Gefesselt? – Entfesselt!

Wer unbedarft in den Raum mit diesem Kunstwerk kommt, begegnet zuerst einmal vier überdimensionalen Büchern, die von vielen Händen aus einer rot oder blau schäumenden Masse hochgehalten werden. Jedes Buch ist mit einer vierfachen Kette in Kreuzform umschlungen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Buchrücken und Frontseite weisen unmissverständlich darauf hin, dass es sich um die Heiligen Schriften des Judentums, des Christentums und des Islams sowie eines Buches des Dalaï Lama handelt. Gefesselte Bücher?

Thomas Hirschhorn provoziert mit dieser Arbeit viele Fragen und regt zum Nachdenken über das Buch der Bücher an:

Ist der Inhalt der Bücher so gefährlich, dass sie zugeschnürt werden müssen, damit ihr Wort nicht weiter wirkt? Doch das steht im Widerspruch zu den vielen Händen. Sie scheinen Menschen zu gehören, die in der überschäumenden roten – an Blut erinnernden – Masse ertrinken und als letzte Handlung gemeinsam die Heilige Schrift zu retten versuchen.

Gesellschaftskritisch gefragt: Sind wir eine untergehende Glaubensgemeinschaft? Versinken wir im Überfluss der überbordenden Konsumgesellschaft, welche uns das Leben kostet. Noch wird die Heilige Schrift hochgehalten, noch scheinen wir unser Leben für diesen letzten Wert einzusetzen … doch das Buch, das weitergereicht wird, … ist verschlossen.

Aber dann kann es seine Bestimmung nicht erfüllen. Ein verschlossenes Buch, ein Buch, das nicht geöffnet wird und nicht geöffnet werden kann, ist nur noch eine wertlose Attrappe. Doch das kann es nicht sein, die Menschenhände halten es in die Höhe! Das Kunstwerk könnte einen Aufschrei darstellen, dieses große, weil großartige Buch zusammen mit meinen Zeitgenossen aus den Händen der untergehenden Generation retten. Es ist ein Appell an uns, nicht tatenlos zuzuschauen, sondern aktiv zu werden. Das gekreuzigte Buch, das bereits wie eine Grabplatte auf einer Gedenkstätte liegt, von seinen Ketten zu erlösen und aufzuschlagen, damit seine Worte wieder atmen können. Und durch unser Lesen werden die göttlichen Worte wieder lebendig werden und durch unser vom Heiligen Geist gelenktes Denken und Handeln die Gesellschaft erneut mit Leben erfüllen.

Nein, die Heilige Schrift ist weder ein Buch mit sieben Siegeln noch ein gefesseltes Buch, sie ist ein entfesseltes Buch! Wer ihre Worte liest und glaubt, geht nicht unter, sondern wird zum ewigen Leben auferstehen.

Himmelfahrt

Dunkel durchquert der lange schmale Stahlträger den Chor der Universitätskirche in Freiburg / Breisgau in ihrer ganzen Höhe. Daran hängt in überwältigender Größe und Gestalt ein ausgemergelter Menschenkörper, dessen Kopf von einer dichten Dornenkrone mit langen Dornen verdeckt ist. Kein vom Leiden gezeichnetes Gesicht, keine ausgebreiteten Arme sind zu sehen. Soll das Jesus, der Gekreuzigte sein? Der überlange Stahlträger ein Kreuz?

Vieles an diesem Kreuz ist anders – und regt gerade deswegen zum aufmerksamen Hinschauen und Nachdenken an.

Der Stahlträger verbindet den Boden mit der Decke – oder anders gesagt den Himmel mit der Erde. Der an ihm hängt, ist ein Vermittler zwischen diesen beiden Polen. Ist Jesus nicht in unsere menschliche Armut hinabgestiegen und hat den Tod auf sich genommen, um die ganze Menschheit zu erlösen und zu Gott zu führen? Drei Goldplättchen am oberen Ende rufen seine Zugehörigkeit zur göttlichen Dreifaltigkeit und seine Herrlichkeit in Erinnerung.

Die visuelle Basis des vertikalen Kreuzbalkens bildet der Altar. In den eucharistischen Gaben wird Gottes Sohn immer wieder in der Mitte seines versammelten Volkes gegenwärtig. Er schenkt uns Anteil an seinem göttlichen Leib, damit wir auf dem oft nicht einfachen Weg unserer Menschwerdung durchhalten, bis zur Vollendung durch IHN.

In diesem Erde und Himmel verbindenden Kreuz ist auch eine Aufwärtsbewegung zu beobachten. Kein horizontaler Kreuzbalken hält die Rückkehr zum Vater auf, keine festgenagelten Hände. Der Betrachter schaut wie die Jünger „unverwandt“ zum entschwebenden Herrn auf, der „zur Rechten Gottes, des Allmächtigen“ erhöht Platz genommen hat.

So wie der Leidensweg zentral im Leben Jesu steht, hat es der Künstler Franz Gutmann schmerzvoll in der Mitte seiner Kreuzskulptur zum Ausdruck gebracht. Ohnmacht geht von diesem abgemagerten, armlosen Körper aus. Bewegungslos wird Jesus durch die Nägel gemacht. Gekrönt wird die Gestalt durch den riesigen Dornenkranz. Das Dornengeflecht nimmt den Platz des Kopfes ein, ihn einsperrend, überwältigend.

Doch alles Menschenwerk kann Gottes Wirken nicht aufhalten, fesseln. Gott, der in diesem Menschen in seiner Fülle gewohnt hat, strahlt durch alles hindurch.

Verwandeltes Leben

Es muss des Nachts geschehen sein, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Denn wie „Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab kam, sah sie, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ (Joh 20,1)

Wie durch den offenen Eingang der Grabkammer hindurch scheint der Künstler das verborgene Geschehen der Auferstehung zu beobachten. Nur die golden leuchtende Gestalt des Gekreuzigten ist zu erkennen. Von innen her leuchtet er, ja glüht er wie flüssiges Metall im Schmelzofen. Verwandlung wird hier angesprochen. Noch ist seine Gestalt vollkommen menschlich, aber bereits durchdringt ihn das göttliche und ewige Leben. Johannes sah bei seiner ersten Vision einen, der wie ein Mensch aussah: „Seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht“ (Offb 1,15) und der Prophet Jesaja spricht sinnbildlich von Gott als dem „verzehrenden Feuer“, der „ewigen Glut“ (Jes 33,14).

Im Gegenlicht zeichnet sich das Kreuz auf dem Rücken von Jesus wie ein Prägemal ab. Auch als Auferstandener ist Jesus der vom Kreuz Gezeichnete. Jesus hat das Kreuz auf sich genommen und durch den Tod hindurchgehend das Leben gewonnen. Das ewige Leben – für ihn und uns alle! (vgl. Mt 10, 38-39) Das ist die frohe Botschaft: „Er [Christus] hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht …“ (1 Tim 1,10)

Mit der dunklen Metallplatte deutet der Künstler sinnbildlich den Tod an. Wie eine Mauer, kalt und drohend, steht er unausweichlich vor uns. Aber der Tod wird nicht unser Ende sein, sondern Durchgang. Paulus erklärt dies den Gläubigen in Korinth so: „Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich , in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden zur Unvergänglichkeit auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. Denn dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. Wenn sich aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.“  (1 Kor 15, 51-54; vgl. Jes 25,8)

Durch seinen Kreuzestod hat Jesus uns das Tor in seine Welt aufgestoßen, die Welt seines Vaters. In ihm kommt das Neue verdichtet zum Ausdruck – im  Bild durch die mit Blattgold ausgelegte Vertiefung, die Wärme und Lebendigkeit ausstrahlt. Jesus ist und bleibt die Einladung, ihm zu folgen, hier wie dort.

Dass uns dabei geholfen wird, dafür könnte die kosmisch anmutende Spur über dem Kopf von Jesus ein Hinweis sein. Denn auch Jesus ist nicht aus eigener Kraft auferstanden, sondern von seinem Vater auferweckt worden (vgl. Gal 1,1). Ebenso hat Jesus seinen Jüngern den Heiligen Geist verheißen. Er wird sie lehren und an seine Worte erinnern (Joh 14,26), damit sie wie Jesus Zeugen der Liebe Gottes sein können (vgl. Apg 1,8).

Weitere hervorragende Bildbetrachtungen von Karl Josef Kuschel finden Sie in dem mit Rudolf Kurz herausgegeben Buch Lebensspuren, ISBN 3-7966-1066-8, Schwabenverlag 2002.

Aufschrei

Ungewöhnlich, diese Steinskulptur. Spannungsgeladen biegt sich dieser menschliche Oberkörper. Die im Lichtschein schwach aufleuchtende T-Form aus Stahl lässt in ihm einen Gekreuzigten erkennen, einen am Kreuz Gehängten. Sein Körper ist übersät von rostbraunen Flecken, die an getrocknetes Blut erinnern (Eisenoxyd im Stein, das durch den Künstler freigelegt worden ist) und Kerben wie von Peitschenhieben.

So sehr der Tod diese verstümmelte Gestalt prägt – die Arme sind auf Stümpfe reduziert, der Kopf ist abgeschlagen, die Rippen und die beiden Beine weggehauen – , so ist das Leben doch noch nicht aus ihr gewichen.

In den Adern des Stein-Körpers scheint das Blut noch zu pulsieren. Der muskulöse Körper hält sich mit aller Kraft am Leben. An einem Arm hängend krümmt er sich vor Schmerz und schreit sein Leid in einem einzigen stummen Schrei in die dunkle Nacht hinaus. Mit dem nach oben gerichteten Arm scheint er klagend auf seinen Schöpfer zu zeigen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“ (Ps 22,2)

Ich höre auch den sehnsüchtigen Ruf nach Hilfe: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen.“ (Ps 130,1-2) – Dieses Schweben zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod kann doch nicht alles sein! – Der Psalmist betet weiter: „Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen.“ (5-6)

Dieses verzweifelte und doch vertrauensvolle Aufschreien ist aus diesem Torso herauszuhören. Das Leid wird ausgehalten, weil sich dieser Mensch mit letzter Kraft an DEM festhält, der das Leben selber ist. Dieses „gehalten Sein“ gibt ihm eine unauslotbare Tiefe und ist in seiner ausdrucksstarken Oberfläche zu spüren.

Karl Josef Kuschel schreibt im Buch „Lebensspuren“ (S. 37f) dazu: „Die Arbeiten von Rudolf Kurz holen an die Oberfläche, was im Menschen steckt oder was Menschen Menschen zugefügt haben. Sie beschönigen nichts; polieren nichts glatt; sind nicht „schön“. Aber alles an ihnen ist wahr: die Narben und die Risse; die Wunden und die Flecken; die Kratzspuren und die Kerben in der Haut. Der Künstler zeigt das ohne Rücksicht auf Gefühle. Was wir gewöhnlich überdecken oder überspielen, nicht wahrhaben oder zeigen wollen, macht er öffentlich, stellt er aus bis zur Penetranz. Es ist, als habe er seinen Figuren die Kleider vom Leib gerissen, um uns Betrachtern keine Möglichkeit des Ausweichens zu geben, des Überdeckens, des Beschönigens: Seht, das ist der Mensch, und das ist es, was aus Menschen werden kann.“

Weitere hervorragende Bildbetrachtungen von Karl Josef Kuschel finden Sie in dem mit Rudolf Kurz herausgegeben Buch Lebensspuren, ISBN 3-7966-1066-8, Schwabenverlag 2002.

Offenheit

Eine Holzskulptur aus einem Stück. Saubere, gerade Schnitte, die aus dem gewaltigen Stück des Baumstammes das Außen und Innen entfernten, bis nur noch diese fragile Hülle übrig blieb. Die genaue Verarbeitung, die ausgewogenen Proportionen und die Symmetrie stechen ins Auge – und wie die Skulptur auf der einen Seite gesprungen ist.

Beim Trocknen muss die des Holzes eigene Kraft überhand genommen und die streng geometrische Figur auf der einen Seite aufgebrochen, ja mit Urkraft aufgesprengt haben. Mit diesem „Aufbruch“ ist das Holz gerade durch seine Materialeigenschaft ein weiteres Mal entscheidender Mitgestalter geworden. Die Spannkraft des Holzes hat den geraden Linien weiche Biegungen verliehen, den mit vielen gleichen Öffnungen versehenen Körper noch weiter geöffnet und ihm dadurch eine Richtung verliehen.

Mir gefällt die Offenheit dieses Holzkörpers. Hier wird ein Raum umschlossen und doch offen gelassen. Ob es am Gleichgewicht zwischen dem einsehbaren Innenraum und der umgebenden Außenhaut liegt? Oder am einfühlsamen und respektvollen Umgang des Künstlers mit den Eigenheiten des Holzes, dessen Spuren überall zu sehen sind?

Die Skulptur ist auch offen in Bezug auf die Form. Man kann ein dreidimensionales Kreuz drin sehen. Allerdings würde sie auf einer ihrer quadratischen Öffnungen stehend viel von ihrer Dynamik verlieren. Diagonal stehend multipliziert sie hingegen unzählige Einblicke und Durchblicke, ermöglicht sie spannende Einsichten und Begegnungen durch das Spiel von Licht und Schatten auf den Flächen, Kanten und Hintergründen.

Die Skulptur weckt bei mir mit ihrer Einfachheit und Formschönheit das Staunen. Aus einem neuen Motiv heraus höre ich in mir die Worte des Psalmisten: „Kommt und seht die Taten Gottes! Staunenswert ist sein Tun an (und durch) den Menschen.“ (Ps 66,5).

Friedensglocke

Von Glocken kennen wir meistens nur deren Klang, seltener ihre Gestaltung, Symbolik und deren Bedeutung. Bei der Friedensglocke von Straßburg, die fast 600 Jahre nach dem Bau der Kathedrale dem Glockengeläut beigefügt worden ist, haben wir die Gelegenheit, sie aus der Nähe zu betrachten.

Luftige Gestalten hat der Künstler Tobias Kammerer auf ihrer Außenseite angebracht. Sie umgeben  die Glocke, scheinen auf ihr zu tanzen. Sind es Engel? Oder sollen sie einfach wie die Glockentöne Botschafter des Friedens sein? Was in zwei Sprachen auf dem Glockenrand geschrieben steht …

Friedensglocke aus Karlsruhe
für Strasbourg im Jahre 2004
Freude dieser Stadt bedeute –
Friede sei ihr erst Geläute!
Que la première sonnette signifie –
joie et paix pour la cité !
Que les cloches sonnent pour la paix.

… wird in einer für alle Völker verständlichen Sprache und in eindringlichem Ton – mahnend, ermunternd – vom Turm herunter verkündet. Haben die engelsgleichen Wesen nicht eine entfernte Ähnlichkeit mit Notenschlüsseln? Entschlüsseln, offenbaren sie nicht eine himmlische, ja paradiesische Botschaft mit dem Frieden?

Die Engel tragen doch den Frieden Gottes als stimmigen Ton, als Grundton, der alles Leben ermöglicht und schön macht, in sich. Rund um die Glocke tragen sie diese Botschaft, wie rund um den Erdball, der den Frieden so nötig hat. Haben deshalb die flach ausgeführten Engel eine gewisse Ähnlichkeit mit den Kontinenten und Inseln im weiten Meer?

Bei der Geburt Jesu brachten die Engel die frohe Botschaft zuerst zu den Hirten, die Schafe hüteten (Lk 2,10-14). Die Hirten könnten für alle Menschen stehen, die Verantwortung tragen für andere Lebewesen, Menschen, Tiere und Pflanzen! Gilt nicht ihnen allen – und nicht nur zur Weihnachtszeit – diese Frohbotschaft des Friedens? Weil letztlich nicht nur wir Menschen den Frieden brauchen, sondern die ganze Erde, auch der Boden, der uns trägt und ernährt!

„Zu einem Leben in Frieden hat Gott euch berufen,“ schreibt Paulus seiner Gemeinde in Korinth (1Kor 7,15). Mit dem Geschenk an die Stadt Strasbourg, wo das Europaparlament seinen Sitz hat, setzt die Stadt Karlsruhe ein Zeichen der Freundschaft und des Friedens über Sprach- und Landesgrenzen hinweg.

In dieser Glocke tönen eindringlich Jesu Grußworte an seine Jünger wieder: „Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36) In jedem Gottesdienst werden wir mit diesem Wort begrüßt und bestärkt, die Sendung der zweiundsiebzig Jünger fortzusetzen, die in alle Städte und Ortschaften gehen sollten, in die Jesus selbst gehen wollte. „Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. … Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: FRIEDE DIESEM HAUS!“ (Lk 10,1-5)

Explosiv ?

Was ist das? Was soll das darstellen? Einen Apfel? Eine Traube? Eine Handgranate? Die vom Künstler Matthias Dämpfle geschaffene Skulptur ist in ihrer Form offen für solche Assoziationen. Auch die silbrige Linie, die diesen kleinen dunklen Betonblock schlangenförmig von links nach rechts durchzieht, lässt viele Interpretationen zu.

Die flache Vorderseite erschwert eine räumliche Vorstellung. – Muss ich in die Tiefe gehen? Würde es nicht genügen, einfach vor dem Kunstwerk stehen zu bleiben, es als schön oder nicht schön zu beurteilen und stehen zu lassen, und nicht daran zu kratzen? Da ich allerdings glaube, dass in allem Geschaffenen ein Sinn steckt, kann ich nicht anders als auch dieses Kunstwerk mit dem Glauben zu durchdringen und ergründen.

Ich entdecke, dass die unscheinbare silbrige Linie die Skulptur in zwei Hälften teilt: eine Linke und eine Rechte, die ineinander verschränkt sind. Vier Finger in jede Richtung – eine Hand, zwei ineinander verschränkte Hände, deren Daumen nach oben schauen!

Nicht aus eigener Sicht, aber aus der Sicht des Gegenübers können uns solche Hände bekannt sein als Zeichen der Einkehr, der Stille, der Sammlung auf das Wesentliche im Leben. Sie können uns auch bekannt sein als Ausdruck des Gebets, der Besinnung auf die Verbundenheit mit Gott.

Wie die Hände sich zusammen tun, so „verschränken“ sich im Gebet der menschliche und der göttliche Geist zu erneuernder Einheit. Wie sich eine Hand öffnen muss, um eine andere Hand zu ergreifen, braucht es die Offenheit des Menschen, damit Gott ihn beschenken, bildlich gesprochen seine Hand ergreifen, halten und füllen kann.

Gerade durch diese herzliche Verbundenheit mit Gott wohnt dem Gebet eine geballte Kraft inne, die ähnlich explosiv ist wie die einer Handgranate. Glaube und Liebe wirken allerdings nie zerstörend, sondern immer tröstend, heilend, stärkend, ermutigend. Gerade weil Beten weder oberflächlich noch formelhaft gesprochene Wort ist, sondern aus der Tiefe des Herzens kommt (vgl. Röm 8,26f), vermag es Berge zu versetzen (Mt 17,20) – im Beter selbst und bei allen, für den er oder sie sich einsetzt.

Diese auf eine einfachste Form verdichteten Hände erinnern mich an die Kraft des Gebetes und ermutigen mich, es vermehrt als wunderbares Geschenk Gottes zu nutzen.

„Christusträger“

Eine außergewöhnliche Schale,  ein ungewöhnliches Trinkgefäß. Für die Liturgie, für die Aufnahme des Allerheiligsten bestimmt. Kostbare Materialien, edle Verarbeitung, einzigartige Oberflächenbehandlung.

Alles weist auf IHN hin. Das Mysterium verhüllend – und doch geheimnisvoll offenbarend.

Durch eine lineare Oberflächengestaltung hat das weißlich-silberne Äußere eine „fasrige“ und matte Struktur erhalten und bildet einen Gegensatz zum goldglänzenden Inneren. In unregelmäßigen Formen scheint dieses Innere bruchstückhaft nach außen zu dringen.  Steht das glänzende Innere für die immaterielle Welt Gottes, das matte Äußere mit den pflanzlich wirkenden Strukturen für die Welt im Werden? Sie sieht jetzt in einem Spiegel nur rätselhafte Umrisse, „dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkannt worden sein“, schreibt Paulus (1 Kor 13,12).

Die Außenstruktur weckt in mir auch Assoziationen an ein Netz. Die unregelmäßigen Formen lassen nicht nur an Blüten, Früchte oder Fische denken, die gesammelt werden,sie können auch symbolisch für die Menschen und ihre Gaben stehen, die vom „Menschenfischer“ Jesus vereint Gott dargebracht werden.

Bei der Gabenbereitung betet der Priester jeweils leise, während er Kelch und Hostienschale mit den Gaben hochhält:

„Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt.
Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit.
Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde.“

„Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt.
Du schenkst uns den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit.
Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, damit er uns der Kelch des Heiles werde.“

Der Kelch ist schlank und hoch. Mehr ein Becher als ein Pokal, hochgewachsen wie ein Weinstock. Die Weintrauben gekeltert in sich tragend, bewahrend für die Verwandlung durch den Geist Gottes und die Vergegenwärtigung der Worte Jesu beim letzten Abendmahl durch den Priester: „Nehmt und trinkt alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Die Hostienschale dagegen ist flach und weit wie ein Schiff, eine Barke, die Ihn vom „anderen Ufer“ in unsere Nähe bringt. In ihrer Form klingt auch die Krippe und die Mandorla an, Ort und Zeichen für den sich den Menschen offenbarenden Gott.

So sind Kelch und Hostienschale ausdeutende Zeichen des in der Armut des Brotes und des Weines Verborgenen. Sie tragen Gottes Sohn für jedermann und -frau fassbar, den Leib wie die Seele im Geschenk nährend und stärkend zu uns, damit wir immer mehr seine Gestalt annehmen. Letztlich sind die beiden Gefäße Symbole für jeden Gläubigen, ja die ganze Kirche, die wir den Herrn genauso kostbar und rein umfangen und tragen sollen.

Und – seine heilige und heilende Gegenwart möchte wie bei Kelch und Schale auch bei uns außen sichtbar werden!

Kreuz – Antlitz Gottes

Ganz unauffällig verhielte sich dieser Quadratmeter an der Wand, wäre er nicht vergoldet und hätte er keine Falten. Die oberen drei Falten sind zum Betrachter hin gewandt, während die untere Falte sich nach hinten biegt und damit einen spannungsvollen Kontrast bildet. Die Skulptur präsentiert sich uns wie ein sauber gebügeltes Tuch, das eben aufgefaltet worden ist. Die Falten bilden dabei ein gleichschenkliges Kreuz, das sich in sanfter Erhebung aus dem Tuch heraus abzeichnet.

Das gefaltete Tuch erinnert mich an den Bericht des leeren Grabes: „Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Tuch, mit dem sie das Jesus das Gesicht bedeckt hatten. Dieses Tuch lag nicht bei den Leinenbinden, sondern getrennt davon zusammengelegt.“ (Joh 20,7 Übers. Gute Nachricht-Bibel) Diese Kreuzfläche lädt uns ein, hinter ihr das Antlitz Jesu zu suchen.

Die vergoldete Fläche weist uns auf seine göttliche Herkunft hin. Im Schauen dieser “Ikone“ werden wir zur Sterbens-„Stunde“ Jesu geführt, in der er durch seinen Vater verherrlicht wird. Wir können seine Worte im Abschiedsgebet hören: „Vater, die Stunde ist da, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.“ (Joh 17,1) „Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.“ (17,5)

Im Kreuz die Herrlichkeit Gottes schauen! „Für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott stärker als die Menschen.“ (1 Kor 1,23-25)

Doch da sind rote „Risse“ in der „goldenen Herrlichkeit Gottes“ zu sehen. Beflecken sie seine Größe, müssen sie als Makel, als ein Mangel an Vollendung gesehen werden? – Nein. Sie offenbaren uns seine alles durchwirkende und belebende Liebe, die seine Herrlichkeit und Größe ausmacht. Die roten „Risse“ lassen uns seine Verletzlichkeit spüren – und damit seine Menschenfreundlichkeit.

Hermann Bigelmayr hat dieses Kreuz als Kunstwerk von einem Meter auf einen Meter geschaffen. Er wollte ganz bewusst mit diesem Quadratmeter einen Bezug zur Erde schaffen, auf der wir leben, und jede und jeder auf irgend eine Weise etwas Platz zum Leben findet. Es gehört zur Menschenfreundlichkeit Gottes, dass er uns in die Gestaltung der Erde miteinbezieht, sie uns anvertraut, auch wenn er weiß, dass wir sie durch unsere Fehler und Schwächen wie Jesus kreuzigen.

Dennoch bleibt Gott in unserer Mitte. Kaum sichtbar hat der Künstler den Kreuzungspunkt der Falten als ein nach unten geneigtes Dreieck gestaltet. Das Dreieck als Symbol für die Dreifaltigkeit. Seine Neigung nach unten als Hinweis auf seine ungebrochene schöpferische Zuwendung. Gott hört auch im größten „Kreuz“ nicht auf, heilend und versöhnend mit seiner Liebe zu wirken!

Thron Gottes

Außergewöhnlich, seine Form und sein Material. Gegenüber den meisten anderen Altären aus Stein ist dieser Altar achteckig und aus Bronze. So hat er mehr die Gestalt vieler Taufbecken, die in Erinnerung an den „neuen Tag“ der Auferstehung des Herrn acht Seiten haben (7 + 1).

Doch wieso soll ein Altar nicht an die Taufe erinnern? An ihm wird doch das Geheimnis des Glaubens gefeiert: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir; und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!“ Im Sakrament der Taufe sind doch die Menschen mit Christus „gestorben“ und mit ihm als durch die Gnade neu geschaffene Gläubige auferstanden. Von nun an versammeln sie sich um den Tisch des Herrn, den Altar, um seine Gegenwart unter ihnen zu feiern.

Dem Volk zugewandt präsentiert der Altar in der ganzen Höhe sein glänzendes „Innenleben“, das auch im Sockel erkennbar ist. In seiner Mitte steigt vom Boden wie ein Baumstamm das Tau-Kreuz empor, um unter der Tischkante den ganzen Altar zu umfangen. Kreuz und Altar verschmelzen hier zu einer Einheit, weil derjenige, der für uns am Kreuz gestorben ist,  sich uns auf dem Altar in Gestalt von Brot und Wein schenkt.

Wie ein Tischtuch werden die anderen Seiten des Altars von einem Relief in dunkleren Brauntönen umgeben. Die darauf zu erkennenden helleren Linien signalisieren Bewegung, tönen Freude an. Beim nahen Hinsehen sind Engelsgestalten erkennbar, die den Altar umgeben.

Der Künstler scheint hier in freier Form die Vision des Propheten Jesaia aufzugreifen, in der er den Thron des Herrn von Seraphim umgeben sah, von denen jeder sechs Flügel hatte. Sie rufen einander bei Tag und Nacht ohne Unterlaß zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere, von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. (Jes 6,1-3 sowie Offb 4,1-11).

Der Altar als irdischer Thron Gottes! Der Altar als Thron seines Sohnes Jesus Christus, auf dem dieser im Sakrament der Eucharistie „erhöht“ in der Mitte seines Volkes gegenwärtig wird, um es zu sammeln und zu stärken.  Hier wird Jesu Wort zeichenhaft und sichtbar in einen liturgischen Vollzug gestellt: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ (Joh 3,14-15)

Der ungläubige Thomas

In der lieblichen Donau-Landschaft stößt der Wanderer bei Bissingen auf den Stationenweg von Franz Hämmerle, der mehr Auferstehungs- weg als Kreuzweg ist. 11 Steinskulpturen laden den Betrachter zur Auseinandersetzung mit dem Geheimnis des christlichen Glaubens ein. Beginnend mit dem gebeugten Schmerzensmann führt der Leidens- weg zur Kelter, zur Begegnung mit Veronika und zu den weinenden Frauen, dem dreimaligen Fall und schließlich zum Lamm unterm Kreuz. Am eigenen Leib erfährt dann der Wanderer und Beter im Weitergehen, dass auf das Kreuz und den Tod Ostern folgt, die Begegnung in Emmaus, die Erfahrung des ungläubigen Thomas, der reiche Fischfang, ja die endzeitliche Völkerwallfahrt (Jes 59; 66) zum erhöhten Herrn begonnen hat.

Mitten in dieser Welt sind diese Skulpturen Zeugen einer anderen Welt. Sie sind Tor zur Welt des Glaubens, zur Begegnung mit Gott. In der Skulptur vom ungläubigen Thomas (Joh 20,24-29) kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck.

Hinter einem massiven Mahltisch mit Fischen ragen zwei „Felsen“ auf, zwei Welten symbolisierend. Davor zwei sich zugewandte Menschen. Der linke Mann ist mehr verborgen als sichtbar. Nur sein Gesicht und ein Arm sind deutlich zu erkennen. Es muss der Auferstandene sein, der Thomas wie den anderen Jüngern erscheint und den Gruß entbietet: „Friede sei mit euch!“.

Ihm gegenüber steht Thomas. Er steht mit dem ganzen Oberkörper frei vor dem Felsen und damit ganz in unserer Welt. Gebannt ist sein Gesicht Jesus zugewandt. Seine linke Hand liegt auf dem Mahltisch mit den Fischen, während die Rechte zum Gruß erhoben ist und tastend versucht, die Leere zwischen ihm und Jesus zu überwinden. Spiegelbildlich zur Hand Jesu verharrt sie, schweigend das Unglaubliche auslotend. Die Spannung zwischen beiden ist zu spüren, auch das staunende Erkennen, welches seinen Ausdruck in den Augen von Thomas findet: „Mein Herr und mein Gott!“ Im Glauben überwindet er alle abgründigen Hindernisse, legt er seine Hand in Jesu Seite und berührt er seine Wunden.

Symbolisch geschieht eine ähnliche Begegnung zwischen der linken Hand von Thomas und den Fischen. Auf die Fische hinweisend, deren griechisches Schriftbild ein verschlüsseltes Glaubensbekenntnis der frühen Christen war, scheint sie zu bekennen: „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter“ (Die Anfangsbuch- staben von Jesous – Christos – theou – hysios – soter ergeben zusammen das Wort ichtys = Fisch).

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Auferstehungskreuz

Luftig leicht schwebt dieses Kreuz im Raum. Die Auferstehung ist spürbar. Hier hing eben noch ein Mensch, nun ist er unseren Augen entschwunden, sein Gewand ist zurückgeblieben. Verwandlung ist geschehen. Es erinnert an den Gekreuzigten, doch ist er nicht mehr fassbar.

Eigentlich ist diese Skulptur weder ein Kreuz noch ein drapierter Stoff. Aber das helle Holz und die Form erinnern an das Kreuz, die drapierten Falten erinnern an einen gewebten Stoff, ein hingelegtes Gewand, seine Größe an einen Menschen. In dem Sinne ist das Auferstehungskreuz von Hermann Bigelmayr in vielerlei Hinsicht ein eindeutiges Erinnerungszeichen an das am Kreuz in Jerusalem Geschehene und darauf Erfolgte. Seine Skulptur ist ein einziger Verweis auf den Gottmenschen, der verletzlich und sterblich geworden unter uns geweilt hat, nun aber durch die Auferstehung in die uns nur durch seine Erzählungen bekannte Welt seines Vaters zurück gekehrt ist.

Hier ist nichts mehr von der Erdanziehungskraft, der Schwere des Todes zu spüren. Von des Vaters unsichtbarer Liebe gehalten, ist Christus durch den Tod hindurch gegangen und hat uns dadurch das Tor zum ewigen Leben geöffnet.

In diesem neuen Leben zählen nur noch innere Werte. Äußerlichkeiten wie das „irdische Gewand“, eine menschliche Gestalt mit ausgebreiteten Armen andeutende Stoffdrapierung, bleiben zurück, so sehr sie Sinnbild der Auferstehung, der Himmelfahrt sind. Den Christen in Kolossä, die durch die Taufe bereits an der Auferstehung Christi teilhaben, schreibt Paulus: „Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld.“ (3,12)

Im Auferstehungskreuz von Hermann Bigelmayr wird deutlich, dass sich das Wesentliche der Auferstehung unsichtbar im Verborgenen vollzieht. Der gefaltete Stoff verhüllt – und enthüllt gleichzeitig mit dem angehobenen Stoffzipfel das vom Geist Gottes durchwehte Leben nach der Auferstehung.

Dieses Kreuz weist über das am Kreuz Geschehene hinaus. Die Hoffnung unseres Glaubens wird spürbar, unser neues Leben, das von der Taufe weg sich in uns entfaltet (wie der Stoff) und erst nach der eigenen Auferstehung seine wahre Größe und Schönheit zeigen wird.

Paulus beschreibt dies wunderbar: „Ihr seid mit Christus auferweckt, darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ (Kol 3,1-4)

Kreuz zum Aschermittwoch

Noch ein Kreuz. Gleichschenklig, liegend, nicht stehend. Von seiner Form her erinnert es mehr an das Schweizer Kreuz als an das Kreuz Jesu Christi, durch den es seine heilsbringende Bedeutung erhalten hat. Auch das Material des Kreuzes ist besonders: Ein Stahlrahmen, gefüllt mit Erde. Trotzdem trägt es für mich eine christliche Botschaft, ist dieses Kreuz nicht leer, nicht seiner Botschaft beraubt durch seine vielleicht befremdenden Materialien oder einen fehlenden Corpus.

Der Stahlrahmen sagt mir, dass das Kreuz eine beständige und unveränderliche Botschaft zu verkünden hat. Dabei kommt es nicht so sehr auf die Form des Kreuzes an, als vielmehr auf seinen Inhalt. Die stets an den Tod Jesu erinnernde Kreuzesform hält diesen Inhalt zusammen und sorgt dafür, dass die Botschaft von seinem Sühnetod für unsere Sünden nicht vergessen wird.

Die Erde erinnert mich einerseits an die Vergänglichkeit von uns Menschen und wie dies von der Kirche am Aschermittwoch ausgedrückt wird durch das Zeichen des Aschekreuzes auf die Stirn oder die Haare der Gläubigen und die Worte „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub zurückkehren wirst“ (vgl. Gen 3,19). Dadurch steht für mich die Erde symbolisch für den Corpus Christi. Auch in dem Sinne, dass alle Gläubigen zusammen den auferstandenen Leib Christi bilden. Besteht nicht die Erde aus unzählbar vielen Staubkörnern?

Andererseits sehe ich in der Erde das Potential der Fruchtbarkeit. Noch scheint sie tot, ist sie leblos. Aber etwas Wasser wird genügen, verborgene Samen in ihr keimen zu lassen, zum Leben zu erwecken. In diesem Kreuz ist die Auferstehung durch die Bereitschaft und Offenheit der Erde gegenwärtig. Auf uns Menschen bezogen, kann ein Impuls von Außen oder durch den Heiligen Geist in uns verborgene Talente zum Leben erwecken und heilbringend fruchtbar machen.

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen

Achteck, Kreis, Quadrat.
Raumbildend durch Mauerreste und Stahlkörper. Spiegelbildlich einander gegenüber stehend, zusammen ein Ganzes bildend. Öffnungen frei lassend.

Eine Einladung, um sich auf das Kunstwerk einzulassen? Nicht nur intellektuell, sondern physisch, ganzheitlich, erfahrungsbezogen! Das Kunstwerk lädt mich ein, es durch mich zu erfahren.

Ich kann mich nur von außen nähern. Ich kann überschreiten oder durchschreiten. Beim Überschreiten der Elemente verwehrt sich das Kunstwerk mir und ich erfahre mich als Eindringling. Im Durchschreiten der schmalen Öffnungen fühle ich mich auf dem rechten Weg und gleich von der Mitte angezogen. Die Gassen bilden eine leere Kreuzform, die mich zur Mitte führt, wenn ich nicht in einen der beiden Umgänge einschwenke. Will ich der Mitte nicht fern bleiben, muss ich mich entscheiden, in einer der Gassen auf sie zu zugehen.

Und dann stehe ich in der Mitte, dem durch die drei geometrischen Grundformen archaisch geheiligten leeren Raum. Achteck, Kreis und Quadrat nun nicht mehr vor mir, sondern um mich herum. Ich spüre, wie dicht diese leere Mitte schon erfüllt war. Da war nicht „nichts“, sondern erfüllte Gegenwart des Unsichtbaren.

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen! Denn da ist Einer, der unsichtbar alles am Leben erhält und dadurch in der Mitte von allem Geschaffenen steht und es zusammenhält. Das Quadrat in der Mitte kann symbolisch für die Welt stehen, der Kreis für die sie umgebende und beschützende göttliche Gegenwart, das Achteck für die Taufe, die von der Kirche veranlasste Rück- und Verbindung der sichtbaren mit der unsichtbaren Welt Gottes.

Quadrat, Kreis und Achteck können auch für verschiedene „Lebenswelten“, verschiedene Verhalten von uns Menschen stehen. Für das Eckige oder Runde in uns, das Abweisende oder Zulassende. Die Materialien der Installation sprechen Gegensätzlichkeiten an, die ich beide in mir wiederfinde. Die Tonsteine lassen die warme, lebendige Seite in mir anklingen, aber auch die Bruchstücke meines Lebens, die durch alle Lebenslagen hindurch trotz ihrer Zerbrechlichkeit eine schöne Gestalt ergeben. Der kühle, glatte und fast schwarze Stahl erinnert mich an die Lebensseiten (-zeiten), in denen die Leidenschaft erkaltet ist, in denen vielleicht durch Enttäuschungen, Angst oder Verletzungen Verhärtungen entstanden sind. Während ich Wesenszüge unter der „kalten Schulter“ verstecke, können andere sich an den harten Kanten verletzen. Meine Stahlseiten sind wohl belastbarer und dauerhafter als die offenherzige Seite, aber sie lassen auch weniger Leben – Einblicke und Austausch – zu.
Die Rauminstallation von Frau Dietz beginnt in seiner ganzen Einfachheit viele Fragen zu stellen. Einige seien nur angedeutet: Wie komme ich mit den so verschiedenen Seiten in mir klar? Kann ich Zu- und Ausgänge in mir zulassen, Freiräume respektieren, damit ER Platz hat? Es ergeht mir plötzlich wie in einem Labyrinth. Im Eingehen “auf“ das Kunstwerk bin ich in mich selbst gegangen – und habe vieles über mich erfahren.

Offen-Zu

Ein Stahlschrank mit aufgestapelten Lehmsteinen drin. Die Abdeckung ist abgenommen, angelehnt übers Eck zur Seite gestellt. Dadurch ist der Behälter offen, aber auch halb zu. Sowohl als auch – offen-zu. Offen: Einblick gewährend ins Innere. Zu: Abweisend sagend „noch nicht“. Doch Einladung: Offen – zu schauen, hineinzuschauen in das sonst Verborgene unter dem Undurchdringlichen.

Hinter dem kalten schwarzen Stahl kommen warme braune Erdschollen zum Vorschein. Die Künstlerin hat sie für würdig befunden, aufgehoben, aufbewahrt und aufgestapelt zu werden. Dicht gedrängt neben- und übereinander.

Von der Sonne getrockneter und gebrochener Lehm. Bruchstücke! Jedes anders – individuell, doch alle griffig, porös, von der Luft durchdrungen und umgeben. Leben atmet in ihnen. Sie sind bereit, es in sich aufzunehmen. Offen-zu, offen-zu, offen-zu … Spricht aus dem Stahlbehälter das Abweisende, die Lehmschollen sind Zeichen für das Empfangende, irdische Empfänglichkeit für Samen, Wasser und Tiere.

Manchmal geht es mir ähnlich: Unter einer glänzend schönen Panzerhaut verstecke ich meine Lebens-Bruchstücke. In Reih und Glied stehen sie in meiner Leibesgeschichte. Erinnerungen an fast unzählige Situationen, Begebenheiten, in denen ich in meiner Menschlichkeit, „Erdlichkeit“ vor Freude zersprungen, vor Spannung gesprungen, oder unter dem Schmerz innerlich zerbrochen bin. Aber all die Bruchstücke machen die Fülle meines Lebens aus. Ohne sie wäre ich genauso leer wie ein Schrank. Sie bilden ein kostbares Inneres, bereit und offen für neue Lebens-Erfahrungen.

Ein Kreuz? – im Nichts?

Mitten auf dem neuen Friedhof Riem bei München steht dieses ungewöhnliche Kreuz. Manch einer mag sich fragen, wieso diese Plastik ein Kreuz sein soll. Denn rein äußerlich deutet nichts auf ein Kreuz hin.

Da sind vier dicke Eichenbalken, ohne Sockel aus der Erde aufsteigend, in ihrer Mitte ein begehbares Kreuz bildend. Aber das kann es nicht schon sein. In luftiger Höhe stemmen die Holzbalken eine Steinplatte in den Himmel. Durchblicke auf Dahinterliegendes oder den Himmel freilassend.

Das Kreuz will gesucht werden in dieser Skulptur. Annäherungen wollen gemacht werden. Die Eichenbalken erinnern mich an das Holz des Kreuzes. Ihre Ausmaße verbinde ich mit der Bedeutungsstärke und –kraft dessen, was am Kreuz geschehen ist.

Wer den Mut hat, sich zwischen die Holzpfosten zu stellen, entdeckt, dass aus dieser Perspektive die Steinplatte die Form eines Kreuzes annimmt, von der wie Strahlen alternierend die Holzbalken oder der Himmel ausgehen. Der Betrachter steht somit wörtlich unter dem Kreuz und es wird ihm durch die Steinplatte sinnlich das Gewicht, die Bedeutung oder der Wert des Kreuzes Christi für seinen Glauben bewusst.

Die Steinpatte weckt in mir noch andere Assoziationen. Sie könnte von ihren Ausmaßen her auch eine Grabplatte sein, wie sie rings um diese Kreuzskulptur aufgestellt sind. Die Eichenpfosten strecken in dem Sinne symbolisch fürbittend die auf den Grabsteinen verzeichneten Namen der Verstorbenen zum Himmel empor – Gott entgegen.

Von der Bildgeschichte des Kreuzes her gesehen ist diese Skulptur kein Kreuz. Aber sie ist Verbindung zwischen Erde und Himmel, durch die Materialien Stein und Holz in der Tradition stehend. Neu angeordnet, bringen sie die überlieferte Botschaft des Kreuzes auf herausfordernde Weise neu und kraftvoll zur Sprache. Es kann nicht wie viele andere Kreuze durch die Gewohnheit übersehen werden, sondern regt zur Auseinandersetzung und Stellungnahme an.

Wieso heißt das Kreuz aber „Kreuz im Nichts“? Es steht doch im Friedhof, auf der Erde. Möchte der Künstler damit vielleicht die Angst vieler Menschen ansprechen, dass wir mit dem Tod in den Abgrund des Nichts fallen? Möchte er damit vielleicht sagen, dass gerade in diesem Nichts des Todes das Kreuz Jesu aufgerichtet ist – wie ein Rettungsanker – und vom Leben erzählt, der dem Tod folgenden Auferstehung? Dass Gott die Seinen nicht fallen lässt? Ich spüre, wie dieses Kreuz von Gottes Macht und Schutz erzählt, den er allen gewährt, die sich zu ihm flüchten (vgl. Ps 71). Die vier Kreuzesarme scheinen sich tröstend über den Trauernden zu neigen, Geborgenheit in der Einsamkeit des Verlustes gewährend. Wer will, kann sich unter die dicke Steinplatte stellen oder an die mächtigen Eichenstämme anlehnen und etwas davon spüren.