Das Herz Jesu vor Augen

Eine Bockleiter, ein antikes Herz Jesu, das früher als ewiges Licht gebraucht wurde, und ein Ei sind zu einer eigenartigen Installation zusammengefügt worden. Jedes der drei Objekte vermag in der Kombination mit den anderen beiden beim Betrachter Irritationen und Fragen auszulösen.

Was hat ein ewiges Licht in Form eines von einem Schwert durchstochenen Herzens mit einer Leiter zu tun? Was mag der Grund sein, dass es ganz Oben aufgehängt ist? Auf der anderen Seite steht die  Leiter mit einem ihrer Holme auf einem Ei und erhält durch die Schräglage einen unsicheren Stand. Andererseits fragt man sich, wieso das Ei von der Leiter nicht zerdrückt wird. Sehrwohl wird es zerdrückt werden, wenn jemand auf die Leiter steigt. Was hat das also zu bedeuten, dass der Künstler die Leiter genau auf das Ei gestellt hat?

Vielleicht werden uns Antworten auf diese Fragen gegeben, wenn wir den Eigenheiten der einzelnen Elemente nachspüren. Eine Leiter wird zum schnellen Hochsteigen an Orten gebraucht, an denen für kurze Zeit in der Höhe gearbeitet werden muss. Deshalb muss sie leicht, flexibel und doch stabil sein. Das Oben und das Unten sind bei ihr entscheidend. Deshalb kann sie auch für eine hierarchische Struktur stehen. Für viele ist es ein Ziel, auf der Karriereleiter schnell nach oben zu kommen. Während es die einen aus eigener Kraft nach oben schaffen, befinden sich die anderen in der Position des Eies und sind auf das Erbarmen oder die Gnade der Vorgesetzten angewiesen, dass diese sie fachlich nach- und damit auch hochziehen.

Das Ei steht für werdendes Leben in seiner ganzen Zerbrechlichkeit. Es ist der überstarken Macht seiner Umwelt ausgeliefert und bedarf deshalb eines übergroßen Schutzes. Die Installation macht deutlich, dass werdendes Leben in jeder Form Umsicht, Vorsicht, Wertschätzung und in der Folge Rücksicht benötigt, um unbeschadet überleben zu können.

Das Besteigen der Leiter ist in diesem Fall nicht möglich, ohne sich vorher zu bücken (= klein zu machen) und das Ei aus der Gefahrenzone herauszunehmen. Symbolisch ist das ein barmherziges Handeln, wie es Jesus ein Leben lang vorgelebt hat.

Die in die Leiter hineingehängte Lampe bringt wie ein Rotlicht bei einer Ampel Jesu Wirken in all unsere nach Oben strebenden Tendenzen hinein. Sie gebietet Einhalt bei einem herz- und gnadenlosen Kampf um die oberste Position, ja verunmöglicht sie einzunehmen. Als ewiges Licht in der Form eines vom Schwert durchbohrten Herzens wird es allen „Emporkömmlingen“ unmissverständlich vor die Augen gehalten, dass der erste Platz Gott gehört und sie sich ihm unterordnen und verantworten müssen.

Das Herz Jesu mahnt alle Aufsteigenden, auf ihr Herz zu hören und gnädig mit Mitmensch und Umwelt umzugehen. Das durchbohrte Herz erinnert, dass nur jemand barmherzig handeln kann, dessen Herz schmerzhaft berührt worden ist, dessen Herz sich vor Mitleid krümmt und wie beim barmherzigen Samariter ein übergroßes Erbarmen bewirkt, das die betroffene Person rettet (vgl. Lk10,25-35).

So ist das Herz Jesu als Vorbild für ein barmherziges und damit gnadenvolles Handeln zu sehen. Jeder, der „nach oben“ will im Leben, soll Jesus vor Augen haben, wie er die Armen und Kleinen im Blick hatte und ihnen zu Ansehen und Leben verhalf. Jeder soll vor Augen haben, dass wahre Größe keine Überheblichkeit kennt, sondern grenzenlose Wertschätzung des Lebens bedeutet. Das gab Jesus auch dem Gesetzeslehrer zur Antwort: „Dann geh und handle du genauso!“

„Gnade walten lassen“ ist für das menschliche Herz nicht einfach, aber jeder kann es, wenn er will. Gertrud von le Fort schreibt: „Gnade ist nicht Gewalt, sondern Freiheit.“ Denn Gnade ist ein Akt der Freiheit und führt in die Freiheit. Sie ist eine wesentliche Zutat zur Erfahrung eines erfüllten Lebens.

Schiffbruch der Barmherzigkeit

Ein halbes Ruderboot liegt auf vier Rundhölzern, als ob es gerade auf ihnen nach einem Schiffbruch an Land gezogen worden wäre. Es sind keine Menschen zu sehen, nur wenige Objekte, die ihre frühere Anwesenheit bezeugen. Wer um das Boot herumgehen kann, findet eine Schwimmweste, eine schwarze Puppe, einen Teddybär, einen Geldschein und eine Muschel, die wie ein Aschenbecher auf dem Bootsrand liegt. Alle erzählen nachvollziehbar von Menschen, die eine Zeit auf diesem Boot verbracht haben, von Erwachsenen und Kindern, die mit wenigen Habseligkeiten die Überfahrt in ein Land der Verheißung gewagt hatten, um sich vor Not und Verfolgung in Sicherheit zu bringen.

Doch das Boot ist leer. Es hinterlässt nur Fragen zu seinen Passagieren: Wo sind sie nun? Wer und wie viele waren es? Woher kamen sie? Konnten sie sich retten nach dem Schiffbruch? Oder sind sie ertrunken? Übrig geblieben ist nur ein Steinkreuz mit dem Gekreuzigten. Mitten im Boot mutet es befremdend an. War es vor dem Unglück schon da oder erst danach? Wie ein abgebrochener Segelmast ragt das Kreuz in die Höhe. Ein erbärmlicher Anblick. Jesus ist hier so fremd wie die Fremden. So ist er, der Gekreuzigte, mit den Gescheiterten solidarisch .

Die fehlenden Extremitäten von Jesus sind durch Metallstücke ersetzt, was ihm noch stärker eine geschundene und bedürftige Gestalt gibt. Der linke Unterschenkel ist mit einem Winkeleisen angedeutet, der linke Arm bildet eine Stange, die mit einer Kette ans Kreuz gekettet ist, sein rechter Arm wird aus einem Stahlträger geformt. Auch das Kreuz hat verschiedene „Ecken ab“. Zudem steht auf dem Schriftband über Jesus nicht I.N.R.I., sondern „STATUS QUO“ (= bestehender aktueller Zustand). Wie um klar zu stellen, dass es nun so ist, obwohl die Flüchtlinge alles daran gesetzt haben, um der Bedrohung und Verfolgung zu entkommen und in ein Land mit besseren Lebensmöglichkeiten zu gelangen..

Die Flüchtlinge haben milde Umstände erwartet, damit ihnen die Flucht gelingt: ein ruhiges Meer, Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Sie haben auf Barmherzigkeit gehofft. Sie haben gehofft, dass die Barmherzigkeit sie wie das Boot auf dem Wasser trage und sicher ans Ziel bringe. Vielleicht steht deshalb „BARMHERZIG“ in roter Schrift auf dem blauen Bootsrand und in ägyptischer Schrift als Name des Bootes am Rumpf.

Damit wird angedeutet, dass es weniger um die Barmherzigkeit an sich geht als vielmehr um eine barmherzige Haltung und ein entsprechendes Handeln daraus. Die Motivation dafür resultiert für den gläubigen Menschen aus der biblischen Vermittlung und Selbsterfahrung, dass Gott ein barmherzig Handelnder ist, in der Gegenwart genauso wie in der Vergangenheit (vgl. Ex 34,6 par). Wir leben durch die Liebe und Barmherzigkeit Gottes und in ihnen. Sie sind die Grundlage unseres und eines jeden Lebens. In der Haltung und in den Situationen, in denen wir uns selbst für das Leben des Nächsten einsetzen, treten wir in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ein, handeln wir wie ER und mit IHM zu seiner Verherrlichung. Wo oder wann das nicht geschieht, erleidet seine und unsere Barmherzigkeit „Schiffbruch“. Durch das Kunstwerk wird deutlich, dass bei unbarmherzigem Handeln etwas ganz Wesentliches und Tragendes zwischen den Menschen zu Bruch geht, das man mit Vertrauen und Solidarität beschreiben könnte. Es ruft mahnend in Erinnerung, dass dabei nicht nur der Notleidende unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss, sondern auch der Wohlhabende an Menschlichkeit verliert.

Die Installation war im Rahmen des Projektes „Da-Sein in Kunst und Kirche“ in der Kirche St. Franziskus in Regensburg-Burgweinting zu sehen.

Mutterliebe – Nächstenliebe

Eine junge Frau mit einem Knaben steht im Blickpunkt dieser Arbeit. Es sind nur die Köpfe und je ein Arm von ihnen zu sehen. Ihr Haupt ist mit einem Schleier bedeckt, ihre Augen blicken fragend in die Weite. So eng wie sie ihn an sich drückt, muss es ihr Sohn sein. Mit ihrer linken Hand drückt sie gerade eine der großen Kapseln zur Seite, so als suchte sie einen Weg oder gar einen Ausweg aus dem Feld mit den übergroßen Mohnkapseln. Der Junge hält in seiner Hand eine geschlossene Mohnblüte, sein Blick geht in die Richtung dieser Knospe in das Feld hinein. So kreuzen sich ihre Blicke.

Mit den vielen unterschiedlichen Blautönen vermittelt das Bild eine düstere Stimmung. Mutter und Sohn sind teilweise in dunkle Schatten gehüllt. Nur Teile ihrer Gesichter leuchten in der Dunkelheit dieser Nacht auf, die mehr als nur die äußere Nacht andeutet. Angst spricht aus den Augen der Frau, Betroffenheit und gleichzeitig Sehnsucht nach Licht und Freiheit. Angsteinflößend groß hat die Künstlerin die Mohnkapseln dargestellt, gleichsam als Konkurrenz zu den Köpfen von Mutter und Sohn. Sie muten wie Leuchten an, welche die beiden auf dem Weg begleiten. Sie gaukeln vor Lichtträger zu sein und in die Freiheit zu führen.

Und doch ist der Schlafmohn der Feind der Freiheit. Er führt in die Verwirrung und Abhängigkeit durch das Opium, das der Rohstoff für das Rauschgift Heroin ist. „Gefangen in Rot“ erinnert an das Schicksal von Frauen und Kindern in Afghanistan, dem Herkunftsland der Künstlerin und dem weltweit größten Produzenten von Opium. Denn der Vormarsch der Taliban fördert bei den Bauern den Anbau von Schlafmohn, weil dieser in einer kriegsbedingten Hochrisikolandschaft wenige Risiken birgt. Die innige Darstellung von Mutter und Sohn steht für die vielen Mütter, die trotz der widrigen Umstände ihre Kinder bedingungslos lieben. Sie gehen in ihrer Liebe zu den Kindern innerlich durch die Nacht, getragen von der Hoffnung, dass es zumindest für die Kinder einen Weg aus dieser „Gefangenschaft“ gibt. Steht für diesen Gedanken vielleicht der Mann in der Haltung eines Sämanns an der Stirn der Frau? Vermag er einen Samen zu säen, der nicht mit Unterdrückung und Not, Ungerechtigkeit und Leid verbunden ist?

In der gleichen Größe wie der Sämann finden sich überall auf dem Bild verstreut weitere Menschengestalten. Auch in den Mohnkapseln. Damit weitet die Künstlerin den Blick auf alle Menschen und das, was sie tun. Ob es ihnen um ihre Macht und ihren Reichtum geht oder um das Wohl aller, gerade auch der Schwächsten? Indirekt wird damit die Sehnsucht nach einer besseren Zeit angedeutet, die Parallelen mit dem Reich Gottes hat. Auch hier ist entscheidend, ob der Samen des Sämanns – als Symbol für die Kraft von Gottes Wort – auf guten Boden fällt und reiche Frucht und Wirkung entfalten kann oder nicht (vgl. Mk 4,1-23).

Die Darstellung von Mutter und Sohn soll ganz bewusst auch Maria mit dem Jesuskind sichtbar machen. Durch ihre Präsenz lässt die Künstlerin ein himmlisches Licht in der Nacht der Bedrängnis und Bedrohung aufleuchten. Mit Marias Liebe ermutigt sie nicht nur Eltern, sondern alle, die Verantwortung für andere tragen, für sie den Weg aus vielerlei Abhängigkeiten und Gefangenschaften zu suchen und zu wagen, damit diese eines Tages in Freiheit ihren eigenen Weg gehen können, mag er wie bei Jesus noch so schwer und schmerzhaft sein.

Diese Arbeit war zu Mariä Himmelfahrt im Rahmen der Ausstellung „Maria ImPuls der Zeit“ am 19. und 20. August 2017 in Warendorf ausgestellt. Hier finden Sie ausführliche weitere Informationen.

Das Geheimnis verhüllt andeuten

Fastentücher verhüllen in den Kirchen von alters her die Hochaltäre und damit das Allerheiligste. Im übertragenen Sinn nehmen sie die Sicht auf Gott und machen den Gläubigen zunächst mal haltlos, weil ihm die vertrauten Anhaltspunkte und -bilder genommen worden sind. Damit wird der Gläubige wieder zu einem Suchenden. Zu einem Suchenden nach Anhaltspunkten und Zeichen der Gegenwart Gottes. Durch das Bilderfasten rückt das Gewohnte vorübergehend in den Hintergrund und macht den Blick frei für Neues, für noch nicht da Gewesenes, ja sogar nie da Gewesenes. So trägt das Verhüllen durch Tücher dazu bei, seinen Glauben zu prüfen und Gott als Suchender neu in seinem Leben zu entdecken und zu erfahren.

Das Fastentuch von Lisa Huber beeindruckt durch seine Größe und helle Erscheinung (Gesamtansicht im Dom Klagenfurt). In der Mitte sind in elf Dreierreihen 33 gleich große Rechtecke aufgenäht. Sie beinhalten grafische Zeichnungen, die sich durch ihre abstrakten Linien und Flächen zur freien Interpretation anbieten. Links und rechts werden sie von drei hochformatigen Stofffeldern flankiert, die in ihrer Liniensprache ebenso mehr andeuten als definieren. Und doch verweist das Feld oben links auf König David, der als Psalmendichter oft mit der Harfe dargestellt wird. Unten links wird Abraham als der Stammvater der drei monotheistischen Religionen gezeigt, wie er sich über seinen liegenden Sohn Isaak beugt und ihn Gott opfern will. Im rechten Feld weisen beschwingte Linien auf Jakobs Kampf mit dem Engel hin. Im singulären Rechteck unten rechts sind hingegen Zitate des ersten und letzten Verses von Psalm 90 in der Rosenberg-Buber-Übersetzung zu sehen: „Mein Herr, du bist, du Hag uns gewesen in Geschlecht um Geschlecht. Das Tun unsrer Hände richte auf über uns, das Tun unsrer Hände, richte es auf.“ Diese 37 Applikationen heben sich durch ihre weiße Farbe vom blau-grauen Hintergrund ab, auf dem sich breitere Linien in zartem Rosa abzeichnen. Zwischen den 33 Bildfeldern sind zudem waagrechte und senkrechte rote Fäden zu erkennen, die am unteren Ende auf dem Boden in zwei Häufchen auslaufen.

Mit diesen vielen Andeutungen wird dem gläubigen Betrachter ein Weg zu Gott angeboten, auf dem er immer wieder Neues über Gott entdecken kann. So lässt die Zahl der 33 zentralen Bildelemente an die vermutete Lebenszeit Jesu denken, gleichzeitig steht sie für Vollkommenheit, für die Fülle des Lebens. Die roten Fäden, die zwischen den Feldern hindurch zum Boden führen, wirken wie Blutgerinnsel und erinnern das am Kreuz vergossene Blut Jesu, das sich am Boden sammelt. Als drittes Element verweisen die rosafarbenen Linien, die im Hintergrund durchschimmern, auf Jesus und sagen mit dem Alpha und dem Omega, dass er der Anfang und die Vollendung alles Geschaffenen ist (vgl. Offb 21,6). Das Omega ist mit seinen Rundungen gut erkennbar, das Alpha ist schmaler geformt und im oberen Teil erhöht. Sie werden erst in der österlichen Zeit, wenn das Tuch gedreht wird, zusammen mit den herunterhängenden „Fäden des Lebens“ vollständig sichtbar werden. Auf dem blauen Stoff der Rückseite, der symbolisch das Wasser des Lebens, die Taufe und damit verbundenen Heilszusagen darstellt, bringen die Silberfäden die Anknüpfungspunkte und Verbindungen zum Alpha und Omega zum Ausdruck, die „Re-ligio“ der auf seinen Namen Getauften (Silberfäden).

Mit den Darstellungen zu Abraham, Jakob und David kommt weiter der gelebte Glauben von drei Persönlichkeiten des ersten Testaments zur Sprache. Sie erzählen vom Glauben an die Führung Gottes, vom handfesten Kampf mit Gott und seinen Folgen als auch von der Zwiesprache mit Gott in Psalmen und Gebeten. Die drei glaubensstarken Männer lassen spüren, dass Gott nah ist und überraschend konkret erlebbar sein kann.

Die Darstellungen auf den 33 zentralen Feldern bilden dazu eine Art Kontrastprogramm, obwohl sie vom Psalm 90 inspiriert sind und auf ihn verweisen. In dem Mose zugeschriebenen Psalm bringt der Beter die Vergänglichkeit des Menschen vor Gott zur Sprache. Im ersten Teil macht er dies anklagend (V. 3-10), dann um Zuwendung, Huld und Gnade bittend (V. 13-17), damit wenigstens das Werk der Hände gedeihen möge. Doch die Darstellungen sind so abstrakt, dass sie sich dem Betrachter auf der Suche nach Gott fürs Erste rätselhaft und sperrig in den Weg stellen. Wohl mag man neben Davids Harfe eine Strichliste erkennen, die an das Zählen erinnert, vielleicht an die im Psalm 90 angesprochenen Lebensjahre . Alle anderen Felder erfordern jedoch einen persönlichen Zugang, der durch Parallelen zu Erlebnissen im eigenen Leben entsteht. Durch die leeren Felder mag man so auf Zeiten der Leere oder von Abwesenheiten stoßen. Die verschiedenen Zeichen dagegen können wie verdichtete Sinnbilder Situationen aus unserem Leben in Erinnerung rufen und sie vor Gott bringen. Gegebenheiten und Erlebnisse, die wir in ihrer Komplexität an Eindrücken und Gefühlen vielleicht selbst nicht richtig in Worte zu fassen vermögen.

So lädt das Fastentuch zum Verweilen vor Gott und zum Darbringen unseres eigenen Lebens ein. Inmitten des Betens und Glaubens großer Vorbilder lädt es zur geistigen Schau des Lebens Jesu als auch des eigenen Lebens ein, um in den rätselhaften Erinnerungsfragmenten die geheimnisvolle Gegenwart Gottes und die Fülle seiner Liebe zu entdecken.

Das wahre Licht kam in die Welt.

Es gibt viele Arten von Licht. Hier wird das Licht als warme Erscheinung thematisiert, gehalten von einer braun-roten Fassung, die nach oben bis auf die Andeutung einer Eiform offen ist. Das zentrale Licht ist sanft und atmet zwischen weiß und zitronengelb.

Die helle Mitte und die feurige Schale bilden eine immaterielle Einheit, die in einem grauen, eckigen Gefäß ruht, das nach oben ebenfalls offen ist. Größer gesehen kann die geometrische Form auch als einfachste Konstruktion einer Behausung gesehen werden, in der sich das übergroße Licht niedergelassen hat. Man könnte sagen: Das Unfassbare hat sich in die irdische Offenheit eingelassen und lebt nun in ihr als göttliches Licht.

Wie der brennende Dornbusch Mose angelockt hat (Ex 3,2f), lädt das warme Licht den Betrachter ein, näher zu treten und es zu schauen, zu staunen und sich an ihm zu wärmen. Es macht keine Angst, verbrennt und zerstört nicht. Es sind vielmehr Leben und Freude in ihm, die Frieden verkünden, Nähe und Gegenwart, ja Erfüllung präsentieren. In diesem symbolischen Bild ist vieles über die Menschwerdung Gottes erkennbar. Der Evangelist Johannes fasst es in dem kurzen Satz zusammen: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Denn für ihn ist Jesus das göttliche Licht, das Herz und Verstand mit Weisheit erhellt und befähigt, Jesu Wort aufzunehmen und zu befolgen. In seiner Geburt wird lichtvoll das Kommen des Retters gefeiert, der durch seinen Tod unsere Sünden getragen und in seiner Auferstehung den ewigen Tod besiegt hat. Im Bild mögen das lilafarbene Rechteck ganz unten und die diagonalen Elemente, welche es durchbrechen und einen Aufbruch, einen Neuanfang spüren lassen, auf den Tod und die Auferstehung Jesu hinweisen. Gleichzeitig lassen die x-förmigen Linien an eine Krippe im Stall denken, in der sich das göttliche Licht offenbart.

Mit seinen einfachen Elementen spannt das Bild aber nicht nur den Bogen von der Geburt bis zur Auferstehung Jesu, sondern auch vom Anfang der Schöpfung zum Bild ihrer Vollendung. Denn in der Geburt Christi erhält mit dem Menschen die ganze Schöpfung die Grundlage für einen Neuanfang. Die Referenz an den ersten Schöpfungstag, an dem Gott als erstes das Licht schuf, in dem er es von der Finsternis trennte (vgl. Gen 1,1-5), ist offensichtlich in den Worten des Johannes. Ebenso kann von der Geburt aus ein inhaltlicher Licht-Bogen ans Ende der Bibel gespannt werden, wo im Buch der Offenbarung der Autor berichtet, wie er „die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen“ sieht. Sie wird als „die Wohnung Gottes unter den Menschen“ beschrieben (Offb 21,2f), die kein Licht braucht. „Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (21,23)

Wo und wie auch immer wir Gottes Licht betrachten, in Jesus hat es ein Gesicht erhalten. Und „aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ (Joh 1,16)

Verborgen

Suchend schweift der Blick über eine rote Landschaft mit einem hohen Horizont. Durch viele Schichten führt das Bild von oben nach unten. In der Mitte des blassblauen Himmels fällt ein intensiveres blaues Dreieck auf, das in der Tiefe der Erde mit einem ebenso blauen, liegenden Kreuz korrespondiert. Die Verbindung zwischen den beiden Elementen wird durch eine senkrechte weiße Linie gefördert, die wie eine Ader die verschiedenen Schichten durchquert.

Neben dem hohen Horizont wird durch die muldenförmige Ausbildung der roten Fläche und deren Abdunkelung zum Rand hin Tiefe suggeriert. Damit öffnet das Bild auch Assoziationen an einen fleischlichen Schoß, der allerdings mit einem verhüllenden Tuch bedeckt ist, ähnlich wie in den Kunstwerken von Christo.

Das Tuch von Gielia Degonda ist ganz fein, fast transparent. Es ist eine schöne Umkleidung, ganz einfach, aber fähig, ein Erstaunen zu bewirken. Das geknitterte und gezeichnete Gewebe ist hingehaucht wie kurz vor dem Ausbruch des Lichtes, eines sehr Schönen, vielleicht eines Herrlichen. Es ist wie das Ansummen eines Liedes, wie das Erwachen einer frohen Bewegung. Zart schwebt diese Hülle als ein himmlisches Zelt über der vergoldeten Zeichen-Markierung und taucht die ganze Umgebung in ein mystisches Licht.

Das alles lässt das Kreuz zur Krippe werden, zur Krippe des Höchsten, der sich in die Tiefen der menschlichen Abgründe hinein geschenkt hat wie ein Samenkorn, das aufgehen und reiche Frucht tragen will, wie eine Quelle, welche in uns sprudelt und unser wüstes Leben in fruchtbares Land verwandeln will. Dieses Bild lässt kein Christkind sehen. Es wird lediglich angedeutet als eine im Schoß der Maria verborgene Präsenz und in enger Verbindung mit dem Himmel Stehender, über den gesagt werden wird: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ (Mk 9,7)

Weihnachten wird hier nicht romantisch verklärt dargestellt, sondern als Fest der Enthüllung, des Aufgehens, der Erfüllung von Verheißung und Erwartung. Nicht protzend und gleißend – aber schön, atmend, hauchend, musizierend – wenigstens der Möglichkeit nach. Die Hirten sind dazu gerufen worden und die Weisen aus der Heidenferne. Viele Jahre später sollten es bei der Taufe die Menschen von Jerusalem sein, dann die berufenen Apostel und in der Folge alle Menschen. Wir alle sollen hinzukommen zum Gekommenen, der sich in der Menschenart entbirgt.

Das im Titel angesprochene „Verborgen“ ist im Kunstwerk durch und durch Realität. Das Kunstwerk selbst ist verhüllte Chance, es ist der Augenblick, da die Wirklichkeit des Fassens und Aufdeckens nahe und wirklich sein kann. Es ist als Zeichen und Zeugnis der Geburt des Menschensohnes tatsächlich als Weihnachtsbild sehbar. Es ist wie ein glaubendes Erkennen dessen, was in und hinter und unter den Bildern geschieht, ein Ergreifen dessen, der sich hinter dem Schleier schon andeutet und manchmal und manchem sich enthüllt.

Dann kann der ganze rote Bereich zu einer großen Krippe werden, in der das Licht zu leuchten beginnt, aber auch zu einem offenen Buch, bei dem die vielen Striche und Zeichen nicht mehr unverständliche Hieroglyphen bilden, sondern einen Sinn stiften, der über unsere Herzen und unseren Verstand hinweg die ganze Welt zu erhellen vermag.

Bild und Abbild

Oberfläche
Wir sehen einen Kopf. Wir erkennen ihn an der Anordnung der Augen, der Nase und des Mundes. Auch wenn er um 180 Grad gedreht „auf dem Kopf“ dargestellt ist, auch wenn die Farben nur wenig mit unserem Aussehen gemeinsam haben, auch wenn der Kopf im Vergleich zu unserem riesengroß ist.

Die Kopfform füllt mit seiner Größe das Bildformat praktisch aus. So ist von seinem Körper nichts zu sehen und vom Hintergrund nur dunkelblaue Farbe. Die Außenlinien des Kopfes sind sehr einfach gehalten und für die runde Form eines menschlichen Kopfes recht gerade bzw. kantig ausgefallen. Allein betrachtet wirkt die Kopfform in der dunklen Umgebung wie ein Gefäß, in dem sich die Landschaft der menschlichen Physiognomie entfaltet. Zuerst fällt die farbliche Dualität auf, dieses Wechselspiel von Fleischfarben bis Rosa auf der linken Seite und dem kräftigen Grün auf der rechten Seite. So stark sie die eine Seite prägen, sind sie doch auch partiell auf der Gegenseite zu finden. Die grüne Farbe zum Beispiel als Augenbraue oder als linke Abgrenzung der Nase, die rosa- bis braunfarbigen Elemente finden wir im ganzen grünen Bereich. So verschränken sich die helle und die dunkle Seite farblich ineinander. Licht und Schatten kommen dadurch in diesem Gesicht zum Ausdruck. – Licht- und Schattenseiten des menschlichen Daseins?

Zwei weitere Farben sind in diesem Gesicht wesentlich. Auf der Höhe der Augen und des Mundes finden wir einen blauen Dreiklang (linker Augapfel, rechte Pupille und Haarsteifen, linke Mundhälfte), während die grau-weiße Farbe mit seiner Anwendung an Kinn und Nase eine starke vertikale Komponente beinhaltet. Während Rosa und Grün irdisch-materielle Farben (Fleischton = Mensch, Grün = Natur) sind, bringen Blau und Weiß eine himmlisch-spirituelle Dimension ins Gesicht, die mit dem Tiefblau des Hintergrundes korrespondiert. Im Weiteren fallen die großen, offenen Augen auf, der leicht geöffnete Mund und dass kaum Haare zu sehen sind.

Assoziationen
Yin und Yang, Heilandsgesicht von Jawlensky, Dornenkrone, Gefäß. Die dominierenden zwei Farben, die ineinander übergehen, erinnern an Yin und Yang bzw. das bekannte Symbol das Taijitu, in dem das weiße Yang (hell, hart, warm, männlich, Aktivität) und das schwarze Yin (dunkel, weich, kalt, weiblich, Passivität) gegenüberstehend dargestellt werden. Sie stehen für polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien.
Zu Jesus können uns zwei Details führen. Zum einen die braune Augenbraue, die mit ihren Querstrichen gleichzeitig eine Dornenkrone andeutet, zum anderen die vereinzelte Locke, die auch in den Heilandsgesichtern bei Alexej Jawlensky zu finden ist. Mit ihnen hat der Kopf von Georg Baselitz auch die stilisierten Formen gemeinsam.
Assoziationen an ein Gefäß mögen durch die relativ geraden Formen entstehen, die unten und seitlich geschlossen gemalt sich, während der obere Abschluss offener gestaltet ist.

Inhaltliche Annäherung und Erschließung
Die Frage zu stellen, wem dieser Kopf wohl gehören mag, erscheint in Kenntnis des Bildtitels wahrscheinlich überflüssig oder gar unsinnig. Aber kennen Sie ABGAR und den Grund, wieso er mit einem Portrait einer Person in Verbindung gebracht wird?

Abgar V war zur Zeit Jesu König von Edessa, einer Stadt im nördlichen Griechenland. Die Legende berichtet von einem Briefwechsel zwischen den beiden, in dem der erkrankte Herrscher Jesus bittet, ihn zu heilen. Jesus konnte aber nicht selbst kommen und versprach, zu einem späteren Zeitpunkt einen Jünger zu schicken. Dieser Auftrag soll nach Christi Himmelfahrt durch den Apostel Thomas an Judas Thaddäus weitergeleitet worden sein. Ob dem so gewesen ist, ist unklar und bleibt Legende. Viel Wesentlicher an der Legende ist die Überlieferung, dass Jesus selbst dem König Abgar einen Abdruck seines Gesichtes geschickt haben soll, das erste Vera Icon. Dies, weil der König an Jesus geglaubt hat, ohne ihm je begegnet zu sein. Die ältesten Beispiele dieser wunderbaren, wahren Portraits sind seit dem 4. Jahrhundert aus der byzantinischen Kirche bekannt. Auch die römische Kirche kennt solche Vera Icons, ich erinnere nur an das in Rom aufbewahrte Mandylion oder den Schleier von Manopello als „nicht von Menschenhand gemachte Bilder“ (Acheiropoieton), bei denen das Mandylion gemalt ist, während sich der Abdruck des Antlitzes Jesu auf dem Stofftuch von Manopello nicht erklären lässt.

Mit dieser Abgarlegende verbindet der Künstler seinen Abgarkopf. Außer der Abbildung eines Kopfes scheint sein Kopf wenig mit den wahren Bildern von Jesus gemeinsam zu haben. Zu groß der Unterschied. Doch genau um den Unterschied geht es Baselitz. Um die Differenz zwischen dem Original und dem Abbild hervorzuheben, malt er seit 1969 seine Bilder verkehrt herum. Er dreht nicht das fertige Bild nach dem Malen um 180 Grad, sondern kehrt das Motiv in seinem Kopf und Geist, um es dann kopfüber auf die Leinwand zu bringen. Dieses Malen entspricht seiner These: „für mich ist das Sichtbare nur eine Haut“. „Ob Vera Icon oder gemaltes Bild in der Vergangenheit oder Gegenwart, sie zeigen in letzter Konsequenz nur die Oberfläche. Sie sind, um mit Baselitz zu sprechen „nur die Haut“, haben mit dem Inhalt, der Essenz des Dargestellten nur wenig zu tun. Baselitz hätte im byzantinischen Bilderstreit, wie nahezu die gesamte Moderne, vermutlich die Ikonoklasten favorisiert, ganz aus dem Verständnis heraus, dass Bild und Abbild nie identisch zu sein vermögen, da ein Abbild wenig mehr als die Oberfläche zeigt.“ (Carla Schulz-Hoffmann, Georg Baselitz. Religiöse Bilder?, München 2013, S. 8-17)

Jesus oder Abgar?
Nach dem Seitenblick auf die Abgarlegende und den Umgang des Künstlers mit Bild und Abbild ist man versucht, das Bild als modernes Abbild von Jesus zu deuten. Sein Kopf „steht Kopf“, weil er derjenige ist, der vom Himmel, von oben, zu uns gekommen ist. Der dunkelblaue Hintergrund verweist auf seinen tiefen Glauben. Das tiefe Blau kann aber auch auf das Weltall verweisen und dadurch seine Abstammung vom ewigen Gott. In den zwei Farben des Gesichts kommen seine fleischlich-menschliche und seine schöpferisch-göttliche Natur zum Ausdruck. Ein starker Ausdruck sind die offenen, sehenden, mich anschauenden Augen. Das Dunkelblau spiegelt sich aufgehellt, gemildert in seinen Augen und auf seinen Lippen. War Jesus nicht ein Sehender, ein die Menschen Schauender, ja Erkennender, der auch mich sieht, beachtet, betrachtet? Und hat er durch seinen Mund nicht wunderbare Worte gesprochen, welche in ihrer Intensität und Unvergänglichkeit die Menschen damals wie heute ansprechen, begeistern und stärken?

Aber ist diese Interpretation stimmig? Der Künstler nennt das Portrait „Abgarkopf“. Das verunsichert. Nach ihm würde dieser Kopf also nicht Jesus, sondern König Abgar darstellen! Aber ist das so abwegig? Sein Glaube an Jesus war so groß, dass dieser ihn selig pries. Diesbezüglich kann der tiefblaue Hintergrund auch für den Glauben Abgars stehen. Abgar ist ganz Mensch, ein von Krankheit, von Vergänglichkeit gezeichneter Mensch. In ihm ringen die guten mit den zerstörenden Kräften, doch in seinem Schauen und Sprechen spiegelt sich durch das Himmelsblau sein Glaube an die rettende Kraft Gottes. Gott hält ihn. Gottes Gegenwart wird dreifach sichtbar: im dunkelblauen Hintergrund, dem hellen blauen Widerschein in Augen und auf den Lippen und letztlich in der weiße Farbe im Kinn- und Nasenbereich. Auf dem Kinn kann die weiße Farbe als weißer Bart gesehen werden und damit als Symbol für die Weisheit. Gleichzeitig „schweben“ die weißen Striche aber wie eine Wolke über dem Gesicht. Ein Zeichen für Gottes Gegenwart „über“ Abgar? Wollen die weiß aufgehellten Flächen im Nasenbereich auch andeuten, dass Gottes Geist in ihm „atmet“?

Gibt es also nur Jesus oder Abgar? Oder könnte das Bildnis auch Jesus und Abgar zugleich darstellen? Oder bringt es, noch größer gedacht, einfach jeden Menschen, männlich oder weiblich, ins Bild, der von seinem Glauben an Gott derart gehalten und durchdrungen ist, dass seine „Religio“ in seinem Schauen und Reden sichtbar werden? In der Schöpfungserzählung heißt es, dass Gott uns Menschen als sein Abbild geschaffen hat. Wo Christus in uns lebt und sichtbar wird, wo Gottes Gegenwart und Geist durch uns spürbar werden, da wird durch die „oberflächliche Haut“ hindurch wesentliche Tiefe spürbar: Derjenige, der unser Ursprung und durch alle Vergänglichkeit hindurch auch unsere Vollendung ist.

Erstpublikation in der Zeitschrift IfR – Informationen für den Religionsunterricht Nr. 70/2014, S. 65-66, Hrsg. Erzbischöfliches Ordinariat München, Ressort Bildung, Hauptabteilung Religionsunterricht

Glaubenszeugnis

Das Bildgeschehen gruppiert sich um eine breite rötliche Senkrechte, auf der im oberen Drittel der Gekreuzigte schwebt. Er ist vom Kreuzbalken abgenommen und wird optisch nur von diesem starken Band gehalten, das für die Liebe Gottes steht, die bis in die menschlichen Abgründe geht und dort mit den Menschen leidet (violette Verfärbung am unteren Ende). Dadurch und in Verbindung mit dem Holz des Corpus Christi ist das Leiden durchaus gegenwärtig. Viel stärker jedoch wirken durch die Abwesenheit des Kreuzes, die Freistellung der Hände und die erhöhte Position der Skulptur die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu auf den Betrachter.

Im gelben Licht wird seine Himmelfahrt von Engeln begleitet. Sie schweben auf der intensiv-roten Linie, die von ganz unten in die Höhe führt und durch ihr Pendant diagonal gegenüber (links neben Jesus) auch mit Gott Vater in Verbindung gebracht werden darf, der seinen Sohn von den Toten auferweckt und zu sich geholt hat. Die Gestalt der gelben Fläche lässt zudem an einen Baum, durch Jesus an einen goldenen Lebensbaum denken oder auch an einen Kelch, in dem sein Blut aufgefangen und zu seinem Gedächtnis und zur Vergebung der Sünden zum Trinken gegeben wird.

Von Jesus, der seinen Kopf den Engeln zuneigt, geht die Bildbewegung über die Engel auf der Zwischenhöhe auf die andere Seite hinunter zu den Menschen. Das waagrechte Element dieser Figurengruppe bildet das Gegengewicht zum Geschehen auf der anderen Seite. In Blau gemalt bedeutet, in der Farbe des Glaubens dargestellt zu sein, des Wassers, in dem sie getauft wurden, dem Himmel, in den Jesus sie aufzunehmen versprochen hat. Sie sind als Pilgernde unterwegs, als Menschen auf dem Weg zu Gott, bereit in seinen Strahl der Liebe einzutreten, von seiner Barmherzigkeit umarmt und wie Christus erhoben zu werden. Spiegelbild der im Kirchenraum versammelten Gemeinde.

Dieses Bildgeschehen richtet auf und ermutigt. Es gibt die Bewegung der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu wieder, in der er ganz der den Menschen Zugewandte bleibt und ihre Sehnsüchte aufnimmt. Es ist kein endgültiges Entschwinden oder sich Verabschieden, sondern die Wandlung seiner Gegenwart durch die Kraft des Heiligen Geistes. Dieser ist im Bild nicht explizit zu sehen, aber in der von Jesus ausgehenden Abwärtsbewegung, welche in die vertikale Menschengruppe einmündet, spürbar am wirken.

Im Weiteren macht die Bildkomposition deutlich, dass Gott in seiner unverbrüchlichen Liebe hinter seinem Sohn steht … und auch hinter allen Menschen, die an ihn glauben (Gesamtansicht).

Zahlreiche weitere Arbeiten in Kirchen finden sich im Buch Zeitgemäße Wand- und Deckenfassungen für Sakralbauten, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg, 2015, 304 Stein, > 350 Abb., 19,80 Euro.

getroffen – betroffen

Zwölf Dart-Pfeile sind auf eine Figur des Gekreuzigten geworfen worden, neun haben seinen Körper getroffen und „nageln“ ihn auf dem weißen Untergrund fest. Die Pfeile erscheinen im Vergleich größer als die Figur des Gekreuzigten. Übermächtig an Größe und an Zahl dominieren sie das Geschehen – und wären doch nur ein Geschicklichkeitsspiel, wenn sie nicht Jesus als Ziel gehabt hätten.

So wird eine Hinrichtungsart aus der Zeit der Römer ins Zentrum eines harmlosen Wurfspiels unserer Zeit gestellt und eine Grausamkeit geschaffen, bei der man gar nicht richtig hinschauen kann. – Es tut weh, den Leib Jesu von diesen Pfeilen durchbohrt zu sehen, es schmerzt richtig, ihn an Händen, Füssen und anderen Körperstellen getroffen und festgenagelt zu sehen. – Vielleicht braucht es diese Verfremdung und dieses in-einen-neuen-Kontext-Stellen der Kreuzigung Jesu, um durch Gefühle wie Empörung, Entrüstung, Abscheu, etc. Betroffenheit und eine Re-Aktion auszulösen.

Denn „man wirft nicht mit Dartpfeilen auf einen religiösen Gegenstand wie die Figur des gekreuzigten Jesu. So etwas macht man nicht. Das ist pietätlos.“ – Aber trifft es nicht den Kern einer jeden Kreuzigung, einer jeden mutwilligen Tötung von Menschen, dass damit das Recht auf Leben genommen wird, dass damit das 5. Gebot mit Füßen getreten wird, nicht zu töten?

Zwölf rote Pfeile hat der Künstler für seine Arbeit verwendet. Symbolische zwölf, weil diese Menge eine erhabene Zahl darstellt, eine Fülle, die von alters her alles und alle impliziert. Jeder von uns ist durch seine Unvollkommenheit und Fehler ein potentieller Pfeil, der Jesus und mit ihm Gott trifft und verletzt. Die rote Farbe der Flights, wie die kreuzförmigen Flugstabilisatoren der Pfeile heißen, mag als Hinweis auf das leidenschaftliche Engagement gedeutet werden, wenn es um die Verteidigung eigener Meinungen, Rechte oder auch des eigenen Lebens geht. Man sieht dann oft nur noch „rot“ und handelt aus dem Affekt.

Die künstlerische Arbeit lässt darüber nachdenken, mit was für „Pfeilen“ wir um uns schießen. Mit welchen Worten und Haltungen verletzen wir Menschen in unseren Lebensbereichen, nageln wir sie fest und machen wir sie damit vielleicht handlungsunfähig? Denn alles, was wir wie auch immer den Geringsten unter uns zukommen lassen, machen wir für Jesus oder gegen ihn (vgl. Mt 25,40.45) – und treffen ihn damit – wie mit Pfeilen.

Vom Himmel hoch

Mit wenigen Kohlestrichen hebt sich der Kinderkopf vom weißlich strukturieren Hintergrund ab. Er scheint aus dem Nichts aufzutauchen. Zeichnerische Ausschweifungen deuten jedoch an, dass er von oben kommt, in Rundungen gesprochen geradezu in die Welt purzelt.

Körperlich scheint der Kopf allein zu sein. Und doch wird er auf der rechten Seite durch die dunkleren Schattierungen und nach unten durch einen gelblicheren Farbkörper und der darüber liegenden Notenlinie gehalten.

Festlich stimmt der Musikschlüssel auf die ersten drei Töne ein. Wer sie nachsummt, wird neben den Tönen schnell auch die dazugehörigen Worte aus dem bekannten Weihnachtslied hören: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Diese Worte begründen im Lied den Auftritt und die Botschaft des verkündenden Engels, während sie in der vorliegenden Arbeit dem Kind zugeordnet werden können. „Vom Himmel hoch, da komm ich her!“

So schlicht kommt diese bahnbrechende Botschaft an, dass sie übersehen und überhört werden kann. Gott drängt seine Menschwerdung den Menschen nicht auf. Nur wer offen für Gott ist und auf ihn zu hören vermag, bei dem kann die Botschaft ankommen und das Wort Fleisch werden.

Ein anderer Aspekt leuchtet durch die Darstellung diskret auf: Jedes Menschenkind ist ein Geschenk des Himmels, ein Geschenk Gottes an seine Eltern als auch an alle Menschen. In jedem Neugeborenen schenkt Gott sich selbst in neuem Leben und neuer Liebe mitten unter uns Menschen.

Vom Himmel hoch da komm ich her …
damit der Mensch zum Mensch wird mehr und mehr!

Neue Schöpfung

Das Bildgeschehen konzentriert sich auf die vertikale Bildachse. Vor einem hellgrauen Hintergrund erhebt sich unten ein Mensch mit ausgebreiteten Armen über den Horizont der Landschaft. Wie in einem gläsernen Fahrstuhl scheint er aus der Tiefe der Erde zu kommen und in den weiten Himmel aufzufahren. In ihm wird gleichzeitig der gekreuzigte, der verstorbene und begrabene, der auferstandene als auch der in den Himmel erhobene Jesus dargestellt.

Über seinen ausgebreiteten Armen erhebt sich ein großes weißes Rund – Symbol für das Himmelreich, für Gott. Unaufdringlich und schön ist seine Gegenwart, kontrastreich verstärkt durch die Lichtbrechung in den Spektralfarben. Wie eine aufgehende Sonne, die den Morgennebel durchbricht, leuchtet die Lichterscheinung in der gräulichen Umgebung.

Schemenhaft sind darin grüne Baumzeichen zu erkennen. Sie sind Symbole des Wachstums und des Lebens und bilden von der Erde emporstrebend gleichsam eine Allee in die sphärischen Höhen. Insofern erinnern sie an die Bäume des Lebens, wie sie der Seher Johannes in der Vision des himmlischen Jerusalems beschreibt:

Der Engel „zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus. Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. […] Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.“ (vgl. Offb 22,1-3.5)

Gottes lebensspendende und heilende Gegenwart wird nicht nur im Gegensatzpaar Licht – Dunkel erfahrbar. Auch die beiden waagrechten Elemente des Bildes – unten die dunkle Erde, oben der bunte Farbbalken – erzählen davon, dass Gott alles neu macht (vgl. Offb 21,5) und die „verbrannte“ Erde in eine neue und leuchtende Daseinsebene zu überführen vermag. Der Dialog zwischen dem wie eine Glut in den Tiefen der Erde versteckten Rot mit dem in die Mitte geholten Rot im himmlischen Farbbalken ist ein weiterer Hinweis, wie Gott die ganze Schöpfung mit der Auferstehung Jesu neu ordnet und wesentlichen Lebenselementen wie der Liebe ihren ursprünglichen zentralen Platz zurückgibt. So wird auch die Kreuzform neu definiert. Im Gegensatz zur menschlichen Kreuzform und den beiden kleinen Kreuzen daneben, die den Tod Jesu und der beiden mit ihm gekreuzigten Männer erinnern, bilden das vertikale Element des Auferstehenden und das horizontale Farbelement eine rettende Zuordnung. Die Gegensätze kreuzen sich nicht, sondern bilden in einem spannungsvollen Miteinander ein Tau-Zeichen, in dem das Leben eingeschrieben ist.

Vom Auferstehenden ausgehend führt das Bild in die Höhe, in die Bildtiefe und Weite, womit es sehr gut eine Visualisierung des Psalms 18 sein könnte. Bilden die runde Lichterscheinung und das darunterliegende Element, das die Erde berührt und sich auf der Höhe des Auferstehenden befindet, nicht eine Art Schlüsselloch und deuten damit einen Zugang zu einem hinter der sichtbaren Welt liegenden Raum an? Jesus ist der Schlüssel zu jener neuen Welt, er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen und Gott, allem Geschaffenen und Ungeschaffenen. Er ist der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), der zum Vater führt, in das Leben, das kein Ende hat.

Gekreuzigt – auferstanden – in den Himmel aufgefahren

Eine nackte männliche Person befindet sich im Schoß einer Frau mit blauem Gewand. Er schaut zu ihr hoch, während sie dem Betrachter in die Augen schaut. Ihre beiden großen Hände sind nach vorne gekehrt. Sie sind leer, als wollte sie damit sagen: Seht, das ist mein geliebter Sohn!

Auch ohne die traditionelle Ikonografie lassen sich in den beiden Personen Maria und Jesus erkennen. Sie, die ihn in der Geburt einst in die Welt entlassen hat, muss ihn nun erneut loslassen – in den Tod. Dabei liegt er nicht wie in bekannten Pietà-Darstellungen horizontal über ihren Knien, sondern steht in seiner Mutter. Der Künstler hat Jesus ganz materiell in ihren Mutterschoss zurückkehren lassen, so dass er nicht nur durch ihren Mantel, sondern auch durch ihren Körper geschützt wird. So wird Maria gleichzeitig als Schutzmantelmadonna wiedergegeben. Jesus war der Erste, der ihren Schutz erfahren durfte. Nackt wie er geboren wurde, liegt er nun wieder in ihrem Schoß, an ihrem Herzen.

Durch seine senkrechte Gestalt ist seine Auferstehung vorweggenommmen, auch wenn sein Körper mit Mariens loslassenden Händen zusammen noch auf das Kreuz und seinen Tod hinweisen. Deutlich sind seine Wundmale an den Füssen zu sehen.

Seine Gestalt ist eher jämmerlich zu bezeichnen. Sie erinnert an den im Buch Jesaja beschriebenen Gottesknecht (Jes 42,1-4; Jes 49,1-6; Jes 50,4-11; Jes 52,13-53,12), aber auch an von Krankheit, Not und Sterben gezeichnete Körper.

Damit kann sich jeder Mensch in Elend und Not in Jesu Gestalt wiederfinden und darf sich von Maria in seiner Not und gegebenenfalls auch in seinem Sterben gehalten und geborgen fühlen.

So sehr der blaue Mantel das Zeichen Mariens ist, wird die blaue Farbe in dieser Darstellung auch zur Farbe des Himmels. Maria wird zur Himmelspforte, durch die Jesus mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird. Maria wird dadurch auch zum Sinnbild für den barmherzigen Vater selbst, der seinen toten Sohn in sich aufnimmt, um ihm an seinem Herzen und zu seiner Rechten neues, ewiges, herrliches Leben zu geben.

MARIA

Ohnmächtig
vor Trauer

Machtlos
gegenüber dem Tod

Loslassen
wie bei der Geburt

Lassen
was unfassbar ist

GOTT

 

Marianne Oettl

Kreuzauflegung

Glühende gelb-rote Farben füllen das Bild aus. Als einzige konkrete Form erhebt sich ein Tau-Kreuz in die Höhe. Seine Flächen heben sich aufgehellt – unten schwach, oben stärker – vom abstrakten Hintergrund ab. Wie ein Nagel senkt es sich in den gelben Bereich ein und wird dort gleichsam eins mit der Andeutung eines Menschen, dessen nach links gewendetes Gesicht nach und nach zu erkennen ist.

Gebückt und in sich gekehrt scheint er vorwärts zu schreiten, in sich eine glühende Energie tragend. Sie geht von seinem Nacken aus, auf dem das im Verhältnis zum Menschen kleine Kreuz aufliegt. Hier wird die Last des Kreuzes angedeutet, vielmehr aber die Veränderung im Kreuzträger. Entgegen den Erwartungen ist er – ebenso wie das Kreuz – nicht dunkel dargestellt, sondern als Lichtgestalt, die gleichsam als Mittelpunkt durch die ihn umgebende Feuersbrunst an Erregungen, Aggressionen und vernichtenden Emotionen geht.

In ihm leuchtet etwas Göttliches auf. Jesus wurde das Kreuz wegen der Menschen und von Ihnen aufgelegt, aber nur, weil es Gott zuließ. So kommt das Kreuz in dieser Darstellung mehr von oben als aus irgendeiner Menschenhand. Von der Auferstehung her gesehen wurde klar, dass die Hingabe Jesu bis in die Abgründe des Kreuzestodes zu Gottes Plan gehörte, um die Sünde des von ihm so sehr geliebten Menschen zu sühnen und zu tilgen. So darf das Kreuz als Not wendendes Mittel zu unserem Heil gesehen werden, als göttliches Instrument, das seinen Sohn so tief erniedrigte, dass er – auch am Kreuz erhöht – von ganz Unten die ganze Menschheit zu erlösen vermochte.

In unserem Bild scheint eine Feuersbrunst den Menschensohn zu umgeben, er musste förmlich durch die Hölle gehen. Wiederum stellt sich die Frage nach dem Licht, das er in sich trägt. Was ist das für eine Kraft, die glühender wirkt als sein Umfeld? Was ist das für eine Kraft, die ihm gleichsam über das Kreuz, das er wie eine Antenne zu Gott trägt, zufließt? Ob die warmen Farben mit dem Heiligen Geist in Zusammenhang gebracht werden dürfen, dem göttlichen Beistand par excellence? Damit Jesus das unerträgliche Leid aushält und auch in der größten Gottverlassenheit nicht aufgibt?

Von Jesus ausgehend ist das Bild offen für die mannigfaltigen „Kreuzauflegungen“ im Leben von uns Menschen, seien es unheilvolle Naturkatastrophen, Unfälle, Beziehungsdramen und anderes mehr. So gesehen nimmt der „Kreuzweg Jesu“ kein Ende. Aber dadurch, dass Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, ermutigt er alle, trotz der unsäglichen Schmerzen, trotz des schweren Leids nicht aufzugeben. Denn Gott ist dreifaltig in ihm, neben ihm, über ihm. Tod und Auferstehung Jesu lehren uns, dass Gott in seiner Weisheit alles zu einem guten Ende führt, auch wenn es in unseren Augen gar nicht so aussieht.

 

Klein wird der Mensch unterm Kreuz,
es ist aus mit dem aufrechten Gang,
mit seinem guten Gesicht, er ist geschafft
vom Geißeln, von Dornen gerissen,
man machte ihn schwach, er fällt ein.
Nun noch das Kreuz auf den Buckel
gezwungen, ihm pfeift der Atem durchs Blut
der Schmerz färbt das Holz in die Augen,
er sieht blutrot und verschwommen,
ein paar weiße Blitze und die leeren Gesichter
der Schinder. Man treibt ihn auf den Weg.
Nie hatte er so schwer getragen.

Ich weiß nicht, was er noch sieht unter
den Lidern, im wundgeschwellten Gesicht,
im Feuer der Schmerzen, mit den Dornen
im Kopf, unterm Kreuz,
taumelnd, als der Weg ihm beginnt.
Niemand nimmt sowas auf sich.
Doch es liegt schon auf ihm.
Er schaut blutädrig den Schrecken,
der ihn ausquält zum hitzig gleißenden Tod,
in die Kälte aus Hass.
Was denkt er im verklumpenden Fleisch?
Ein paar Stunden noch in seiner Stunde.
der Blick Schrei, der bald bricht.
Ein Gebet?
Vater.

Es muss sein, sagte er einmal den Jüngern.
Warum?
Was soll das?

Es ist über ihm. Vater.
Mein Gott.

(Josef Rossmaier)

Der 12-teilige Kreuzweg sowie eine Auswahl großformatiger Gemälde aus dem Jahr 2014 sind zusammen mit den eindrucksvollen Worten von Josef Rossmaier im 40-seitigen Katalog „Jacques Gassmann, Weg und Nachweg“, Sonderheft 7 des Diözesanmuseums Regensburg unter der ISBN 978-3-9817126-0-5 erschienen. 

Die frohe Botschaft weitergeben

Mächtig erhebt sich die vergraute Eichenstele in die Höhe. In der oberen Hälfte sind drei Reihen Porzellanisolatoren von früheren Telegraphenmasten angebracht. Zusammen ergeben sie eine Art Baumkrone oder Dach. Eine leicht geschwungene Form verleiht der Skulptur zudem eine dynamische Eleganz.

Unterhalb der Isolatorenreihen, etwa in der Mitte der Eichenstele, ist eine quadratische Öffnung ausgenommen. Ihre Seiten sind vergoldet, auf ihrer Grundfläche liegt klein und unscheinbar eine kleine Menschengestalt, ein Kind, ein Neugeborenes. Sein Körper ist so in Leinen eingewickelt, dass er wie ein Laib Brot aussieht, sein Kopf ist dem Betrachter leicht zugewandt.

Als Lichtgestalt tritt das weiße Kind im goldenen Sch(r)ein und der dunklen Umgebung in Erscheinung. Sein Körper korrespondiert mit den weißen Porzellanelementen, die durch ihre vereinfachte Gestalt selbst Lichtwesen andeuten, eine symbolische Engelschar, die diesen Ort umgibt.

Die massive Holzstele ist zu einem irdischen Haus für den Gottessohn geworden. Sein „Brotleib“ erinnert seinen Geburtsort Bethlehem – der übersetzt „Haus des Brotes“ heißt. Und er erinnert auch, dass sich in Jesus Gott selbst den Menschen schenkt und ihnen sein Leib in der Gestalt des geteilten Brotes zum Essen gibt (vgl. 1Kor 11,24).

„Die Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist die wirkliche Selbstmitteilung Gottes an die Kreatur.“ (Karl Rahner) „Die große Eichenstele mit eingefügten Teilen alter Telegraphenmasten lässt das Übermaß dieser Botschaft auf die unscheinbare Gestalt des Kindes treffen. In ihm, dem Kind von Bethlehem, findet und verehrt der Glaube das unfassbare Geheimnis der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus.“ (Peter Klein)

Die Elemente der früheren Telegraphenmasten machen deutlich, dass die Botschaft von der Geburt des Gottessohnes in alle Welt hinausgetragen werden soll. „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lk 2,11-12)

Im Bild ist der „Telegraphenmast“ der Übermittler dieser Frohen Botschaft. Aber hat der aufgerichtete Eichenbalken nicht auch eine entfernte Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt? Würde die Skulptur dann nicht auch andeuten, dass Gott seinen Sohn in uns hineingelegt hat und wir ihn als Christusträger zu allen Menschen bringen sollen, zu denen wir gehen und denen wir begegnen? Und ihnen persönlich von unserem Glauben Zeugnis geben, dass Gott sich uns mitgeteilt hat und in uns lebt? – Durch die Geburt Jesu hat die Beziehung zwischen Gott und Mensch eine neue Qualität erhalten. Diese soll sich auch unter uns Menschen auswirken.

Im Herzen gebor(g)en

Auf einer gerundeten roten Fläche liegt ein Kind. Oder besser gesagt es liegt in einer von Leben pulsierenden Herzform. Wie eine vulkanische Eruption aus der Tiefe der Erde ergießt sich das warme Rot zu dieser Herzform. Die Wärme dieses Herzens wird gesteigert durch eine kalte Umgebung, die genauso an eine Winterlandschaft zu erinnern vermag wie an Tageszeitungen, in denen Neuigkeiten verbreitet werden. Denn auf den Papierfragmenten ist in blauen Großbuchstaben wiederholt JESUS zu lesen und in schwarzen Zahlen 24.12. Alle Welt soll von seiner Geburt hören, alle sollen seinen Namen kennenlernen.

Der Neugeborene ist diagonal in dieses Herz gebettet. Seine Arme und Beine sind angewinkelt, sein Gesicht ist halb verdeckt durch ein Sternfragment mit einem Schweif, das zugleich eine Krone anzudeuten vermag. Links neben ihm liegen weitere leuchtende Objekt, die möglicherweise Geschenke darstellen.

Das Kind wirkt verloren in diesem Herz. Es sind keine weiteren Menschen zu sehen, nicht einmal Maria oder Josef. Allerdings umgibt es auf der rechten Seite ein grau-weißes Band, das sich an drei Stellen zu Gesichtern ausformt. Zum einen auf der Höhe der Hand mit einer vertikalen und einer horizontalen Andeutung, zum anderen zu seinen Füßen in der Ausformung zu einem schwarzen Gesicht mit Knollennase. Dieses wirbelnde Band hat etwas Festliches. Es könnte die drei Weisen aus dem Osten darstellen, die zum Kind kamen, um ihm zu huldigen. Andererseits zieht sich diese grau-weiße Linie wie eine tragische Spur der Zerrissenheit durch das Herz und erinnert an all jene, die dem Neugeborenen nach dem Leben trachteten. Ein schwarzes „Loch“ links neben dem Kind verstärkt diesen unheilvollen Eindruck durch seine Verbindung mit den dunklen Stellen im Band.

Damit verbindet das ambivalente Band die beiden Bereiche des Hintergrundes, auf denen stilisierte braune Sterne bald zu hellen, bald zu dunklen Kreuzen werden. Unmissverständlich weist auch der weiße Judenstern unterhalb des Kindes auf seine Abstammung hin. Wie die Juden im Zweiten Weltkrieg ist dieses Kind gekennzeichnet und – so wie sein Name und das Datum ins Bild eingebracht worden sind – auch abgestempelt: Das ist er, das muss er sein, der neugeborene König der Juden, der Menschensohn, der Sohn Gottes, den der Vater als Kind zu uns Menschen geschickt hat.

Allein, hilflos, ausgesetzt, wie unerwünscht liegt das Kind inmitten dieser eisigen Landschaft. Doch das göttliche Kind ist uns ans Herz gelegt. Es ist uns ins Herz gelegt, damit wir ihm Geborgenheit schenken, es schützen und für es sorgen. Wir sollen Jesus in unser Herz aufnehmen, er will in uns und durch uns zur Welt kommen und Licht in der Welt sein.

Die Schriftzeichen wirken wie Nachrichtenfetzen: Heute ist euch der Heiland geboren. Im Herzen sollt ihr ihn tragen und verehren. Im Herzen sollt ihr ihn wärmen und mit Leben erfüllen, so dass er in euch groß werden kann und ihr durch ihn immer mehr zu Christenmenschen werdet.

Millionenfaches Leid

Durch konzentrisch angeordnete Kreuzreihen wird der Blick auf die liegende, erschlaffte Menschengestalt in der Bildmitte gelenkt. Sie ist heller als das ebenfalls schwarz-weiße Umfeld und anders strukturiert. Ihre Körperhaltung ist unnatürlich, weil sie im Schoß einer erst nach und nach erkennbaren Person liegt: Maria.

Der Leichnam Jesu liegt in ihren Schoß eingesenkt. Hier ist er Mensch geworden, hier trauert Maria um ihren Sohn und das Leben, das ihm genommen worden war. Jesu Kopf und Extremitäten hängen schwer nach unten. Und doch hält Maria ihn mühelos und wird nicht von ihm erdrückt. Sie hebt sich nur durch die feinere Struktur ihres Gewandes und die schwache Silhouette ihrer Gestalt vom Hintergrund ab. So tritt sie gegenüber Jesus zurück und verschwindet nahezu in den konzentrischen Kreisen aus Kreuzen, die von innen nach außen größer werden.

Es sind diese großen und kleinen Kreuze, die neben dem Leichnam Jesu und seiner Mutter Maria das Bild prägen. Nur auf dem Körper von Jesus sind die Kreuze schwarz auf hellem Hintergrund gestaltet. Alle anderen Flächen sind von weißen Kreuzen bedeckt. Wie ein Netz überspannen die digitalisierten Kreuzzeichen Michelangelos Pietà. Nur noch an den Körperhaltungen zu erkennen, ist sie durch die Kreuze verfremdet und in einen weiteren Kontext gestellt worden, um über das Einzelleid von Jesus und Maria hinauszuweisen. Sie erinnern an Soldatenfriedhöfe mit den endlosen Reihen mit weißen Kreuzen. Sie verdeutlichen das millionenfache Leid der Gefallenen und der Trauernden im 1. Weltkrieg, dessen Anfang sich am 28. Juli 2014 zum 100. Male jährte, sie sollen an die Millionen Gefallenen im 2. Weltkrieg erinnern, der mit dem Einmarsch der Nazis in Polen am 1. September vor 75 Jahren seinen katastrophalen Anfang nahm, an den Terroranschlag am 11. September 2001 auf die Twin Towers in New York, an das aktuelle Zeitgeschehen im Nahen Osten, in dem nicht enden wollende kriegerische Auseinandersetzungen millionenfaches Leid über die Bevölkerung bringen.

Die konzentrisch angeordneten Kreuze bilden keinen Heiligenschein, keine Verherrlichung leuchtet durch sie auf. Vielmehr ziehen sie in die Tiefe, so wie Leid und Tod Betroffenen wie Angehörigen den Boden unter den Füßen entzieht. Doch Maria mit Jesus auf dem Schoß befindet sich wie ein Pfropfen vor diesem Sog. Wie um weiteres Leid zu verhindern. Als Anhaltspunkt, Anker, Trost.

Die Muttergottes hält stellvertretend für alle Mütter ihren Sohn in den Armen. Oder anders gesagt, mit ihm hält sie auch alle anderen gefallenen Söhne und Töchter. Und sie trauert mit allen Müttern (und Vätern) um ihre getöteten Kinder. Auch wenn sie im Bild noch verhüllter erscheint als in der aus Marmor geschlagenen Pietà im Petersdom, ist sie die Mater dolorosa, die Schmerzensmutter, die mit allen leidet, die durch Krieg, Hunger, Krankheit oder welche Ungerechtigkeit auch immer ums Leben kamen.

Der Künstler Thomas Bayrle schreit dieses Leid förmlich in die Welt. Denn während die vatikanische Pietà 174 cm hoch und 195 cm breit ist, hat er seine Pietà aus Kreuzen doppelt so groß werden lassen. Alle Menschen sollen endlich sehen, was so unbegreiflich schwer zu fassen ist. Jeder soll in der erschlagenden Fülle an Kriegsbildern endlich aufmerken … und sein Denken und Handeln überdenken … überlegen, was er dazu beitragen kann, damit das Leid ein Ende findet.

Palmsonntag

Braun glänzend – wie aus flüssiger Milchschokolade – präsentiert sich die Figurengruppe aus acht stehenden Figuren, einem Reiter mit seinem Pferd und einem Gekreuzigten. Sie befinden sich in einem ebenfalls braunen Umfeld, in dem der Boden etwas dunkler, der Hintergrund – auch durch die sonnenähnliche Lichterscheinung – etwas heller gestaltet ist. Kabel verbinden die einzelnen Figuren, die alle in der gleichen Gestalt und Haltung dargestellt sind. Mit parallelen Beinen, senkrechtem Oberkörper, aufgerichtetem Kopf und seitlich erhobenen Armen stehen, sitzen oder hängen sie im Bild. Weder ihre Füße, Hände noch ihre Gesichter sind im Detail herausgearbeitet.

Die abstrahierten Menschenfiguren machen den Eindruck, zu einem Spielzeugsortiment zu gehören. Jemand hat sie so aufgestellt, dass die acht Stehenden mit exakt gleichen Abständen zueinander eine Kette oder die Art Spalier bilden. Der Reiter ist an ihnen vorbeigeritten, wie vor einer Ehrengarde. Im Hinblick auf den Gekreuzigten … ein letztes Geleit?

Ebenso befremdlich wie die im anhaltslosen Raum verlorene Figurengruppe wirken die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen. Im Vergleich zu den starren, uniformen Figuren sind sie erstaunlich beweglich und individuell gestaltet. Sie scheinen weder in der Bewegung noch in der Befestigung einem erkennbaren Schema zu folgen (Draufsicht). Auffallend ist allerdings, dass das Kabel in gleicher Weise durch die Brust des Reiters hindurchgeht wie gleich darauf durch die Brust und das Herz des Gekreuzigten. Dann senkt es sich in eine rechteckige Grube, die aus dieser Perspektive nur am Lichtschein schwach erkennbar ist, in einer anderen Ansicht aber als energiegeladener Gegenpool zur Sonne in Szene gesetzt wurde. Ein zweites Kabel steigt dieser Vertiefung auf und führt zur Figur ganz links.

Das Kabel bildet also einen Kreislauf. Es ist ein Band, das durch alles geht und dadurch eine starke Verbundenheit schafft. Es bringt die gleichförmigen Figuren zueinander in Beziehung und deutet eine Abfolge an, die ohne diese Verbindung nicht ersichtlich wäre: Ein Vorher und ein Nachher, ein ungläubiges Mittun und ein gläubiges Verstehen, ein Zujubeln Jesu beim Einzug in Jerusalem, dem die furchtbare Kreuzigung, der Tod und die Grablegung folgen, als auch ein neues Sehen, Verstehen und Erleben der Ereignisse nach der Auferstehung. Ob es Zufall oder Absicht ist, dass – zumindest in dieser Ansicht – vier Kabelpartien Parallelen aufweisen und gebündelt in die Richtung der erleuchteten Grube, des leeren Grabes weisen?

Aus ihm steigen zwei Kabel auf, die wie zwei Stromkabel direkt als auch durch den Gekreuzigten den Reiter hindurch die so starre Figurengruppe bzw. fast die ganze Figurenreihe „elektrisieren“ oder mit „Leben“ versorgen. Denn die zweite Figur von links (Detailbild) ist nicht mit den anderen verbunden, obwohl sie genau so dasteht wie die anderen. Was der Künstler damit wohl andeuten möchte? Sieht er diese isolierte Figur im Zusammenhang mit Judas, der auch am Abendmahl teilgenommen hatte, obwohl er Jesus gleich danach verraten hat? Oder soll sie andeuten, dass der Glaube an Jesus letztlich ein Geschenk ist, eine Gnade, die nicht jeder annehmen kann?

Unabhängig davon ist die Offenheit oder Mehrdeutigkeit bemerkenswert, die durch die Gleichförmigkeit der Figuren entsteht. So sind alle Figuren vom Kreuz gezeichnete Gekreuzigte, die Freistehenden aber zugleich vom Kreuz gelöste und erlöste Menschen in einer neuen Freiheit und Wirklichkeit. Haben sie Jesus beim Einzug in Jerusalem noch mit erhobenen Armen jubelnd „König Israels“ zugerufen (Joh 12,13), so können ihre ausgestreckten Arme nach seiner Auferweckung ihre Freude zum Ausdruck bringen, dass er der Auferstandene ist, der Herr des Lebens, Gottes Sohn. In Bezug auf die Figur, die nicht mit Jesus und den anderen verbunden ist, könnte die Gleichförmigkeit ihrerGestalt und ihr Platz in der Reihe darauf hinweisen, dass bei allen Menschen das Potential und die Möglichkeit des Glaubens an Jesus vorhanden ist.

So sehr die Figuren mit einem Spiel, mit spielerischer Oberflächlichkeit und Beliebigkeit in Verbindung gebracht werden können, sie stehen gerade in ihrer Anonymität für ALLE Menschen. Die Zahl Acht setzt sich aus der Sieben und der Eins zusammen, wobei die Sieben als Summe von drei und vier für Fülle und Vollendung, für die Vereinigung des Geistigen und des Irdischen steht, während die Zahl Acht auf den „achten Schöpfungstag“ hinweist, die Auferstehung Christi und die Neuschöpfung des Menschen durch IHN.

Die erhobenen Arme des Reiters bringen deshalb auch nicht seine Reitkunst zum Ausdruck, sondern formen die Vorgestalt des Gekreuzigten und bringen seine Bereitschaft, das Kommende anzunehmen und zugleich die vorweggenommene Freude des Sieges über den Tod zum Ausdruck. In seiner ganz eigenen Darstellung vermag dieses am Computer hergestellte Bild also trotz seiner befremdlichen Erscheinung Wesentliches des Einzugs Jesu in Jerusalem darzustellen und seine Bedeutung im Licht der darauffolgenden Ereignisse zu entfalten. Deswegen hat die braune Farbe auch weniger mit Schokolade, als vielmehr mit der Erde und dem Sterben zu tun. Eine grüne Version des Bildes zeigt denn auch, wie österlich befreit die Figurengruppe in der Farbe des frühlingshaften pflanzlichen Lebens und ohne die lebenserhaltende „Nabelschnur“ wirken kann.

Hilferuf in der Verstrickung

Eine menschliche Figur liegt im Vordergrund, den Blick und den linken Arm nach oben richtend (Totalansicht). Sie ist in seilartige Fäden eingewickelt, verstrickt in einer langen Schnur, die gewunden von einem übergroßen Garnknäuel zu ihr führt. Dieses Seil scheint ihre Freiheit nach und nach eingeschränkt, dann gefesselt und schließlich zu Fall gebracht zu haben. Nun wirkt es, als sei es der Person gerade noch gelungen, den linken Arm zu befreien, um Hilfe vom Himmel zu erflehen.

Bei der Frage nach der Person geben einerseits die Wundmale an Händen und Füßen als auch die Körperhaltung den Hinweis, dass es sich um Jesus handelt, dessen Körper aus einer Kreuzigungsdarstellung (Detailbild) ausgeschnitten und um 90° nach links gedreht aufgeklebt wurde. In liegender Position und umwickelt von dem seilartigen Garn, wirkt sein Körper gefangen und gestrauchelt, aber lebend.

Hinter ihm stehen sich zwei runde Formen gegenüber. Links von seinem Arm befindet sich eine rote Schüssel mit einem Tuch. Es hängt so über den Schüsselrand, dass sein rechter Zipfel nach rechts weist und dort in leicht aufsteigender Linie über die Schnur zum Fadenknäuel führt. Jesu Arm geht mittendurch, gleichsam Freiraum ringend.

In der Grauzeichnung mutet Jesus wie ein Sterbender aus einem antiken Theater an. Dramatisch liegt er darnieder, Kopf und Arm zu einem letzten Hilfeschrei erhoben. Seine Verfolger haben ihn zu Fall gebracht mit all den Fäden, die sie gegen ihn gesponnen haben (vgl. Mt 26,4). Endlich haben sie den unbequemen Störenfried in ihre Gewalt gebracht, bald wird er nicht mehr gegen sie und ihre Verhaltensvorstellungen reden können.

Offensichtlich ein Sieg. Aber die Verbindung zu der durch den Wollknäuel symbolisierten Personengruppe ist nicht gekappt. Auch wenn sie es nicht wollen, werden sie mit ihm verbunden bleiben, ob sie nun aktiv seinen Tod gefordert oder sich wie Pilatus der Verantwortung entziehend die Hände in Unschuld gewaschen haben (Mt 27,14). Die rote Schüssel mit dem Tuch kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie verweist aber genauso auf die Fußwaschung vor dem letzten Abendmahl (Joh 13,1-20; vgl. Lk 24,26f), mit der Jesus seinen Jüngern nochmals den Unterschied zwischen Dienen und Herrschen eindrücklich vorgelebt und ersteres als richtungsweisendes Beispiel gegeben hat.

Schließlich soll noch die auffallende rote Farbe der Waschschüssel auf ihre Bedeutung befragt werden. Unwillkürlich lässt sie an das Blut denken, das bei Jesu Folterung und Kreuzigung geflossen ist. Doch in der Chronologie des Geschehens kann sie bei der Fußwaschung zuerst als Zeichen der Liebe, der ganzheitlichen Zuwendung und Hingabe gedeutet werden (Joh, 13,1). Erst mit dem Gebet in Getsemane, bei dem sein Schweiß aus Angst wie Blut zur Erde tropfte (Lk 22,44), erhält die rote Farbe die Bedeutung des Blutes. Und was in Getsemane tropfenförmig seinen Anfang nahm, wird am Kreuz durch den Lanzenstich des Soldaten als Blut und Wasser aus seiner Brust herausfließen (Joh 19,34).

Viele Aspekt der Arbeit verweist so auf die Zeit des Leidens und Sterbens Jesus. Aber ob man das Kunstwerkt ohne die Titelangabe mit Getsemane in Verbindung bringen würde? Jesus ist allein dargestellt, ohne die Jünger. Aber fühlte er sich neben den schlafenden Jüngern nicht auch allein? Auch ist Jesus weder in einem Garten noch in einer traditionellen Gebetshaltung dargestellt. Aber könnte das handgeschöpfte Papier mit seiner faserigen Struktur und dem natürlichen Büttenrand symbolisch nicht für den Garten stehen, der erhobene Kopf, die ausgestreckte Hand für sein Gebet? In dieser freien Leseweise von Jesu Gebet auf dem Ölberg könnten denn die folgenden Psalmverse auch Teil des Gebetes Jesu gewesen sein:

Mich umfingen die Fesseln des Todes
mich erschreckten die Fluten des Verderbens.
In meiner Not rief ich zum Herrn
und schrie zu meinem Gott.
Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.
Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich,
denn er hatte an mir Gefallen.
(Ps 18,5.7.17.20)

Jesus und Spider-Man

Spider-Man hält den Gekreuzigten in den Armen. Mit theatralischer Geste präsentiert Spider-Man auf seiner Brust und dem vorgestellten rechten Bein den Leichnam Jesu. Eine ungewöhnliche, ja verrückte Kombination. Zwischen den beiden Personen liegen Welten … und doch haben sie einiges gemeinsam. Einige Vergleiche mögen als Impulse für eine weitere Auseinandersetzung dienen:

Aussehen
Jesus ist bis auf das Lendentuch nackt. Er ist ganz Mensch. In seinen Handflächen und Füßen sind noch die Nägel zu sehen, mit denen er ans Kreuz geschlagen wurde. Er ist vom Kreuz abgenommen, doch seine Haltung ist die eines Gekreuzigten geblieben. Die Arme weit ausgestreckt, den mit Dornen gekrönten Kopf zu Seite geneigt, die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Still „hängt“ er in den Armen von Spider-Man.
Alles an ihm ist offenbart, nichts ist verborgen.
Spider-Man hat ebenso eine Menschengestalt, die jedoch vollständig von einem Spinnenkostüm verhüllt ist. Auch das Gesicht ist hinter einer Maske verborgen. Nichts verrät, wer in der Haut von Spider-Man steckt. Im Vergleich zu Jesus demonstriert diese Figur Lebendigkeit und Stärke.

Substanz
Die Jesusfigur besteht aus Holz, einem natürlichen und nachwachsenden Rohstoff. Es passt symbolisch gut zum historischen Menschen Jesus, der in Israel zur Zeit des Herodes als Kind zur Welt gekommen und wie wir über die Jahre zum Erwachsenen herangereift ist. Das Material Holz verbindet ihn mit den Eckpunkten seines Lebens, der Krippe und dem Kreuz.
Die Figur des Spider-Man besteht hingegen aus Plastik. Das Material passt gut zur Kunstfigur Spider-Man. Er ist eine menschliche Erfindung der Sechzigerjahre, lebt also nur in den Comiczeichnungen oder in den Filmszenen. Ansonsten existiert er nicht.

Identität
Die Personen beider Figuren leben mit einer Doppelidentität. Jesus ist von Ewigkeit her Gottes Sohn, in der Zeit ist er der Sohn von Maria und Josef. Hinter Spider-Man steckt Peter Parker, der als Waise bei seiner Tante und seinem Onkel in New York lebt. Während Jesus die göttliche und die menschliche Natur gleichzeitig lebt, wechselt Peter Parker hin und her. Er kann nur sich selbst sein oder in der Verkleidung Spider-Man.

Kraft und Macht
Jesus spielt die Macht, die ihm von seiner göttlichen Herkunft her zukommt, nicht in einer unmenschlichen Überlegenheit aus. Er lebt vielmehr aus der Kraft der Liebe und wird darin ein Vorbild für alle Menschen.
Peter Parker entwickelt als Jugendlicher nach einem Biss von einer genetisch manipulierten Spinne Superkräfte, die ihn wie eine Spinne Wände erklettern, Fäden spinnen oder Gefahren frühzeitig erkennen lassen.

Retter
In den Figuren von Jesus und Spider-Man prallen die Sehnsüchte aus zwei ganz unterschiedlichen Zeiten und Welten aufeinander: Die Wahrheit des historischen Menschen Jesus versus der Fantasie der Kunstfigur Spider-Man. Es geht um Offenbarung und Verhüllung, um wirkliche Rettung durch Gottes Barmherzigkeit versus illusorischem Wunschtraum, dass einer von uns durch ein Wunder zu Superkräften kommt und uns das Böse vom Leib hält. Doch während Jesus durch seinen Tod am Kreuz die ganze Welt von Sünde und Schuld erlöst, kann Spider-Man die Welt immer nur punktuell und virtuell von Bösewichten befreien.

Fazit
Als Betrachter können wir das Zusammenbringen dieser beiden Figuren als Spielerei abtun. Die beiden Figuren können aber auch Anlass zur Frage sein, auf was oder wen wir vertrauen, an was oder wen wir glauben. Es liegen Welten zwischen den beiden Figuren, auch in der Auswirkung dessen, wofür wir uns entscheiden.

Tod und Leben

Der Totenkopf ist wahrscheinlich das Erste, das wir beim Betrachten des Bildes erfassen. Mit großen runden, doch leeren Augenhöhlen „schaut“ er aus dem Bild heraus und grinst uns an. Sein Schädel ist aschgrau. Bezeichnenderweise ist er mit Kohle gezeichnet, einem pflanzlichen Material, das bereits einen Verwandlungsprozess durchgemacht hat. Auch formal wird die Vergänglichkeit sichtbar: Zum einen durch das fehlende bzw. wie ersetzte Stück Schädeldecke, zum anderen durch die Verformung zur rechten Bildecke hin.

Etwas kleiner, doch auch in rundlicher Form, ist dem Totenkopf auf der anderen Bildseite eine lichtgelbe Erscheinung mit feinen Zacken gegenübergestellt. Von ihrer Form her erinnert sie an eine Sonnenblume, von der Farbe her mehr an die Sonne selbst. Die hellgelbe Farbe wirkt kraftvoll und lichtdurchdrungen, der Pinselstrich bewegt. Somit stehen mit Sonne und Totenschädel Ursprung und Ende des Lebens einander gegenüber, Licht und Dunkelheit, Wärme und Kälte, unendliche Bewegung und Erstarrung.

Zwischen und über den beiden Bildprotagonisten befinden sich grüne Elemente auf schwarzem Untergrund. Zuerst scheinen sie einfach einen ornamentalen Hintergrund für diese Gegenüberstellung zu bilden. Doch mit der Zeit werden Assoziationen an ein Blätterwerk wach, erinnert die T-Form an einen Baum voller Blätter und Leben, ja lässt sich sogar ein Lebensbaum in symbolischer Kreuzform sehen. Noch einen Schritt weiter meint man den Gekreuzigten selbst zu erkennen, wie er mit weit ausgestreckten Armen schützend Sonne und Schädel umarmt und ihnen links und rechts von seinem Kreuz einen Platz gibt.

Damit wird der Lebensbaum zum zentralen und entscheidenden Bildelement. Flächenmäßig etwa gleich groß wie die Sonne und der Totenkopf, jedoch dunkler von der Gestalt her, verbindet er die beiden und gibt ihnen Halt. Dieses zum Lebensbaum erweckte Kreuz steht primär für Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist und dem vom Vater das neue, unvergängliche Leben geschenkt wurde. Gleichzeitig verweist das lebendige Kreuz auf das Paradies, auf den „Baum des Lebens“ in seiner Mitte (Gen 2,9).

Das Kreuz ist der neue Baum des Lebens und, wie die blauen Stellen im unteren Bereich andeuten, auch die Quelle ewigen Lebens. Aus der Seitenwunde von Jesus floss Wasser und Blut (Joh 19,34). Er selbst hat gesagt, „wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14)

Auch der Totenschädel darf in Verbindung mit dem Paradies gesehen werden. Am Fuße des Kreuzes bezieht er sich auf den alten Adam, durch den die Sünde in die Welt gekommen ist, während Jesus, der die Welt von der Sünde erlöst hat und das ewige Leben brachte, als neuer Adam bezeichnet wird.

So markant der Totenschädel also die menschliche Endlichkeit zur Sprache bringt, so erzählen das Kreuz und die Sonne von der Überwindung dieser Grenze. Die Künstlerin hat diesen Prozess nicht in Leserichtung, sondern von rechts nach links dargestellt. So ist es, als würde der Tod rückgängig gemacht. Jesu Tod und Auferstehung haben den Tod entmachtet und den Gläubigen unvergängliches, ewiges Leben geschenkt. Dafür stehen die Sonne und ihr Licht. Und sie erinnern jeden Tag neu: Auferstehung ist jetzt. Das Licht hat gesiegt, die Erstarrung ist vorbei! – LEBE!