Gefäß der Menschlichkeit

Das bauchige Gefäß strahlt in seiner schlichten Form viel Menschliches aus. Mit seiner großen Basis steht es geerdet und standfest da. So schnell lässt es sich nicht umwerfen. Durch die nach hinten versetzte Öffnung wölbt sich der vordere Bereich wie eine stolz geschwellte, Selbstbewußtsein ausstrahlende Brust … trotz des großen Risses im Holz.

Der Schwundriss, der bei der Holztrocknung entstand, mutet wie eine Verletzung an, eine äußere Beeinträchtigung, die manche als Makel oder Verlust an Schönheit empfinden und der für sie schnellstens beseitigt und behoben gehört.

„trotz dem“ steht in Goldbuchstaben neben dem Riss. Die zwei Worte sind ein Zeichen des Widerstandes, des Protests. Trotz des Risses kann das Gefäß für die Aufbewahrung von Gegenständen gebraucht werden. Vor allem kann es an das Wesentliche erinnern, das jenseits seiner praktischen Funktion liegt: Das Da-Sein an sich und die Schönheit selbst. Trotz seiner Beeinträchtigung hat es eine Daseinsberechtigung und gerade damit darf es Wertschätzung erfahren.

Das Gefäß ist weitgehend rot bemalt. Wie ein Kleid bedeckt die rote Farbe den weißen Grundton, der an der Basis wie ein Unterkleid noch zu sehen ist. Die rote Farbe leuchtet warm wie ein Mantel der Liebe und der Barmherzigkeit, der über die verletzte Unschuld geworfen wurde, als wollte gesagt werden: Trotzdem bist du geliebt.

So ist das bauchige Gefäß voller Symbolik und Parallelen zu uns Menschen. Niemand von uns ist perfekt. Jeder von uns hat früher oder später irgendwo einen „Sprung“, eine äußere oder innere Beeinträchtigung. Wunden gehören zum Leben ebenso wie die Spuren von Brüchen, Unfällen oder unserem Lebenswandel. Sie sind die „Schwachstellen“, an denen unser Inneres offenbar wird und Licht auf unsere verborgenen oder dunklen Schattenseiten fallen kann.

Sehr schön kommt das im Kintsugi zur Geltung, der japanischen Kunst Tongefäße zu reparieren. Zerbrochene Gefäße werden nicht weggeworfen, sondern in einem aufwändigen Prozess so wieder zusammengefügt, dass sie dauerhaft halten und brauchbar bleiben. Zum Schluss werden die Sprünge und Bruchstellen vergoldet, wodurch dem Gefäß und seiner Geschichte eine besondere Wertschätzung verliehen wird.

So lässt auch das Holzgefäß mit seinem golden geschriebenen „trotz dem“ (an sich wird das Wort trotzdem zusammengeschrieben, doch durch die Trennung wird es sinnhafter!) über den Umgang mit den Widerwärtigkeiten, Unglücken und Brüchen nachdenken, die wesentlich zu unserer Existenz gehören. Wir sind nicht perfekt, es kann nicht alles gelingen, es kann nicht alles heil bleiben, allein schon wegen unserer Schwächen und unserer Vergänglichkeit.

Gerade deswegen besteht das Leben aus vielen unentwegten Trotzdems. Trotzdem leben wir. Trotzdem arrangieren wir uns und versuchen wir das Beste daraus zu machen. Das bauchige Gefäß ist eine Aufforderung, allen widrigen Gegebenheiten zu trotzen und zu widerstehen. Seine Aufschrift motiviert, etwas dennoch zu machen, auch wenn man keine Lust oder keine Motivation dazu hat. Sie ist eine Einladung, trotzdem Werte zu haben und sich für sie einzusetzen, auch wenn andere diese nicht teilen, weil sie ihnen sinnlos oder zu kostspielig erscheinen. Sie ist eine Einladung, trotz der vielen Enttäuschungen an das Gute im Menschen zu glauben, trotzdem zu vertrauen und immer wieder einen neuen Versuch zu wagen.

Mutter Teresa: Trotzdem

Die Leute sind unvernünftig,
unlogisch und selbstbezogen;
LIEBE SIE TROTZDEM
Wenn du Gutes tust, werden sie dir
Egoistische Motive und Hintergedanken vorwerfen,
TUE TROTZDEM GUTES
Wenn du erfolgreich bist,
gewinnst du falsche Freunde und echte Feinde,
SEI TROTZDEM ERFOLGREICH
Das Gute, das du tust, wird morgen vergessen sein,
TUE TROTZDEM GUTES
Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar,
SEI TROTZDEM EHRLICH UND OFFEN
Was du in jahrelanger Arbeit aufgebaut hast,
kann über die Nacht zerstört werden,
BAUE TROTZDEM
Deine Hilfe wird wirklich gebraucht,
aber die Leute greifen dich vielleicht an,
wenn du ihnen hilfst,
HILF IHNEN TROTZDEM
Gib der Welt dein Bestes,
und sie schlagen dir die Zähne aus,
GIB DER WELT TROTZDEM DEIN BESTES.

(Zeilen auf einem Schild an der Wand von Shishu Bhavan, dem Kinderheim in Kalkutta)

Von der Arbeit “trotz dem” gibt es auch eine Postkarte (Voransicht), die unter der Bestellnummer 6043 beim Künstler bestellt werden kann.

Leuchtende Becher – leere Schreine

Ein ganzes “Heer” leuchtender Becher stellt Alois Neuhold hin: Unbenützbar, leer, weil deren Inhalt das Füllbare nicht ausfüllen kann, ja darf. Zu viel, zu gut, zu heilig! Es sind Gefäße für die Verwendung bei einer himmlischen Hochzeit. Im Ensemble sind es trotzdem Öffnungen für das Nichtgreifbare und Hoffnung auf ein Getränk unstillbaren Genusses. Das Bilderverbot ist das Zentrum dieser Behälter und doch ist die Inkarnation des Lichtes in der Farbe seine dialektische Durchkreuzung.

„Wir halten diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ (2 Kor 4,7), in Erdzerbrechlichkrügen …

Der Künstler selbst:

Unnützbarkeitsgefäße, Nichtbefüllbarbecher, Tabernakelchen, ein ganzes „Heer“ davon, achtzig, zehn mal acht – der achte Schöpfungstag, ein Bechermeer, Nutzlosschreine, ein Becherblumenfeld des Nichtverwertbaren, des Nichtverwendbaren, Blühbehälter, die nur dem Blühen dienen und dem bloßen Sein, dem verweilend Sein, dem empfangend Sein, farblichtschattend, offen, Empfängnistat. Ein Anflug vom Möglichkeitsparadies vielleicht …

Leer sind die Becher, Schalen und Schreine, leer müssen sie bleiben, frei von menschlichen Anfüllungen. Nur das Licht, der Schatten, Tag und Nacht, Luft, der Atem, Farben, Regenbogenoffenbarungen, die Leere wohnt in ihnen. Lichtbienen nippen daran.

„Nehmet hin und trinket!“ Das Licht ist Leib geworden.

Schlürft den Lichtwein, esst vom Schattenbrot, tanzt die Farbekstasen, trinkt Atemweite, haucht Luftgedichte, preist die Schöpfungswiese, tretet ein in die Hallen, in den Festsaal einer himmlischen Hochzeit! Feiert Auferstehung!

(Das Grab ist leer.)

Entrümpelt die Häuser, die Keller und Kapellen, die Warenkörbe, die Überfüllregale, die Übersattideen! Entrümpelt auch die Seelenstübchen und die Zuinnerstkämmerlein! Werft weg die Niederdruckgewichte, die Gottverbildungsbilder, die vielen Gott-und Weltverstellungsdogmen, das Moralingedudel, das immer-noch-Mehr-und-nie-Genug! Werft sie weg in weiten Bögen aus den Büchern, aus den Köpfen, aus den Schulen! Zieht aus die Uniformen, die Waffenröcke und all die anderen Unterdrückungs- und Machtbezeugungskittel! Verbrennt die Wortgewehre, die süßen Sonntagsreden, die Abertonnen Hass-und Aufhetzschriften! Räumt weg die ausgelatschten Glaubenssätze!

Öffnet die Fensterläden, die Auswegtüren, die verriegelten Ostertruhen, die Taborschreine, die Herzverschlüsse, die vernagelten Einzwängkästen! Befreit den Geist vom Seichtgewäsch, vom Gedankenmüll, vom Allerweltsgeplapper! Schüttet aus die Endlosjammertöpfe! Schafft endlich Raum und Leere, Entfaltungsräume, Begegnungsorte, Lichterfahrungsplätze, weite Dome, Erlösungshorizonte, denn die „Fülle des Lebens“ will Einzug halten! Der Esel steht bereit. Tempelreinigung ist angesagt.

Fassbare Gefäße des Unfassbaren. Ein Abendmahl ohne Brot und Wein.

Der Kelch ist leer. Das Blut verschüttet. Im Tabernakel keine Hostie. –

Gefäß werden, einfach Gefäß sein für das Ankommende, für das Licht,

für das Ein und Alles. Advent.

Das Licht ist Leib geworden in den Farben.

Nur zwei Vasen?

Zwei Vasen. Vor braunem Hintergrund. Nur zwei Vasen. Nichts mehr. Kein Tisch, auf dem sie stehen, keine Blumen, die aus ihnen herausragen, kein Hinweis auf einen Raum, der die beiden Vasen umgibt. Die beiden Körper sprechen durch ihre Umrisse und die Lichtreflexe auf ihren Oberflächen. Doch wer sagt, dass es Vasen sind? Letztlich haben wir nur gemalte Flächen vor uns, denen durch Farbunterschiede ein Volumen gegeben wurde.

Es ist die Erfahrung, die uns in diesen gemalten Flächen flaschenähnliche Vasen erkennen lässt, die uns sagt, dass es sich um Hohlkörper handelt, die oben eine Öffnung haben. Die linke Vase hat eine runde, bauchige Form und steht auf einem kleinen Fuß. Sie ist von der Größe und vom Volumen her geringfügig kleiner als ihre Nachbarin, die gradlinige, bis zum Boden reichende Formen besitzt. Beide Gefäße sind in einem leuchtenden Kupferton dargestellt und werden teilweise von einer Aura umgeben, die sich in einer Art Wasserzeichen oder hellerem „Schatten“ äußert. Es wird der Eindruck erweckt, dass den beiden Vasen etwas entströmt, das wesentlich mit ihrem Inhalt zu tun hat.

Ob die einzige rote Fläche etwas damit zu tun hat? Bewirkt sie nicht, dass die beiden Vasen auf Grund ihrer Lichtreflexe nicht nach links ausgerichtet sind, sondern einander zugewandt erscheinen? Wird damit die Zusammengehörigkeit nicht genauso verstärkt wie der Eindruck, dass es sich bei den beiden Vasen durch ihre körperlichen Unterschiede um Symbole für Frau und Mann handelt? So gesehen könnte dann die kleine rote Fläche als herzlicher Ausdruck gelesen, als Fenster der Liebe gedeutet werden, als das, was die beiden Vasen in sich tragen.

Der Mensch als irdenes Gefäß. Das ist kein neuer Gedanke, aber immer wieder ein faszinierender, gerade im Zusammenhang mit der biblischen Aussage: „Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“ (Jes 64,7). Wie Gefäße stehen wir auf dem Boden. Durch unsere Sinnesorgane und unseren Geist haben wir „Öffnungen“, die uns ermöglichen, nach Oben offen zu sein und allerlei aus unserer Umwelt in uns aufzunehmen.

Vasen sind dazu bestimmt, Schnittblumen temporär Halt zu geben und mit dem Wasser zu nähren. Sie sind ihre Begleiter für die kurze Zeit des Erblühens und Verwelkens an einem Ort des Exils. Die Blumen werden doch von ihren Wurzeln getrennt und in eine fremde Umgebung transportiert, um uns Menschen in der Blüte ihres Lebens Freude zu bereiten.
So lassen uns die zwei Vasen über das Leben und seinen Sinn nachdenken. Über die Aufgaben und Dienste, die aus unseren Eignungen und Fähigkeiten erwachsen und uns mit Freude und Zufriedenheit erfüllen. Sie lassen uns fragen, wofür wir offen sind und was wir in uns aufnehmen, wen wir in uns „beherbergen“. Der Apostel Paulus beschrieb das Aufleuchten Gottes in seinem Herzen als einen Schatz, den wir Menschen in zerbrechlichen Gefäßen tragen (vgl. 2 Kor 4,6-7). Jeder von uns ist eine Vasa sacra, wie die in der katholischen Liturgie verwendeten Gefäße genannt werden, bestimmt, Gott in uns aufzunehmen und zu den Menschen zu tragen. Wir sind die vergänglichen Gefäße (blättert bei der linken Vase nicht eine Farbschicht ab?), über die Gott seine Schönheit und Größe anderen Menschen offenbart.

Das den beiden Vasen entströmende Etwas lässt noch einen anderen Zugang zu. Die beiden Vasen können auch als Behälter eines Öls oder eines Wohlgeruchs gesehen werden, der sich über die Luft verbreitet. Auch hier vermag das Bild an Paulus zu erinnern, der im zweiten Brief an die Korinther (2,14-16) schrieb: „Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt. Wer aber ist dazu fähig?“

Nur zwei Vasen. Menschliche Gemeinschaft und Zugehörigkeit wiedergebend. Von der Vergänglichkeit gezeichnet. Aber ein unfassbares Licht reflektierend, eine Kraft, die als Liebe ihr Inneres erfüllt und ihre Körperlichkeit durchdringt und übersteigt … andere begeistert.

Lichtfänger

Hauchdünn liegen die vier Schalen vor uns in ihrer einfachen und schlichten Form von vollendeter Schönheit. Das Ensemble ermöglicht mit einem Blick vier verschiedene Ansichten der nur im Material unterschiedlichen Gefäße.

Zerbrechlich muten sie an, gleichzeitig unendlich kostbar in den Materialien Silber und Gold. Ihre Leichtigkeit wie ihr Wert gebieten Erfurcht, machen sie nahezu unberührbar. Privilegierte dürften sie vielleicht als Ritualgefäße nutzen. Für alle anderen werden sie unantastbar und entziehen sich der normalen Verwendung eines Gefäßes. Diese Schalen sind wesentlich zum Anschauen da, zum betrachtet und bewundert werden.

Ohne Größenvergleich erinnert die Einfachheit der vier Formen an Eierschalen. Damit schwingt Ursprünglichkeit in ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung mit. In den vollendeten Rundungen liegt ein geheimnisvoller Anfang, dem das Potential sich entfaltenden Lebens innewohnt.

Leer zu sein ist für diese Gefäße kein Makel. Im Gegenteil. Durch die extrem dünne Beschaffenheit wirken die Materialeigenschaften bis an ihre Grenzen ausgeschöpft. Vom Licht durchdrungen, wird so auf einmalige Art und Weise die Zeichnung von Gold und Silber sichtbar (Detailbild). Die hellen und dunklen Stellen mit ihren bewegten Formen machen jede Schale zu einem Unikat.

Weite Offenheit und tiefe Bereitschaft zu Empfangen kommen durch ihre Leere zum Ausdruck. Ist das nicht ein Widerspruch? Würde dadurch nicht ihre Schönheit zerstört, ja ihr Bestehen gefährdet? – Die Leichtigkeit der Schalen suggeriert, dass sie nicht für Materielles bestimmt sind, sondern mit etwas Immateriellem gefüllt werden möchten. Der sanfte Glanz ihrer Oberflächen lässt ahnen, dass die Schalen geschaffen wurden, um bleibend für das Licht offen zu sein. Denn nur so kommen ihr Wesen und ihre Schönheit zur Geltung.

Sind sie nicht Spiegelbild für uns Menschen? Für unsere Gemeinschaft durch ihre Vierzahl und für unsere Abhängigkeit vom Licht, nach dem wir ausgerichtet sind, welches Leben erst ermöglicht und es uns in seiner Schönheit und Vielfalt bestaunen, in seiner so kostbaren und zerbrech- lichen Beschaffenheit aber auch umsorgen lässt? Aber das Licht steht auch für alle immateriellen, geistigen Werte, welche unser Leben erst lebenswert machen: Vertrauen, Glaube, Hoffnung, Liebe, … Gott. Auch wir sind Lichtfänger …

Zur Ausstellung in Frankfurt vom 18. Juni bis 13. Sept. 2009 ist ein – wie die Inszenierung der Ausstellung – exeptionell gestalteter, zweisprachiger Katalog in zwei Cahiers erschienen. Der Katalog mit dem Titel “Durchflutung – Rays of Light” dokumentiert das Oeuvre der Künstlerin in 40 zum Teil bislang unveröffentlichten Werken. Mit Beiträgen von Prof. Dr. Hans Wichmann, Prof. Dr. Dr. h.c. Aloys Goergen, Prof. Dr. Friedrich Piel u.a. (280 Seiten, 50 Euro).

Erwartung

Fast unendlich viele Tonschalen stehen vor uns auf dem Boden. Schalen, die meist als Einzelstücke in der Küche und auf dem Esszimmertisch verwendet oder in einer Vitrine präsentiert werden, wurden nicht einzeln, sondern in einer auf einen Blick unfassbaren Anzahl auf den Boden gestellt. Eine, und noch eine, und noch eine und noch eine … 1111!

Jede Schale hat eine individuelle Gestalt, eine etwas andere Form als diejenige neben ihr. Einzelanfertigungen! Die Hände der Töpferin sind noch an ihnen zu spüren, wie sie aus der Mitte des Tonklumpens heraus den Boden weiten, die Seiten hochziehen und den Rand fertigen – ein Gefäß entstehen lassen. Die Glasur verlieh dann jeder Schale eine eigene Farbe sowie eine matte oder eine glänzende Oberfläche, das Brennen im Ofen Beständigkeit, Widerstandskraft und Undurchlässigkeit.

So stehen sie in schlichter Schönheit nebeneinander. Keine Schale ist mehr, keine ist weniger. Jede besitzt ihre ganz eigene „Größe“. Diese setzt sich nach außen aus dem Abstand, aus dem respektvollen Zwischenraum zu den anderen Schalen, nach innen aus der Offenheit nach oben und der ihr innewohnenden Leere zusammen.

Sie harren alle ihrer Bestimmung, etwas in sich aufzunehmen, zu halten, zu vermitteln oder zu bewahren. Sie alle sind bereit zu empfangen. Sie stehen offen und leer hier, damit sie gefüllt werden, damit ihre Erwartung erfüllt wird. Dadurch kann man den Schalen bis auf den Grund sehen, ihre innerste Mitte betrachten, aus der heraus sie entstanden sind.

Symbolisch können diese Schalen für uns Menschen stehen. Wunderbar sind wir als einander ähnliche und doch individuelle Geschöpfe geschaffen worden und besitzen eine schwer definierbare und dadurch geheimnisvolle Offenheit für alles, was uns erfüllen könnte. Wir haben die Fähigkeit, unendlich viele Erfahrungen und viel Wissen in uns aufzunehmen und in unseren Wohnungen und Ländern unendlich viele materielle „Kostbarkeiten“ zu sammeln. Wir ziehen manchmal so viel an uns, dass vor lauter Materialien und Aktivitäten kaum mehr Raum und Zeit für etwas Neues übrig bleibt.

Insofern stellen die Schalen so etwas wie ein Urbild von uns dar, ein Ideal, das wir in uns spüren und allein doch nicht erreichen können. Sie bringen indirekt eine Sehnsucht zum Ausdruck, dass jemand zu uns kommt, der uns von der selbstverursachten Überfülle zu entlasten und zu befreien vermag, damit bei uns wie bei diesen Schalen unsere Mitte wieder sichtbar wird: Die Handspuren unseres Schöpfers, den Fingerabdruck Gottes, der uns eine einzigartige Schönheit und Würde ins Leben gegeben hat.

Dass diese Schönheit und Würde äußerst anfällig sind, führen uns die auf den Boden des Alltags gestellten Tongefäße vor Augen. Es braucht nicht viel, vielleicht nur einen gedankenlosen Fußtritt, um sie zu zerschlagen. So lehren uns die Schalen auch Achtsamkeit und Sorgfalt, damit wir mit den Mitmenschen um uns herum noch achtsamer und sorgfältiger umgehen als mit einzigartigen Kunstwerken!

Die 1111 Schalen waren im Herbst 2016 / Januar 2007 in der Rotunde der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt. Dazu war im Verlag Hatje Cantz ein bildstarker schöner Katalog erschienen: Young-Jae Lee, 1111 Schalen. ISBN 3-7757-1852-4

Bereit um …

Dieses Kunstwerk fällt wahrscheinlich zuerst durch seine ungewöhnliche Form auf. Auf einer geraden Basis stehend, führen die beiden Seiten in sanftem Bogen nach oben, um dort ein waagrechtes Kreissegment zu tragen. Die besondere Gestaltung ist durch die Verwendung einer Spanplatte möglich, deren Ränder gesägt oder gebrochen wurden.

Die äußere Form lässt an eine Vase denken, ihr grünlicher Farbton zusätzlich an patinierte Bronze. Doch hat der Künstler dieses Gefäß von außen oder von innen dargestellt? … Denn das leuchtende Blau irritiert. Wie Wasser liegt es am Boden des Gefäßes, über einen Dunstschleier sich schnell im weitenden Innenraum verflüchtigend.

In seiner Mitte fällt eine feine rote Farbspur auf. Wie eine rote Sonne schimmert sie durch den aufsteigenden Nebel hindurch. Wie eine Wunde gibt sie dem Vasenkörper zusätzliche Tiefe. Wie aus einer Quelle ergießt sich von ihr aus kaum wahrnehmbar etwas ins „Wasser“.

… mystische Assoziationen, die auch am oberen Abschluss des Gefäßes nicht aufhören. Der scharfe runde Rand deutet ein ganzes, unsichtbares Rund an, das gleichsam auf der Vase aufliegt. Ist die Kreisform ein Symbol für Gott, so könnte der Künstler mit der Vasenform unsere menschliche Kondition ansprechen, für das Transzendentale und Geistige offene, empfängliche Wesen zu sein.

In meinen Augen gibt dieses Kunstwerk eine Erfahrung wieder, die Paulus in wunderbar dichten und treffenden Worten in einem Brief an die Gläubigen in Korinth zusammenfasst:

„Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.
Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen, so wird deutlich, dass das Übermaß an Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, wir tragen das Todesleiden Jesu an  unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.“ (1 Kor 4,5-10)

„Christusträger“

Eine außergewöhnliche Schale,  ein ungewöhnliches Trinkgefäß. Für die Liturgie, für die Aufnahme des Allerheiligsten bestimmt. Kostbare Materialien, edle Verarbeitung, einzigartige Oberflächenbehandlung.

Alles weist auf IHN hin. Das Mysterium verhüllend – und doch geheimnisvoll offenbarend.

Durch eine lineare Oberflächengestaltung hat das weißlich-silberne Äußere eine „fasrige“ und matte Struktur erhalten und bildet einen Gegensatz zum goldglänzenden Inneren. In unregelmäßigen Formen scheint dieses Innere bruchstückhaft nach außen zu dringen.  Steht das glänzende Innere für die immaterielle Welt Gottes, das matte Äußere mit den pflanzlich wirkenden Strukturen für die Welt im Werden? Sie sieht jetzt in einem Spiegel nur rätselhafte Umrisse, „dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkannt worden sein“, schreibt Paulus (1 Kor 13,12).

Die Außenstruktur weckt in mir auch Assoziationen an ein Netz. Die unregelmäßigen Formen lassen nicht nur an Blüten, Früchte oder Fische denken, die gesammelt werden,sie können auch symbolisch für die Menschen und ihre Gaben stehen, die vom “Menschenfischer“ Jesus vereint Gott dargebracht werden.

Bei der Gabenbereitung betet der Priester jeweils leise, während er Kelch und Hostienschale mit den Gaben hochhält:

„Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt.
Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit.
Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde.“

„Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt.
Du schenkst uns den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit.
Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, damit er uns der Kelch des Heiles werde.“

Der Kelch ist schlank und hoch. Mehr ein Becher als ein Pokal, hochgewachsen wie ein Weinstock. Die Weintrauben gekeltert in sich tragend, bewahrend für die Verwandlung durch den Geist Gottes und die Vergegenwärtigung der Worte Jesu beim letzten Abendmahl durch den Priester: „Nehmt und trinkt alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Die Hostienschale dagegen ist flach und weit wie ein Schiff, eine Barke, die Ihn vom „anderen Ufer“ in unsere Nähe bringt. In ihrer Form klingt auch die Krippe und die Mandorla an, Ort und Zeichen für den sich den Menschen offenbarenden Gott.

So sind Kelch und Hostienschale ausdeutende Zeichen des in der Armut des Brotes und des Weines Verborgenen. Sie tragen Gottes Sohn für jedermann und -frau fassbar, den Leib wie die Seele im Geschenk nährend und stärkend zu uns, damit wir immer mehr seine Gestalt annehmen. Letztlich sind die beiden Gefäße Symbole für jeden Gläubigen, ja die ganze Kirche, die wir den Herrn genauso kostbar und rein umfangen und tragen sollen.

Und – seine heilige und heilende Gegenwart möchte wie bei Kelch und Schale auch bei uns außen sichtbar werden!