Eine nachtblaue Präsenz bricht in diagonaler Dynamik von links oben in die gelb schattierte Bildfläche hinein. An ihrem tiefsten Punkt setzt ein feiner Riss die Abwärtsbewegung fort. Hat die blaue Existenz der gelben so stark zugesetzt, dass sie daran zerbrochen ist? Bildtechnisch wird die gelbe Schicht jedoch vom mystischen Blau unterwandert bzw. an ihren Rändern aufgerissen. Es ist ein „Aufriss“, der sichtbar macht, dass die sonnengelbe Schicht von der darunterliegenden, monochromen Farbfläche getragen wird.
Somit entstand zuerst die ruhige, blaue Grundlage, danach kam das gelb gefärbte Büttenpapier dazu. Von Hand geschöpft, vom Menschen bearbeitet, gerissen, Spuren hinterlassend. Im mystischen Blau steht bildhaft der unendliche Gott dem durch das Papier symbolisierten Menschen gegenüber und hinterlässt in der Begegnung einen feinen Riss. Einen Fadenriss, der auch ein Spannungsriss sein könnte und im Kontrast zur ruhigen himmlischen Präsenz steht. Diagonal senkt sich Gottes Kraft ganz sanft in die menschliche Tiefe hinein, ohne dessen Einheit zu zerstören, doch um ihn in eine neue Dreifaltigkeit einzubinden. Mystisch dunkel, ungreifbar, unerwartet anders dringt die Urkraft der Liebe und des Vertrauens in die lichte Herrlichkeit der Schöpfung. Ein feiner Riss lässt die Sanftheit, aber auch die machtvolle Kraft Gottes spüren, mit der er uns begegnet, berührt und in uns vibriert.
Es braucht eine Offenheit für Gottes Kommen, für diesen Gott, der sich selbst Jahwe nennt, was übertragen heißt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Gott offenbart sich in der Aktualität seines Handelns, die sich auf immer wieder neue Weise in unserem Leben ereignet. Dazu braucht es eine Erwartung, ein Gespür für diesen Gott, der uns in den unspektakulären, wenig auffallenden Situationen, besonders in der Stille begegnet. So wie bei Elija am Gottesberg. Nach vierzig Tagen und Nächten seiner Flucht wollte er in einer Berghöhle übernachten. Doch Gott forderte ihn auf herauszukommen und sich vor ihn, den Herrn zu stellen. Zur Zeit Elijas durften nur die engsten Diener des Königs vor ihn treten und ihn sehen. Elija traut sich nicht so recht und bleibt in der Höhle. Er hört Gott kommen, denn gewaltvoll gingen dem Herrn ein Sturm, ein Erdbeben und ein Feuer voran. Elija spürt, dass Gott nicht in diesen drei zerstörerischen Mächten zu ihm kommt und reagiert erst auf die Ruhe nach dem Sturm, die von einem sanften, leisen Säuseln erfüllte Stille. Da „hüllt er sein Gesicht in den Mantel, tritt hinaus und stellt sich an den Eingang der Höhle.“ Und er vernimmt Gottes „Stimme, die ihm zuruft: Was willst du hier, Elija?“ Elija erklärt sich und erhält von Gott einen ganz konkreten Auftrag. (vgl. 1 Kö 19,8-18)
So abstrakt die quadratische Arbeit von der Gottesbegegnung Elijas am Berge Horeb gehalten ist, sie lässt in unerwartet anderer Darstellungsweise die Zurückhaltung des Elija in der Höhle spüren, seine begrenzte Offenheit für einen Gott, der sich nicht in – den damals unerklärlichen – Naturereignissen offenbart, sondern in der Stille, im Raum des Friedens, in der Kontemplation. Sie zeigt Gott als Ruhepol und Kraftquelle zugleich, als mystisches Schweigen und alles veränderndes Wort, als den verborgenen und gleichzeitig unendlich nahen Gott, der uns einlädt, vor ihn zu treten und ihm voranzugehen.
