Hände reden vom Kreuzweg

Am 1. März 2020 ist in Landquart (unweit von Chur, Schweiz) ein Kreuzweg eingeweiht worden, der bis auf wenige Hilfsmittel wie Brot, Kreuz, Tuch, Natodraht oder Erde ausschließlich mit Händen aus der Gemeinde gestaltet worden ist. Es sollte ein Kreuzweg „von Landquarter*innen für Landquarter*innen“ werden. Ein Kreuzweg, der das Leben der heutigen Gläubigen über ihre Hände mit dem  Kreuzweg Jesu verbindet. Der Kreuzweg stellt unseren irdischen Leidensweg, unseren Kreuzweg, den Jesus für uns vorausgegangen ist, dar!” Die 33 cm Kantenlänge der quadratischen Fotos verweisen auf das Lebensalter Jesu.

In der elementaren Gebärdensprache der Hände wird dem Betrachter der Kreuzweg Jesu nahegebracht. Die Hand-Zeichen lassen ihn zum Mitwirkenden werden, denn der Leidensweg Jesu geht uns alle etwas an. Er setzt sich quer durch unsere Leben hindurch fort und begegnet uns z.B. in allen Situationen der Todesangst, der Ver-urteilung, des Mit-tragens oder der Linderung. Bei der zweiten Station werden einem Momente und Zeiten der Abwehr bewusst, des Nicht-wahr-haben-Wollens, des Versteckens. Bei der vierten Station wird man an Situationen erinnert, in denen man in ein Gruppengeschehen hineingeraten ist und sich plötzlich beim Lästern und Urteilen über andere ertappt. In der sechsten Station sind die Hände dem Kreuz nahe, sie tragen und berühren es gleichzeitig, um dem Leidtragenden nahe zu sein und ihn durch ihre solidarische Aktion zu entlasten. In der siebten Station werden alle Begegnungen angesprochen, in denen durch Zuwendung Trost und Linderung gespendet wird.

Dreizehn Stationen sind als schwarz-weiß-Fotografien ausgeführt, nur die Auferstehung in der XIV. Station deutet mit ihrer Farbe auf eine wesentliche Veränderung hin. Sie verweist durch ihre blaue Farbe auf die blau gemalte Decke im Chor und leitet so von dieser Welt in die jenseitige Welt über, die wir auch gerne als Himmel bezeichnen. Zwei Hände voller Erde muten da wie ein Widerspruch an. Doch sie sprechen von einem Neuanfang, losgelöst von irdischen Gebundenheiten oder dem, was von uns materiell übrigbleibt. Und sie erinnern daran, dass wir in diesem Leben fruchtbar sein sollen im Hinblick auf die Ewigkeit und dass wir – was auch immer mit uns passiert – von Gott getragen und in seiner Hand geborgen sein dürfen.

Broschüre mit kurzen Meditationstexten und Abbildungen zu allen Stationen

Abdruck des Leids

Das Gesicht, das einen durch das gitterförmige Gewebe hindurch anschaut, irritiert. Einerseits, weil es durch das faltige Gewebe zum Teil verdeckt ist, andererseits wegen seines Zustands. Die leicht geneigte Kopfhaltung, die halb geschlossenen Augen, die geröteten Augenränder und der halboffene Mund erzählen von erlittenem Leid. Die Augen der Frau lassen die Vermutung zu, dass sie geschlagen worden ist und geweint hat (große Ansicht).

Der Zustand der Gaze verstärkt diesen Eindruck. Die zerrissenen und ausgefransten Stellen stammen vermutlich von einem Kampf, die verdickte braune Farbe, dass jemand durch den Dreck gezogen und beschmutzt worden ist. Insbesondere die bewegten Randbereiche, in denen die Haare und das ausgefranste Gewebe der Gaze ineinander übergehen, suggerieren erlittenes Leid, das an die Substanz gegangen ist

So vermittelt das mit dem leichten Stoff überlagerte Gesicht den Eindruck, als wäre aus ihm alles Leben gewichen, als wäre es nur noch eine leblose Maske eines Körpers, der bereits tot ist. Eine Assoziation geht deshalb in die Richtung eines Leichentuches, das den Kopf einer Verstorbenen und das erlittene Unrecht verhüllt und gleichzeitig kundtut.

Das im feinen Gewebe wiedergegebene Gesicht knüpft zudem an den Schleier von Manoppello an, welcher auf unerklärliche Weise das Antlitz Christi auf einem sehr feinen Gewebe wiedergibt. Das heilige Gesicht auf dem Schleier wird als das echte Schweißtuch der Veronika verehrt. Da das vorliegende „Schweißtuch“ ein weibliches Gesicht zeigt, wird zudem eine Brücke zu Maria und den weinenden Frauen geschlagen, die Jesus auf seinem Leidensweg begleitet und auf ihre Weise Jesu Leid mitgetragen haben (vgl. Lk 23,27).

Und nicht zuletzt gibt die Arbeit all die vielen Menschen ein Gesicht, die aus irgendeinem Grund im Wasser ihr Leben verloren und mit einem Netz aus dem Wasser gefischt worden sind.

So bringt der „Stofffetzen“ gleichzeitig ganz Verschiedenes zur Sprache. Die Gaze, die üblicherweise zum Verbinden von Wunden verwendet wird, vermag in allen Fällen das erlittene Leid und die seelischen und körperlichen Wunden nicht abzudecken oder zu verbinden. Die Nähe zum „Volto Santo“ von Manoppello und alle anderen Assoziationen machen deutlich, dass es einen Zeitpunkt im Leben gibt, an dem es kein Halten mehr gibt, kein Aufhalten oder keine Umkehrung des Leidensweges.

Dann tut die Gewissheit gut, dass Gott jeden von uns gerade dort unsichtbar hält, wo alle irdischen Bindungen reißen. Ermutigend und stärkend hat dies der Beter zu Beginn des Psalms 31 formuliert (V. 2-6):
„Herr, bei dir habe ich mich geborgen. Lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit; rette mich in deiner Gerechtigkeit! 
Neige dein Ohr mir zu, erlöse mich eilends! Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten! 
Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.
Du wirst mich befreien aus dem Netz, das sie mir heimlich legten; denn du bist meine Zuflucht. 

In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.“

Diese Arbeit wurde 2019 im im Dom Museum Wien in der Ausstellung “Zeig mir deine Wunde” gezeigt. Über 40 künstlerische Positionen brachten die verschiedenen Aspekte von Verwundungen in unserem Leben zum Ausdruck.

Spiegelbilder des Lebens

Die Aufreihung ist kein Zufall. Ob eine Anlehnung an Käsereibretter besteht, die zum Trocknen in die Sonne gestellt werden, bleibt fraglich. Auf jeden Fall dienen die Oberflächen nicht dem Tragen einer Sache, sondern der Schaustellung einer Geschichte.

Sieben Bretter in gleicher Höhe, ähnlicher Breite und Dicke lehnen an der Wand. Sie sind alle aus dem gleichen Stamm geschnitten. Es sind Schichten, die Geschichten erzählen vom Wachstum des Holzes und des Baumes. Schichten mit Bearbeitungsspuren, welche die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Holz hinterlassen haben.

Die Spuren der Kettensäge sind gut zu sehen – als mechanischer Gegensatz zur gewachsenen Struktur – oder anders gesagt als Spuren menschlicher Intervention im Gegensatz zur natürlichen Holzstruktur. Es sind Spuren der Arbeit, der Anstrengung und der Mühe, des sich durch den Widerstand des Materials Durcharbeitens, um etwas ganz Eigenes zu schaffen.

Doch das Holz hat weiter gearbeitet. Es ist geschwunden, hat sich gebogen, verbogen, hat Spalten und Risse freigegeben, Einblicke und Durchblicke. Brüche, neue Konturen, Zeichnungen, Formungen, Grate, usw. sind entstanden.

Der Künstler wiederum hat „die Platten vorder- und rückseitig weiß gekalkt, wodurch sich die Präsenz des Holzes verklärt und ihm seine Schwere entzogen wird. Die weiße Farbe vereinheitlicht, fasst zusammen, sie mindert die Relieftiefe und dämpft die stofflichen Unterschiede der Oberflächen. Zugleich hebt sie die zeichnerischen Aspekte hervor und lenkt die Aufmerksamkeit auf die linearen Details. Skulptieren und Zeichnen konvergieren letzten Endes, die Säge wird gleichsam zum Zeichenstift des Bildhauers.“ (Justus Jonas in: Erwin Wortelkamp. Einsichten – Ansichten, München 2016, S. 19)

Aus diesem wechselseitigen Ringen um die Form sind Sinnbilder des Lebens entstanden. Bilder, die ein Leben wiedergeben, das Widrigkeiten und Belastungen ausgesetzt ist, das Widerfahrnisse aushalten und durchmachen muss. Ereignisse wie Naturgewalten oder Krankheiten, unverschuldete Unfälle oder Gewaltanwendungen, denen wir alle ausgesetzt sind.

Die Tafeln zeigen auch, dass wir immer nur eine Seite unserer Gegenüber sehen können: seine „Schauseite“, sein „Geoffenbartes“. So wie durch die Intervention des Künstlers das Verborgene des Stammes offen gelegt und ungeschminkt zu einem Gegenüber gemacht wurde – tomographische Spiegelbilder und Metaphern von unseren Stärken und Schwächen, von unseren Erfolgen und Widerfahrnissen. Wie die Siebenzahl der Tafeln andeutet, gehören diese Erfahrungen konstitutiv zum Leben, ja trotz aller Schwere zur Fülle des Lebens.

WARUM? – Vielschichtige Erinnerung

Viele unterschiedliche Elemente verschmelzen in dieser Arbeit zu einem Bild. Neben- und übereinander angeordnet erzählen sie in vierzehn Stationen von Leiderfahrungen unter Chiles Militärdiktatur, welche die Künstlerin in Beziehung zum Leidensweg Jesu setzt. LEMA ist die Referenz an den Aufschrei Jesu am Kreuz: „Eli, eli, lema sabachthani?“ – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das WARUM ließ die chilenische Künstlerin betroffene Frauen vor Ort besuchen und im Gespräch mit ihnen nach Erinnerungen suchen. Die vierzehn Arbeiten verstehen sich denn auch als Beitrag zum Prozess des Erinnerns, als Hilfestellung das Geschehene aufzuarbeiten. Dafür hat die Künstlerin Bilder, Farben, Linien und Materialien zu einer vielschichtigen Symbolik verdichtet.

Für den Bildgrund nähte Moreno Sánchez Bettlaken der chilenischen Frauen mit Krankentüchern aus Deutschland zusammen. Damit verwendete sie Stoffe, die von den Berührungen jener, die sie genutzt haben, geprägt wurden. Photographien des Tanzstückes „Paradise Twice“ bedecken die Bettlaken und verstärken das Geschehene. Sie zeigen Menschen, die loslassen müssen, deren Geliebter entzogen worden ist. Handschriftliche Namen erinnern an das konkrete Leid und den Schmerz vieler Frauen, deren Männer, Söhne und Väter 1973 von den Militärs entführt, gefoltert und getötet wurden und die erst 37 Jahre später erfuhren, was mit ihnen geschehen war. Gleichsam als Gegenpart zum Namen sind oben Teile des Motivs mit Goldfarbe nachgemalt worden: Erinnerung, die heilsam, wertvoll und kostbar werden konnte.

Im rechten Teil werden die Farben der Tanzszene in einer photographischen Reproduktion eines historischen Messgewandes intensiviert wieder aufgenommen. Das Kreuz, auf dem zentral „IHS“ steht, der Kurzform von Jesus, wird so mit den menschlichen Kreuzwegen unserer Zeit in Verbindung gebracht; das Messgewand steht so stellvertretend für die christliche Liturgie, in der für die Leidenden und die Verstorbenen gebetet wird. Der Druck wird von der Röntgenaufnahme eines menschlichen Brustkorbes überlagert. Das weiße, nahezu transparente Knochengerüst mit teils schwarzen Konturen erinnert an die Toten, an Knochen, die man den trauernden Frauen Jahrzehnte danach überreicht hatte. Auch der große braune Fleck – entstanden durch verschüttetes Leinöl – weist auf eine frühere Gegenwart und jetzige Abwesenheit eines Körpers hin. Krankentuch, Kreuz, Messgewand, Knochen und Fleck bilden eine geistige Gegenwart, die wie in einem Gottesdienst durch das geschaffene kollektive Gedenken ein Vergessen verunmöglicht.

Quer über das Bild steht mit unterschiedlichen Buchstabenabständen geschrieben: „T e n g o que s o b r e v i v i r.“ – „Ich muss überleben.“ Ein Wort, das von Lebenswille zeugt und von der chilenischen Schriftstellerin Diamela Eltit den leidtragenden Frauen in den Mund gelegt wurde und die konventionellen Bezeichnungen der Kreuzwegstationen ersetzt. Zwei feine gerade Linien, die auf der einen oder anderen Seite zusammenlaufen und an denen sich die Farben in Abstufungen brechen, verstärken subtil das jeweilige Bildthema. Sie sind nicht zu verwechseln mit dem Schnittmuster, welches jeweils die vorderste Person der Figurengruppe überlagert und eine Art Gegenpol zur Radiographie darstellen. Beide sind unsichtbare und doch essentielle Form- und Gestaltgeber, die Knochen für den menschlichen Leib, das Schnittmuster für das ihn umgebende Kleid.

So leben die vierzehn Arbeiten von der ihnen innewohnende Bedeutungsdichte. Sie sind primär Gedächtnis des in Chile geschehenen Gräuels. Darüber hinaus verweisen sie „auf ein Allgemeines, im traurigsten Sinne. Denn auch für die jüngste Zeitgeschichte und die Gegenwart gilt, dass überall auf der Welt Menschen verschwinden, dass gefoltert und getötet wird [z.B. Syrien]. Den Prozess des Bewusstwerdens, der Trauer und der Heilung will Lilian Moreno Sánchez durch ihre Kunst befördern. Das Eigentümliche dabei ist, dass dies geschieht durch das Wunder schöner Bilder.“ (Petra Giloy-Hirtz in ihrem Beitrag „LEMA. Identität und Gedächtnis“ im Buch LEMA, Kunstverlag Josef Fink, 2014, S. 13)

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Gegen das Vergessen

In dieser Wandnische der Rosenkranzkirche in Osnabrück ranken vier rote, flammen- oder wurmähnliche Formen zum Glasfenster hoch. Allen ist eine horizontale Basis eigen, aus der längliche Formen hervorgehen, die an liegende, sitzende, kniende Menschen erinnern, die sich nach Licht sehnen. Man erhält den Eindruck in einem Keller zu sitzen, in Gefangenschaft.

Die Konturen und Oberflächen dieser unförmigen Gestalten sind ganz unterschiedlich gestaltet und verweisen auf vielfältige äußere Einwirkungen. Da gibt es tiefe Einschnitte, die an Verletzungen mit einem Messer, aber auch an einschneidende und unvergessliche Erlebnisse erinnern können. Andernorts ist die Oberfläche wie von Bombensplittern zerfetzt aufgebrochen, die Ränder wie nach einer Explosion ausgefranst. Dann wieder findet man abgetrennte Glieder oder Bereiche, die sich aufzulösen scheinen. So sind überall Verletzungen zu sehen und Beschädigung des menschlichen Lebens und des Lebensumfeldes zu spüren.

Dazwischen finden sich mit Goldfarbe geschriebene Vor- und Nachnamen. Sie erinnern an das Schicksal von zwölf niederländischen und italienischen Zwangsarbeitern, denen beim Bombenangriff der Alliierten am 16. Februar 1945 auf Grund ihrer nicht-arischen Herkunft der Zutritt zum Bunker am Schinkelberg in Osnabrück verwehrt worden war. Darauf waren sie in den Keller der Rosenkranzkirche geflüchtet, die jedoch durch einen Volltreffer total zerstört wurde, so dass alle Zwölf darin den Tod fanden.

Im Zuge der Renovierungsarbeiten und Umbaumaßnahmen 2013/2014 sollte das Mahnmal, das schon 2003 unter der Leitung des damaligen Religionslehrers der Gesamtschule Schinkel, Heinrich Munk, durch eine Schülergruppe gestaltet worden war, erneuert werden. Wiederum nahm sich eine Schülergruppe der Gesamtschule Schinkel dieser Aufgabe an. Der Kunstkurs entwickelte Konzepte für die Neugestaltung und unterbreitete dem Bauausschuss der Gemeinde vier Vorschläge. Dieser entschied sich für den Entwurf, bei dem das Rosenmuster der Kirchenfenster blutig rot an den Wänden fortgesetzt wurde.

Für die Überarbeitung und Ausführung des Entwurfs wurde der Künstler Tobias Kammerer beauftragt. Unter seiner Anleitung konnten die Schülerinnen des Kunstkurses in einer Projektwoche ihren Entwurf selbst auf die Wand übertragen (Bild 1, Bild 2, Bild 3). Während die einen an der Wand direkt arbeiteten, bereiteten andere die Schablonen für die Namen der zwölf Opfer vor, wiederum andere kümmerten sich um die Dokumentation der Arbeit, machten einen Flyer zur Gedenkstätte oder sorgten für das leibliche Wohl der Arbeitsgruppe.

Von den alten Glasfenstern mit dem Thema der schmerzhaften Rosenkranzgeheimnisse ausgehend zeichnet sich die Malerei weiter. Die Farbe Rot steht für den Schmerz, den diese Leute erlitten, gleichzeitig verweist sie auf das Martyrium Christi. Die roten Farbfelder erinnern an die Zerbombung Osnabrücks und das Flammenmeer jener Tage. Das Kreuz in der Wandmitte stand seit 1914 am Hochaltar über den Tabernakel. Es wurde nach dem Bombenangriff in den Trümmern wiedergefunden und als Assoziation zu den Opfern dort angebracht. Die in Gold gemalten Namen der Opfer bilden eine Farb- und Symbolverwandtschaft zu der Auferstehungsthematik an der Chorwand.

Am 19. Januar 2015 wurde den Schülerinnen des Kunstkurses für die Realisierung dieser Gedenkstätte der zweite Platz des Niedersächsischen Schülerfriedenspreises verliehen.

Persönlich hat mich beeindruckt, dass die damalige Arbeits- und Lebensgemeinschaft der Zwangsarbeiter in Osnabrück durch dieses Projekt bereichsübergreifend (Schule/Kirche und Schülerinnen/Künstler) und auf seine Weise in unserer Zeit fortgesetzt wurde. Es wird damit eindrücklich gezeigt, dass Gemeinschaft einem Geist entstammt und eine verbindende Kraft bildet, die keine Grenzen kennt.

Das unsichtbare Kreuz

Zwei Paar Schuhe befinden sich in einer Metallbox mit Glasabdeckung. Es sind schwarze Herren-Halbschuhe, die Oberfläche des Glattleders glänzt und die Schnürsenkel sind gebunden. Sie stehen bzw. hängen auf dem grauschwarzen Mittelfeld eines sonst weißen Hintergrundes. Es ist keine Befestigung auszumachen. Die Drähte, welche die Schuhe mitten in der Einstiegsöffnung und vor dem Absatz umwickeln, halten farbige Glassteine in den Schuhen.

Die vier Lederschuhe „stehen“ ordentlich im Zentrum des Objekts. Ordentlich bedeutet in diesem Fall, dass sie vertikal ausgerichtet sind, paarweise übereinander stehen, zwischen dem linken und dem rechten Schuh jeweils gut eine halbe Schuhbreite Abstand. Alle Freiflächen stehen zueinander in einer harmonischen Beziehung.

Den Hintergrund oder aus anderer Sicht die Grundlage bildet ein teilweise mit grauschwarzer Farbe bedecktes Büttenpapier. Es ist schwer zu erkennen, ob die Farbe ausgegossen oder aufgemalt wurde. Unten rechts lassen helle Bereiche Spuren eines Pinsels vermuten. Auf den weißen Flächen verteilte Farbtupfer und –spritzer suggerieren eine spontane Arbeitsweise.

Man kann die dunkle Fläche einfach als abstrakte Form stehen lassen. Assoziativ lassen die Konturen aber auch einen weiblichen Torso von der Seite sehen, bei dem der Hals spitz zuläuft. Der einzige weiße Punkt in der Spitze des Farbkörpers ermöglicht zudem eine weitere Sichtweise. Das kleine weiße Rund ist eine Aussparung von Farbe und wirkt wie ein Loch, an dem der schwarzgraue Farbkörper wie ein Stück Schlachtfleisch im Raum aufgehängt ist.

Diese Beobachtungen und Gedanken mögen verstören und skandalös wirken. Denn es sind Männerschuhe auf einer Frauensilhouette. Es sind mit Steinen beschwerte Schuhe, die ein stilisiertes Stück Fleisch treten, das getötetes Leben bedeutet, ein enthauptetes, gehängtes Lebewesen. Unter der ästhetischen Schönheit der Arbeit verbergen sich tatsächlich grausame Beziehungen und Machenschaften, die unzähliges und unsägliches Leid im zwischenmenschlichen Bereich wie im Umgang mit anderen Lebewesen anprangern.

Unbarmherzig stellt der Künstler mit seinem Objekt die barbarische Seite vieler Männer wie in einem Schaufenster zur Schau . Die schwarzen Lederschuhe deuten auf diejenigen, die sie normalerweise tragen. Es ist typisch, dass diese Männer nicht sichtbar sind, denn sie verheimlichen ihre Machenschaften gerne. Stehen sie doch oft im Gegensatz zu dem, was sie vorgeben zu tun und zu sein. Die farbigen Glasbrocken mögen Symbole für alles sein, das sie sich selbst (in die Taschen) oder gegenseitig in die Schuhe schieben, um sich damit zu bereichern oder zu entlasten.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Kreuz, das sich aus den horizontalen und vertikalen Abständen der Schuhe ergibt, ein unsichtbares Kreuz bleibt. Mit seinem Tod am Kreuz hat sich Jesus mitten in das Leid dieser Welt hineinbegeben, um das Leid aller Menschen und aller Zeiten, um das Leid der ganzen Schöpfung von innen heraus zu umfassen und durch seinen Tod zu sühnen. Durch Jesus ist Gott gerade im Leidenden bleibend gegenwärtig, in dem, der seine Schmerzen und sein Leid oft in großer Einsamkeit und bis zum Tod ertragen muss.

Das Kreuz ist unsichtbar. Aber es ist geistig wahrnehmbar. Gott sei Dank ist es da. Gott sei Dank ist GOTT da. Still und leise, aber machtvoll.

Befragungswürdige Zeichen

Über dem Kircheneingang der evangelischen Auferstehungskirche in Rottach-Egern am Tegernsee sind von der Künstlerin Meide Büdel fremd anmutende Zeichen angebracht worden. Eine moderne Kreuzigungsgruppe war gewünscht worden, stattdessen sieht man in der weißen Kirchenwand minimalistische Zeichen eingelassen. Befragungswürdige Zeichen! Zeichen, unter denen man nicht einfach durchgehen kann ohne zu überlegen, was sie zu bedeuten haben, worauf sie sich beziehen. Zeichen also, die aufmerken lassen, irritieren, vielleicht sogar verstören, aber auf jeden Fall nachdenklich stimmen und bewegen.

Drei auf einer Horizontalen liegende Rechtecke bilden die Basis. In ihren Proportionen erinnern sie an Ziegelsteine. Zwischen ihnen ist ein je dreifacher Abstand ihrer Länge. Auf dem mittleren Rechteck erhebt sich wie eine Stele eine senkrechte Linie, um die sich die anderen sechs Elemente gruppieren. Fünf von ihnen sind auch als waagrechte Rechtecke ausgeformt, allerdings leicht kleiner und schmaler als die Basis-Rechtecke. Zwei von ihnen liegen direkt auf Letzteren auf, zwei von ihnen mit dem gleichen seitlichen Abstand von der Senkrechten auf zweidrittel Höhe derselben, das letzte Element in der Verlängerung der Senkrechten weit oben über einem schwarzen Objekt, das ebenfalls waagrechten Charakter hat (Gesamtansicht).

Von weitem sieht das Objekt wie ein archaisches Tier aus, das über die Kirchenwand krabbelt. Doch aus der Nähe vermag man zwei schwarze rechteckige Holzformen auszumachen, die mit zwei breiten Gummibändern an und in die Wand gedrückt und von vier großen Nägeln festgehalten werden.

Für jemanden, der mit mittelalterlichen Kreuzigungsgruppen nicht vertraut ist, müssen diese schwarze Form und die waagrechten und senkrechten Reduktionen Rätsel aufgeben. Dennoch … An dieser prominenten Stelle über dem Kircheneingang muss es etwas Bedeutendes sein, das dargestellt wird. Wie Mauerreste den Ort und die Raumaufteilung eines ehemaligen Gebäudes bewahren, so vermögen die Markierungen in ihrer Anordnung an eine einzigartige und deswegen denkwürdige geschichtliche Begebenheit erinnern. Wie Ruinen lassen sie gleichzeitig ehemalige Größe und Schönheit und derzeitige Abwesenheit und Leere spüren.

Bedrückend schwebt die an die Wand gedrückte schwarze Form über den filigranen Andeutungen. Die schwarze Farbe und die Gummibänder lassen die dunklen Kräfte in dieser Welt erahnen und zusammen mit den farblich kontrastierenden Nägeln an Qualen, Folter und Tod denken. Das mit Feuer geschwärzte und in der Mitte geteilte Holzstück vermag symbolisch eine Person darzustellen, die brutal gefesselt und festgehalten wurde, die unter der unmenschlichen Behandlung gelitten und die es in dieser Anspannung innerlich zerrissen hat. Ohnmächtig, jeder äußeren Bewegungsfreiheit und Hoffnung beraubt, blieb nur der Tod.

Damit vermag dieser an die Kirchenfassade gefesselte Holzkörper eindeutig auf Jesus, den Gekreuzigten hinzuweisen, aber auch alle Menschen einzubinden, die sich in ähnlichen unfreien, bedrückenden, quälenden, folternden und letztlich das Leben zerstörenden Umständen befinden.

Wenn der Betrachter davor oder darunter steht, so nimmt er gleichsam den Platz von Maria oder Johannes ein, die damals ohnmächtig und trauernd unter dem Kreuz bei ihrem Herrn ausgeharrt, ihm dadurch aber auch Beistand gegeben haben. Mit den Markierungen seitlich der senkrechten Linie hat die Künstlerin den Platz der Mutter und des Lieblingsjüngers auf der einen Seite erinnernd angedeutet, auf der anderen Seite die Möglichkeit geschaffen, als Betrachter selbst diesen Platz bei den Gefangenen, Gefolterten, Gekreuzigten und Sterbenden einzunehmen.

Die zentrale Vertikale zieht den Blick und die Gedanken nach oben zu dieser unheilvollen dunklen Präsenz. Die Gegenwart des Kreuzes ist in den umgebenden Markierungen zu spüren. Das dunkle Objekt selbst scheint im Raum dazwischen haltlos zu schweben. Und doch wird es unsichtbar für das menschliche Auge von einem senkrechten Stahlband gehalten und durchbohrt. Es bildet in seiner Länge ein Stück, ist allerdings im Bereich des Objektes in die Mauer eingelassen. So blicken wir auf zu dem, der am Kreuz erhöht (vgl. Joh 3,14; 12,34) sein Leben für alles Leid in der Welt hingegeben hat. Und wir blicken gleichzeitig auf zu allen Menschen, die in irgendeiner Form Gewalt erleiden.

Die Befragung der auf den ersten Blick vielleicht rätselhaften Zeichen hat somit zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Leiden und qualvollen Sterben des am Kreuz Hängenden geführt, an dessen Anblick wir uns durch die fast unendliche Multiplikation des Kreuzes und seine Präsenz in vielen Räumen vielleicht gewöhnt haben. Dadurch, dass es ein offenes Objekt ist, lässt es sich nicht auf den ersten Blick erfassen und abhaken, sondern es wird fragwürdig: würdig, auf seine tiefere Bedeutung befragt zu werden. In einer Zeit der medial stetigen und sofortigen Erreichbarkeit wirkt es auch gegen den Zeitgeist, weil durch die Abwesenheit von etwas Vertrautem die Leere ausgehalten werden muss. So vermag die ungewohnt andere Darstellung zu schockieren, ja muss sie, um uns in unserer Eile auszubremsen und zum Innehalten aufzufordern. Und sie gibt dem Kreuz eine Aktualität, die aufzurütteln vermag und zum Umdenken und zu neuem Handeln anregt. Das ist gut so.

weitere Information unter www.tegernsee-evangelisch.de 

In die Hand gelegt

Ein sitzender Buddha meditiert ein mit Brombeerranken umwickeltes Bündel, das von der Größe und der Lage her an ein Kleinkind erinnert. Was für einen spannungsvollen Gegensatz hat die Künstlerin durch das Zusammenbringen dieser beiden Objekte aufgebaut, was für Welten sich dadurch begegnen lassen.

Schon rein materiell betrachtet bildet die glänzend-weiße Oberfläche des Porzellans einen kontrastreichen Hintergrund zu den matten Naturmaterialen des Bündels. Während die Buddhafigur sitzt und in einer meditativen Haltung verweilt, liegt das dornige Objekt passiv in ihrem Schoß und scheint die Situation zu erleiden. Außerdem steht die industriell-serielle Fertigung der Buddhafigur einer einmaligen manuellen Herstellung des Bündels gegenüber.

Die Buddhafigur stellt in idealisierter Form Siddharta Gautama dar, der meditiert, um Erleuchtung zu erlangen. Er sitzt mit gekreuzten Beinen da, eine Hand liegt in der anderen, beide Handflächen zeigen nach oben. Seine Augen sind geschlossen, sein Kopf leicht nach vorne geneigt. Auffallend sind auch seine großen Ohren, die hörende Offenheit signalisieren. Die Konzentration seiner Sammlung, die Hinwendung all seiner Sinne auf eine unsichtbare, transzendente wie immanente Präsenz ist deutlich spürbar.

Die Zufriedenheit, die er ausstrahlt, der Frieden, der von ihm ausgeht, lassen ahnen, dass er dieser geheimnisvollen Gegenwart begegnen und in dieser Begegnung verweilen durfte. Umspielt nicht ein leises Glück seine Mundwinkel und seine Augen? Er macht den glücklichen Eindruck, den oder das gefunden zu haben, das ihn erfüllt, ihm Halt gibt und ihn tief in sich ruhen lässt.

Macht das vielleicht die Faszination der Buddhafiguren aus, dass sie Ruhe und Harmonie, Zufriedenheit und ein Glücklich-Sein ausstrahlen, die wir uns so sehr ersehnen und in den Gesichtern unserer Mitmenschen so oft suchen? Ist er vielleicht deshalb auch für Christen so attraktiv geworden, weil er zu den unzähligen Kreuzigungsdarstellungen, die das Bild von Jesus mitprägen, eine Alternative bietet, bei der nicht das Leid und der Tod, sondern die Suche nach Erkenntnis, Ausgeglichenheit und Glück, letztlich das Leben im Hier und Jetzt im Vordergrund steht?

Das Bündel in seinem Schoß scheint ihn in seiner Meditation nicht zu stören, auch wenn es in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit gelegt wurde. Für den Betrachter wird es aber zur humanistisch-christlichen Herausforderung, bei aller Konzentration auf das eigene Wohlergehen nicht den Blick für die Umwelt und Mitmenschen zu verlieren, für ihre Not und ihre Leiden. Das verschnürte Bündel aus Zeitungen und Stoff erinnert zum einen an ein Kleinkind, zum anderen schaffen die Dornenranken und das mit roter Farbe betupfte Tuch einen eindeutigen Bezug zum Leiden Jesu. Damit vermag das Bündel das Elend und die Hilfsbedürftigkeit der Menschen in ihrer lebenslänglichen „Menschwerdung“ von der Geburt bis zum Tod zu symbolisieren.

Offensichtlich ist auch die formale Ähnlichkeit mit einer Pietà. Von Maria sind unzählige Darstellungen überliefert, in denen sie ihren Sohn mit Freude als Kleinkind und mit Trauer als Verstorbenen in ihrem Schoß gehalten hat. Wie sie sollen wir den uns Anvertrauten das ganze Leben lang Halt geben. Letztlich geht es der Künstlerin darum, darauf hinzuweisen, dass Kontemplation und Aktion zusammengehören, dass wir einerseits leere Herzen und Hände brauchen, um uns selbst zu finden, andererseits um Einsicht und Mut zu erhalten, wo und wie wir in unserer Gesellschaft Verantwortung übernehmen und zum Wohle der ganzen Welt handeln müssen. – Denn vollkommenes Glück erreicht der Mensch nur in der Zuwendung zum Menschen.

Gefangen

Grünblaue Schnüre zurren einen Inhalt zu einem unbeweglichen Paket zusammen. Teilweise ist das Innere noch zu sehen. Senkrechte Elemente blitzen durch, schauen stellenweise hervor. Weiß in ihrer Farbe. Darüber rosarote Farbfetzen. Doch viel ist es nicht.

Was hier wohl zusammengeschnürt worden ist? Wir werden es nicht erfahren. Wir können Vermutungen äußern, Überlegungen anstellen. Von der Form und ihren Proportionen her vermag das Bündel an eine menschliche Gestalt zu erinnern. Es ist, als wäre rechts unten noch ein Fuß wahrnehmbar, im Bogen darüber eine Schrittbewegung, noch weiter oben eine gebeugte Schulter, ein gesenkter Kopf. – Aber so etwas kann doch nicht sein, eine derart beengende Einschnürung wird doch hoffentlich niemandem angetan. – Dieser Gestalt scheint wie von einer Vakuumpumpe alle Luft entzogen. Von den Schnüren fest umwickelt bleibt kein Bewegungsspielraum mehr, nur Erstarrung.

Die Frage bleibt, ob diese Figur für uns Menschen stehen kann. In den Ähnlichkeiten und Anspielungen an die menschliche Gestalt ist der Zweifel gesät. Gibt es nicht Situationen in unserem Leben, in denen wir uns gefangen vorkommen, weil wir uns von unsichtbaren inneren oder äußeren Fesseln zurückgehalten fühlen? Gibt es nicht Handlungen, durch die wir uns nach und nach in eine Sache verwickeln, verstricken oder verheddern, so dass uns immer mehr Bewegungsfreiheit abhanden kommt, bis wir schließlich bewegungslos aufgeben müssen? Die Aufzählung könnte sicher noch lange weitergeführt werden.

Was auch immer in der Plastik gesehen wird, sie macht deutlich, dass hier keine Befreiung mehr aus einer inneren Kraft heraus möglich ist. Wer oder was sich hier in den Schnüren wie in einem Spinnennetz verfangen hat, ist den Weg bis zum Ende gegangen. Befangenheit wurde vielleicht zu einem Verhängnis, dieses mit der Zeit zu einem Gefängnis, einem langsamen Erstarren, das letztlich zum Tod führte.

Die mit Schnüren umwickelte Figur gibt einen Prozess wieder. Es gab eine Zeit ohne Schnüre. Und es gab auch eine Zeit, in der eine Abwendung des finalen Zustandes noch möglich gewesen wäre. Eine Zeit, in der es noch aus eigener Kraft möglich war, entweder die wenigen Bindungen abzustreifen, sie durchzuschneiden, oder auch jemanden um Hilfe zu bitten, der einem aus dem Korsett der Schnüre befreit.

Die Plastik mahnt auf eindrückliche Art und Weise, dass es in unserem Denken und Handeln ein Zu-Spät gibt. Wer die Freiheit bewahren will, muss auf sichtbare und unsichtbare Fesseln achten, die sich zu jeder Zeit bewusst oder unbewusst um ihn legen. Und er / sie wird sich immer wieder neu für das Leben und gegen behindernde und gar lähmende Bindungen entscheiden müssen. Rechtzeitig.

Licht im Leiden

Welches Wort Ihnen wohl als erstes „ins Auge gesprungen“ ist? Das in breiten, schweren Buchstaben geschriebene „Leid“ oder das in dünnen, leichten Buchstaben geschriebene „Light“?

Spannungsvoll stehen die beiden Wörter zueinander. Je mehr man die Augen zusammenkneift, umso mehr verschwinden die blutroten Buchstaben im Hintergrund und treten die hellen, klaren Buchstaben hervor. Doch übermächtig steht das „Leid“ hinter dem „Light“ und scheint sogar an dessen sieghaft strahlendem Gelb zu partizipieren.

Leid und Leiden sind nichts Schönes oder Angenehmes. Im Gegenteil, sie belasten Leib und Seele. Das Leid des anderen kann mich berühren und zu Mitleid bewegen. Wer etwas falsch gemacht hat, so dass es ihn belastet und er sich entschuldigen möchte, sagt oft: Es tut mir leid. Das Leid trifft einzelne wie ganze Völker. Es gehört zentral zu uns Menschen, wenn auch zu den düsteren Seiten unseres Wesens und unserer Geschichte. Verursachen wir doch oft bewusst oder unbewusst auch anderen Lebewesen schweres Leid. Der dunkle, blutrot wabernde Hintergrund mit den dazugehörigen, leicht helleren Buchstaben drückt dies aus.

Wie ein Zeichen von Woanders her hat der Künstler das aus der „Fremde“ stammende Wort „Light“ symmetrisch und auf die gleiche Grundlinie wie das „Leid“ gelegt. Kennen wir das nicht? „Wie durch ein Wunder … blieb er unversehrt … überstand sie die schwere Krankheit … oder bekamen wir Recht in der Verhandlung …“

Im Prolog seines Evangeliums schreibt Johannes von diesem Wunder. Nicht erst moderne Künstler greifen zu abstrakten Begriffen, um das unvorstellbar Andere darzustellen. Den, der in unsere Realität kam, benennt er abstrakt mit „Wort“ und mit „Licht“. Das wahre „Licht“ kam in die Welt und erleuchtet jeden Menschen – was sicherlich nicht nur erkenntnismäßig zu verstehen ist – aber die Welt hat ihn nicht erkannt, nicht verstanden, ihm nicht vertraut und sich ihm nicht anvertraut.

All das führt dazu, dass das englische Light durch die Überlagerung der beiden Wörter und ihre akustische Nähe jedem Leid ein stiller Beistand und eine Ermutigung zu sein vermag, auch in der dunkelsten Erfahrung das Licht zu suchen. Die Anordnung deutet darauf hin, dass dieser Lichtschimmer wohl von außen angeregt werden kann – also durch uns, unsere Worte und Gesten –, letztlich aber im Leidtragenden selbst aufleuchten und Gestalt annehmen muss. Doch wenn dieser Spalt Licht im Herzen des Leidenden angekommen ist, dann kann es eine Heilkraft entfalten, die alles zu verändern vermag. Weit über den starren und begrenzenden Rahmen hinaus.

Gehalten!

Die beiden Gestalten dieser Skulptur – für manchen Betrachter erst auf den zweiten Blick klar zu erkennen – bilden eine unzertrennbare Einheit (auch aus anderer Perspektive: Ansicht von vorne). Ihre raue Oberflächenstruktur schweißt sie zusammen und erschwert gleichzeitig das Erkennen von Einzelheiten. Durch die grobe Holzbearbeitung wird der Eindruck erweckt, dass ihnen durch eine äußere Macht stark zugesetzt wurde. Sie wirken geschunden, gezeichnet, mitgenommen von dem, was sie erlebt haben. So bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft.

Auf dem einfachen Hocker sitzt mit aufrechtem Rücken eine fein gebaute Frau. Über den Kopf hat sie eine Kapuze geworfen. Ob die Kopfbedeckung fest zu ihrem Auftreten gehört oder ein Zeichen der Trauer ist, lässt sich aus diesem Blickwinkel nicht feststellen. Wesentlich erscheint, dass sie unbeirrt auf das Haupt der zu ihren Füssen in die Knie gegangenen Person schaut.

Der Mann hängt wie ein Häuflein Elend in ihren Armen und fließt von da in einer einzigen diagonalen Bewegung erschöpft zu Boden. Ihre Knie geben ihm seitlichen Halt, der Hocker und ihr Schoß stützen ihn hinten.

Kaum zu glauben, dass es sich um Mutter und Sohn handelt. Sie sieht so jung aus, dass sie auch als Geschwister gesehen werden könnten. Doch jede Faser seines Leibes weist darauf hin, dass er, die Frucht ihres Leibes, aus ihr hervorgegangen ist.

Wie damals sind sie nun wieder vereint. Sie, die keinen sichtbaren Rückhalt hat, ist wiederum sein einziger Halt. Dabei trifft sie das Schicksal ihres toten Sohnes schwer. Wie Pfeile verlaufen die Diagonalen seines Oberkörpers und seines rechten Armes auf ihre Brust und ihren Kopf zu (vgl. Lk 2,35a). Er war ihre Hoffnung gewesen, ihr Stolz, ihr Leben. Auch wenn sichtbar das Leben aus ihm gewichen ist, kann sie noch nicht loslassen. Nachdenklich und betrachtend sitzt sie da.

Was ihr wohl alles durch den Kopf geht? An welche Erlebnisse, Begegnungen und Worte sie wohl denkt? – Wir werden es nie erfahren. – Wir können uns nur mit unseren eigenen Lebenserfahrungen in ihr Schweigen hinein fühlen. Vielleicht vermag ihr Leid und ihr Schmerz uns in unseren Leiden und Schmerzen Halt zu geben. Vielleicht spüren wir dann auch, wie diese Frau letztlich von Dem gehalten wird, der ihr diesen Lebensweg aus ihrer Glaubens- und Lebensbejahung heraus zugetraut hat. Ja vielleicht weitet sich unser Blick auch so weit, dass wir in der jungen Frau nicht nur Maria, sondern auch Gott selbst erkennen, der uns mütterlich das Leben schenkt und uns über unseren Lebensweg hinweg durch den Tod hindurch begleiten und letztlich zur endgültigen Heimat bei ihm führen wird.

Allein

Was hier wohl geschehen ist, dass sich der Junge setzen musste und seinen Kopf in den Händen verbirgt? Ist etwas eingestürzt, was als haltbar galt? Ereignete sich ein kriegerischer Angriff, eine Bombenexplosion, die sein Zuhause zerstört hat? Oder hat sich die Erde bewegt, eine Naturkatastrophe stattgefunden? Aus dem Bild ist nicht zu ersehen, ob die Zerstörung vor kurzem geschah oder schon länger zurückliegt. So etwas wie die großen Gräser zwischen den Trümmern könnten auf Letzteres hindeuten. Andererseits könnten die Farbläufe auch einfach auf etwas Zerrinnendes hinweisen – einen Traum vielleicht, eine Lebensvision von einer heilen Familie, ein intaktes Zuhause.

Derzeit scheint es keinen Weg aus dieser Katastrophe zu geben. Wie der Hintergrund es andeutet, muss es im Jungen drin Dunkel sein, ein undurchdringliches Dickicht. Die Verzweiflung spricht aus seinem ganz in sich gekehrten Körper. Dadurch mag er auch den breiten Weg hinter sich nicht zu sehen, der, von der Sonne beschienen, zumindest ein Stück weiter führen könnte.

Der auf dem Boden zusammengekauerte Junge bildet einen seltsamen Gegensatz zu seiner Umgebung. In seiner äußerlichen Unversehrtheit erscheint er unwirklich in dem verwüsteten Umfeld. Aber aus seiner Haltung spricht die seelische Verstörtheit und Zerstörung durch das, was hier geschah. Er wehrt es von sich, er will und kann es nicht sehen, zumindest jetzt noch nicht. Keine Angehörigen stehen ihm bei, kein Hab und Gut ist zu sehen. Nur das Leben scheint ihm geblieben. Aber mit dem weiß er momentan nichts anzufangen.

Das Bild ist so anrührend, dass man beinahe das Bildhafte vergisst, um ihm beizustehen, wortlos bei ihm zu sein, damit er nicht so zurückgeworfen ist in die Einsamkeit und in die zerstörte Natur. Er wird viel Zeit brauchen, bis die Zerstörung überwunden, die Wunden verheilt sind, das Leben wieder ein Fundament gefunden hat, auf dem es sich entfalten kann. Er wird viel Zeit und viele Helfer brauchen, bis es auch auf seinem Lebensweg wieder licht wird und sich der Horizont wieder weitet.

Ave Maria, virgo potens – ein Andachtsbild?

Anselm Kiefer liebt es, kurze, prägnante Worte in seine Arbeiten zu integrieren. Als Schrifthinweise deuten sie eine mögliche Interpretationsrichtung der verwendeten Materialien an, führen den Betrachter allerdings oft in ein Dilemma zwischen dem Bezeichneten und dem Dargestellten. Denn der Künstler spannt weite Bögen und verarbeitet existentielle Themen gerne in Verbindung mit gesellschaftspolitischen Ereignissen und unter Berücksichtigung ethischer Dimensionen. Insbesondere die Rückbesinnung auf die Vorgänge in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist ihm wichtig. So stellt sich auch hier die Frage, was Inhalt und Botschaft dieser Arbeit sein könnte.

Irdische Sehnsucht
Durch die Verwendung verschiedener, auch authentischer Materialien begegnet uns ein mehrschichtiges Bild, das allein durch seinen Aufbau Tiefe aufweist und den Betrachter einlädt, diese auszuloten. Wenngleich die graubraunen und rotfarbenen Farbtöne eine warme Atmosphäre schaffen, so ist das Bild doch von Durst und Sehnsucht nach Begegnung und Erfüllung geprägt.
Die Boden bildende Lehmschicht (Detailbild) erzählt selbstredend davon. Einst war sie durch das verbindende Wasser geschmeidig und fruchtbar, nun ist sie ausgetrocknet und von Rissen durchzogen ein Bild des Elends und der Machtlosigkeit. Noch künden die Rosen von der einstigen Kraft, Nährboden zu sein, aber die Erde ist zum wackeligen Halt für die ebenso trockenen Blumen verkommen. Noch ist das aufstrebende Element und die einstige Schönheit der Rosen spürbar. Die Liebeserklärung steht noch. Das Verlangen nach Licht, Wasser und Wärme bleibt bestehen, die Sehnsucht nach neuem Leben.

Göttliche Antwort
Als ein Gegenüber (Detailbild) hängen von oben herab weitere getrocknete Rosen ins Bild. Ein Spiegelbild? Oder steht hier etwas Kopf? Oder wird da eine Grenze angedeutet, die überwunden werden kann? Außer dem Bildrand haben diese Rosen keine wirkliche Basis. Allerdings bergen sie ein geheimnisvolles schwarzes Kreiselement mit einer dunklen Mitte. Im oberen Bereich des Bildes angeordnet, könnte es auf eine übergeordnete Unendlichkeit hinweisen. Gleichzeitig lässt es an ein Auge denken, das sich in der christlichen Bildtradition häufig als Symbol für Gott findet.
Durch die vertikale Gegenüberstellung stehen die beiden Rosengruppen in einem Dialog zueinander. Ein stummes Gespräch, bei dem die Bewegung der oberen Rosen auf die der unteren eine Antwort zu geben scheint. Eine Antwort, die direkt mit den von Hand in dieses Spannungsfeld geschriebenen Worten „Ave Maria, virgo potens“ zu tun haben muss.

Maria als Mittlerin
„Ave Maria“ – wer kennt nicht die lateinischen Anfangsworte des Engels bei der Ankündigung ihrer Erwählung zur Mutter Gottes und ihr schlichtes Ja auf das Unfassbare? Und da die Erde alles Leben hervorbringt, steht Maria als gesprungene Erde symbolisch für die Erwartung des Volkes Israels, dass ein starker Retter es von der römischen Besatzungsmacht befreien wird.
Unerwartet folgt nach dem „Ave Maria“ ein „virgo potens“ und nicht das „gratia plena“ aus dem „Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade“. Was wohl der Grund für diesen anderen Wortlaut sein mag und woher die Worte stammen mögen, die durchaus mit Maria und ihrem bedingungslosen Sich-zur-Verfügung-Stellen zu tun haben? Die Spur führt zur Lauretanischen Litanei mit dreiundfünfzig zum Teil sehr bildhaften und poetischen Anrufungen der Muttergottes, denen stets ein „bitte für uns!“ folgt. Dieses Gebet ist seit dem 16. Jahrhundert im Wallfahrtsort Loreto in Italien bezeugt und hat seither die Bitten vieler Menschen gebündelt. Unter den Anrufungen findet sich auch „virgo potens, ora pro nobis“ – „mächtige Jungfrau, bitte für uns!“ Maria und Macht? Geht das zusammen? Sie schreibt sich selbst keine Macht zu. Sie war gewissermaßen genauso ohnmächtig und kraftlos wie wir. Aber ihre Offenheit für den Anruf Gottes und ihr Einverständnis zu seinem Vorhaben müssen eine einzigartige Nähe geschaffen haben. Wer also Maria als „Virgo potens“ verehrt, der glaubt, dass seine Bitten durch ihre Mittlerschaft verstärkt an Jesus herangetragen und auf Grund ihrer Herzensnähe bevorzugt erhört werden. Die vielen Votivtafeln in den Wallfahrtsorten der Christenheit bezeugen dies.

Der leidtragende Mensch
Der Künstler zitiert mit diesen beiden Wortpaaren also den Anfang eines Gebetes. Da er weder ein „ora pro nobis“ noch eine Bitte hinzugefügt hat, muss das Bild selbst auf eine Bittstellung befragt werden. Hinter den Rosen zeichnet sich tatsächlich die halb verborgene Gestalt eines Mannes ab, von dem in Bildmitte der nach links blickende Kopf, rechts davon sein angewinkelter rechter Arm und darunter ein nackter Oberschenkel erkennbar sind. Er mutet wie ein Riese an, von Gestalt her mächtig genug, um sich helfen zu können. Es sieht so aus, als würde er tief im Dreck stecken, beladen mit einer Last, die dunkelgrau aus der Erde aufsteigt und sich über ihn legt. Ist nicht ein Auge und ein schelmisches Grinsen in diesem Schatten zu entdecken, der wie eine Schuld in unentwegtem Dialog mit dem Gewissen des leidtragenden Menschen bleibt? (Detailbild)
Nur eine machtvolle Hilfestellung kann seine Not wenden. Ob die mit Licht durchtränkten Grauschattierungen im Hintergrund dafür stehen könnten? Das rostbraune Dunkel verdrängend, kommen sie wie eine Wolke auf die menschliche Gestalt herunter und umgeben sie stärkend und erhellend. Als verbindendes Element könnte diese mächtige Helligkeit in aufsteigender Richtung als Maria gedeutet, herabkommend als göttliche Gnade oder Hilfe gesehen werden. Aber auch andere Deutungen des nicht unwesentlichen Geschehens im Hintergrund sind möglich.

In seiner Offenheit hat dieses Bild mit bekannten Andachtsbildern letztlich wenig zu tun. Dennoch greift es elementare menschliche Regungen auf, schafft Identifikationsmöglichkeiten und unaufdringliche Zugänge zu Gott. Anselm Kiefer hat mit dieser Arbeit bewusst oder unbewusst eine einladende Ermutigung geschaffen, dass im Gebet zu Maria und damit zu Gott eine gewaltige Kraft steckt. Also doch ein Andachtsbild?

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 4/2008 der Zeitschrift “das münster”, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Wandlung

Ein Weiser erzählte seinen Schülern von einem alten Mann, der mit einem geflochtenen Weidenkorb zur Quelle ging, um Wasser zu holen, nicht nur einmal, sondern wieder und wieder. Die Leute lachten über ihn und sagten: „Du Tor! Merkst Du denn nicht, dass Du so niemals Wasser nach Hause bringen kannst?“ „Das weiß ich. Aber schaut, mein Korb wird rein und die Erde bekommt dadurch Wasser.“

Wir sehen hier einen Kelch, nein, die Form eines modernen Kelches, dicht geflochten aus dickem und dünnerem Dornenreisig, stabil ineinandergefügt – aber welchen Sinn hat ein Gefäß aus Dornen, das doch keine Flüssigkeit halten kann?

Bei weiterem Betrachten könnte man an einen Menschenkopf mit dem Halsansatz denken, einen aus Dornenzweigen geformten Kopf ohne Gesicht, ohne Ausdruck. Doch, je länger man bei dem Bild verweilt, desto ausdrucksstärker wird es. Eine Dornenhecke wehrt ab, grenzt aus und bei Berührung fließt Blut. All das trifft auf die Dornenskulptur nur sehr bedingt zu. Die klar abgegrenzte Form wirkt trotz der spitzen Dornen harmonisch schön, trotz der kleinen oder größeren Zwischenräume bereit, aufzunehmen und zu bergen. Von diesem Gefäß, in den weißen Hintergrund hineingezeichnet, ohne Schattenwurf, geht etwas Besonderes, etwas Sakrales aus.

„Christus“ nennt die Künstlerin ihr Werk. Christus als Kelch symbolisiert, aber als Kelch, der alle gewohnten Vorstellungen sprengt. Nicht nur, weil er wie der Korb des alten Mannes, keine Flüssigkeit halten kann, sondern weil er sich auch wegen des Materials, aus dem er gefertigt ist, dem Gebrauch, dem Anfassen und Festhalten entzieht.

Die Assoziation zum „Kelch der Leiden“ kann weiterführen: Christus, ein Gefäß, dazu bestimmt, alles Leid der Welt aufzunehmen, alle Verletzungen und Ängste, alle Not und Verzweiflung, alles Versagen und Scheitern, alle Schuld und Tränen, alles Blut. Seine durchlässige Form ist von allen Seiten aufnahmebereit, nicht für materiellen Inhalt, sondern für alles, was Menschen geistig bedrängt und bedrückt. In der Bildsprache des Dornenkopfes oder -kelches identifiziert sich Christus in anschaulichster Weise mit all diesem Leid.

Eine zweite Assoziation: In der Liturgie steht der Kelch für Wandlung, für Erlösung. In der Kraft des Heiligen Geistes wandelt Gott Leid und Schuld in überströmende, heilmachende Liebe, die überallhin ihren Weg findet, die durch die kleinsten und unscheinbarsten Ritzen zu allen Menschen dringt, die sich berühren lassen. Liebe kann verwandeln und nichts geht verloren, was aus Liebe geschah. Was wissen wir, ob aus unseren Fehlgriffen nicht letztendlich Gutes entstehen kann, wie durch das „sinnlos“ verschüttete Wasser des alten Mannes Reinigung geschah und aus der verhärteten Erde Leben sprießen konnte? Oder wie aus dem „Ärgernis“ und der „Torheit“ des Kreuzes Wandlung im eigentlichsten Sinn entstand: Der Einbruch der Liebe Gottes in unsere Welt, wo und wann immer wir sie annehmen?

Auflehnung / Rebellion

Was für ein Ereignis hat wohl diese Person in die Knie gezwungen, sie an den Rand der Verzweiflung, hin zum Protest und zum Widerstand getrieben?

Alles schreit an und in diesem Menschen: sein zerklüfteter, von Leid gezeichneter Körper, die erhobenen Arme mit den zu Fäusten geballten Händen, sein nach hinten gelehnter Kopf mit dem geöffneten Mund. Den Oberkörper leicht nach links gedreht, wendet er sich nach oben, einem unsichtbaren Gegenüber zu.

Die Frage bleibt: was hat ihn so zugerichtet, dass er mit seinem ganzen Wesen aufbegehrt? Ist die Ursache seines Leidens vielleicht genauso unsichtbar wie sein Gegenüber? Sind sie vielleicht sogar identisch? Vermutlich verstehen wir die Gefühle der knienden Person am besten, wenn wir uns in sie hineinversetzen.

Dann spüren wir unsere Ohnmacht gegenüber ungreifbaren Mächten: Schicksalsschlägen, Krankheiten, Ungerechtigkeiten, Zwängen. Dann können wir nachempfinden, wie die vielgestaltigen Verletzungen, Einschränkungen, Vorschriften bis zum Zusammenbrechen belasten können und uns nicht nur nahe, sondern unter die Haut und an die Substanz gehen.

Eine Grenze scheint erreicht zu sein. Die übriggebliebene Lebensenergie flammt in den expressiv gestalteten Körperteilen wie Feuerzungen auf. Geballte Kraft begleitet den Aufschrei. Genau diesen Moment hat der Künstler in der Skulptur eingefangen. So hört der Schrei nicht mehr auf. Es gibt zu viel offenkundiges und verborgenes Leid in dieser Welt, als dass dieser Schrei des Protestes irgendwann verstummen könnte.

Und trotzdem – die Gestalt drückt nicht nur Verzweiflung und Anklage aus. Das demütige Knien, der aufgerichtete Rücken, der nach oben gewandte Kopf – können das nicht Zeichen für eine Spur von Hoffnung sein? Ist nicht mitten im Aufbegehren ein Innehalten festzustellen?

Ob es die Beachtung ist, die diesen stellvertretenden Menschen aufhorchen läßt? Spiegelbild unserer selbst, weist er uns auf die unsichtbaren Mächte hin, diese verzehrenden, aber auch AUFBAUENDEN Kräfte, die in und um uns kämpfen und die wir nur zu gut in uns spüren. So er ermutigt uns, ihnen nachzugehen und nicht aufzugeben …

Leid und Flucht

Die Farben des Bildes scheinen sich von den beiden rechten Ecken her zur Mitte und nach rechts hin zu verdunkeln. Der lichterfüllte Sand verfärbt sich von oben und von unten her glühend rot, um dann von einer aschgrauen Schicht überdeckt zu werden. Darin sind schwarze Gestalten unterwegs, gerade noch als Menschen erkennbar. Im harten Gegensatz zu den dunklen Menschengruppen leuchtet am oberen Bildrand ein halb verdecktes rundes Licht. Ob es für die Sonne steht, welche das Land einst in warmen Farben leuchten ließ, bevor sie durch die Flammen und den Rauch eines anderen Feuers verdeckt wurde?

Unheil ist aus dem Bild herauszuspüren. Als Betrachter fragen wir uns unwillkürlich, was geschehen ist, dass eine solche Finsternis das Land bedeckt und die Menschen zur Flucht bewegt. Die Farben assoziieren Wüste, Hitze, brennendes Land und verbrannte Erde. Krieg lässt sich erahnen und lässt an die vielen Konflikte in Nahost denken, in denen immer und immer wieder Heimat zerstört und Menschen in Angst und Finsternis gehüllt werden. In Gruppen sind sie in der Sehnsucht nach neuer Sicherheit und Heimat unterwegs.

Von den Menschen sind nur Silhouetten übrig geblieben. Als Schatten geistern sie durch das zerstörte Land, als „verkohlte“ Gestalten, bei denen mit der Umwelt zusammen auch vieles im seelischen Bereich verbrannt und zerstört worden ist.

Das Bild strahlt Trauer aus, aber nicht Trost- und Hoffnungslosigkeit. Denn noch leuchtet die Sonne. Aber sie hat keine Kraft, die Menschen in der Finsternis zu erreichen. Das Bild erinnert auch an das Volk Israel, von dem wiederholt berichtet wird, dass es in Dunkelheit und Finsternis lebt, aber über ihnen ein Licht aufstrahlt (vgl. Jes 9,1; 60,2).

Auch das große Kreuz, das verborgen als Symbol des Leidens und Sterbens über das ganze Bild gelegt ist, spricht die Hoffnung an. Die von Leid und Not betroffenen Menschen sind nicht allein. Jesus Christus hat sich durch sein eigenes Leiden mit ihnen solidarisiert und ist ihnen auf ihrem kreuzwegähnlichen Auszug aus der „heiligen“ Stadt nahe. Er trägt ihre Angst und ihr Leiden mit. Hebt sich im Bereich des linken Randes nicht schemenhaft ein schwarzer runder Kopf vom grauen Hintergrund ab und lassen sich darunter nicht die ausgebreiteten Arme und der Leib des Gekreuzigten sehen? Sein Sieg über Sünde und Tod lassen das warme Rot im Hintergrund in einem ganz anderen Licht sehen: als Künder des neuen Lebens, als Verheißung des neuen Tages, der neuen Zeit nach diesem Schrecken und dieser Not.

Aufgebrochene Ganzheit

Ein Baumstamm. Teilstück eines einst mächtigen Baumes. Wer von hinten an ihn herantritt, erhält den Eindruck, vor einem intakten Stamm zu stehen. Die Rundung des Stammes und die Oberfläche täuschen ein vollrundes Baumstück vor.

Beim Umschreiten offenbart das Holz jedoch ein ganz anderes Gesicht: Eine aufgebrochene, offene Seite. Es ist ein Blick ins Innere des Holzes, gleichsam in sein Fleisch hinein, dass nun den Blicken des Betrachters unverhüllt zur Schau steht.

Den Spuren von Wind und Wetter nachgehend, hat der Künstler das Innere des Stammes weiter ausgehöhlt, nachbearbeitet und farblich hervorgehoben. Nun erinnert das nach Außen gekehrte Innere mit seiner roten Farbe an das Leben, das im Baum aufstieg und ihn zum Wachsen und Blühen brachte. Die Farbe erinnert aber auch an die Verletzung, die er in seinem Innern trug und deren Wunde wahrscheinlich zu seinem Absterben und Fällen beigetragen hat.

Aufgrund seiner Proportionen sind Parallelen zu uns Menschen möglich. Die rote Farbe lässt uns gleichsam in das Innere dieser stehenden Gestalt sehen und ihr sonst verborgenes Fleisch und Blut schauen. Die materielle Form des Lebens und der Liebe werden sichtbar. Gleichzeitig sprechen die aufgebrochene Seite, die waagrechten Einschnitte der Kettensäge und die Spuren des Hohlbeitels von den Veränderungen, die wir von außen und innen erfahren. Schmerzen und großes Leid sind damit verbunden.

Die Veränderungen haben zu einem Substanzverlust geführt. Die ursprüngliche Gestalt lässt sich wohl noch erahnen, die Beeinträchtigung steht jedoch im Vordergrund. Meistens erfahren wir diesen Verlust an Ganzheit als etwas Verletzendes und Negatives. Der „Verlust“ kann aber auch eine Bereicherung sein, die uns im „Weniger“ ein „Mehr“ erkennen lässt: Ein „Mehr“ an Erfahrung und Leben vielleicht, oder ein „Mehr“ an Offenheit, welche die Veränderungen in uns bewirkt haben.

So vermag die Skulptur die Ganzheit in ihrer Wirklichkeit darzustellen: Nicht als unantastbare und gleichsam museale Unversehrtheit, sondern wie eine durch das Wetter und die menschlichen Einflüsse geprägte (Baum-)Geschichte, zu der gute und schlechte Zeiten gehören.

Gemeinsames Gebet

Schwarze, breite, gerade Pinselstriche prägen diese Zeichnung. Zwischen ihnen sind – wie am Boden liegend – zwei Kreise angeordnet, gefüllt mit grauer Farbe und drei rötlich anmutenden Parallelen. Sie sind wie die zwei durch feinere Striche gebildeten Kreuzformen über ihnen strahlenförmig von grauen und roten Strichen umgeben.

Inmitten der statisch anmutenden „Balken”-Konstruktion kann deshalb an diesen beiden Orten eine Aktion herausgelesen werden. Hier geschieht etwas, geht etwas von innen nach außen. Ob wir ohne die Angaben des Künstlers darauf gekommen wären, dass es sich hier um zwei Betende handelt? Die dicken geraden Pinselstriche lassen Kreuze sehen, vielleicht auch ein Haus – aber menschliche Gestalten?

Auf der Suche nach den Menschen können die beiden Kreisformen noch am ehesten mit Köpfen in Zusammenhang gebracht werden. Deuten die drei Striche Augen und Nase an? Allerdings sind sie nicht oben am Körper angeordnet, sondern unten. Gewohnte Perspektiven werden hier durcheinandergebracht – neue Ansichten werden eingefordert! Die beiden Gestalten könnten am Boden liegen, in den Staub der Erde gebeugt sein, wie der Psalmist beschreibt: „Meine Seele klebt am Boden. Durch dein Wort belebe mich!“ (Ps 119,25). Die durch Kreuze geformten und gleichzeitig deformierten Körper lassen das Leid spüren, das sie niederdrückt, fesselt und bis zur Unkenntlichkeit entfremdet.

Hoffnungslos wäre diese Situation ohne die gekreuzten Hände. Ganz oben hat sie der Künstler platziert, dem Himmel zugewandt: Als Ausdruck der inneren Sammlung, der Sehnsucht des Herzens und der Bewegung des Geistes. In der Mitte bzw. aus der Mitte heraus brechen die Hände die belastende Situation auf, schaffen sie Freiraum. Dem Gebet wohnt Sprengkraft inne, wie die „Strahlen“ um die „Hände“ herum gedeutet werden könnten. Der Psalmist muss die Kraft des Gebetes erfahren haben, wenn er nach der ersten Bitte fortfährt: „Ich habe dir mein Geschick erzählt, und du erhörtest mich.“ (Ps 119,26).

Die Verdoppelung der Betenden scheint das Gebet zu verstärken. Die Zeichnung lässt offen, ob sich beide Personen in der gleichen Notlage befinden oder ob sich einer barmherzig einem Notleidenden zugewendet hat. Der Kopf der rechten Gestalt deutet jedoch auf das letztere hin. Er ist frei von umgebenden Balken und hat eine starke Zeichnung und Strahlkraft, denn sein Kopf ist von sonnenähnlichen Strahlen umgeben, während der Kopf der linken Gestalt schwächer gezeichnet ist und von Balken umgeben eingesperrter und leidender erscheint.

Doch durch die Solidarität des einen ist eine Leidens- und Gebetsgemeinschaft entstanden, in der der Bedürftige einen zweifachen Beistand erhält: einerseits im Mitmenschen und andererseits durch das Gebet auch in Gott. Insofern spiegelt sich das Wort von Jesus in diesem Bild wieder: „Alles, was sich zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,19-20) Das tröstet und schenkt Zuversicht.

Begegnung

Halb verdeckt von Farbflächen, Pinselstrichen und Bleistiftlinien schweift unser Blick wahrscheinlich zuerst auf den leicht geneigten Menschenkopf im Hintergrund. Unschwer lässt sich an seinen Gesichtszügen das Haupt einer gotischen Christusgestalt erkennen. Aus welchem Zusammenhang es jedoch extrahiert worden ist, lässt sich durch die Isolierung und malerische Verfremdung nicht sagen.

Wesentlich scheint der Blick, mit dem Jesus durch das Liniengewirr hindurch dem Betrachter eindringlich in die Augen schaut. Das Leid ist zu spüren, das er aushalten muss, ebenso das Kreuz auf seinen Schultern, das in der Diagonalen unter seinem Kopf angedeutet ist. Arnulf Rainer hat das Jesus zugefügte Leid in einer gestischen Aktion malerisch umgesetzt: Zuerst wurde er von ihn mit dem Pinsel und mit Stift „gegeißelt“, bis sein Gesicht mit Striemen gezeichnet und sein Haupt mit einem Liniengeflecht gleich einem Dornenkranz gekrönt war (Mk 15,17-19). Dann hat er mit seiner Hand gelbe und dunkelrote Farbe so aufgetragen, dass er damit dem Abbild des Gekreuzigten heftige Hiebe versetzte. Die triefenden Farbspuren legen Zeugnis ab, dass der Künstler ihm mit vollen Händen „eins ausgewischt“ hat. Dick wie verklebtes Blut ist die Farbe unter seinem Gesicht eingetrocknet, während die gelben Farbspuren wie zwei Leuchten links und rechts von seinem Angesicht erscheinen: Nichts beschönigend, aber erinnernd und mahnend als ein ehrendes Zeichen für denjenigen, der für seinen Glauben an Gott und an uns Menschen gestorben ist.

Die dem Werk zu Grunde liegende Fotografie hat der Künstler auf einen Karton aufgezogen. Durch die Übermalungen sind ihre Ränder hervorgehoben und lassen das Rechteck wie ein Fenster in eine andere Welt erscheinen. Es ist, als ob die Übermalung diesseits bliebe und dem heiligen Gesicht nichts anhaben könnte. Viele Christus-Übermalungen hat Rainer auf einem kreuzförmigen Träger durchgeführt. Hier ist das Grundformat jedoch rechteckig. Allerdings hat er den Christus-Kopf in eine Kreuzform integriert. Die beiden gelben „Figuren“ bilden die Außenseiten des stehenden Balkens, die Unterkante der Fotografie zeichnet die Unterkante des Querbalkens, während zwei in der Mitte des Gesichts seitlich vorstehende Elemente den Querbalken oben abschließen.

So gesehen ist dieses Bild wie ein Zeitfenster, das uns zu Zuschauern des Leidens Jesu Christi macht und uns an die Seite von Simon von Zyrene, seiner Mutter Maria oder Veronika stellt, die ihm das Schweißtuch gereicht hat.

Nun begegnet er mir und scheint mich schweigend zu fragen: Wie willst Du bei meinem Anblick reagieren? – Im Augenblick haben wir vielleicht Mitleid und wollen ihm beistehen. Nichts läge uns ferner als ihn wie die Soldaten mit Peitsche und Stöcken zu schlagen oder wie der Künstler mit Farbe und Bleistift zu malträtieren. Aber wer von uns ist schon ohne Schuld? Können vernichtende Gedanken und Worte über andere Menschen (vgl. Mt 25,40.45) oder die bewusste Missachtung und Verletzung der Schöpfung nicht auch wie Peitschenhiebe wirken, entstellen und Leid verursachen?

“Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;
Ich hab’ es selbst verschuldet, was du getragen hast.
Schau her, hier steh’ ich Armer, der Zorn verdienet hat;
Gib mir, o mein Erbarmer, Den Anblick deiner Gnad’!”

4. Strophe aus “O Haupt voll Blut und Wunden”

Aufschrei

Ungewöhnlich, diese Steinskulptur. Spannungsgeladen biegt sich dieser menschliche Oberkörper. Die im Lichtschein schwach aufleuchtende T-Form aus Stahl lässt in ihm einen Gekreuzigten erkennen, einen am Kreuz Gehängten. Sein Körper ist übersät von rostbraunen Flecken, die an getrocknetes Blut erinnern (Eisenoxyd im Stein, das durch den Künstler freigelegt worden ist) und Kerben wie von Peitschenhieben.

So sehr der Tod diese verstümmelte Gestalt prägt – die Arme sind auf Stümpfe reduziert, der Kopf ist abgeschlagen, die Rippen und die beiden Beine weggehauen – , so ist das Leben doch noch nicht aus ihr gewichen.

In den Adern des Stein-Körpers scheint das Blut noch zu pulsieren. Der muskulöse Körper hält sich mit aller Kraft am Leben. An einem Arm hängend krümmt er sich vor Schmerz und schreit sein Leid in einem einzigen stummen Schrei in die dunkle Nacht hinaus. Mit dem nach oben gerichteten Arm scheint er klagend auf seinen Schöpfer zu zeigen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“ (Ps 22,2)

Ich höre auch den sehnsüchtigen Ruf nach Hilfe: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen.“ (Ps 130,1-2) – Dieses Schweben zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod kann doch nicht alles sein! – Der Psalmist betet weiter: „Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen.“ (5-6)

Dieses verzweifelte und doch vertrauensvolle Aufschreien ist aus diesem Torso herauszuhören. Das Leid wird ausgehalten, weil sich dieser Mensch mit letzter Kraft an DEM festhält, der das Leben selber ist. Dieses „gehalten Sein“ gibt ihm eine unauslotbare Tiefe und ist in seiner ausdrucksstarken Oberfläche zu spüren.

Karl Josef Kuschel schreibt im Buch „Lebensspuren“ (S. 37f) dazu: „Die Arbeiten von Rudolf Kurz holen an die Oberfläche, was im Menschen steckt oder was Menschen Menschen zugefügt haben. Sie beschönigen nichts; polieren nichts glatt; sind nicht „schön“. Aber alles an ihnen ist wahr: die Narben und die Risse; die Wunden und die Flecken; die Kratzspuren und die Kerben in der Haut. Der Künstler zeigt das ohne Rücksicht auf Gefühle. Was wir gewöhnlich überdecken oder überspielen, nicht wahrhaben oder zeigen wollen, macht er öffentlich, stellt er aus bis zur Penetranz. Es ist, als habe er seinen Figuren die Kleider vom Leib gerissen, um uns Betrachtern keine Möglichkeit des Ausweichens zu geben, des Überdeckens, des Beschönigens: Seht, das ist der Mensch, und das ist es, was aus Menschen werden kann.“

Weitere hervorragende Bildbetrachtungen von Karl Josef Kuschel finden Sie in dem mit Rudolf Kurz herausgegeben Buch Lebensspuren, ISBN 3-7966-1066-8, Schwabenverlag 2002.