Der ungläubige Thomas

In der lieblichen Donau-Landschaft stößt der Wanderer bei Bissingen auf den Stationenweg von Franz Hämmerle, der mehr Auferstehungs- weg als Kreuzweg ist. 11 Steinskulpturen laden den Betrachter zur Auseinandersetzung mit dem Geheimnis des christlichen Glaubens ein. Beginnend mit dem gebeugten Schmerzensmann führt der Leidens- weg zur Kelter, zur Begegnung mit Veronika und zu den weinenden Frauen, dem dreimaligen Fall und schließlich zum Lamm unterm Kreuz. Am eigenen Leib erfährt dann der Wanderer und Beter im Weitergehen, dass auf das Kreuz und den Tod Ostern folgt, die Begegnung in Emmaus, die Erfahrung des ungläubigen Thomas, der reiche Fischfang, ja die endzeitliche Völkerwallfahrt (Jes 59; 66) zum erhöhten Herrn begonnen hat.

Mitten in dieser Welt sind diese Skulpturen Zeugen einer anderen Welt. Sie sind Tor zur Welt des Glaubens, zur Begegnung mit Gott. In der Skulptur vom ungläubigen Thomas (Joh 20,24-29) kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck.

Hinter einem massiven Mahltisch mit Fischen ragen zwei „Felsen“ auf, zwei Welten symbolisierend. Davor zwei sich zugewandte Menschen. Der linke Mann ist mehr verborgen als sichtbar. Nur sein Gesicht und ein Arm sind deutlich zu erkennen. Es muss der Auferstandene sein, der Thomas wie den anderen Jüngern erscheint und den Gruß entbietet: „Friede sei mit euch!“.

Ihm gegenüber steht Thomas. Er steht mit dem ganzen Oberkörper frei vor dem Felsen und damit ganz in unserer Welt. Gebannt ist sein Gesicht Jesus zugewandt. Seine linke Hand liegt auf dem Mahltisch mit den Fischen, während die Rechte zum Gruß erhoben ist und tastend versucht, die Leere zwischen ihm und Jesus zu überwinden. Spiegelbildlich zur Hand Jesu verharrt sie, schweigend das Unglaubliche auslotend. Die Spannung zwischen beiden ist zu spüren, auch das staunende Erkennen, welches seinen Ausdruck in den Augen von Thomas findet: „Mein Herr und mein Gott!“ Im Glauben überwindet er alle abgründigen Hindernisse, legt er seine Hand in Jesu Seite und berührt er seine Wunden.

Symbolisch geschieht eine ähnliche Begegnung zwischen der linken Hand von Thomas und den Fischen. Auf die Fische hinweisend, deren griechisches Schriftbild ein verschlüsseltes Glaubensbekenntnis der frühen Christen war, scheint sie zu bekennen: „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter“ (Die Anfangsbuch- staben von Jesous – Christos – theou – hysios – soter ergeben zusammen das Wort ichtys = Fisch).

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Palmsonntag

Jesus reitet auf einer Eselin in Jerusalem ein und erfüllt die Weissagung der Propheten Jesaja und Sacharia: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und reitet auf einer Eselin.“ (Mt 21,4-5). Vor einem buntgemusterten Hintergrund, wo oben mit ein paar braunen Flächen Häuser angedeutet sind, ist in der Bilddiagonale eine Gruppe von Menschen prozessionsartig von rechts unten nach links oben unterwegs.

In ihrer Mitte kaum auszumachen Jesus auf der Eselin. Der Kreuznimbus hebt sein Haupt hervor und zeichnet seine Person aus. Mit dem Rücken zu uns winkt er der Volksmenge zu, die ihn wie in der Bibel beschrieben ausgelassen mit Palmzweigen bejubelt und Tücher aller Art auf dem Boden ausbreitet.

Doch bei genauerem Hinsehen sind Menschen zu entdecken, die sich ganz anders verhalten und – in unsere Zeit versetzt – uns etwas von der Aufregung und den Fragen ihrer Zeit spüren lassen (vgl. Mt 21,10). Der Mann mit Frack und Zylinder wie die junge Dame im Abendkleid lassen an eine Party denken, wo ein Star gefeiert wird. Zwei Rucksacktouristen gehen am Umzug vorbei, wie man in einer Fußgängerzone mit einem langen Kopfwenden kenntnisnehmend an einem Stand oder einem Performancekünstler vorbeigeht. Während ein Mönch und eine Klosterfrau ausgelassen tanzen, verhalten sich die Vertreter der Kirche liturgisch korrekt: In den entsprechenden Gewändern legen sie sich hingebend flach auf den Boden oder knien mit gefalteten Händen vor ihrem Herrn.

Mit etwas Abstand (!) folgt die Schar der Jünger. Die Heiligenscheine zeichnen sie als jene aus, die Jesus nachfolgen. Geschlossen stehen sie da, nur wenig Bewegung ist bei ihnen festzustellen. Was da geschieht, scheint sie zu befremden. Einer ist sogar in Ohnmacht gefallen oder so erschöpft, dass er von zwei anderen Jüngern gehalten werden muss. Ein Dritter scheint mit dem Arm auf Jesus weisend ihm zu sagen: Auf, nur nicht schwach werden, wir müssen ihm folgen!

Durch den bunten, fröhlich stimmenden Hintergrund wird Jesu Einzug in Jerusalem ein überzeitliches, globales und andauerndes Geschehen. Jesus zieht nicht nur jedem Palmsonntag liturgisch gefeiert in seine Kirche ein, sondern ist ununterbrochen daran, durch unseren Lebensalltag zu ziehen: Von den einen nur mit einem kurzen Seitenblick gestreift, von andern wahrgenommen und herzlich willkommen geheißen, wiederum von anderen missverstanden oder mit Abstand verfolgt. – Nehme ich wahr, dass Jesus bei mir Einzug halten will? Wie stehe ich zu ihm? Weiß ich ihn angemessen zu ehren, finde ich es einfach interessant oder halte ich mich auf Distanz, obwohl ich als getauftes Menschenkind zu seinen Jüngern gehöre?

Jesajas Worte „Siehe, dein König kommt zu dir“, richten sich ganz konkret an mich als Betrachter. Der Prophet sagt zu mir: Schau nur gut hin, du bist nicht ein (zeitlich) entfernter Beobachter dieses Ereignisses, sondern bist Teil dieses Einzuges. Jesus will in dein Herz einziehen. Tochter Zion, öffne weit deine Tore, juble laut deinem Herrn und König: „Hosanna, dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9)

Ölberg – Ort des Gebetes und der Kraft

„Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst“ soll geschehen. Dieses grenzenlose Vertrauen in die Macht und den Willen seines Vaters prägen Jesu Gebet kurz vor seinem Tod. Die Jünger sind bei ihm, doch ihr Fleisch ist schwach, sie schlafen und können der Aufforderung Jesu nicht nachkommen, mit ihm zu beten und der Versuchung zu widerstehen (Mk 14,32-42).

Diese gegensätzliche Situation hat Jörg Länger mit einfachen graphischen Mitteln ins Bild gebracht. Die Personen sind schematisch dargestellt, eher angedeutet.

Gerade noch erkennen wir in den schwarzen Formen liegende und damit schlafende Menschen: die Jünger. Sie sind schwarz, weil sie müde geworden, der Nacht und Versuchung keinen Widerstand geleistet haben. Die sie umgebende Nacht ist förmlich in sie hineingekrochen. Ihre halbkreisförmige Anordnung ergibt einen Hügel, ein Hinweis auf den Ölberg.

Die goldgelbe Gestalt, zur rechten Seite hin kniend, muss Jesus sein. Durch den Abstand zu den Jüngern wie durch seine Farbgebung scheint er zu schweben, in eine Welt der Schwerelosigkeit entrückt zu sein, wo die irdischen Gesetze keinen Zugriff haben. Allein kniet er da in der Auseinandersetzung mit seinem Vater. In der weiten, weißen Fläche ist die nächtliche Stille zu spüren, die langen Stunden des Gebetes, aber auch die zärtliche Umarmung seines unsichtbaren Vaters, der ihm in einer der schwersten Stunden seines Lebens Halt gibt. Es geht um mehr als nur Jesus allein, es geht um die Rettung der Menschheit.

Mit der Jesusgestalt von Hans Holbein dem Älteren hat Jörg Länger eine altvertraute Form aufgenommen. Durch die Reduktion auf ihre Umrisse hat er sie allerdings vom Gegenständlichen losgelöst und auf das Wesentliche verdichtet zu einem neuen Bedeutungsträger werden lassen. Die Intensivierung der Farben von unten nach oben in der Gestalt Jesu steigert diese Wirkung. So wird Jesus zum „aufstrahlenden Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“ (Lk 1,78f), zum „Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)

Die leuchtende Gestalt Jesu bildet die Spitze eines nach oben gerichteten Dreiecks, dessen Basis die schlafenden Jünger bilden. Symbol für die sich in der „Nacht“ befindende, von der Erdanziehungskraft ermüdete Menschheit, an deren Spitze Jesus unermüdlich mit dem Einsatz seines Lebens für uns betet? Es lohnt sich auch, das Bild aus dieser Perspektive mit den Worten aus dem Hebräerbrief 4,14 – 5,10 über Christus als Hohenpriester zu betrachten.

So zieht mich die leuchtende Bildmitte immer wieder an, konzentriert meinen Blick auf den betenden Jesus und erinnert mich an seine Worte: Bleibet hier und wachet mit mir! Das Bild wird mir Gebetshilfe, Symbol für die Fastenzeit. Durch das Fasten und Verzichten auf so viel Nebensächliches und doch so Belastendes soll mein Blick wieder frei werden für alles, was durch Jesus geschehen ist. In der Stille werde ich wieder seine Worte hören und die Kraft erhalten, mit ihm wach und im Gebet innigst mit Gott verbunden zu bleiben.

Menschenfischer

Die Bildszene könnte sich in einem Großstadtpark abspielen. Breite Wege mit flachen Treppen, eine Rollstuhlrampe sowie ein mit einer Mauer begrenzter Grünbereich sind zu erkennen. Ein warmes Rotbraun beherrscht das Bild und lässt den Weg übergangslos in den Hintergrund führen. Was das wohl zu bedeuten hat? Ob da der Himmel auf die menschlichen Wege „ausläuft“ und versucht die Menschen in ihrer Eile zu erreichen?

Alle scheinen sich abzuwenden und eher davonzulaufen. Außer dem einen Mann, der auf dem Mäuerchen sitzt. Die Aktentasche neben sich gestellt, lehnt er sich entspannt zurück und streckt lässig sein linkes Bein vor. Die Ärmel seines Hemdes sind hochgerollt, die Arbeit scheint getan zu sein. Gedankenverloren schaut er um sich, gar nicht merkend, wie von hinten einer ein Netz über ihn wirft. Der “Menschenfischer” kann nur Jesus sein, der zu seinen ersten Jüngern gesagt hat: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen!“ (Mt 4,19)

Hier bekommt ein Mensch eine neue Aufgabe. Mitten im Alltag. Eine Aufgabe von Gott! Den göttlichen Auftrag, wie Er zu handeln. Familie und Beruf aufzugeben und der Berufung nachzugehen (vgl. 4,22), allen Zeugnis abzulegen von der wirkmächtigen Gegenwart des dreieinigen Gottes (vgl. Joh 14,15-21)

Es sieht aus, als würde Jesus den Mann von hinten überraschen. Das kann sein. Doch kann ich mir auch vorstellen, dass der Künstler damit andeuten möchte, dass es sich mehr um ein inneres Geschehen als um ein äußeres handelt. Die „Träumereien“ wären dann als eine tiefe Einsicht ins Herz zu interpretieren, aus der die Erkenntnis hervorgeht, von Ihm angesprochen zu sein und einen Auftrag erhalten zu haben.

Drehen die Menschen im Vordergrund deswegen von Ihm ab, weil sie nicht angesprochen werden, keine tiefen Einsichten machen wollen? Oder haben sie bereits eine Aufgabe erhalten, sich etwa der Rollstuhlfahrerin anzunehmen? Weint die alte Frau, weil sie von Jesus weggeschoben wird oder weil sie von Ihm im Innersten berührt worden ist?

Ich tendiere in beiden Fällen aufgrund von kleinen gemalten Hinweisen auf eine Bekehrung (wie auch der Maler das Bild betitelt), auf eine Umkehr durch ein tieferes gnadenhaftes Verstehen. Die beiden Männer sehen eher nach jugendlichen Raufbolden aus, denn einer trägt am linken Auge ein „Veilchen“! Aus Gewalttätigen sind Sanftmütige geworden, auch wenn sie sich noch etwas unbeholfen der Rollstuhlfahrerin annehmen.

Auch mit der alten Frau scheint etwas Bewegendes geschehen zu sein, dass sie so herzzerreißend weint. Sind es Tränen der Reue über so manches falsch Gedachte und Gemachte? Noch hält sie einen Zigarettenstummel in ihrer Hand. Ob ihre Invalidität damit zusammenhängt und sie sich eben der Schuld bewusst geworden ist?

Wir wissen es nicht. Ratlosigkeit ist auch beim engelsgleichen Wesen auf der Treppe zu beobachten. Beinahe trotzig sitzt er breitbeinig und den Kopf in geballte Fäuste aufstützend. Eigentlich müsste er sich doch freuen, wenn Menschen sich bekehren. Oder ist er ähnlich wie Jonas nach der Bekehrung von Ninive einfach sauer (Jon 4), weil sich die Menschen bekehrt haben und zu Gott und damit zu ihrem Heil gefunden haben?

Doch was soll die gerade von rechts ins Bild hereinschreitende Frauengestalt zu bedeuten haben? Der Maler hat ihren nackten Körper nur flüchtig gemalt, teilweise nur angedeutet. Sie ist in der Farbe des Hintergrundes gemalt, als wäre sie ganz erfüllt von der „himmlischen“ Farbe. Sie hat nichts zu verbergen und braucht keine Bekehrung. In ihrer lichten Jugendlichkeit und erfüllten Beweglichkeit bildet sie einen Gegensatz zur alten Frau im Rollstuhl, die sich mit ihrer schwarzen Körperfarbe nur durch den Rollstuhl und den Helfer vom Hintergrund abhebt.

Das Bild gibt mir mit den verschiedenen Stadien der Bekehrung zu denken. Jesus ist als Menschenfischer in unserem Alltag! In welcher Gestalt finde ich mich am ehesten wieder?