen Menschheitssatz zum Ausdruck, das menschliche Grundbedürfnis zu lieben und geliebt zu werden. Die Liebe ist so weit und tiefgründig, so unerschöpflich und geheimnisvoll wie der Ozean, den die tiefblau glasierten Kacheln andeuten. Wobei das Bild mit dem Meer beides andeutet: überschäumende Freude, grenzenlose Weite, tiefe Sehnsucht, absolutes Lebenselixier, … aber eben auch seine Unberechenbarkeit: unfassbare Kraft und Gewalt, grundlose Tiefe, bedrohliche Gefahr.

Neben der Liebe zwischen Menschen können die Liebesbotschaften auch aus zwei weiteren Perspektiven gesehen werden: Zum einen als Liebeserklärung Gottes an uns Menschen, die Gott nicht nur in allen Sprachen und Dialekten dieser Welt zu uns spricht, sondern auf einzigartige und individuelle Weise zu jedem Einzelnen. Gottes Liebe ist die Quelle unserer Liebe: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen.“ (1 Joh 4,16) Unsere Gott antwortende Liebe ist die dritte Sichtweise, denn, wer Gott liebt wird auch zu ihm sagen können: „Ich liebe dich“. Für den Autor des ersten Johannesbriefes ist diese Liebe untrennbar mit dem Respekt und der Liebe zu allen Menschen verbunden: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder [= seinen Mitmenschen] hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,20)

So mag der tiefblaue Hintergrund auch andeuten, dass unsere Liebe zueinander von einem unbeschreiblich Größeren, Transzendenten oder eben von Gott gehalten wird und aus der starken Bindung an IHN hervorgeht. Die weißen Schriftzüge vermitteln die Liebe als etwas Positives und Lichtvolles, das jeder dem anderen schenken kann.

Beim Nachdenken über die Bedeutung der Aussage „Ich liebe dich“ wird klar, dass die Liebe eine gewaltige Kraft ist, welche Menschen verbindet und ihre Lebensbedingungen positiv beeinflusst und zum Guten zu verändern vermag. „Ich liebe dich“ ist eine Ich-Botschaft, bei der das Du im Mittelpunkt steht. „Ich liebe dich“ bringt ein Gefühl zum Ausdruck, ein Hingezogen-Sein zum anderen, ist aber darüber hinaus auch eine Haltung der Wertschätzung und des Respekts, der Fürsorge und des Schutzes. „Ich liebe dich“ heißt in den Alltag übersetzt: Ich mag dich, ich bin froh, ja glücklich, dass es dich gibt, dass du da bist. Und weil du mir viel bedeutest, suche ich deine Nähe und möchte so viel wie möglich mit dir teilen, ich will für dich sorgen und darauf achten, dass dir nichts passiert. Dieser liebevolle Blick mit einem offenen Herzen erkennt wesentlich mehr als die sichtbare Gegenwart des Geliebten. In der Liebe nehme ich den anderen in der Tiefe und in allen Dimensionen wahr und an. Die Liebe das Herz, so dass ich über den oder die Geliebten im unmittelbaren Umfeld hinaus auch „Ich liebe dich“ zu allen Menschen meiner Zeit sagen kann. Ganz im Wissen, dass wir als Weltgemeinschaft voneinander abhängig sind und dass ihr Wohlbefinden auch mein Glück bedeutet. Wo wir einander im Respekt der Liebe begegnen, wird nicht nur Paris eine „Stadt der Liebe“ sein, sondern die ganze Erde zu einer „Welt der Liebe“ werden.

 

Diese Fotografie ist wiedergegeben im Katalog WRITTEN ON THE WALLS, 2023, 96 Seiten, 50 Fotografien. ISBN: 978-3-910311-05-3. Mit Textbeiträgen von Nora Gomringer, Claudio Ettl, Walter Leimeier, Hans-Walter Ruckenbauer und Ludger Verst. Der Katalog kostet 18,00 EUR und kann beim Künstler bezogen werden: mail@manfred-koch-fotografie.de.
Hier können Sie einen Blick in den Katalog werfen (PDF)

Singend Gott loben

Die Nahaufnahme dieses Banjo-Spielers lässt die Inbrunst spüren, mit der er sein Instrument zum Klingen bringt. Übergroß sind seine Hände, es geht nicht um die Anatomie, es geht um das Gefühl, die Emotionen, um die Beseeltheit.

Er sitzt am Boden und doch suggeriert der blau-weiße Hintergrund ein Schweben im Himmel. Er befindet sich in einer anderen Welt: vertieft, versunken, in kontemplativer Konzentration nach innen. Obwohl er eingezwängt ist in sein Format, schallt seine Musik, wie es die differenzierten Farben andeuten, traurig-schön nach draußen.

Sein Körper ist kubisch angelegt, Fragmente, die zusammen ein Ganzes geben. Der Oberkörper ist mit den Armen auf ein irdisches Rechteck reduziert, auf dem der haarlose Kopf mit den großen, traurigen, aber auch staunenden Augen aufliegt. In ihnen scheint sich das tiefe, blaue Meer zu spiegeln. So wie der Kopf lauschend dem Banjo zugeneigt ist, weisen die beiden spitzen Fußsohlen nach oben. Damit liegt die Aufmerksamkeit auf dem Saiteninstrument und der Hand, die sich kontrastreich auf der weißen Trommel abzeichnet.

Der helle, runde Resonanzkörper des Banjos bringt unaufdringlich Gott ins Spiel. Das endlose Rund als auch die weiße Farbe sind beides Symbole für Gott. So vermittelt das Bild den Eindruck, dass der Musiker Gott zum Klingen bringt mit seinem Saiteninstrument und mit seiner Stimme. Er ist einfach da und geht auf in seinem spielerischen Tun und dem Ausdruck der innigen Verbundenheit mit den vibrierenden Tönen und Worten. Was er wohl spielt? Was er dazu singt? Das Bild verrät es nicht. Spontan erklingt in mir das Lied „Ich lobe meinen Gott“ aus dem Evangelischen Gesangbuch Nummer 272:

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinen Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!

Singen befreit und erfreut. Gott singend und spielend zu loben verbindet Himmel und Erde (Symbolisch dargestellt durch das Viereck des Oberkörpers und das Rund des Banjos) und es vermag den vom Singen und Spielen Ergriffenen zum Schweben zu bringen. So kann der Banjo-Spieler eine Einladung sein, sein Gebet spielend und singend vor Gott zu bringen. Ganz nach dem geflügelten Wort des Heiligen Augustinus: „Wer singt, betet doppelt“ – wer dazu noch spielt, betet dreifach!

Ins Zeitliche geboren

Das Wunder der Geburt geschieht in der liebenden Zuneigung der Eltern. Sie bilden in ihrer knienden und demütig sich vor dem Kind verneigenden Haltung eine bergende Krippe und ein beschützendes Haus. Der Freiraum zwischen Mutter und Vater ist des Kindes erster Lebensraum in der neuen Welt. Er erscheint als grauer Alltag. Die kurzlebige Tageszeitung als Hintergrund verortet die Geburt an einem bestimmten Tag und in der Armut der Obdachlosen, die Zeitungen als Isolation auf den Boden legen oder sich damit zudecken. Nur die Eltern können die lebensnotwendige Wärme schenken, die das Kind braucht.

Die drei Personen sind hauptsächlich durch die schwarzen, skizzenhaften Konturen definiert. Die sparsam verwendeten Farben deuten mit den braunen Farbtönen links Josef an, die rötlichen Farbspuren verweisen auf Maria und das lichte Gelb lässt das Göttliche im Kind aufleuchten. Jesus ist auf Zeitungen gebettet und in sie gewickelt.

Der Glanz der Heiligen Nacht entfaltet sich um das traute Paar herum. Die gelben Lichtblitze erhellen den Himmel und lassen gleichzeitig an die Engel der himmlischen Chöre denken. Am Boden verdichtet sich das himmlische Licht mit dem irdischen Stroh zu einer wahren Lichtflut, die warm und froh die Kunde der Geburt Gottes über die ganze Erde verbreitet.

Nun sind es nicht die Zeitungen, welche die Nachricht in alle Welt hinaustragen, sondern das Licht selbst, das im Denken, Sprechen und Handeln der Menschen vom Gottessohn kündet. Denn das Kind ist nicht arm, sondern reich an Liebe und Macht, um in allen Menschen den Glauben an Gott zu entzünden und in der Liebe zueinander zum Brennen zu bringen.

Licht in der Nacht

Menschenleer und nächtlich still präsentiert sich die Raum-Landschaft. Die Behausungen lassen des Menschen Werk spüren, ihn aber nicht sehen. So wirkt die Leere geheimnisvoll und lässt die Raumhüllen für sich sprechen.

Ein quaderförmig gemauertes Gebäude dominiert die linke Seite des Querformates. Der nach vorne offene, bildhohe Innenraum wirkt groß und palastartig. Die Wände sind grünlich-blau, wobei vorne links die Gesetze der räumlichen Wahrnehmung ausgehebelt werden. Die Decke ist schwarz wie die Dunkelheit, die über der hellen Landschaft und Außenwand liegt. Die Farbe des braunen Bodens zieht sich in der Türöffnung links nach oben, so dass nicht klar ist, ob die Türe die gleiche Farbe hat oder der Boden hinter der Türe unendlich weitergeht. Das erdige Braun signalisiert einen fruchtbaren Boden, das Grün der Wände Wachstum und Hoffnung. Alles ist bereit, um zu empfangen, aufzunehmen und mit Leben zu füllen. Verstärkt durch das seitliche Fenster bleibt es ein Raum der Sehnsucht und der Erwartung. Die umgekehrte Perspektive vergrößert diesen Raumeindruck nach hinten und führt über die Seitenwand vom Vordergrund in die Bildmitte und -tiefe.

Das Holzhaus mit Satteldach steht klein und unscheinbar neben seinem großen Nachbar im freien Feld. Ohne sichtbare Fenster und Türen erscheint es als einfache Feldscheune. Doch der Lichtpfeil im schwarzen Hintergrund weist eindeutig auf die ärmliche Hütte als Ort des Geschehens. Der die dunkle Nacht spaltende Lichtkeil reißt nicht nur die Himmel auf, er lässt auch das durch die Bretterritzen schimmernde Licht im Innern der Hütte wahrnehmen. So wie die Stirnwand der Scheune erwartungsvoll nach oben weist, zeigt der Lichtspalt erfüllend nach unten auf den verborgenen Glanz im Innern. Wenn man sich das dreieckige Licht als unterste Spitze eines vielfach größeren Sterns vorstellt, dann lässt das überwältigende Himmelszeichen noch mehr ahnen, was für ein bedeutungsvolles Ereignis in dieser bescheidenen Behausung gerade stattfindet.

Das Bild lädt ein, einengende und leer gewordene Räume zu verlassen und uns wie die Weisen aus dem Osten dem Licht folgend auf die Suche nach Jesus zu begeben. Es fordert auf, unsere kleinformatigen Vorstellungen immer wieder über Bord zu werfen, weil Gott anders und größer denkt und handelt als wir. Es ermutigt, den Blick zu heben, aufzuschauen und das Licht zu sehen. Hier ist Bethlehem, das Haus des Brotes, das Haus des Lebens. In die bescheidene Hütte ergießt sich die Fülle des Lichts, des Lebens (Mi 5,1) und des Heils. Der palastähnliche große Raum bleibt leer (vgl. Lk 1,53). Diese beiden Sinnbilder dürfen wir uns zu Herzen nehmen: Gott ist uns gerade in den größten Dunkelheiten nahe. Und er liebt es, im Kleinen und Unscheinbaren geboren zu werden und da zu sein.

Raum voller Erwartung

Ein abgewinkelter großer Raum ist sparsam mit einem Bett, einem einfachen Tisch und zwei Stühlen bestückt. Durch die vier Möbelstücke wird der Raum zu einem Ort der Begegnung und des Austausches. Doch der Raum ist menschenleer. Er erinnert an die Zeit der Covid19-Pandemie, in der direkte und persönliche Begegnungen untersagt wurden, um Ansteckungen zu vermeiden. Der Kommunikationsort vereinsamte und blieb dadurch „ohne Sprache”, wie die Künstlerin das Bild benannt hat.

Doch das Bild ist keineswegs sprachlos. Es wirkt durch seine stillen vierbeinigen Akteure als auch durch das Wechselspiel von Schatten und Licht. Die leeren Stühle sind zwar nicht besetzt, aber durch ihre Zuwendung erscheinen sie wie miteinander im Dialog. Als außenstehender Betrachter meint man sie sprechen zu hören. Ob sie vom Licht sprechen, das hinter ihnen an der Wand aufleuchtet und sich darunter in der Sitzschale des einen Stuhls spiegelt? Dieser ordentlich an den Tisch angeschobene Stuhl lässt auf den zweiten Blick feststellen, dass der andere Stuhl einladend weggedreht ist.

Vorerst ist es nur das Licht, das durch die Fenster von rechts oben den Raum besucht. Wie zwei abstrakte Bilder projiziert es große Rhomben auf die Wand hinter der Sitzgruppe und hellt den halbdunklen Raum in der vorderen Hälfte auf. Der größte Helligkeitskontrast entsteht an der Außenecke im Übergang zum Korridor, der nach hinten in die absolute Dunkelheit führt. Gleichsam als Gegenüber zum Hell-Dunkel-Kontrast kann die geschlossene Türe im Hintergrund als Pendant zum lichtdurchlässigen Fenster auf der rechten Seite gesehen werden.

Das fotorealistisch gemalte Bild lässt durch seine geheimnisvolle Stimmung vielfache Assoziationsmöglichkeiten und unterschiedliche Sichtweisen zu. Es kann einfach als Wartezimmer oder Pausenraum gesehen werden, in dem das Licht still und geheimnisvoll mit dem Raum und den wenigen Möbelstücken spielt. Andererseits belebt gerade dieser flüchtig vorüberziehende Lichteinfall die Stille des Raumes. Für jene, die das Licht sehen und wahrnehmen, könnte der Moment – mit Heidegger gesprochen – zu einer “Lichtung des Lebens” werden. Es ist der Einbruch einer anderen Wirklichkeit in die irdische Wahrnehmbarkeit. Aber im Gegensatz zu Platons Höhlengleichnis muss der Mensch nicht aus dem Dunkel ins Licht hinaufsteigen, sondern das Licht kommt zum Menschen. Das Licht besucht gleichsam die menschliche Behausung, seine Leere ergründend, das Mobiliar umspielend, den Menschen suchend. Es ist ein Licht, das den Raum gleichsam fragend abtastet, ob da jemand ist, der für das Licht empfänglich ist.

So zentral wie das Licht und das Mobiliar inszeniert sind, wäre es ein zum beginnenden Advent passendes Gedankenspiel, im Bild eine in die heutige Zeit versetzte Verkündigungsszene zu sehen. Geheimnisvoll vergeistigt liegt die Botschaft in der Stille des Raumes, in der symbolischen Bildsprache wortlos das Unfassbare zum Ausdruck bringend. Die beiden Stühle laden förmlich dazu ein, sie gedanklich mit Maria und dem Engel zu „besetzen” – wobei es offen bleibt, wer auf welchem Stuhl sitzt.

Auf der persönlichen Ebene weiter gedacht könnte das Bild dann eine Anfrage an mich als Betrachter sein, ob ich im Innern bereit bin, das göttliche Licht zu empfangen und wie Maria mit ihm „schwanger zu werden“, um es dann für alle sichtbar als Licht-Gestalt „zur Welt zu bringen“. Es könnte insbesondere eine Einladung sein, mich an IHN zu wenden mit der Bitte, mit seinem Licht meine Gedanken zu erhellen und mir zur richtigen Zeit sein Wort zu schenken, das meine Sprachlosigkeiten überwindet.

Wurzeln des Lebens

Herbstlich leuchten die Farben rund um die knorrigen Stämme und Äste dieses Baumes. Die dichte Krone ist mehrheitlich noch grün, doch einzelne Bereiche haben sich bereits kastanienbraun und weinrot gefärbt. Am Boden finden sich die gleichen Farben in den heruntergefallenen Blättern wieder, angereichert mit den Gelb- und Orangetönen aus dem Zwischenbereich.

Denn zwischen und seitlich der Stämme flutet von hinten warmes, gelbes Licht in das Bild, die Silhouette der Hölzer hervorhebend, die Krone erhebend, die Blätter am Boden erleuchtend. Die Verwandlung lässt die beiden Bäume tanzen, so dass sie auch wie ein sich einander zuneigendes, sich umarmendes Paar wirken. Von innen her leuchtend, nach außen hin strahlend. Die innere Glut lässt sie zu einer Einheit werden und ungeachtet der gebogenen Stämme Stärke und Stabilität ausstrahlen.

Verborgen im Bild bleiben die Wurzeln, welche die Bäume mit Lebenskraft versorgen und ihnen Halt geben. Sie sind entscheidend für die Aufnahme der Lebenswerte aus der Umgebung: dem Boden, der Luft, der umstehenden Vegetation. Dynamisch fließt die Energie durch die bizarren Stämme von den Wurzeln in die Krone.

Durch den Titel „Wurzeln des Lebens“ stellen sich die Fragen nach unseren Wurzeln, welche das Leben im Ganzen, aber auch unser ganz individuelles Leben ausmachen. Auf welche Art und Weise nehmen wir neben dem täglichen Essen und Trinken Lebensmittel und -werte zu uns, welche uns aufblühen lassen, die unser Leben stark machen und mit denen wir anderen Halt geben können?

Es geht nicht nur um die Kraft- und Lebensquellen, sondern um die Fähigkeiten, zu diesen zu gelangen, sie für uns zu erschließen und sie in Lebensenergie zu wandeln. Als Verbindungen nach außen graben sich Wurzeln in den Untergrund oder in unbekannte Gebiete vor auf der Suche nach Nahrungsmitteln aller Art. Je besser der Baum oder das Lebewesen dann vernetzt ist, desto besser ist seine Lebensqualität in guten Zeiten und seine Überlebenschance in schlechten Zeiten.

Das tief zwischen den Stämmen durchbrechende Licht erinnert an die ersten Strahlen der kraftvollen Morgensonne, das als Schöpfungslicht den Tag vollends zum Leben erweckt. Es macht auf die immateriellen Werte aufmerksam, die wir zum Leben brauchen. So wie Jesus sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4) Sein Wort bringt Licht in unsere Dunkelheit, es ist Zuspruch, Halt, Freude, Leben und vieles mehr. Jedes gute Wort motiviert, stärkt, belebt, verbindet. Deshalb sollen wir unser Herz und unseren Geist für es offen halten und danach dürsten.

Die Bäume von Bernd Zimmer sind bis zum 27. Januar 2024 in der gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Thomas in München zu sehen.

 

Durchgefallen

Fallende Marienfiguren: Von irgendwoher nach irgendwohin. Vor oder unter einem cyanblauen Himmel. Mutter mit Kind im Taumel. Weder Jesus noch zum Gebet gefaltete oder andere segnende Hände vermögen einen Halt zu geben. Eine Statue nach der anderen fällt im luftleeren Raum des Dazwischens. Noch sind die Figuren ganz, doch irgendwann werden sie aufschlagen und in viele Stücke zerspringen.

Verlangende, haltsuchende Arme und Hände kreuzen die vertikale Fallbewegung. Es sind anonyme Greifarme, welche versuchen einer der Marienfiguren in der Bildmitte habhaft zu werden. Sie zu halten, festzuhalten, behalten zu können. Doch die Figuren scheinen den kraftlosen Händen schon nach kurzer Zeit zu entgleiten und ihren Fall fortzusetzen.

Ein Bild des Elends!

Auf der horizontalen, irdischen Ebene die vom Leben gebeutelten Arme, die nach Zuwendung, Leben, Liebe und Nahrung hungern, die Nackten, die keine Kleider und kein Hab und Gut haben, die Heimatlosen, Vertriebenen, die nach Halt und Geborgenheit, einem Ort zum Leben suchen.

Auf der vertikalen Achse die Himmel und Erde verbindende Vertreterin der Katholischen Kirche in vielen Ausführungen: Maria. Sie steht für Religion und Spiritualität. Sie ist durch ihren Glauben und ihr Da-Sein für Jesus und die Gläubigen ein hervorragendes Vorbild für die Christen.

Aber weder ihr Angebot noch das der Kirche(n) scheint zu greifen. Kein Handschlag kommt zustande, kein Begreifen, Zugreifen, Festhalten. Die Kirchenvertreterin und mit ihr symbolisch alle Kirchenvertreter fallen durch. Noch sind die Figuren makellos. Doch was passiert, wenn sie aufschlagen?

Ein Kreuz!

Auf der einen Seite das ungesättigte Verlangen der unzähligen, namenlosen Arme. Auf der anderen Seite das über Jahrhunderte tradierte Angebot der Kirchen, das bei vielen Menschen immer weniger ankommt, weil es nicht mehr den Bedürfnissen unserer Zeit entspricht.

Die Kirche wird im Bild durch die vom Sockel gestoßenen Marienstatuen als kalt, versteinert, bewegungslos und handlungsunfähig dargestellt. Ein kritisches Bild, das anfragt, wie die Kirche mit ihrer Haltung und ihrer Theologie Antworten auf die heutigen Fragen und Bedürfnisse geben kann, damit ihre Worte und Handlungen bei den Heilsuchenden und allen sich nach Lebensfülle Sehnenden wieder ankommen, greifen und eine feste Verbindung mit Gott schaffen.

Betreten verboten

Als Betrachter des Bildes wird man in die Position des zu dieser Glashalle Zugang Suchenden versetzt. Doch vier rot-weiße Einfahrt-Verbots-Zeichen auf den sich überlappenden, transparenten Plastiklamellen verbieten den Eingang und Durchgang.

Die Zeichen „Betreten verboten“ stoppen den Schritt des Dahineilenden und lassen ihn nachdenklich Innehalten, warum ihm der Eintritt verwehrt wird, wieso er draußen bleiben muss. Es sind doch nur Pflanzen in diesem Gewächshaus.

Doch der enge Eingang mit den gitterartigen Fensterstreben und das rundum verglaste Gebäude machen aus dieser Palmensammlung einen geschützten Garten, einen Hortus conclusus, der an ein verlorenes Paradies denken lässt, konkret an den von Engeln bewachten Garten Eden (vgl. Gen 3,24). Wirken die weißen Streifen der sich überlappenden Plastiklamellen nicht wie Gitterstäbe und vergegenwärtigen sie nicht gleichzeitig etwas Immaterielles, Engelhaftes, das den Zugang verwehrt?

Aber nicht nur der Zugang ist verwehrt, auch der Durchgang. Der Sandweg ist zwar frei und lädt zum Beschreiten ein, um durch die lichterfüllte Halle hindurch zum Licht selbst zu gelangen. Doch erscheint der Boden instabil verschwommen wie erdig verschmutztes Wasser, das gerade den paradiesischen Palmengarten flutet und das einzigartige Paradies gefährdet.

Trotz aller Schutzmaßnahmen bleibt die Schöpfung also bedroht. Sie kann sich oft nur erholen und regenerieren, wenn der Mensch als Störenfried draußen bleibt und aufhört, die einzigartigen Schätze der Natur auszubeuten. In Zeiten der bedrohten Schöpfung deutet das Bild auch an, dass lokale Rettungsaktionen gut und wichtig sind, aber diese nur nachhaltig Erfolg haben können, wenn global ein Umdenken stattfindet hin zu einem ethischen und verantwortungsvollen Handeln jedes einzelnen: Durch Ressourcenschonung, durch das Unterlassen aller menschen- und umweltschädlichen Produktionen und im Respekt vor der Natur, indem wir ihr Ruhezonen lassen, in denen sich Pflanzen und Tiere frei in ihrem natürlichen Lebensraum entwickeln können. Sie haben genauso ein Recht darauf wie wir Menschen. Doch dafür müssen wir lernen, die vielen kleinen Zeichen „Betreten verboten“ zu sehen und zu respektieren.

 

Das Kunstwerk ist im Original in der Gemeinschaftsausstellung “Es werde” – Kunstwerke im Spannungsfeld von Kreativität und Verantwortung zu sehen, die bis zum 15. Dezember 2023 in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg Werke von 39 Künstler*innen zu diesem stets aktuellen Thema versammelt.

Der Schatz

Warme Farben als auch formale Kontraste ergeben eine faszinierende Spannung. Wie unter einer Brücke stehen fünf dunkle Gestalten am Fuße einer gewaltigen Rechteckkonstruktion. Helle Rechtecke heben Ihre Konturen hervor und schaffen zusammen mit den Lichtpunkten über ihnen eine geheimnisvolle Atmosphäre.

Die Menschengruppe scheint sich nicht zu verstecken, sondern ganz entspannt einen Überraschungsfund zu betrachten. Ein Licht funkelt in der Hand der Gestalt rechts vorne, als hätte sich ein Stern auf ihr niedergelassen. Ganz klein und im Vergleich mit der imposanten Kulisse unscheinbar ereignet sich in dem Bild das Wunder: in der Dunkelheit der Nacht und eher zufällig hat es sich in die Hand eines Menschen gelegt. Eines der vielen Lichter über der Gruppe hat sich in ihrer Mitte niedergelassen. Eine der großen Himmelssonnen hat sich greifbar klein und unbegreiflich nah gemacht. Es ist, als wäre inmitten der Menschen ein himmlisches Licht aufgeleuchtet.

Was für ein Schatz! Klein wie ein Edelstein, funkelnd wie ein Stern. Lichte Unfassbarkeit. Wie um von seiner Erhabenheit zu erzählen, entfaltet sich das Bild von ihm aus diagonal nach oben. Das große helle Rund symbolisiert eine göttliche Präsenz und bildet ein Pendant zu den in einem irdisch eckigen Raum sich befindlichen dunklen Personen. Wohlwollend gegenwärtig scheint die Lichtkugel vor der warmen Konstruktion des Hintergrundes. So ist sie ganz nahe und kann gleichsam „um die Ecke“ schauen, wie die fünf Menschenkinder mit dem ihnen anvertrauten Schatz umgehen werden. „Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ (Lk 12,34)

Der gelb-orange leuchtende Pfeiler und die stufenartigen Querverbindungen deuten ein tempelähnliches Gebäude an, das dazwischen den Raum füllende Rot und Purpur kündet von einer majestätischen Anwesenheit. So leuchtet im Kleinod die königlich-himmlische Herkunft auf.

Faszination, Staunen, Ehrfurcht und Glück, etwas Besonderes gefunden zu haben, muss die fünf Menschen beim Anblick dieser Kostbarkeit erfassen. Was für ein Geschenk, was für ein Schatz: sichtbar gewordene göttliche Gnade – durch ihre Herzen in ihre Mitte hineingetragen. „Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund“ und seine Hände. Denn „der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor“, indem er es mit den anderen teilt. (Lk 6,45) Dadurch wird der Schatz nicht kleiner, sondern größer und wertvoller.

Entfernt erinnert die Szene an den weisen Simeon, der „auf den Trost Israels“ wartete. Als die Eltern mit Jesus in den Tempel kamen, nahm er das Kind in die Arme und pries Gott mit folgenden Worten: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,29-32) Vom Heiligen Geist geführt sah er in Jesus viel mehr als das kleine Kind. Das lange erwartete Licht (vgl. Jes 9,1) ist in seinen Armen aufgeleuchtet und erfüllt nun als bleibender Schatz sein Herz.

Spitzenidee

Über einer ordentlich ausgebreiteten Spitzendecke flattern Tauben in den tiefblauen Bildraum. Sich von der ausfransenden Spitzendecke losreißend erwecken sie den Eindruck, soeben eine Metamorphose durchgemacht zu haben und die letzten Fäden und Verbindungen zu den netz- und nestartigen Strukturen unter und hinter sich zu lassen.

Doch die befreienden Flügelschläge in eine dahinter liegende grenzenlose Freiheit sind nur möglich, wenn man die Spitzendecke nicht als auf einem festen Untergrund liegend betrachtet, sondern als filigranes, senkrecht und freistehendes Objekt, das zwischen dem Dies- und dem Jenseitigen steht, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Jetzt und dem Kommenden. In dieser Perspektive ist ein Überwinden der Begrenzung und gleichzeitig ein Abtauchen in die Tiefen des Hintergrundes möglich.

Wahrscheinlich ist diese andere Betrachtungsweise das Momentum, in dem eine Spitzenidee geboren wird. Sie entspringt der alltäglichen Lebenswelt als geniale Inspiration. Sie ist ein gedanklicher Geistesblitz, der uns elektrisiert und uns motiviert, Dinge zu denken oder zu tun, die wir uns in den kühnsten Gedanken nicht zugetraut hätten. So gesehen sind Spitzenideen Überflieger, die uns abheben lassen vom Bisherigen, die uns durch ihre ungeheure Kraft zuversichtlich aufbrechen lassen in das Ungewisse.

Eine Spitzenidee gleicht von ihrer Dimension her einem winzigen Senfkorn, aus dem ein großer Baum wachsen kann (vgl. Mk 4,31-32). Der Spitzenidee wohnt die Dynamik inne, die eine Idee zu einem Gedanken werden lässt, der immer größer und konkreter wird, bis man merkt, dass sie wie Flügel das Körpergewicht tragen kann. Spitzenideen sind voller Zuversicht und verleihen die nötige Kraft, sich vom Bisherigen loszureißen und abzuheben in eine ungebundene, verstrickungsfreie Lebenswelt, die offen ist für alles Mögliche. Was trägt, ist die Luft, was bewegt, sind der Wind und die Flügelschläge.

Spitzenideen wohnt eine geradezu magische Begeisterung inne. Plötzlich sind sie da und geben dem Leben einen energetisierenden, kraftvollen Aufwind. Ein prickelndes Gefühl, etwas Einzigartiges zu erleben, das es so noch nicht gab und so nicht wieder kommen wird. Die Erlebnisindustrie hat dieses Bedürfnis nach dem Ungewöhnlichen und Besonderen schon lange für sich entdeckt.

Doch wie wäre es, solche Spitzenideen aus sich selbst heraus entstehen oder entspringen zu lassen? Hat Gott nicht allen Menschen seinen Heiligen Geist geschenkt, damit wir alle immer wieder neu sehen und denken können, frei werden für von der Norm ver-rückt-e Ideen, welche die Welt zum Guten verändern und erneuern? Grundlage wäre demzufolge eine Zuwendung zu dieser spirituellen Kraft, ein Sich-dem-Heiligen-Geist-Öffnen, damit wir von der Leistung aus eigener Kraft mehr und mehr wegkommen und aus der Verbundenheit mit dem göttlichen Geist die Welt wahrnehmen, denken, für sie entscheiden und in ihr handeln.

Dieses geistige Beschenkt-Werden ändert die Perspektive, so dass die Hingabe an einen Menschen oder eine Tätigkeit nicht als Last, sondern als Geschenk empfunden werden kann. Solch ein geistiger Perspektivenwechsel ist eine Spitzenidee. In der Hingabe an einen Menschen, im Ganz-bei-ihm-/bei-ihr-Sein, in der Hingabe an eine Tätigkeit, sei es ein Handwerk oder ein Hobby, in das man sich vertieft, wird man in eine andere Welt entrückt und emporgehoben über Zeit und Raum. Man lebt in der Be-Geist-erung und wird von dieser getragen und beflügelt.

Geistige Sprengkraft

Kraftvoll leuchtet weißes Licht aus dem zentralen Kreis in den Bildraum hinein. Ununterbrochen strömt es dem Betrachter entgegen. Die Lichterscheinung gleicht einer Sonne, doch strahlt sie in ihrer Reinheit eine unfassbar tiefe Unendlichkeit, Weisheit und Erleuchtung aus.

Strahlenförmig breitet sich das Licht aus: Zuerst unscharf, dann gelbe und rote Farben annehmend und schließlich formt es sich zu nach außen fliegenden, gezackten Blüten – der Gesamterscheinung nach an eine Pusteblume erinnernd. Wenn die Blüte des Löwenzahns verblüht ist, schließt sie sich zur Verwandlung und öffnet sich erneut als Pusteblume. In etwa zwei bis drei Tagen reifen im Verborgenen bis zu 300 Samen pro Blüte und auch die kleinen Stiele und Härchen wachsen. Bei trockenem Wetter öffnet sich die Blüte wieder als Pusteblume mit den vielen konzentrisch angeordneten Federbüschen oder Flugschirmen.

Diese im Bild nach außen fliegenden Federbüsche, welche die Samenkörner des Löwenzahns in sich tragen, besitzen eine gewaltige Sprengkraft. Zum einen hat die übergroße Fülle an Samen ein gewaltiges Potential, zum andern sprengen die haarigen Flugschirme mit ihrer Stoßkraft den die Mitte umgebenden schwarzen Ring. Bedrohlich dunkel, dick, massiv und gefühlt unzerstörbar hatte er das Licht abgeschirmt und das Leben an seiner Ausbreitung gehindert. Doch die federleichten Samenträger sprengen das Angst, Mutlosigkeit, Resignation und Aussichtslosigkeit auslösende Bollwerk der Begrenzung und Einschüchterung und folgen mit dem Licht ihrer Bestimmung, Leben in die Welt zu bringen. Vom Geist Gottes erfülltes Leben!

Bildhaft bringt die Künstlerin die an einem Ort versammelten, verängstigten und mutlosen Jünger zum Ausdruck, die durch Gottes Geist ermutigt und befähigt wurden, in die Welt hinauszugehen und den Menschen in ihrer Muttersprache das Evangelium zu verkünden (vgl. Apg 2,5-11). Die Samen tragenden Flugschirme verdeutlichen ihre Sendung, Gottes Wort als Multiplikatoren zu den Menschen zu tragen, damit es in ihrem Lebensfeld einem Samen gleich reiche Frucht bringe (vgl. Mk 4,20): Lebensfreude, Begeisterung, Freiheit. Die netzartige Hintergrundstruktur lässt ein Beziehungsnetz wahrnehmen, das daraus wächst und in der Tiefe Halt gibt

Das Pfingstereignis wird hier symbolisch als Fest der Bewegung, der Befreiung und der Erneuerung inszeniert. Es gibt keine verschlossenen Bereiche mehr. Kirche wird hier als ein von Gott her bewegter Raum der Veränderung dargestellt, stets im Auf- und Ausbruch über sich hinauswachsend, auf die Menschen und ihre Bedürfnisse eingehend. Ein Raum mit Leucht- und Sprengkraft – weit über die menschlich engen Sichtweisen und Verständnismöglichkeiten hinaus, der alle Grenzen immer wieder überwindet. In diesem Sinne ist es notwendig, auch auf die Kirche nicht die eigenen engen und moralischen Vorstellungen zu projizieren, was sie zu sein und zu leisten habe, sondern selbst in irgendeiner Weise einen Beitrag zu leisten und damit einen Samen für einen Neubeginn zu säen.

Offen für das Unvorstellbare

Von den Farben fasziniert schweift der Blick kreuz und quer über die drei Blätter dieses Triptychons, um einen Anhaltspunkt für das Verstehen dieser expressiven Farbenfülle zu erhalten. Insbesondere die Seitenflügel geben neuartige Formen wieder, Verdichtungen, die man so vorher noch nicht gesehen hatte. Allen drei Darstellungen gemeinsam sind die offenen Kreise und die verschiedenfarbig gekritzelten Flächen, die sich ganz unterschiedlich entfalten. Zeichnerisch hat das Kritzeln seine ganz eigene Bedeutung: Es ist das Loslassen von der konkreten, körperhaften Form und das Sich-Hineinbegeben in einen vorbewussten Zustand, der offen ist für das Neue und Außer-Ordentliche.

Das mittlere Blatt lässt die Umrisse eines menschlichen Körpers erkennen: Kopf, Oberkörper, Becken, Beine und Knie, aber keine Arme. Die aufrechte, leicht nach vorn gebeugte Gestalt erscheint ohne Bezug zu einem weiteren Objekt vor dem hellen Hintergrund in einem schwebenden Zustand. Durch ihre Körperhaltung kann in ihr sowohl ein Gekreuzigter als auch ein aufgestellter Liegender gesehen werden. Die leeren Formen lassen auf eine vergangene Existenz schließen, die eine Verwandlung erfährt zu einer Fülle, die im neuen Element der Farbfelder ihren Ausdruck findet (vgl. 1Kor 15,51). So kann die Gestalt als eine geistige Existenz gesehen werden, die nur noch mit einem auslaufenden Strich wie mit einer Nabelschnur mit dem Irdischen verbunden ist. Im Innern nur Licht (gelb) und Leben (grün). Nichts Körperhaftes. Den Himmel im Rücken.

In den äußeren beiden Blättern findet sich die Kreisform des Kopfes wieder. Sie lässt in den personalisierten Gestalten engelhafte Wesen erkennen (vgl. Lk 24,4; Joh 20,12), welche die neue Lebensfülle ausstrahlen. Sie umrahmen ein einzigartiges, unvorstellbares, geradezu unglaubliches Geschehen: Jesus, der Gekreuzigte und Verstorbene lebt! Im zentralen Bild ist der Lebende sowohl in der Haltung des Gekreuzigten und im Tode Liegenden wiedergegeben wie auch als stehender, zum Leben auferweckter und von Leben erfüllter Mensch.

In seinem Leib keimt das Leben wie bei einem aus einem Samenkorn herauswachsenden Keimling. Es ist nicht das alte Leben, das zu neuem Leben erwacht. Das alte Leben, der alte Leib ist gestorben (vgl. 1Kor 15, 35-38). Doch genau dadurch konnte Neues entstehen: Neues Leben, neue Entwicklungen, neue Beziehungen und  Strukturen, symbolisiert durch die unaufhaltsam sich ausbreitenden Farben. Die Farben tanzen gleichsam durch das Triptychon, springen auf den Betrachter über und erfüllen ihn mit Freude.

Das Triptychon erzählt von der Erneuerungskraft, die der Auferstehung Christi innewohnt. Es zeugt von der gewaltigen Verwandlungsbereitschaft Gottes, aus Totem Lebendiges auferstehen zu lassen. Die drei Blätter wecken auch die Sehnsucht nach Verwandlung und Erneuerung in der Kirche hin zu einem geschwisterlichen Miteinander als Kinder Gottes aus der Besinnung auf die ursprünglichen Inhalte. Daraus wächst das Vertrauen in die Kraft Gottes, aus tot Geglaubtem Leben hervorbrechen zu lassen, das Unvorstellbare neue Wirklichkeit werden zu lassen und die Kirche Jesu Christi wieder zum Blühen und Strahlen zu bringen.

Dunkelheit

Hängend der Mensch
gekreuzigt des Menschen Sohn
erhöht – und doch erniedrigt
reduziert auf Arme, Kopf und Brust
Dunkelheit ist in ihm
belastende Schwere, erdrückende Macht
alle individuellen Züge sind weg
stellvertretend
für alle
nimmt er alles Leiden auf sich
allen Schmerz
alle Einsamkeit

Das Kreuz
ein Pfahl – ein Querbrett
ein Marterpfahl
ein Folterinstrument
um zu quälen
das Lebenslicht langsam auszulöschen
jeden Atemzug zu ersticken
bis zum Tod

Darüber
erdrückend groß
das schwarze Rund
noch mehr Schwarz
schwer lastend
Unheil über dem Gekreuzigten
in seinen Rücken, in seinem Nacken sitzend
abstrakte Form, Kreis, rund, hell: Ein Symbol für Gott?
schwarz verhüllt, von Nacht umgeben
die dunkelste Stunde Gottes: Sein Sohn stirbt am Kreuz

Dunkle Verbundenheit
doch innen hell
Nähe trotz des Gefühls der Verlassenheit
mitleidend in jeglicher Dunkelheit
Lichtblick trotz menschlicher Verlassenheit:
Kontrapunkt und Hoffnung des Lebens

Polyphones Zusammenspiel

Außergewöhnlich präsentiert sich die abstrakte Farbkomposition auf dem mehrteiligen Untergrund. Die aus je vier Stabhölzern verleimten Bretter bilden vier individuell bemalte Hochformate, die durch einzelne Bildelemente über die dunklen Abstände hinweg miteinander zu einem Ganzen verbunden sind.

Gegliedert durch drei Fugen schimmern die Stöße, Risse und Strukturen des Holzes durch den lasierenden Farbauftrag und spielen dadurch so etwas wie eine Hintergrundmusik, welche die Gesamterscheinung wesentlich beeinflusst. Der wiederverwendete Malgrund und der neue Farbauftrag mit dem vielgestaltigen Linienspiel treten als fast gleichwertige Partner auf.

Während die dunklen Zwischenräume trennen und gliedern, verbinden waagrechte und diagonale Geraden die einzelnen Hölzer. Sie bilden unten eine breite Basis und führen über verschiedene Diagonalen zur Mitte und in die Höhe. Farblich wird die Komposition zum einen von den beiden blauen Flächen auf den äußeren Hölzern zusammengehalten, zum anderen durch die grünen und roten Farbaufträge, die sich in intensiver Form unten in der Mitte finden und abgeschwächt überkreuzt im oberen Bereich der äußeren Hölzer. Über alle vier Tafeln tanzen gelbe Flächen auf und ab und verleihen der Komposition etwas Lebendiges und Fröhliches. In ihrer Mitte wird oben ein nur wenig bemalter Bereich frei, der einen Blick darüber hinaus ermöglicht.

Die sorgfältig orchestrierten Farbflächen erinnern bisweilen an eine geistige Landschaft, in der das Sonnenlicht alles Sichtbare in farbige Facetten fragmentiert. Mehr jedoch entzieht sich die Komposition der konkreten Zuordnung der Einzelelemente. Es bleibt ein fröhlicher, meditativer Farbklang, eine bezaubernde Harmonie, in der die einzelnen Erscheinungen auf wundersame Art und Weise miteinander in einen spielerischen Dialog treten, in dem sich Frage und Antwort bzw. Feststellung und Folgerung die Hand geben.

Das Farbenspiel meditierend kann in dieser geistigen Landschaft eine Verbindung zu den Seligpreisungen gesehen werden. Die wiederverwendeten Abfallhölzer, die einfach an die Wand gelehnt am Boden stehen, vereinigen in symbolischer Form einiges von den Menschen, die Jesus seligpreist. Die vom Künstler über sie gelegten Farben können dann als göttliche Verheißung gedeutet werden, dass sie weder vergessen noch verloren sind, sondern gesehen werden und einen Lohn empfangen, der weit über das Vorstellbare hinausgeht.

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.
(Mt 5,3-12)

 

Arbeiten von Albert Mellauner waren im Frühjahr 2023 in der Ausstellung “Farbrhythmen” in der Hofburg Brixen zu sehen.

Seine Herrlichkeit schauen

Das mit Symbolen gestaltete Bild lädt von oben nach unten zur Betrachtung ein. Doch der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Krippe: Sie bzw. der in ihr Liegende weist den Weg, zum Verständnis und das Licht des Johannesprologs (Joh 1,1-18) beleuchtet ihn zusätzlich.

Im dunklen Querbalken sind Schriftzeichen zu sehen. Sie deuten das göttliche Wort an: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.“ (Joh 1,1-2) Da Gott nicht darstellbar ist, sehen wir nur schriftähnliche Zeichen als Symbol für den göttlichen Logos. Der Balken selbst kann dabei als sichtbares Moment einer ewigen und gleichbleibenden Präsenz in der Schöpfung interpretiert werden.

Darunter entfaltet sich vor dem blauen Dreieck die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn. „Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,3-4) – Es ist ein trinitarisches Geschehen, ein Zusammenwirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist. In der großen Sonne klingt die Unendlichkeit Gottes an und dass er die Quelle des Lebens und des Lichtes ist. Der kleinere untere Kreis weist durch die Überschneidung und die gleiche Form auf die Gottheit Jesus hin. Er ist der Einzige, der „am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18). Der nach unten versetzte Kreis macht auch deutlich, dass er sich entäußert hat, um uns Kunde zu bringen von der Gnade und der Wahrheit Gottes. Seine Geburt ist eine Sternstunde der Menschheit und der Schöpfung. Gott wird Mensch: Seine ganze trinitarische Fülle ergießt sich „Gnade über Gnade“ in unsere menschliche Armut, dargestellt durch die nach oben geöffnete Krippe. „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12) Die Krippe ist gleichsam die Antwort des unteren dunklen Balkens auf die vom oberen Balken ausgehende Frage.

Weder das Jesuskind noch Maria, Josef oder sonst jemand sind an der Krippe dargestellt. Nur zwei blaue Flügel deuten eine Anwesenheit von himmlischen Wesen an – seien es die Engel der Heiligen Nacht oder den Geist des Johannes. Letztlich sind es zwei Präsenzen, die das Geschehen wohlwollend begleiten.

Alles zwischen den beiden Kontinuen am oberen und unteren Bildrand ist in ein warmes, goldgelbes Licht getaucht. In dieser mystischen Vision der Menschwerdung Gottes symbolisiert auch es die Materialisation: vom farblosen Licht zum von Farben, Gefühlen und damit vom Leben erfüllten gelben Licht. Im Licht gießt sich Gott symbolisch in die ganze Schöpfung aus. Im Licht offenbart er sich allen wesenhaft in seiner grenzenlosen Güte, Wärme und Freude. Es verweist immateriell auf Jesus, der von sich sagt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ (Joh 9,5)

So abstrakt-symbolisch das Bild auch ist, letztlich wissen wir nur durch die geschichtlich konkret gewordene Person Jesu so viel über Gott und seine grenzenlose Liebe zu uns. Wir leben jeden Tag in der Erwartung Ihn zu sehen und Sein Erbarmen und Sein Heil zu erleben, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14)

anwesend

Der Bildausschnitt führt den Betrachter zeitlich in die Nacht und räumlich in ein Zimmer mit einer offenen Balkontüre. Der Blick wandert über einen bläulich schimmernden See, der von einem Hügel begrenzt wird, hinauf in den türkis-nebligen Himmel, der etwa gleich viel Raum wie der See einnimmt.

Die einzige Lichtquelle im Bild ist die Reflexion des Mondscheins auf der Wasseroberfläche. Der angeschnittene Kreis lässt uns das Licht als sichtbare Hälfte eines unsichtbaren Ganzen wahrnehmen. Ungefähr in der Bildmitte positioniert erfüllt der Widerschein des Mondes alles gerade mit so viel Licht, dass die Landschaft und das Haus noch in unscharfen Konturen und dunklen Farbtönen wahrnehmbar sind.

Das Zimmer selbst ist in Dunkelheit gehüllt. Nur durch die große Öffnung werden die linke Wand mit der Balkontüre und der Boden schwach beleuchtet. So wirkt das Zimmer wie ein Rahmen für den nächtlichen Ausblick auf den mondbeschienenen See und macht diesen zu einem Blick ins Licht.

Es sind Elemente wie der Glanz des Sees oder der wolkig schattierte Himmel mit den grünlichen und rötlichen Lichteffekten, die zur wohltuenden Ruhe und dem tiefen Frieden im Bild beitragen. Harmonie geht von der flächig ausgeglichenen Darstellung von Wasser und Himmel aus und im Gegensatz zur Nacht und dem See ist hier im höhlenartigen Gemäuer Geborgenheit erfahrbar. „Durch die Sanftheit der Übergänge, den weichen Schmelz im Spiel mit Licht und Schatten, das glimmende Geheimnis magischen Farbdunkels bieten die Nachtstücke […] dem Betrachter einen nächtlich warmen Resonanzraum, in dessen Geborgenheit er mit seinen eigenen Empfindungen eintauchen, in den er sich wie in einen dunklen Mantel einhüllen kann.“ (Dr. Barbara Renftle in: „umnachtet-bestirnt – Das Nächtliche in der Kunst“, Stiftung BC – pro arte 2022, S. 46)

In der Stille einer solchen Nacht sind durchaus Gotteserfahrungen möglich. Durch das die Nacht erhellende und sich im See spiegelnde indirekte Mondlicht wird eine starke unsichtbare Gegenwart angedeutet, auch wenn die Lichtquelle selbst nicht zu sehen ist. Der Psalmist hat die Anwesenheit Gottes so stark erfahren, dass er zu Ihm sagen konnte: „Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, / die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“ (Ps 139,12) Das Wasser und die Nacht können dazu beitragen, dass der dunkle Raum als Zufluchtsort und Schutz erlebt wird, Eigenschaften, die gerne Gott zugeschrieben werden: „Da wurde mir der HERR zur Schutzburg, mein Gott zum Fels meiner Zuflucht.“ (Ps 94,22) Das gibt Kraft und Zuversicht, den Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens zu begegnen und sie mit Seinem Beistand auszuhalten und zu überwinden in der Gewissheit, dass der Nebel sich lichten und ein neuer Tag anbrechen wird.

 

Das Bild war in der Themenausstellung „Umnachtet – bestirnt: Das Nächtliche in der Kunst“ bis zum 25. November 2022 in der Galerie der Stiftung BC – pro arte, Biberach zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit allen Werken und einer umfassenden kunstgeschichtlichen Einführung der Kuratorin Dr. Barbara Renftle erschienen.