Glauben

Geheimnisvoll verbirgt und offenbart diese mehrteilige Arbeit Wesentliches des christlichen Glaubens. Die Heiligkeit des einen dreieinigen Gottes ist aus der Anordnung und Farbgebung der einzelnen Teile herauszuspüren.

In ehrfurchtsvoller Distanz, fernab von allen an Menschen und die Schöpfung erinnernden Symbolen „schwebt“ zentral auf einem blauen Grund ein goldener Ring: Symbol für den einen ewigen Gott, seine Herrlichkeit, seine Liebe, seinen Bund mit den Menschen. Dieses Mittelfeld lebt durch die diagonale Schattierung, die an einen Nachthimmel denken lässt. So unbegreifbar Gott auch ist, dem Gläubigen offenbart er sich als naher Gott – und nicht nur in dunklen Zeiten – als sinnstiftendes und Orientierung gebendes Licht (vgl. Ps 23; Joh 8,12 u.a.).

Die Seitenflügel sind symmetrisch aufgebaut. Das untere Drittel bedecken abstrakte Formen, die mit pastoser Farbe aufgetragen worden sind. Sie vermitteln Chaos, Unruhe und geschäftiges Treiben und verweisen damit auf das vielgestaltige Leben auf der Erde. Über diesen bunten Andeutungen sehen wir eine feurig rote, ruhigere Fläche mit symbolischen Hinweisen.

Links ist eine Schale zu erkennen, in der ein Feuer brennt. „IGNIS – Feuer“ steht seitenverkehrt daneben, wie von hinten auf die Leinwand geschrieben. Darf es als Feuer des Glaubens gelesen werden, als Zeichen für den Glauben, der von den Gläubigen im Credo gemeinsam bezeugt und gleichsam über ihren Köpfen hoch und heilig gehalten wird?

Daneben ein Hinweis auf Lukas 10,22 oder / und 23: „… niemand weiß, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.’ Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: ‚Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.’“ Die torähnliche Form ∏ darüber mag Jesu Wort in Erinnerung rufen, das er über sich gesagt hat: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden … und Weide finden.“ (Joh 10,9)

Unser Glaube basiert auf der Offenbarung durch Jesus Christus, der durch den Heiligen Geist Mensch geworden ist. Die Menschwerdung hat der Künstler auf dem rechten Seitenflügel in einem rosafarbenen „Lichtstrahl“ dargestellt, der nach unten immer stärker wird. In der oberen Hälfte wird er kaum wahrnehmbar durch einen schwachen Schriftzug gekreuzt und dadurch zum Kreuz. INCARNATUS ist von rechts nach links zu entziffern. Nur weil Gottes Sohn Mensch wurde und sich als solcher offenbarte, konnte er Anstoß erregen und gekreuzigt werden. Daran erinnern auch die beiden als Pendant zum Torbogen auf der linken Seiten stehenden Nägel.

Im Unterbau dieses „Flügelaltars“ verweisen sieben Fackeln auf die sieben goldenen Leuchter, die der Seher Johannes als Symbole für den Glauben der sieben Gemeinden in der heutigen Westtürkei sah (Offb 1,12 sowie die ermahnenden Worte an die Gemeinden in den Kapiteln 2-3). Sie brennen wie Kerzen vor dem Allerheiligsten – Seine einzigartige und heilige Gegenwart bezeugend. Diese Tafel ist vom Wort „EST – ist/sein“ geprägt. Es kann in Verbindung mit dem obigen INCARNATUS als INCARNATUS EST gelesen werden, betonend, dass er durch den Heiligen Geist in Maria Fleisch angenommen und Mensch geworden ist (Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et homo factus est).

Dieses EST kann aber ebenso auf uns und unseren Glauben bezogen werden. Erst wo der Glaube in uns Gestalt annimmt, Christus durch den Heiligen Geist in UNS Fleisch angenommen hat (Gal 2,20) und wir durch die lebendige Gottesbeziehung wahrhaftig Menschen geworden sind, gelangen wir doch zum wirklichen Sein und Leben. Die vielen X in den bunten Formen der Seitenflügel könnten ebenfalls dies bedeuten: Christi Menschwerdung vollendet sich dort, wo Menschen den christlichen Glauben annehmen und sich auf den einen dreifaltigen Gott taufen lassen. Christi Menschwerdung vollendet sich dort, wo Menschen aus dem Glauben heraus und in der Kraft des Heiligen Geistes wie Jesus Christus leben und handeln.

 > geschlossener Zustand

Den ganzen 5-teiligen Missa-Zyklus finden Sie im 57-seitigen Buch „Missa“ von Uwe Appold abgebildet (Juli 2005, ISBN 3761619731, Euro 15,-).

Veränderungen

„Aus dem Dunkel bricht ein glühender Feuerball hervor und verströmt ein intensiv leuchtendes Licht. Wie von einer schützenden Schale wird das lodernde Feuer halbkreisförmig umfangen. Reliefartig hebt sich die Farbe vom Bildgrund ab und kommt auf den Betrachter zu. Dieser Eindruck steht im Wechsel mit einer Sogwirkung, die den Blick in die Tiefe des Bildraumes lenkt. Helmut Schober versteht seine Malerei als Darstellung von Energie und Licht, deren Erscheinungen er in immer neuen Facetten Ausdruck verleiht. So erinnert der glühende Feuerball an kochendes vulkanisches Gestein, das sich als Lava ergießt. Vorstellbar ist jedoch auch ein kosmisches Ereignis in den unendlichen Dimensionen des Weltalls. Entsteht hier vor unseren Augen ein Gestirn aus leuchtenden Gas- und Staubwolken, dessen Licht in den umliegenden dunklen Weltraum hineinstrahlt?

‚Der Geist des Herrn’, heißt es in einem Kirchenlied (GL 249), ‚erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten’ – diese spirituelle Vorstellung nimmt vor der Malerei von Helmut Schober Gestalt an und lässt das Gedachte zum lebendigen Bild werden. Evokationen an Licht- und Feuererscheinungen, wie sie in der Bibel geschildert werden, schließen sich an: das Pfingstwunder, die Ausschüttung des Heiligen Geistes, der auf die Apostel herabkam und ihr Leben durch Mut und Glaubensstärke veränderte (vgl. Apg 2). Auf dynamische Vorgänge spielt auch der Bildtitel ‚Veränderungen’ an. Diese werden als Prozesse des Glühens, des Aufbrechens und des Verschmelzens visualisiert, offenbaren in der Betrachtung jedoch das Potential einer spirituellen Tiefe, die über das Sichtbare hinausführt.“

Die Betrachtung von Frau Sabine Sander-Fell (IM DIALOG, Zeitgenössische Kunst in Pax Christi Krefeld, 2004, S. 46-47) auf der spirituellen Ebene fortführend, kann das halbkreisförmige Rund auch als großes C gelesen werden, das auf Christus Jesus hinweist, der die ganze Schöpfung umfängt, trägt, bewahrt (vgl. Kol 1,15-20). Wie ein Herz leuchtet die rote Erscheinung in der Mitte dieses göttlich-menschlichen Lebensraumes: Geschützt und doch mit Öffnungen versehen, damit sein feuriger Lebensatem aus der Tiefe aufsteigen und sich über die ganze Welt ausbreiten kann. Die roten Schattierungen, die wie Wellen über die Bildoberfläche wogen, deuten auf die Wärme der göttlichen Liebesglut hin, die als heißer Atem die erloschenen Glaubensfeuer sorgsam wieder zu entfachen und zu beleben vermag.

Dieser glühend roten Mitte wohnt eine gewaltige Kraft inne. Es erinnert an die zerstörerische Macht des Feuers, an die Explosionen und Kriege, die unsere Welt und unsere Herzen erschüttern und auch das Ende der Welt ins Blickfeld rücken. So gesehen kann das Bild bedrohlich wirken und Angst machen. Es kann aber auch die Bitte um den göttlichen Beistand auslösen, „den Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht“ (Jes 11,2), damit wir mit Mensch und Umwelt richtig umgehen können und es eben nicht zu einer Katastrophe kommt.

Übrigens: Je dunkler der Raum wird, in dem das Bild hängt, um so mehr leuchtet die rote Farbe! Ob auch darin ein Bild für den Heiligen Geist gesehen werden darf, der in unserer Mitte um so mehr aufleuchtet, als uns die Lebenssituation bedrückt und einengt? Das Bild veranschaulicht gewissermaßen, wie Gott mit der schöpferischen Kraft seines Geistes, die Veraltetes auseinanderfallen und Neues entstehen lässt, in den Menschen gegenwärtig ist, sie von innen her verändert, aufbrechen und neue Wege beschreiten lässt. – Weil sie Seine Kraft und Führung erfahren, aber auch die Geborgenheit in Ihm.

Die Broschüre IM DIALOG, Zeitgenössische Kunst in Pax Christi Krefeld mit vielen Abbildungen und hervorragenden Beschreibungen zu den 33 Kunstwerken kann für Euro 3,50 + Porto im Pfarrbüro bestellt werden: pfarrbuero@pax-christi-gemeinde-krefeld.de

Vertrauen – Verwandlung

Die Thematik dieses Bildes ist mit den römischen Schriftzeichen LK XXIII, XLVI und den großen Buchstaben PATER, IN MANUS TUAS eigentlich klar auf die Leinwand geschrieben. Sie verweisen auf die letzten Worte Jesu im Lukasevangelium: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46).

Doch weder ein Kreuz noch ein Gekreuzigter sind zu sehen. Stattdessen eine lichtvolle Erscheinung, die aus einer rechteckigen Form in einen wie von Flammen erfüllten Himmel aufzusteigen scheint. Ebenso erregen eine gelbe Senkrechte im unteren Bereich, ein roter Balken am oberen Bildrand, zwei gemalte Nägel, zwei spiegelverkehrt geschriebene Worte sowie zwei am rechten Bildrand gezeichnete Kreuze die Aufmerksamkeit. Die verschiedenen Zeichen sind in eine fast rechteckige Form eingebettet, deren Seiten im oberen Teil leicht hervorstehen und dadurch ein T-förmiges Kreuz andeuten. Es geht also wohl um die Kreuzigung.

Erinnert die fleischfarbene pastose Form rechts unten nicht an einen menschlichen Körper, der durch einen roten Punkt als Verwundeter gekennzeichnet ist? Die violette Farbe lässt noch das Leiden spüren, dem er ausgesetzt ist. Aber seine Form lässt an einen Baumstumpf denken, dem Zeugen und Überbleibsel eines einst mächtigen Baumes. Alles Leben ist aus ihm gewichen, so scheint es. Doch in Anlehnung an das Heilswort von Jesaja 11,1 wächst zärtlich etwas Neues, etwas wie ein Trieb oder auch ein Gebäude aus diesem Baumstumpf hervor. Dieses nur bei genauem Hinschauen Sichtbare ist von einer wunderbaren Lichterscheinung umgeben und in eine nochmals neue Gestalt überführt. Eine Andeutung auf die Kirche, die aus ihm entstanden ist?

Es ist, als würde der Körper den Worten folgen, die Jesus voll Vertrauen am Kreuz gebetet hat und die sich bereits im feurigen Rot des Himmels verlieren. Die väterliche Liebe ist der Halt, an dem sich Jesus festhält. Dafür könnte der rote Balken stehen, der das Bild am oberen Bildrand horizontal durchquert. Unmittelbar darunter steht mit PATER, IN MANUS TUAS der Anfang der letzten Worte, die Jesus aus der größten menschlichen Tiefe gleich einem Rettungsanker betend zu seinem Vater im Himmel hinaufgeworfen hat: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Das Vertrauen erschließt sich aus dem zweiten Teil dieses Psalmverses (31,6), in dem es heißt: „… du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ Der lanzenförmige Lichtstrahl, der nach unten immer stärker wird, mag die erlösende Gnade Gottes darstellen, assoziiert aber auch einen leuchtenden Hirtenstab, der dem gegeben wird, der durch die dunkle und verlassene Schlucht gehen muss: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps 23,4) Oder leuchtet in dieser gelben Linie gar als Zeichen des Sieges das verherrlichte Kreuz auf, dessen Querbalken mehr erahnbar als sichtbar ist?

Auch die zwei rostigen Nägel, die zur Hälfte über einem Kreis liegen und sich durch ihren Schatten geheimnisvoll von der Leinwand abheben, scheinen über die Kreuzigung hinausweisen zu wollen. Ihre leichte Krümmung lässt ein J und ein C in ihnen erkennen, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Oberhalb und unterhalb von ihnen sind ebenso mysteriös „tse“ und „mudrev“ der Leinwand eingeschrieben, was spiegelverkehrt als EST VERBUM lesbar ist. Diese Botschaft ist uns von der „anderen Seite“ gegeben und sichtbar gemacht worden. Jesus IST das WORT, das von Anfang an bei Gott war und in die Welt gekommen war, um allen Menschen Licht zu sein (Joh 1,2-3.9).

Auch wenn Jesus nach den letzten Worten den Geist ausgehaucht hatte, der ihm von Beginn seiner Menschwerdung und explizit bei seiner Taufe gegeben war (Lk 3,22), bleibt sein Wort bestehen. So luftig und transparent die Farben aufgetragen sind, so lebendig und feurig werden sie – wie er selbst gesagt hat – weiterwirken: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“ (Joh 5,24)

> weitere Informationen zum Zyklus „Sieben Kreuze zu den letzten Worten“

Bereit

Mosaikartig gruppieren sich die verschiedenen Farbfragmente um die goldene Mitte. Über den erhöhten Rahmen fließen sie gleichsam in die Tiefe des zurückversetzten Mittelfeldes hinein.

In seiner Erscheinung und durch die Verwendung der kostbaren Naturpigmente erinnert das Bild an die Ikonen der Ostkirche. Nur sind in diesem Bild keine biblischen Szenen zu erkennen. Die Künstlerin blieb abstrakt. Dennoch … die Kraft der Farben wirkt im Kontrast zum Goldgrund und der perlenweißen Kontur, die sich in einem großen malerischen Gestus durch das Mittelfeld des Feldes zieht.

Die Farben und Formen deuten an, lassen vor dem geistigen Auge Bekanntes erscheinen und verhüllen es gleichzeitig geheimnisvoll (vgl. 2 Kor 13,12). Der weiße Pinselstrich lässt die Silhouette eines Kopfes im Seitenprofil sehen. Das Kinn leicht erhoben, schaut die Person nach rechts. Vom goldenen Grund durchdrungen scheint ihr Blick gar in die Ferne zu schweifen.

Eine Sehnsucht nach Hinwendung spricht aus den Farben und aus dieser Kopfhaltung. Eine Sehnsucht, sein Leben Gott, für den die goldene Farbe Symbol sein kann, hinzugeben, damit er es mit seiner Gnade füllen kann. Der Psalmist schreibt: „Mein Herz ist bereit, dein Gesetz zu erfüllen bis ans Ende und ewig.“ (Ps 119,112) Ein solches, von Gott durchdrungenes Leben wäre dann gewissermaßen vergoldet, erfüllt, geglückt. Strahlt sein Mund nicht ein zufriedenes Lächeln aus?

Wie als Antwort taucht aus dem vom weißen Pinselstrich eingerahmten Goldgrund ein weiteres Gesicht auf, das in die Gegenrichtung aus dem Bild herausschaut. Sind es die Augen, die Nase, der Mund des Auferstandenen, die uns barmherzig aus Gottes Herrlichkeit heraus anschauen, unserer Sehnsucht begegnend und ihr Halt und Ziel gebend?

Dieses Bild schenkt Zuversicht: Wir sind auf unserem Erdenweg nicht allein. Aus dem Bild spricht eine malerische Übersetzung der wunderbaren Worte, die Paulus zur Ermutigung an die Römer (8,18-19.22-30) schrieb: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“

Durchbruch

Bewegung durchzieht das Bild in alle Richtungen. Sie verbindet kommunizierend das unten Liegende mit dem luftig Leichten im oberen Bereich und vollzieht sich in Leserichtung durch den Farbwechsel zum Licht. Die Mitte wird durch die gelbe Lichterscheinung betont, die von oben hereinzubrechen scheint.

Das Bild vermag den Tagesanbruch anzusprechen, bei dem das Licht siegreich aus dem Kampf mit der Dunkelheit hervorgeht. Dabei verdankt das Licht seine Kraft der Macht der Sonne. Letztlich ist sie es, die mit ihren Strahlen die Erde zärtlich berührt und aus dem Schlaf zu neuem Leben erweckt.

Liegt am Boden nicht eine menschliche Gestalt? Das Erdhafte, das auf oder im Boden Liegende, wird tornadoartig über eine kreuzförmige Himmelsleiter in die Höhe gerissen. Jakobs Traum (Gen 28,12-22) von der Treppe, die Erde und Himmel miteinander verbindet, wird sichtbar. Gott steht zu den Seinen, auch wenn sie sich in der Dunkelheit der Sünde oder des Todes zu verlieren scheinen. Gott steigt zu den Menschen hinab, um sie zu erlösen und durch seinen eigenen Kreuzesweg zum ewigen Leben zu führen.

So finden sich Jesu Tod und Auferstehung ebenso in diesem Bild wie seine Worte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25-26) Diese Botschaft scheint das Kreuz in schlangenförmige, tanzende Bewegung zu versetzen und bringt Freude zum Ausdruck. Es ist nicht mehr Ort des Todes, sondern durch Jesus Durchgang zum ewigen Leben. Nach wie vor verbinden sich mit ihm dunkles Leid, Einsamkeit, irdisches Sterben. Durch Jesu Auferweckung von den Toten ist aber der Sieg über Sünde und Tod untrennbar mit dem Kreuz verbunden. Gottes Liebe hat den Durchbruch geschafft und neues, ewiges Leben für alle Glaubenden ermöglicht.

Noch sind die Spuren des Kampfes deutlich zu sehen: Das Durcheinandergewirbelte, Fragmentarische in der Bildmitte, das auch an Jakobs nächtlichen Kampf mit Gott erinnern mag, mit dem er rang, „bis die Morgenröte aufstieg“. Durch die Hüftverletzung lebenslang geprägt, ging er lebend aus dieser Gottesbegegnung „von Angesicht zu Angesicht“ hervor (Gen 32,25-31). Doch die Kraft von oben nimmt überhand und verwandelt übermächtig das ganze Geschehen. Das Kreuz darf vor Freude tanzen: Das Leid und der Tod sind überwunden, die Liebe und das Leben haben die Macht des Bösen und der Sünde gebrochen, durchbrochen, besiegt.

Dem Kreuz gegenüber steht eine lichte Säule. Sie erinnert einerseits an die Wolkensäule, die mit den Israeliten durch das Rote Meer zog und sie rettete (Ex 13,21-14,31), andererseits rückt sie den neuen, aufgerichteten Menschen ins Blickfeld. Wurzelt sie nicht am gleichen Ort wie die „Füße“ der liegenden Gestalt? Wir sind zum Licht berufen (Mt 5,14). Durch Christus leben wir. Unser Leben soll ganz und gar transparent auf IHN hin sein (vgl. Gal 2,20 „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“), damit ER durch uns sprechen kann.

Auferstehung

Ein ungewöhnliches Bildformat begegnet uns in dieser „Anastasis“ von Rainer Jochims. Das Bild ist aus dem rechten Winkel heraus leicht rechts nach oben zu einem Parallelogramm verschoben. Die unteren Ecken sind gerundet, in der Oberkante sind zwei große Einbuchtungen herausgebrochen. Dadurch wirkt diese Kante grob und unfertig, behält mehr von dem, was sich an ihr ereignet hat und wodurch sie seither geprägt wird.

Spürbar will das Werk etwas von dem ihm eingeschriebenen Geheimnis weitergeben. – Doch was ist seine Sprache, was will es uns sagen? – Eine gewisse Ratlosigkeit kann sich breit machen. Es bleibt ein Staunen, aus dem heraus tastende Annäherungen hervorgehen.

Deutet nicht das nach rechts ansteigende Bildformat bereits eine Aufwärtsbewegung an? Auch die Farben werden nach oben heller. Das ruhige Rostrot im unteren Bereich löst sich nach oben gleichsam in gelben Farbtönen auf. Auch kommt von unten nach oben immer mehr Bewegung in die Strichführung hinein. Mit allen Mitteln werden wir zu den beiden geheimnisvollen, rundlichen Einbrüchen am oberen Bildrand hingeführt.

Sie erinnern mich an Fußabdrücke, wie sie auf manchen Himmelfahrts-Ikonen zu sehen sind: Hier stand eben noch Jesus, nun ist er in den Himmel aufgefahren. Durch den weißen Bildhintergrund könnten die Aussparungen tatsächlich als die Füße dessen gesehen werden, der durch seine Worte, Taten und insbesondere durch seine Auferstehung das „Licht der Welt“ geworden ist. So gesehen wäre das Kunstwerk der Boden, der Ausgangspunkt der Auferstehung, auf dem ER seine Spuren hinterlassen hat. Insofern wäre es richtig, wenn unser Blick über das Sichtbare hinaus auf das Unsichtbare und damit Unfassbare außerhalb des Bildes gelenkt wird. ER ist auferstanden!

Dennoch ziehen in der Bildmitte weißliche Aufhellungen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Unser Blick wird in die Tiefe geführt und kann im unfigürlichen, doch bewegten Farbfeld verweilen. Die warmen Farben geben Erinnerungen Raum und Geborgenheit: Erinnerungen an das Leben und Wirken von Jesus, aber auch an eigene Begebenheiten, in denen wir „Auferstehung“ erlebt und im Glauben auch bergende Aufnahme im Himmel erfahren haben.

Verkündigung

Im Schnittpunkt von zwei Kreisformen begegnen sich zwei menschliche Gestalten. Die linke Gestalt muss ihren Flügeln nach ein Engel sein, die rechte der Haltung nach Maria, die sich kniend dem Willen Gottes beugt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38).

Die Begegnung findet nicht mehr in einem Haus statt. Als Heimat Mariens wird hier die Erde bezeichnet. Als lichte Gestalt ragt sie aus der grau-schwarzen Oberfläche heraus. Durch ihre Unschuld und Reinheit von Sünden nimmt Maria eine herausragende Position ein. Sie, die Unbefleckte, wurde von Gott auserwählt, den „Sohn des Höchsten“ (Lk 1,32) zu empfangen, den „Retter der Welt“ (Joh 4,42; 1Joh 4,14).

Die Verkündigung an Maria findet so am Schnittpunkt von Himmel und Erde statt. Der Bote des Himmels überbringt der Vertreterin des Erdengeschlechts die frohe Botschaft, dass Gott seinen Sohn unter den Menschen groß werden lassen will. Dazu wird er Maria mit Seinem Heiligen Geist überschatten (Lk 1,35). Wunderbar hat der Künstler den Geist Gottes als bewegte, goldgelbe Kreisform dargestellt, wodurch nicht nur Gottes Herrlichkeit und Unendlichkeit angesprochen werden, sondern auch seine beschützende, rettende und Leben schaffende Kraft.

Von oben, von außerhalb des Bildes in die wahrnehmbare Bild-Welt einfließend, umgibt die immaterielle Energie Maria und den Engel wie ein Heiligenschein und vermittelt theologisch richtig, dass der Sohn durch die Menschwerdung die göttliche Dreifaltigkeit nicht verlässt, sondern in Ihrer Mitte bleibend in Maria die Natur und das Wesen von uns Menschen annimmt. Maria bildet so eine Art Brücke, auf der Jesus zu uns Menschen kam.

Den Weg von Jesus scheint eine feine gelb-weiße Linie anzudeuten. Sie entspringt dem leuchtenden „Wolkenbogen“ des Heiligen Geistes und kreist spiralförmig im Engel wie in Maria, um anschließend den Erdball zu umrunden. So sehr der Heilige Geist Maria überschattet und sie mit dem Engel zusammen umgibt, so sehr erfüllt er auch den Botschafter wie die Empfängerin. Wie der Heilige Geist den Engel zu Maria bewegt hat, bewegt Er Maria und lässt sie fruchtbar werden.

Was mit Maria geschah, ist und bleibt einmalig. Doch Gott möchte in jedem von uns Mensch werden, jeden von uns mit seinem Heiligen Geist erfüllen. Insofern richtet sich die Verkündigung nicht nur an Maria, sondern an jeden von uns! Die universelle Botschaft bringt der norwegische Dichter Svein Ørnulf Ellingsen in einem vom Magnifikat inspirierten Text in poetischen Worten zum Ausdruck:

Gottes Lob wandert und Erde darf hören.

Einst sang Maria , sie jubelte Antwort.
Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben:
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Der Hohe schaut die Niedrige an.
Halleluja, Halleluja.

Wunder der Wunder: Für uns wirst du Mensch, Herr!
Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte,
Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt.
Den Herrn preist meine Seele.
Ich freue mich, dass er mein Retter ist.
Er denkt an uns, hilft Israel auf.
Halleluja, Halleluja.

(Kath. Gesangbuch der Schweiz, Nr. 762, 1.+3. Strophe)

Versöhnung

Tatsächlich, die sich vom Hintergrund nur leicht abhebende Gestalt auf dem fast monochrom gestalteten Bild muss Jesus sein. Auch wenn kein Kreuz zu sehen ist, verrät die Körperhaltung seine Kreuzigung. Fast wie bei einem Röntgenbild ist seine Gestalt in ein mystisches Licht getaucht, in dem einzelne Körperpartien in helleren Farbtönen aufleuchten.

Das Leid und der Schmerz sind zu spüren, ebenso die Einsamkeit Jesu. Kein weiteres Lebewesen ist auf dem Bild zu sehen. Eine außerordentliche Stille und ein alles übersteigender Frieden gehen von Jesus aus und lassen ehrfürchtig an seine letzten Worte denken: „Es ist vollbracht!“ Danach neigte Jesus sein Haupt und gab seinen Geist auf. (Joh 19,30)

Das Werk des Vaters ist vollbracht. Jesus hat durch sein Opfer den Menschen Heil und Rettung gebracht. Das quadratische Format mag auf die Welt hinweisen, die störende und irritierende Zweiteilung, die längs durch den Körper läuft, ruft in Erinnerung , dass Jesus durch seinen Kreuzestod Menschen und Welten, die einst durch Feindschaft voneinander getrennt waren, wieder miteinander verbunden hat. Paulus schreibt an die Gläubigen in Ephesus (2,12-16): „Damals wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt. Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet.“

Bleibt in unserer Bildbefragung noch die Bedeutung der mystisch grünen Farbe zu ergründen, die durch zahlreiche Schattierungen von Leben erfüllt ist und im Wechsel mit den schwarzen Flächen an das Licht- und Schatten-Spiel eines großen grünen Feuers erinnert, in dessen Licht sich die bevorstehende Auferstehung anzukündigen scheint.

Mit der grünen Farbe möchte der Künstler aber vor allem einen Bezug zu den Gärten (polnisch „Ogrody“) mit ihren Gräsern, Blumen und Blättern herstellen. In ihnen wird uns im jährlichen Wechselspiel von Werden und Vergehen unsere Vergänglichkeit vor Augen geführt (vgl. auch Ps 102,12; 90,5-6). Mit dem Garten verbunden ist aber auch unsere Sehnsucht nach dem (verlorenen) Paradies. Im Orgrody-Grün wird Jesu Verkündigung vom Reich Gottes angesprochen. Darin lässt der Künstler die Dimension der Versöhnung anklingen, wie sie dem gottesfürchtigen Verbrecher am Kreuz auf seine Bitte hin geschenkt worden und uns allen verheißen ist. Der gute Schächer sagte: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und Jesus antwortete ihm: „Amen ich sage dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,42-43)

Begegnung

Halb verdeckt von Farbflächen, Pinselstrichen und Bleistiftlinien schweift unser Blick wahrscheinlich zuerst auf den leicht geneigten Menschenkopf im Hintergrund. Unschwer lässt sich an seinen Gesichtszügen das Haupt einer gotischen Christusgestalt erkennen. Aus welchem Zusammenhang es jedoch extrahiert worden ist, lässt sich durch die Isolierung und malerische Verfremdung nicht sagen.

Wesentlich scheint der Blick, mit dem Jesus durch das Liniengewirr hindurch dem Betrachter eindringlich in die Augen schaut. Das Leid ist zu spüren, das er aushalten muss, ebenso das Kreuz auf seinen Schultern, das in der Diagonalen unter seinem Kopf angedeutet ist. Arnulf Rainer hat das Jesus zugefügte Leid in einer gestischen Aktion malerisch umgesetzt: Zuerst wurde er von ihn mit dem Pinsel und mit Stift „gegeißelt“, bis sein Gesicht mit Striemen gezeichnet und sein Haupt mit einem Liniengeflecht gleich einem Dornenkranz gekrönt war (Mk 15,17-19). Dann hat er mit seiner Hand gelbe und dunkelrote Farbe so aufgetragen, dass er damit dem Abbild des Gekreuzigten heftige Hiebe versetzte. Die triefenden Farbspuren legen Zeugnis ab, dass der Künstler ihm mit vollen Händen „eins ausgewischt“ hat. Dick wie verklebtes Blut ist die Farbe unter seinem Gesicht eingetrocknet, während die gelben Farbspuren wie zwei Leuchten links und rechts von seinem Angesicht erscheinen: Nichts beschönigend, aber erinnernd und mahnend als ein ehrendes Zeichen für denjenigen, der für seinen Glauben an Gott und an uns Menschen gestorben ist.

Die dem Werk zu Grunde liegende Fotografie hat der Künstler auf einen Karton aufgezogen. Durch die Übermalungen sind ihre Ränder hervorgehoben und lassen das Rechteck wie ein Fenster in eine andere Welt erscheinen. Es ist, als ob die Übermalung diesseits bliebe und dem heiligen Gesicht nichts anhaben könnte. Viele Christus-Übermalungen hat Rainer auf einem kreuzförmigen Träger durchgeführt. Hier ist das Grundformat jedoch rechteckig. Allerdings hat er den Christus-Kopf in eine Kreuzform integriert. Die beiden gelben „Figuren“ bilden die Außenseiten des stehenden Balkens, die Unterkante der Fotografie zeichnet die Unterkante des Querbalkens, während zwei in der Mitte des Gesichts seitlich vorstehende Elemente den Querbalken oben abschließen.

So gesehen ist dieses Bild wie ein Zeitfenster, das uns zu Zuschauern des Leidens Jesu Christi macht und uns an die Seite von Simon von Zyrene, seiner Mutter Maria oder Veronika stellt, die ihm das Schweißtuch gereicht hat.

Nun begegnet er mir und scheint mich schweigend zu fragen: Wie willst Du bei meinem Anblick reagieren? – Im Augenblick haben wir vielleicht Mitleid und wollen ihm beistehen. Nichts läge uns ferner als ihn wie die Soldaten mit Peitsche und Stöcken zu schlagen oder wie der Künstler mit Farbe und Bleistift zu malträtieren. Aber wer von uns ist schon ohne Schuld? Können vernichtende Gedanken und Worte über andere Menschen (vgl. Mt 25,40.45) oder die bewusste Missachtung und Verletzung der Schöpfung nicht auch wie Peitschenhiebe wirken, entstellen und Leid verursachen?

„Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;
Ich hab’ es selbst verschuldet, was du getragen hast.
Schau her, hier steh’ ich Armer, der Zorn verdienet hat;
Gib mir, o mein Erbarmer, Den Anblick deiner Gnad’!“

4. Strophe aus „O Haupt voll Blut und Wunden“

Kreuzauflegung

Weiß und wie eine Wolke, in den Konturen luftig zerzaust schwebt das Kreuz in diesem rot-gelben Bildraum. Links unter ihm eine mit gelben Linien skizzierte Menschengestalt. Über dem Kreuz helle Lichtpunkte, die an einen Sternenhimmel denken lassen, und eine rosafarbene Wolke.

Mit diesen wenigen Angaben lässt sich das Geschehen schwer einem Ort oder einer Zeit zuordnen. Außer dem Menschen gibt es keine irdischen Anhaltspunkte. In gewisser Weise ist dem Geschehen der Boden entzogen worden, spielt sich die Szene irgendwo im kosmischen Weltenraum ab. Nur der rot leuchtende Nebel bildet in der raum- und zeitlosen Weite ein äußerst vergängliches Gewand und einen minimalen Sichtschutz für das schändliche Vorgehen: Dem Mensch gewordenen Sohn Gottes wird das Kreuz aufgebürdet, damit er es zur eigenen Folterstätte trage und dort an ihm den Tod erleide.

Die blutrote Kulisse und die weiße Kreuzform mögen auf die Passion hinweisen. Doch wer mag die Gestalt unter dem Kreuz sein, und wieso ist das Kreuz leuchtend weiß, und leicht und schwebend wie eine Wolke dargestellt? Zum Verstehen des Bildes ist die Bilderfolge des Kreuzweges wichtig, in der es sich befindet. Aus ihr geht hervor, dass der Künstler Jacques Gassmann den Kreuzweg aus der Sicht von Jesus gemalt hat. Beim Malen nahm zuerst der Künstler Jesu Sichtweise an. Nun stehen wir Betrachter an seiner Stelle und werden durch die Bilderfolge in den Leidensweg von Jesus hineinversetzt.

So sehen wir unter dem Kreuz den einen Menschen stellvertretend für alle Menschen, die ihm vor Wut glühend zurufen: „Ans Kreuz mit ihm!“ (Mt 27, 22f) Das schwebende Kreuz mag andeuten, dass Gott es zugelassen hat, dass die Menschen seinem Sohn das Kreuz aufgelegt haben (Mt 26,39.42). Weil es Gottes Wille ist, kann das Kreuz als geistige Last gesehen werden, die von „oben“, also von Gott her gegeben ist.

Umgeben vom „Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28), mag das lichte Kreuz auf die Unschuld und die Reinheit von Jesus hinweisen, wie sie im Hebräerbrief (7,26) beschrieben ist: „Ein solcher Hoherpriester war für uns in der Tat notwendig: einer, der heilig ist, unschuldig, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel.“

Von dieser Kreuzauflegung am Anfang der Passion Jesu Christi geht unser Blick letztlich bereits zum Ende des Kreuzweges. Das an diesem Kreuz vergossene Blut wird alle Menschen, die sich gläubig unter das Kreuz stellen und um Vergebung bitten, überströmen und Versöhnung und Heil schenken. So gesehen kann die gelbe Farbe des Menschen auch so interpretiert werden, dass er unter dem Kreuz zum Glauben gekommen ist (vgl. Mt 27,54) oder wie der weise Simeon beim Anblick des Gottessohnes Segen erfahren hat: „… meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,30-32).

Nachfolge

Weiß-grau hebt sich das zentrale Bildereignis vom gelbroten Hintergrund ab. Menschliche Konturen sind zu erkennen, ein großes Auge, die Umrisse einer orthodoxen Kirche. Farblos erscheinen die Formen, unerfüllt, sie geben sich als leere Räume, die erst gefüllt werden müssen.

Durch die breite, grau schraffierte Fläche scheint die menschliche Gestalt sich nach links zu bewegen, der Kirche zugewandt. Wie bei einem gesprungenen Ei durchzieht eine gezackte Linie die menschliche Form – die durchaus auch für seine Seele stehen könnte – von oben nach unten und signalisiert Erschütterung, Zerrissenheit, vielleicht auch Aufbruch. Der rechten Seite nach zu schließen, ist ein Teil von ihr weggebrochen und hat eine tiefer liegende Schicht freigelegt, die in Verbindung mit der Kirche steht und von der diagonalen, schraffierten Fläche dominiert wird.

Was diese wie ein Berg ansteigende und an eine Felsoberfläche erinnernde Fläche wohl zu bedeuten hat? Gleichzeitig ergeben die sich kreuzenden Linien eine Gitterstruktur und lassen darin ein Netz erkennen. Könnte damit die Berufung des Petrus angesprochen sein, der vom Fischer zum Stellvertreter Christi auf Erden berufen worden ist? „Kommt her, folgt mir nach!“, sagte Jesus zu ihm und seinem Bruder Andreas, „Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ Worauf beide die Fischernetze liegen ließen und ihm nachgefolgten. (Mt 4,19-20)

Später sagte Jesus zu ihm: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18; vgl. Joh 4,42) Ein großer Auftrag, den Jesus dem einfachen Fischer anvertraute. Aber baut Gott letztlich nicht auf jeden von uns seine Kirche? Soll nicht bei jedem von uns der Glaube an Ihn so fest und widerstandsfähig sein wie Gestein? Sind wir nicht alle berufen, Zeugnis von unserem Glauben zu geben und als Menschenfischer für unseren Gott tätig zu sein?

Das Bild von Wolfgang Franken könnte also ein Bild jedes einzelnen von uns sein. Ein Bild der Berufung, bei der es gilt, „Farbe zu bekennen“ und dadurch viel leeren Platz aufzufüllen. Ein Bild der Erschütterung und der Zerrissenheit, die mit jedem Anruf Gottes einhergehen, weil er aus der vertrauten und dadurch oft auch bequemen Welt aufbrechen heißt, und das zudem mit dem anspruchsvollen Auftrag, sein Wort zu leben und zu verkünden, damit die kirchliche Gemeinschaft lebt und wächst. Zu guter Letzt könnte es auch ein Bild der Verwandlung sein. Wer Christus nachfolgt, wird zu einem neuen Menschen. Die goldene Fläche hinter dem Kopf lässt mit ihrem Glanz und ihrer Kostbarkeit an Gott denken, der rückenstärkend mit seinen Berufenen mitgeht, ihnen „Flügel“ verleiht und durch sie Seine heilige Gegenwart aufleuchten lässt. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, fasste Paulus seine Erfahrung im Brief an die Galater (2,20) zusammen.

Kyrie Eleison

Vertikale Elemente prägen dieses in verschiedenen Grautönen gehaltene Bild. Da ist das schmalere, aber dunklere Feld auf der linken Seite, auf dem vier schwarze, parallel geführte Linien je ein helles Rechteck am oberen und am unteren Bildrand verbinden. An dicke Kabel erinnernd bringen diese dunklen festen Linien auf dem wärmeren Teil des Bildes einen ununterbrochenen Austausch zwischen oben und unten zum Ausdruck, dem durch die Festigkeit auch eine Sicherheit innewohnt.

Was für einen Kontrast bildet daneben die fragile Leiter in einem kühleren Farbraum. Durch die sieben horizontalen schwarzen Striche, welche an Leitersprossen denken lassen, werden auch hier Oben und Unten miteinander in Verbindung gebracht. Doch die dünnen Seile der Hängeleiter sind oben unterbrochen und scheinen herunterzufallen, auch unten links fehlt ein Stück. Gegenüber der gleichgestellten Beziehung auf der linken Seite wird hier betont, dass mit eigenen Mitteln der Aufstieg nach oben nicht möglich ist.

Noch weiter rechts ein drittes vertikales Element. Es hebt sich vom Hintergrund kaum ab, doch ist eine Bewegung von unten und von oben erkennbar, welche zu einer Begegnung im goldenen Schnitt führen kann. Im weißlichen Farbfeld ist ein bläuliches Quadrat so angeordnet, als würde es dem oberen Farbfeld entgegengehalten.

Abschließend sind feine Pinselspuren zu beobachten, die alle Grauschattierungen durchziehen und etwas vom Leben erahnen lassen, welches trotz der Farblosigkeit in dieser vertikalen Beziehung pulsiert.

Ob wir das Bild ohne den Hinweis des Künstlers mit dem „Kyrie eleison“ in der Liturgie in Verbindung gebracht hätten? – Wohl kaum. Inspiriert von der geistlichen Musik, hat Johann P. Reuter, der als Chorsänger die Messen von vielen Komponisten mitgesungen hat, das Ordinarium der römischen Messgesänge – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei und Benedictus – in ein abstraktes, ästhetisches Formenspiel übersetzt, in dem die Linien, Formen und Farben tiefgründig die spirituelle Botschaft des liturgischen Geschehens zum Ausdruck bringen.

„Kyrie eleison“ entstammt der griechischen Sprache und bedeutet „Herr, erbarme Dich“. Mit diesem Gesang rufen die Gläubigen ihren Herrn Jesus Christus an und preisen sein großherziges Erbarmen. Sie treten als vergängliche und mit Fehlern behaftete Menschen vor ihren Schöpfer und Heiland, ihre Schuld bekennend und gleichzeitig auf sein barmherziges Handeln hoffend. Voraussetzung ist eine Gottesbeziehung, die im Glauben, der Hoffnung und der Liebe lebt.

Diese verschiedenen Facetten der Kyrie-Akklamation können aus dem Bild herausgelesen werden. Links die starke und feste Glaubensbeziehung, in der auf vielerlei Weise kommuniziert und Geborgenheit erfahren wird. In der Bildmitte, eingedenk der schwachen menschlichen Voraussetzungen, der flehentliche Bittruf um Erbarmen und helfenden Beistand. Rechts das gnädige „Herunterbeugen“ Gottes zum reumütigen Beter (helles Rechteck), der im Symbol des blauen Quadrates sein Leben und die ganze Welt Gott hinhält, damit Er sie in seinem Erbarmen umfängt und zu neuem Leben erweckt.

Ganzer Missa-Zyklus

Websites des Künstlers:
www.johann-p-reuter.de
www.j-p-reuter.de

Tür zum Leben

In einem doppelten Quadrat tritt uns das Bild gegenüber. Der Grund ist in flammendem Orange und Rot gehalten, lediglich im oberen Bereich ist er mit kräftigem Grün durchsetzt. Die quadratische Form wie die mit Sand durchsetzte Malfläche verweisen symbolisch auf die Erde. An verschiedenen Stellen sind stilisierte Pflanzenmotive zu erkennen, welche Bezüge zu Bäumen und Pflanzen herstellen und Gedanken an einen Garten, ja das Leben ganz allgemein, zulassen.

Die orangefarbene Fläche signalisiert feuriges Leben und könnte auch für die Freude darüber stehen, dass unser Planet Erde voller Leben ist. Zudem sind in die Fläche mehrfach die Zeichen I und X eingekerbt, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus (im griechischen Alphabet wird das X als „Ch“ ausgesprochen). Sie mögen zum Ausdruck bringen, dass Jesus ganz Mensch geworden ist und unter uns gelebt hat. Sie können uns aber auch sagen, dass Jesus der Grund der ganzen Schöpfung ist. – So sah es jedenfalls Paulus, wenn er im Römerbrief schreibt (11,36): Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“

Besonders die Mitteltafel weist symbolisch auf Jesus und seine zentrale Position in der Schöpfung hin. Sein Wort „Ich bin die Tür“ aus dem Johannes-Evangelium aufgreifend (10,7), zeigt der Künstler einen stilisierten Türrahmen. Dabei setzt sich die Mitteltafel bereits durch ihre Beschaffenheit – sie ist im Gegensatz zur Leinwand aus Holz – und ihre Malweise – es wurden helle und lasierende Farben verwendet – vom sie „tragenden“ und umgebenden Grundquadrat ab. (Für den Künstler besteht zwischen den beiden Quadraten noch ein drittes, immaterielles Quadrat, welches die beiden Formen trennt, aber auch verbindet.) Dadurch bildet die Mitteltafel, obwohl sie materiell in unseren Raum hineinragt, ein immaterielles Fenster in einen uns gegenüberliegenden anderen Weltenraum. Nicht nur die gemalten Türpfosten, sondern die ganze lichte Mitteltafel laden demzufolge zum Hindurch- und Hineingehen in diese andere Welt in unserer Mitte ein, die in ihren Formen und Farben klarer, geordneter und ruhiger erscheint als ihr Umfeld.

Das Bild weckt die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies und lässt nicht nur durch die formale Verwandtschaft von Türrahmen und Joch die Einladung Jesu aus dem Matthäus-Evangelium (11,28-29) hören: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“

Jesus offenbart sich als Antithese zur Paradiespforte, durch welche sich die ersten Menschen durch ihre Sünde von Gott und dem von ihm für sie geschaffenen Lebensraum ausgegrenzt hatten (Gen 3,24). Der Gottessohn selbst ist die neue Türe, der neue Durchgang zur Fülle des Lebens (Joh 10,10), wie sie von Gott im Paradies für die ganze Schöpfung angelegt war. Nur Er kann dieses Eingangstor sein, weil er selbst Gott ist und daher von „innen her“ den Weg öffnen kann. Das seitenverkehrt unter der Mitteltafel stehende lateinische Wort „est“ scheint uns Jesus von der anderen Seite her zuzurufen. Er, der ganz und gar „ist“, ruft uns in die Fülle des Seins – durch die neue Beziehung und Verbundenheit mit Gott.

Dies bedeutet keine Distanzierung von dieser Welt. Der in der Mitteltafel beginnende und den Torbogen durchquerende Weg führt über die unseren weltlichen Lebensraum symbolisierende Grundplatte hinaus in die Höhe, in die geistige Welt. Bezeichnenderweise ist dieser Weg in einem satten Grün gemalt, der Farbe des neuen Lebens. Jesus ist „die Tür“ zum erfüllten Leben, er führt die ganze Schöpfung zur Vollendung – in ihm.

Die Kraft des Höchsten

Wie durch einen Schleier hindurch ist die sitzende Gestalt der Maria zu erkennen (Vorlage: Maria aus der Verkündigungsgruppe vom Alter der Sieben Freuden Mariens im Chor der Abteikirche von Brou, Franchcomté, um 1520). In ein weites Gewand gehüllt scheint sie beim Lesen der Heiligen Schrift gerade innezuhalten und den Kopf nachdenklich nach hinten zu neigen.

Ob das, was im Vordergrund geschieht, Ausdruck ihrer inneren Erfahrung ist? Zwei Dutzend pastos aufgetragene, fast weiße Kreisformen scheinen mit großer Leichtigkeit auf sie herunterzufallen. Sie können als Zeichen der Gnade, als „die Kraft des Höchsten“ (Lk 1,35) gelesen werden, die auf Maria herabkommt.

Das verhüllende Weiß des Bildes scheint dabei die Unschuld und die Reinheit des Immateriellen zu verkörpern. Insofern mag dieser nebulöse Schleier auch ein Ausdruck der göttlichen Gegenwart sein. Im Buch Exodus (40,34) wird überliefert, dass eine Wolke das Offenbarungszelt in der Wüste verhüllt und die temporäre Wohnstätte des Herrn mit seiner Herrlichkeit erfüllt habe. Ebenso erscheint uns Maria im Bild von einer Wolke verhüllt und lässt an den wunderbaren Moment denken, an dem sie durch die Kraft des Höchsten und von seiner Herrlichkeit erfüllt schwanger wurde. Maria wird so zum neuen Offenbarungszelt, aus dem heraus Gott sein ewiges Wort spricht. Hier klingen die Texte der Kirchenväter an, welche in Maria die neue Bundeslade sahen, die der Welt das neue Gesetz geboren hat: Jesus Christus.

Der Evangelist Johannes (1,14) bringt es mit prägnanten Worten auf den Nenner: „Das Wort ist Fleisch geworden!“ Auf dem lasierend gemalten Motiv der Maria erinnern die pastosen und damit sehr materiellen Kreisformen an die Verwandlung des Wortes zu Fleisch. Räumlich gesehen scheinen diese „materialisierten Worte“ perspektivisch auf Maria zuzufliegen oder von ihr empfangen zu werden.

Wie durch einen Schleier hindurch lässt uns der Künstler ehrfurchtsvoll an diesem einzigartigen Geschehen teilhaben. Die Verwendung einer alten Mariendarstellung sowie die „blasse“ Zeichnung Mariens mögen in die Vergangenheit weisen. Doch die Gnadenfülle, die Maria durch ihr gläubiges Ja-Wort bei Gott ausgelöst hat und die vom Künstler „schwebend“ zwischen Maria und den Betrachter gemalt wurde, fließt weiter und macht auf wunderbare Weise für Menschen Unmögliches möglich (Lk 1,37; 18,27). Damit bezeugt uns der Künstler, dass für ihn der Empfängnis „nichts Vergangenes, sondern im Gegenteil ein ganz gegenwärtiges Geschehen von hoher Präsenz“ innewohnt.

Geborgenheit

Das Bild ist vertikal in einen weißen und einen rot-schwarzen Teil gegliedert. Beide Seiten lesen sich von oben nach unten: Links durch einige geschriebene Worte, rechts durch drei gleichgroße Rechtecke, die sich von oben nach unten aufhellen, als würden sie immer mehr von der sie umgebenden Farbe durchdrungen werden.

Der Schriftzug „Von guten Mächten wunderbar“ scheint wie von weit her auf der Leinwand aufzutauchen, um dann nach „wunderbar“ wortlos in eine lichtvoll gestaltete Fläche überzugehen. Ähnlich wie bei Jesus am Kreuz (Mt 27,46) sind hier nur die ersten Worte des tröstenden Liedes wiedergegeben, das Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Der Kehrvers allein zeugt schon von einem unerschütterlichen Glauben, einer tröstenden Gewissheit, dass Gott seine Treuen durch alle Not hindurch beschützt.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Es macht den Eindruck, als hätte die wunderbare Offenbarung der Größe Gottes im Elend des deutschen Theologen, als hätte dieser bis in unsere Zeit hinein ungebrochene Krafterweis aus der Höhe die Künstlerin so in Staunen versetzt, dass keine weiteren Worte mehr nötig waren. Eine zeit- und raumlose Fläche öffnet sich dem Schauenden und offenbart gleichsam das Licht, in dem Bonhoeffer den Text verfasst hat. Damit rückt die Künstlerin seine Situation in die Nähe der Steinigung des Stephanus, der nach seiner Rede und kurz vor seiner Steinigung rief: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,56) Die angedeuteten Gestalten in der belebten hellen Fläche könnten Hinweise auf diese Parallele sein!

Was die Künstlerin mit den drei Rechtecken wohl zum Ausdruck bringen will? Spiegelt sich in ihnen die Schwere des bevorstehenden Todes? Weist die rote Farbe auf das Blut der Märtyrer hin, das sie aus Treue zu Gott vergossen haben und in deren Fußstapfen Bonhoeffer tritt? Oder vermitteln die schwarzen Rechtecke letztlich die gleiche Botschaft wie die linke Bildhälfte, nur auf eine andere Weise? Durch ihre rechteckige, klar definierte Form können die dunklen Flächen für den betenden Menschen stehen.

So dunkel es in ihm am Anfang auch war, durch das Singen des Liedes scheint der fast undurchdringliche und dadurch schwere Anblick des Todes immer leichter und transparenter zu werden. Durch seine wachsende Zuversicht in die Nähe und die Güte Gottes wurde es in ihm immer heller, wird im warmen Rot unter allem Unverständlichen tröstend die Liebe Gottes in ihm sichtbar. Er erfährt die guten Mächte sowohl als ihn umgebende wie als ihn erfüllende, haltgebende Kraft! Und je tiefer er sich in die Liebe Gottes hineinfallen lässt, um so mehr darf er wie der Psalmist die wunderbare Größe der göttlichen Liebe erfahren: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.“ (Ps 139,5-6)

Armut

Sind es Köpfe, menschliche Gesichter, die mir in diesen vier Zeichnungen begegnen? Tiefschwarz sind sie auf das hellbraune Material einer Kartonschachtel gezeichnet. Mit wenigen Linien, undeutlich, mit verwischten Grauschleiern wie mit markanten fleckengleichen Flächen.

Es sind keine schönen Gesichter, die mich da anschauen. Es sind vielmehr vier vom Elend gezeichnete Gesichter, unsauber, ungepflegt. Die mangelnde Hygiene hat ihre Spuren hinterlassen. Der Künstler hat sie schattenhaft und unscharf dargestellt, als hätten sie in der Gesellschaft bereits ihr Gesicht verloren.

Ähnlich wie der Karton, auf dem ihre flüchtige Erscheinung festgehalten wurde. Die Kartonschachtel war einmal etwas Wertvolles, Nützliches. Ein Gegenstand war mit ihm verpackt und vielleicht auch verschickt worden. Herunterhängende Klebstreifen kleben und hängen wie Zeugen dieser Reise am Karton. Nun hat er seinen Dienst getan und hätte weggeworfen werden sollen. Doch der Künstler hat ihn aufgehoben und für würdig befunden, das Trägermaterial seiner Zeichnungen zu werden. Er hat keine edle Leinwand gewählt, sondern einen alten, gebrauchten, wertlosen, unstabilen Karton.

Dadurch ist ein authentisches Kunstwerk entstanden. Trägermaterial und Dargestelltes haben die gleiche Aussage. Dadurch ist seine Arbeit auch unbequem geworden. Denn er stellt Gesichter, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt, ausgegrenzt, quasi versteckt werden, wieder in den Mittelpunkt. Portraits von Menschen, die auf solchen Kartons unter einer Brücke schlafen, sich mit ihnen notdürftig vor Kälte und Wind schützen.

Es ist gut, wenn uns solche Anblicke nicht unberührt lassen, sondern immer wieder neu zur wirklichen Begegnung mit den Armen bewegen, um sie durch Zuwendung und Teilen aus ihrer Ausgrenzung herauszulösen und wieder in die gesellschaftliche Gemeinschaft zu integrieren. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,“ sagt Jesus zu seinen Jüngern (Mt 25,40) und „wer ein solches [Menschen-] Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (18,5) Wer Jesu Wort beherzigt, darf die Hoffnung in sich tragen, dass wieder Leben, Farbe und Schönheit in die Gesichter der Armen einziehen werden, die dass die heimatlos auf dem Bildgrund schwebenden Köpfe wieder Anschluss an ihre Körper erhalten.

Bereit um …

Dieses Kunstwerk fällt wahrscheinlich zuerst durch seine ungewöhnliche Form auf. Auf einer geraden Basis stehend, führen die beiden Seiten in sanftem Bogen nach oben, um dort ein waagrechtes Kreissegment zu tragen. Die besondere Gestaltung ist durch die Verwendung einer Spanplatte möglich, deren Ränder gesägt oder gebrochen wurden.

Die äußere Form lässt an eine Vase denken, ihr grünlicher Farbton zusätzlich an patinierte Bronze. Doch hat der Künstler dieses Gefäß von außen oder von innen dargestellt? … Denn das leuchtende Blau irritiert. Wie Wasser liegt es am Boden des Gefäßes, über einen Dunstschleier sich schnell im weitenden Innenraum verflüchtigend.

In seiner Mitte fällt eine feine rote Farbspur auf. Wie eine rote Sonne schimmert sie durch den aufsteigenden Nebel hindurch. Wie eine Wunde gibt sie dem Vasenkörper zusätzliche Tiefe. Wie aus einer Quelle ergießt sich von ihr aus kaum wahrnehmbar etwas ins „Wasser“.

… mystische Assoziationen, die auch am oberen Abschluss des Gefäßes nicht aufhören. Der scharfe runde Rand deutet ein ganzes, unsichtbares Rund an, das gleichsam auf der Vase aufliegt. Ist die Kreisform ein Symbol für Gott, so könnte der Künstler mit der Vasenform unsere menschliche Kondition ansprechen, für das Transzendentale und Geistige offene, empfängliche Wesen zu sein.

In meinen Augen gibt dieses Kunstwerk eine Erfahrung wieder, die Paulus in wunderbar dichten und treffenden Worten in einem Brief an die Gläubigen in Korinth zusammenfasst:

„Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.
Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen, so wird deutlich, dass das Übermaß an Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, wir tragen das Todesleiden Jesu an  unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.“ (1 Kor 4,5-10)

Habemus Papam

Es gibt unzählige Fotos von der Verkündigung der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst Benedikt XVI. Und Bilder? Thalia Uehlein versuchte es – mit einer inneren Schau dieses geschichtsträchtigen Momentes. Entstanden ist ein abstraktes Gemälde in roter und gelber Farbe.

Unmittelbar in die Augen sticht das bewegte gelbe Band, welches das Bild in der Mitte vertikal durchquert und mit seinen Schattierungen körperähnliche Formen bildet. Es scheint von außerhalb des Bildes zu kommen, durch es hindurchzufließen und unten weiterzugehen. Die roten Farbabstufungen der anderen Flächen lassen an ein Fenster denken, an dem dieses „Band“ steht oder durch das es in einen roten Raum gekommen ist.

Der Blick aus diesem Fenster ist verschleiert, denn der ganze Fensterbereich ist mit unregelmäßigen horizontalen Pinselstrichen überzogen, die wie eine Jalousie etwas Geheimnisvolles verhüllen und gleichzeitig doch teilweise offenbaren. Lässt sich nicht eine rosafarbene Wolke erkennen sowie rechts und links von ihr Durchblicke auf einen hellgelben Hintergrund?

Assoziationen werden wach: Gott erschien doch Mose in einer Wolke und sagte ihm, wie er die Israeliten zu führen habe (vgl. Ex 16,10). Und wie der „mobile Tempel“ für Gott gebaut und geweiht war, „verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnstätte“ (Ex 40,34). Ist Gott im Ringen der Kardinäle um eine Entscheidung nicht auch gegenwärtig und offenbart er durch sie, bzw. den Papst, seine Pläne für sein Volk?

Das gelbe „Band“ könnte eine symbolische Darstellung des Heiligen Geistes sein, der erleuchtend in den Raum mit den versammelten Kardinälen eindringt. Sie tragen doch alle rote Kleider und sind bei der Wahl des neuen Papstes von der Liebe zu Christus und seiner Kirche erfüllt! In der Nachfolge der Apostel wählen sie im Hören auf den Heiligen Geist „aus ihrer Mitte“ (Apg 15,22) das Oberhaupt der Katholischen Kirche. Wie die Apostel könnten die Kardinäle nach der Wahl von der Loggia des Petersdomes herunter verkünden: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (15,28)!

Wie eine Wirbelsäule verbindet der Heilige Geist (ist er nicht das Rückgrat unseres Glaubens, unserer Hoffnung und Liebe?) die „vielschichtigen“ Meinungen der Kardinäle und lässt sie in einer lichtvollen Entscheidung aufleuchten. Freudige Erleichterung ist spürbar: Habemus Papam – Wir haben einen Papst!

Lobpreisschale

Auf den ersten Blick ist nicht viel zu erkennen. Von der linken Seite her kommt eine geschwungene Form ins Bild hinein, welche die Senkrechten zu tragen scheint. Die warmen, diffusen Farben und die aufsteigenden Strukturen erinnern mich an ein Feuer.

Das Bild könnte tatsächlich ein Feuer darstellen, das in einer Schale brennt.

Ähnlich den Flammen steigen in mir Gedanken und Erinnerungen auf. Geläutert durch die zeitliche Distanz schwingt warmer Dank mit, Dankbarkeit gegenüber Dem, der mich all das erfahren und erleben ließ. Geheimnisvoll wie die klar definierte Senkrechte in der Mitte des Bildes steht Er in meinem Leben, zentriert und orientiert es. Wie der Docht in der Kerze steht Er in der Mitte meines Lebens und lässt es in der Dankbarkeit lichtvoll und schön werden.

Diese Dankbarkeit verwandelt meine Erinnerungen, ja mein ganzes Leben bis in die Gegenwart hinein in ein unaufhörliches Lobpreisgebet vor Gott. Wie wohlriechender Weihrauch steigt es vor Gott auf (vgl. Ps 141,2; Offb 8,4) und verherrlichlicht Den, der mir das Leben mit allem, was es beinhaltet, geschenkt hat.

Der Lobgesang der drei jungen Männer ertönt in mir, die von König Nebukadnezzar wegen ihres Glaubens an den einen Gott in einen glühenden Ofen geworfen wurden, dort aber durch einen Engel des Herrn so beschützt wurden, dass ihnen das Feuer nichts anhaben konnte. Ihr Lobpreis rühmt und preist Gott in seinem Wesen und Wirken und fordert die ganze Schöpfung auf, in diesen Lobpreis einzustimmen (vgl. Dan 3,51-90). Die Thematik vieler Psalmen wird hier aufgenommen (vgl. insbes. Ps 103-106), aber auch die feurige Dankbarkeit von Lobgesängen aus dem Neuen Testament. Als Beispiele seien nur das Magnifikat der Maria (Lk 1,46-55) und das Benedictus des Zacharias (Lk 1,68-79) erwähnt.

Aus der Gegenwart höre ich noch einen weiteren Lobpreis in mir. Einen, der bei der Jesus-Bruderschaft in Gnadenthal ein fester Bestandteil des Gebetes ist und so tönt:

„Dass Du mich einstimmen lässt in Deinen Jubel, o Herr,
deiner Engel und himmlischen Heere,
das erhebt meine Seele zu dir, o mein Gott;
großer König, Lob sei Dir und Ehre!“

Thron Gottes

Gelb, Weiß und Rot geben diesem mehr oder weniger symmetrisch aufgebauten Aquarell den farblichen Ausdruck. Im unteren Drittel bildet ein dunkles Rot die Basis des Bildes. In seiner Mitte führen hellere Rechtecke wie Stufen oder ein Teppich zu einem sesselartigen hellen Gebilde, dessen „Armlehnen“ den Bildrand berühren. Darüber die durch ein dunkleres Gelb vom Hintergrund abgesetzte Rückenlehne dieses ungewöhnlichen Sitzes.

Den oberen Abschluss bildet ein horizontales Band, das mit freien Handbewegungen rot und blau dekoriert worden ist. Es könnte der Baldachin sein, der diesen königlichen Thron überdacht. An seiner Unterkante bricht ein nach unten zeigendes lichtes Dreieck mit den sonst rechteckigen Formen. Es weist mit seiner Spitze auf den leeren Sitz.

Wer regiert von hier aus? Wer sitzt auf diesem Thron? Die gelben Farben deuten auf eine Lichtgestalt hin, die über der Erde herrscht. Denn die leicht gewölbte dunkelrote Basis könnte ein Ausschnitt der Erdkugel sein, deren Rot auf das Leben und die gelebte wie die  verletzte Liebe hinweist. Der Thron würde dann gewissermaßen überdimensional auf der Erde stehen, wie Jesaja den Herrn sagen hört: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße“ (Jes 66,1).

Der Himmel ist vom Glanz der göttlichen Herrlichkeit erfüllt (Ps 113,4). Alles ist Licht, nicht nur um den Thron herum, sondern auch innerhalb des Throns. Es ist, als weise das Dreieck auf dieses hellste Rechteck hin, das in seiner Verlängerung bis an den unteren Bildrand reicht. Ich höre die Stimme Gottes auf dem Berg der Verklärung zu den Jüngern sagen: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören“ (Mt 17,5).

In frühchristlichen Darstellungen des Thrones Gottes in Rom (4. Jh.) ist anstelle eines herrschenden Jesus die Heilige Schrift auf die Sitzfläche gestellt. Gott und auch Jesus sprechen zu uns durch das Wort, das uns in der Bibel überliefert und durch den Heiligen Geist eingegeben wird. Das hellgelbe Rechteck auf dem Thron mit dem schwach erkennbaren roten Kreuz in seiner Mitte könnte als Buch gedeutet werden, dessen Wort den suchenden Menschen erleuchtet und Licht auf seinem Weg ist (Ps 119,105). Das Rechteck hat für mich aber auch etwas von einem Tabernakel, in dem der Leib Christi aufbewahrt wird.

Ob Heilige Schrift oder Tabernakel, sie weisen auf den Herrn des Lebens hin, der sich uns unermüdlich in seinem Wort wie in seinem Leib schenken will. Was auf dem Bild als Thron dargestellt ist, das sollen wir selber sein: Ehrwürdiger, kostbarer Träger und Bewahrer des Allerheiligsten. Beim Kommunionempfang sollen unsere Hände ein Thron sein, im Alltag soll unser Leib Thron der göttlichen Weisheit sein, so wie Maria in der Kunst oft als Sedes sapientiae dargestellt wird. Durch sein Wort sollen wir so transparent sein, dass ER durch unser Leben hindurch für alle Menschen sichtbar wird.