Polyphones Zusammenspiel

Außergewöhnlich präsentiert sich die abstrakte Farbkomposition auf dem mehrteiligen Untergrund. Die aus je vier Stabhölzern verleimten Bretter bilden vier individuell bemalte Hochformate, die durch einzelne Bildelemente über die dunklen Abstände hinweg miteinander zu einem Ganzen verbunden sind.

Gegliedert durch drei Fugen schimmern die Stöße, Risse und Strukturen des Holzes durch den lasierenden Farbauftrag und spielen dadurch so etwas wie eine Hintergrundmusik, welche die Gesamterscheinung wesentlich beeinflusst. Der wiederverwendete Malgrund und der neue Farbauftrag mit dem vielgestaltigen Linienspiel treten als fast gleichwertige Partner auf.

Während die dunklen Zwischenräume trennen und gliedern, verbinden waagrechte und diagonale Geraden die einzelnen Hölzer. Sie bilden unten eine breite Basis und führen über verschiedene Diagonalen zur Mitte und in die Höhe. Farblich wird die Komposition zum einen von den beiden blauen Flächen auf den äußeren Hölzern zusammengehalten, zum anderen durch die grünen und roten Farbaufträge, die sich in intensiver Form unten in der Mitte finden und abgeschwächt überkreuzt im oberen Bereich der äußeren Hölzer. Über alle vier Tafeln tanzen gelbe Flächen auf und ab und verleihen der Komposition etwas Lebendiges und Fröhliches. In ihrer Mitte wird oben ein nur wenig bemalter Bereich frei, der einen Blick darüber hinaus ermöglicht.

Die sorgfältig orchestrierten Farbflächen erinnern bisweilen an eine geistige Landschaft, in der das Sonnenlicht alles Sichtbare in farbige Facetten fragmentiert. Mehr jedoch entzieht sich die Komposition der konkreten Zuordnung der Einzelelemente. Es bleibt ein fröhlicher, meditativer Farbklang, eine bezaubernde Harmonie, in der die einzelnen Erscheinungen auf wundersame Art und Weise miteinander in einen spielerischen Dialog treten, in dem sich Frage und Antwort bzw. Feststellung und Weiterführung die Hand geben.

Das Farbenspiel meditierend kann in dieser geistigen Landschaft eine Verbindung zu den Seligpreisungen gesehen werden. Die wiederverwendeten Abfallhölzer, die einfach an die Wand gelehnt am Boden stehen, vereinigen in symbolischer Form einiges von den Menschen, die Jesus seligpreist. Die vom Künstler über sie gelegten Farben können dann als göttliche Verheißung gedeutet werden, dass sie weder vergessen noch verloren sind, sondern gesehen werden und einen Lohn empfangen, der weit über das Vorstellbare hinausgeht.

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.
(Mt 5,3-12)

Zweiwerdung

Eine junge Frau mit kurzen Haaren und ein Mädchen mit zu Zöpfen gebundenen Haaren umarmen sich gegenseitig. Die Begegnung lebt von den gebogenen Körpern, der doppelten Verbindung der Arme und dem intensiven Blickaustausch.

Die schlanken, nur mit drei Beinen den Boden berührenden Gestalten verstärken diese Bewegungen. Die dünnen Beine und Arme verleihen den beiden Frauen etwas Feines und Tänzerisches, etwas Kostbares und doch auch Zerbrechliches. Die dynamische Begegnung strahlt etwas Temporäres und Vergängliches aus. Durch den engen Körperkontakt im Bauch- und Hüftbereich wird die eine Zeit lang währende enge Verbundenheit von Mutter und Kind zum Ausdruck gebracht. Doch durch den nach hinten gebogenen Oberkörper und Kopf wird auch ein Auseinanderwachsen angedeutet.

„Zweiwerdung“ nennt die Künstlerin deshalb diese Skulptur. Von Seiten der Tochter ist es nach wie vor ein Aufschauen zu ihrer Mutter. Sie hängt noch an ihr, doch signalisiert der die linke Schulter umfassende linke Arm gleichzeitig eine kollegiale Geste. So wie die beiden Zöpfe in der Luft schweben, könnte das Überbringen einer freudigen Nachricht vorangegangen sein. Der kurzen innigen Verbindung folgt fast unmittelbar das Auseinandergehen. Es folgt ein Auf-Distanz-Gehen zur Mutter, in dem sie von dieser zum einen mit der rechten Hand noch gehalten oder sogar fest an sich gepresst festgehalten wird, zum anderen mit der linken Hand bereits losgelassen wird.

Der Blickkontakt zwischen den beiden Frauen ist ungewöhnlich stark. Es ist ein gegenseitiges Anschauen, das Bände spricht. Unsichtbar, intensiv, gegenwärtig. Sie schauen sich von unten nach oben und von oben nach unten an – und doch auf Augenhöhe. Ernst, liebevoll, ruhig auf der einen Seite, spielerisch, dankbar, ungestüm auf der anderen Seite. Es könnte ein Wiedersehen sein, doch vielmehr klingt ein Abschied an, die Absicht, sich von der Mutter zu lösen und eigene Wege gehen zu wollen. Die Beziehung wird sich wandeln, doch das Wissen um den Ursprung und die gemeinsame Geschichte werden den weiteren Lebensweg beider Frauen prägen.

Ob es verwegen ist, sich die Beziehung zu Gott auch so herzlich vorzustellen? Ihn umarmend, an seinem Hals hängend? Seine mütterliche, lebensspendende Nähe so intensiv zu spüren, in stetigem Blickkontakt und Austausch mit ihm zu stehen, sein Auge wohlwollend und zutrauend auf mir ruhend zu wissen, mich haltend und doch ermutigend freigebend, um eigene Wege gehen zu können? Und wie Mütter ein Leben lang für ihre Kinder da sind, sagt auch Gott seinen Kindern Rettung und Schutz zu, gerade weil sie an ihm hängen. „Weil er an mir hängt, will ich ihn retten. Ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er zu mir, gebe ich ihm Antwort. In der Bedrängnis bin ich bei ihm, ich reiße ihn heraus.“ (Ps 91,14f)

Leben pur

Auf einem welligen Grund schlängeln sich Linien hin und her. Mal bewegen sie sich als hervorgehobene Streifen über die Oberfläche, mal sind sie als Vertiefungen in die Oberfläche gearbeitet. So fließen die Bänder in einem endlosen Fluss von links oben nach rechts unten diagonal durch das Kunstwerk. Lustig mäandriert der Wasserlauf vor sich hin, überschneiden und unterlaufen sich Linien, begegnen und verschränken sich, um dann wieder auseinanderzugehen und den eigenen Weg zu finden. Quirlig verspielt fließt das Wasser, das es offensichtlich abbildet. Es ist ein lebensfrohes Miteinander voller Bewegung. Alles ist im Fluss, nirgendwo ist eine Behinderung ersichtlich. “Panta rhei”, alles fließt (Heraklit).

Wie die Betrachtung eines Bergbaches ermöglicht auch dieses Relief das Nachdenken über den Fluss des Lebens. Vom ersten bis zum letzten Herzschlag bedeutet Leben ein unentwegtes In-Bewegung-Sein. Das Leben gleicht offensichtlich keiner geraden Linie, die man übersichtlich abschreiten könnte, sondern vielmehr einem Schlängelpfad mit unvorhersehbaren Wendungen und Überraschungen. Das Leben ist ein großes Miteinander voller Begegnungen und Verflechtungen.

Das Relief zeigt ein idealisiertes Bild des Lebens, einen Ausschnitt oder eine Momentaufnahme von großer Schönheit und Harmonie. Wir alle wissen, dass es nicht immer so ist.

Aus der Beschäftigung mit dem Wasser und der Auseinandersetzung mit dem Lauf und der Bewegung des Wassers sind bei der Künstlerin sieben Reliefs entstanden. Dabei ist sie nicht nur neben den Flüssen hergelaufen, sondern hat sich mental in sie hineinbegeben, ist geschwommen, „flüssig geworden, um den Fluss zu fühlen“. Daraus ist der Titel „SWIM“ für die außerordentlichen Reliefs entstanden, die über den Lauf des Wassers hinaus Wesentliches unseres eigenen Lebens thematisieren. In der gleichzeitigen Betrachtung von Fluss und Mensch verdeutlichen sie zudem die vielfältige Bedeutung des Wassers für unser Leben. Die Reliefs erzählen vom Durst nach Wasser, wie Wasser den Boden unsicher macht, einem den sicheren Stand nehmen kann und zum Schwimmen zwingt. Sie erzählen von Verengungen, durch die man hindurchgeschleust wird, von Wasserfällen, über die es hinuntergeht, von Stürmen, die Unruhe ins Wasser des Lebens bringen. Und in einem letzten Relief wird mit einem Kreissymbol die Sehnsucht visualisiert, „man könne einen Mittelpunkt erreichen! Aber der Fluss erreicht sein Ziel erst, wenn er im Meer ankommt. Er verschwindet in dieser enormen Oberfläche. Und da ist wohl der Mittelpunkt; man berührt ihn, aber er hat keine Dauer. Er ist da und dort und wieder da. Er bewegt sich. Er ist lebendig wie wir selbst.“ (Maja Thommen)

Erfülltes Leben

Warme Farben lassen das Bild leben und geben ihm eine feurige Atmosphäre. Kräftiges Rot bildet die Basis, dann formen weiße Elemente in dynamischer Diagonale einen klar umrissenen Raum der Mitte, darüber gleichsam als Krönung aufflammendes Gelb vor lichtrotem Hintergrund

Das Bild lädt zum Verweilen ein. Es ist, als würde der Betrachter durch das weiße Element angeschaut und eingeladen, in diesen lichterfüllten Raum der Begegnung einzutreten.

Vom Rot der Liebe und der Begeisterung her gesehen, das wie ein standhafter Docht in den weißen Bereich hineinragt, kann dieser auch als geistige Flamme gesehen werden, als das Licht, das durch die tätige Liebe entsteht.

Von oben her ist gleichzeitig eine gelblich inspirierte Intervention zu beobachten, die durch die intensive gelbe Schicht hindurch wie eine Hand auf den roten „Docht“ hinweist. Diese Bewegung kann nur als Schatten gesehen werden – und doch geschieht Begegnung: von unten aus dem erdhaften Rot, von oben aus dem sonnenschweren Gelb.

So entsteht ein Begegnungsraum von großer Reinheit: Von oben mit intensivem Licht begnadet, von unten mit überfließendem Lebensdrang erfüllt. Entstanden aus dem ungeteilten Dasein für Gott und den Nächsten. Aus Begeisterung für die Sache Gottes und der Menschen entzündet, für ihn brennend, leuchtend, als sein Werkzeug andere damit erleuchtend, ihnen die Augen und Herzen öffnend, sie berührend, um das Licht Gottes in ihnen zu entdecken und sichtbar werden zu lassen.

Ein Begegnungsraum des Lebens, der wie ein Auge aussieht. Vielleicht wie Gottes Auge, das mich sanft betrachtet, mir Aufmerksamkeit und Wertschätzung vermittelt. Eine bleibende Wertschätzung, weil Gott seinen liebenden Blick nicht von mir lässt. So motiviert er, Leben und Fähigkeiten in seinen Dienst zu stellen, so stärkt er durch seine Gnade, so krönt er jedes hingegebene Leben mit der Krone des Lebens, dem ewigen Leben, als Belohnung für die Treue zu ihm, für die Durchhaltekraft, für alles Gute, was in dieser irdischen Zeit geschehen ist. So vermag das Bild darauf hinzuweisen, jetzt Begegnungsräume mit Gott zu suchen und zu schaffen.

Vielleicht erinnert der weiße Raum auch an das Samenkorn, das in die Erde fällt, im keimenden Aufbrechen stirbt, dadurch aber hundertfach Frucht bringt. Gottes Gnadenfülle macht Unerwartetes möglich, wo wir es zulassen. Insofern könnte das Bild auch vieles über Maria erzählen, von der Berufung zur Gottesmutter bis zur Krönung im Himmel. „Sei treu bis in den Tod, so werde ich dir die Krone des Lebens geben“, sagt der Geist im Buch der Offenbarung (2,10) zu den bedrängten Gläubigen in Smyrna.

 

Das Bild wurde von der Künstlerin zum Anlass „Ordination – Krone des Lebens?“ – „50 Jahre Frauenordination in der Hannoverschen Landeskirche“ geschaffen worden und schmückte am 4. Juli 2014 den Festgottesdienst für Pastorinnen in Bad Rothenfelde.

Auferstehen in die Herrlichkeit Gottes

Aufstrebende Dynamik und kraftvolles Licht prägen diese Arbeit aus farbigem Glas. Weite goldgelbe Flächen, versetzt mit braunen Nuancen, bestimmen den Grundton des Bildes und vermitteln Freude und ein wunderbares, unfassbar kostbares Geschehen voller Leben.

Es scheint seinen Ursprung im schwarzen, höhlenartigen Bereich am unteren Bildrand zu haben, in dem vor unförmigem Gestein auch zwölf kleinere, rundliche Bälle zu sehen sind. Sie leuchten wie kostbarstes Gold und muten wie Samenkörner an, die tief unter dem Boden darauf warten, zum Leben auferweckt zu werden und ihr verborgenes Potential entfalten zu können. Die Zahl Zwölf symbolisiert dabei Vollkommenheit und Vollständigkeit alles Geschaffenen, das zum Leben erweckt wird, hier aber noch im Machtbereich des Todes ruht.

Als starkes Gegenüber zum geschlossenen Raum des Todes hat die Künstlerin einen offenen Himmel gestaltet. Kräftiges, blau-weißes Wehen erfüllt den oberen Bereich des nahezu quadratischen Bildes und zeugt von Bewegung und Leben. Durch das Symbol des Auges wird dieses Leben Gott zugeordnet, dem Lebendigen, der Quelle des Lebens par excellence, dem Dreifaltigen, wie es das rötliche Dreieck anzudeuten vermag.

Direkt unter dem Auge ragt eine „Himmels-Zunge“ tief in den Bildraum hinein. Aus ihr scheint kostbares Wasser des Lebens zu fließen, zuerst ein Strom (vgl. Ez 47,9a: „Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können …“), der dann wie feiner Regen in der Tiefe die einzelnen Samen berührt (vgl. Jes 45,8: „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, will es vollbringen.“). Der offene Himmel streckt sich einem aufsteigenden Menschenwesen wie eine einladende Hand entgegen, auf dass der der Mensch sie annehme und ins Reich Gottes eintrete.

Die Auferstehung oder Auferweckung von den Toten wird hier eindeutig als ein Werk Gottes beschrieben, als ein Wirken voller Gnade und wunderbarer Herrlichkeit. Und es macht auch deutlich, dass Auferweckung von den Toten gleichzeitig Himmelfahrt und Heimkehr zum Vater bedeuten, ganz wie Jesus zu Maria nach seiner Auferstehung gesagt hat: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ (Joh 20,17)

In der Bewegung des Bildes, seiner Dynamik, Kraft und seinen Farben darf jede Auferstehung zudem als ein ausgesprochen pfingstliches Geschehen verstanden werden. Das Wehen des Geistes ist allgegenwärtig spürbar. Er erfüllt mit neuem Atem, neuer Kraft und führt in die unfassbare Weite des von Gott erneuerten, ewigen Lebens. – Uns allen ist der Heilige Geist zugesagt, versprochen! Wir brauchen uns seinem Wirken nur zu öffnen, seine Auferweckung zum Leben nur zuzulassen!

> Video in einer Präsentation der Arbeit von Gabi Weiss in der Schwäbischen Zeitung 2017

Unser Vater

In intensiven Farben präsentiert sich uns ein altbekannter und vielen wahrscheinlich auch vertrauter Text: das Gebet zum Vater im Himmel, das Jesus seine Jüngern gelehrt hat. Mit diesen Worten wurde ein Bild gestaltet, das auf Illustration verzichtet, um “das Wort transparent werden zu lassen” (Samuel Buri). Mit graphischen Mitteln hat er die Bedeutung des Wortes hervorgehoben und den alten Worten durch die frischen Farben Fröhlichkeit und neue Aktualität verliehen. In dem Gebet ist Lebenskraft.

Durch die Schrifttypen und -größen lassen sich zwei Bildebenen unterscheiden. Auf der unteren befinden sich die drei Wörter “unser Vater” und “AMEN”, die durch ihre Größe visuell im Vordergrund stehen. “unser Vater” steht in himmelblauen Buchstaben oben. Bei betrachtendem Verweilen fällt erst die Mischung von Groß- und Kleinbuchstaben auf. “UnSer VaTer” steht da. Was das wohl zu bedeuten hat? Ist das kindlich-unbedacht so hingeschrieben? Oder dient es der graphischen Gestaltung? Oder können wir an ein Passwort aus der Computerwelt denken, das aus verschiedenerlei Zeichen zusammengesetzt den Zugang zu einem gewünschten Bereich öffnet? Wie dem auch sei, es ist jedenfalls keine steife, förmliche Anrede, die obenan steht, sondern eher eine vertraute. Von Natur aus schauen wir zum Vater auf. Seit Jesus dürfen wir Gott Vater nennen, ist Gott als Schöpfer unser aller Vater.

In großen Buchstaben steht “AMEN” in feurigem Orange unten an der Basis dieses Schriftbildes. Ein bekräftigendes Ja von uns Menschen, ja, so geschehe es und so sei es, was der Lesende in diesem Gebet bekennt. Durch viele Jahrhunderte hat sich dieser Akklamationsruf erhalten – einst das einzig aktive Mittun der Gemeinde – heute noch in den Gottesdiensten der Juden, Christen und Muslime beheimatet. Die freie Schreibweise dieser drei Wörter lassen sie in ihrem Auf und Ab geradezu melodiös klingen: fröhlich beschwingt oben, fest und feierlich unten. Zusammen mit dem mit luftigen Farbfeldern gestalteten Hintergrund vermitteln sie Lebendigkeit und Individualität. Das Herrengebet erscheint so als ein starkes und sehr persönliches Gebet.

Die obere Ebene ist im Unterschied zur unteren streng linear gestaltet. Auf dem freien Untergrund erscheint das in zwei Farbblöcke geteilte Rechteck mit den regelmäßigen Zeilen und der kleinen Schrift in ebenso regelmäßigen Großbuchstaben wie eine Bekanntmachung im öffentlichen Raum. Hier wurden Worte in einen festen Rahmen gebracht. Nüchtern, ohne Gewichtung, ohne Spielraum. Nur die Farben wechseln ab: blau, gelb, blau, gelb … wie die beiden Farbhälften, die dem Gebet, das aus unserem menschlichen Leben kommt – die vielen Horizontalen deuten dies an – eine klare vertikale Ausrichtung geben.

Die beiden Farben Blau und Gelb bilden auch die Farbe der Schrift. Die Buchstaben sind auf dem jeweiligen Hintergrund gut lesbar, weil die Schrift durch orangefarbene und dunkelblaue Balken hervorgehoben wird. Durch diese Farbsprache entsteht eine lebendige Beziehung zwischen dem himmlischen “unser Vater” und dem irdischen “Amen”, die das Gebet zu einer breiten Treppe zum gemeinsamen Vater werden lässt.

Die plakatähnliche Darstellung von Samuel Buri gibt sich als farbenfrohe Einladung an uns Betrachter, dieses Gebet Wort für Wort, Stufe um Stufe zu “beschreiten”, um so die Größe und die Tiefe dieses Gebetes zu erfahren – die befreiende und stärkende Kraft, die aus dem Vertrauen zum Vater im Himmel kommt.

Dieses Bild entstammt der Zürcher Bibel – Kunstbibel 2007. Einspaltige Ausgabe mit 25 Schriftbildern von Samuel Buri 2007, ca. 2000 Seiten, 14,2 x 22 cm, Hardcover, ISBN 978-3-85995-243-0, CHF 60,00 / EUR 38,00

Prospekt zur Zürcher Bibel 2007 mit allen Aquarellen von Samuel Buri

Große Umarmung

Es ist der Vorzug des Künstlers, mit seiner Bildsprache etwas anschaulich zu machen, was jenseits unseres sprachlichen Ausdrucksvermögens liegt. Dabei ist auch das Dargestellte oft nur eine Art vermittelnde Brücke zum Unsichtbaren, das wir wohl wahrnehmen, aber eben nicht sehen können.

Im Bild von Christiane Vincent-Poppe begegnet uns vor einem blauen Hintergrund eine mächtige Licht-Erscheinung. Ihr hellster Punkt leuchtet wie eine Sonne aus der Tiefe dieser Erscheinung. Sie schwebt über einem schalenförmigen Bündel Striche, die auch als Sessel, Arme oder Flügel gesehen werden können – je nach Betrachtungsweise.

Dynamische Energie geht von diesem Lichtkreis aus. Energie, die sich auf der rechten Seite der „Sonne“ sichtbar zu materialisieren scheint und im Gegenuhrzeigersinn stärker werdend letztlich in den schalenförmigen Grundbogen einfließt. Dabei lassen die roten Teile an Blut und Liebe denken – Basiselemente des Lebens, die uns Geschaffenen unaufhörlich aus dem unerschaffenen Licht zukommen.

Diese starke Ausstrahlung wird durch einen weißen Lichtschleier verstärkt, der die Erscheinung kreisförmig durchwirkt und verklärt. Alles ist voller Leben bei dieser Gestalt, die im Himmel zu schweben scheint und ihn durch ihr Licht gleichzeitig in wunderbaren Farben zum Leuchten bringt.

So sehr das Auge bei dieser faszinierenden Erscheinung verweilt, es vermag seine Gestalt nicht auf ein bekanntes Bild zu reduzieren. Einzelne Elementkombinationen ergeben das Brustbild eines Menschen mit weit ausgebreiteten Armen. Durch die lichte Ausdehnung können seine „Arme“ aber auch als „Flügel“ wahrgenommen werden, wodurch sich die Gestalt eines geflügelten Wesens ergibt, das dennoch weder als Taube, als Engel oder als Geist bezeichnet werden kann. Dazwischen, bedingt durch die symmetrische Ausdehnung der Erscheinung, Gedanken an ein Kreuz. – Ein Kreuz, das vom Licht erfasst und durch es verwandelt selbst zur Lichtquelle geworden ist.

In der angedeuteten Form des Gabelkreuzes, einem weit in die vorchristliche Zeit zurückreichendes Symbol für den Lebensbaum, steht es für das Leben schlechthin. Und obwohl man in der Römerzeit dieses Symbol des Lebens zum Werkzeug für den schimpflichsten und unehrenhaftesten Tod pervertierte, hat es durch die Auferstehung Jesu seine positive Zeichenkraft beibehalten. Freilich steht es jetzt auch für den Tod, den der Gekreuzigte mit aller Qual, mit aller Verlassenheit und aller Verzweiflung erlitten hat, ausgeliefert der Frage: Mein Gott, warum …?

Die Antwort – die auch unseren Warum-Fragen einen Sinn geben könnte – ist hier als geheimnisvolles Geschehen ins Bild gesetzt. Es vermittelt erkennbar, aber nicht fassbar, nah und doch entrückt den Übergang in eine andere Wirklichkeit, in der Sprache der Bibel: ins Paradies.

„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Diese alttestamentliche Frage, die das Sehnen der Menschheit über den Tod hinaus ausdrückt, hat Paulus an die Korinther konkretisierend auf Jesus als den „Erstgeborenen“ bezogen. Und wir „Nachgeborenen“ haben diese Frage bewahrt bis auf den heutigen Tag mit aller Sehnsucht und aller Hoffnung, die in ihr steckt.

Gerade in einer Zeit, in der der Tod nicht mehr die selbstverständlich ins Leben gehörende Rolle spielt wie einst und seine „Öffentlichkeit“ ins Private, ja ins Verborgene und in die Anonymität von Kliniken und Abdankungshallen gedrängt wird, andererseits durch die täglichen Berichte über den aberwitzigen, sinnlosen Tod, den Menschen sich selbst und ihren Mitmenschen zufügen, ein Zerrbild des Todes entsteht, bietet das Bild von Christiane Vincent-Poppe eine ermutigende Perspektive.

Wir werden erwartet. Die erhabene Licht-Erscheinung vermag die geheimnisvolle, lichte und weite Offenheit Gottes zu umschreiben, der uns einlädt, auf ihn zuzugehen und uns im Tod vom Leben umarmen zu lassen, in ihn einzugehen und von seinem Licht und seiner Liebe gleichgestaltend durchdrungen und erneuert zu werden. Der Tod ist kein Ende, er ist „Hinübergang“, Ankommen und Vollendung des Lebens.

Farbe bekennen – Spuren hinterlassen

Viele farbige, mehr oder weniger gleich große Punkte präsentieren sich unseren Augen. Meist kräftig in den Farben, rundlich in der Form und mit unscharfem Rand sind die bunten Farbtupfer über die Leinwand verstreut. Manchmal bildet ihre Aneinanderreihung so etwas wie eine Linie, aber es ist kein System der Verteilung oder Anordnung auszumachen. Die rundlichen Farbflächen sind einfach da, scheinen über dem braun-weiß verwischten Hintergrund zu schweben, auf dem Spuren horizontaler und vertikaler Pinselführung zu erkennen sind.

Was soll dieses Gemälde im Altarraum, was kann es zum Glauben sagen?

Vor dem eintönigen Hintergrund, auf dem nur noch verwischt Kreuzspuren zu erkennen sind, bilden die farbigen „Punkte“ eine neue, frische, frohe Wirklichkeit. Das Bild könnte eine Ostererfahrung zum Ausdruck bringen, wo es um die unfassbare Freude über die Auferstehung Jesu und den Sieg des Lebens über den Tod geht. Jeder Farbpunkt könnte ein Aspekt dieser Freude sein. Wie unser Auge versucht, alle Farbpunkte zu erfassen und es doch nicht kann, so unfassbar ist für uns das Geschehen der Auferstehung. Uns bleibt das teilweise Erfassen, das Wandern von einem Farbpunkt zum anderen. Darin erfahre ich schon Freude und Kraft, die ansteckt und in ihrer Frische gut tut.

Das Bild kann noch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Heißt „Farbe bekennen“ nicht, vor und gegenüber anderen zu seiner Einstellung, zu seiner Meinung, zu seinem Glauben stehen? So gesehen habe ich mit meiner Lebensgeschichte, meinen Fähig- keiten, meiner Persönlichkeit eine ganz eigene „Farbe“.  Wo ich mich in Gesellschaft und Kirche eingebe, bekenne ich Farbe, präge ich Situationen, Menschen, Orte – male ich gleichsam an dem großen Gemälde Kirche (oder Gesellschaft) mit. Je mehr ich mich mit meiner Farbe einbringe, engagiere, umso mehr Spuren hinterlasse ich und um so bunter, lebendiger und froher wird das Leben der Gemeinschaft.

„Ihr seid das Licht der Welt,“ sagt Jesus. „Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf einen Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure Werke sehen und euren Vater im Himmel  preisen. (Mt 5,14-16)

Noch ist Freiraum zwischen den Farbpunkten! – Fehlt vielleicht meine Farbe, weil ich mich nicht getraue, sie zu zeigen? Das Bild macht mir Mut, meine eigene Farbe zu bekennen, einzubringen und damit die Leuchtkraft und das Zeugnis der Gemeinschaft der Gläubigen zu erneuern.