Erwartung

Fast unendlich viele Tonschalen stehen vor uns auf dem Boden. Schalen, die meist als Einzelstücke in der Küche und auf dem Esszimmertisch verwendet oder in einer Vitrine präsentiert werden, wurden nicht einzeln, sondern in einer auf einen Blick unfassbaren Anzahl auf den Boden gestellt. Eine, und noch eine, und noch eine und noch eine … 1111!

Jede Schale hat eine individuelle Gestalt, eine etwas andere Form als diejenige neben ihr. Einzelanfertigungen! Die Hände der Töpferin sind noch an ihnen zu spüren, wie sie aus der Mitte des Tonklumpens heraus den Boden weiten, die Seiten hochziehen und den Rand fertigen – ein Gefäß entstehen lassen. Die Glasur verlieh dann jeder Schale eine eigene Farbe sowie eine matte oder eine glänzende Oberfläche, das Brennen im Ofen Beständigkeit, Widerstandskraft und Undurchlässigkeit.

So stehen sie in schlichter Schönheit nebeneinander. Keine Schale ist mehr, keine ist weniger. Jede besitzt ihre ganz eigene „Größe“. Diese setzt sich nach außen aus dem Abstand, aus dem respektvollen Zwischenraum zu den anderen Schalen, nach innen aus der Offenheit nach oben und der ihr innewohnenden Leere zusammen.

Sie harren alle ihrer Bestimmung, etwas in sich aufzunehmen, zu halten, zu vermitteln oder zu bewahren. Sie alle sind bereit zu empfangen. Sie stehen offen und leer hier, damit sie gefüllt werden, damit ihre Erwartung erfüllt wird. Dadurch kann man den Schalen bis auf den Grund sehen, ihre innerste Mitte betrachten, aus der heraus sie entstanden sind.

Symbolisch können diese Schalen für uns Menschen stehen. Wunderbar sind wir als einander ähnliche und doch individuelle Geschöpfe geschaffen worden und besitzen eine schwer definierbare und dadurch geheimnisvolle Offenheit für alles, was uns erfüllen könnte. Wir haben die Fähigkeit, unendlich viele Erfahrungen und viel Wissen in uns aufzunehmen und in unseren Wohnungen und Ländern unendlich viele materielle „Kostbarkeiten“ zu sammeln. Wir ziehen manchmal so viel an uns, dass vor lauter Materialien und Aktivitäten kaum mehr Raum und Zeit für etwas Neues übrig bleibt.

Insofern stellen die Schalen so etwas wie ein Urbild von uns dar, ein Ideal, das wir in uns spüren und allein doch nicht erreichen können. Sie bringen indirekt eine Sehnsucht zum Ausdruck, dass jemand zu uns kommt, der uns von der selbstverursachten Überfülle zu entlasten und zu befreien vermag, damit bei uns wie bei diesen Schalen unsere Mitte wieder sichtbar wird: Die Handspuren unseres Schöpfers, den Fingerabdruck Gottes, der uns eine einzigartige Schönheit und Würde ins Leben gegeben hat.

Dass diese Schönheit und Würde äußerst anfällig sind, führen uns die auf den Boden des Alltags gestellten Tongefäße vor Augen. Es braucht nicht viel, vielleicht nur einen gedankenlosen Fußtritt, um sie zu zerschlagen. So lehren uns die Schalen auch Achtsamkeit und Sorgfalt, damit wir mit den Mitmenschen um uns herum noch achtsamer und sorgfältiger umgehen als mit einzigartigen Kunstwerken!

Die 1111 Schalen waren im Herbst 2016 / Januar 2007 in der Rotunde der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt. Dazu war im Verlag Hatje Cantz ein bildstarker schöner Katalog erschienen: Young-Jae Lee, 1111 Schalen. ISBN 3-7757-1852-4

Kontakt

Auf der großen Bildtafel begegnet uns eine Fülle von in Blautönen gehaltenen Einzelszenen. Was stellen sie dar? Durch die verschwommenen Formen bleibt das auf den 96 quadratischen Fotografien Gezeigte geheimnisvoll verhüllt oder entrückt. Distanz! Doch trotz aller Unschärfe weisen die weichen Schattierungen auf menschliche Körperteile hin, die stark vergrößert, sehr nahe und nur ausschnittweise fotografiert wurden. Nähe! Diese Detailaufnahmen sind wie Teile eines rätselhaften Puzzles, in welchem der Mensch in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen angedeutet wird. Alle zusammen ergeben ein ungewöhnliches Ganzes, das mit dem Betrachter Kontakt aufnimmt, mit ihm ins Gespräch kommt.

In der Spitalkirche, in der das Bild hängt, ist das etwas ganz Wichtiges. Menschen, die sich hier einfinden, machen meist eine leidvolle Phase durch. Jede Krankheit und jede Operation birgt in sich viel Ungewissheit und Angst. Das geschliffene Acrylglas spiegelt die Unklarheit des Danach. Die Hoffnung auf Gesundung und Heilung ist da. Doch ohne Durchblick braucht es viel Zuversicht und Vertrauen in die Ärzte, die PflegerInnen und die Medizin, ein gläubiges Schauen über das jetzt Sichtbare hinaus. Die Blautöne des Bildes mögen die Zwiesprache mit dem Himmel eröffnen, das Gebet zu Gott erleichtern.

Der nach Halt suchende Blick vermag mit der Zeit auf den Fotos Nahaufnahmen von Händen zu entdecken. Tatsächlich hat der Künstler Hände von Ungeborenen bis zu Sterbenden ins Blickfeld gebracht. Hände, die berühren, Verbundenheit zeigen, streicheln, beten, helfen, arbeiten, trösten, schützen …

Neben den Augen hängen unsere Handlungen wesentlich von unseren Händen ab. Mit den vergrößerten Bildausschnitten und Handteilen werden einzelne Schicksale stellvertretend hervorgehoben und gleichzeitig in ein großes Ganzes eingebettet. So reihen sich Einzelschicksale, die sich ähnlich sind, aneinander, neben- und übereinander. Eine mit Krankheit und Tod ringende Schicksalsgemeinschaft findet sich in diesem Raum und vor diesem Bild zusammen, um in Gemeinschaft mit Jesus Christus, der Leid und Tod überwunden hat, Kraft zu schöpfen.

„Kommt alle zu mir, die ihr Euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“, verkündigte Jesus (Mt 11,28). Er hatte keine Berührungsängste und legte den Kranken seine göttlichen Hände auf (8,15; 9,25), sie rettend (14,31), heilend (4,23; 9,29), segnend (19,13-15).

Über die Momentaufnahmen der Hände hat der Künstler mit malerischen und zeichnerischen Mitteln eine zweite, diesmal dynamische Ebene gelegt. In einer leichten Aufwärtsbewegung durchquert diese künstlerische Intervention das Bild von links nach rechts. Mit dem blauen Rechteck und der weißen, nach rechts auslaufenden Übermalung ist auf der linken Seite ein starker Akzent gesetzt, der auf der rechten Seite von ansteigenden Linien aufgenommen und fortgesetzt wird. Weiße Farbspritzer begleiten diese Bewegung, die Zeit und Krankheit, den operativen Eingriff und heilende Prozesse zur Sprache bringen. Übrig bleiben Narben und Einschränkungen, die das wiedergewonnene Leben zeichnen, aber nicht mehr wie vorher zudecken. Das tröstet und stärkt die Hoffnung, bald selbst wieder handeln zu können.

Gemeinsames Gebet

Schwarze, breite, gerade Pinselstriche prägen diese Zeichnung. Zwischen ihnen sind – wie am Boden liegend – zwei Kreise angeordnet, gefüllt mit grauer Farbe und drei rötlich anmutenden Parallelen. Sie sind wie die zwei durch feinere Striche gebildeten Kreuzformen über ihnen strahlenförmig von grauen und roten Strichen umgeben.

Inmitten der statisch anmutenden „Balken“-Konstruktion kann deshalb an diesen beiden Orten eine Aktion herausgelesen werden. Hier geschieht etwas, geht etwas von innen nach außen. Ob wir ohne die Angaben des Künstlers darauf gekommen wären, dass es sich hier um zwei Betende handelt? Die dicken geraden Pinselstriche lassen Kreuze sehen, vielleicht auch ein Haus – aber menschliche Gestalten?

Auf der Suche nach den Menschen können die beiden Kreisformen noch am ehesten mit Köpfen in Zusammenhang gebracht werden. Deuten die drei Striche Augen und Nase an? Allerdings sind sie nicht oben am Körper angeordnet, sondern unten. Gewohnte Perspektiven werden hier durcheinandergebracht – neue Ansichten werden eingefordert! Die beiden Gestalten könnten am Boden liegen, in den Staub der Erde gebeugt sein, wie der Psalmist beschreibt: „Meine Seele klebt am Boden. Durch dein Wort belebe mich!“ (Ps 119,25). Die durch Kreuze geformten und gleichzeitig deformierten Körper lassen das Leid spüren, das sie niederdrückt, fesselt und bis zur Unkenntlichkeit entfremdet.

Hoffnungslos wäre diese Situation ohne die gekreuzten Hände. Ganz oben hat sie der Künstler platziert, dem Himmel zugewandt: Als Ausdruck der inneren Sammlung, der Sehnsucht des Herzens und der Bewegung des Geistes. In der Mitte bzw. aus der Mitte heraus brechen die Hände die belastende Situation auf, schaffen sie Freiraum. Dem Gebet wohnt Sprengkraft inne, wie die „Strahlen“ um die „Hände“ herum gedeutet werden könnten. Der Psalmist muss die Kraft des Gebetes erfahren haben, wenn er nach der ersten Bitte fortfährt: „Ich habe dir mein Geschick erzählt, und du erhörtest mich.“ (Ps 119,26).

Die Verdoppelung der Betenden scheint das Gebet zu verstärken. Die Zeichnung lässt offen, ob sich beide Personen in der gleichen Notlage befinden oder ob sich einer barmherzig einem Notleidenden zugewendet hat. Der Kopf der rechten Gestalt deutet jedoch auf das letztere hin. Er ist frei von umgebenden Balken und hat eine starke Zeichnung und Strahlkraft, denn sein Kopf ist von sonnenähnlichen Strahlen umgeben, während der Kopf der linken Gestalt schwächer gezeichnet ist und von Balken umgeben eingesperrter und leidender erscheint.

Doch durch die Solidarität des einen ist eine Leidens- und Gebetsgemeinschaft entstanden, in der der Bedürftige einen zweifachen Beistand erhält: einerseits im Mitmenschen und andererseits durch das Gebet auch in Gott. Insofern spiegelt sich das Wort von Jesus in diesem Bild wieder: „Alles, was sich zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,19-20) Das tröstet und schenkt Zuversicht.

Farbe und Form

Ist es ein Kreuz? Oder eher eine kreuzförmige Bildtafel? Die Farbe scheint dem Künstler genauso wichtig zu sein wie die Form oder das Material, aus dem das Kreuz gemacht und auf dem die Farbe aufgetragen ist. Nicht umsonst lassen die splittrigen Bruchkanten uns das aus Holzspänen zusammengeleimte Trägermaterial spüren, aus dem der Künstler im wahrsten Sinne des Wortes Fragmente, also Teile herausgebrochen und wieder zu einem Ganzen zusammengefügt hat.

Um eine rechteckige, stumpfe, graue Mitte gruppieren sich vier in allen Farben leuchtende Kreuzesarme. Gemeinsam sind ihnen die sich nach außen weitende Form und die Übergänge von dunklen zu hellen Farbtönen. Sie unterscheiden sich voneinander in der Farbgestaltung und im jeweiligen Abschluss. Die obere kelchförmige Fläche mit eingewölbtem Bogen (die dadurch in einem formalen Gleichgewicht zu den Seitenarmen steht) beginnt in der Mitte mit einem intensiven Blau, um dann über ein schweres Dunkelrot in ein helleres Weinrot überzugehen. Die untere, größte Fläche beginnt ebenfalls mit einem intensiven, aber anderen Blau als oben, und vermischt sich dann mit Dunkelgrün, bevor sie heller wird und in der symmetrischen Spitze fast weiß ausläuft. Der linke Seitenarm endet in einem Kreisbogen. Der Mitte zu ist seine Farbe noch dunkelviolett, während sie sich nach Außen hin zu einem hellen Lila wandelt. Der rechte Seitenarm dagegen beginnt mit einem dunklen Rot und geht dann langsam in ein warmes Gelb über. Formal endet er in einer asymmetrischen Schräge.

Diese fünf Elemente formen ein lateinisches Kreuz und gleichzeitig ein durch seine außergewöhnlichen Formen und Farben offenes Symbol, das vielerlei Zugänge und Interpretationen zulässt. Von der Gestalt und den Dimensionen her erinnert es an einen Menschen mit ausgebreiteten Armen, der willkommen heißt und in eine mystische Tiefe führt. Ich höre Jesu Einladung: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28) Die gerundete, weinrote Form mag an den Ölberg denken lassen, auf dem Jesus betete: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt 26,39)

In diesem Kreuz wird Begegnung und Austausch nicht nur sichtbar, sondern durch seine majestätische Erhabenheit und seine satte Fülle auch erfahrbar gemacht. Wer sich diesem Zeichen aussetzt, wird in seiner Niedergeschlagenheit oder Hoffnungslosigkeit aufgerichtet. In diesem Symbol des Kreuzes nimmt ihn Gott gleichsam in die Arme, drückt ihn an sein Herz und lässt ihn seine Wärme, Lebensfülle und Liebe spüren.