Schiffbruch der Barmherzigkeit

Ein halbes Ruderboot liegt auf vier Rundhölzern, als ob es gerade auf ihnen nach einem Schiffbruch an Land gezogen worden wäre. Es sind keine Menschen zu sehen, nur wenige Objekte, die ihre frühere Anwesenheit bezeugen. Wer um das Boot herumgehen kann, findet eine Schwimmweste, eine schwarze Puppe, einen Teddybär, einen Geldschein und eine Muschel, die wie ein Aschenbecher auf dem Bootsrand liegt. Alle erzählen nachvollziehbar von Menschen, die eine Zeit auf diesem Boot verbracht haben, von Erwachsenen und Kindern, die mit wenigen Habseligkeiten die Überfahrt in ein Land der Verheißung gewagt hatten, um sich vor Not und Verfolgung in Sicherheit zu bringen.

Doch das Boot ist leer. Es hinterlässt nur Fragen zu seinen Passagieren: Wo sind sie nun? Wer und wie viele waren es? Woher kamen sie? Konnten sie sich retten nach dem Schiffbruch? Oder sind sie ertrunken? Übrig geblieben ist nur ein Steinkreuz mit dem Gekreuzigten. Mitten im Boot mutet es befremdend an. War es vor dem Unglück schon da oder erst danach? Wie ein abgebrochener Segelmast ragt das Kreuz in die Höhe. Ein erbärmlicher Anblick. Jesus ist hier so fremd wie die Fremden. So ist er, der Gekreuzigte, mit den Gescheiterten solidarisch .

Die fehlenden Extremitäten von Jesus sind durch Metallstücke ersetzt, was ihm noch stärker eine geschundene und bedürftige Gestalt gibt. Der linke Unterschenkel ist mit einem Winkeleisen angedeutet, der linke Arm bildet eine Stange, die mit einer Kette ans Kreuz gekettet ist, sein rechter Arm wird aus einem Stahlträger geformt. Auch das Kreuz hat verschiedene „Ecken ab“. Zudem steht auf dem Schriftband über Jesus nicht I.N.R.I., sondern „STATUS QUO“ (= bestehender aktueller Zustand). Wie um klar zu stellen, dass es nun so ist, obwohl die Flüchtlinge alles daran gesetzt haben, um der Bedrohung und Verfolgung zu entkommen und in ein Land mit besseren Lebensmöglichkeiten zu gelangen..

Die Flüchtlinge haben milde Umstände erwartet, damit ihnen die Flucht gelingt: ein ruhiges Meer, Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Sie haben auf Barmherzigkeit gehofft. Sie haben gehofft, dass die Barmherzigkeit sie wie das Boot auf dem Wasser trage und sicher ans Ziel bringe. Vielleicht steht deshalb „BARMHERZIG“ in roter Schrift auf dem blauen Bootsrand und in ägyptischer Schrift als Name des Bootes am Rumpf.

Damit wird angedeutet, dass es weniger um die Barmherzigkeit an sich geht als vielmehr um eine barmherzige Haltung und ein entsprechendes Handeln daraus. Die Motivation dafür resultiert für den gläubigen Menschen aus der biblischen Vermittlung und Selbsterfahrung, dass Gott ein barmherzig Handelnder ist, in der Gegenwart genauso wie in der Vergangenheit (vgl. Ex 34,6 par). Wir leben durch die Liebe und Barmherzigkeit Gottes und in ihnen. Sie sind die Grundlage unseres und eines jeden Lebens. In der Haltung und in den Situationen, in denen wir uns selbst für das Leben des Nächsten einsetzen, treten wir in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ein, handeln wir wie ER und mit IHM zu seiner Verherrlichung. Wo oder wann das nicht geschieht, erleidet seine und unsere Barmherzigkeit „Schiffbruch“. Durch das Kunstwerk wird deutlich, dass bei unbarmherzigem Handeln etwas ganz Wesentliches und Tragendes zwischen den Menschen zu Bruch geht, das man mit Vertrauen und Solidarität beschreiben könnte. Es ruft mahnend in Erinnerung, dass dabei nicht nur der Notleidende unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss, sondern auch der Wohlhabende an Menschlichkeit verliert.

Die Installation war im Rahmen des Projektes “Da-Sein in Kunst und Kirche” in der Kirche St. Franziskus in Regensburg-Burgweinting zu sehen.

Geht hinaus zu den Menschen

Auf einem kleinen Tisch mit kurzen Beinen steht auf einer roten Samtdecke ein weißes Miniaturmodell des Petersdoms. Wie zwei Hände umfangen die Kolonnaden ein Vogelnest. In seinem Inneren befinden sich weiße Mullbinden, die so gewickelt sind, dass sie an weiße Rosen erinnern. Am Tisch befestigte Metallstangen mit Handgriffen an beiden Enden ermöglichen das Tragen des Tisches durch zwei Personen.

Neben dem transportablen Modell des Petersdoms bildet das proportional zum Architekturmodell übergroße Vogelnest den dominierenden Blickfang. Braun und etwas zerzaust erhebt es sich über die so mächtig anmutenden Kolonnaden. Es bildet in seiner runden Schalenform ein Pendant zur nach oben gewölbten Kuppel als Symbol kirchlicher Macht. Im Vergleich mit dem weißen Petersdom als Symbol für die reine und wahre Kirche, der wie eine außerirdische Erscheinung auf dem mit einer Goldbrokat umsäumten Samt ruht, mutet das Vogelnest arm und schmutzig an.

Doch es befindet sich in den Vorhallen der Kirche, gleichsam als Symbol für alle Armen, Obdachlosen, Hungrigen und Verletzten, die vor der Kirche stehend diese um Erbarmen und Hilfe bitten. Dabei geht es nicht nur um die amtlichen Kirchenvertreter, sondern um alle Gläubigen. Das Vogelnest mit den Mullbinden stellt die Einladung dar, unsere „Throne“ und „Paläste“ zu verlassen und mit den Werkzeugen der Barmherzigkeit zu den Armen in unseren „Welten“ zu gehen und ihre Wunden zu verbinden. Wir sollen die „Kirche“ mit unserem Zu-ihnen-Gehen mittragen und ihr durch unser Kommen und Handeln das Gesicht Jesu Christi wiedergeben. Papst Franziskus hat dies mit der Metapher der „Kirche als Feldlazarett“ auf den Punkt gebracht. Die Kirche muss dort hingehen, wo die Menschen “leben, wo sie leiden, wo sie hoffen”, sagt er. Die Aufgabe der Kirche sei nicht, zu verurteilen, sondern Barmherzigkeit zu üben.

Der Titel der Arbeit – Wandelaltar – spannt damit den Bogen zuerst zum gotischen Retabel, das seinen Platz auf dem Altar hat und durch Umklappen der verschiedenen Tafeln Bilder nach Vorgaben des Kirchenjahres zeigt. Der Wandelaltar war aber auch der Ort der Wandlung par excellence, weil sich auf der Altarmensa in der Heiligen Messe die Wandlung der Hostie in den Leib Christi vollzog. In der heiligen Kommunion an die Gläubigen gereicht wandelte Gott ihre Schwächen in Stärken, die befähigten, zu den Bedürftigen gehen zu können. Hier knüpft das Kunstwerk an. Wie die alttestamentarische Bundeslade mit dem Volk wandelte und umherzog, so tragen die Gläubigen Gott in sich und bringen ihn in die Welt. Darüber hinaus bringt die Arbeit die Sehnsucht vieler Menschen zum Ausdruck, dass sich das (Selbst-)bild der Kirche wandeln soll. Statt durch Machtsymbole soll die Kirche durch heilende Tätigkeit in der realen Welt in Erscheinung treten und sich somit dem von Papst Franziskus geprägten Begriff der „Kirche als Feldlazarett“ angleichen.

Gegen Gewalt – Barmherzigkeit

Die abstrakte Komposition ist nicht einfach zu beschreiben und verlangt eine herantastende Bestandsaufnahme. Deutlich sind drei schwarze, miteinander verbundene Kreisformen zu erkennen. Darüber rote und blaue Farbspuren. Im Vergleich zu den breiten schwarzen Pinselstrichen, welche so etwas wie eine Grundform bilden, wecken sie den Eindruck von Leichtigkeit, von spontan hingespritzter Farbe. Die roten Spritzer umrunden den oberen Kreis wie ein blutiger Dornenkranz, der nach unten strahlenförmig ausläuft. Die blauen Farbspuren überziehen das Bild in alle Richtungen, setzen einen Akzent, bleiben aber unaufdringlich im Hintergrund.

Diese erste Differenzierung bildet die Grundlage für die Interpretation der Bildaussage. Außer der Andeutung an eine Dornenkrone hat sich noch nichts Konkretes ergeben. Aber ob es das braucht? Bilder können doch auch einfach schön sein, Bewunderung hervorrufen oder Freude machen. Doch diese Gefühle sind in der vorliegenden Arbeit nicht wirklich anzutreffen. Hier müssten wir vielmehr von Schmerz sprechen, von einer dynamischen Aktion, einer Bewegung, die vom oberen Kreis ausgeht. Dieses Bild hat nichts Statisches an sich. Es ist voller Leben. Durch die verschiedenen Farben und Linien ereignet sich etwas, scheint sich etwas nach unten hin aufzumachen, in einer sich öffnenden Bewegung freizugeben.

Assoziativ lässt sich in den schwarzen Linien zudem eine vereinfachte Menschengestalt erkennen. Oben der Kopf, die beiden waagrechten Balken links und rechts können als Zeichen für die Arme stehen, die fast senkrechten Striche für den Oberkörper und die Beine, die unteren Kreisformen als Füße. Wenn ein Wesen so zeichenhaft dargestellt wird, möchte der Künstler meistens eine Haltung oder eine Eigenschaft des Dargestellten zum Ausdruck bringen. Insofern ist das Symbol auf seine Charakteristika zu befragen. Was ist anders dargestellt als sonst? Wie wirkt es auf uns? So erscheint dieser angedeutete Mensch von innen her offen, mit den erhobenen Armen freudig vital und bereit zu handeln. Mit den breit abgestützten Beinen bezeugt er zudem Standfestigkeit, aber auch ein mit großen Schritten Auf-dem-Weg-Sein.

Alles scheint vom wohlgeformten Kreis auszugehen. Die schwarze Farbe ist schön gleichmäßig verteilt und bildet eine feste, fast perfekte Form. Ein Zeichen für den Kopf, der mit seinen Gedanken alles steuert? Oder auf Grund der runden, anfang- und endlosen Form auch Zeichen für den unendlichen Gott, der in seinem Innersten Licht ist? Wie eine hoffnungsspendende Sonne leuchtet die helle Scheibe inmitten des Dornenkranzes. Soll sie Hoffnung für alle im Leid und in der Bedrängnis sein, Halt für die wie Jesus ungerecht Behandelten?

Thomas Werk hat seiner Arbeit den Namen „Barmherzigkeit“ gegeben und nicht „Der Barmherzige“. So muss es bei der Bildaussage um das Wesen der Barmherzigkeit gehen: wie es das Wort sagt, um das Erbarmen des Herzens. Dieses aus dem Innersten hervortretende Gefühl hat seinen semantischen Ursprung im Mutterschoß bzw. den Eingeweiden (hebr. răhāmīm). Barmherzigkeit ist demnach keine Sache des Verstandes, sondern des Bauches oder des Herzens. Wie im Bild dargestellt öffnet sich ein barmherziger Mensch von seiner gefühlten Mitte her. Ein Öffnen, das sich in sofortigem Tun äußert: in Form von Mitleid, Anteilnahme, Menschlichkeit und Güte, insbesondere in einer tragischen Situation, im Vergeben von Beleidigungen, im Gewähren von Gnade vor Recht.

Für den Gläubigen ist vor allem Gott barmherzig. So heißt es im Psalm 103,8: „Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte“ und Jesus schließt in der Bergpredigt seine Rede über die Vergeltung und die Liebe zu den Feinden mit den Worten: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk 6,36). Wir würden nun vielleicht sagen, Barmherzigkeit bedeute, sich dem Notleidenden zuwenden, dem Unterdrückten und ungerecht Behandelten beizustehen. Jesus fordert aber mehr, wenn er darauf hinweist, dass Gott „auch gütig gegen die Undankbaren und Bösen ist“ (6,35c). Gerade im Umgang mit unmoralischem Tun und Ungerechtigkeit, die wir religiös gesprochen als Sünden bezeichnen, stellt er wie bei seiner Zuwendung zum Zöllner Matthäus klar: „Darum lernt, was es heißt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu berufen, nicht die Gerechten“ (Mt 9,13).

All das kann auch aus den Linien und Farben, der Pinselführung und Anordnung der Formen herausgelesen werden. Dabei erzählt die Bildzeichnung mehrschichtig, so dass ein und dasselbe Gestaltungselement unterschiedlich gedeutet werden kann. Das barmherzige Handeln des Menschen soll nach dem Vorbild Gottes geschehen, soll also seinen Ursprung in Gott haben. Für diesen Gott haben wir den schönen runden Kreis als Symbol gedeutet. Von ihm gehen die beiden Linien aus, bei denen zu spüren ist, wie sie mit einem Pinselstrich gezogen wurden. Am Anfang war noch viel Farbe in den Pinselhaaren, doch dann verliert sie sich, reicht aber, um mit gleichsam geschwächten Konditionen die Vollkommenheit seines Ausgangspunktes zu erreichen. Menschlichkeit wird da im künstlerischen Vollzug spürbar. So sehr der Mensch sich auch nach seinem göttlichen Vorbild ausrichtet, er wird nie so vollkommen sein wie Gott. Er wird immer schwächer dastehen, behaftet mit Fehlern. Das soll ihn aber nicht entmutigen, sondern ihm Ansporn sein, gerade deswegen sein Ziel hoch zu setzen, um in seinem Tun das Bestmöglichste zu erreichen.

Im Bild kommt auch zum Ausdruck, dass Barmherzigkeit gerade dort notwendig und Not wendend ist, wo Gewalt angewendet wird. Thomas Werk deutet dies in seiner Arbeit mit dem roten „Dornenkranz“ an. Die vom für Gott stehenden Kreis ausgehende (Pinsel-)Bewegung durchbricht den blutigen Kreislauf der Gewalt und bildet außerhalb neue, gewalt- und konfliktfreie Lebenszentren. Gerade dort, wo andere Leben in Brüche gegangen sind oder zu schwach sind, um selbst wieder auf die Beine zu kommen (vgl. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Lk 10,25-37). Barmherzigkeit eröffnet neue Perspektiven und damit einen Weg in die Zukunft.

Barmherziges Denken und Handeln muss im Leben immer wieder neu ansetzen, wie es der Künstler in den vier flüchtigen Spuren zwischen den beiden Hauptbewegungen angedeutet haben mag als Versuche, Zeichen der Barmherzigkeit zu setzen, die das Leben verändern, aus der Lebensmitte, dem Herzen wie aus Gott heraus. Die Tradition überliefert die sieben Werke der Barmherzigkeit – die Hungrigen speisen, den Durstigen zu trinken geben, die Nackten bekleiden, die Fremden aufnehmen, die Kranken und Gefangenen besuchen sowie die Toten gegraben Aber sind diese Werke heute noch aktuell? Es gibt Mittagstafeln und Suppenküchen, welche Speisen und Getränke verteilen. Die Toten werden von Bestattungsinstituten begraben, es gibt professionelle Gefängnis- und Krankenseelsorger/Innen. Außerdem gibt es für Asylsuchende, Obdachlose und Ausgegrenzte jede Menge Häuser und Heime, welche sie unentgeltlich aufnehmen. Aber obwohl viele Werke der Barmherzigkeit institutionalisiert worden und von Sozialgesetzen geregelt sind, bleibt weiterhin viel spontan und individuell Barmherziges zu tun.

Bischof Joachim Wanke ließ vor einigen Jahren Befragungen nach zeitgemäßen Werken der Barmherzigkeit durchführen und sie formulieren, weil er der Überzeugung ist, dass unser Land nicht nur Gerechtigkeit braucht. An den Beginn des Elisabeth-Jahres 2007 stellte er einige von ihnen, die zu praktischem Tun anregen, u.a. „Du gehörst dazu …“, „… ich rede gut über dich“, „ich gehe ein Stück mit dir …“, „ich teile mit dir …“, „ich besuche dich …“ und „ich bete für dich“.

Im Vergleich zu den traditionellen Werken der Barmherzigkeit sind dies geradezu einfache Dinge. Sie kosten nichts und sind nicht aufwendig. Aber sie sind in einer Gesellschaft mit zunehmendem Individualismus, in der viele Menschen vereinsamen, oft wirksamer als eine nur finanzielle Hilfe. Diese Werke lassen sich nirgends beantragen, sie kommen nicht vom Sozialamt, es gibt auch keinen Rechtsanspruch auf sie. Sie kommen aus Herzen, die sich öffnen, die teil-nehmen an der fremden Not.

Barmherzig zu sein ist nicht selbstverständlich. Aber Barmherzigkeit kann geübt werden, in dem ich mich ganz bewusst als Mensch in Situationen hineinbegebe, die meiner Anteilnahme bedürfen. Indem ich mich zum Mitmenschen aufmache und ihm durch meine Nähe und Hilfe zum Mitmenschen werde. Die Dynamik von Thomas Werks Arbeit lässt mich aufbrechen, sie fordert auf, “den Weg unter die Füße nehmen”. Dabei begleiten und motivieren Melodie und Text aus einem bekannten Adventslied: „Mache dich auf und werde Licht, …“ … denn Gott kommt unaufhörlich in unsere Welt, in mein Leben.

Ein hoffnungsloser Fall?

Ein Mann ist auf die schiefe Bahn geraten. Mit seinem ganzen Körper und Gewicht stemmt er sich gegen eine große Kugel. Während seine Füße, das eine Knie und eine Faust auf dem Boden Halt suchen, drücken die linke Schulter und die rechte Hand gegen das rollende Gewicht. Drahtiger und doch zerklüfteter, muskulöser und doch zerbrechlicher Widerstand. Wie lange er die Kugel wohl zu halten vermag?

Aber es ist nicht seine Aufgabe, sie nur am Weiterrollen zu hindern, also zu halten, sondern sie zurückzurollen, den Berg hinauf zu befördern. Die Aufgabe braucht Kraft und Geschick, Geduld und Ausdauer. Umso mehr, wenn der „Felsblock“ kurz vor dem Ziel immer wieder auskommt und den Berg hinunterrollt, so dass von vorne begonnen werden muss. Dem verschlagenen Sisyphos, der die Götter Zeus und Thanatos verraten, überlistet und betrogen hatte, wurde diese endlose Arbeit von Thanatos, dem Gott des Todes in der griechischen Mythologie, als Strafe für seine Taten zugeteilt.

Eine andauernde, äußerst anstrengende und oft auch vergebliche Aufgabe, die nie wirklich abgeschlossen werden kann, nennt man deshalb eine „Sisyphosarbeit“. Im „skulpturalen Filmstill“ scheint Sisyphos zudem nie eine Pause nehmen zu können, weil alles von ihm abhängt. Wenn er losließe, würde die Kugel zurückrollen, wenn er aufgäbe, wer würde dann der Kugel Widerstand geben und sie auf ihren Platz rollen?

Die Skulptur schneidet viele Fragen an. Ist eine Aufgabe oder Arbeit wirklich so wichtig, dass ich derart Zeit und Energie in sie investiere? Wenn ja, wäre es dann nicht vorteilhaft, die Aufgabe – gerade wenn sie groß und schwer ist – nicht allein, sondern mit anderen zusammen anzugehen und damit wahrscheinlich sogar ein schnelleres und besseres Resultat zu erreichen?

Weiter bietet die Skulptur Gelegenheit über Schuld und Sühne, über Strafe und Vergebung nachzudenken. Sisyphos wurde für seine Vergehen mit dem immer wieder neuen Hinaufrollen des Felsblockes bestraft. Sein Leben und sein Schicksal wurden damit an diesen großen Stein gebunden, Symbol für die Schwere seiner Untaten und Verletzungen, die er anderen zugefügt hat. Ihre Folgen hat er nicht im Griff, sie lasten schwer und entkommen ihm immer wieder.

Die ihm auferlegte Strafe kennt keine Vergebung der Schuld. Die Götter kennen kein Erbarmen. Sisyphos schiebt den Stein vergeblich nach oben. Seine Lage ist hoffnungslos, weil ihm die Götter den Stein nie abnehmen, sondern immer wieder entgleiten und hinunterrollen lassen, so dass Sisyphos in der Strafe gefangen bleibt. Jede Veränderung zum Guten wird ihm dadurch verunmöglicht.

Die ausweglose Situation des Sisyphos lässt unwillkürlich nach seinem Gegenbild fragen… und jenem der Götter. Es ist ein durch und durch aufrechter Mensch, der sich durch seine Rechtschaffenheit keine Schuld auflastet und in keine falschen Abhängigkeiten gerät. Er achtet Gott und die Menschen und bleibt gerade in dieser Verbundenheit in seinem Denken, Reden und Handeln ein freier Mensch. Gegenüber den griechischen Göttern offenbart sich der christliche Gott als guter Gott. Er ist ein Gott der Liebe und des Erbarmens, der allen, die zu ihm kommen, großzügig Vergebung schenkt. Das macht Mut und gibt Hoffnung, dass Veränderung und damit Besserung möglich ist, dass eine Strafe bei Einsicht und Reue nicht ewig dauern muss. Denn bei Gott ist niemand und keine Situation ein hoffnungsloser Fall.

Vergebung ist überflüssig

Die vielen roten Striche stechen ins Auge. Hier ist etwas aufgeschrieben und festgehalten worden. Hier wird ein Geschehen so genau gezählt, dass die Anzahl durch die Häufigkeit schon ins Unzählbare übergegangen ist. Was hier auch gezählt wird, es geht definitiv um eine große Menge.

Darüber ist in der gleichen Farbe „Vergebung ist überflüssig“ geschrieben. Wie eine Überschrift stehen die drei Worte über der steinzeitlichen Strichsammlung. Im Vergleich zur Schrift muten sie an wie ein uralter, immer gleicher Text. Es scheint immer nur um das Eine zu gehen: die Vergebung.

Der Titel irritiert in seiner Mehrdeutigkeit. Denn „überflüssig“ lässt sich zum einen mit „unnötig“, „nutzlos“ oder „wirkungslos“ übersetzen. Doch das kann es nicht sein. Vergebung ist gerade dort nötig, wo jemand nach schuldhaftem Handeln Reue zeigt und mit dem Geschädigten wieder ins Reine kommen will. Wem eine Schuld vergeben wird, der wird entlastet, dem wird verziehen, der wird entschuldigt. Vergebung kann in diesem Sinne nicht überflüssig sein.

Zum anderen kann „überflüssig“ von seiner Wortherkunft her als etwas Überfließendes gelesen werden. Aber die Vergebung ist keine Flüssigkeit, die ab einem bestimmten Maß wie bei einem vollen Fass Wasser überfließen würde. Und doch muss es etwas damit zu tun haben, denn einen weiteren Wortsinn für „überflüssig“ gibt es nicht.

Vergebung ist ein Zeichen, eine Zusage, die jemandem gegeben wird, der einen Fehler gemacht hat, der eine Person oder deren Eigentum verbal oder materiell verletzt und noch gravierender beeinträchtigt hat. Wer vergibt, rechnet dem anderen das Vergehen nicht an, sondern verzeiht ihm. Vergebung hat mit Nachsicht zu tun, mit der Absicht, dem Anderen das Vergehen nicht nachzutragen, sondern ihm die Chance für einen Neubeginn zu geben. Vergebung setzt ein großes Herz voraus, den Mut, anders zu handeln als „Aug um Aug“. Vergebung braucht ein großzügiges, überfließendes Herz, das aus der Fülle der Liebe auf den Anderen zuzugehen vermag und durch dieses Übermaß an Liebe die Schuld quasi auszugleichen vermag, so dass sich beide wieder in die Augen schauen können.

Vergebung gründet in einer überfließenden Großzügigkeit. Nicht nur in der einzelnen Handlung. Auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder vergeben muss, der sich ihm gegenüber schuldig gemacht hat und ob siebenmal reichen würde, antwortete Jesus: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (vgl. Mt 18,21-22) Jesus wünscht sich kein berechnendes Vergeben, sondern eine großzügige Haltung gegenüber demjenigen, der immer wieder fehlt und fällt. Im Lukasevangelium (6,36) mahnt er seine Jünger: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“

Schrift und Striche sind auf einem weißen Hintergrund aufgetragen, der als Ausschnitt von etwas Größerem gesehen an ein helles Kreuz in dunkler Nacht denken lässt. Durch Jesu Tod, aber auch durch sein letztes Gebet (Lk 23,34) steht gerade das Kreuz im Zeichen der Vergebung. Auch der farbliche Gegensatz von Schwarz und Weiß lassen Schuld und Vergebung anklingen. Dass in der schwarzen Fläche auch weiß und rot eingezeichnet ist, mag den Grund darin haben, dass in jeder Schuld das Potential der Vergebung steckt, dass durch Vergebung in jede Dunkelheit Licht gebracht werden kann.

Letztlich geht es darum, Vergebung zu praktizieren, sie wie eine Flüssigkeit auszugießen. Daran mag vielleicht das einfache Gefäß links oben erinnern. Von der Form her ist es einer Gusspfanne in der Stahlindustrie angelehnt, mit der das heiße und flüssige Eisen in die Formen gegossen wird. Obwohl es ganz mit der Farbe des Lebens und der Liebe gefüllt und auch leicht geneigt ist, ergießt sich nichts aus ihr. Es ist, als wolle der Künstler zum Betrachter sagen: In Dir steckt das Potential der Vergebung. An Dir liegt es, dass Vergebung von Dir auf den Bedürftigen überfließt.

Von diesem Bild ist eine Kunstkarte zum Preis von 1 Euro + Porto erhältlich, die beim Künstler bestellt werden kann: Mailadresse

Heute keine Kreuzigung

Minimal ist der künstlerische Eingriff im Chor der barocken Ruhe-Christi-Kirche in Rottweil. Und doch lässt die gelbe Tafel keinen Kirchenbesucher unberührt. „Heute keine Kreuzigung, Pilatus“ leuchtet befremdlich aus dem dunklen Hintergrund heraus (Gesamtansicht). Wie eine Bekanntmachung ist das Schild aufgestellt, so wie man Schilder zur Orientierung in Häusern mit ständig wechselnden Anlässen aufstellt oder an Orten, an denen sich immer wieder etwas verändert.

Dieses Schild richtet sich eindeutig an ein neugieriges, schaulustiges Publikum. Doch ob die Kirchen- oder Kunstbesucher mit der Absicht in die Wallfahrtskirche eingetreten sind, life eine Kreuzigung mitzuerleben? Das Hochaltarbild mit der Kreuzigung Jesu deutet wohl an, dass früher mal eine Kreuzigung stattgefunden hat, aber nicht, dass diese Praxis an diesem Ort praktiziert wurde oder wird.

„Heute“ jedenfalls findet „keine Kreuzigung“ statt. Verantwortlich für diese Bekanntmachung zeichnet ein gewisser „Pilatus“. Der Präfekt der römischen Provinz Judäa wollte dem biblischen Texten nach Jesus zunächst nicht kreuzigen lassen. Diesbezüglich könnte man seine ursprüngliche Entscheidung durchaus in dieser Kurzform dem „Volk“ bekannt machen. Allerdings liegt ein Zeitensprung von etwa 2000 Jahren zwischen damals und heute. Das Volk ist in der Zwischenzeit ein ganz anderes, auch wenn Schaulust und Sensationsgier geblieben sind.

Damals forderte das Volk gegen den Entscheid des Pilatus ein Todesopfer. Dieser beugte sich dem Volkswillen, „wusch seine Hände in Unschuld“ (Mt 27,24) und gab Jesus zur Geißelung und Kreuzigung frei. Daran erinnert an der Chorschranke eine Grafik (Pilatus, 2002, Bleistift/Schellack/Papier, 100 x 70 cm, Ansicht), auf der aus einem Krug eine gelbe Flüssigkeit in eine schwarze Schale gegossen wird. Obwohl weder Hände noch Person zu sehen sind, der diese Handwaschung gelten soll, verbinden wir sie mit Pilatus.

Doch die Kundgebung des Pilatus erinnert nicht nur an das Geschehen damals, als Pilatus sich gegenüber dem Volk zu schwach zeigte, um für Jesus ein rettender Fels in der Brandung sein zu können. Das Schild ist auch Aufforderung an uns. WIR sollen niemand kreuzigen. Denn WIR stehen im Heute und haben die Macht, uns für oder gegen Menschen einzusetzen. An uns ist es, Gerechtigkeit zu unterstützen, an uns, Barmherzigkeit walten zu lassen oder bedrohtes Leben zu schützen. „Heute keine Kreuzigung“ ist keine Eintagsfliege. Gerade durch das „Heute“ erhält die Kundgebung jeden Tag aufs neue Brisanz.

Und „Heute keine Kreuzigung“ ist prägnant genug, um sich die Worte wie einen Leitsatz einzuprägen. Auch wenn bei uns niemand mehr wie zur Zeit Jesu gekreuzigt wird, so be-gut-achten wir doch die meisten Menschen um uns herum, beurteilen sie nach unseren Kriterien, fällen oft Urteile über sie und verurteilen sie auf die eine oder andere Weise. Diesbezüglich ist „Heute keine Kreuzigung“ eine klare Aufforderung: Es geht auch anders! Jeder Tag und jeder Mensch bietet dazu Gelegenheit.

Diese Installation von Nikolaus Mohr wurde 2011 im Rahmen der Ausstellung malhalten – Gegenwartskunst in einundzwanzig Kirchen in der Wallfahrtskirche Ruhe-Christi in Rottweil gezeigt.

Der barmherzige Samariter

Ohne Hilfestellung kämen wir wahrscheinlich nicht auf den Gedanken, in dieser linearen Gestalt den barmherzigen Samariter zu sehen. Denn die Umrisse lassen neben einem Fuß oder einem Kopf auch andere Assoziationen zu.

Das die Arbeit prägende braunschwarze Band scheint mit einer breiten Feder auf das Blatt aufgetragen: Ansätze sind erkennbar und die auslaufenden Farbschattierungen vermitteln den Eindruck, dass die Striche in einem Zug gezogen worden sind.

Mit dem Band ist das Wichtigste ins Bild gebracht. Auf einer relativ schmalen Basis baut sich ein baumartiges Gebilde auf, das sich in der Mitte verdoppelt und in vielen Rundungen ausformt. An drei Stellen gehen je drei kurze Bänder strahlenartig von der Grundform weg.

Ist nun eine Person dargestellt oder sind es gar zwei Personen? Die beiden hufeisenförmigen Bögen oben links lassen an die Köpfe von zwei Personen denken. Die beiden Kreisformen in der Bildmitte dürfen wohl als Hände gesehen werden, wodurch wir zusammen mit den angedeuteten Beinen eine aufrechte, nach links schreitende Person zu erkennen vermögen, die eine weitere Person im Huckepack auf dem Rücken trägt.

In der Bibel heißt es, dass der Mann aus Samarien Mitleid mit dem von den Räubern zusammengeschlagenen Mann hatte. In seiner Barmherzigkeit hielt er sein Reittier an, stieg er ab und beugte er sich zum Verletzten nieder, um seine Wunden mit Öl und Wein zu pflegen und dann zu verbinden. Danach hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in eine Herberge, damit dort für ihn gesorgt werde (Lk 10,30-35).

Im Gegensatz dazu ist hier der Samariter selbst als Träger des Verletzten dargestellt. Zeigt er sich durch seine Barmherzigkeit nicht für den anderen verantwortlich und belastet er sich dadurch nicht genauso wie sein Reittier? Und es scheint, dass er sich mit drei weiteren Personen beladen hat, die seiner tragenden Hilfe bedürfen.

Überraschenderweise ist in der dargestellten Gestalt auch der gute Hirte erkennbar, der immer wieder den verlorenen Schafen nachgeht und diese, wenn sie müde oder verletzt sind, auf seinen Schultern nach Hause trägt (Lk 15,5). Deckungsgleich sind beide von der Grundhaltung der Sympathie, des Mitleidens (von griech. syn, pathein = mitleiden) geprägt. Was die Bibel als exemplarische Einzelfälle wiedergibt, ereignet sich immer wieder und bildet einen festen Bestandteil des Lebens. Nicht umsonst hat Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Vorbild für den Gesetzeslehrer genommen, damit dieser (und auch wir) genauso handeln (Lk 10,36-37).

Weiter oben wurde gesagt, dass mit dem Band das Wesentliche ins Bild gebracht worden sei. Bildhaft bringt es zum Ausdruck, dass die Barmherzigkeit – das erbarmende, mitleidende Herz – die verbindende Kraft ist, die über alle erdenklichen Grenzen hinweg Menschen zu neuer Verbundenheit zusammenführt.

Kyrie Eleison

Vertikale Elemente prägen dieses in verschiedenen Grautönen gehaltene Bild. Da ist das schmalere, aber dunklere Feld auf der linken Seite, auf dem vier schwarze, parallel geführte Linien je ein helles Rechteck am oberen und am unteren Bildrand verbinden. An dicke Kabel erinnernd bringen diese dunklen festen Linien auf dem wärmeren Teil des Bildes einen ununterbrochenen Austausch zwischen oben und unten zum Ausdruck, dem durch die Festigkeit auch eine Sicherheit innewohnt.

Was für einen Kontrast bildet daneben die fragile Leiter in einem kühleren Farbraum. Durch die sieben horizontalen schwarzen Striche, welche an Leitersprossen denken lassen, werden auch hier Oben und Unten miteinander in Verbindung gebracht. Doch die dünnen Seile der Hängeleiter sind oben unterbrochen und scheinen herunterzufallen, auch unten links fehlt ein Stück. Gegenüber der gleichgestellten Beziehung auf der linken Seite wird hier betont, dass mit eigenen Mitteln der Aufstieg nach oben nicht möglich ist.

Noch weiter rechts ein drittes vertikales Element. Es hebt sich vom Hintergrund kaum ab, doch ist eine Bewegung von unten und von oben erkennbar, welche zu einer Begegnung im goldenen Schnitt führen kann. Im weißlichen Farbfeld ist ein bläuliches Quadrat so angeordnet, als würde es dem oberen Farbfeld entgegengehalten.

Abschließend sind feine Pinselspuren zu beobachten, die alle Grauschattierungen durchziehen und etwas vom Leben erahnen lassen, welches trotz der Farblosigkeit in dieser vertikalen Beziehung pulsiert.

Ob wir das Bild ohne den Hinweis des Künstlers mit dem „Kyrie eleison“ in der Liturgie in Verbindung gebracht hätten? – Wohl kaum. Inspiriert von der geistlichen Musik, hat Johann P. Reuter, der als Chorsänger die Messen von vielen Komponisten mitgesungen hat, das Ordinarium der römischen Messgesänge – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei und Benedictus – in ein abstraktes, ästhetisches Formenspiel übersetzt, in dem die Linien, Formen und Farben tiefgründig die spirituelle Botschaft des liturgischen Geschehens zum Ausdruck bringen.

„Kyrie eleison“ entstammt der griechischen Sprache und bedeutet „Herr, erbarme Dich“. Mit diesem Gesang rufen die Gläubigen ihren Herrn Jesus Christus an und preisen sein großherziges Erbarmen. Sie treten als vergängliche und mit Fehlern behaftete Menschen vor ihren Schöpfer und Heiland, ihre Schuld bekennend und gleichzeitig auf sein barmherziges Handeln hoffend. Voraussetzung ist eine Gottesbeziehung, die im Glauben, der Hoffnung und der Liebe lebt.

Diese verschiedenen Facetten der Kyrie-Akklamation können aus dem Bild herausgelesen werden. Links die starke und feste Glaubensbeziehung, in der auf vielerlei Weise kommuniziert und Geborgenheit erfahren wird. In der Bildmitte, eingedenk der schwachen menschlichen Voraussetzungen, der flehentliche Bittruf um Erbarmen und helfenden Beistand. Rechts das gnädige „Herunterbeugen“ Gottes zum reumütigen Beter (helles Rechteck), der im Symbol des blauen Quadrates sein Leben und die ganze Welt Gott hinhält, damit Er sie in seinem Erbarmen umfängt und zu neuem Leben erweckt.

Ganzer Missa-Zyklus

Websites des Künstlers:
www.johann-p-reuter.de
www.j-p-reuter.de