Himmelstanz

Eine ungewöhnliche Begegnung in den Wolken: zwei Gestalten in wehenden Gewändern reichen sich die Hand. Die linke Gestalt scheint von der rechten nach oben gezogen, willkommen geheißen, zum Tanz aufgefordert zu werden. Und sie folgt dieser Einladung mit ganzem Herzen.

Wer sind diese beiden? Die Künstlerin Christina Simon hat sich in das mystische Leben der Mechthild von Magdeburg aus dem frühen 13. Jh. hineinversetzt und sich in ihre Schriften vertieft, um Erfahrungen daraus in einem Linolschnitt-Zyklus darzustellen.

Mechthilds Bestreben war es, so weit wie möglich unsere Diesseitigkeit zu übersteigen, um Gott nahe zu sein. Ihre sehnsüchtige Gottsuche, ihre drängende Gottesliebe zeigt die Künstlerin in dem feurigen Rot ihres Gewandes und ihrer Haut und ebenso, wie sie aus dunklem Grund aufschwebt in unbekannte Höhen des Lichts zu einer von schräg oben entgegenkommenden Gestalt, die sie, sich ihr leicht entgegenneigend, beim linken Handgelenk fasst. Männlich? Weiblich? Göttlich – das Ziel ihrer Sehnsucht? Weisen ein Flügel am Rücken, eine Taube über ihrem Haupt, die Purpurfarbe an Gewand und Haut, die hellen Lichterscheinungen auf eine außerirdische Vision? In der Mitte ihrer Begegnung, bei der Berührung beider Hände ist der Hintergrund ganz weiß, ganz hell. – Ungestaltetes Licht! – Da braucht es keine Worte mehr, keine Farbe, da ist alles gesagt. Ein intensiver Blickkontakt begleitet dieses Aufeinander-Zukommen und ein beinahe geometrisch zu bestimmendes Aufeinander-Bezogensein.

Kann denn Sprache die Begegnung von Gott und Mensch in Worte fassen? Kaum. Mechthild von Magdeburg fand das Bild vom Tanz, um mitzuteilen, welches Erlebnis ihr geschenkt worden war und Christina Simon greift es auf, um das darzustellen und festzuhalten. Tanz: gemeinsam sich mit dem ganzen Körper, seinem ganzen Selbst der Melodie, dem Rhythmus überlassen, das kann mehr ausdrücken und mehr verstehen, als viele Worte. Mechthild wurde das mystische Erlebnis des Einswerdens der Seele mit Gott geschenkt: „Ich tanze Herr, wenn du mich führst …“

> Weitere Bilder aus dem Zyklus und ausführliche Beschreibung auf der Website der Künstlerin

Aus der Mitte heraus

Bekannte Elemente wie die sitzende Christusgestalt oder die altmeisterlich vollendete Malweise vermitteln den Eindruck, vor dem Werk eines alten Meisters zu stehen. Der fliegende Fischschwarm zur Linken oder die fallende Skulptur des Gekreuzigten zur Rechten verwirren jedoch und geben Rätsel auf. Auch die beiden Messer und die Lanze, die auf den Sitzenden zufliegen, sind ungewöhnlich und wecken die Sinne, sich intensiver mit diesem Bild auseinander zu setzen, um seiner Geschichte vielleicht etwas auf die Spur zu kommen.

In der Mitte meinen wir unserer Wahrnehmung noch trauen zu können. Der Thronende lässt sich aufgrund der Wundmale als der auferstandene Christus identifizieren. Als Salvator mundi, als Retter der Welt, segnet er die Schöpfung zu beiden Seiten. Dass er nicht wirklich sitzt, sondern vielmehr als Weltenrichter zwischen Tag und Nacht vor dieser mit geheimnisvollen Zeichen versehenen Rückwand und auf diesem erhebenden Sockel erscheint, stört noch nicht weiter. ER steht im Mittelpunkt – in der Mitte des Bildes und betont auf dem roten Kreis des Podests. Dass Christus allerdings die Gesichtszüge des Künstlers trägt, bringt einiges durcheinander. Die Gott zugesprochenen Attribute werden nun gewissermaßen vom Künstler vereinnahmt und machen deutlich, dass auch er die Macht hat, Welten zu erschaffen.

Dabei ist sein Schaffen kein Erschaffen aus dem Nichts. Das Zusammenfügen und Anordnen der verschiedenen Bildzitate stellt vielmehr eine Ordnung dar, die neuen, eigenen Gesetzen gehorcht. Der Bildtitel weist in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Eduard Mörike auf die schiedsrichterliche Funktion des Künstlers hin. Er steht immer zwischen zwei Zeiten und hat es in der Hand zu entscheiden, was er aus dem Fundus der Vergangenheit nehmen will, um die Zukunft zu gestalten. Was durch ihn geschieht, hat durchaus Auferstehungscharakter, wie die drei sich öffnenden, weißen Blüten der sogenannten Osterlilien in Anspielung auf die drei österlichen Tage andeuten. Nicht nur die Macht der Nacht wird gebrochen – links überflutet schon das Licht der Morgensonne die Berggipfel –, auch die Macht des Todes. Am Fuße des Baumstammes, der durch die herabfallende Figur des Gekreuzigten zum Kreuzesstamm wird, wächst wie in der Geborgenheit einer Bauchhöhle, dem Uterus, ein Kind heran – neues Leben. Die stürzende Jesusgestalt muss dabei nicht blasphemisch gemeint sein, sondern kann Zeichen sein, dass er nicht am Kreuz geblieben, sondern von seinen Freunden begraben worden ist. In diesem schwebenden Dazwischen ist er einerseits mit der Kopfneigung in einem eindrücklichen Dialog mit dem Embryo, über den er wie schützend den Arm auszubreiten und ihn zu umarmen scheint, andererseits steht er mit dem linken Arm und dem wehenden Lendentuch in direkter Verbindung zum Auferstandenen. Darauf, dass der Leib des irdischen Lebens der Vergänglichkeit anheimfällt und etwas Neues an seine Stelle getreten ist, können die wie abgehackt wirkenden Armstümpfe und der fehlende Unterleib hinweisen.

Auf der linken Bildseite schweift der Blick in die Weite, aber auch in die Tiefe auf einen Fluss mit starker Strömung, der durch das Tauwasser (gut über und unter der Speerspitze zu sehen) des ewigen Schnees gespeist wird. Was lange Zeit gefroren war, wird durch die Wärme des „neuen Tages“ lebendig und zu einem Quell des Lebens. Die Fleischmesser und die Lanze stehen dazu im Widerspruch. In ihrer Ausrichtung auf „Christus“ und die unmittelbare Nähe zu ihm fühlen sie sich eher bedrohlich an, tragen den Tod in sich. Indirekt haben aber auch sie mit der Auferstehung zu tun. So bat der Auferstandene den ungläubigen Thomas, seine Hand in die durch eine Lanze geöffnete Seite zu legen, um sich zu überzeugen und gläubig zu werden (Joh 19,34; 20,27). Die Bedeutung der Messer erschließt sich mir noch nicht wirklich, sie könnten aber ein Hinweis sein, dass Christus als Lamm Gottes sein Blut für die Vergebung der Sünden vieler vergossen hat.

Zuletzt bleibt uns noch die Deutung der wunderbar gemalten und ganz unterschiedlichen Fische. Dass sie nicht im Wasser schwimmen, stört uns in der neuen Ordnung des Künstlers nicht mehr. Auffallend ist ihre Christus-Orientierung, ihre Ausrichtung auf den Auferstandenen. Ob der Künstler hier die Erzählung vom wunderbaren Fischfang nach einer ergebnislosen Nacht neu ins Bild bringen wollte (Joh 21,1-14)? Die Hundertdreiundfünfzig Fische wurden in der Bibelauslegung immer wieder als Symbol für die gesamte Menschheit gedeutet. Sie könnten aber auch zeichenhaft für die an Christus Glaubenden stehen, diejenigen Menschen, die sich im Glauben Christus zugewandt, ihr Leben aus dem Glauben heraus auf ihn ausgerichtet haben.

Nun könnte die Frage auftauchen, ob der Künstler durch sein Bild vielleicht beabsichtigte, dass ihm eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteil würde wie dem Auferstandenen. Das wäre anmaßend. Aber seine Mittlerfunktion, auf die dieses Stilmittel hinweist, hat uns die Auferstehung Christi und ihre Bedeutung durch die verschiedenen Symbole hindurch neu erfahren lassen. Nach der anfänglichen Irritation ist der Künstler im Verlaufe der Betrachtung wieder hinter sein Vorbild zurückgetreten, damit Er aus der Mitte heraus für alle Menschen auch Quelle des Lebens sein kann.

 

Gelassen stieg die Nacht an Land,
lehnt träumend an der Berge Wand;
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied –
sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
der flücht’gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.
(Eduard Mörike)

Aufnahme in den Himmel

In einer wunderbar starken Bewegung senkt sich der blaue Raum auf den dunkelgrauen Figurenkomplex nieder und berührt beinahe die stehende Gestalt. Sie trägt ein Kind auf ihren Armen und steht an einem Bett. Der Silhouette nach beugt sich links eine weitere Person über die im Bett Liegende. Ob sie schläft, krank oder gar gestorben ist, lässt sich aus den wenigen Hinweisen nicht ableiten.

Allerdings erscheint die Figurengruppe zwischen zwei Welten dargestellt. Bröckelt nicht die Erde unter dem Bett weg, verweigert sie nicht den nötigen Halt, um sicher darauf stehen und leben zu können? Durch diese feinen gestalterischen Veränderungen des Hintergrundes befindet sich die Figurengruppe in einer Übergangszone zwischen Erde und Himmel, die sich grau und gegenstandslos gibt. An seiner engsten Stelle scheint das Bett mit den Personen zu schweben und wenn sich der Himmel weiter herunterneigt, bald von ihm umgeben zu sein.

Diese Hinweise deuten darauf hin, dass die im Bett liegende Person gestorben sein muss. Die intensive blaue Farbe und die Herkunft der Figurengruppe aus dem Marientod von Giotto di Bondone (1310) verbinden das Bildgeschehen letztlich mit Maria und ihrer Himmelfahrt, wie in der Umgangssprache ihre Aufnahme in den Himmel bezeichnet wird.

In diesem Bild wird nicht mit Engelscharen, Pauken und Trompeten ihre glorreiche Himmelfahrt gefeiert. Still neigt sich der Himmel wie in einer großen ehrenden Verneigung über das Sterbebett Mariens, um ihr ewige Heimat bei Gott zu geben. In Christus ist Gott selbst an das Sterbebett Mariens herangetreten, um sie persönlich zu sich zu holen. Bildhaft ist dies bereits mit dem Kind auf seinen Armen geschehen, welches die Seele von Maria darstellt, die bereits bei Gott weilt.

Was für eine gewaltige Vision, dass Gott uns Menschen im Tod nahe ist und diejenigen zu sich holt, die während ihrer Erdenzeit mit ihm gelebt haben, ja ihn aufgenommen und ihm das Leben und ihre liebende Zuwendung geschenkt haben.

Die kraftvolle und blauschwere Weite des Himmels laden zum Meditieren dieses Glaubensgeheimnisses ein. Wenn die Erde uns ihren nährenden Boden entzieht, dann bietet die Weite des Himmels einen neuen Halt. Oder bildlich gesprochen, wenn die Kräfte der Erde schwinden und sie austrocknet, wird der Himmel sich öffnen und lebenspendende Wasser regnen lassen.

Diesbezüglich erinnert das Bild an das adventliche Kirchenlied „Tauet, Himmel, aus den Höhn, tauet den Gerechten, … Wolken regnet ihn herab!“ (GL 104; KG 313) Was verdorrt ist, soll unter seinem Segen aufblühen, heißt es da. Und in der dritten Strophe wird sehnsüchtig gerufen: „Komm, du Trost der ganzen Welt, rette uns vom Tode. Komm aus deiner Herrlichkeit, komm uns zu erlösen.“

An Maria hat sich die Verheißung Gottes, „den Mittler selbst zu sehen und zum Himmel einzugehen“ (KG 303,1) bereits erfüllt! Als Glaubende leben wir in der Hoffnung, dass Gottes Verheißung auch uns gilt und unser irdisches Leben durch sein Kommen vollendet.

Orientierung

Das Auge verweilt suchend vor dieser Bronzeskulptur. Harmonische Proportionen und runde, glatte Formen nehmen wir wahr, links und rechts zwei längliche, abstehende Teile, dazwischen ein rundes, scheinbar herausgemeißeltes Loch. Wie ein Auge blinzelt das Licht durch die Öffnung im massiven Bronzeguss und schaut einen an.

Die Stele lässt vielerlei Zugänge offen. Sie will nicht eindeutig nur dies oder jenes sein. Sie möchte bewusst herausfordern, eine Suchbewegung auslösen, Fragen stellen nach ihrer Identität. Die Bronze hat etwas Gefäßartiges an sich, gleichzeitig erhebt sie sich wie eine stilisierte Hand. Durch die sanft gewellte Oberfläche können auch zwei stark vereinfachte, stehende Gestalten wahrgenommen werden, bei der die rechte durch die runde Öffnung stark beeinträchtigt ist.

Am schlüssigsten ist aber wahrscheinlich das Erkennen einer schematisierten Gesichtshälfte, bei der links die Wangenknochen mit dem Ohr, rechts die eine Seite der Nase angedeutet sind. In der glatten Außenseite sticht das hart aus dem Material herausgehauene Auge beunruhigend heraus. Es scheint weit aufgerissen zu sein, Schrecken spricht aus ihm. Sieht das Auge Schreckliches oder hat es selbst solches erfahren müssen? Die Außenseite gibt nichts vom Geschehenen preis … womit die Bronze ihre geheimnisvolle Ausstrahlung nur noch vergrößert.

Welches Gesicht die Skulptur wohl darstellen soll, welchen Menschen zur Sprache bringen oder in Erinnerung rufen? Auf der einen Seite ist er schön, andererseits sieht es aus, als hätte er Schweres durchlitten. Er gibt sich als doppelte Erscheinung, als amphorenartiges Gefäß, das einen Einblick in seine Innenwelt ermöglicht. Seine Gesichtshälfte gibt einen Durchblick zum Licht, das ihn zu erfüllen scheint.

Zweifel stellen sich beim fragenden Nachdenken ein, ob dieses halbe Gesicht auf Jesus hinweisen soll. So haben wir ihn noch nie gesehen. Was wir sehen, ist mehr Fragment oder Ausgrabungsstück als ein göttliches Antlitz. Aber alles Wahrgenommene trifft auf Jesus zu: er ist „der Schönste unter den Menschenkindern“ (Ps 45,3), er ist für uns geschlagen worden, hat gelitten und ist am Kreuz gestorben. Die doppelte Wellenform vermag seine doppelte Natur anzudeuten: Gott und Mensch gleichzeitig zu sein. Durch dieses „menschliche Gefäß“ offenbart sich Gott den Menschen und gibt sich in seiner ganzen Liebe und Weisheit zu erkennen. Dabei tritt das Menschlich-Konkrete zu Gunsten des Symbolischen zurück.

Denn niemand von uns hat Jesus gesehen, gehört, persönlich erlebt. Deshalb ist alles Überlieferte Bruchstück, alles Wahrgenommene nur Teil eines größeren Ganzen. Aber in diesem Fragmentarischen steckt soviel Wahrheit, dass es einen Zugang möglich macht, der zu Gottesbegegnungen führt, die über das Sicht-, Hör- oder Spürbare hinausgehen.

Gottesbegegnungen, die denjenigen vieler Zeitgenossen von Jesus ähnlich sein müssen und nach dem Suchen und Zweifeln in der bekennenden Antwort gipfeln: „Denn Du bist das Licht!“

Identitätssuche

Ein seltsames Bild, eine geheimnisvolle Erscheinung: Ein kopfloser Mann steht uns mit verschränkten Armen gegenüber. Sein Unterleib ist nackt, sein Oberkörper mit einem eng anliegenden T-Shirt bedeckt. Das dornengekrönte Haupt von Jesus ziert die Brust dieses unbekannten Mannes. An der Stelle seines Kopfes befinden sich drei Ballons, die an seinem Glied befestigt sind und es in die Höhe ziehen.

Hilflosigkeit macht sich beim Betrachten dieser Arbeit breit. Was will der Künstler mit diesen ungereimten Darstellungen aussagen? Will er verwirren? Wieso hängt er die Ballone am männlichen Glied auf? Will er anstößig sein – oder gar dessen Potenzprobleme in den Vordergrund rücken? Und ist der bloßgestellte Intimbereich im Zusammenhang mit dem Gekreuzigten nicht völlig unangebracht, verletzt er damit nicht religiöses Empfinden? „Erklärende Begriffe wie absurd, merkwürdig, eigenartig, erotisch oder pervers tauchen genauso schnell auf wie sie auch wieder verschwinden …“(Dorothea Strauß).

Stephan Melzl sagt von seinen Bildern, dass sie am ehesten Aphorismen gleichen. Er bringt seine Gedanken also pointiert, von der üblichen Auffassung abweichend, ins Bild. Folglich müssen wir genau schauen und nachdenken, was die Bildsprache ausdrücken kann.

Seine Arbeit zeigt drei Bildebenen. Die untere stellt das Naturhaft-Menschliche dar, unverhüllt als Zeichen seiner fundamentalen Bedeutung. Die mittlere Ebene, das Herzstück der Gestalt, zeigt den Oberkörper mit dem T-Shirt in klaren Konturen und Farben. Und oben finden sich anstelle des Kopfes drei schwebende Luftballons, die mit Schnüren mit dem unteren Bereich verbunden sind.

Blickfang ist der mittlere Bereich. Das Jesusgesicht auf dem T-Shirt ist gleichsam eingebettet in die gekreuzten Unterarme. Das mit der Dornenkrone angedeutete Kreuzthema wird dadurch verstärkt. Das Gesicht ist zudem von einem auf der Spitze stehenden gelben Quadrat hinterfangen, das an einen Heiligenschein erinnert. Sein Licht scheint die obere Hälfte des Gesichts erhellend und verklärend zu durchdringen.

Als Kontrast zum menschlichen Gesicht darüber das kopfähnliche Gebilde der Luftballons, dreifach überhöht. Es ist, als wollten sie die Realität des Lebens verlassen und den Kopf mit seiner ratio ersetzen. „Mit uns sind Sie im Himmel zuhause“ verspricht eine Werbefirma für Luftballons. Schwereloses Glück und luftige Kinderträume werden mit Luftballons verbunden, permanent von der alles vernichtenden Zerstörung durch einen Nadelstich bedroht. Und wenn das Gas keinen Auftrieb mehr gibt, sinken und schrumpfen die Ballons … So könnten sie für kurzlebige, aber auftriebstarke Phantasien stehen, welche nicht nur heranwachsende Menschen so richtig kopflos werden lassen. Andererseits wird die Dreizahl, hier zudem noch schwebend, gerne mit dem Göttlichen oder gar der Dreifaltigkeit verbunden. Deshalb können die drei Luftballons mit ihrer dünnen Plastikhaut auch das ganz Andere, das Geistige, das Gewohnte Übersteigende, umhüllend und verhüllend darstellen.

Die Fragen bleiben: Um was geht es hier wirklich? Wer wird hier Schicht um Schicht dargestellt? Die Farben des T-Shirts und die Haltung des Mannes verweisen zum einen auf die Phantasiefigur Superman. Er möchte anscheinend groß dastehen, über sich hinauswachsen, doch noch sind seine Arme tatenlos verschränkt, abwartend, suchend. Zum andern nehmen auch Jesus und das, wofür er steht, im Leben dieses Mannes einen zentralen Platz ein. Hinzu kommen die luftigen, aber verborgenen Wünsche in seinem Kopf, die seinem Leben geheimnisvoll Auftrieb geben.

Dieser Mann scheint noch nicht zu wissen, was er will. Der verwirrende Eindruck, den das Bild bei uns Betrachtern hinterlässt, ist die Situation des Dargestellten. Als Suchender ist er ob der vielen Vorbilder und Möglichkeiten verwirrt und tut er sich mit der eigenen Identitätsfindung schwer. So sehr die Gedanken an seine Träume ihm Glücksmomente zu bescheren scheinen wie bei sexueller Erregung, ist er auf der Suche nach seinen Potenzialen, nach seinen schöpferischen und identitätsbildenden Kräften.

Dieser Eindruck wird durch die Hintergrundgestaltung verdichtet. Eine mandelförmige Lichterscheinung umgibt geheimnisvoll die Gestalt des jungen Mannes. So eine Gloriole oder Aura findet sich vor allem bei Christusdarstellungen, bei denen es u. a. darum geht, seine Herkunft und die Würdigung seines Lebenswerkes zum Ausdruck zu bringen. Mit der umfassenden Lichterscheinung auf dem Bild kann also eine göttliche Schaffenskraft angedeutet sein, die der junge Mann hinter sich spürt. So wie sein Unterkörper in ein magisches Licht getaucht ist, scheint diese Energie ihn zu erfüllen und seine Schöpferkraft zum Finden der ganz eigenen Fähigkeiten seiner Persönlichkeit zu wecken.

Leuchtendes Kreuz

Wie ein einfaches Gewand mag einem die rote Fläche erscheinen. Durchsetzt mit schwarzen Bereichen vermittelt sie den Eindruck eines gebrauchten Kleidungsstücks. Unten und seitlich wird sie vom Bildrand beschnitten, oben kann der leichte Einschnitt in der Mitte als Kragen gedeutet werden.

Doch das von oben eindringende Licht und der lebendige Pinselduktus verleihen dieser T-förmigen Fläche etwas Körperhaftes, Menschliches. Das weißgelbe Licht, das von außerhalb in das Bild hineinfließt, sich in das Gewand und über das Gewand bis zur helleren Mitte ergießt, befindet sich an der Stelle des Kopfes. In der Art und Weise wie es den dunkleren Hintergrund überdeckt erscheint es als erleuchtetes Gesicht, das leicht zur Seite geneigt Vergeistigung und Transzendenz ausstrahlt.

Dieses weißgelbe Gebilde hat etwas Hinweisendes und zugleich Mitteilendes an sich: aus der Höhe kommend deutet es auf den Brustbereich des Gewandes hin. Die dort leuchtende Kreuzform mit einem Herz in seiner Mitte mag andeuten, dass die Herzmitte des Menschen nicht nur anatomische Bedeutung hat, sondern ebenfalls spirituelles Aufnahmeorgan für Immaterielles und Transzendentes ist.

Links neben dem Licht können zwei weitere Kopfformen gedeutet werden: eine weiß Schraffierte links, eine weitere in violetter Farbe in der Mitte. Ob dadurch in dem ganz von Licht erfüllten oder verhüllten, zur Seite geneigten Kopf das letzte Stadium einer Entwicklung gesehen werden soll? Nun ist es vollbracht. Was sein musste, ist geschehen. Alles an ihm ist von den vergangenen Stunden, Tagen und Wochen gezeichnet.

Die T-Form lässt eine Person mit ausgebreiteten Armen wahrnehmen: einen Menschen, dessen Innerstes von einem Licht erfüllt ist, das auch Schmerz und Kreuz aufhellen kann. Und sie bringt im feurigen Rot die Begeisterung dieses Menschen zum Ausdruck, die weder durch das Leid noch den Tod gebrochen werden konnte. Ein Heiliger?

Vor dem unbestimmbar grauen Hintergrund nimmt das starke Rot eine klare Position ein, legt ein deutliches Bekenntnis zum Leben ab, trotz der in der schwarzen Farbe erkennbaren Bedrängnis. Wie ein Blick in sein Innerstes offenbart sich das leuchtende Kreuz als zentrale Kraftquelle. In der Art und Weise wie es das kleine Herz umgibt ist es auch Schutz und erweiterter Lebensraum. Damit könnte zum Ausdruck kommen, dass der vom Herzen ausgehende Glaube die tragende und alles verwandelnde Kraft ist.

So sehr das Bild als symbolische Darstellung für den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gedeutet werden kann, ist es vor allem Ausdruck für jeden Christen, dessen Gedanken und dessen Tun von unfassbarem Licht umgeben sind. Ihm wohnt eine zum Guten wandelnde Kraft inne, die wie bei Jesus zum Vorbild für viele wird, sich für die Liebe und das Leben einzusetzen, Zeit und Leben für den anderen hinzugeben. Damit alle das Leben haben und es in möglichst großer Fülle erfahren dürfen.

Feuer des Lebens

Drei Lichtgestalten bewegen sich, ja scheinen zu tanzen vor dem orangeroten Hintergrund. Ihre Körper sind von goldgelben Flammen umgeben, die sie brennen, glühen und wie Gold leuchten lassen. Dampfwölkchen deuten auf große Hitze und einen verzehrenden Verbrennungsvorgang hin. Dabei hebt sich die mittlere Gestalt durch eine größere Leuchtkraft und Unversehrtheit von den beiden vom Verfall Gezeichneten ab. Es scheinen auch seine Arme zu sein, welche wie ein Bildstrich die beiden ihm Zugewandten auch körperlich mit ihm verbinden. Erst durch seine horizontale Armstellung werden die auf Einzeltafeln dargestellten und dadurch voneinander getrennten Menschen miteinander verbunden zu einer Gemeinschaft.

Kopf-, Körper- und Beinhaltung deuten Zuneigung an, ein Miteinander. Es ist, also wolle der Künstler darauf hinweisen, dass sich menschliches Leben ganz für sich allein nicht entfalten kann, dass es auf Zusammenhalt, -arbeit und -leben angelegt ist.

Wie bereits erwähnt, steht der junge Mann in der Mitte als der Verbindende und Haltgebende in dieser Trias. Intensiv schaut er auf den Mann zu seiner Rechten, dessen Gesichtszüge ein fortgeschrittenes Alter verraten und dessen Glieder starke Spuren der Zersetzung aufweisen. Lange wird er nicht mehr stehen können. Von der Frau auf seiner Linken kann schwer etwas gesagt werden. Ihr Gesicht erscheint verhüllt, ihr Körper durch die zusammenhängenden Flächen jugendlicher. Von ihrer Haltung her steht sie im Einklang mit dem jungen Mann in der Mitte – beide Körper sind gleich gebogen, beide Köpfe gleich geneigt.

Vom Bildaufbau her den „Drei Grazien“ von Raffael (1504/05) nahestehend, lenkt der Künstler den Blick durch die Verfremdung und vor allem durch die Darstellung der einzelnen Personen über das Bekannte hinweg. Insbesondere die zentrale Gestalt lässt aufgrund der von gotischen Kreuzen her bekannten gebogene Körperhaltung und den Wundmalen an den Gekreuzigten denken. Ohne Kreuz und nicht erhöht – auf gleicher Ebene – schafft er als vom Licht Verwandelter und Auferstandener mit seinen ausgebreiteten Armen eine partnerschaftliche Verbundenheit, bei der die ihm zur Seite gegebenen Menschen gleichsam seine „Hände“ werden. Er lässt sie teilhaben an dem Licht und der Energie, die ihn durchströmen …

… damit auch sie immer mehr in das hineinverwandelt werden, was Jesus von Ewigkeit her ist und wofür er gestorben ist. Stellvertretend stehen sie für die ganze Menschheit. Wir alle sollen, von Jesu leidenschaftlichem Zeugnis angesteckt, immer mehr zu Söhnen und Töchtern Gottes werden, von materiell Verhafteten zu geistigen Menschen, die Jesu „Feuer“, seine Wahrheit und Liebe, durch unser Leben lichtvoll, verwandelnd und erneuernd in die Welt hineintragen. Jesus selbst wird uns dabei Mitte, Halt und feurig pulsierende Quelle sein.

Mehr als ein Abendmahl …

Das Erfassen der verschiedenen Bildelemente wird dem Betrachter in diesem Bild nicht leicht gemacht. Während der Tisch, das große Glas, das vom Tisch herunterfallende Fischskelett und die verschiedenen Personen klar eine Mahlgemeinschaft erkennen lassen, verwirren die verweisenden Symbole und ungewöhnlichen Personenfragmente mit ihren expressiven Handlungen. Zusammen mit der dominierenden roten Farbe vermitteln sie ein aufwühlendes, bewegendes Geschehen.

Bereits der schräg stehende Tisch vermittelt, dass etwas ins Rutschen gekommen ist, dass sich etwas bis dahin Feststehendes, Zentrales verändert hat. Etwas, das unmittelbar mit dem großen, breitschultrigen Mann zu tun hat, der in der Hand ein kelchförmiges Gefäß hält und dessen rotes Gewand mit bedeutungsvollen weißen Farbtropfen bedeckt ist. Sein vom halbseitigen Schlagschatten und von zwei Gesichtern und einer auf den Kelch zeigenden Person in den Hintergrund gedrängtes Gesicht ist leicht nach rechts geneigt. Mit liebevollem Blick wendet er so seine Aufmerksamkeit dem kleinen Mann zu seiner Rechten zu, der ihn mit aufgestütztem Arm und großen Augen fragend anschaut.

Auf der anderen Seite des Tisches tauchen aus dem dunkleren Bildbereich ähnlich staunende und nachdenkliche Gesichter auf: Was hier geschieht, ist unfassbar! Erstaunlich, dass da einer mitten drin seinen Kopf auf den Tisch legen und schlafen kann. Um so mehr, als sein Gesicht vom Kelch ausgehenden Schlaglicht genauso beleuchtet ist wie jenes der Hauptfigur und eine starke Verbindung zwischen den beiden hergestellt wird.

Aus dem Gesamtzusammenhang geht hervor, dass es sich hier um Jesus und das letzte Abendmahl handeln muss. Der Schlafende könnte seinen Lieblingsjünger Johannes darstellen, der seinen Kopf vertrauensvoll an Jesu Brust gelegt hat. Aber die anderen Jünger? Sie sind Symbolträger geworden, welche die an sich geschlossene Tischgemeinschaft nach außen öffnen und in einem viel größeren Bedeutungsrahmen stellen.

Der dreiblättrige Ölzweig lässt an den mit Noach geschlossene Bund denken, in dem Gott das Leben auf der Erde nicht mehr vernichten, sondern beschützen will. Das Lamm auf einem grünen Hintergrund bringt das Opfer Abrahams in Erinnerung, bei dem er seinen einzigen Sohn Gott opfern wollte. Er wurde aber vom Engel Gottes zurückgehalten und hat dann anstelle seines Sohnes einen Widder Gott als Opfer dargebracht. Im Gegensatz dazu hat Gott in seiner grenzenlosen Liebe zu uns seinen einzigen Sohn für unser Heil hingegeben. Weil er möchte, dass wir nicht an unseren Fehlern und Schwächen zugrunde gehen, sondern gerettet werden und die Freude unendlichen Lebens erfahren dürfen.

Die zwölf Jünger erleben das Jahrhunderte lang von Sehern und Propheten erwartete heilsgeschichtliche Ereignis des Neuen Bundesschlusses durch Jesus ganz unterschiedlich. Der eine scheint es zu verschlafen, die anderen staunen ungläubig. Oben links schreitet einer ins Bild hinein und steuert gerade ein rundes Brot zum Mahl bei. Ein anderer, es könnte in Anspielung an seine Fischertätigkeit und seine Kreuzigung Petrus sein, steht Kopf. Der Jünger neben ihm zeigt mit ausgestrecktem Finger auf den Kelch als wiederhole er die unfassbaren Worte Jesu: „Trinkt alle aus diesem Kelch; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,27b-28)

Die das Bild beherrschende rote Farbe muss deshalb – genauso wie sie Gottes unendliche Liebe zum Ausdruck bringt – auch für das Blut Jesu Christi stehen, das er als Unterpfand für diesen Neuen Bund vergossen hat. Die Tropfen auf Jesu Gewand könnten in diesem Zusammenhang auf den ihm bevorstehenden Leidensweg hinweisen. Sie könnten aber auch als zwölf Tränen gedeutet werden, – die zehn sichtbaren können vom Rapport her problemlos mit zwei weiteren ergänzt werden – welche die zwölf Stämme des Volkes Israel ins Bild bringen. Trauer schwingt in den Tränen mit, denn ihnen gilt der Neue Bund, doch nur wenige haben ihn angenommen.

Was beim Letzten Abendmahl geschah, stellt den Glauben der Gläubigen zu allen Zeiten auf den Prüfstand. Die Versuchung, dargestellt durch die Gestalt, die unter dem Mond von einem Harlekinarm von Jesus weggezogen wird, ist stets da, anderen Mächten zu folgen und sich in die Dunkelheit der Glaubensferne ziehen zu lassen.

Die unruhige Bildgestaltung bewegt, die vielen Andeutungen stellen mich Betrachter in Frage: Wie stehe ich zu Jesus, der sich selbst in den Tod gibt, damit wir ein Mehr an Leben haben? Kann ich glauben, was Jesus gesagt und getan hat, insbesondere mit der Einsetzung des erinnernden, vergegenwärtigenden, versöhnenden Abendmahls? In welcher Jüngergestalt finde ich mich am ehesten wieder? Kann ich sein Geschenk annehmen und in jeder Eucharistiefeier als für uns zentrales heilsgeschichtliches Ereignis dankbar feiern?

Heilige Familie

Die im Mittelpunkt stehende Krippe und das dem Betrachter gezeigte Kind lassen in den drei Menschen unschwer Jesus, Josef und Maria erkennen. Die geschnitzte Ausführung verbindet sie mit vielen traditionellen Weihnachtskrippen und birgt die Gefahr in sich, das Besondere dieser Figurengruppe zu übersehen: Die leere Krippe, der stehende Josef, der Jesus in die Höhe hält, Maria staunend, beinahe erschrocken dasitzend.

Die leere Krippe ist nicht leer! Sie ist voller Bedeutung. Zunächst ist sie der Ort des Geschehens in Bethlehem, als Maria das göttliche Kind gebar, es in Windeln wickelte und in eine Krippe legte, weil in der Herberge kein Platz für sie war. Desweiteren ist die Krippe weniger als ärmlicher Futtertrog für Tiere gestaltet, sondern vielmehr als Thron für einen König. Und drittens lässt die Konstruktion der Krippe aufmerken, denn unten wölbt sich ein tragendes Halbrund nach oben, in das ein nach unten weisender Dreieckskörper eingesenkt ist. Begegnung und Verbindung zweier Formen, die in ihrer einfachen Ausdrucksweise das Wunder der Heiligen Nacht und auch dieser Familie formulieren: Gott wurde in Jesus Christus Mensch!

Darum wird Jesus nicht als ein in Windeln eingewickelter Säugling dargestellt. In ein langes, schlichtes Gewand gekleidet, schwebt er, von Josef nur leicht gestützt und ihn um einen halben Kopf überragend, geradezu vor uns. (Detailbild) Mit großen wachen Augen – in einem eher unkindlich wissenden Gesicht – schaut er uns Betrachter an. Bedeutsam hält er uns seine nach vorne gewendeten offenen Handflächen hin, als wollte er sagen: „Schaut, das bin ich!“ Auf die Krippe deutend, könnten seine Hände darauf hinweisen, dass er als „reicher“ Gott durch die Menschwerdung „arm“ geworden ist. Andererseits weisen sie auch auf Maria und Josef hin, die ganz auf ihn ausgerichtet sind und ihn durch ihre Haltung in den Mittelpunkt stellen. Verhaltene Freude spricht aus ihren Gesichtern: Es ist nicht nur ihr eigener Sohn, es ist Gottes Sohn, den sie der Welt zeigen!

Ermutigend ist für heutige Familienväter, dass Josef nicht als grübelnder alter Mann dargestellt wurde, sondern als moderner junger Vater, der ohne Berührungsängste seine Vaterrolle ernst nimmt: Er steht hinter seinem Kind und gibt ihm Halt und Schutz, nicht nur mit den Händen. Mit seinem Oberkörper neigt er sich zur Seite, um dem kleinen Jesus Raum zu geben. Behutsam stützt er mit seiner Hand den Rücken von Jesus, so dass dieser aufrecht stehen kann.

Aber was ist mit seinem Gesicht geschehen? Die uns zugewandte linke Seite ist klar herausgearbeitet und lässt in Josef einen Mann mit Weltoffenheit, mit Realitätssinn und Augenmaß erkennen: den Zimmermann. Die andere Gesichtshälfte, dem Kind zugewandt, ist vom Künstler aus der Proportion geschnitten und mehr angedeutet als ausgearbeitet. Sie bringt die andere Seite von Josef zur Sprache: Er ist auch Gottesmann, der offene Sinne für das Unsichtbare hat und in seinen Träumen Gottes Stimme wahrnimmt. Innerlich und äußerlich wachsam, geht er seiner Berufung nach, steht er zu den ihm anvertrauten Menschen.

Maria sitzt. Mit ihrer „erniedrigten“ Position, dem offenen Haar und dem wallenden Mantel erinnert sie – hervorgerufen durch bekannte innere Bilder – einerseits an den Engel, der ihrem Leben mit seiner Botschaft eine jähe Wendung gab. Wie er legt sie ergriffen die linke Hand auf die Brust und die andere als Zeichen ihrer Hingabe offen in ihren Schoß. Zeichen der Ehrfurcht und des Staunens. Was ihr damals verkündet wurde, ist nun Wirklichkeit: „Das Wort ist Fleisch geworden!“ Durch sie, aufgrund ihres Glaubens, ihres Ja-Wortes. Deshalb ist ihre Haltung andererseits auch wesentlich die ihre. Was geschehen ist, bewegt sie zutiefst und lässt sie ahnungsvoll in die Zukunft schauen. Es ist, als sähe sie im Geiste bereits, was das Kind für sie und für alle Menschen zu bedeuten hat.

So zeigt uns diese Heilige Familie Menschen, die aus der Verbindung mit ihrem inneren Grund leben und die offen sind für die Anrufe Gottes in dem, was ihnen im Leben begegnet. Menschen, die aus der Gottverbundenheit heraus einander Halt geben, um die vielfältigen Zumutungen des Lebens anzunehmen und zu integrieren. Menschen wie Du und ich?

Göttliche Erscheinung

Schauen
Es gibt Bilder, die verleiten zum Schauen. Sie haben eine Ausstrahlung, die berührt. Sie haben eine Anziehungskraft, die den Besucher zum Betrachter werden lässt, der in der Begegnung mit dem Unbekannten versucht, seine verborgenen Tiefen auszuloten. Was fasziniert mich? Was spricht mich an? Wodurch entsteht die Spannung? – Annäherung findet statt. Denn oft sehen wir, ohne zu erkennen, oft nehmen wir etwas wahr, ohne es zu verstehen.

Im Bild von Helene B. Grossmann begegnen uns abstrakte Formen. Es sind keine Linien zu entdecken, die abgrenzen oder an greifbare Gegenstände denken lassen. Im Gegenteil, alle Farbflächen haben weiche, auslaufende Konturen. Sie erinnern an Wolkenbilder. Ist es das, was fasziniert? Diese schwebende Leichtigkeit der Komposition, die Blickführung zur geheimnisvollen Lichterscheinung in der Mitte?

Ordnen
Das Bild lässt einen symmetrischen Bildaufbau erkennen. Um die weiße Mitte gruppieren sich farbige Wolken, die nach unten immer dunkler werden. Am unteren Bildrand formen sie eine schwarz-blaue Erhebung, welche die Basis des Bildes und einen harten Kontrast zur Bildmitte bildet. Nach oben ist das Bild offen. Der Gegensatz zwischen den geraden Bildkanten und den sich zur Bildmitte hin auflösenden Formen trägt wesentlich dazu bei, dass der Blick zur Mitte geführt wird und dort verweilt. Ein Dutzend weißer Wolkenfetzen im Vordergrund verstärken den Eindruck einer himmlischen Vision.

Dennoch ist die irdische Welt nicht abwesend. Sie spiegelt sich in den Farben und der Komposition. Ocker und Braun verweisen auf Sand und Erde, das Blau unterhalb der Lichterscheinung auf das Meer und seine dunklen Tiefen, das obere Blau auf den Himmel und seine Weite. Mitten drin dieses weiße, geheimnisvolle Licht, das nach innen immer intensiver wird. In seiner äußeren Form ist es als Oval erkennbar, in seinem Wesen spricht es vom Unfassbaren.

Visionen von Gott
Das Bild und das Licht als eine Vision von Gott zu deuten, liegt nahe. Eines Gottes, „der in unzugänglichem Licht wohnt“ (Tim 6,16). Der nicht etwa außerhalb seiner Schöpfung gegenwärtig ist, wie man es dem Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,4a) entnehmen könnte, sondern als Ursprung, Erhalter und Endziel in seiner Mitte lebt, wie es Paulus im Brief an die Römer (11,36) formuliert: „Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“

Dieser Ansatz eröffnet vielfältige Zugänge (die hier leider nur angedeutet werden können) zu Situationen, in denen Gott den Menschen erschienen ist. In geschichtlicher Folge ermöglicht das Bild als erstes einen Zugang zum Exodus des Volkes Israel. Das helle Licht kann als Wolkensäule gedeutet werden, die den Israeliten beim Auszug aus Ägypten vorausging (Ex 13,21f) und sie sicher durch das Rote Meer führte (14,15-31). Durch diese Tat erfuhr Israel seinen Gott als nahen Gott und starken Retter (15,2), der kraftvoll in der Mitte seines Volkes gegenwärtig war (vgl. Jes 12,6).

Visionen von Jesus
Einen weiteren Ansatz bildet die Verklärung Jesu. „Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.“ (Lk 9,29-31) Ein erster Blick vermittelt vielleicht den Eindruck einer abstrakten, symbolischen Darstellung dieser Szene. Weitere Blicke lassen aber so viele Andeutungen erkennen, dass einzelne Elemente etwas Figürliches erhalten. Hat nicht die blau-schwarzen Basis eine bergähnliche Form? Können darin die von der Oberkante ausgehenden Aufhellungen (oder die darüber auf der Spitze stehende weiße Dreiecksform) nicht als gekreuzte Füße gesehen werden, welche den verklärten Leib tragen? Und bilden die von der Mitte aus seitlich abfallenden „Linien“ im oberen Abschluss der Erscheinung nicht so etwas wie die Schulterpartie und die Arme eines Menschen? Im Zenit dieser beiden „Linien“ können aus einem Wolkenfetzen zudem die Gesichtszüge eines nach rechts geneigten menschlichen Kopfes herausgelesen werden. Nase und Stirn sind hell, während die Haare, die Augenhöhlen, die Wangen und die Mundpartie im Dunkeln liegen. Dadurch ist eine menschliche Gestalt, die ganz in Licht getaucht ist, mehr wahrnehmbar als sichtbar angedeutet. – Die singuläre Gestalt lässt an der Richtigkeit der Annäherung zweifeln. Aber wenn in den beiden obersten Wolken links und rechts neben dem „Kopf“ genauso geheimnisvolle, büstenähnliche Erscheinungen von Mose und Elija gesehen werden können wie bei Jesus in der Mitte, so hätte diese Ansicht durchaus ihre Gültigkeit.

Die gleichsam auf den Wolken schwebende Gestalt lässt weiter an die Vision des Menschensohnes im Buch Daniel (7,13) denken, die von Jesus in seinen Reden vom Ende der Welt aufgegriffen wird: „… Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 24,30; vgl. 26,64) Schließlich taucht die Vision in der Offenbarung (1,7-8; 14,14-20) nochmals in der Ankündigung der Endzeit und des damit verbundenen Gerichts auf.

Zu guter Letzt vermag die lichte Erscheinung neben dem Kommen des Menschensohnes auch Jesu Heimgang zum Vater anzusprechen. In der angedeuteten Gestalt kann Jesus gesehen werden, der sich nach seiner Auferstehung ein letztes Mal den Jüngern gezeigt hatte. Noch während er sie segnete, wurde er „zum Himmel emporgehoben“ (Lk 24,36-53). In Anlehnung an die vielen von Offb 12,1 beeinflussten Mariendarstellungen ist die göttliche Erscheinung von einem Kranz heller Wolken umgeben. Sie funkeln nicht als Sterne, aber sie bilden als diskrete Lichterkette eine Art Heiligenschein, der die Herrlichkeit Gottes und seines aus Ihm hervorgegangenen und zu Ihm zurückgekehrten Sohnes hervorhebt.

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 3/2006 der Zeitschrift „das münster“, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Fußspuren

Vier gelbe Fußspuren durchqueren hart am Rand der fasrig strukturierten Fläche das Bild. Die Anordnung der Fußspuren zeigen dem Betrachter eine Sicht von oben. Der Mensch, der diese goldenen Spuren hinterließ, hat die blau-weiß-rote Fläche von rechts nach links überquert und dabei ungewöhnliche Abdrücke hinterlassen. Es sind nicht durch das Gewicht verursachte Vertiefungen, sondern Verfärbungen. Wo dieser Mensch gegangen ist, hat er „seine Farbe“ hinterlassen.

Doch wer war es und wo geschah dies? Die Hintergründe vermögen weitere Hinweise zu geben: Während der obere durch sein helles Blau-weiß an den Himmel erinnert, lässt sich der untere am besten mit bewegtem Wasser in Verbindung bringen. Die Grenze zwischen Wasser und Himmel wäre dann gleichsam der Horizont, die Wasseroberfläche. Und seinen Spuren nach wäre dieser Mensch dann ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde.

Aber Fußspuren auf dem Wasser? Unmöglich! Zum einen können wir Menschen nicht auf dem Wasser gehen, zum anderen verwischt das Wasser die Spur jeglicher oberflächlichen Berührung in Sekundenschnelle.

Im Bild können sie allerdings an Jesus erinnern, der seinen Jüngern eines Nachts über das Wasser des Sees Gennesaret zu Hilfe eilte, weil sie im Gegenwind mit starkem Wellengang zu kämpfen hatten (Mt 14,24-25). Gerade weil das Gehen auf dem Wasser nicht möglich ist, meinten sie ein Gespenst zu sehen und ängstigten sich sehr.

Die „goldenen“ Spuren zeugen von einem göttlichen Beistand. Sie verweisen auf die Herkunft Jesu und auf seine Herrlichkeit. Sie sprechen von seiner Ermutigung: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (V. 27) und erinnern an seine tröstenden Abschiedsworte: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. … Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18b.20b)

Die goldenen Fußspuren zeugen von seinem Vertrauen in den Vater. Er war so von diesem Vertrauen durchdrungen, dass es die Spuren all seiner Schritte einfärbte. Dadurch sind sie uns Einladung und Ermutigung, ebenfalls Schritte des Vertrauens zu wagen. Petrus versuchte es, doch nach einigen Schritten bekam er wieder Angst und Zweifel … und begann unterzugehen, bis Jesus ihn bei der Hand ergriff.

Uns geht es in vielen Sachen des Glaubens auch so. Dann brauchen wir die haltgebende Liebe Gottes an unseren Händen oder unter unseren Füßen – ähnlich wie das satte Rot in der Tiefe des Wassers – damit auch unser Herz wieder zuversichtlich fest wird und das scheinbar Unmögliche durch das Vertrauen in Jesus möglich wird. Dann werden vielleicht auch unsere Fußstapfen zu vergoldeten Spuren, in denen Gottvertrauen, Überwindung und Fülle des Lebens zu lesen sind.

Versöhnung

Tatsächlich, die sich vom Hintergrund nur leicht abhebende Gestalt auf dem fast monochrom gestalteten Bild muss Jesus sein. Auch wenn kein Kreuz zu sehen ist, verrät die Körperhaltung seine Kreuzigung. Fast wie bei einem Röntgenbild ist seine Gestalt in ein mystisches Licht getaucht, in dem einzelne Körperpartien in helleren Farbtönen aufleuchten.

Das Leid und der Schmerz sind zu spüren, ebenso die Einsamkeit Jesu. Kein weiteres Lebewesen ist auf dem Bild zu sehen. Eine außerordentliche Stille und ein alles übersteigender Frieden gehen von Jesus aus und lassen ehrfürchtig an seine letzten Worte denken: „Es ist vollbracht!“ Danach neigte Jesus sein Haupt und gab seinen Geist auf. (Joh 19,30)

Das Werk des Vaters ist vollbracht. Jesus hat durch sein Opfer den Menschen Heil und Rettung gebracht. Das quadratische Format mag auf die Welt hinweisen, die störende und irritierende Zweiteilung, die längs durch den Körper läuft, ruft in Erinnerung , dass Jesus durch seinen Kreuzestod Menschen und Welten, die einst durch Feindschaft voneinander getrennt waren, wieder miteinander verbunden hat. Paulus schreibt an die Gläubigen in Ephesus (2,12-16): „Damals wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt. Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet.“

Bleibt in unserer Bildbefragung noch die Bedeutung der mystisch grünen Farbe zu ergründen, die durch zahlreiche Schattierungen von Leben erfüllt ist und im Wechsel mit den schwarzen Flächen an das Licht- und Schatten-Spiel eines großen grünen Feuers erinnert, in dessen Licht sich die bevorstehende Auferstehung anzukündigen scheint.

Mit der grünen Farbe möchte der Künstler aber vor allem einen Bezug zu den Gärten (polnisch „Ogrody“) mit ihren Gräsern, Blumen und Blättern herstellen. In ihnen wird uns im jährlichen Wechselspiel von Werden und Vergehen unsere Vergänglichkeit vor Augen geführt (vgl. auch Ps 102,12; 90,5-6). Mit dem Garten verbunden ist aber auch unsere Sehnsucht nach dem (verlorenen) Paradies. Im Orgrody-Grün wird Jesu Verkündigung vom Reich Gottes angesprochen. Darin lässt der Künstler die Dimension der Versöhnung anklingen, wie sie dem gottesfürchtigen Verbrecher am Kreuz auf seine Bitte hin geschenkt worden und uns allen verheißen ist. Der gute Schächer sagte: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und Jesus antwortete ihm: „Amen ich sage dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,42-43)

Tür zum Leben

In einem doppelten Quadrat tritt uns das Bild gegenüber. Der Grund ist in flammendem Orange und Rot gehalten, lediglich im oberen Bereich ist er mit kräftigem Grün durchsetzt. Die quadratische Form wie die mit Sand durchsetzte Malfläche verweisen symbolisch auf die Erde. An verschiedenen Stellen sind stilisierte Pflanzenmotive zu erkennen, welche Bezüge zu Bäumen und Pflanzen herstellen und Gedanken an einen Garten, ja das Leben ganz allgemein, zulassen.

Die orangefarbene Fläche signalisiert feuriges Leben und könnte auch für die Freude darüber stehen, dass unser Planet Erde voller Leben ist. Zudem sind in die Fläche mehrfach die Zeichen I und X eingekerbt, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus (im griechischen Alphabet wird das X als „Ch“ ausgesprochen). Sie mögen zum Ausdruck bringen, dass Jesus ganz Mensch geworden ist und unter uns gelebt hat. Sie können uns aber auch sagen, dass Jesus der Grund der ganzen Schöpfung ist. – So sah es jedenfalls Paulus, wenn er im Römerbrief schreibt (11,36): Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“

Besonders die Mitteltafel weist symbolisch auf Jesus und seine zentrale Position in der Schöpfung hin. Sein Wort „Ich bin die Tür“ aus dem Johannes-Evangelium aufgreifend (10,7), zeigt der Künstler einen stilisierten Türrahmen. Dabei setzt sich die Mitteltafel bereits durch ihre Beschaffenheit – sie ist im Gegensatz zur Leinwand aus Holz – und ihre Malweise – es wurden helle und lasierende Farben verwendet – vom sie „tragenden“ und umgebenden Grundquadrat ab. (Für den Künstler besteht zwischen den beiden Quadraten noch ein drittes, immaterielles Quadrat, welches die beiden Formen trennt, aber auch verbindet.) Dadurch bildet die Mitteltafel, obwohl sie materiell in unseren Raum hineinragt, ein immaterielles Fenster in einen uns gegenüberliegenden anderen Weltenraum. Nicht nur die gemalten Türpfosten, sondern die ganze lichte Mitteltafel laden demzufolge zum Hindurch- und Hineingehen in diese andere Welt in unserer Mitte ein, die in ihren Formen und Farben klarer, geordneter und ruhiger erscheint als ihr Umfeld.

Das Bild weckt die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies und lässt nicht nur durch die formale Verwandtschaft von Türrahmen und Joch die Einladung Jesu aus dem Matthäus-Evangelium (11,28-29) hören: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“

Jesus offenbart sich als Antithese zur Paradiespforte, durch welche sich die ersten Menschen durch ihre Sünde von Gott und dem von ihm für sie geschaffenen Lebensraum ausgegrenzt hatten (Gen 3,24). Der Gottessohn selbst ist die neue Türe, der neue Durchgang zur Fülle des Lebens (Joh 10,10), wie sie von Gott im Paradies für die ganze Schöpfung angelegt war. Nur Er kann dieses Eingangstor sein, weil er selbst Gott ist und daher von „innen her“ den Weg öffnen kann. Das seitenverkehrt unter der Mitteltafel stehende lateinische Wort „est“ scheint uns Jesus von der anderen Seite her zuzurufen. Er, der ganz und gar „ist“, ruft uns in die Fülle des Seins – durch die neue Beziehung und Verbundenheit mit Gott.

Dies bedeutet keine Distanzierung von dieser Welt. Der in der Mitteltafel beginnende und den Torbogen durchquerende Weg führt über die unseren weltlichen Lebensraum symbolisierende Grundplatte hinaus in die Höhe, in die geistige Welt. Bezeichnenderweise ist dieser Weg in einem satten Grün gemalt, der Farbe des neuen Lebens. Jesus ist „die Tür“ zum erfüllten Leben, er führt die ganze Schöpfung zur Vollendung – in ihm.

Durst nach mehr …

Ein Mann und eine Frau sind an einem Brunnen miteinander ins Gespräch gekommen (Joh 4,1-42). Beide wollten Wasser holen, doch auf einmal ist die Begegnung wichtiger geworden. Das irdene Schöpfgefäß bleibt leer, weil die menschliche Seele nach „mehr“ Durst hat: Offenheit, Verständnis, Liebe, Vergebung, …

Sie kommt seit Jahren jeden Tag zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. So ist es “ihr“ Brunnen geworden. Lässig hat sie ihr rechtes Bein auf den Brunnenrand gestellt, um den schweren Tonkrug abzustützen und andächtiger den Worten des Jünglings zuhören zu können, der von links in das Bild – in ihre „Welt“ – hineingekommen ist.

Er, ein Jude, hat sie Samariterin um Wasser gebeten! Die Künstlerin hat ihn als Bittsteller kleiner dargestellt als die Frau. Mit wirren Haaren, aber einer ruhigen Ausstrahlung, steht er im langen, einfachen Gewand vor ihr und schaut sie mit großen Augen an. Sie spürt, wie sein Blick in die Tiefe geht, wie ihm nichts verborgen bleibt.

Sprechen deshalb aus ihren Augen Angst, Zweifel und Fragen? – Ist er derjenige, den sie schon lange sucht? Derjenige, der in ihr den Durst zu stillen vermag, den kein Mann (vgl. V. 18) und kein Mensch zu stillen vermochte?

Der junge Mann offenbart ihr, dass sie unbewusst immer etwas oder jemand gesucht hat, der dem Wasser und dem Brunnen ähnlich und doch ganz anders ist: Gott! Jesus sagt zur Frau: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,13-14)

Worauf die Frau ihn bat: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.“ – Das „lebendige Wasser“, das Jesus zu geben vermag, hat die Künstlerin so thematisiert, dass es aus seiner Hand als dem Ort des Gebens herausfließt. Gleichzeitig wird damit seine Kreuzigung angesprochen, bei der nach dem Lanzenstich Blut und Wasser aus seiner Seite geflossen sind (Joh 19,34).

Ein weiterer Wasserfluss zieht wie die Stola eines Diakons diagonal über das Gewand von Jesus und zeichnet ihn auch von dieser Seite als den Dienenden, Gebenden aus. Er bringt „Geist und Wahrheit“, er bringt den Glauben an seinen Vater zu den Menschen sowie vielfältige Erfahrungen des Heils und der Versöhnung für alle. Durch sein Geschenk hat die Frau zum wahren Glauben gefunden. Sie braucht kein tönernes Gefäß mehr (vgl. V. 28), weil sie selbst zur Wasserträgerin – Glaubensträgerin – geworden  war. Die Männer, die sie aus dem Dorf gerufen hatte, sagten doch auf ihr Zeugnis von Jesus zu ihr: „Er ist wirklich der Retter der Welt!“ (V. 42)

Nicht verurteilen

Die zentrale Person dieses Bildes muss die Frau sein. Mit langen wehenden Haaren und nur leicht bekleidet steht sie im Blickpunkt der fünf Männer im Hintergrund, des Jünglings auf der Seite und nicht zuletzt von mir als Betrachter/in. Mit der linken Hand bedeckt sie ihren Körper, als wäre sie nackt, mit dem rechten Zeigefinger fasst sie nachdenklich ans Kinn. Dabei blickt sie gebannt auf den sitzenden Jüngling, als erwarte sie ausschließlich von ihm eine Antwort.

Der junge Mann mit den wirren Haaren schaut sie seinerseits fragend an, den Kopf nachdenklich in seine linke Hand gestützt. In der anderen Hand hält er einen Stab und schreibt in den Sandboden. Ist es nicht der Anfang des hebräischen Wortes „Gott“? Und was macht ein Fisch etwas fremd zu seinen Füßen? Beide Symbole weisen den sitzenden Mann als Jesus aus. Die Frau ist demzufolge die von den Schriftgelehrten und Pharisäern auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin.

Wie eine Mauer stehen die Ankläger in langen, verhüllenden Gewändern und hochgezogenen Kapuzen hinter ihr. Mit verschlossenen Blicken schauen sie die Frau an, beraten oder vergewissern sie sich, um schließlich davonzugehen auf die Frage von Jesus: “Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ (Joh 8,7) So bleiben die Steine am Boden liegen und mögen in Form einer Weintraube ein Hinweis auf die Versöhnung sein. Jesus ist doch der Weinstock, sein Blut wird zur Vergebung der Sünden vergossen.

Im Gegensatz zu den fünf Männern, die sich moralisierend über die Frau erhoben haben, hat sich Jesus klein gemacht. Er will nicht ihr Richter sein, sondern ihr Diener. Er schaut die Frau von unten an, um sie nach der Erniedrigung durch die Ältesten wieder groß zu machen. Gleichzeitig weist er auf die Anfangsbuchstaben von „Gott“, wie um seine Worte laut werden zu lassen: „Auch ich verurteile dich nicht, geh, und sündige von jetzt an nicht mehr.“ (Joh 8,11)

Nach diesen Worten von Jesus kann und will ich als letzte/r Betrachter/in nichts mehr sagen. Ich möchte mir nur die Haltung Jesu zu eigen machen. Und ganz leise singt es in mir – als wäre es das aus der Ferne erklingende Glück jener von Jesus begnadigten Frau: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. … Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten; er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ (Lk 1,46-47.50f)

Pulsierendes Leben

Ein leuchtendes Rot, das wie bei der Mikrofotografie durch den Mutterbauch von feinen Äderungen durchzogen ist und das den Augen verborgene Leben sichtbar macht. Leben, das aus der Liebe entstanden ist und von ihr gehalten wird.

Dieses Rot ist durch und durch lebendig, pulsierend vom Kreuz-Zentrum aus in die Höhe und die Tiefe, und ganz besonders nach links und rechts in die Breite. Seine Arme sprengen die Grenzen der „quadratischen“ Form, gehen bis zum Bildrand und scheinen darüber hinaus den Betrachter umarmen zu wollen.

Diese warmen und lichtvollen Rottöne in der Form eines Kreuzes – oder vielmehr einer Menschenbrust mit ausgebreiteten Armen – führen mich zur unermesslichen Liebe Gottes. Sie lassen mich Geborgenheit erfahren, seine göttliche, Leben schaffende Liebe spüren.

Ein Raum der Liebe tut sich mir auf, erfüllt von glühender Leidenschaft, wie in einem Schmelzofen unaufhörlich Neues schaffend. In diesen Rottönen finde ich den Anfang und das Ende des Lebens Jesu, in ihnen fließt das helle Blut des Lebens, das von seinem Herzen durch die Adern seines mystischen Leibes, der Kirche, fließt.

Geboren von der Jungfrau Maria, breitet sich – wie die Kreuzapplikation auf dem Bild – seine „Blutspur“ über die Erde, sühnend und sie mit seinem Wort, seinem Fleisch und Blut tränkend zu neuem Leben erweckend. Es ist keine Spur des Leids oder der Gewalt, sondern eine Spur glühender mütterlicher und väterlicher Barmherzigkeit und Liebe.

Und der Fisch? Ist er nicht etwas fremd auf diesem Bild, ganz ohne Wasser? – Aber vielleicht soll er störend sein, damit wir besser hinschauen und uns mehr überlegen …

In der christlichen Ikonographie ist der Fisch ein Symbol für Jesus Christus. Er ist ganz „Gottes eingeborener Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, eines Wesens mit dem Vater“ und gleichzeitig ganz der Sohn Mariens, weil er „für uns Menschen und zu unserem Heil“ ihr „Fleisch angenommen hat durch den Heiligen Geist und Mensch geworden ist“ (vgl. Großes Glaubensbekenntnis).

Das Bild von Thalia Uehlein führt uns so gesehen zum Geheimnis des „Immanuel“ – dem „Gott mit uns“. Sie erinnert uns an das Geschenk des Lebens aus dem Zusammenwirken der göttlichen und menschlichen Liebe. Sie erinnert uns darüber hinaus an die Kostbarkeit des Blutes – so wichtig wie das Licht, das in ihm aufleuchtet, oder das Wasser, in dem der Fisch schwimmt.

Lichteinbruch

Dunkelblau und Gelb bestimmen dieses quadratische Bild. Die leuchtend gelbe Fläche gleicht durch ihre Ausdehnungen einer Säule, welche die beiden blauen Flächen voneinander trennt. Dem Bildrand entlang finden sich kleine dunkelgelbe Flächen.

Mich fasziniert an diesem Bild der Lichteinbruch in den Bildraum, der durch seine quadratische Form durchaus Symbol für die Welt sein kann. Von oben scheint sich das Licht in diese vormals dunkle Welt zu ergießen.

Als erstes kommt mir die Schöpfungsgeschichte in den Sinn: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde … Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. (Gen 1,1-5a)

Dieses Zurückdrängen der Dunkelheit durch die Stärke des Lichtes prägt meines Erachtens das Bild. Kommt die Kraft vielleicht von der Menschengestalt, die sich im unteren Teil der Lichtsäule schemenhaft abzeichnet? Von der aufrecht stehenden Lichtgestalt?

So kommt mir als zweites Jesus in den Sinn, der von sich selbst sagte: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh 8,14) Aus dem Bild ist zu spüren, was Johannes im Prolog seines Evangeliums schrieb: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (1,5) Und etwas weiter spricht er das an, was die Künstlerin auch mit dem quadratischen Format ausdrückte: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (1,9)

Durch die Menschwerdung seines Sohnes erschafft Gott die Schöpfung gleichsam ein zweites Mal. Diesmal von innen, nicht materiell, sondern geistig und mit der Kraft des Herzens und der Liebe.

Wie Feuer will Seine Liebe in uns brennen (Lk 12,49), warm und hell in der Dunkelheit der Anonymität, der Ignoranz und aller Kaltherzigkeit. Sind die dunkelgelben „Feuer“ am unteren Bildrand vielleicht Platzhalter für alle, die „Feuer und Flamme“ für die Botschaft Jesu geworden sind und ihm nachfolgen? Heißt es doch: „Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,14)

Das bedeutet, dass wir am Licht Jesu Christi teilhaben werden. Wer sich dem „Licht der Welt“ öffnet, in dem wird Jesus in dem Maße leuchten und die Lebensfülle erfahren lassen, wie er oder sie sich Ihm zu öffnen vermag. Wahrscheinlich wird er oder sie nie so hell wie Er leuchten, aber auch die Finsternis verdrängend und durch das Licht neuen Raum für die Entfaltung des Lebens schaffend – die Erschaffung der Welt fortsetzend.

Jesus?

Immer wieder stellt sich dem Gläubigen die Frage nach der Gestalt von Jesus. Wer war diese Person, die von den Propheten Jahrhunderte im voraus angekündigt worden war, während seines öffentlichen Wirkens Scharen von Menschen faszinierte und dessen Botschaft und Auferstehung zur Gründung der Kirche geführt hat? Stellungnahmen ergeben sich aus persönlicher Betroffenheit und aus dem Zeitgeist heraus.

Anlässlich des international ausgeschriebenen Wettbewerbs „Jesus 2000“ schuf der Künstler Gerhard Knell dieses Bild. Der virtuelle Raum und der Fernsehturm erzeugen ein futuristisches Bild unseres Bilder- und Medienzeitalters, gleichzeitig knüpfen das transparente Trägermaterial und die von hinten beleuchteten Farben an die großen gotischen Kirchenfenster an. Die Bildschirme ergeben zusammen die Gestalt eines Kreuzes. In der Mitte ist das Antlitz Jesu erkennbar, rechts und links davon große blaue Hände. Die unteren beiden Bildschirme zeigen Ausschnitte aus dem Turiner Grabtuch.

Der oberste Fernseher ist nach links abgedreht. Sein Bildschirm erscheint wie ein Aquariumglas, hinter dem ein Fisch schwimmt. Die sechs Fernseher wie ihre Bildbotschaft erinnern an eine aufrechte menschliche Gestalt und rufen seinen Tod und seine Auferstehung ins Bewusstsein. Sie sind gleichsam Fenster auf ein vor langer Zeit Geschehenes, auch mit Hilfe von Ikonen oder Reliquien wie des Turiner Grabtuches.

Wände und Decke zeigen großformatige Portraits von drei Männerköpfen. Der rechte Kopf trägt einen Bart und wird durch den weit aufgerissenen Mund und die großen Augen charakterisiert.  Im Gegensatz zu diesem „lauten“ Gesicht zeigt die linke Wand ein asketisch strenges Gesicht, dessen Augen auf das „Kreuz“ fixiert sind. Ob es sich um die beiden Schächer am Kreuz handeln soll, die mit Jesus gekreuzigt worden sind? In ihrer Todesstunde haben sie Stellung bezogen in Bezug auf Jesus. Der eine schrie: „Bist du nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! „ Der andere wies ihn darauf zurecht und sagte zu Jesus: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ (Lk 23,39-43)

Und der Kopf an der Decke? Obwohl wir von oben auf ihn herunterschauen, schaut er auf uns herunter, bzw. auf den „Kreuzaltar“! Soll dieses Gesicht den Vater Jesu vergegenwärtigen, der auf ihn schaute und ihm in seiner Liebe und Nähe Geborgenheit schenkte? – Da kein Hinweis zu erkennen ist, kann auch einfach eine dritte Stellungnahme in diesem Portrait gesehen werden. Dieser Mensch schaut auf das Kreuz nieder, er entdeckt es gerade unter sich, vielleicht sogar als tragendes Element seines Lebens!

Bei der Betrachtung dieser drei großen Köpfe fällt das zentrale Antlitz Jesu durch seine kleine Größe, seine Unschärfe, vor allem durch seine frontale Gegenüberstellung auf. Die ganze Kraft der aus den umgebenden großen Gesichtern kommenden Blicke fokussiert sich in seinem Gesicht, das den Betrachter anschaut. Und Du, was denkst Du vom Menschensohn? (Mt 16,13)

Wie ein Nachrichtensprecher ist er abgebildet. Aber er ist mehr. Er selbst ist die Botschaft, sein Leben selbst ist die gute Nachricht, die Leben schenkt und in allen Häusern und bei allen Menschen verkündet werden will. Und wer ist Jesus für Dich? Was denkst Du vom „Messias, dem Sohn des lebendigen Gottes?“ (Mt 16,16)

Glaubensbekenntnis

Linien und Farben, die sich zu Zeichen formen. Wie durch ein farbiges Kirchenfenster hindurch sehen wir in der Mitte einen großen roten Fisch. Zwei Hände sind ihm zugedreht. Ichthys nennt der Künstler Michael Blum sein Bild – zu griechisch „Fisch“ – und weist damit auf die Kurzform eines Glaubensbekenntnisses der ersten Christen hin. Die Anfangsbuchstaben von Iesus Christos theou hyios soter ergaben Ichthys. Die einfache Fischform war ihr Geheimzeichen, mit dem sie sich gegenseitig zu erkennen gaben, und gleichzeitig Bekenntnis, dass Jesus Christus Gottes Sohn und ihr Retter ist.

Zentral wie diese beiden Aussagen im christlichen Glauben stehen, nimmt der Fisch die Bildmitte ein. Zum Teil ist er auf ein weißes aufgeklebtes Stück Tuch gemalt, welches die Altardecke in Erinnerung ruft. Die untere Linie des Fisches teilt zusammen mit einer blauen Senkrechten ein goldenes Rechteck. – Symbol für die irdische Gegenwart Gottes in Jesus Christus, der sich im Sakrament der Eucharistie immer wieder neu den Menschen mitteilend schenkt? Rechts darunter ist auch ein weinroter Kelch zu entdecken, durch eine weiße Linie hervorgehoben

Anamnese – Erinnerung geschieht hier, die über den in der Kirche als gemeinschaftsbildenden und -erhaltenden Gottesdienst hinausgeht: Das biblische Geschehen, wo Jesus „die sieben Brote und die Fische nahm, das Dankgebet sprach, die Brote brach und sie den Jüngern gab, und die Jünger verteilten sie an die Leute“ (Mt 15,36), wird im Geiste gegenwärtig.

Sanft führt der Künstler mit seiner Bildsprache an das Geheimnis des Glaubens heran: Am oberen Bildrand sehen wir das Auge Gottes im durch einen blauen Strich abgegrenzten „Himmel“. Gott teilt sich in dreifacher Form mit: Rechts ist die nach unten weisende Hand das Zeichen, dass Gott zu uns Menschen spricht, Weisungen und Richtlinien für unser Leben gibt. In der Mitte symbolisieren sieben rote Tropfen oder Flammen die Gaben des Heiligen Geistes, die uns befähigen, Gott zu erkennen, ihn zu lieben und seine Gebote der Liebe umzusetzen. Links das Wasserband als Zeichen für Jesus, das Wasser ewigen Lebens (Joh 4,14), das vom Himmel geschenkt wird. Den Worten Jesajas „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen!„ wird hier auf dreifache Weise Gestalt verliehen.

Die untere, nach oben offene Hand scheint die weiteren Worte Jesajas zu verkörpern: „Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich der Herr, will es vollbringen“ (Jes 45,8). Gott selbst vollbringt im Gläubigen die tastende Annäherung an das unbegreifliche Geheimnis der Gemeinschaft mit IHM! Er will unsere Herzen und Hände öffnen – für seine Liebe, sein Wort, die Not der Menschen!

Transparent, kaum wahrnehmbar ragen drei Stoffapplikationen über den Bildrand hinaus. Sie kommen mir wie einladende Brücken zur Welt vor, über die neue Zugänge zum Glauben wie zur Welt möglich sind. Und über allen Gläubigen, die sich hier um ihren Herrn und Retter versammeln, steht fein und segnend ein blaues Kreuz – wie jenes Wasserkreuz, das Katholiken beim Betreten und Verlassen einer Kirche in Erinnerung an ihre Taufe mit dem Weihwasser über sich machen. Als „Gezeichnete“ sollen sie wie die ersten Christen ihren Glauben in „ihrer Welt“ bekennen – in dem sie ihrerseits Zeichen setzen.

Emmaus

Die Szene könnte sich in einem heruntergekommen Lokal zwischen verklebten und vermalten Wänden abspielen. Drei seltsame Gestalten sitzen an einem grünen Tisch mit einem einsamen Glas Coca Cola. Ein in sich versunkener Gast hält mit seinen Händen etwas hoch. Seine beiden Kollegen schauen dem Ge- schehen scheinbar teilnahmslos zu.

Ist der Mann am Essen? Was hält er in den Händen? Was will uns der Künstler mit den vielen Etiketten von Brot, Wein, Bier und Coca Cola sagen? Hat die goldgelbe Hintergrundfarbe, die in das Gewand des frontal uns zugewandten Mannes einfließt, eine Bedeutung?

Mich erinnert das Bild an russische Ikonen, deren goldener Hintergrund auf die Herrlichkeit Gottes hinweist, die im dargestellten Ereignis aufleuchtet. Gleichzeitig wird der Raum in einen überzeitlichen Rahmen gestellt. Was hier geschieht, kann überall und zu jeder Zeit geschehen sein und wieder geschehen.

Ging Jesus nicht mit zwei seiner Jüngern nach Emmaus und kehrte dort mit ihnen ein, weil sie ihn drängten und es Abend wurde? Es könnte so eine Gaststätte gewesen sein, in der sie sich an den Tisch gesetzt haben, Jesus das Brot nahm, den Lobpreis sprach, das Brot brach und es den Jüngern gab (vgl. Lk 24, 13-34, hierzu 28-30).

Zugegeben, die vielen Etiketten an der Wand, auf dem Tisch und selbst im Glas irritieren. Doch hier macht der Künstler den Sprung in unsere Zeit, wo jedes Produkt zu einer Marke geworden ist, damit wir seine Qualität und seine Herkunft wiedererkennen. Wie den Jüngern am „Markenzeichen“ des Brotbrechens die Augen aufgegangen sind und sie ihren Begleiter als Jesus erkannten, so soll es uns gehen, wenn für uns das Brot gebrochen wird. Nicht nur in der Eucharistiefeier, sondern überall, wo zwei oder mehrere Menschen im Namen Jesu versammelt sind (Mt 18, 20). Er hat uns verheißen, dass Er dann mitten unter uns sein wird. Bei uns zuhause, im Freien auf einer Wanderung, im Restaurant, …

Die in sein Gewand hinlaufende goldgelbe Farbe signalisiert also die göttliche Abstammung des Brotbrechenden, weist auf die Herrlichkeit hin, die er von seinem Vater erhalten hat. Kurz zuvor hat ja Jesus zu den beiden Jüngern gesagt: „Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk 24,26)

Inmitten der Unruhe der vielen Etiketten, durch die die Hersteller um die Gunst und die Treue der Käufer werben, zieht die in sich gekehrte  Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich – und eine andere Welt. Den sich in Sorgen und Verzweiflung verzehrenden Jüngern schenkt Jesus durch das „Teilen“ seiner Gegenwart neue „Zu-ver-sicht“. Sie merken, Er allein zählt. ONLY YOU, Gott allein. Vielleicht erinnern sie sich an seine Worte in der Bergpredigt: „Sorgt euch nicht! Euch muss es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben! (Mt 6,25-34)