Seine Herrlichkeit schauen

Das mit Symbolen gestaltete Bild lädt von oben nach unten zur Betrachtung ein. Doch der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Krippe: Sie bzw. der in ihr Liegende weist den Weg, zum Verständnis und das Licht des Johannesprologs (Joh 1,1-18) beleuchtet ihn zusätzlich.

Im dunklen Querbalken sind Schriftzeichen zu sehen. Sie deuten das göttliche Wort an: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.“ (Joh 1,1-2) Da Gott nicht darstellbar ist, sehen wir nur schriftähnliche Zeichen als Symbol für den göttlichen Logos. Der Balken selbst kann dabei als sichtbares Moment einer ewigen und gleichbleibenden Präsenz in der Schöpfung interpretiert werden.

Darunter entfaltet sich vor dem blauen Dreieck die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn. „Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,3-4) – Es ist ein trinitarisches Geschehen, ein Zusammenwirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist. In der großen Sonne klingt die Unendlichkeit Gottes an und dass er die Quelle des Lebens und des Lichtes ist. Der kleinere untere Kreis weist durch die Überschneidung und die gleiche Form auf die Gottheit Jesus hin. Er ist der Einzige, der „am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18). Der nach unten versetzte Kreis macht auch deutlich, dass er sich entäußert hat, um uns Kunde zu bringen von der Gnade und der Wahrheit Gottes. Seine Geburt ist eine Sternstunde der Menschheit und der Schöpfung. Gott wird Mensch: Seine ganze trinitarische Fülle ergießt sich „Gnade über Gnade“ in unsere menschliche Armut, dargestellt durch die nach oben geöffnete Krippe. „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12) Die Krippe ist gleichsam die Antwort des unteren dunklen Balkens auf die vom oberen Balken ausgehende Frage.

Weder das Jesuskind noch Maria, Josef oder sonst jemand sind an der Krippe dargestellt. Nur zwei blaue Flügel deuten eine Anwesenheit von himmlischen Wesen an – seien es die Engel der Heiligen Nacht oder den Geist des Johannes. Letztlich sind es zwei Präsenzen, die das Geschehen wohlwollend begleiten.

Alles zwischen den beiden Kontinuen am oberen und unteren Bildrand ist in ein warmes, goldgelbes Licht getaucht. In dieser mystischen Vision der Menschwerdung Gottes symbolisiert auch es die Materialisation: vom farblosen Licht zum von Farben, Gefühlen und damit vom Leben erfüllten gelben Licht. Im Licht gießt sich Gott symbolisch in die ganze Schöpfung aus. Im Licht offenbart er sich allen wesenhaft in seiner grenzenlosen Güte, Wärme und Freude. Es verweist immateriell auf Jesus, der von sich sagt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ (Joh 9,5)

So abstrakt-symbolisch das Bild auch ist, letztlich wissen wir nur durch die geschichtlich konkret gewordene Person Jesu so viel über Gott und seine grenzenlose Liebe zu uns. Wir leben jeden Tag in der Erwartung Ihn zu sehen und Sein Erbarmen und Sein Heil zu erleben, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14)

Vom Himmel hoch

Mit wenigen Kohlestrichen hebt sich der Kinderkopf vom weißlich strukturieren Hintergrund ab. Er scheint aus dem Nichts aufzutauchen. Zeichnerische Ausschweifungen deuten jedoch an, dass er von oben kommt, in Rundungen gesprochen geradezu in die Welt purzelt.

Körperlich scheint der Kopf allein zu sein. Und doch wird er auf der rechten Seite durch die dunkleren Schattierungen und nach unten durch einen gelblicheren Farbkörper und der darüber liegenden Notenlinie gehalten.

Festlich stimmt der Musikschlüssel auf die ersten drei Töne ein. Wer sie nachsummt, wird neben den Tönen schnell auch die dazugehörigen Worte aus dem bekannten Weihnachtslied hören: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Diese Worte begründen im Lied den Auftritt und die Botschaft des verkündenden Engels, während sie in der vorliegenden Arbeit dem Kind zugeordnet werden können. „Vom Himmel hoch, da komm ich her!“

So schlicht kommt diese bahnbrechende Botschaft an, dass sie übersehen und überhört werden kann. Gott drängt seine Menschwerdung den Menschen nicht auf. Nur wer offen für Gott ist und auf ihn zu hören vermag, bei dem kann die Botschaft ankommen und das Wort Fleisch werden.

Ein anderer Aspekt leuchtet durch die Darstellung diskret auf: Jedes Menschenkind ist ein Geschenk des Himmels, ein Geschenk Gottes an seine Eltern als auch an alle Menschen. In jedem Neugeborenen schenkt Gott sich selbst in neuem Leben und neuer Liebe mitten unter uns Menschen.

Vom Himmel hoch da komm ich her …
damit der Mensch zum Mensch wird mehr und mehr!

Anbetendes Verweilen vor Gott

Diese Krippe umgibt weder das Licht noch der Glanz und erst recht nicht die Unruhe unseres heutigen Weihnachtsfestes. Aus der Schlichtheit der Darstellung geht vielmehr eine Armut und Ruhe hervor, die betroffen macht, eine Hingabe und Anbetung, die einem als Betrachter veranlasst, es gleich zu tun (vergrößertes Bild) .

Dabei ist kein Neugeborenes zu sehen und die beiden Gestalten haben wenig menschliche Individualität. Wie zwei eckige Klammern ein Wort, so umgeben sie die Krippe in ihrer Mitte, und geben ihr durch die eigene Stärke Schutz und Geborgenheit. Die beiden Großen, die sich klein gemacht haben vor dem Kleinen, lassen viel Spielraum zwischen sich. Dieses Knien und die gebeugte Haltung ihrer Köpfe bringt in hohem Maße Staunen und Zuneigung, Hingabe und Verehrung zum Ausdruck. Während der weiße Hintergrund auf ein ort- und zeitloses Geschehen hinweist, bringt die spontane und lebendige Pinselführung eine gegenwärtige Dimension in das Bild. So dunkel die Gestalten auch sein mögen, sie sind im Verharren vor dem Wunder in ihrer Mitte dennoch voller Leben und innerer Bewegung. Durch die frischen Farbspuren wird das Gefühl vermittelt, dass das auf dem Bild Dargestellte jetzt geschieht. Jetzt, während ich das Bild anschaue. Jetzt sind sie da, vor mir, ganz gegenwärtig.

In der feineren, helleren Gestalt links mag man Maria sehen, auf der anderen Seite, dunkler und maskuliner geprägt, Josef. Wie bereits festgestellt, ist das Kind in ihrer Mitte nicht zu sehen. Vor der hölzernen Futterkrippe, die auf beiden Seiten mit Steinen gefasst ist, fällt allerdings der aus drei feinen Linien gebildete rote Kreis auf, der mit den Köpfen von Maria und Josef korrespondiert, sich in der Farbe jedoch von ihnen unterscheidet. Zusammen ergeben sie ein nach unten weisendes Dreieck, dessen untersten Punkt eben dieser rote Kreis bildet: Die unendliche Liebe Gottes macht sich klein und gibt sich in Menschenhand.

Weihnachten – anbetendes Verweilen vor Gott, der sich in seinem Sohn klein und arm gemacht hat, um uns mit dem Reichtum seiner Liebe zu beschenken.

Das Zeichen

Mit unregelmäßigen Konturen steht der Holzbalken da. Aufgerichtet schwingt noch etwas vom Baumstamm der Eiche mit, die einst häufig Treffpunkt für sakrale Rituale war. Hier ist eine fast leere Stele mit wenigen geheimnisvollen Zeichen.

Was sie wohl bedeuten? Worauf wollen sie hinweisen? Das große Zeichen befindet sich oben. Es ist ein aus mehreren Formen zusammengesetztes Bild, das sowohl eine Mondform beinhaltet als auch etwas Sternenartiges. Farblich weisen sie allerdings auf etwas anderes hin, das sich zu Beginn nicht so einfach erschließt. Aber sieht es nicht so aus, als würde sich diese Komposition den unteren beiden Symbolen zuwenden?

Formal sehr ähnlich, unterscheiden sie sich durch ihre Farbgebung: oben blau, unten rot (Detailbild). Der Künstler hat lasierende Farben gewählt, die dennoch voller Leben sind und den Blick auf sich ziehen. Da jeglicher Anhaltspunkt für eine feste Zuordnung fehlt, erscheinen sie uns in einem schwebenden Zustand. Die Frage ihrer Symbolik bleibt. Und wir bleiben Suchende.

Vielleicht müssen wir ganz unten, beim kleinsten Zeichen anfangen. Rot ist die Farbe des Blutes, des Lebens und der Liebe. Und das Zeichen besteht aus einem länglichen Körper und einem Kopf. Ein Kind der Liebe? Das Kind der Liebe? Jesus? – Der Evangelist Lukas (2,12) schreibt: „Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Diese Worte waren in den Alltag der Hirten vor Bethlehem hineingesprochen worden. Die Erscheinung der Engel hat sie mitten in der Nacht verunsichert, diese Worte sollten ihnen Halt geben, einen festen Anhaltspunkt, damit sie der himmlischen Botschaft glaubten.

Ob das blaue Zeichen für die Mutter Maria steht? Es zeigt in gleicher Form ein Menschenkind. Durch seine andere Farbe kommt allerdings mehr der Himmel zur Sprache, Gott. Der schwebende Charakter der beiden Zeichen bringt Menschwerdung zum Ausdruck, bei der das rote Kind als Abbild des blauen Kindes verstanden werden muss.

Wenn diese Stele also mit der Geburt Jesu, den Hirten und dem Stall in Bethlehem zu tun hat, dann können wir in der großen komplexen Form die von oben abgebildeten Köpfe von Ochs und Esel sehen. Sie gehören wegen ihrer Erwähnung im Buch Jesaja 1,3 von alters her zur Krippe, wobei der Ochse die Juden, der Esel die Nicht-Juden verkörpern. Beide zusammen bildeten nach biblischem Verständnis die gesamte Menschheit, die Zielgruppe der Menschwerdung Christi.

Und dann mag unser Blick auf den Titel dieser Arbeit fallen, die Frage: Welches nun? Im Kunstbereich dient eine Stele dazu, ein Kunstwerk erhöht und freistehend zu präsentieren und ihm gleichzeitig festen Untergrund und Halt zu geben. Diese Holzstele vermittelt Einfachheit und Lebendigkeit mitten in der Natur, ja mitten in der Welt stehend. Aber sie präsentiert nur Zeichenhaftes und überlässt uns die Deutung. Welches nun? Worauf kann sich das Neutrum beziehen? Welches Zeichen? Oder gar welches Kind? Wir sollen auswählen, was für uns das Wichtigste ist. Welches nun? Wir müssen uns entscheiden, welches für uns der wahre Heilbringer ist.

Eine ungewohnte Sichtweise. Sie stellt das Gewohnte in radikaler Weise in Frage und bietet dafür Neues an. Es ist eine Arbeit zu Weihnachten, die aus dem statischen „Alle Jahre wieder …“ herausführen und uns in dynamischer Weise zu Beteiligten machen kann.