Ad Manus

Zwei Bildflächen stehen zueinander im Verhältnis von ein Drittel zu zwei Drittel. Dadurch befinden sie sich miteinander im Dialog. Doch was eint, was verbindet sie in ihrer doch sehr gegensätzlichen Sprache?

Der aus dem Dunkel aufragende Arm und die am Querbalken festgeschlagene Hand verbinden das rechte Bild unwillkürlich mit der Kreuzigung Jesu Christi. Auch wenn vom restlichen Körper nichts sichtbar ist. Wie bei einem Ertrinkenden ragt die weiße Hand aus der Nacht des Grauens. Die Finger sind weit gespreizt, als suchten sie Halt, als wollten sie erfasst werden. Es ist die rechte Hand. Die Hand des Grußes. Aus dem Nichts taucht sie auf, das Leben andeutend, im Wunder der Hand sich konkretisierend, entfaltend und gleich wieder im Tod verlierend. Denn steil fällt der Arm nach rechts ab. Wer hier hängt, der hängt tief, in undurchdringlicher Nacht versunken.

Diesem farblosen Bild hat der Künstler ein schmales, hohes Bild gegenübergestellt. Es ist vertikal im goldenen Schnitt unterteilt, unten schwarz, oben goldfarben. Abstrakt antwortet es auf die einsame Hand, unten die Dunkelheit aufgreifend, oben eine neue Dimension andeutend. Mit feinen weißen Linien versetzt, strahlt die schwarze Fläche Ruhe aus. Soll damit die Ruhe und Erschöpfung nach dem Kampf angedeutet werden?

Wolkenartig bewegt erhebt sich darüber die einzige farbliche Betonung. Eine aufsteigende Dynamik ist spürbar, Licht, das noch nicht direkt sichtbar ist, doch durch eine Wolkenschicht durchscheint. Auferstehung wird angedeutet, Aufnahme in den Himmel, Verklärung des Leidens. Ist parallel zur Hand, im Verlangen der Finger, nicht ein lichter Abglanz von ihr wahrnehmbar, gleichsam im Herzen der goldenen Erscheinung? – Die Hoffnung, der Trost, dass alles menschliche Leiden Gott nicht unberührt lässt, sondern im Innersten zutiefst bewegt und dadurch in seine Herrlichkeit überführt.

Grundlage für dieses Diptychon ist eine siebenteilige musikalische Komposition über das Leiden Jesu durch Dietrich Buxtehude (1637-1707). In seinem Passionszyklus „Membra Jesu nostri patientis sanctissima“ (1980) folgt er den von Schmerzen geprägten Körperteilen des Gekreuzigten, beginnend bei den Extremitäten, den Füßen, aufsteigend zu den Knien und Händen, dann den Oberkörper betrachtend, zuerst die Seite, dann die Brust, vertiefend das Herz. Zuletzt schaut er ins Antlitz Jesu, in das gekrönte Haupt voll Blut und Wunden.

Für die sieben mehrstrophigen Hymnen bediente er sich einer der beliebtesten Passionsdichtungen jener Zeit, der „Rhythmica oratio“ von Arnulf von Löwen. In der Betrachtung der Hände heißt es:

Was sind das für Wunden
mitten auf deinen Händen?
Sei gegrüßt, guter Hirte,
erschöpft im Todeskampf,
der du durch das Holz gemartert bist
und an das Holz geschlagen bist
mit angespannten heiligen Händen.
Ihr heiligen Hände, ich umfasse euch,
Dank sage ich den so großen Schlägen,
den harten Nägeln,
den heiligen Blutstropfen,
mit Tränen küsse ich euch.
Von deinem Blut benetzt
übergebe ich mich dir ganz,
diese deine heiligen Hände
sollen mich beschützen, Jesus Christus,
in den letzten Gefahren.
Was sind das für Wunden … (Wiederholung)

So wie Dietrich Buxtehude den betrachtenden Worten von Arnulf von Löwen die unsichtbare musikalische Dimension beigefügt hat, so hat Johann P. Reuter den konkreten Körperteilen eine abstrakte Größe gegenübergestellt. Damit setzt er auf seine Weise das zeitlich Vergängliche in Beziehung zum Unvergänglichen: Das Greifbare versus das Unbegreifliche, die Temperauntermalung versus den Goldgrund, die Endlichkeit versus die Unendlichkeit, den Tod versus das ewige Leben.

Gott nahe zu sein ist mein Glück (Ps 73,28)

Biblischer Kontext
Wer diese wenigen Worte auch formuliert hat, der muss eine tiefe Erkenntnis in seinem Leben gemacht haben. Sein Bekenntnis ist denn auch das Resultat vieler Beobachtungen, Überlegungen und Glaubenserfahrungen, die im Psalm zum Ausdruck kommen. Nach der Vorwegnahme des Ergebnisses bekennt der Beter gleich: „Ich aber – fast wären meine Füße gestrauchelt, beinahe wäre ich gefallen.“ (Vers 1) Aus den weiteren Versen geht hervor, dass er sich am mühelosen Glück und Reichtum der Gottlosen gestoßen hatte (V 4-12) und zu zweifeln begann, ob die Art und Weise, wie er seinen Glauben an Gott lebt, der richtige Weg ist. Er fragt sich: „Also hielt ich umsonst mein Herz rein und wusch meine Hände in Unschuld. Und doch war ich alle Tage geplagt und wurde jeden Morgen gezüchtigt.“ (V 13-14) Zuerst versuchte er das Problem im Alleingang durch Nachdenken zu lösen, doch erst im Heiligtum seines Gottes wurde ihm seine Situation offensichtlich. In der Zuwendung zu Gott kann er seine Erkenntnis nun als Gebet formulieren, sein Versagen („ich war töricht und ohne Verstand, war wie ein Stück Vieh vor dir“, V 22) als auch seine Entscheidung und sein Vertrauen („Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten“ V 23) bekennen. Mit drei absoluten Aussagen bekräftigt er sein Vertrauen auf Gott. „Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde. […] Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig. […] Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Mit dem dreifachen Bekenntnis gibt er seinem Vertrauen in Gott einen unumstößlichen, felsenfesten Charakter, wobei er in der dritten und finalen Aussage seine Glaubenserfahrung nochmals verdichtet. Mit „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ bringt er seine wesentlichste Erkenntnis für sein Leben auf den Punkt und bezeugt sie öffentlich als Segen.

Literarische Betrachtungen
Die sieben Worte bilden dabei eine wunderbar symmetrische Komposition. Anfang und Ende des Satzes werden durch „Gott“ und „Glück“ gebildet, Synonyme für unfassbare und vollkommene Lebensfülle. Genau in der Mitte finden wir das Wort „sein“. Zwischen Gott und Glück ist das Sein, die Existenz, das Leben gut aufgehoben. Davor und danach die beiden Beziehungswörter „nahe“ und „mein“. Bei Gott zu bleiben, sich an ihm festzuhalten, ist das Beste, was der Mensch machen und ihm geschehen kann. Denn Gott ist die Quelle und die Erfüllung seines Lebens, ER ist eben sein Glück!

Gedanken zum Bild
Das Bekenntnis des Psalmisten hat Angelika Litzkendorf mit einer spannungsvollen Komposition aus Linien und Farben ins Bild gebracht. Die Grundlage bildet ein liegendes Kreuz aus breiten blauen Linien, das wie eine Krippe runden Formen Geborgenheit gibt. Nach rechts hin steigen aus dem Kreuz wogenartige Elemente hoch, die in ihrem Innenraum ein gelbes und ein rotes Licht über einer glutartigen Unterlage bergen. Die miteinander im Dialog stehenden Lichter befinden sich in der direkten Verlängerung zum gleichfarbigen Lichtbündel, das von oben links in die Bildfläche einbricht. Doch während die Farben von einem klaren Zusammenhang sprechen, lassen ihre Abgrenzungen auf unterschiedliche Lichtträger schließen. So darf das gradlinige große Licht mit den weichen Konturen als Symbol für den dreifaltigen Gott gedeutet werden, während die beiden intensiven Lichter mit klaren Konturen mehr für sein Geschöpf, den Menschen stehen.
Zusammen mit den runden blauen Formen entsteht der Eindruck eines großen Auges, in dessen Mitte die Farben und Formen des lichten Gegenübers aufleuchten. Gleichzeitig glaubt man in das Herz des Psalmisten schauen zu können und seinen Glaubenseifer zu spüren, seine Erkenntnis der lichten Güte Gottes, das Aufleuchten seiner entschiedenen Antwort auf Gottes Nähe zu sehen. Voll und ganz auf Gott ausgerichtet, kann er IHN in aller Freiheit schauen und von ihm angestrahlt und geliebt, gewissermaßen durchdrungen werden. Er hat nichts mehr zu befürchten: Gott nahe zu sein ist sein Glück. Anfechtungen mögen noch so bedrohlich über ihm schweben, er ist im Glauben unerschütterlich mit Gott verbunden.

In seiner Offenheit stellt die Komposition allen Betrachtern die Frage, wie ihr Glaube für Gott brennt. Ist uns das Suchen der Gottesnähe auch ein Bedürfnis? Ist uns das Verweilen und Sein in seiner Nähe ein derart unfassbares Glück, dass wir der Zweisamkeit mit IHM einen so großen Platz einräumen, dass sich daraus das ganze weitere Leben entfalten kann?

Diese Bild war zur Jahreslosung 2013 gemalt worden.

Im Glauben schauen

Bunt verhüllte Gestalten bilden eine Personengruppe, deren Anordnung an die Anbetung der Könige erinnert. Aber es sind keine Gesichter zu sehen, keine Hände, keine Füße – kein Jesuskind! Die Köpfe sind mit Einkaufstüten angedeutet und gleichzeitig unter ihnen verborgen (große Ansicht). Genauso ist es mit den Geschenken der drei Könige. Bekleidet sind die Gestalten mit zerknitterten, glänzenden Umhängen, die an Schutzanzüge als auch an Geschenkpapier erinnern. Auf dem gelbgrünen Boden und vor dem schwarzen Hintergrund wirken die vermummten Gestalten wie eine moderne Bühneninszenierung. Bis auf das Plastikmaterial und die Werbeaufdrucke lässt sich die Darstellung weder zeitlich noch geografisch einordnen.

So ganz ohne Gesichter, Hände oder Füße mutet diese eingepackte Personengruppe unheimlich und gespenstisch an. Schmerzlich wird das Fehlen der individuellen Erkennungsmerkmale zur Kenntnis genommen. Irritiert über die Verfremdung und fast verzweifelt sucht das Auge nach Hinweisen, welche die einzelnen Gestalten den Personen zuordnen lassen, die aus vergleichbaren Darstellungen bekannt sind. Es kann doch nicht sein, dass die Anbetung der Könige zu einer Werbeveranstaltung verkommen ist und nur noch die Sponsoren, aber nicht mehr die ursprünglichen, wesentlichen, zentralen Personen des Geschehens zu sehen sind.

Die beiden Gestalten ganz rechts im Bild müssen Maria und Josef sein. „Maria“ trägt ein weinrotes Oberteil über einem dunkelgrünen Gewand und hält zwischen ihren Armen ein weißes Bündel. „Josef“, bezeichnender Weise in einem braunen Gewand, steht hinter ihr.

Den Platz des Jesuskindes markiert ein weißes Bündel, das dreieckförmig von links nach rechts aufsteigt und dessen unterer Zipfel pfeilförmig auf dem mit einer blauen Plastiktüte verhüllten Tisch nach unten zeigt. Das Gesicht des Jesuskindes ist mit einem Stoffwirbel angedeutet. Dieses symbolische Gesicht bildet in dreifacher Weise das Blickzentrum. Zum einen endet die runde, weiche Verbindungslinie der Köpfe von Josef und Maria an dieser Stelle, zum andern laufen die Verbindungslinien der Köpfe und Geschenke der drei Könige in diesem angedeuteten Gesicht strahlenförmig zusammen und heben es als visuellen Höhepunkt derart hervor, dass auch der Betrachter dorthin blickt und das Antlitz des Neugeborenen sucht.

Doch immer wieder ist die Enttäuschung groß, das göttliche Antlitz nicht schauen zu dürfen oder zu können.

Denn da sind die drei Gestalten der „Könige“, die mit „Gaben“ zum „Kind“ gekommen sind, sich ihm zuwenden, vor ihm „niederknien“, auf ihn „schauen“. Der erste „König“ ist ganz in Weiß gekleidet, eine blau verhüllte Gabe darbringend. Der „König“ hinter ihm trägt einen caramelfarbenen Umhang über einem violetten Gewand. Sein Kopf ist mit einer Ril…-Tüte verhüllt, sein Geschenk mit einer Coop-Tüte. Der dritte „König“ steht in zweiter Reihe und tritt in grün-braunen Kleidern auf. Seine Gabe trägt er in einer Edeka-Tüte. Man ist versucht, die traditionellen Gaben den einzelnen Gestalten zuzuordnen … Leuchtet nicht in der gelben Tüte etwas vom Gold auf? Könnte das weiße Gewand des Knienden nicht in Verbindung mit dem Weihrauch gesehen werden, die Farben des zweiten „Königs“ mit dem Leiden Christi, so dass er der Überbringer der Myrrhe sein könnte?

Allein es bleiben Vermutungen. Alles ist so verpackt, dass wir zu sehen glauben, aber gleichzeitig nichts von all dem Angedeuteten wirklich sehen. Die Verkleidungen wecken eine Erinnerung, verweisen auf ein weit zurückliegendes Geschehen, das nicht in unserem Sinne dokumentarisch festgehalten wurde und bewiesen werden kann.

Kritisch stellt das Bild mit Weihnachten und Dreikönig verbundene Traditionen auf den Prüfstand: gut ausgeleuchtet und medienwirksam inszeniert, so wie es sich für unsere Zeit gehört. Es knüpft mit der Verkleidung am Brauchtum der Sternsinger an, mit den Einkaufstüten an unserem weihnachtlichen Konsum- und Schenkverhalten.

Durch dieses geradezu schmerzhafte Vorenthalten von allem Menschlichen in einem Bild, in dem es wesentlich um den Menschen geht, ja um Gottes Menschwerdung, wird gleichzeitig die Sehnsucht stark, unter und hinter all den Verpackungen von Weihnachten das Menschliche zu suchen. Im Menschen hat sich Gott offenbart, sich im Menschenkind unseren Vorfahren zu schauen gegeben.

So wie die drei Könige werden wir Gottes Sohn auf dieser Welt nie schauen können. Es bleibt uns die Sehnsucht, der Glaube und die Hoffnung, ihm nach dem Tod zu begegnen und sein Antlitz schauen zu dürfen. Hier auf Erden bleiben wir Suchende seines Antlitzes. Und da, wo wir ihn im Glauben verhüllt in den Geringsten und Ärmsten unter uns finden, können wir ihn auch aus dem Glauben heraus schauen und ehren.

Die Geburt Christi

Der Blick geht durch die Dunkelheit hindurch ins Licht. Denn es ist das Licht, das unseren Blick fängt und mit ihm den ganzen Menschen anzieht, der im Dunkeln steht. Es zieht uns Betrachter in den erleuchteten Raum, in dem die Umrisse einer roten Krone sichtbar sind. Sie mutet wie eine Krippe an, eine Krippe, in der kein Menschenkind liegt, sondern vielmehr eine Kerze brennt.

Die Kerze in der Krone mag klein sein, aber ihr Licht ist voller Leben. Es erfüllt den Raum mit einer Lichtfülle und Wärme, die jene einer Kerze übersteigen. Mit der Krone wird dem Licht Macht und Herrschaft zugesprochen. Dabei deuten die Spuren der Symbolfarbe Rot an, dass es um die Wirkkraft der Liebe und des Blutes geht, die gerade auch im Hinblick auf die Dornenkrönung und den Kreuzigungstod Jesu in der Auseinandersetzung mit Gewalt den Weg des Friedens gehen.

In der näheren Betrachtung lässt die helle Kerzenform in der Krone noch eine weitere Sichtweise zu. Die Lichtgestalt könnte auch einen menschlichen Oberkörper mit Kopf und Schultern wiedergeben. Klein erscheint dieser Mensch in der übergroßen Krone. Doch Jesus ist das Licht und bringt es uns durch sein Wort und sein Leben. Von unten scheint er in diese ihm zugeteilte Aufgabe hineinzuwachsen.

Den Beginn von etwas Neuem deutet auch ein anderes für eine Geburtsdarstellung ungewöhnliches Element an: die Fahne. Denn was wie ein hell erleuchtetes Fenster oder ein Durchgang aussieht, ist vielmehr als Fahne mit linksanliegendem Mast gestaltet. Krone mit der innenliegenden Lichtquelle figurieren als Zeichen. Wieso eine Fahne? Fahnen sind Feldzeichen, welche die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder Körperschaft markieren und diese Information visuell über eine größere Distanz zu übertragen vermögen, so auf dem Meer. Auch bei Eroberungen werden Feldzeichen gesetzt, um die neue Zugehörigkeit klar sichtbar zu machen, so geschehen bei der ersten Mondlandung 1969 durch die Amerikaner. Und genauso wie die Fahnen im Krieg immer den Standort des Befehlenden markierten, so wehen sie in unserer Zeit vor den Regierungsgebäuden von Städten, Ländern und Organisationen. Im Bild schwingt von allem etwas mit: Gott kommt zu den Menschen, die Erde gehört künftig zu seinem Königreich. Alle sollen sehen, dass seine Herrschaft nun beginnt und bei dem liegt, der hier geboren wurde. Auf sein Wort sollen alle hören.

Und obwohl das goldgelbe Rechteck als Fahne gestaltet ist, lädt das lichte Fenster zum Eintreten ein. Denn in der Fahne lässt sich zudem eine Stalltüre sehen, die sicher einen Einblick, aber ebenso ein Eintreten ermöglicht, um den, der hier angekündigt wird, auch in Wirklichkeit zu sehen.

Das Bild lädt den Betrachter somit ein, aus der Dunkelheit herauszutreten, sich ans Licht zu trauen und dort, im Zeigen seines eigenen Gesichts, das göttliche Antlitz zu sehen und zu schauen. Das Bild lädt zum Verweilen ein vor dem Wunder der Geburt Christi und seiner schlichten Herrlichkeit. Seine Herrschaft wird nicht mit demonstrativer Macht offenbart, sondern mit menschlicher Natürlichkeit und Herzlichkeit. Ganz so wie es der Prophet Jesaja angekündigt hat (9,1.5-6): „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten.“

Verkündigung an Maria

In drei quadratischen Bildern entfaltet sich das Geschehen geradezu minimalistisch. Die einzelnen Begegnungsorte heben sich nur geringfügig durch die weiße Farbe vom unbearbeiteten Untergrund ab. In der Weite der Leinwand wurde so ein materieller und gleichzeitig spiritueller Raum mit hoher Reinheit geschaffen. Die Eiform identifiziert ihn als einen Ort des beginnenden Lebens.

Die Handlung ist klein dargestellt und beherrscht doch die weite, leere Fläche, so als wolle damit gesagt werden, dass sie für den ganzen Raum zentral und allein wichtig ist. Die Figuren sind auf Silhouetten reduziert. Es sind lehmfarbene Abdrucke bzw. Wiedergaben von „Protagonisten“ aus berühmten Werken des 15. Jahrhunderts (siehe unten). Auf zeitgenössische Weise aktualisiert und in ein neues Umfeld integriert vermögen sie eine moderne Sprache zu sprechen. Sie stehen im Spannungsfeld von dünnen, senkrechten wie waagrechten, dunklen Linien und vergoldeten Flächen, die leuchten.

Ankunft
Das linke Bild könnte den Untertitel „Ankunft“ haben. Eine engelhafte Gestalt „rauscht“ aus einer raum- und zeitlosen Sternenwelt heran, einer Welt ohne Koordinaten. Die goldene ovale Form könnte ein Ohr darstellen, ein „Geistesohr“ zum Lauschen über das Irdische hinaus. Maria steht in der diesseitigen Welt, am Kreuzungspunkt von Raum und Zeit. Sie ist als Sitzende, als Wartende, als Er-wartende dargestellt. In den Koordinaten kündigt sich schon das Kreuz an, im rechten Bild ist dieser Verweis dann ausformuliert. Die goldene ovale Form weist aber auch schon auf das ewige Antlitz Christi hin.

Berührung
Der mittlere Teil ist zärtlicher formuliert als die äußeren, hier findet eine „Berührung“ statt. Fast aus einem „Nichts“ erscheint der Engel, wie aus einer Wolke sich ins Irdische manifestierend. Zwei Hände berühren einander. Der materielle Raum (als Symbol für die Erde) biegt sich zur Schale, wird empfangend – wobei die konkave Linie auch ein angedeuteter Zeitstrom sein könnte, der den Tiefpunkt überwindet. In der Talsohle (Bildmitte) ist eine Verdichtung aus mehreren Lagen Japanpapier zu beobachten. Die materielle Konzentration bringt zum Ausdruck, dass eine Zeitenwende eingeleitet wurde, die Menschen wieder Boden unter den Füßen erhalten. Auf der „Erhebung“, die sich dadurch gebildet hat, wird Maria vom Himmelsboten zärtlich berührt und lässt sie – dargestellt mit der feinen goldenen Linie – Gottes Kraft spüren.

Gespräch
Im rechten Bild verdichtet sich die Handlung: Zwischen Gabriel und Maria entwickelt sich nun ein Gespräch. Der Engel schwebt nun über Maria und gibt ihr etwas hinunter, das wie ein Tierbein aussieht, aber die Kontur einer Textrolle ist. Maria, in einem Buch lesend, neigt sich nach hinten und wendet sich damit Gabriel zu. Dadurch bildet sie nun selbst eine Art Schale. Auch die strömenden Linien wirken verbindend, lebendige Linien, die über die gesamte Leinwand das Kreuz bilden, ein Leben bringender Tod wird vorverkündet. In die nach rechts führende, also zukunftsweisende Linie sind kleine Punkte Blattgold eingewoben: Gold, das aus einem Baldachin über dem Engel und Maria stammt und nun in die Zukunft hineinfließt. Die Szene spielt sich jetzt völlig in einem verdichteten Zentrum ab, geistig konzentriert und auch eingezogen in den irdischen Weltenkörper. Denn bald wird ein kleines Kind in Bethlehem geboren werden …

Die Protagonisten sind nach Barthélemy d’Eyck, Verkündigungsgruppe, Cathédrale St. Sauveur, 1443-44, Ste. Marie-Madeleine, Aix-en-Provence/Frankreich (Links); Leonardo da Vinci, Verkündigungsgruppe, ca. 1474, Galleria degli Uffizi, Florenz/Italien (Mitte); dem Meister der Sterzinger Altarflügel, Maria, Verkündigungsgruppe , 1456-1459, Deutschordenshaus, Sterzing/Südtirol/Italien (Rechts)

 

Die Betrachtung folgt den Gedanken des Künstlers und gibt diese in Auszügen wörtlich wieder, ohne dass sie als solches gekennzeichnet sind. Der Originaltext ist nachzulesen in: Heimo Ertl, Sabine Maria Hannesen, Norbert Jung: Perspektivenwechsel. Ave Maria – Die Verkündigung an Maria in modernen Kunstwerken, Bamberg 2013, S.118. ISBN 978-3-931432-32-4

Göttliche Inspiration?

Ein helles Rot bzw. Orange bildet die Hauptfarbe. Sie umschließt rechts einen intensiven gelben Bereich und ist gleichzeitig von anderen Gelbtönen überlagert, die in denen sich wiederum orangegesprenkelte Zonen befinden. Der Hintergrund bildet nicht deckend aufgetragene weiße Farbe, links oben und rechts unten eine braun-graue Ecke freilassend. Sie bilden ein Gegengewicht zur Hauptbewegung von links unten nach rechts oben. Die nach rechts orientierte U-förmige Bewegung wird durch den parallelen Verlauf einer blau-roten bzw. blauen Linie verstärkt.

Die Arbeit macht den Eindruck einer zweckfreien Malerei. Noch ist die Pinselführung des Künstlers zu spüren, die teils die Farbe mit klaren Konturen führend, dann wieder die Farbe nach außen spritzen lassend, so dass sie ihre eigenen Wege gehen ging. Damit hat Tobias Kammerer einen Spannungsbogen geschaffen, wie er nur im einzigen Augenblick der Gegenwart seinen Ausdruck findet. Mit diesem Pinselstrich, vielleicht sind es auch mehrere, ist es ihm gelungen einen Zeitpunkt festzuhalten, das Leben in ihm, die künstlerische Freiheit, die Freude am Malen.

Allein schon dieses dynamische Farben- und Formenspiel vermag den Betrachter zu begeistern. Virtuos weiß der Künstler seine Werkzeuge und Farben einzusetzen und miteinander zu kombinieren. Noch erstaunlicher wird es, wenn die an sich freien Farben durch unseren Geist mit festen Formen belegt werden und plötzlich zwei nach rechts blickende Gesichter in der Bildmitte auftauchen, der orange Kopf wegen der in die Luft geworfenen Haare voller Bewegung erscheint, ja zwei dazu gehörige Arme sich nach rechts ausstrecken. Die einen Kopf andeutende Kontur links hinter ihm scheint ihm über die Schultern zu schauen. Doppelte Bewegung nach rechts, die über die beiden Arme über den Bildrand hinausweist. Sie scheinen auf das Unfassbare zu zeigen, das im lichten Gelb zwischen den beiden Armen dennoch irdische Wahrnehmung angenommen hat. Die orange Gestalt scheint sie freudig zu begrüßen, zu umarmen, sie an sich zu drücken. Wer ist wohl dieses Licht gewordene Etwas, das für die beiden so bedeutungsvoll da und doch nicht fassbar ist? Es hat etwas von einem Geist an sich, es mag als Inspiration gedeutet, kann aber genauso als mystische Begegnung mit einer Muse gesehen werden. Was nach antiker Vorstellung nichts anderes bedeutet, als dass gute Ideen schon immer als ein göttliches Geschenk gesehen wurden. Die Gedanken sind frei, in der gelben Farbe einen göttlichen Funken zu sehen, der in der Begegnung mit dem Menschen diesen förmlich anzündet und vor lauter Energie in alle Richtungen explodieren lässt.

Das Bild weckt die Sehnsucht nach göttlicher Inspiration. Nicht nur für Künstler, sondern für und bei jedem von uns! Damit wir über unsere „Bild-(ungs-)Horizonte hinauszublicken vermögen. Damit seine Begeisterung uns anzündet und ermutigt, das Notwendige anzugehen und durch alle Schwierigkeiten hindurch zu vollenden. Damit nicht mein Ego im Mittelpunkt steht, sondern sein Wille.

Verheißung – mehr als ein Lichtblick

Es muss eine traumhaft schöne Nacht sein, wenn so viele Sterne am Himmel sichtbar sind. Die unzähligen Lichtpunkte verwandeln die schwarze Unendlichkeit in ein funkelndes Lichtermeer. Groß und stark steht jedes einzelne Licht am Firmament. Viele von ihnen sind vier-, fünf- oder gar sechseckig ausgeformt – und funkeln wie Kristalle. Um jeden Stern hat sich ein Lichtkranz gebildet, der das tiefe Schwarzblau aufhellt.

So funkelt der Nachthimmel kristallin und klar über dem blassgrünen Grasband, das sich im unteren Drittel quer durch das Bild zieht. Es erdet den Blick zum Himmel, es verortet den Blick ins Weltall. Grünbraun stehen die kurzen Grasbüschel auf dieser Erderhebung, die keinen Blick in die Weite der Landschaft erlauben, sondern die unmittelbare Umgebung, den konkreten Lebensraum als Ausschnitt der ebenso wenig fassbaren Erdoberfläche wie die Weite des Himmels darstellen.

Zwischen den Grasbüscheln sind helle und dunkle Stellen erkennbar, die an Sand erinnern, an eine Steppenlandschaft mit schräg gewehten Grashalmen. Kargheit spricht aus ihnen, Widerstand gegen Trockenheit, Wind und den Wechsel von großer Hitze am Tag und Kälte in der Nacht.

Neben den vielen weißen Lichtern finden sich auch gelbe Lichter, allerdings über die ganze Bildfläche verstreut. Mit ihnen scheinen die Lichtpunkte auf die Erde zu fallen, sie gleichsam zu befruchten und einzelne Gräser in Blumen zu verwandeln. Sie verbinden die Erde mit dem Himmel.

Das Bild kann einfach als Abbildung der Natur gesehen werden. Eine andere Bedeutung kommt ihm zu, wenn das Bild die Schau eines unsichtbaren Betrachters wiedergibt, der wie wir dieses Naturschauspiel sieht. Dem Bild ist zu entnehmen, dass er in einer kargen steppenartigen Landschaft lebt, in der er derzeit keine großen Aussichten hat.

In so einer Situation stand Abraham, als Gott ihm nach der Trennung von Lot viel Land und „Nachkommen zahlreich wie den Staub auf der Erde“ verheißen hat (Gen 13,14-18). Nach der Begegnung mit Melchisedek erneuerte Gott seine Verheißung und konkretisierte, dass ein leiblicher Sohn sein Erbe sein werde. Darauf „führte ihn [Gott] hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“ (Gen 15,4-6).

Abraham glaubte das menschlich Unmögliche! Dadurch wurden für ihn die vielen funkelnden Sterne zu Symbolträgern, die Licht in seine menschliche Dunkelheit und Ausweglosigkeit brachten. Sie wurden für ihn zum Sinnbild der Verheißung, dass Gott mit ihm ist und ihn wegen seines unerschütterlichen Glaubens an seine Zusage zu einem Segen für Generationen machen werde. Und in jeder Nacht, in jeder Dunkelheit wurden die Sterne dadurch zu Lichtblicken und zur Ermutigung, im Glauben nicht nachzulassen.

In dem Sinne vermag das Bild an Gottes Verheißung an Abraham zu erinnern. Es ermutigt aber auch, gerade in Zeiten der gefühlten Gottferne oder gar Abwesenheit den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern den Blick zum Himmel zu erheben und die Sterne zu schauen. Die Sterne mögen weit weg erscheinen, durch Wolken oft nicht sichtbar sein, dennoch sind sie da. Ebenso ist Gott da, er steht zu seiner Verheißung. Nicht nur an Abraham, sondern an jeden, der wie Abraham Gottes Treue glaubt. Dann werden Sterne über einen Lichtblick hinaus zu Lichtträgern werden, die fest und kostbar wie Edelsteine die Zusage Gottes wach halten.

Austausch – Veränderung!

„Welten“ treffen in dieser Arbeit aufeinander und treten miteinander in Dialog. Da ist die hell bemalte Leinwand, die als Bühne für den Auftritt der drei Hauptakteure dient. Mächtig in der Ausdehnung, doch geschwächt durch den Zahn der Zeit, füllt ein rostiges Blech mit zerfressenen Rändern den unteren Bereich des Bildes. Ihm scheinen zwei schwarze Gestalten zu entsteigen, leicht und unfassbar wie Rauch, und doch wie vom rostigen Element festgehalten.

Alle Darsteller sind mit sich selbst und miteinander im Gespräch. Gleich mehrfach haben sie etwas Dialogisches an sich.

Als erstes erzählt das rostige Blech seine bewegte Geschichte. Sie ist nur bruchstückhaft zu verstehen. Früher muss das Metall hell geglänzt, etwas wasserdicht abgedeckt oder verschlossen haben. Am linken Rand ist deutlich ein kleines rundes Loch auszumachen, an dem es mit einem Nagel irgendwo befestigt war. Am unteren Rand ist eine horizontale Verdickung zu sehen, darüber ein einzelner Riegel. Wozu er wohl gedient hat? Was hat das Blech alles mit- und durchmachen müssen, dass es jetzt so aussieht? Welche Reise hat es zurücklegen müssen, bis es von der Künstlerin gefunden wurde und in dieser Arbeit seinen vorläufig letzten Platz fand?

Zur Bildmitte hin teilt sich das Blech in zwei Bereiche, die sich gegenüberliegen und durch die beiden Auskragungen zur Bildmitte hin einander zugewandt scheinen. Die Rostlöcher und -kanten lassen der Interpretation weiten Spielraum. Ließen sich in den beiden „Armen“ nicht auch Köpfe sehen? Andererseits muten die verrosteten Blechränder wie zerklüftete Küsten im Übergang vom Land zum Meer an. Dann wieder meint man, menschliche und tierische Extremitäten zu erkennen, oder gleich unterschiedliche Gestalten zu sehen, die um einen Viertelkreis herum in Bewegung sind. – Was wird hier für ein Theater gespielt?

Was für eine Rolle spielen die beiden schwarzen Figuren? Sie erscheinen wie Puppen in den mächtigen Fängen eines „Rostmonsters“. Während die linke Gestalt aus dem Kopf der Fantasiefigur zu steigen scheint, vermittelt die aufrecht stehende Gestalt den Eindruck, an ihren spitzwinklig endenden Beinen festgehalten zu werden. Ihre „Köpfe“ befinden sich in etwa auf gleicher Höhe. Die beiden Figuren lassen sich vielleicht am besten mit folgenden assoziativen Wortpaaren beschreiben, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite einen Sinnzusammenhang ergeben müssen: Oberkörper – Vollkörper; bewegt – steif; gestikulierend – zurückhaltend; ungehalten – stolz; männlich – weiblich.

Doch auf der Leinwand sind „nur“ Farbreste zu entdecken, Fragmente oder Rückstände (Detailansicht). Ihre Gestalt ergibt sich wie beim Blech aus der Kombination von dem, was übrig geblieben ist, und dem, was wir darin zu sehen vermögen und glauben.

So kommunizieren alle Elemente des Bildes in mannigfaltiger Weise miteinander und verwickeln letztlich auch uns Betrachter in ihren wortlosen Gedanken- und Meinungsaustausch. Es geht um Schein und Sein, um das, was wir glauben zu sehen, um die inneren Bilder, die das Kunstwerk IN UNS wachzurufen vermag im Verhältnis zu dem, was sich wirklich auf der Leinwand befindet. Das rostige Fundstück stellt aber auch die Frage, wie wir mit den mineralischen Rohstoffen dieser Erde umgehen. Die Farbe des Rosts erinnert an die Erde selbst, an ihre weiten Flächen, an ihre Fruchtbarkeit, an ihren Reichtum. – Wie gehen wir mit ihren Schätzen um? Nehmen wir einfach … in der Meinung, dass sie uns zustehen? Oder empfinden wir sie als Geschenke … wofür wir dankbar sind?

Die schwarzen Farbspuren erinnern entfernt auch an Ölverschmutzungen, an im Meer treibende Ölteppiche. Sie vertiefen die Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit den gefundenen Ressourcen, aber auch mit den von uns veränderten und umgestalteten Materialien. Wie geben wir die von uns gebrauchten Lebensmittel (im weitesten Sinne) wieder der Natur zurück? Geben wir wirklich etwas … oder hinterlassen wir vielmehr? Kennen wir noch eine angemessene Beziehung zur Natur und einen daraus resultierenden fairen Gütertausch mit der „Mutter Erde“ … oder ist sie einfach eine temporäre Goldgrube, die gleichzeitig von unserer Wegwerfgesellschaft unendlich belastet wird?

Es ist gut, wenn Welten aufeinandertreffen. Das regt das Gespräch und den Austausch an. Das stellt Fragen und stellt in Frage. Das sensibilisiert unsere Verantwortung und fördert unser Engagement. Für die ganze Erde, ihre Ressourcen, alle ihre Lebewesen.

Kleid des Lebens

Wie ein Ausstellungsobjekt befindet sich das Kleidungsstück in der Mitte des Bildes. Es hebt sich durch seine Andersartigkeit vom unmittelbaren weißen Umfeld ab. Das faltig aufgeklebte Trägermaterial auf dem flachen Hintergrund sowie das Farbenspiel von Weiß, Ockergelb und Braun lassen das Kleid plastisch hervortreten und wirklichkeitsnah erscheinen.

Die leichte Taillierung, die Betonung des Brustbereichs und die Andeutung einer schmückenden Bordüre als unteren Abschluss des Kleides machen es zudem zu einem weiblichen Gewand. Der feminine Charakter des Kleidungsstücks wird verstärkt durch den flächigen Hintergrund mit drei markanten schwarzen Kontrasten, die diagonal das Bild von links unten nach rechts oben queren. Sie wirken wie Maueröffnungen in einem weißen Fassadenfragment, die einen Durchblick auf einen undurchdringlich schwarzen Hintergrund freigeben. Ob es eine Bedeutung hat, dass die oberste Öffnung als Pluszeichen ausgeformt ist?

In diesem Spannungsfeld schwebt das Kleidungsstück, das die Künstlerin als „weißes Hemd“ betitelt. Sie sieht in dem Kleid oder verbindet damit wohl ein einfaches, direkt auf der Haut getragenes, lebensnotwendiges Kleidungsstück. Das Kleid im Bild ist ein schlichtes, aber auch ein schönes Kleid. Es könnte ein Unterhemd oder ein Unterrock sein, hat aber auch festlichen Charakter. Es ist nicht mehr blütenweiß, sondern gibt sich vom Leben gezeichnet und durchdrungen als Gebrauchsgegenstand.

Ohne weiteren Bezug zu einem Menschen vermag das „Hemd“ verschiedene Impulse zu vermitteln.

Gerade weil das Kleid „leer“ oder „inhaltslos“ im Bild steht, thematisiert es unser Grundbedürfnis, uns zu bekleiden. In einer Zeit, in der Kleider Massenware sind und oft zu Schleuderpreisen angeboten werden, aber auch nach einer Saison ihr Verfallsdatum erreicht haben, ist der Gedanke kaum mehr präsent, dass Nackte zu bekleiden zu den Werken der Barmherzigkeit gehörte und immer noch gehört. Es muss zwar niemand mehr bei uns nackt herumlaufen, aber es gibt dennoch genug Menschen auf der Welt, die sich auch die billigsten Kleider nur schwer leisten können. Kleidersammelstellen oder Kleidersammlungen erinnern daran, dass gut erhaltene Kleidungsstücke immer noch einen Wert haben und viel Gutes bewirken können.

Als „Schaustück“ öffnet das Kleid auch die Gedanken an alle, die am Entstehungsprozess eines Kleidungsstücks beteiligt waren und an die oft nur kurz gedacht wird, wenn die Medien von Kinderarbeit, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und ungerechten Löhnen berichten. Wie können von dem Geld, das ich für ein Kleidungsstück bezahle, all die Menschen leben, die am Entstehungsprozess beteiligt waren? Vom Hersteller/Anbauer der Faser, demjenigen der die Fasern zu einem Faden spinnt und zu einem Garn zwirnt, über die Weber-, Schneider-, Näher- und Verkäuferinnen bis zu den Menschen, welche die Ware von einem Ort zum anderen transportieren?

In seiner Lebendigkeit erinnert das Kleid zudem, dass wir mit Kleidern vieles erleben und sie dadurch auch Erinnerungsstücke oder Träger von Erinnerungen sind. Denken wir nur an Hochzeits- oder Sonntagskleider. Oder an Kleidungsstücke, die uns bei bestimmten Tätigkeiten über Jahre hinweg begleitet und geschützt haben (z.B. bei der Arbeit, im Garten, beim Sport usw.). Sie sind uns wichtig geworden und gehören einfach dazu. Manche Kleidungsstücke werden sogar von Generation zu Generation weitervererbt. Zu Ihnen gehören insbesondere die Kleider, die für „hohe Zeiten“ des Lebens geschaffen worden sind. Lässt die offene Gestaltung des „Hemds“ nicht Verbindungen zu einem Tauf-, Erstkommunion- oder einem Brautkleid zu? Ja, aus christlicher Sicht sind auch Taufe und Erstkommunion „Hochzeiten“. Bei der Taufe ist das Kleid Ausdruck, dass der Täufling „Christus anzieht“, dass er in ihm ein neuer Mensch wird und in die Lebensgemeinschaft der Christen eingeht. Bei der Erstkommunion wird die Lebensgemeinschaft durch die Teilnahme an der Mahlgemeinschaft mit Christus vertieft. Als Hochzeits- oder Brautkleid ist das Kleid schließlich Ausdruck der Freude, mit dem liebsten Menschen den Bund für’s Leben zu schließen.

Nur ein Hemd? Nein! Möge das Kleid uns anregen, Kleider wieder bewusster zu kaufen, zu tragen und weiterzugeben. An ihnen „hängen“ mehr Menschenleben als wir denken. Und sie sind Träger von Erlebtem, von Leben!

Tod und Leben

Der Totenkopf ist wahrscheinlich das Erste, das wir beim Betrachten des Bildes erfassen. Mit großen runden, doch leeren Augenhöhlen „schaut“ er aus dem Bild heraus und grinst uns an. Sein Schädel ist aschgrau. Bezeichnenderweise ist er mit Kohle gezeichnet, einem pflanzlichen Material, das bereits einen Verwandlungsprozess durchgemacht hat. Auch formal wird die Vergänglichkeit sichtbar: Zum einen durch das fehlende bzw. wie ersetzte Stück Schädeldecke, zum anderen durch die Verformung zur rechten Bildecke hin.

Etwas kleiner, doch auch in rundlicher Form, ist dem Totenkopf auf der anderen Bildseite eine lichtgelbe Erscheinung mit feinen Zacken gegenübergestellt. Von ihrer Form her erinnert sie an eine Sonnenblume, von der Farbe her mehr an die Sonne selbst. Die hellgelbe Farbe wirkt kraftvoll und lichtdurchdrungen, der Pinselstrich bewegt. Somit stehen mit Sonne und Totenschädel Ursprung und Ende des Lebens einander gegenüber, Licht und Dunkelheit, Wärme und Kälte, unendliche Bewegung und Erstarrung.

Zwischen und über den beiden Bildprotagonisten befinden sich grüne Elemente auf schwarzem Untergrund. Zuerst scheinen sie einfach einen ornamentalen Hintergrund für diese Gegenüberstellung zu bilden. Doch mit der Zeit werden Assoziationen an ein Blätterwerk wach, erinnert die T-Form an einen Baum voller Blätter und Leben, ja lässt sich sogar ein Lebensbaum in symbolischer Kreuzform sehen. Noch einen Schritt weiter meint man den Gekreuzigten selbst zu erkennen, wie er mit weit ausgestreckten Armen schützend Sonne und Schädel umarmt und ihnen links und rechts von seinem Kreuz einen Platz gibt.

Damit wird der Lebensbaum zum zentralen und entscheidenden Bildelement. Flächenmäßig etwa gleich groß wie die Sonne und der Totenkopf, jedoch dunkler von der Gestalt her, verbindet er die beiden und gibt ihnen Halt. Dieses zum Lebensbaum erweckte Kreuz steht primär für Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist und dem vom Vater das neue, unvergängliche Leben geschenkt wurde. Gleichzeitig verweist das lebendige Kreuz auf das Paradies, auf den „Baum des Lebens“ in seiner Mitte (Gen 2,9).

Das Kreuz ist der neue Baum des Lebens und, wie die blauen Stellen im unteren Bereich andeuten, auch die Quelle ewigen Lebens. Aus der Seitenwunde von Jesus floss Wasser und Blut (Joh 19,34). Er selbst hat gesagt, „wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14)

Auch der Totenschädel darf in Verbindung mit dem Paradies gesehen werden. Am Fuße des Kreuzes bezieht er sich auf den alten Adam, durch den die Sünde in die Welt gekommen ist, während Jesus, der die Welt von der Sünde erlöst hat und das ewige Leben brachte, als neuer Adam bezeichnet wird.

So markant der Totenschädel also die menschliche Endlichkeit zur Sprache bringt, so erzählen das Kreuz und die Sonne von der Überwindung dieser Grenze. Die Künstlerin hat diesen Prozess nicht in Leserichtung, sondern von rechts nach links dargestellt. So ist es, als würde der Tod rückgängig gemacht. Jesu Tod und Auferstehung haben den Tod entmachtet und den Gläubigen unvergängliches, ewiges Leben geschenkt. Dafür stehen die Sonne und ihr Licht. Und sie erinnern jeden Tag neu: Auferstehung ist jetzt. Das Licht hat gesiegt, die Erstarrung ist vorbei! – LEBE!

Glühen für Gott

Ein Menschenkopf zeigt sich von der Seite gemalt im Profil. Hals, Kinn, Nase, Stirn und Auge sind zu erkennen. Allerdings sind weder Mund noch Ohren oder Haare zu sehen. Auch die Farben entsprechen nicht der Realität. Alles an diesem Menschenkopf ist nur zeichenhaft gemalt, deutet aber auf einen tieferen Sinnzusammenhang. Diesbezüglich kann dieser Kopf für jeden Menschen stehen, für jede Frau, für jeden Mann. Und es geht offensichtlich nicht um äußere, sondern um innere Wirklichkeiten.

An der Stelle des Auges ist eine blaue, mandelförmige Erscheinung zu erkennen. Farblich korrespondiert sie mit dem Zeichen des Kreuzes im Nacken und den partiellen Umrisslinien auf der linken Seite des Kopfes. Zwei gelbe Linien kreuzen das Auge und verstärken die Dynamik des Bildes von rechts unten nach links oben, vom hellblauen Kreisfragment zur lichten Goldfläche über der Stirn. Denn durch die gelben Linien wird die Mandelform zur Sammellinse, bei der sich parallele Lichtstrahlen in einem Punkt hinter der Linse, dem Brennpunkt, sammeln. Vom Kreuz ausgehend, wird so unser Blick zur leuchtenden Goldfläche gelenkt. Anscheinend ist es das Kreuz im Nacken, das die Sehweise des Gläubigen verändert und die vor ihm liegende Herrlichkeit überhaupt sichtbar werden lässt.

Der leicht nach hinten geneigte Kopf und der sich durch die roten und rötlichen Farben ergebende Viertelkreis unterstützen und verstärken diese Blickrichtung. Dadurch wird das hellblaue Kreissegment kräftemäßig zu einem starken Element, das an den Himmel erinnert und in den helleren Punkten sogar Sternbilder erahnen lässt. Ob es als himmlische Kraft gedeutet werden darf, als Nackenstütze des Glaubens, die Halt gibt und gleichzeitig sanft die Blickrichtung weist?

Erfüllt von den Farben des Feuers und der Glut, wird der Menschenkopf zu einem Lichtbogen. Vom Feuer durchdrungen und beseelt, vom Licht erfüllt, Hell und Dunkel in sich tragend, scheint er voller Spannkraft für Gott zu glühen. Seine Stirn berührt dabei die goldene Fläche und das Licht. Beides sind Symbole für Gott und spirituellen Reichtum, den wir erstreben. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28), schreibt der Psalmist als Quintessenz seiner Überlegungen und Gebete. Dieser Mensch ist Gott ganz nahe. Er darf es sein mit seinen leuchtenden und mit seinen stumpfen Seiten, mit seinem vorausschauenden wie auch mit seinem reflektierend rückwärts gerichteten Blick (dunkle Silhouette in hellrotem Trapez).

Alles in allem überwiegt seine Begeisterung, sein Glühen für Gott. Beinahe meint man ein Lächeln dort zu sehen, wo gar keine Lippen sind. Gottes Geist schenkt Erkenntnis und Leben in Fülle.

Gegeißelt, geschunden, geschlagen

Kreuz und quer überziehen blutrote Farbstriche die Bildfläche. Es sieht aus, als wäre das Bild heftig geschlagen und verletzt worden. Gepeitscht, gegeißelt, wie derjenige, der auf ihm dargestellt ist. Blutrote Striemen bedeuten harte, schnelle Schläge, die die Haut haben platzen lassen. Schläge, die tief ins Fleisch hinein verletzt haben und das Blut herausspritzen lassen. Von den seelische Verletzungen, die das Herz direkt treffen, ganz zu schweigen.

Furchtbar steht das blutige Geschehen vor unseren Augen – und verdeckt mit seiner unmenschlichen Gewalt fast gänzlich den, den es getroffen hat. Nur die Füße und Beine und der obere Teil des Kopfes des Misshandelten sind zu sehen. Ansonsten hat sich die Gewalt breit gemacht und Seinen Platz eingenommen. Die Peitschenschläge sind förmlich zu spüren.

Wie ein geschundenes Herz steht die Bluttat zwischen dem Betrachter und dem Gegeißelten. Sie versperren die Sicht auf Jesus, entrücken ihn und lassen die höhnische Frage der Diener im Palast des Pilatus aktuell werden: „Sag uns, wer hat dich geschlagen?“ (Mt 26,67)

So wie das Geschehen vor unseren Augen steht, mögen Zweifel aufsteigen. Habe ich ihn in einem unkontrollierten Augenblick vielleicht auch geschlagen? Vielleicht nicht ihn, wahrscheinlich auch nicht mit einer Peitsche, aber einen anderen unschuldigen Menschen? Mit der mir eigenen Gewalt – Macht, Worte, Druck, Aggression, usw. – sein Leben in ein „Blutbad“ verwandelt?

Unerträglich groß haben sich die blutroten Striemen über dem Gepeinigten aufgebaut. Ist das, was er zu erleiden und auszuhalten hat, als Mensch noch zu ertragen? Andererseits haben sich die Verwundungen wie ein Schutzschild vor dem Gegeißelten aufgebaut. Durch die Wunden scheint er unnahbar, unzugänglich. Doch nicht er hat sich von mir entfernt, sondern durch mein und unser Vergehen haben wir uns von ihm getrennt.

Vertikale Farbläufe gliedern wie Blutgerinnsel oder Tränen den unteren Teil des Bildes. Sie künden von nicht aufhörenden Verletzungen durch Verachtung und Gewalt, sie künden von der Ohnmacht der Geschlagenen, von der stillen Trauer der Leidenden und all derer, die mit ihnen leiden.

„Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“, heißt es bei Jesaja 53,4 vom Gottesknecht. Genauso muten die vielen auf die Leinwand gepeitschten Farbstriche an: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ Und ein paar Verse weiter heißt es: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf.“ So steht auch der Mensch im Bild hinter dem Peitschenregen und hält standhaft aus. Hält aus im Vertrauen auf Gott, dass Er ihm in der Folter Stand verleihe, ihn in der Folter fest halte.

Etwas von diesem Vertrauen, dass Gott ihn nicht verlassen hat, sondern durch alles Leiden hindurch begleitet und auch retten wird, scheint unauffällig in den sich zu einem Farbfeld verdichteten Peitschenhieben auf. Sie lassen nicht nur die maßlose Gewalt sehen, sondern im blutenden Herz auch zwei Flügel. Flügel, welche das Leid nicht unsichtbar machen, aber durch die Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung leichter und erträglicher machen.

 

„Wer hat unserer Kunde geglaubt?
Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“ (Jesaja 53)

Alle Bilder der Passion 2012

Durst nach Leben

Dynamisch geschwungene Liniengebilde schweben durch einen neutralen Bildraum. Alle haben mehr oder weniger die gleiche Strichstärke, sie unterscheiden sich nur in ihrer Intensität. Während die dunkleren Linien sich kraftvoll in den Vordergrund drängen, verschwinden die weniger stark betonten Linien im Hintergrund. Durch die auslaufenden Striche und offenen Formen entschwinden sie gleichsam in der unfassbaren Tiefe des Bildraumes.

Auf den ersten Blick mag dieses Spiel der Linien einfach faszinieren: Der Rhythmus von weiten Bögen und engen Kurven, der sich in der unteren Bildhälfte verdichtet und von diesem Zentrum aus in drei einzelnen Formen aufsteigt. Der luftige Tanz von Linien, der Assoziationen an eine Feuerstelle und den daraus aufsteigenden Rauch auslösen mag.

Bei längerer Betrachtung schließen sich die luftigen Gebilde jedoch zu Umrissen von Knochen mit langem Schaft (Diaphyse) und breiteren Knochenenden (Epiphysen). Noch sind sie zu erkennen, noch sind mit den Strichen Spurenelemente von ihnen übrig geblieben. Von wem sie wohl stammen mögen?

Ihre Ähnlichkeiten mit Arm-, Finger- und Beinknochen lassen auf den Menschen schließen. Aber jeglicher Anhaltspunkt für die Bestimmung einer Größe fehlt. So sind es einfach Knochen, die durch die Überlagerungen zum einen körperliche Zusammengehörigkeit signalisieren, durch die teils offenen Formen und erst recht durch den Umstand, dass sie sich über den Bildrand hinaus auflösen, auch Vergänglichkeit und Übergang in eine ungegenständliche und letztlich unsichtbare Wirklichkeit andeuten.

So sind die Knochen in ästhetisierender Transparenz von jeder menschlichen Nähe entfremdet. Einst zu Menschen wie du und ich gehörend, von Fleisch und Sehnen überzogen, waren sie das unsichtbare Gerüst für den aufrechten Gang und das Leben. Nun sind sie nur noch eine Ansammlung substanzloser Knochen, nicht viel mehr als eine Erinnerung, dass da einmal etwas war.

Diesen Zustand der äußersten Armut und Beziehungslosigkeit, der Abwesenheit von jeglichem Leben, verbindet die Künstlerin mit Jesu Sterben am Kreuz. Insbesondere bewegten sie bei der Ausführung dieser Werkreihe seine letzten Worte: „Mich dürstest.“ Dabei meint sie nicht seinen “Durst nach Wasser, sondern nach Trost, Hoffnung, Liebe von Mensch zu Mensch”. Damit setzt sie mit diesen Arbeiten (weitere Werke aus dieser Reihe) den Ruf Jesu am Kreuz fort. Die ihrer Substanz und ihrer Zuordnung beraubten Knochen bringen diese Sehnsucht nach Zuwendung, stabiler Beziehung und Erfüllung zum Ausdruck.

Doch diesen an Knochen erinnernden Linien hat Lilian Moreno Sánchez nicht nur die Sehnsucht nach Trost, Hoffnung und Liebe mitgegeben, sondern auch eine Bewegung, die Überwindung des trostlosen Zustandes andeutet. Scheint nicht ein Windhauch die Gebeine an einem Ort zusammenzuwehen und einige sogar hochzuwirbeln? Die Intervention einer äußeren Kraft wird damit sichtbar. Auferstehung zu einer neuen Lebensgestalt, die sich durch Auferweckung und liebevolle Zuwendung Gottes ergibt.

Das erinnert über die Auferstehung Jesu hinaus an die Weissagung des Propheten Ezechiel, bei dem er wiederholt den Geist Gottes über ein großes Feld mit Knochen herabrufen musste, damit diese sich zu Skeletten sammelten und letztlich mit neuem Leben erfüllt wurden (Ez 37,1-14). Eine wunderbare Erzählung, mit der Gott den im Exil verzweifelten Israeliten seinen Beistand kund tat und ihnen Mut machte, aus ihrer Hoffnungslosigkeit aufzustehen.

Heute ermutigt uns Lilian Moreno Sánchez auf ihre Weise auf Menschen zuzugehen, die sich hoffnungslos wie damals die Israeliten oder durstig wie Jesus am Kreuz fühlen.

Ganze Werkreihe „Tengo Sed – Mich dürstet“

Ausführliches Interview mit Lilian Moreno Sánchez anlässlich ihrer Ausstellung zum „Aschermittwoch der Künstler“ 2013 in Hildesheim

Leben erhalten und schützen

Gegensätze formulieren dieses horizontal geteilte Bild. Leuchtende Gelbtöne bilden das Oben, undurchdringliches Schwarz das Unten. Sie sind als heller und dunkler Bildbereich dargestellt. Allein die Menschendarstellungen in je zwei Erzählungsreihen verbinden die beiden Bildhälften. Doch auch sie sind unterschiedlich dargestellt. Oben bilden die Menschen Zweier- oder Dreiergruppen, einander zugewandt, während sie im unteren Bereich allein oder einander gegenüber dargestellt sind.

Die hellen und warmen Farben ziehen den Blick zuerst in die obere Bildhälfte. Links oben sind eine Frau und ein Kind einem sitzenden, vornüber geneigten Menschen zugewandt. Er scheint verzweifelt zu sein, die beiden versuchen ihn zu trösten. Daneben liegt ein Mensch im Krankenbett, an medizinische Geräte angeschlossen. Eine Frau steht an seinem Krankenbett im Dialog mit ihm. In der Reihe darunter hält links ein Mann ein Neugeborenes in seinen Armen. Sein Kopf ist geneigt, das Kind betrachtend, liebend. Daneben drei frontal dargestellte Kinder oder Jugendliche. Ihre Köpfe und Kopfhaltungen signalisieren ein ungewöhnliches Denk- und Körperverhalten. Sie halten sich an der Hand, sie stehen zusammen, geben einander Halt.

Die vier Menschengruppen bilden eine Aussage: Niemand wird allein gelassen, niemand ausgestoßen. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben. Dieses Leben ist die Grundlage der Gemeinschaft, der Freude. Aus der Zuneigung entsteht Vertrauen, Freude wächst, Frieden folgt.

Im schwarzen Bereich sind die Menschen nur mit weißen Konturen dargestellt. Oben links steht ein Jugendlicher geknickt und mit auf dem Rücken verschränkten Armen vor zwei Männern. Der eine zeigt auf ihn. Die offenen Münder machen deutlich, dass die beiden anklagend über ihn reden. Daneben stehen sich zwei Soldaten in Schutzmasken und mit erhobenen Waffen gegenüber. Krieg … unter Umständen werden beide sterben. Ganz rechts ein Mensch, der seinem Leben bewusst ein Ende gesetzt hat – Selbstmord durch Erhängen. Links unten gibt eine Frau einem darniederliegenden Mann eine Spritze. Aus dem Kontext ergibt sich, dass er den Wunsch zum Sterben hat und sie ihm dabei hilft. In der mittleren Darstellung wird ein Embryo durch einen stabähnlichen Gegenstand von außen bedroht. Damit wird auf die gängigste Abtreibungsmethode durch Absaugen hingewiesen. Rechts davon sitzt ein Mann auf dem elektrischen Stuhl. Er ist wegen seiner Verbrechen zum Tode verurteilt worden.

Diese sechs Einzelbilder führen erschreckend vor Augen, dass auch in unserer Zeit täglich Tausende von Menschen umgebracht werden oder sich selbst das Leben nehmen. Es ist die dunkle, bedrohliche Seite des Lebens, die deutlich macht, wozu wir Menschen fähig sind. Dies geschieht trotz des Jahrtausende alten Gebotes „Du sollst nicht töten“ (Dtn 5,17), auf das Gott das Volk Israel und seine Nachkommen in den Zehn Geboten verpflichtet hatte. Dies geschieht trotz des im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verankerten Grundrechts auf Leben Art. 2 Abs. 2: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“

Doch gerade weil das menschliche Leben so verletzlich ist, muss es geschützt werden. Die Zehn Gebote erinnern immer wieder an die wesentlichen Werte, die jedem menschlichen Miteinander zu Grunde liegen und an denen sich unser Tun messen und beurteilen lassen muss. Das Verbot zu töten ist letztlich ein Gebot, das Leben in jeder Form zu achten, zu schützen und zu erhalten. Es ist ein Angebot zum Glück.

Gabi Weiss hat zu allen zehn Geboten Bildtafeln geschaffen, die mit Texten von Theresia Hafen zusammen wertvolle Grundlagen für Überlegungen zur gegenseitigen Wertschätzung und Rücksichtnahme bilden und ein gutes Zusammenleben ermöglichen. Das Kartenensemble im Format Din A 5 kann auf der Website der Künstlerin angeschaut und zum Setpreis von 8.- € bestellt (Bestellformular) werden.

Gold, Weihrauch und Myrrhe

Warme Farben beherrschen das Bild. Goldgelb, Weiß, Gold und ein erdiges Rotbraun hüllen das Geschehen in ein festliches Kleid. Zwei Welten scheinen sich dabei zu begegnen. Die untere Bildhälfte ist durch eine intensivere Farbgebung und scharfe Konturen irdisch verhaftet, die obere kann durch ihre Bildposition, die helleren Farbtöne und verschwommenen Konturen mehr dem Himmel zugeordnet werden.

Dadurch hat die Künstlerin eine Bildtiefe geschaffen, die das himmlische Geschehen zu einer mystischen Schau werden lässt. Ein Mensch in goldgelben Farben ist in einem Kreis zu erkennen, umgeben von rauchähnlichen Aufhellungen. Erhoben und erhaben steht er da. Doch wen stellt er dar? Nur der Kopf und der rechte Arm können klar bestimmt werden. Um den Kopf lässt sich auch ein Leuchten beobachten, ein religiöses Zeichen, das zusammen mit der goldgelben Farbe auf seine Heiligkeit hinweist. Als Lichtgestalt kommt er von oben in das Bild hinein und wird die Mitte des Erdenrunds bilden. Umgeben von undefinierbaren Lichtgestalten, nimmt er die Position eines Weltenherrschers ein und darf somit als Jesus gedeutet werden.

Ihm gegenüber stehen im diesseitigen Bildteil drei Elemente mit gleichem Aufbau, jeweils aus einem stabähnlichen und einem kugelförmigen Teil bestehend. Sie könnten Menschen symbolisieren, doch ihre einfache Gestaltung, wie sie von unten in das Bild hineinragen und auf Jesus ausgerichtet sind, legen die Vermutung nahe, dass es sich vielmehr um drei gleichwertige Gegenstände handelt, die in das Bild hineingereicht werden. Ihre Geber müssen eine ähnliche Position wie wir Betrachter eingenommen haben. Doch während wir uns vor dem digitalen Abbild einer künstlerischen Wahrnehmung befinden, standen sie vor der Wahrheit selbst, dem Sohn Gottes.

Die drei Bildelemente symbolisieren also die drei Gaben der Sterndeuter bzw. Magier aus dem Osten. Die Charakteristika von Gold, Weihrauch und Myrrhe kommen besonders deutlich in der Gestaltung der Stäbe zum Ausdruck. Das Gold nimmt den zentralen Platz ein und korrespondiert mit der goldgelben Gestalt Jesu. Der Stab des Weihrauchs ist bläulich-weiß gemalt und hat eine rauchig-transparente Gestalt. Der Stab der Myrrhe befindet sich links im Bild und trägt mit klaren Konturen die symbolischen Farben violett und schwarz.

Über diesen Stäben schweben kreisförmige Elemente, welche die Symbolik von Gold, Weihrauch und Myrrhe weiterführen. So kann die zweiteilige Scheibe über dem Gold, die hintergründig durch eine weitere zusammengehalten wird, für die Doppelnatur des Neugeborenen stehen. Der Reichtum und die Herrlichkeit, die durch das Gold zum Ausdruck kommen, gründen darin, dass er als Mensch die Größe Gottes offenbart. Dieser Kreis steht durch seine Helligkeit der Sonne und ihrem Licht nahe. Die horizontale Bewegung im Kreis mag auch symbolisieren, dass Gold beim Menschen für den Geist und das Denken steht.

Das Element über dem Weihrauch nimmt die Bewegung des Rauchs auf. Es besitzt in der Spiralbewegung etwas Verbindendes, das aus zwei gegensätzlichen Welten eine einzige entstehen lässt. Weihrauch steht für das Leben und dient der Gottesverehrung. Als solches ist es in feierlichen Gottesdiensten zu sehen und zu riechen. In Bezug zum Menschen steht es symbolisch für die Seele und das Fühlen.

Die Kreisscheibe der Myrrhe gibt sich haptisch materiell aus Papier. Das Element hat farblich etwas vom Gold, ist aber in seiner Beschaffenheit vergänglicher und unvollkommener Natur. Da die Myrrhe als Medikament angewendet wird und bitter schmeckt, wird es dem menschlichen Körper und Willen zugeordnet. In dem Sinne steht es für Leiden, Vergänglichkeit und Tod.

Wie in den biblischen Quellen (Mt 2,1-12) stellt das Bild den Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland und ihre Gaben in den Mittelpunkt, nicht aber die Magier selbst. Über sie selbst erfahren wir nur, dass sie den Stern gesehen haben, ihm gefolgt sind, beim Anblick von Jesus mit „sehr großer Freude erfüllt“ niederfielen und ihm huldigten. Was sie damals gemacht haben, danach sollen wir heute handeln. Heute sind wir eingeladen, die Zeichen Gottes zu erkennen und ihnen zu folgen, um in der Begegnung mit Jesus von „sehr großer Freude erfüllt“ zu werden und ihn zu ehren. Die drei Geschenke im Bild bleiben für jeden Besucher griffbereit. Im Geist kann er sie ergreifen, sie mit einem eigenen Wert zu einem kostbaren Geschenk machen und Jesus darbringen.

Heilige Nacht

Punkte, wo man hinschaut. In dichten Reihen bedecken sie das Bild und legen eine bunte Schicht über den Bildgrund. Dennoch ist klar eine dunkelblaue Dreieckform zu erkennen, die von den unteren beiden Ecken bis zur Mitte des oberen Bildrandes aufsteigt. Vor dem helleren Hintergrund gleicht sie einer Pyramide oder einem Zelt, das in sich ein helles, längliches Element birgt.

Vor dem dunklen Hintergrund werden die Farbpunkte intensiver, leuchtender, und einzelne strahlen wie Sterne. Doch nur die weißen Punkte sind durchgehend gemalt. Die pinkfarbenen Punkte sind vor allem im Dreieck anzutreffen, überragen es aber wolkengleich im unteren und im oberen Bereich. Die gelben Farbtupfer sind bis auf die linke untere Ecke des Dreiecks überall anzutreffen. Zum einen umgeben sie das Dreieck wie eine Aura, zum anderen betont ein gelber Schatten das helle Element und lassen es als einen eigenständigen Körper wahrnehmen. Bei längerem Hinschauen meint man Füße und einen Kopf zu erkennen, eine hoch aufragende, menschliche Person zu sehen. In ihr scheinen die weißen Punkte Materie und Gestalt anzunehmen und eine Lichtgestalt zu formen.

Aber ist das möglich? Es sind doch nur das dunkelblaue Dreieck, die innenliegende weiße Form und die Farbtupfer in Weiß, Pink, Gelb und Blau zu sehen. – Doch all diese Elemente sind voller Symbolik! Kraft der ihnen innewohnenden Verbindungen vermögen sie ein weihnachtliches Geschehen anzusprechen. So haben die vielen Farbtupfer eine Ähnlichkeit mit einem Regenschauer und vermögen das Lied zu erinnern, in dem das Volk singt:

„Tauet, Himmel, den Gerechten!
Wolken! regnet ihn herab!
Rief sein Volk in bangen Nächten
Aus der Sünde finsterm Grab.
Und Er kam. – Mit Ihm kam Segen,
Wie ein milder Frühlingsregen
Wie des Himmels sanfter Tau
Rings erquicket Feld und Au.“
(nach Christoph von Schmid, 1811)

Gleichzeitig lassen die vielen gelben Farbtupfer an ein Lichtermeer denken, wie es an einem Christbaum oder auch in der Osternacht zu beobachten ist. In ihm vermeint man auch die göttliche Gnade und Herrlichkeit aufleuchten zu sehen, die sich auf die Erde niedersenkt und sich insbesondere auf bzw. im dunkelblauen Dreieck manifestiert, dem Symbol für Maria. Es verweist einerseits mit der Zeltform auf die temporäre und bewegliche Behausung, die jede Mutter ihrem Kind gibt, es beschützend und behütend. Andererseits mag sie die Glaubenshaltung Mariens zum Ausdruck bringen. Fest auf dem Boden der Erde stehend ist sie doch mit ihrem ganzen Wesen auf den Himmel und auf Gott ausgerichtet. Dies so stark, dass sich ihr äußeres Erscheinen mit dem Symbol für den dreieinigen Gott deckt.

So wird deutlich, dass Gottes Sohn die göttliche Lebensgemeinschaft nie verlassen hat, um durch Maria Mensch zu werden. In Maria nimmt Gott Menschengestalt an, vor dem Hintergrund ihres Glaubens und ihrer Liebe hebt er sich als Licht vom unerschaffenen Lichte ab. Vor Maria oder in ihr vermag die Lichtgestalt damit einen Durchgang zum ewigen Licht zu bilden.

In einer ganz anderen Sichtweise kann das dunkelblaue Dreieck auch als eine sich in der Tiefe des Bildes verlierende Straße gesehen werden. Einsam steht dann die hochaufragende Lichtgestalt auf dem Weg. Als Licht in der Dunkelheit wie als Weg weist die Lichtgestalt auf Jesus hin. Er mag auf uns zuzugehen, aber genauso gut könnte er eine Einladung darstellen, ihm zu folgen. Vielleicht schwingt in der Darstellung aber auch beides mit und suggerieren die vielen Lichtpunkte, dass Begegnung und Nachfolge eins sind und zusammen mit unzähligen Menschen geschehen. Hin zu Mitmenschen, die auf unser Kommen und unsere Zuwendung warten, und durch sie zu Gott selber.

Durch die bunten Farbtupfer breitet sich Wärme über das Bild aus. Auch Freude schwingt mit. Außerdem ist eine neue Gemeinschaft zu spüren. Symbolisch zum Ausdruck gebracht durch die Farbtupfer untereinander, andererseits durch den Bezug zu den grundlegenden Farbelementen. Letztlich wird damit die neue Gemeinschaft unter den Menschen angesprochen, die durch Maria und die Geburt ihres Sohnes eine neue Basis erhielt – und weihnachtliche Dimensionen.

Der ganze Bild-Zyklus wird im Buch „CREDO“ von Herausgeber Norbert Lammert präsentiert. Das Buch beinhaltet einen einführenden Text vom Herausgeber, eine Auswahl an Credotexten aus den frühen Jahrhunderten bis heute und die Abbildung des 19-teiligen Credo-Zyklus.

Hier können Sie den ganzen Zyklus auf der Website des Künstlers anschauen.

Verkündigung / Empfängnis

Wie der Blick in der Nacht durch ein hell erleuchtetes Fenster angezogen wird, so zieht das helle, scharf umrissene Bildelement des Betrachters Aufmerksamkeit auf sich. Die Lichtöffnung gibt Einblick in ein an sich verhülltes Geschehen. Sie offenbart sich zudem als Erleuchtung von oben.

In ihrem Zentrum stehen zwei abstrahierte Menschengestalten, deren Köpfe von einem hellen Schein umgeben sind. Beide Körper sind als Kreisbogen gestaltet, der eine in goldgelber, der andere in violetter Farbe. Ihre Radien scheinen das gleiche Zentrum zu haben. So kommt die rechte Gestalt von der Mitte her und zudem als Lichtgestalt. Mit ihrem ganzen Gewicht scheint sie sich ihrem Gegenüber zuzuneigen, es dadurch fast zu bedrängen. Denn diese macht den Eindruck zurückzuweichen.

Die Erscheinung des Engels ist auch gewaltig. Große Farbschwünge künden von seinem Herabkommen vom Himmel, um dann wieder aufzusteigen und Flügel andeutend in des Engels Gestalt einzumünden. Es ist der Bote des Höchsten, der nicht nur schwungvoll an sein Gegenüber herantritt, sondern sich auch als Diener dieser Frau erweist. Denn trotz seiner imposanten Herkunft hat er sich vor ihr erniedrigt, schaut er zu ihr, Maria, auf.

Denn diese Frau hatte bei Gott Gnade gefunden. Ein gelbes Licht, das sie kreuzt, mag Ausdruck dieser Auserwählung sein und gleichzeitig das Herabkommen des Heiligen Geistes andeuten. Es endet über einer runden lichten Stelle, welche die Begegnung zu einer Berührung und das „Dazwischen“ zu einer „Übergabe“ werden lassen. Im Freiraum zwischen der noch nassen Farbe von Maria und dem Engel hat der Künstler einen Wassertropfen aufgetragen, der sich bis in die Farben der beiden Personen ausgebreitet hat und durch den deren Farben ein Stück weit ausgeblutet sind. Dadurch konnte sich in ihrer Mitte eine zarte sternförmige Erscheinung bilden. Ein wunderschönes Symbol für Jesus als „Licht der Welt“ (Joh 8,12) und „Wasser des Lebens“ (Joh 4,14), ein wunderbares stilistisches Symbol für ein gleichzeitiges Geschehen bei allen Betroffenen und insbesondere für das glaubende Empfangen oder Aufnehmen durch Maria.

Ihr Auftreten ist zurückhaltend, sie steht am Rand, halb von der blauen Farbschicht verdeckt. Aber sie steht, wenn auch irgendwie überwältigt, mit dem Gleichgewicht kämpfend, wie sich anlehnen müssend. Und sie steht im Licht. Im Licht dessen, der auf die Niedrigen schaut und die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt. Ein heiliges Geschehen – das sich auch darin kundtut, dass der doppelte Kreisbogen von Engel und Maria auf der rechten Seite eine stille Entsprechung in dem blauen Kreisbogen und dem innenliegenden Schatten haben und sie zusammen eine Mandorla andeuten. In der Verkündigung an Maria und ihrer gläubigen Zusage beginnt Gottes Herrlichkeit aufzustrahlen, die im auferstandenen Jesus und Weltenherrscher ihre volle Kraft offenbaren wird. Damit kommt mit grafischen Mitteln nichts anderes zum Ausdruck als der Engel bereits bei der Verkündigung gesagt hat: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ (Lk 1,32f)

Diese Verheißung dürfen wir als Betrachter schauen. Und wenn wir uns wie Maria der Berührung Gottes öffnen und seine Gegenwart annehmen, dürfen wir glauben und hoffen, dass ER auch in uns und durch uns seine Gnade und Herrlichkeit entfalten wird.

Kalender, Kunstkarten und -drucke von Eberhard Münch sind in verschiedenen Formaten im Buchhandel oder direkt über www.adeo-verlag.de erhältlich.

Kosmologisch

Runde und rechteckige Formen gestalten dieses in blau-grün-weißen Farbtönen gemalte Bild. Dabei stehen freie Elemente geometrischen gegenüber. Eine Symmetrie wird angedeutet und doch überall aufgebrochen. Mehrschichtig führt das Bild in die Tiefe, die angeschnittenen Elemente jedoch über den Bildrand hinaus in die Weite.

Zwei Welten berühren sich in den verschiedenen Formen. Von unten her erhebt sich im Symbol des Rechtecks die Erde bzw. das Irdisch-Materielle. Von oben her senkt sich in den runden Formen sanft das Unendliche, Göttliche in das Bild hinein.

Die Basis bilden zwei leicht nach links geneigte Rechtecke mit bewegtem Rand. Weiche Formen, in denen sich spiralförmige Abdrücke und gepunktete Spuren befinden, die an Fingerabdrücke erinnern, aber auch an entstehendes Leben. Neblige Goldspuren deuten die Kostbarkeit dieses Bereichs genauso an wie der minimale rote Farbtupfer seine Verletzlichkeit. Im breiten Riss, der die beiden Elemente voneinander trennt, kommt ihre frühere Einheit zur Sprache, vielmehr aber ihre jetzige Zerrissenheit und Trennung.

Im oberen Teil werden sie durch einen halbkreisförmige, weiße konzentrische Linien überlagert und klammerartig zusammengehalten. Diese wiederum werden nach oben gespiegelt und von dort auch nach links und nach rechts, so dass sich eine T-Form ergibt, die auf den beiden aufrecht stehenden Rechtecken aufliegt. Diese weiße Manifestation im Zwischenbereich des Bildes vereint in sich rechteckige wie runde Formen, irdische wie göttliche Elemente. Sie überhöht die rechteckigen unteren Formen, bildet gleichsam einen Altar. Zudem stellt sie einen Übergangsbereich dar, hinter und über dem sich verschiedene Kreisformen erheben.

Der mit lebendiger Linie ganz dargestellte Kreis scheint über dem altarähnlichen Tisch zu schweben. Rund wie ein Himmelskörper ist er doch von der Farbe her anders. Erinnerungen an eine Sonnenfinsternis mögen aufsteigen, auch die seltsamen Gefühle, die einen beschleichen, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und es immer dunkler wird. Doch im weiß gefaßten Kreis finden sich die gleichen Farben wie außen herum. Allerdings sind sie in ihm anders vermischt, hier kommen sie klarer zum Ausdruck – das helle Blau außen, übergreifend, innen das dunklere, intensivere, geheimnisvollere Blau, das die hellen Lichtpunkte besser zur Geltung bringt. Das Firmament ist das Kleid von diesem Himmelskörper, der von oben her wie von einem Kometen besucht oder befruchtet wird. Zu beiden Seiten wird er von runden Linien flankiert und ein erstes Mal gehalten. Wirklich eingebettet ist dieser schwebende kleine Kreis in dem großen, das Bild weit übersteigenden Kreis, der sich an seiner Außenseite mit einer intensiven grünen Bewachsung zeigt und sich fest in das altarähnliche Tischblatt einsenkt – bleibende Gegenwart, bleibende Ver-Bund-enheit.

Eine Schalenform zeichnet sich ab, ein darbietendes Gefäß, über dem sich der weiß umrandete Kreis erhebt. Gedanken an die Eucharistie mögen aufsteigen, Erinnerungen an das eucharistische Hochgebet, das der Priester – während er Kelch und Hostienschale erhebt – mit den preisenden Worte abschließt: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit. Amen.“ Danksagung in ihrer reinsten Form für die Größe und die Schönheit der Schöpfung, für ihre Rettung, für ihre Vollendung durch Gott.

Schreitender

Turmartig erhebt sich die grün-blaue Figur in der Bildmitte. Die einfachen Formen mögen spontane Assoziationen zu einem Pfosten oder einem stilisierten Baum auslösen. Doch die zwei Füße im Seitenprofil lassen die Gestalt eindeutig einem Menschen gleichen, auch wenn keine Arme oder eine klare Kopfform zu sehen sind. Aber verjüngt sich die Körpergestalt nicht in der Halsgegend und weitet sie sich nicht im Bereich des Kopfes, so dass eben doch eine Kopfform ausgemacht werden kann? Und könnte nicht die blaue Farbe einem Gesicht zugeordnet, die verwaschene runde Form daneben als Auge, die Unschärfe links unten im blauen Bereich als Mund gedeutet werden?

Auch die Farbgebung der solitären Gestalt verweist auf den Menschen. Grün mag hier symbolisch für die irdische Herkunft stehen, für das dynamische Wachstum, für das emporstrebende Leben. Dieser Mensch steht in seinem Saft, ist voller Leben. Die blaue Farbe hingegen deutet auf seine geistige Kraft hin, mit der er fähig ist, das sinnlich Wahrnehmbare durch seine Intelligenz zu durchdringen.

Aber durch die gestalterische Vereinfachung konzentriert sich alles in den beiden Füßen, scheint alle Energie in sie zu fließen bzw. von ihnen auszugehen. Der vordere Fuß befindet vollflächig auf dem Boden, der hintere ist leicht angewinkelt. Spannungsvoll zieht eine Bogenlinie von der Ferse bis zum Scheitel. Eine unsichtbare Kraft scheint sich ihm in den Rücken zu pressen und ihn voranzutreiben.

Beinbewegung wie Körperhaltung zeigen also an, dass dieser Mensch in Bewegung ist und von rechts nach links schreitet. Den Kopf hat er dabei leicht in den Nacken gelegt, die Haare sind wie von einem heftigen Gegenwind zerzaust nach hinten geweht. Dieser Mensch scheint ein Ziel vor Augen zu haben. Gleichzeitig kämpft er gegen die Kräfte von hinten und von vorne, um nicht schneller oder langsamer, sondern in seinem eigenen Tempo voranzukommen. So achtet er mit angespanntem Leib auf jeden Schritt, so scheint er als vorsichtig Schreitender jeden Schritt zu bedenken.

Nach der Betrachtung der solitären Figur sind nun noch die roten Bildelemente zu erforschen. Die dickere Diagonale gleicht mit seiner auslaufenden, spitzen Form einem Speer oder einem Lichtstrahl, welcher die Figur durchdringt. Ist er ein von der Liebe getroffener und gleichzeitig beflügelter? Denn die vier gleichfarbigen Linien, die rechtwinklig zur Diagonalen von der Körpermitte nach hinten abstehen, muten wie Federn oder wie Pfeile im Köcher an, haben aber auch ein flügelähnliches Aussehen.

Assoziativ dazu kann die rote Diagonale als Bogen gesehen werden, den der Schreitende locker in der Hand hält, bevor er ihn zum Schießen auf Augenhöhe hochnimmt. Bei dieser These wäre der Schreitende Jäger und Opfer zugleich, weil die Waffe an ihm selbst zeigt, was durch seinen Schuss demnächst geschehen wird. Auch die rote Farbe würde zu dieser Thematik passen, die stolze Haltung, das hoch aufgerichtete Haar, das wie eine Krone wirkt.

Eine ganz andere Deutung ergibt sich, wenn die rote Diagonale als Stange gesehen wird, die der Schreitende auf Beckenhöhe trägt. Könnte es nicht auch sein, dass er eine Balancestange trägt, um sein Gleichgewicht zu halten? Könnte die geringe Schrittlänge nicht auch darauf hindeuten, dass er sich gar nicht auf dem Boden, sondern auf einem Seil befindet, im „luftleeren“, haltlosen Raum, wie es der neutrale Hintergrund andeutet? Dass er deshalb die Balancestange braucht, um das Gleichgewicht zu halten und nicht herunter zu fallen? Auch hier könnten die vier Linien hinter ihm die Stabilität geben oder ihn beflügeln.

Der Schreitende lässt unterschiedliche Zugänge oder Deutungen zu. Wie diese auch aussehen mögen, regt er an, über unser Schreiten nachzudenken. Wie selbstverständlich bewegen wir uns doch in der Regel vorwärts. Doch welche Kräfte drängen uns, so dass wir schneller als gewollt laufen? Welche Kräfte oder Ereignisse bieten uns Widerstand und hindern uns am Vorwärtskommen? Sind wir Jäger oder Gejagte? Was hilft uns, Gleichgewicht und innere Ruhe zu behalten? Gerade in schwierigen Zeiten oder auf unwegsamen Passagen, bei denen ich mir – auf mich allein gestellt – wie auf einem Hochseil vorkomme, bei denen ich mich Schritt für Schritt vorwärts tasten muss und es oftmals „mehr ein Zögern denn ein Schreiten ist“? Das Aquarell regt auch zum Nachdenken an, welche Menschen, welche Fähigkeiten und Erlebnisse als „Balancierstange“ helfen, das Gleichgewicht zu halten und langsam, aber konzentriert vorwärts schreiten zu können.

Kraft der Gedanken

Ein vergittertes Bild … ungewöhnlich … auch die Erhebungen des Gitters über den hellen Bereichen … und wie es rechts oben aufgebrochen ist … faszinierend!

Grundlage dieser Arbeit bildet eine hohe rechteckige Leinwand. Sie scheint eine schwarze Oberfläche zu haben, aus der sich ein weißes Gebilde erhebt. Und doch muss die Leinwand im Ursprung weiß gewesen sein, denn sie wurde nur mit Kohle bearbeitet. Die weißen Flächen sind demzufolge frei und unbearbeitet geblieben.

Als übereinander geschichtete Waagrechte, deren Enden beidseits weich auslaufen, ergeben sie eine sanft nach rechts geschwungene und sich nach oben verdichtende Gestalt. Im Gegensatz zum schwarzen Hintergrund, der fest und gebunden wirkt, weckt das weiße Gebilde den Eindruck zu schweben. Unten scheint es dem Dunkel zu entsteigen, um dann sanft gleitend aufzusteigen und den Bildraum zu verlassen.

Darüber legt und erhebt sich – vom linken Bildrand ausgehend – das Drahtgitter mit seinen quadratischen Maschen, grau-silbern glänzend. Es spannt sich nicht flach über die Fläche, sondern ist über der weißen Gestalt aufbogen, in der rechten oberen Ecke gar aufgebrochen (Detailbild). Das Gitter scheint den Auftrag zu haben, stark und umfassend den Bildinhalt festzuhalten … und kommt doch nicht dagegen an. Die helle Kraft unter ihm ist stärker und hat sich einen Freiraum verschafft, der die festhaltende Struktur zwang, sich anzupassen. Schließlich war es dieser Kraft auch möglich, die begrenzende Struktur aufzubrechen und ihr zu entfliehen.

Was wohl die weiße Gestalt symbolisieren mag? Die unscharfe Kontur, die schwer fassbare Form lassen an eine immaterielle Erscheinung denken. Die Waagrechten wirken wie Schichtungen von etwas Wiederkehrendem, von etwas, das auf dem Vorhergehenden aufbaut und so Gestalt annimmt. Gestalt von jemandem, der Rückgrat gezeigt hat, denn die geschwungene Form erinnert auch an eine Wirbelsäule. Rückgrat in einer Situation, in der es von drei Seiten nur dunkle Bedrängnis (die schwarze Kohle steht symbolisch dafür) und nur ein Entweichen dorthin gab, wo keine irdisch-materielle Macht mehr Zugriff hatte, nämlich himmelwärts. Mutet die Abfolge nicht auch wie eine Wendeltreppe an, die nach oben führt?

So umschreibt die Künstlerin die Gedanken von Sophie Scholl, die sie konsequent im Widerstand gegen das Naziregime einsetzte. Sie zeigte Rückgrat angesichts der Bedrohungen und der Gefahr. Unerschrocken setzte sie das um, was sie als richtig erkannt hatte. Schritt für Schritt ging sie ihren Weg in der Gruppe der „weißen Rose“. In der Dunkelheit der Nazidiktatur waren ihre freien Gedanken ein Lichtschein und Hoffnung für viele Zeitgenossen. „Sophie war ein ganz normales Mädchen, keine Heilige, sie war fröhlich und nachdenklich, empfindsam, aber auch konsequent“, schreibt Werner Milstein ( „Mut zum Widerstand“, 2003, S.18). Sie mag vielleicht keine Heilige sein, aber ihr Mut und ihr Engagement für die Gerechtigkeit bleiben eine heiligengleiche Ermutigung für uns alle.

Die Arbeit von Sonja Schild gehört zum Kunstprojekt „Unsere Heiligen“. Viele Hintergrundinformationen finden Sie auf der hervorragenden Website zum Projekt.