Lebensbogen

Im Zentrum dieser Bilderreihe steht offensichtlich der Mensch. Auf jeder Bildtafel ist er anders dargestellt, von anderen Farben umgeben und von anderen Symbolen begleitet. Hier wird eine Lebensgeschichte erzählt, in idealisierter Form ein Bogen über das ganze menschliche Leben gespannt: Geburt und Kindheit, Jugend, die Lebensmitte, das Alter und zuletzt das Lebensende.

Die Größe der Gestalten erzählt dabei von einem Auf- und einem Abstieg, einem Wachsen und einem Vergehen. Das Leben wird durch die Farben als ein Ganzes dargestellt, bei dessen Durchquerung alle Farben und Stimmungen des Lebens kennengelernt werden. Die Farben orientieren sich am Tages- und Jahresablauf, welche unserem Leben einen festen Rhythmus geben: Von der blauen Farbe des Morgens wird der Bogen über das warme Licht des Mittags zu den Farben der untergehenden Sonne und des dunkler werdenden Abends gespannt. Das sphärische Blau des Winters wird vom aufbrechenden Grün des Frühlings abgelöst, um im sommerlichen Gelb seinen hellsten Ausdruck zu finden und dann über das herbstliche Rot in die zurückhaltenden Farben des Jahresendes überzugehen.

Auf dem ersten Bild wird das neue Leben als Geschenk des Himmels sichtbar. Es wird von oben in diese Welt hineingegeben und ruht wie auf einem Thron in der Bildmitte, als sollte gesagt werden, dass es ein Zusammenwirken von irdischen und himmlischen Kräften für die Entstehung eines Menschenkindes braucht. Das Neugeborene ist beinahe weiß, verhüllt und in Vasenform dargestellt: Es ist noch ein unbeschriebenes Blatt, doch wurde – wie es die Sterne über ihm andeuten – unendlich viel in es hineingelegt für die Bewältigung des Lebensweges, als Wegzehrung und um damit die Mitmenschen beschenken zu können. Das in den Grund weisende Dreieck könnte für alles stehen, was im Kindesalter wachsen sollte als Grundlage für ein gelingendes Leben: Vertrauen, Verlässlichkeit, Sicherheit …

Aus dem zweiten Bild sprechen Wachstum, Aufbruch und Heiterkeit. Der jugendliche Mensch wendet sich von der Kindheit ab, er hat gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Er setzt sich kraftvoll in Bewegung, selbstbewusst mit dem Finger auf sich zeigend. Er hat das ganze Leben vor sich! Voller Tatendrang schaut er nach oben, scheint sich an Idealen und großen Vorbildern zu orientieren, um seinen eigenen Lebensweg zu finden. Das Symbol über ihm erfasst seine Situation: Das Leben steckt voller unendlicher Möglichkeiten. Und der Bogen unter seinen Füßen bringt zum Ausdruck: Was in der Kindheit grundgelegt wurde, begleitet und trägt ihn nun bei seinem Tanz ins Leben.

Im dritten Bild wird der Mensch in glutroter Farbe fest und aufrecht stehend gezeigt. Voller Energie und auf Expansion ausgerichtet steht er in der Fülle seines Lebens. Er hat seinen Weg und seine Mitte gefunden und vermag die Höhepunkte des Lebens zu erreichen, aber auch seine Tiefen auszuloten: Ein Arm weist nach oben, der andere nach unten. In der Mitte des Lebens hat er die Chance, Halt, Vorbild und Orientierung für die Menschen links und rechts von ihm zu sein, er kann führen, aber auch verführen. Gleichzeitig nimmt er den Wechsel zwischen der scheinbar unbegrenzten Jugend und den zunehmenden Begrenzungen des nahenden Alters wahr. Diese Festigkeit und Klarheit, aber auch die Begrenztheit in diesem Lebensabschnitt möchte das Quadrat über ihm symbolisch andeuten.

Das vierte Bild spricht vom Alter. Der Mensch steht da, wie in einer Form geprägt, festgelegt, ja beinahe starr. Es lässt die aufsteigende Angst des Abschieds im wieder enger werdenden Lebensraum durch hochgezogene Schultern spüren – aber hinter sich hat er den warmen Reichtum der Erfahrungen und Erlebnisse, die sich wie geologische Schichten im Laufe der Jahre abgelagert haben. Im Rot spiegelt sich die empfangene und gegebene Liebe, auf die der alternde Mensch als Kapital seines Lebens zurückblicken kann. In ihr öffnet sich ein gleißend heller Bogen, der in eine andere Wirklichkeit zu führen scheint. Das nach oben gerichtete Dreieck steht für die Umkehrung der Kräfte.

Im fünften Bild wird das Sterben und der Tod angesprochen. Der Mensch schaut auf das Leben und alle zurückbleibenden Menschen zurück. Er ist von einem Saphirblau umgeben, das bei der Betrachtung der Bilder nie aus dem Blick geraten ist und den Bogen zum ersten Bild schlägt, der Geburt. Der Kreis des irdischen Lebens hat sich geschlossen. Eine große Ruhe geht von der schwarzen und von beiden Seiten bedrängten Gestalt aus. Das saphirblaue Feld hinter ihr und das aus dem Kreis herausfließende Licht scheinen sie aus den Tiefen der Erde herauszuziehen in eine andere Wirklichkeit. Wir glauben, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern ein Übergang. Darauf weist auch die Form des umgekehrten T mit seinen aus dem Bild und ins Unendliche führenden roten Balken hin. Liebe und Unendlichkeit – unendliche Liebe – sind wir ihr nicht das ganze Leben nachgegangen, so dass wir auch im Tod auf sie als ganz andere und doch irgendwie vertraute Wirklichkeit hoffen?

Im Anfang – eine Idee

Lasierende gelbe Farbschichten vor schwarzem Hintergrund, Farbläufe und -spritzer in alle Richtungen, unzählige, über die ganze Bildfläche verteilte Farbtupfer bilden zusammen ein wildes explosives Durcheinander. Die vielen Lichtpunkte und die beiden großflächigen Lichterscheinungen lenken unseren Blick zum Himmel und entführen ihn in die unendliche Weite des Alls.

Doch da, die aufspritzende Farbe suggeriert ein aktuelles Geschehen, die beiden in allen Nuancen leuchtenden Wolken lassen an etwas unfassbar Großes denken, das gerade am Entstehen ist. Wäre da nicht eine schmale horizontale Fläche am unteren Bildrand, dem Betrachter würde vor Staunen der Boden unter den Füßen weggezogen und er verlöre das Gleichgewicht angesichts des gewaltigen Spektakels.

Diese kleine Fläche gibt Halt und lässt an eine windstille Wasseroberfläche denken, in der sich das Weltall mit seinen Sternen und Lichterscheinungen spiegelt. Könnte sie das Urwasser darstellen, von dem die Bibel in den ersten Worten erzählt, dass es am Anfang zusammen mit der Finsternis die Erde bedeckte?

Dann könnten die beiden die Dunkelheit durchbrechenden Lichtblitze so etwas wie das Aufflackern des ersten Lichtes sein, das sich mit der Zeit zum Tag entwickelt. Allein die Vorstellung ist schon umwerfend: Zuschauer bei der einzigartigen Entstehung eines Planeten zu sein, der im grenzenlosen All aus einer wunderbaren Idee heraus seinen Lauf nimmt.

So utopisch das Ganze erscheinen mag, das Gemalte könnte auch ein Bild für das sein, was sich bei der Geburt einer Idee in unserem Kopf ereignet. Entsteht sie nicht auch aus dem Nichts, leuchtet sie nicht gleichsam als Gedankenblitz in der Weite unseres Verstandes auf? Oft haben wir Schwierigkeiten, den initiativen Gedanken klar zu fassen, weil er noch zu nebulös ist. Doch das, was wir im Geiste erfassen konnten, ist elektrisierend, voll lichter Hoffnung. Denn in einem solchen Anfang steckt das Potential alles zu verändern! Denken wir nur an die zündenden Ideen in der Wirtschaft, der Politik, der Kunst oder der Philosophie.

Sind wir nicht alle in unterschiedlichster Art und Weise am Schöpfungsvorgang beteiligt? Tragen inmitten der vielen leuchtenden „Stars“ nicht auch meine Ideen die verheißungsvolle Kraft in sich, Großes zu bewirken, Leben hervorzurufen und die Welt, vielleicht nicht maßgebend, aber durch das wie Licht wirkende Denken und Handeln doch befreiend und erfreuend mitzugestalten?

Lichtblick

Umgeben von einem dunklen Rahmen, öffnet sich unserem Blick in der Bildmitte ein helles Fenster. Es scheint nicht sehr groß zu sein, denn die weiße Taube, die sich mit dem grünen Zweig im Schnabel auf dem Fenstersims niedergelassen hat, füllt fast das ganze Fenster aus.

Die dunkelblaue Farbe suggeriert umgebende Dunkelheit und Nacht. Von den fünf Menschen sind nur schattenhafte Köpfe und Silhouetten auszumachen. Die beiden Personen, die sich unter dem Fenster befinden, lassen durch die vier hellen Senkrechten und den engen Bildraum zudem an Gefangene denken, die eingesperrt und niedergedrückt sind. Seltsam, wie der Künstler ihre Augen, Nasen und Münder stilisiert mit einem Kreuz-Zeichen angedeutet hat.

Soll es ihre „Religio“, ihre Rückbindung an Gott zum Ausdruck bringen, die ihnen Zugehörigkeit und Schutz verheißt? Denken wir nur an die Riten von Taufe, Firmung, Konfirmation oder Krankensalbung … Trotzdem bleiben viele Fragen und Zweifel. Wer kann Katastrophen wie eine Sintflut, einen Tsunami und anderes mehr verstehen? Helfen kann da nur ein unsagbares Vertrauen. In diesem Vertrauen haben sie die Taube ausgesandt und, um sicher zu gehen – denn Zweifel bohren tief – eine zweite.

Nun ist sie in ihre Mitte zurückgekehrt – mit dem Zeichen des Zweiges. Die Dunkelheit hat einen Lichtblick erhalten, der sich auf den Köpfen der wartenden Menschen bereits spiegelt. Durch das Licht wird das Zeichen auf ihren Köpfen sichtbar, das in der Bibel bei Menschen verwendet wird, die aus ihrem Glauben, aus ihrer innigen Beziehung zu Gott, der Schöpfung und den Mitmenschen heraus in Zeiten der Dekadenz einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bewahren. So heißt es von Noach: „Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging seinen Weg mit Gott.“ (Gen 6,9) Deshalb wurde er von Gott beauftragt, zur Rettung des Menschengeschlechts und der Tiere ein großes Schiff zu bauen, auf dem er mit seiner Familie und den Tieren die Zeit der Sintflut überleben konnte. Das Aquarell vermittelt den Augenblick, in dem die Taube das zweite Mal nach der Erkundung nach Land erfolgreich mit dem frischen Olivenzweig als Zeichen für das Wiederaufblühen der Natur zurückkehrte. „Jetzt wusste Noach, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand.“ (Gen 8,11)

Im blauen Hintergrund könnte aufgrund dieser Begebenheit ebenfalls das alles vernichtende Wasser der Sintflut gesehen werden. Auch den Geretteten steht das Wasser bis zum Hals. Was sie allerdings über Wasser hält, ist ihre Verbundenheit mit dem Licht, das im Fenster wie ein Floß, wie eine rettende Insel in ihrer Mitte schwimmt. Ihr Vertrauen hat ihnen eine neue Zukunft, neue Aufgaben und sicher auch neue Leiden gegeben. Hoffnungsvolle Zuversicht und Liebe erfüllt und verbindet sie mit dem unbegreiflichen Gott. Und dieses gläubige Festhalten am gerechten Denken und Handeln verhindert, dass sie sich in unwürdige Machenschaften verstricken, die ihnen und anderen Unheil und Tod bringen. – Ermutigung und Lichtblick für uns!

Das besprochene Aquarell stammt aus: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers mit Bildern von Andreas Felger
/ Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart, 1.664 Seiten, 171 ganzseitige Aquarelle und 104 teils farbige Skizzen, Format 17,3 x 24,5 cm

Seit vielen Jahrzehnten widmet Andreas Felger einen wesentlichen Teil seines künstlerischen Schaffens der Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Seine Bilder sind Ausdruck gelebten Glaubens, wiederholter Meditation und Durchdringung. Seine Aquarelle und Skizzen sprechen eine spirituelle Sprache. Konkrete Darstellungen wechseln mit abstrakten Motiven, schaffen meditative Momente, eröffnen andere Sichtweisen und neue Zugänge zur Heiligen Schrift. Die Begegnung und der Dialog zwischen Mensch und Gott werden in seinen Bildern anschaulich und berühren die Sinne.

Ermutigung

Das Einzige, was auf dem Bild wirklich gut zu erkennen ist eine Leiter. Auf einem roten Boden stehend und an ein ebenso rotes Objekt angelehnt, ragt sie in den gelben Hintergrund hinein. Sie ist eine Leiter des Übergangs! Unten hebt sie sich durch die obere Farbe vom Hintergrund ab, oben durch die Schatten der unteren Farbe. Deutlich steht sie da und führt nach oben ins gelbe Licht, an die Grenzen des Bildes und unsichtbar darüber hinaus. Obwohl sie schattenhaft leicht im „Raum“ steht, weckt sie Vertrauen und lädt ein, ins Licht hinaufzusteigen.

Der lichte und lebendige Hintergrund verbindet die Leiter mit weiteren vertikalen Formen auf der linken Bildhälfte. Weder Farbe noch Umrisse lassen eine klare Gestalt erkennen. Am ehesten erinnern sie an eine stehende Menschengruppe. Die Farben Blau, Grün, Rot und Braun lassen an vier Personen denken, die sich dem Licht zuwenden, auf es zugehen. Vielleicht erwägen sie auch, die Leiter zu erklimmen.

Die Farbübergänge von Blau zu Grün und von Magenta zu Weinrot laufen nach oben zum Licht hinaus und bringen dadurch eine Verwandlung zum Ausdruck, die sich durch die Hinwendung zum Licht ereignet.

Von hellem Licht gerahmt, öffnet sich hinter der rot-braunen Gestalt ein abgedunkelter Durchgang. Aus der Mitte dieser Gestalten steigen Linien auf, die gleichsam einen Weg durch diesen Türrahmen hindurch zeichnen, die angedeuteten Menschen und uns alle einladend, ihm zu folgen. Doch die Linien führen nicht wirklich weit, sie scheinen vielmehr vor dieser Tür auszulaufen! Könnte dieser Durchgang vielleicht eine Versuchung darstellen, den einfachen und bequemen Weg zu wählen, anstatt das Wagnis mit der Leiter einzugehen? Wer von uns hat nicht schon die Erfahrung gemacht, in der wir die Vernunft als Beistand zu gewinnen suchten, um die Sicherheit des Bekannten dem Ungewissen vorziehen zu können?

Aber auch zur Leiter führen Linien! Sie zeichnen keinen Weg vor, betonen allerdings, dass hier eine vielversprechende Gelegenheit steht , die ins Weite, die ins Licht führt. Was oben an der Leiter folgt, vermag uns auch das Bild nicht zu sagen. Aber es ermutigt, zuversichtlich in die Ungewissheit der Zukunft zu schauen. Sie zeigt sich uns verheißungsvoll licht und sonnig. Und wenn das helle Rot als Symbol für die Liebe gedeutet werden darf, dann wird auch alles, was mit Liebe getan wird, sich in lichte Freude wandeln und vor schlichter Schönheit erstrahlend zum Himmel erhoben werden.

 

Die „Himmelsleiter“ und weitere 13 Bilder von Cornelia Patschorke sind im Buch „Befiehl du deine Wege und bleib nicht bei dir stehen“ (ISBN 978-3-937896-25-0) als spirituelle Illustrationen zu 8 bekannten Liedern des Dichters Paul Gerhardt abgebildet. Ergänzt wird das sehr schöne Geschenk- und Meditationsbuch zum 400. Geburtstag von Paul Gerhardt mit einfühlsamen Gedichten von Werner May. Preis: Euro 14,90

Prolog – Vorwort – Vorbild

Drei gleich große blaue Tafeln bilden die Grundlage für einen schöpferischen Prolog, der durch die Formen und Farben zu einem Dialog zwischen der Einzeltafel oben und den beiden Tafeln unten wird. Letztere sind nur zusammen ein Ganzes. Der goldfarbene Kreis in ihrer Mitte erscheint wie ein Abbild des blauen Kreises im oberen Quadrat, der wie ein Planet über goldenen Wolken schwebt. In seiner Mitte sind über einer sichelförmigen Aufhellung vertikale Strukturen zu erkennen, die an Adern, Wurzeln oder Bäume denken lassen. Leben? Die Andeutung bleibt geheimnisvoll. Allerdings bringt ein diese Erscheinung umschreibendes Dreieck ein Symbol ins Gespräch, das für den Gott gebraucht wird, der sich uns Menschen in drei Personen offenbart hat.

Die Doppeltafel darunter zeigt sich uns nicht weniger geheimnisvoll. Im goldenen Kreis ist ein grünblaues Quadrat mit einem dunklen Auge zu sehen, das über einem Tisch mit Flügeln zu schweben scheint. Links daneben ist schwach angedeutet ein Mensch zu erkennen. Dieser abgeschlossene Raum wird nur durch ein von oben eindringendes Licht mit seiner Umgebung verbunden, die in einem wunderbar lebendigen Blau zum einen von einer weißen und einer grünen Waagrechten, zum anderen von an Weinranken erinnernden kräftigen blauen Linien geprägt wird.

Wollen diese beiden Tafeln auf die aus Gott hervorgegangene und im Werden begriffene Schöpfung hinweisen, das Quadrat in der Mitte auf den Tempel, der Tisch mit den Flügeln auf einen Altar oder das Gestell, welches die Bundeslade mit den Zehn Geboten trug (vgl. Ex 25,10-20)? Die beiden Bildebenen wecken das Verlangen nach mehr. Was wohl hinter dem Auge verborgen ist, das wie ein Schlüsselloch ein Öffnen von Türen suggeriert? – Die Künstlerin lässt uns nicht in unseren Erwartungen sitzen und hat tatsächlich eine dritte Ebene gemalt, die sich durch Entfalten des Diptychons ergibt und den Blick auf ein faszinierend bewegtes Geschehen ermöglicht (Geöffnetes Klappbild).

Anstelle des zentralen Kreises mit dem dunklen Auge schauen wir nun eine geheimnisvolle Lichterscheinung auf einem Gefährt mit zwei Rädern. Es ist von einem angedeuteten Dreieck umgeben und scheint für den Transport vorgesehen zu sein. So wie der Kreis des Diptychons mit der oberen Einzeltafel in Verbindung stand, so lässt die Wiederholung des Dreiecks aufmerken. Das in ihm aufleuchtende Licht scheint alles Umgebende in seinen Bann zu ziehen: Ein Männergesicht beugt sich über das eigenwillige Lichtgefährt, als schaue es in der Krippe denjenigen, der das Licht der Welt ist. Rechts davon ist eine Mutter mit ihrem Kind erkennbar, darunter der Kopf eines Schafes. Daneben am oberen Bildrand Köpfe von Besuchern, die sich um das offenbarte Geschehen scharen: Hirten, die drei Weisen, gewissermaßen auch wir.

Es ist, als sei die einsame Gestalt aus dem Schatten unter dem zentralen Auge hervorgetreten und habe die Seite gewechselt, um sich der aufleuchtenden Herrlichkeit zuzuwenden. Sein Haupt ist verehrend geneigt und erinnert an den weisen Simeon, dessen Warten auf den Retter Israels mit dem Anblick Jesu ein glückliches Ende genommen hat (vgl. Lk 2,25-32).

Auf der linken Seite assoziieren die Augen und Formen Tiere, die sich wie die Menschen vor dem Licht versammeln und verneigen und den Neugeborenen als ihren Herrn ehren. Darunter ist ein Raum mit Rundbogen angedeutet. – Was für ein Gegensatz zur „Krippe“! – Ob er auf Jesu königliche Abstammung aus dem Geschlecht Davids hinweisen oder auch zur Sprache bringen will, dass die Tore zum Paradies mit Jesus wieder offen sind (ähnlich wie bei diesem Klappbild)?

Das Kunstwerk lässt vieles offen. Dennoch will es, wie sein Titel es treffend bezeichnet, Prolog sein, hinführendes, vorbereitendes „Vorwort“ für die Begegnung mit dem wirklichen Wort, dem wahren Licht, das aus dem unsichtbaren Gott hervorgegangen und unter uns Mensch geworden ist. Das Kunstwerk macht auch deutlich, dass wir für eine intensive Gottesbegegnung und -beziehung in die Tiefe gehen, gleichsam hinter die verschleiernde Oberfläche der Dinge und Handlungen schauen müssen, um ihm wirklich zu begegnen. Und es bringt durch den Lichtwagen einzigartig zum Ausdruck, dass die Erfahrung des göttlichen Lichtes von uns mitgenommen werden und zu den Mitmenschen transportiert werden soll.

Vor-Stellung

Eine in sich gekehrte Gestalt mit einem etwas hilflos wirkenden Kind begegnet uns auf diesem Bild. Die beiden wären wahrscheinlich nichts Besonderes, wenn nicht ein feurig roter Block den Hintergrund für ihre frontale Darstellung bilden würde. Eingerahmt von dunklen Seiten, erscheint er wie eine Öffnung, durch die von hinten Licht, Wärme und Kraft ins Bild strömen. Die Einfassung wie das energiegeladene Feld versprechen Halt, Verlässlichkeit, Stabilität – letzteres mit seinem leuchtenden Rot zudem glühende Liebe.

Die davor stehende Gestalt, ein geheimnisvolles, ganz in Blau gehülltes Wesen, ist von diesem lebendigen Rot umgeben und scheint in ihm Geborgenheit und rückendeckenden Halt zu finden. Nur die längliche Form, die Füße und das Gesicht weisen sie als Menschen aus, die feinen Gesichtszüge und das spitze Kinn als Frau. Ihre Augen wirken geschlossen – als verberge sie jede Spur von Individualität, als konzentriere sie sich auf ihre Bestimmung, das Kind vorzustellen und ihm Rückhalt zu bieten. Sie braucht dazu keine Geste des Haltens, sie tut es ohne Besitzanspruch, ohne Eitelkeit und ohne Sentimentalität. Sie ist einfach da, verlässlich da, als Mutter des Kindes. Und das Kind, das sie vorstellt – uns vor Augen stellt – hat den Rückhalt, denn es kann selbständig vor ihrem Schoß stehen.

Die Form des Kindes ist deutlicher gezeichnet als die der Mutter, aber dennoch reduziert auf das Allernotwendigste. Hemdchen und Füße sind in warmem Gelb gemalt, das runde Gesicht entspricht farblich dem Gesicht der Mutter. So fehlt es auch dem Kind an Individualität.

Aber was hat dieser orangefarbene Kreis um seinen kleinen Kopf zu bedeuten? Ist er eine Entsprechung zur blauen Kopfverhüllung der Mutter? Oder bringt er – farblich in der Mitte zwischen dem körpereigenen Gelb und dem feuerroten tragenden Grund liegend – vielleicht die Herkunft des Kindes zum Ausdruck, seine aus der Liebe hervorgegangene Existenz und bildet deshalb einen „Heiligenschein“? Stellt das Bild also Mutter und Kind vor dem Ausdruck einer leidenschaftlichen Liebe dar? Oder dürfen in den beiden Gestalten Maria und ihr kleiner Sohn Jesus gesehen werden, beide von Gottes unendlicher Liebe einzigartig umfangen und durchdrungen?

Das Bild lässt beide Deutungen zu, und lässt die Antwort offen …

… denn in jeder Menschengeburt geschieht etwas Wunderbares und Göttliches. Wird nicht durch jede Geburt die Zeit geheiligt und zu einer „heiligen Nacht“ oder zu einem „heiligen Tag“? Und stellt sich nicht jede Mutter in den Dienst Gottes, wenn sie eine Schwangerschaft zulässt und das „himmlische“ Geschenk annimmt, werdendes Leben in sich zu tragen und es der Welt zu gebären – wenn sie ihrem Kind liebender und zur Selbständigkeit verhelfender Rückhalt ist?

Engel

Mächtig steht er mit seinen offenen Flügeln da, der Engel, standfest wie ein Berg uns gegenüber, auch wenn keine Füße zu sehen sind. Erhöht blickt er von einem Podest oder einem Sockel und scheint uns laut eine Botschaft zu verkünden. Denn sein kleiner weißer Mund im verhältnismäßig kleinen runden Kopf ist weit geöffnet. Irritierend, dass kein Ton zu uns herüber kommt. Aber ob wir dort, wo die Töne wirklich übertragen werden, seine Stimme im Lärm des Alltags, im Stress unserer vielen Aktivitäten überhaupt hören würden?

Vielleicht muss er sich gerade deswegen so mächtig vor uns aufbauen, damit wir ihn nicht übersehen können und gewissermaßen gegen ihn anrennen. So transparent die Farbe seiner Flügel leuchtet und ihn als geistiges Wesen auszeichnet, die Farbe seines Mantels ist dick wie ein Panzer aufgetragen: Dieser Engel kann nicht umgerannt werden! Wie von den Spuren der Auseinandersetzung hat die getrocknete Farbe in der Brustgegend Risse hinterlassen, doch der Engel bleibt.

Deutlich hebt sich seine Gestalt vom tiefblauen Hintergrund ab. Er kommt in der Nacht, ist Sprecher des Verborgenen, Verkünder des Unvorstellbaren: Gott wird als Mensch mit uns sein!

Was ihn dazu berechtigt? Der Hauch eines Heiligenscheins weist auf seine himmlische Herkunft hin, der Heroldsstab in Form einer feurig leuchtenden Blume zeichnet ihn als Boten einer anderen Wirklichkeit aus. Außerdem leuchtet an verschiedenen Stellen helles weißes Licht durch, das den Eindruck erweckt, dass der Engel selbst eine Lichtgestalt ist, der seine wahre Identität unter einem Gewand verhüllt, um uns nicht zu blenden.

Seine geheimnisvolle Erscheinung will uns behutsam auf die Begegnung mit Gott einstimmen, auf die Begegnung mit seinem Sohn. Und es ist, als würde er uns leise, aber eindringlich bestimmt sagen: Lauf nicht weiter, halte an. Werde still … und höre zu! Das Feuer dieser in der Blume symbolisierten Botschaft will auch in Dir brennen. Lass Dich entzünden … damit auch Du Licht wirst für die Ankunft des wahren Lichtes.

Göttliche Erscheinung

Schauen
Es gibt Bilder, die verleiten zum Schauen. Sie haben eine Ausstrahlung, die berührt. Sie haben eine Anziehungskraft, die den Besucher zum Betrachter werden lässt, der in der Begegnung mit dem Unbekannten versucht, seine verborgenen Tiefen auszuloten. Was fasziniert mich? Was spricht mich an? Wodurch entsteht die Spannung? – Annäherung findet statt. Denn oft sehen wir, ohne zu erkennen, oft nehmen wir etwas wahr, ohne es zu verstehen.

Im Bild von Helene B. Grossmann begegnen uns abstrakte Formen. Es sind keine Linien zu entdecken, die abgrenzen oder an greifbare Gegenstände denken lassen. Im Gegenteil, alle Farbflächen haben weiche, auslaufende Konturen. Sie erinnern an Wolkenbilder. Ist es das, was fasziniert? Diese schwebende Leichtigkeit der Komposition, die Blickführung zur geheimnisvollen Lichterscheinung in der Mitte?

Ordnen
Das Bild lässt einen symmetrischen Bildaufbau erkennen. Um die weiße Mitte gruppieren sich farbige Wolken, die nach unten immer dunkler werden. Am unteren Bildrand formen sie eine schwarz-blaue Erhebung, welche die Basis des Bildes und einen harten Kontrast zur Bildmitte bildet. Nach oben ist das Bild offen. Der Gegensatz zwischen den geraden Bildkanten und den sich zur Bildmitte hin auflösenden Formen trägt wesentlich dazu bei, dass der Blick zur Mitte geführt wird und dort verweilt. Ein Dutzend weißer Wolkenfetzen im Vordergrund verstärken den Eindruck einer himmlischen Vision.

Dennoch ist die irdische Welt nicht abwesend. Sie spiegelt sich in den Farben und der Komposition. Ocker und Braun verweisen auf Sand und Erde, das Blau unterhalb der Lichterscheinung auf das Meer und seine dunklen Tiefen, das obere Blau auf den Himmel und seine Weite. Mitten drin dieses weiße, geheimnisvolle Licht, das nach innen immer intensiver wird. In seiner äußeren Form ist es als Oval erkennbar, in seinem Wesen spricht es vom Unfassbaren.

Visionen von Gott
Das Bild und das Licht als eine Vision von Gott zu deuten, liegt nahe. Eines Gottes, „der in unzugänglichem Licht wohnt“ (Tim 6,16). Der nicht etwa außerhalb seiner Schöpfung gegenwärtig ist, wie man es dem Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,4a) entnehmen könnte, sondern als Ursprung, Erhalter und Endziel in seiner Mitte lebt, wie es Paulus im Brief an die Römer (11,36) formuliert: „Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“

Dieser Ansatz eröffnet vielfältige Zugänge (die hier leider nur angedeutet werden können) zu Situationen, in denen Gott den Menschen erschienen ist. In geschichtlicher Folge ermöglicht das Bild als erstes einen Zugang zum Exodus des Volkes Israel. Das helle Licht kann als Wolkensäule gedeutet werden, die den Israeliten beim Auszug aus Ägypten vorausging (Ex 13,21f) und sie sicher durch das Rote Meer führte (14,15-31). Durch diese Tat erfuhr Israel seinen Gott als nahen Gott und starken Retter (15,2), der kraftvoll in der Mitte seines Volkes gegenwärtig war (vgl. Jes 12,6).

Visionen von Jesus
Einen weiteren Ansatz bildet die Verklärung Jesu. „Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.“ (Lk 9,29-31) Ein erster Blick vermittelt vielleicht den Eindruck einer abstrakten, symbolischen Darstellung dieser Szene. Weitere Blicke lassen aber so viele Andeutungen erkennen, dass einzelne Elemente etwas Figürliches erhalten. Hat nicht die blau-schwarzen Basis eine bergähnliche Form? Können darin die von der Oberkante ausgehenden Aufhellungen (oder die darüber auf der Spitze stehende weiße Dreiecksform) nicht als gekreuzte Füße gesehen werden, welche den verklärten Leib tragen? Und bilden die von der Mitte aus seitlich abfallenden „Linien“ im oberen Abschluss der Erscheinung nicht so etwas wie die Schulterpartie und die Arme eines Menschen? Im Zenit dieser beiden „Linien“ können aus einem Wolkenfetzen zudem die Gesichtszüge eines nach rechts geneigten menschlichen Kopfes herausgelesen werden. Nase und Stirn sind hell, während die Haare, die Augenhöhlen, die Wangen und die Mundpartie im Dunkeln liegen. Dadurch ist eine menschliche Gestalt, die ganz in Licht getaucht ist, mehr wahrnehmbar als sichtbar angedeutet. – Die singuläre Gestalt lässt an der Richtigkeit der Annäherung zweifeln. Aber wenn in den beiden obersten Wolken links und rechts neben dem „Kopf“ genauso geheimnisvolle, büstenähnliche Erscheinungen von Mose und Elija gesehen werden können wie bei Jesus in der Mitte, so hätte diese Ansicht durchaus ihre Gültigkeit.

Die gleichsam auf den Wolken schwebende Gestalt lässt weiter an die Vision des Menschensohnes im Buch Daniel (7,13) denken, die von Jesus in seinen Reden vom Ende der Welt aufgegriffen wird: „… Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 24,30; vgl. 26,64) Schließlich taucht die Vision in der Offenbarung (1,7-8; 14,14-20) nochmals in der Ankündigung der Endzeit und des damit verbundenen Gerichts auf.

Zu guter Letzt vermag die lichte Erscheinung neben dem Kommen des Menschensohnes auch Jesu Heimgang zum Vater anzusprechen. In der angedeuteten Gestalt kann Jesus gesehen werden, der sich nach seiner Auferstehung ein letztes Mal den Jüngern gezeigt hatte. Noch während er sie segnete, wurde er „zum Himmel emporgehoben“ (Lk 24,36-53). In Anlehnung an die vielen von Offb 12,1 beeinflussten Mariendarstellungen ist die göttliche Erscheinung von einem Kranz heller Wolken umgeben. Sie funkeln nicht als Sterne, aber sie bilden als diskrete Lichterkette eine Art Heiligenschein, der die Herrlichkeit Gottes und seines aus Ihm hervorgegangenen und zu Ihm zurückgekehrten Sohnes hervorhebt.

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 3/2006 der Zeitschrift „das münster“, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Erinnerung

Die aus neun Einzeltafeln bestehende Komposition entführt den Betrachter in eine fast ungegenständliche Welt, die zudem zum größten Teil verhüllt erscheint, denn über einem schmalen Saum erhebt sich eine tuchähnliche blaue Fläche. Sie bedeckt gut zwei Drittel des Bildes. Eine starke grafische Strukturierung verleiht ihr ein textiles Aussehen. Dazu trägt auch der obere Abschluss bei, bei dem das Gewebe lockerer zu werden scheint, ausfranst, einen Übergang zum Dahinterliegenden bildet.

Dieser oberste Bereich wird einerseits durch die braune Grundfarbe geprägt, andererseits durch das Licht, welches eine landschaftliche Tiefe erzeugt. Auf den Seitentafeln scheint das Blau der Hauptfläche turmartig und wie ein Dunst-Schleier in die Höhe zu steigen.

Die farbliche Einheit der horizontalen Elemente am oberen und unteren Bildrand lässt das blaue Mittelfeld plastisch hervortreten. In seiner Mitte wird durch die lineare Gestaltung ein weiterer Gegenstand in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit gerückt. Die verschiedenen weißen Linien lassen in ihm Fäden sehen, ein Fadenknäuel, das zum Teil abgewickelt auf dem gleichfarbigen Tuch liegt. Eine geheimnisvolle Komposition!

Durch die horizontale wie vertikale Dreiteilung wohnt dem Werk etwas Sakrales inne. Das Tuchhafte mag zudem an die Darstellungen der Schweißtücher der Veronika erinnern, an die Abbildungen des Antlitzes Christi auf seinem Leidensweg. Doch anstelle des Gesichtes ist nur eine „Stellvertretung“ zu sehen, an Haare erinnernde Fäden, die bedroht sind, vom Wind verweht zu werden und die letzten Spuren verschwinden zu lassen.

Der Künstler thematisiert auf diese Weise unsere Erinnerungen. Etwas mehr oder weniger weit in der Zeit Zurückliegendes wird aus der Dunkelheit der Vergangenheit hervorgeholt und wieder neu ins Licht und in den Mittelpunkt gerückt. Auf dem Grundgewebe der Geschichte wird dann das Gefundene ausgebreitet und betrachtet. Wie die einzelnen Bildtafeln sich durch ihre Bearbeitung als zusammengehörend und zusammenhängend erweisen, so müssen sich auch die einzelnen Erinnerungen als Bestandteile eines zusammenhängenden Ganzen beweisen.

Und ist es nicht die Erinnerung, welche in unserem Bewusstsein einzelne Erlebnisse miteinander verbindet und ihnen dadurch einem roten Faden gleich einen Sinn zu geben vermag? Auch unser christlicher Glaube hätte ohne die Erinnerung an die Heilstaten Gottes kaum die alles verändernde Kraft. Nicht umsonst rufen die geistlichen Führer unermüdlich zur Erinnerung daran auf. Stellvertretend für viele Textzeugnisse sollen hier vier starke Texte zur Sprache kommen:

Als erstes das grundlegende „Schema Israel“, weil in ihm viele Erinnerungsstützen formuliert werden (Hervorhebung durch den Autor): „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben. Und wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land führt, von dem du weißt: er hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, mit Gütern gefüllte Häuser, die du nicht gefüllt hast, in den Felsen gehauene Zisternen, die du nicht gehauen hast, Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast -, wenn du dann isst und satt wirst: nimm dich in Acht, dass du nicht den Herrn vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat.“ (Dt 6,4-12)

In den Psalmen wird die erinnernde Funktion des Gebetes thematisiert. „Denkt an die Wunder, die er getan hat, an seine Zeichen und die Beschlüsse aus seinem Mund. Bedenkt es, ihr Nachkommen seines Knechtes Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat. Er, der Herr, ist unser Gott. Seine Herrschaft umgreift die Erde. Ewig denkt er an seinen Bund, an das Wort, das er gegeben hat für tausend Geschlechter, an den Bund, den er mit Abraham geschlossen, an den Eid, den er Isaak geschworen hat.“ (Ps 105,5-9) Der Mensch soll an Gott denken wie Gott sich an den Menschen erinnert und ihm in Güte und Treue zugeneigt ist (vgl. auch Ps 98,3).

Im neuen Testament stehen Jesu Worte beim letzten Abendmahl an zentraler Stelle: “Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22,19-20)

Damit eine Erinnerung lebendig bleibt, braucht sie die stetige Wiederholung. Dazu brauchen wir Menschen Erinnerungsstützen in Form von Gegenständen, Bildern, Fotos, Erzählungen, usw. In Glaubenssachen haben wir deshalb eine innere Hilfe erhalten: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,26)

In diesem Sinne ist auch das Bild von Harald Gnade Anstoß zu einer geistigen Reise in die vom Leben gewebte Vergangenheit, Anknüpfungspunkt für ungezählte Erinnerungen, die das Leben einzigartig reich und schön machen.

Das Bild ist im Buch „MIMESIS“ abgebildet, das 2006 (Verlag ars momentum, ISBN 3-938193-27-1, Euro 19,80) anlässlich der Ausstellung „… besuche mich Zeit …“ in der St. Matthäus – Kirche im Kulturforum, Berlin-Tiergarten erschienen ist.

Lebenspartner

Leicht wie ein von der Sonne durchleuchtetes Herbstblatt breiten sich die Farben über das Papier aus. Die über das ganze Blatt gehende gelbe Blatt-, Kelch- oder Ballonform ist in einer kleinen schwarzen Markierung am unteren Bildrand verankert. Von hier aus steigt die äußere Form auf der rechten Seite in einem klaren Halbrund nach oben, während die Umrisse auf der linken Seite verschwommen sind. Die Farben scheinen aus der Blattform auszulaufen, Offenheit, Bewegung und Kommunikation signalisierend.

Im oberen Bilddrittel sind lineare Strukturen auszumachen. In ihrer horizontalen Ausrichtung wie in ihrer auffallenden diagonalen Parallelität erinnern die Linien an Äste, die von einem stürmischen Wind in die gleiche Richtung gedrückt werden. Mit einem dieser Äste scheint das „Blatt“ – es könnte aber auch eine Frucht oder etwas ganz anderes sein – fest verbunden zu sein. Goldgelb leuchtet es zwischen vereinzelten dunklen Stellen, auf der einen Seite Reife und Schönheit vermittelnd, auf der anderen Seite auf die Vergänglichkeit alles Geschaffenen hinweisend. Die in das Bild eingemalte Stimmung bringt klar zum Ausdruck, dass diese beiden Komponenten nirgends so nahe beieinander zu finden sind wie im Herbst.

Wie ein Fremdkörper gegenüber diesen Impressionen hebt sich auf der linken Bildseite ein großes rotbraunes L von der übrigen Bildlandschaft ab. Mit seinen harten Konturen und seiner deckenden braunen Farbe springt es förmlich ins Auge. Im Gegensatz zu den fließenden Farben des Hintergrundes muss der Buchstabe aus einer monochromen Fläche ausgerissen und aufgeklebt worden sein. Erratisch steht das geometrische Zeichen da, nur begleitet und gleichsam getragen von einer mysteriösen schwarzen Schriftspur, die in ihrer Unverständlichkeit ebenso fremd anmutet.

Was das L wohl zu bedeuten hat? – Schwer zu sagen! – Es ist zuerst einmal ein isoliertes Zeichen, das in diesem fremden Kontext keinen Sinn ergibt. Es ist ein menschliches Zeichen, ein Ausdruck menschlicher Intelligenz. Allerdings scheint die Künstlerin den Bildtitel „EL“ vom gesprochenen Buchstaben abgeleitet zu haben, wodurch das L als Symbol für Gott gedeutet werden könnte (vgl. Gen 17,1: El Schaddai = Gott, der Allmächtige). – Geheimnisvolle Präsenz dessen, der alles geschaffen hat? Inmitten des schöpferischen Werdens und Vergehens der ganz Andere in abstrakter Fremdheit? – Wieso nicht! Der Buchstabe L könnte auch ein dezenter Hinweis auf Leben, Licht und Liebe sein! Drei göttliche Eigenschaften par excellence, die der Psalmist immer wieder wie im Psalm 36, Vers 6 und 10 besingt: „Herr, deine Güte [= Liebe] reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue [= Liebe] reicht, so weit die Wolken ziehen. … Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (vgl. auch 1. Joh 4,16b: „Gott ist die Liebe …“)

So vermag das Bild im ungleichen Gegenüber von Buchstabe und fließenden Farben vom unaufhörlichen Dialog zwischen Gott und seiner Schöpfung zu erzählen. Durch Sein gesprochenes Wort wurde sie ins Leben gerufen und in Seiner unendlichen Liebe schenkt Er ihr durch alle blühenden und verwelkenden Lebensphasen hindurch eine unvergleichliche Schönheit und Würde.

Warten auf Gott

Aus der Ferne erkennt man auf den ersten Blick nicht viel auf diesem dreiteiligen Bild. Feine horizontale Linien durchziehen fast die ganze Bildfläche des Triptychons. Nur oben ist ein schmaler Streifen leer geblieben. Durch diesen hohen „Horizont“ entsteht der Eindruck einer graphisch vereinfachten Landschaft, welche an die Weite des Meeres oder einer Ebene erinnert.

Minimale Unterschiede in Abstand, Linienführung und Farbe lassen aufmerken. Bereits aus dem Gesamteindruck ist die freie Hand der Künstlerin herauszuspüren, die bewusst ohne technische Hilfsmittel gearbeitet hat. Die hinterlassenen Linien haben auf der Leinwand eine sehr menschliche, von Unregelmäßigkeiten geprägte Spur hinterlassen.

Aus der Nähe offenbaren sich die horizontalen Linien als eine Aneinanderreihung von unermesslich vielen Schriftzeichen, die ohne Abstand, Punkt oder Komma aneinandergefügt worden sind. Um was für eine Sprache es sich wohl handelt? Was wurde hier niedergeschrieben und mit einem Schriftbild dokumentiert?

Auf den ersten Blick erhalten wir durch die gleiche Größe der Buchstaben und der vielen senkrechten Striche den Eindruck einer alten, uns fremden Schrift. Mit der Zeit können einzelne Buchstaben wie E, U, T und W entziffert werden, doch ein Wort- oder gar Satzzusammenhang versperrt sich dem Eiligen. Dieser Text scheint keinen Anfang und kein Ende zu haben und lässt uns als Betrachter kaum einen Zugang offen.

Dadurch passiert etwas mit uns. Die scheinbar unverständlichen Zeichen verlangsamen unser Lesetempo und machen uns zu Suchenden. Da sich der Schriftsinn nicht gleich erschließt, wird unsere Geduld auf die Probe gestellt. Dieses Ausharren macht uns zu Wartenden.

Dabei entdecken wir vielleicht, dass auch das Niederschreiben dieses Textes viel Zeit gebraucht hat. Die leere Fläche war noch zeitlos. Indem die Künstlerin aber in diese Fläche eine Abfolge von geordneten Zeichen setzte, hat sie ihr gleichzeitig die dafür notwendige Zeit eingeschrieben: Die verschiedenen Tageszeiten, die Zahl der dafür gebrauchten Stunden und Tage.

So nimmt uns die Künstlerin in eine ausdauernde Meditation des sechsten Verses aus dem Psalm 130 hinein: „Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen“.

Das Verweilen vor dem Triptychon beruhigt und lässt zudem still werden. Wer wartet, ist in Erwartung. Und wer jemanden erwartet, ist ein bis an die Wahrnehmungsgrenzen Horchender und Schauender, damit er kein Zeichen seiner Ankunft verpasst. Um so mehr, wenn es sich beim Kommenden um Gott handelt, von dem es im Psalm (V. 7b-8) weiter heißt: „Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden.“

Und die Vergebung durch Gott wird, wie es die Größe des Triptychons und der weite Horizont andeuten, unermesslich sein. „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, soweit die Wolken ziehen“, betet der Psalmist an einer anderen Stelle (Ps 36,6). – Wer möchte das verpassen?

Orientierung

Die Anordnung der gelben Linien identifizieren wir schnell als Straßennetz einer Großstadt. Der Ausschnitt könnte einem Stadtplan entnommen oder aus der Luft aufgenommen sein. Es ist kein Zentrum auszumachen. Doch im unteren Bereich ist eine Verdichtung des Straßennetzes zu beobachten. Zudem lassen rote Punkte und Flächen – wie wir es von Stadtplänen kennen – an wichtige Gebäude denken.

In Wirklichkeit sind hier die einzelnen Straßenzüge aber nicht mehr klar zu erkennen. Sie sind teilweise mit Farbe übermalt und signalisieren gerade das Gegenteil von Ordnung. Sie scheinen verstopft zu sein und stiften Verwirrung. Wie ein undurchdringliches Dickicht verhindern sie das Vorwärtskommen. Das kann Angst auslösen, eingesperrt zu werden oder den Weg nicht mehr zu finden.

Aus dem gestalterischen Unterschied zwischen den beiden Bildhälften ergibt sich die Sehnsucht nach einem übersichtlichen und sicheren Weg. Lieber keine äußeren Orientierungspunkte, wenn diese nur verwirren, und wie ihre rotbraune Farbe auch gedeutet werden kann, Verwundung und Schmerz bedeuten.

Doch worauf sollen wir vertrauen? Auf den Straßen kennen wir Navigationssysteme. Sie führen uns sicher ans Ziel, umfahren Baustellen und Staus. Für unser Leben gibt es kein solches System, bei dem das Ziel eingegeben wird und uns dann automatisch die schnellste und eine kürzeste Route vorgeschlagen wird.

Allerdings hat uns Gott seine Weisungen ins Herz gelegt, damit wir mit Seiner Hilfe den für uns besten Weg finden, der uns sicher zu einem inhaltlich wie zeitlich erfüllten Leben führt. Insbesondere die Psalmen sprechen davon: „Alle, die deine Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle; es trifft sie kein Unheil.“ (119,165) „Er hat die Weisung seines Gottes im Herzen, seine Schritte wanken nicht.“ (37,31)

Mit dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, dem Sinn für Gerechtigkeit und für Schuld hat uns Gott ein Navigations- oder Orientierungsinstrument ins Herz gelegt, das die eingeschlagenen Wege vertrauensvoll geht und das Kreuzungen zuerst als Ort der Begegnung sieht und erst dann als Ort der Entscheidungen und des Abschieds. In der Fülle der Möglichkeiten vertraut der Gläubige dem über ihm seienden Gott, dass ER ihn sicher durch die Gefahren jeden Weges führt, aus Sackgassen herausholt, an den Kreuzungen die richtige Entscheidung treffen lässt und zu stärkenden Rastplätzen führt. – Mit IHM werden alle Strassen, wie es das Bild andeutet, zu lichterfüllten Wegen des Lebens, in denen bereits das Ziel entgegenleuchtet.

Gottes Weisungen

Alles scheint in Bewegung zu sein auf diesem Bild: Die mit schnellen Pinselstrichen aufgetragene Farbe, die Farbtöne, selbst die Komposition scheint in heller Aufruhr durcheinander gewirbelt zu werden.

Mittendrin lässt sich allerdings eine Gestalt entdecken, die von den Gewalten scheinbar unberührt am Boden kniet. Ihr aufrechter Oberkörper und die Umrisse des Kopfes sind deutlich zu erkennen, während das Gesicht verhüllt ist und Arme und Beine angedeutet sind. Erschrecken und Ehrfurcht bringen die Hände am Herz und vor dem Mund zum Ausdruck. Rot gekleidet, ist sie vorne, unten und hinten von roten Elementen tragend und beschützend umgeben.

Erst durch diese Person lässt sich das untere Bilddrittel als Erde festlegen. Vor ihr und über ihr wölbt sich ein großer Bogen von der linken unteren Ecke diagonal nach oben. Assoziationen an Felsen und Wolken werden hervorgerufen und bringen Mose in Erinnerung, der nach dem Auszug aus Ägypten von Gott eingeladen wurde, auf den Berg Sinai zu steigen. „Der Herr sprach zu Mose: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib hier! Ich will dir die Steintafeln übergeben, die Weisung und die Gebote, die ich aufgeschrieben habe. Du sollst das Volk darin unterweisen.“ (Ex 24,12)

Die Begegnung selbst wird folgendermaßen beschrieben: „Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn auf dem Gipfel des Berges zeigte sich den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer. Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg hinauf. Vierzig Tage und vierzig Nächte blieb Mose auf dem Berg.“ (Ex 24,17-18)

Obwohl die wolkenartigen, dunklen Elemente den hellen Hintergrund größtenteils verdecken, lassen die leuchtenden Gelbtöne doch die Herrlichkeit Gottes im Hintergrund erahnen. Er ist die Urkraft, die hinter allem steckt. Mit ihrer bewegten und dichten Darstellung taucht die Künstlerin nicht nur in die an sich verhüllte Begegnung ein, sie lässt uns auch die Bedeutungsfülle dieser Zeitspanne spüren. Das Bild lässt an einen Sturm denken, an ein Chaos, an eine schöpferische Neuordnung. Gott schenkt den Israeliten Weisungen, die ihnen wie Sonne, Mond und Sterne in guten und hellen sowie in schlechten oder eben dunklen Zeiten Orientierung geben sollen.

Doch was bewirken in Stein gemeißelte Gebote, wenn sie nicht beachtet oder umgesetzt werden? Hat die Künstlerin das Bild vielleicht deshalb so bewegt gemalt, damit auch wir die revolutionäre Kraft in den Zehn Geboten spüren, die Kraft des Heiligen Geistes? Auch wenn der Bundesschluss keine Präfiguration von Pfingsten ist, so gibt Gott den Israeliten und allen Gläubigen durch Mose doch eine äußere Lebenshilfe, die ihr Inneres bewegen und erneuern soll.

Blick in den Himmel

Ein mit Licht erfüllter Kreis dominiert die Komposition dieses Aquarells. Er ist von einem schmalen grauen Ring eingefasst und zeigt sich wie eine Öffnung im blauen Hintergrund des Quadrates. Ein Blick in den Himmel? In seiner Mitte zwei schmale, aufgerichtete Rechtecke. Durch ihre organischen Ränder und die geneigten Formen erinnern sie auch ohne anatomische Details an Menschen, die sich nahe stehen, ja in ihrer Zuwendung einander zugeneigt sind.

Die größere Gestalt ist ganz im Rot des Blutes und des Lebens sowie der Liebe gehalten. Sie steht in sich selbst, kann sich der kleineren Gestalt zuneigen und ihr Halt geben. Denn diese schwach s-förmig geschwungene Figur besteht nur in der Anlehnung. Ihre grüne Farbe lässt an das Grün der Pflanzen und Bäume denken, die auf der Erde wachsen. Die wenigen Angaben genügen, um die beiden Rechtecke als Symbole für Gott und den Menschen deuten zu können – den Schöpfer des Lebens und der Liebe sowie sein aus Erde geschaffenes Abbild (Gen 1,27), das wie die Pflanzen wächst und vergeht (vgl. dazu Ps 90,5-6; 103,13-18).

Die beiden Gestalten erinnern in ihrer Beziehung an die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Nach der langen Zeit in der Ferne findet er bei seinem Vater jene Barmherzigkeit und Geborgenheit wieder, die seinem Leben Halt und Sinn gibt (Lk 15,11-32). Beeindruckend hat der Künstler die Herzlichkeit und Innigkeit der Begegnung durch das Überlappen und ineinander Verschränken der beiden Farben und Formen dargestellt. Der Sohn taucht tief in die Wirklichkeit Gottes ein und Gott schenkt ihm trotz allem erlittenen Schmerz seine ungeteilte Liebe. Gestalterisch bringt der Künstler dies durch das „Ausbluten“ der roten Farbe in den grün-gelben Bereich hinein zur Sprache.

Die Betrachtung der beiden im Licht stehenden Gestalten und der Bildgeschichte vom verlorenen Sohn können den Wunsch aufkommen lassen, von Gott so herzlich umarmt zu werden wie der zurückgekehrte Sohn. Die Sehnsucht wird geweckt, sich mit allen Unsicherheiten und Ängsten bei Ihm anzulehnen und Zuneigung und Halt zu finden. Diese Grundhaltung des Gläubigen wird dann im Gespräch mit Gott nicht mehr viele Worte brauchen. Das ganze Vertrauen und die wissende Nähe Gottes floss bei Jesus in die familiär-zärtliche Anrede „Abba – lieber Vater“ hinein (Mk 14,36). Und er empfahl seinen Zuhörern mit den einfachen, von herzlicher Nähe und Barmherzigkeit geprägten Worten des „Vater unsers“ zu beten: „Vater unser im Himmel, … Gib uns unser tägliches Brot. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. …“ (Mt 6,9-13).

Über den „Blick in den Himmel“ hinaus führt dieses Aquarell den Betrachter ins Gebet und an das Herz Gottes. Es lässt nicht nur mit den Augen die uns Menschen zugewandte Liebe Gottes sehen. Das Aquarell ermöglicht so dem Betrachter, die göttliche Liebe mit dem Herzen zu erfahren und sich gewissermaßen „im Himmel“ wiederzufinden.

Joachim Wanke, Andreas Felger, Gottesnähe – Vater unser, Präsenz Kunst & Buch, 2005, (Aquarelle und Zeichnungen von Andreas Felger, Betrachtungen von Bischof Dr. Joachim Wanke). Außerdem ist ein Leporello mit allen 14 Aquarellen und einer Betrachtung auf der Rückseite im Buchhandel erhältlich.

Hier auf der Website des Künstlers können Sie alle Bilder zum Vater unser online anschauen.

Glück !?

Die beiden an sich unabhängigen Bilder stehen einander thematisch und kompositorisch nahe. In beiden Werken steht ein Bild einem Durchgang mit vergleichbaren Proportionen gegenüber, der mit Licht erfüllt ist. Auch Gegensätze prägen die Komposition: Die Bilder sind im Vergleich zu den Durchgängen erhöht. Auf ihnen sind Heilige in ekstatischer Haltung dargestellt, die von je zwei spielenden Putten begleitet auf Wolken schwebend in den Himmel entrückt werden. Neben dieser „dreifachen“ Erhöhung sitzt ein Kind auf der Treppe bzw. steht ein weiteres auf dem Boden. Sie sind allein und wirken verloren in der großen Türöffnung und vor dem undefinierten Hintergrund. Während ihre unsichtbaren (da von ihnen aus um die Ecke herum platzierten) Gegenüber mit ausgebreiteten Armen dem Licht über ihnen entgegenschauen, sind sie mit sich selbst beschäftigt. Der Junge zündet sich gerade eine Zigarette (oder einen Joint) an, während das Mädchen von ihrem Idol Marilyn Monroe träumt. Dieser Genuss, diese irdische Vision scheint sie zu „elektrisieren“.

Die Bilder erscheinen wie aus der Türe herausgeschnitten und an die Wand gehängt. Obwohl sie thematisch in eine Kirche gehören würden, befinden sie sich in einem weltlichen Gebäude. Mit Maria und Franziskus (erkennbar am Ordensgewand und den Stigmata) werden zwei der wichtigsten Vorbilder des christlichen Glaubens in glücklichen Momenten ihres Lebensweges gezeigt. Ihre Platzierung im Museum deutet an, dass sich die Frage nach der erfüllenden und beglückenden Lebensgestaltung überall und zu jeder Zeit stellt, letztlich aber doch sehr religiös geprägt ist. Welche Bindung macht mich glücklich, schenkt mir inneren Frieden? Wer oder was motiviert mich, ermutigt mich und schenkt mir die Kraft, Großes zu erreichen?

In der Gegenüberstellung der barocken Heiligenbilder mit der heutigen Wirklichkeit der Kinder stoßen nicht nur Vergangenheit und Gegenwart aufeinander, in den Personen begegnen sich auch die Erfüllung und die Suche danach. In diesem Bild wird neben der Frage der Sinnfindung auch die Berufs- und Berufungsfrage angeschnitten, die sich sicher bei Kindern und Jugendlichen am intensiven stellt, uns aber gewissermaßen immer wieder neu begegnet: Wo will ich hin? Zu was bin ich berufen? Die lichten und grenzenlosen Räume hinter den Kindern mögen Ausdruck dafür sein, dass ihnen alle Möglichkeiten offen stehen.

Obwohl das Mädchen noch auf Marilyn Monroe „steht“, stellt sich aufgrund des mit Licht erfüllten Raumes die Frage, ob sie wie Maria vielleicht gerade von einem unsichtbaren Engel angesprochen wird. „Wie soll das geschehen?“, mag sich auch das Mädchen fragen. Wie kann ich eine Karriere machen wie Marilyn oder Maria …? – Ob sie an Gott glaubt? Ob sie ihm ihr Leben anvertraut, es gleichsam in seine Hände legt, wie es einst Maria gemacht hat mit den Worten: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Maria ist für dieses Vertrauen, für diese Hingabe in ihre Aufgabe mit der Aufnahme in den Himmel belohnt worden. Aber was für ein Gewicht hat dieser immaterielle „Gewinn“ schon bei der Entscheidungsfindung gegenüber dem weltlichen Ruhm und dem finanziellen Erfolg?

Auch der Junge scheint sich in seiner Glückssuche schwer zu tun. Seine sitzende Haltung am unteren Ende der Treppe signalisiert einen Tiefpunkt. Er gibt sich mit vergänglichem Genuss zufrieden. Sein Gegenüber, Franziskus, hat entgegen dem Zeitgeist auf die durch Armut geprägte Nachfolge Christi gesetzt und ist reich beschenkt worden. Vielleicht stellen sich dem Jungen ähnliche Fragen.

Der Künstler lässt uns mit der Geschichte der beiden Jugendlichen im Ungewissen. Aber wenn wir das unendliche Licht hinter ihnen als Gegenwart Gottes deuten, dann leuchtet uns die Zuversicht entgegen, dass Er alle Suchenden mit Erkenntnis unterstützt und – wie die Entscheidung auch fallen wird -, hinter ihrem Entschluss stehen wird.

„In den Arbeiten von Stephan Melzl zeigt sich exemplarisch die Macht des Bildes, rationales Denken zu transzendieren. Für die Darstellung innerer Zustände und Phantasien konstruiert er gegenständliche Welten von eigentümlicher Melancholie und zugleich humorvoller Komik. Die widersprüchlichen Empfindungen, die seine Bilder auslösen, fallen auf den Boden der eigenen Widersprüchlichkeit, und kaum etwas erscheint in seinen Bildern als gesichert. Sie erzählen von einem fragmentierten, einem ambivalenten Zustand einer Bewältigung der äußeren und inneren Wirklichkeit.“ (Auszug aus einem Text von Dorothea Strauss, Freiburg)

Fußspuren

Vier gelbe Fußspuren durchqueren hart am Rand der fasrig strukturierten Fläche das Bild. Die Anordnung der Fußspuren zeigen dem Betrachter eine Sicht von oben. Der Mensch, der diese goldenen Spuren hinterließ, hat die blau-weiß-rote Fläche von rechts nach links überquert und dabei ungewöhnliche Abdrücke hinterlassen. Es sind nicht durch das Gewicht verursachte Vertiefungen, sondern Verfärbungen. Wo dieser Mensch gegangen ist, hat er „seine Farbe“ hinterlassen.

Doch wer war es und wo geschah dies? Die Hintergründe vermögen weitere Hinweise zu geben: Während der obere durch sein helles Blau-weiß an den Himmel erinnert, lässt sich der untere am besten mit bewegtem Wasser in Verbindung bringen. Die Grenze zwischen Wasser und Himmel wäre dann gleichsam der Horizont, die Wasseroberfläche. Und seinen Spuren nach wäre dieser Mensch dann ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde.

Aber Fußspuren auf dem Wasser? Unmöglich! Zum einen können wir Menschen nicht auf dem Wasser gehen, zum anderen verwischt das Wasser die Spur jeglicher oberflächlichen Berührung in Sekundenschnelle.

Im Bild können sie allerdings an Jesus erinnern, der seinen Jüngern eines Nachts über das Wasser des Sees Gennesaret zu Hilfe eilte, weil sie im Gegenwind mit starkem Wellengang zu kämpfen hatten (Mt 14,24-25). Gerade weil das Gehen auf dem Wasser nicht möglich ist, meinten sie ein Gespenst zu sehen und ängstigten sich sehr.

Die „goldenen“ Spuren zeugen von einem göttlichen Beistand. Sie verweisen auf die Herkunft Jesu und auf seine Herrlichkeit. Sie sprechen von seiner Ermutigung: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (V. 27) und erinnern an seine tröstenden Abschiedsworte: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. … Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18b.20b)

Die goldenen Fußspuren zeugen von seinem Vertrauen in den Vater. Er war so von diesem Vertrauen durchdrungen, dass es die Spuren all seiner Schritte einfärbte. Dadurch sind sie uns Einladung und Ermutigung, ebenfalls Schritte des Vertrauens zu wagen. Petrus versuchte es, doch nach einigen Schritten bekam er wieder Angst und Zweifel … und begann unterzugehen, bis Jesus ihn bei der Hand ergriff.

Uns geht es in vielen Sachen des Glaubens auch so. Dann brauchen wir die haltgebende Liebe Gottes an unseren Händen oder unter unseren Füßen – ähnlich wie das satte Rot in der Tiefe des Wassers – damit auch unser Herz wieder zuversichtlich fest wird und das scheinbar Unmögliche durch das Vertrauen in Jesus möglich wird. Dann werden vielleicht auch unsere Fußstapfen zu vergoldeten Spuren, in denen Gottvertrauen, Überwindung und Fülle des Lebens zu lesen sind.

Leid und Flucht

Die Farben des Bildes scheinen sich von den beiden rechten Ecken her zur Mitte und nach rechts hin zu verdunkeln. Der lichterfüllte Sand verfärbt sich von oben und von unten her glühend rot, um dann von einer aschgrauen Schicht überdeckt zu werden. Darin sind schwarze Gestalten unterwegs, gerade noch als Menschen erkennbar. Im harten Gegensatz zu den dunklen Menschengruppen leuchtet am oberen Bildrand ein halb verdecktes rundes Licht. Ob es für die Sonne steht, welche das Land einst in warmen Farben leuchten ließ, bevor sie durch die Flammen und den Rauch eines anderen Feuers verdeckt wurde?

Unheil ist aus dem Bild herauszuspüren. Als Betrachter fragen wir uns unwillkürlich, was geschehen ist, dass eine solche Finsternis das Land bedeckt und die Menschen zur Flucht bewegt. Die Farben assoziieren Wüste, Hitze, brennendes Land und verbrannte Erde. Krieg lässt sich erahnen und lässt an die vielen Konflikte in Nahost denken, in denen immer und immer wieder Heimat zerstört und Menschen in Angst und Finsternis gehüllt werden. In Gruppen sind sie in der Sehnsucht nach neuer Sicherheit und Heimat unterwegs.

Von den Menschen sind nur Silhouetten übrig geblieben. Als Schatten geistern sie durch das zerstörte Land, als „verkohlte“ Gestalten, bei denen mit der Umwelt zusammen auch vieles im seelischen Bereich verbrannt und zerstört worden ist.

Das Bild strahlt Trauer aus, aber nicht Trost- und Hoffnungslosigkeit. Denn noch leuchtet die Sonne. Aber sie hat keine Kraft, die Menschen in der Finsternis zu erreichen. Das Bild erinnert auch an das Volk Israel, von dem wiederholt berichtet wird, dass es in Dunkelheit und Finsternis lebt, aber über ihnen ein Licht aufstrahlt (vgl. Jes 9,1; 60,2).

Auch das große Kreuz, das verborgen als Symbol des Leidens und Sterbens über das ganze Bild gelegt ist, spricht die Hoffnung an. Die von Leid und Not betroffenen Menschen sind nicht allein. Jesus Christus hat sich durch sein eigenes Leiden mit ihnen solidarisiert und ist ihnen auf ihrem kreuzwegähnlichen Auszug aus der „heiligen“ Stadt nahe. Er trägt ihre Angst und ihr Leiden mit. Hebt sich im Bereich des linken Randes nicht schemenhaft ein schwarzer runder Kopf vom grauen Hintergrund ab und lassen sich darunter nicht die ausgebreiteten Arme und der Leib des Gekreuzigten sehen? Sein Sieg über Sünde und Tod lassen das warme Rot im Hintergrund in einem ganz anderen Licht sehen: als Künder des neuen Lebens, als Verheißung des neuen Tages, der neuen Zeit nach diesem Schrecken und dieser Not.

Der barmherzige Samariter

Ohne Hilfestellung kämen wir wahrscheinlich nicht auf den Gedanken, in dieser linearen Gestalt den barmherzigen Samariter zu sehen. Denn die Umrisse lassen neben einem Fuß oder einem Kopf auch andere Assoziationen zu.

Das die Arbeit prägende braunschwarze Band scheint mit einer breiten Feder auf das Blatt aufgetragen: Ansätze sind erkennbar und die auslaufenden Farbschattierungen vermitteln den Eindruck, dass die Striche in einem Zug gezogen worden sind.

Mit dem Band ist das Wichtigste ins Bild gebracht. Auf einer relativ schmalen Basis baut sich ein baumartiges Gebilde auf, das sich in der Mitte verdoppelt und in vielen Rundungen ausformt. An drei Stellen gehen je drei kurze Bänder strahlenartig von der Grundform weg.

Ist nun eine Person dargestellt oder sind es gar zwei Personen? Die beiden hufeisenförmigen Bögen oben links lassen an die Köpfe von zwei Personen denken. Die beiden Kreisformen in der Bildmitte dürfen wohl als Hände gesehen werden, wodurch wir zusammen mit den angedeuteten Beinen eine aufrechte, nach links schreitende Person zu erkennen vermögen, die eine weitere Person im Huckepack auf dem Rücken trägt.

In der Bibel heißt es, dass der Mann aus Samarien Mitleid mit dem von den Räubern zusammengeschlagenen Mann hatte. In seiner Barmherzigkeit hielt er sein Reittier an, stieg er ab und beugte er sich zum Verletzten nieder, um seine Wunden mit Öl und Wein zu pflegen und dann zu verbinden. Danach hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in eine Herberge, damit dort für ihn gesorgt werde (Lk 10,30-35).

Im Gegensatz dazu ist hier der Samariter selbst als Träger des Verletzten dargestellt. Zeigt er sich durch seine Barmherzigkeit nicht für den anderen verantwortlich und belastet er sich dadurch nicht genauso wie sein Reittier? Und es scheint, dass er sich mit drei weiteren Personen beladen hat, die seiner tragenden Hilfe bedürfen.

Überraschenderweise ist in der dargestellten Gestalt auch der gute Hirte erkennbar, der immer wieder den verlorenen Schafen nachgeht und diese, wenn sie müde oder verletzt sind, auf seinen Schultern nach Hause trägt (Lk 15,5). Deckungsgleich sind beide von der Grundhaltung der Sympathie, des Mitleidens (von griech. syn, pathein = mitleiden) geprägt. Was die Bibel als exemplarische Einzelfälle wiedergibt, ereignet sich immer wieder und bildet einen festen Bestandteil des Lebens. Nicht umsonst hat Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Vorbild für den Gesetzeslehrer genommen, damit dieser (und auch wir) genauso handeln (Lk 10,36-37).

Weiter oben wurde gesagt, dass mit dem Band das Wesentliche ins Bild gebracht worden sei. Bildhaft bringt es zum Ausdruck, dass die Barmherzigkeit – das erbarmende, mitleidende Herz – die verbindende Kraft ist, die über alle erdenklichen Grenzen hinweg Menschen zu neuer Verbundenheit zusammenführt.

Lichtgestalt

In leuchtendem Gegensatz zur nachtblauen Horizontale bildet die weiße Lichterscheinung im Bild eine vertikale Achse. An sich ist das Bild eine abstrakte Komposition von helleren und dunkleren Farben. Es ist nichts Konkretes zu erkennen. Selbst die Lichtquelle bleibt unscharf, wie von Nebelfetzen verhüllt. Dennoch erinnern uns die teils fließenden, teils luftigen Farbübergänge unweigerlich an Wolkenbilder und Lichterfahrungen, die jeder von uns schon mit dem Blick zum Himmel machen durfte. Denn da sind solche Farbmalereien keine Seltenheit.

Die kontrastreiche Stimmung dieses Bildes verbinden die meisten wahrscheinlich mit einem Gewitterhimmel. Unheimlich und doch faszinierend schwebt das schwere Dunkelblau nicht nur ganz oben im Bild, sondern wie eine dunkle Gewitterwolke auch über dem Betrachter.

Darunter die mächtige Lichtgestalt, welche dem Druck von oben buchstäblich standhält. Sie lässt sich durch das Dunkle nicht erdrücken, bricht unter ihm nicht zusammen. Ihr Kraftzentrum könnte die hellere Wolke in der oberen Hälfte sein. Weitere fünf Lichtpunkte sind sternförmig um dieses Zentrum angeordnet und tragen zu seiner starken Ausstrahlung bei.

Geheimnisvoll diffus ist in diesem Bild das Licht gegenwärtig. Es ist nicht klar zu bestimmen, ob es von unten oder von oben kommt oder gar aus der lichten Mitte. Doch scheint diese nicht vor den blasseren Partien zu schweben und mehr von vorne als von hinten beleuchtet zu werden?

Jedem wird die Betrachtung dieser Begegnung von Licht und Dunkel etwas anderes offenbaren. Für mich sagt das Bild viel über die Begegnung von Gott und Mensch aus. Kann in der Lichtgestalt nicht ein nach rechts schreitender Mensch gesehen werden? Er ist vom Licht und der Gnade Gottes erfüllt, welche am intensivsten in seiner Seele leuchten und ihn zur Suche nach Gott bewegen, der ihm nahe ist und sich doch in mystischer Dunkelheit allen menschlichen Zugriffen und Vereinnahmungen entzieht.

So finde ich mich wie in einem Spiegel auch im Bild wieder: Als vom Licht Erleuchteter, als Gott Suchender und nach ihm Tastender, als Mensch auf dem Weg zu Ihm, dem unfassbar Großen, zu dem ich als sein Kind berufen bin. Dabei erfahre ich seine Größe nicht als Bedrohung oder Gefahr, sondern als Schutz und Geborgenheit, die mir überall im Leben den notwendigen Raum zur Weiterentwicklung gibt.

Ein Katalog Ausstellung im Dom zu Meißen mit ganzseitigen Abbildungen der Bilder kann bei der Galerie Sybille Nütt (galerie@kunstindresden.de) bezogen werden.

Weltumfassend

Ein von Kinderhand gezeichneter Kopf befindet sich in der Mitte des Bildes. Halbrund geformt und mit einem kurzen Zick-Zack-Haarschnitt versehen, schauen die ganz oben im Gesicht angeordneten Punktaugen zum Himmel, der in einem vertikalen blauen Band angedeutet ist. Der große u-förmige Mund gibt dem Knabengesicht ein fröhliches, aber auch spitzbübisches Aussehen. Selbstsicherheit geht von ihm aus, wie es auch die erhobenen Arme signalisieren. Ihm scheint die ganze Welt zu gehören. Er steckt voller Kraft, Zuversicht und Tatendrang, die Welt zu erkunden. Er scheint sich glücklich bewusst zu werden, dass er mit geistigen und seelischen Fähigkeiten gesegnet ist, die ihm ermöglichen, die Welt zu erforschen und gleichsam zu umfassen.

Der Künstler hat den in der Kinderzeichnung nur mit Strichen angedeuteten Körper des Knaben mit dem Ausschnitt einer alten Landkarte in Verbindung gebracht. Die Welt, die er mit seinem Wissen und mit seinen Gefühlen „umfasst“, trägt er bereits ins sich. Allerdings scheint sie noch verborgen zu sein, denn wie ein Fluss durchquert eine große Wasserwelle das Bild. Das Kind steht jedoch bereits in diesem die Welten verbindenden Wasser. Es wird durch das Wasser mit den fernen Kontinenten verbunden, wie in einem Boot zu ihnen hingetragen …

Aber – erfährt der Junge dieses weltumspannende Gefühl wirklich oder träumt er alles nur? Denn das hellblaue Feld über seinem Kopf könnte auch andeuten, dass er visionär oder in seiner Fantasie in andere „Welten“ sieht. Andererseits scheinen auch die erhobenen Hände den dunklen und begrenzenden Lebensrahmen nicht nur fernzuhalten, sondern auch zu durchbrechen. – Wie dem auch sei, in diesem Kind steckt die Kraft, neue Lebensräume zu erschließen!

Ob es der Glaube ist, der ihm diese Kraft gibt? Der Glaube an Gott und an seine eigenen Fähigkeiten? Wir wissen es nicht. Aber die in ihm steckende Kraft macht seine Lebenswelt hell, froh und weit. – Wünschen wir uns das nicht alle?

In Verbindung mit dem Bild mag vielleicht das im Epheserbrief überlieferte Gebet des Apostels Paulus am besten unserer Herzensbewegung Wort zu verschaffen: „Ich [Paulus] … bitte, er [Gott Vater] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt. Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“ (Eph 3,14-19)