Blick ins aller Heiligste

Feine Farbklänge verleihen dem Bild etwas Zärtliches, Geheimnisvolles und Kostbares. Schwebend atmen die einzelnen Elemente ineinander und bilden zusammen eine Lebensgemeinschaft, die alles Bekannte übersteigt.

Das weiße Oval mit seinem diffusen Rand schenkt diesem Organismus einen grenzenlosen und lichtvollen Lebensraum, der mit seiner Energie das erdig wirkende, ockerrote Umfeld strahlenförmig erleuchtet. Vom unteren Bildrand her durchquert ein rosafarbenes Kreuz das Oval in seiner Höhe und Breite. Wie ein Stempel prägt es die neue Gemeinschaft, wie ein Schlüssel öffnet es das Verständnis für das Wunder, dass es dieses Miteinander überhaupt gibt – sah doch bei der Kreuzigung alles nicht so rosig aus.

Das Kreuz lässt die Wandlung miterleben, die der an ihm Gekreuzigte durchlitten und durchlebt hat. Die quadratische rote Mitte erzählt mit ihrer farbig-formalen Symbolik von der irdischen Gewalt, dem vergossenen Blut, dem qualvollen Tod. Gewandelt bildet es die kraftvolle Mitte des neuen Lebensraumes, das schlagende Herz, das aller Heiligste. Das Viereck ist der irdische Schlussstein im Gewölbe der Ewigkeit, die verdichtete Gegenwart Gottes unendlicher Liebe in der menschlichen Geschichte. Es ist ein stiller Ruhepol, Halt für den Unsicheren, Orientierung dem Suchenden.

Intensiv, fröhlich und unbeschwert lebt das Kreuz aus seiner quadratisch-kraftvollen Mitte heraus. Die rosa Farbe mag einen verklärten Blick suggerieren, aber keinesfalls einen zu optimistischen oder unrealistischen Blick durch eine rosarote Brille. Sie ist vielmehr die Farbe der Liebe und der Zärtlichkeit, die Farbe des jungen, neuen Lebens, das – einem Fötus gleich – im Entstehen begriffen ist.

Im oberen Bereich der Aureole deuten zwei kleinere Ovale die Köpfe von zwei Menschen an. Ihre Körper lassen sich in den mit ihnen verbundenen Linien und Schattierungen erahnen. Links eine größere Gestalt, sitzend vielleicht, mit ausgebreiteten Armen, rechts eine kleinere Gestalt, der linken zugewandt. Sie lassen an einen Vater oder eine Mutter mit ihrem Kind denken. Beide sind einander zugeneigt und bilden im intensiven Austausch eine von Liebe getragene Einheit. Sie versinnbildlichen in abstrahiert menschlicher Form die Einheit der Zweiheit, die Versöhnung der Gegensätze, die Geborgenheit im Einen oder auch das Geheimnis der Trinität.

Im österlich erschlossenen Lebensraum kann so Gott-Vater gesehen werden, der seinen Sohn nach dem irdischen Leben und Sterben mit offenen Armen im ewigen Leben empfängt. In der kleineren Gestalt dürfen wir aber auch uns selbst als Kinder Gottes erkennen, die wir einst von Ihm ins Allerheiligste aufgenommen werden und sein göttliches Erbarmen, seine grenzenlose Liebe in unmittelbarer Nähe erfahren.

 

Dieses und weitere Kunstwerke von Anneli Schwager sind bis Ende 2022 in der Ausstellung “Für die Welt” in der Ev. Patmos-Gemeinde an der Gritznerstraße 18/20 in 12163 Berlin im Original zu sehen.
Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Ostermorgen – Zwischen Mythos und Logos

Suchend streift der Blick über das großformatige Bild und versucht einen Zusammenhang bzw. den roten Faden in der Fülle an Motiven zu finden. Noch herrscht wie vor der Erschaffung der Welt Chaos auf dem Bild. In dem scheinbar ungeordneten Durcheinander tut sich der suchende Geist schwer, das Ganze zu verstehen. Es ist nur ein schrittweises Herantasten möglich, bis nach und nach Erkenntnis und Verstehen geschenkt wird. Die Eindrücke sind überwältigend und schwer zu entschlüsseln. Innehalten ist angesagt vor dem Geschehen in dieser komplexen Bildwelt. Geschieht hier nicht etwas noch nie Dagewesenes, etwas, das alles Bekannte über den Haufen wirft und sich neu buchstabiert: Die Auferstehung von den Toten? Es ist ein Ringen um „Worte“, die Darstellung des Nicht-Darstellbaren. Es ist nicht die siegreiche Auferstehung wie im Isenheimer Altar von Matthias Grünewald oder das triumphale händelsche Halleluja. Es ist vielmehr ein verwundertes Sich-die-Augen-Reiben nach den erschütternden Ereignissen der Karwoche, eine Revolution im Verborgenen, wie der Totgeglaubte zwischen den Beinen des erblindeten Todes aus der Höhle heraustransportiert wird, mit den Füssen voraus in den Tag hineingetragen wird von einem Widder.

Die Bildmitte nimmt eine hohe, weiße Gestalt ein. Als unumstößliche Dreiecksfigur dominiert sie das Bild und teilt es in eine linke und eine rechte Hälfte, bzw. in drei Teile. Am einäugigen Riesen mit drei Armen ist kein Vorbeikommen. Seine Größe weist darauf hin, dass sich durch ihn alles entscheidet. Seine Gehrichtung gibt maßgeblich die ungewohnte Blick- und Leserichtung von rechts nach links vor. Hat der Künstler einen Weg zurück gemalt, einen Weg zurück ins Leben? Kann es sein, dass in den drei Bildteilen die Geschehnisse der drei österlichen Tage dargestellt sind? Karfreitag, Karsamstag und Ostern?

Beginnend im rechten Bildteil lässt sich der rote Hahn erkennen, der mit seinem Schrei Petrus seine dreimalige Verleugnung Jesu schmerzhaft zum Bewusstsein bringt. Die Frau daneben ist die Magd, die nach Jesu Verhaftung zu Petrus sagt: „Der war auch mit ihm zusammen.” (LK 22,56) Im grünen Gesicht unter dem Hahn ist Petrus selbst als gebrochene Säule dargestellt. In der ganzen Bestürzung über seinen Verrat wird ihm bewusst, dass seine Kraft nicht ausreicht, um das Gebäude zusammenzuhalten. Gleichsam stellvertretend schreit der rote Kopf seinen Schmerz hinaus (Bild-Impuls dazu). In der Zusammenschau steht dieses rechte Drittel des Bildes somit für den Verfall, den Verrat, für das ganze Leiden der Kreatur, für die Welt des Todes.

Aber im Zentrum des rechten Drittels dominiert ein großes grünes Gesicht das Bild. Es ist das Antlitz des Menschensohnes, der im Grab liegt. Erstaunlich sind seine großen offenen Augen und sein unter dem Widder langgesteckter Körper. Erich Schickling verbindet seine Gestalt mit einer Erzählung aus der griechischen Mythologie: Odysseus hatte mit zwölf seiner Gefährten in der Höhle des Zyklopen Polyphem Zuflucht gesucht. Doch nachdem dieser seine Schafe hineingetrieben hatte, verschloss er die Höhle mit einem großen Stein und begann einen Gefährten nach dem anderen zu fressen. So wurde er zum Inbild des Ungeheuers und des Todes. Um Polyphem zu entkommen, griff Odysseus zu einer List, wodurch es ihm gelang, diesen mit einem glühenden Pfeil in sein einziges Auge derart zu blenden, dass Odysseus und seine restlichen Gefährten am nächsten Morgen, als die Tiere hinausgetrieben wurden – sich am Bauch der Schafe festklammernd – ungesehen aus der Höhle des Todes entkommen konnten.

Bei Schickling ist es ein männliches Tier, welches die große, fast das ganze Bildformat querende, brettartig versteifte Gestalt unten am Riesen vorbei auf die andere Seite trägt. Ein Bild für Gott-Vater, an dem sich Jesus festklammert und von dem er aus dem Reich des Todes gerettet wird? Oder eine Erinnerung an Isaak, den einzigen Sohn Abrahams, der durch Gottes Eingreifen vom Tode verschont blieb und an dessen Stelle ein Widder geopfert wurde (Gen 22,1-19)? Gleichzeitig wird Jesus vom blauen Wasser des Lebens aus der Dunkelheit ins Licht gespült und auf der anderen Seite von den ersten Strahlen des Ostermorgens ans Licht gezogen. Alles geschieht im Verborgenen und endet offenbart. Es ist nicht der Kopf als Sitz des Verstandes, der dieses Wunder zuerst begreift. Mit den Füßen voran wird die Welt des Todes überwunden. Sie werden schon vom lichten Glanz der Ostersonne überstrahlt, welche mit ihrer Intensität die linke Bildseite dominiert.

Die Ostersonne als Symbol für den Morgen, die Auferstehung und das Offenbarte korrespondiert mit einem dunklen, geheimnisvollen Rund darüber. Es könnte als Symbol für die uns unbekannte Seite Gottes stehen, für die Nacht, den Traum, den verborgenen Gott, von dem wir nichts wissen. Dennoch ist dieses Rund nicht vollkommen dunkel und schwarz, sondern in seinem Innern rot, blau und grün belebt, den Symbolfarben für seine Liebe, Treue und die Hoffnung. Für den Künstler mag diese geheimnisvolle Dunkelheit auch für den Traum als Ursprung der Kreativität gestanden haben, denn als drittes Symbol des Ostermorgens springt aus dieser Dunkelheit rechts daneben ein geflügeltes Pferd vom Himmel und fordert Polyphem zum Kampf heraus. „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab als harter Krieger mitten in das Land des Verderbens.“ (Weish 18,14-15) Das springende Ross ist das göttliche Wort, der Logos. Polyphem wehrt es ab, wird dadurch aber von seiner Suche nach Odysseus abgelenkt.

Mit seinem Ostermorgen formuliert Erich Schickling einen Gegenentwurf und eine Antwort auf Picassos berühmtes Monumentalbild „Guernica“, das er in Erinnerung an den Terrorangriff des 26. April 1937 auf die spanische Stadt Guernica malte und in dem sich das durch Gewalt, Terror und Krieg verursachte Leid im vielfachen Aufschrei von Schmerz, Verzweiflung, Not und Tod verdichtet. Schickling verwendete den gleichen Bildaufbau und ähnliche Bildelemente, so dass in einer Fülle von Details ein direkter Bezug gegeben ist und eine bildliche Antwort auf die Frage: Gibt es etwas, worauf man hoffen darf angesichts von Leid und Tod?

Doch während bei Picasso der Aufschrei der vielen unerhört verhallt, die Gewalt und das himmelschreiende Unrecht das letzte Wort haben und – bis auf die zarte Blume als Symbol für die Regeneration der Natur – alles trost- und hoffnungslos ist, lebt Erich Schicklings Bild vom Glauben und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. In Jesu Schrei hört Gott das verdichtete Leiden eines jeden Menschen und der ganzen Menschheit. Als Gottesknecht und „-krieger“ ist Jesus für alle gestorben. Durch Jesu Auferweckung von den Toten hat er den Tod besiegt und alle Menschen, die daran glauben, aus dessen Gefangenschaft befreit. Das Licht der aufgehenden Sonne und die Kraft des herabspringenden Pferdes, des Wortes, erfüllen die ganze Schöpfung mit Hoffnung und Leben. Das weiße Licht verwandelt selbst die furchteinflößende Gestalt des Polyphem, den Angst verbreitenden Tod in einen Diener Gottes (vgl. 1. Kor 15,55).

Gott hat das letzte Wort. Darauf weisen auch die Omega-Zeichen auf dem Widder hin: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.“ (Offb 1,8)

Befreiung zum Leben

Jedem der drei heiligen Tage ist im Triptychon ein Bild gewidmet: Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Farblich sticht durch die rötlich-braune Farbe das mittlere Bild heraus, von der Form her ist das Kreuz am besten zu fassen, während das Osterbild je nach Sichtweise Unterschiedliches zu sehen ermöglicht.

Die hellen, gleichlangen Balken verweisen als Kreuzzeichen auf den Tod Jesu, weshalb dieses Bild dem Karfreitag zugeordnet werden kann. Das Kreuz wirkt wie eine Klammer über dem breiten Rahmen, wie ein Gitter vor einer Fensteröffnung, um etwas Dahinterliegendes zu versperren. So sehr das Kreuz im Vordergrund steht, führt der Blick daran vorbei in die Tiefe, in eine mit lichten Punkten durchsetzte Finsternis. Das Lichtermeer in der Nacht erinnert an das stille Totengedenken auf Friedhöfen, bei denen allein die Kerzenlichter bis zum Verlöschen bei den verstorbenen Lieben ausharren.

Doch das Kreuz selbst trägt im „Brustbereich“ oder im Herzen das Leiden und den Schmerz, den Tod und die Einsamkeit. So erhält seine Gestalt menschliche Züge, bei der die Arme weit ausgebreitet sind – wie um alle Menschen aufzufangen und vor dem Verderben zu retten. Auch die weißliche Farbe des Kreuzes kann in diese Richtung gedeutet werden: Jesus ist der, „der heilig ist, frei vom Bösen, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel.“ „Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten.“ (Hebr 7,26.25) Das helle Kreuz macht deutlich: Jesus ist „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29).

Das Starre, Recht-Eckige, Unflexible und Unbewegliche findet sich auch im zentralen Bild. Die engmaschige Gitterstruktur der schwarzen Linien erinnert an ein dorniges Heckendickicht. Doch im Durchblick auf das rötliche Licht ist Verwandlung spürbar. Dunkel ist bereits die schalenförmige Grundstruktur des Auferstehungsbildes angedeutet, aber sie gleicht mehr einem von Erkenntnis erschrockenen und darunter leidenden Kopf. Inferno und Fegefeuer können in diesem Bild gesehen werden, aber auch eine Transformation zu etwas Neuem. Oder ein alle Verstorbenen vertretendes Gesicht, das als Seele darauf hofft, bei Gott Erbarmen zu finden und von Jesus beim Hinabsteigen zu den Toten gerettet zu werden.

Das dritte Bild nimmt die weiß-braunen Farben des linken Bildes auf und ordnet sie neu. Gott läutert und wandelt das Bestehende in der glühenden Kraft seiner Liebe zu einem befreiten, ungebundenen Leben, das allein aus der Liebe heraus handelt. Es gibt nicht mehr verschiedene Ebenen, sondern nur noch die Gegenwart der Auferstehung. Formal wird das durch die freien und lebendigen Formen zum Ausdruck  gebracht, inhaltlich durch die Heimkehr zu Gott, der Begegnung mit IHM, seiner Umarmung und der dadurch erfahrenen Geborgenheit (vgl. Lk 15,24). Die schwungvollen Formen machen zudem deutlich, dass die Auferstehung ein lebendiger Prozess des Erkennens und Wahrnehmens ist, in dem die neue Wirklichkeit Gottes in unserem Leben erst nach und nach sichtbar wird. So ähnlich wie bei den Emmausjüngern (vgl. Lk 24,13-35), die ebenfalls in diesem Bild gesehen werden können.

Die Zusammenschau aller drei Bilder tut gut und ermöglicht ein Ausloten und Finden des eigenen Standpunktes. Das Triptychon zeigt in Leserichtung einen befreienden Entwicklungsprozess auf: Das stellvertretende Opfer Jesu und seine Auferstehung befreien zu einer erneuerten Beziehung zu Gott, die Kraft und Mut gibt, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv und kreativ den Aufgaben unserer Zeit zu stellen.

Es werde Licht

Aufstehen können, sich bewegen dürfen, frei sein – diese Ostertage lassen uns erleben, wie fragil unsere sonst scheinbar so selbstverständlichen Alltagsgeschenke sind. Wie kann ich das Lähmende all der beängstigenden und traurigen Nachrichten überwinden und mein Leben und das anderer Menschen verändern? Wie kann wieder neues Leben entstehen, wie kann es weitergehen?

Tom Kristen gelingt es in seinem Entwurf für ein Altarbild, die große Botschaft von Ostern mitten hinein in unseren Alltag zu setzen. Auferstehung: Wie soll ein Moment dargestellt werden, der unsere menschliche Vorstellungskraft komplett überfordert und der nur geglaubt werden kann?

Der in Straubing aufgewachsene Künstler schöpft aus einer Kindheitserinnerung: „Ich war krank und hatte nach mehreren Fiebertagen eine Grippe überstanden. und ein langer Schlaf brachte wohl die Lebensgeister zurück. Meine Mutter ging durch das dunkle Zimmer zum Fenster und öffnete den Vorhang. Licht flutete ins Zimmer und durch das geöffnete Fenster flossen Geräusche und Gerüche.“

Die einfache Geste weckt heilsame Assoziationen. Aus dem abgeschlossenen Raum tut sich eine neue helle Aussicht auf, der Ausblick in einen lebensvollen Morgen. Die Schwäche kann überwunden werden mit der Kraft des Neubeginns. Die achtsame Fürsorge eines liebenden Menschen stärkt uns, der eigenen Lebendigkeit zu vertrauen.

Tom Kristen gestaltet vor diesem Hintergrund eine ganz eigene Darstellung der Auferstehung. Es ist Christus selbst, der den Vorhang und damit eine neue Perspektive aufmacht. Das Wechselspiel zwischen Verbergen und Zeigen, Verhüllen und Enthüllen ist ein frühes und bedeutendes Motiv der christlichen Kunst  wie des kirchlichen Brauchtums. Damit das Wesentliche sichtbar wird, wurde am fünften Fastensonntag das Kreuz bis zum Ende der Karfreitagsliturgie verhüllt.

Der Künstler stellt in der weiten Geste des Öffnens Jesus dar als aufrecht stehenden „Christus Triumphans“, als den Gottessohn, der den Tod besiegt hat. Die ausgebreiteten Arme erinnern an das überwundene Kreuz. Ein hoch am Bildrand aufragender Baum deutet symbolisch noch den Kreuzesstamm an. Das abgefallene, auf dem Boden verstreute winterfahle Laub im Gegenüber zur verlassenen Ruhestätte des Schlafes zeugt vom Werden und Vergehen im ewigen Kreislauf der Natur.

Vor dem Fenster zeigt sich flächig aufgetragenes zartes Frühlings- und kräftiges Bergesgrün als Hoffnung auf neues Wachstum. Das christliche Osterfest ist in seinem Sinngehalt eingebettet in das Naturgeschehen im Jahreslauf, in den Rhythmus des Lebens. Die Wiederkehr der Vegetation, das Wiederaufsprießen des Korns, nachdem es in der Erde starb, erfüllt nicht nur die Sehnsucht des Menschen nach dem leuchtenden Aufblühen der Schöpfung, sondern ist existenziell. Doch Ostern erschöpft sich nicht in einer allegorischen Darstellung der Jahreszeiten. Der Sohn stirbt am Kreuz für einen Neuanfang der Menschen mit Gott. Christus verspricht als „Licht der Welt“ (Joh 8,12) eine lebensrettende Orientierung für alle zu sein, die ihm nachfolgen.

Christus selbst ist es, der im Auferstehungsbild von Tom Kristen das Licht herein lässt, die Dunkelheit vertreibt. “Ex oriente lux”, aus dem Osten kommt das Licht: Die Ausstrahlung des Auferstehungsortes Jesu bietet Christen eine neue Orientierung, wörtlich abgeleitet von „Orient“, die Richtung, wo die Sonne aufgeht. Mit Jesus ist eine neue Sonne aufgegangen, die ihre Strahlen in unseren Alltag schickt und Erstarrtes aufbrechen lässt.

Ostern lädt ein, diesen Aufbruch zu wagen, jeden Tag neu. Jesus macht dazu Mut: “Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben” (Joh 10,10). Eine Fülle, die nicht immer mehr vom Selben bedeutet, sondern sich in jedem Moment zeigt, in dem wir neu aufstehen, für uns, für den Nächsten, in dem wir an das Leben glauben – in seiner ganzen Weite von Schmerz und Trauer, Freude und Liebe.

voll Kommen

Licht durchdringt die Mitte eines dicht gebundenen Astkranzes, der von seiner Erdenschwere befreit im Bildraum schwebt. Immaterielles begegnet Materiellem, das Unfassbare dem Fassbaren.

Von hinten unten überstrahlt das Licht den oberen Teil des Kranzes und löst ihn partiell auf. In der unteren Hälfte geschieht das Entmaterialisieren durch Absprengen von kleinen Astteilen oder Dornen. Das Licht nimmt dem Kranz die einengende Kraft, überwältigt ihn loszulassen und aus der Starre in die Bewegung zu gehen.

Durch das aufstrahlende und überstrahlende Licht von hinten wird der Dornenkranz zu einem Fenster in die Ewigkeit, einem Durchbruch, einem Durchgang für die Begegnung mit Gott.

Der geflochtene Kranz erinnert mit seinen spitzen Enden an die Dornenkrone Jesu und das damit verbundene Leiden. Der Kranz vermag darüber hinaus Symbol für das irdische Leben mit seinem Wachstum zu sein. Zum einen waren die Äste einmal Teil aufstrebender und blühender Pflanzen, die dann geschnitten und in eine neue Form gezwungen worden sind. Zum anderen steht das Kranzgeflecht für das Wiederkehrende in unserem Leben, das sich Jahreskreis um Jahreskreis zu einem festeren Gebilde fügt.

Hier, mitten drin, leuchtet nun dieses neue Licht auf, das fähig ist, das oft dornige und festgefahrene Leben in eine neue Dimension zu überführen. Nicht von vorne, sondern von hinten, aus dem Verborgenen heraus, von der Schattenseite her. Es kommt von außerhalb, und doch von innen her. Was für eine Botschaft: Das österliche Licht strahlt mitten in unserem Leben auf, es verwandelt uns von innen. Von unseren inneren Freiräumen her schenkt uns Gott Erlösung von allem Bindenden, die Gnade, ganz zu Ihm zu kommen und in der vollkommenen, allumfassenden Gemeinschaft mit ihm zu leben.

Österliche Kraft

Explosiv verbreitet sich die lichte Energie von der Mitte ausgehend über das Bild. Von innen her bekleidet dieses strahlende Licht die ganze Bildfläche. Seine Mitte liegt hinter einem kleinen gelben Rechteck, das von einem Kreuz gezeichnet ist. Das Kreuz ist noch zentral da, aber es hat seine Macht verloren.

Denn hinter diesem gelben Rechteck ereignet sich eine unaufhörliche Lichtexplosion, die zwei rechteckige Formen überstrahlt. Der innere Rahmen ist gelb und eher quadratisch, der äußere Rahmen schwarz und gleicht von den Dimensionen her einer Tür. Es ist, als wolle die starke Lichterscheinung alles Bisherige und Dagewesene sprengen und neue Dimensionen eröffnen.

Eine erste Auswirkung ist in der unteren Bildhälfte zu beobachten. Schwarze Dunkelheit ist förmlich an den Rand gedrängt worden. Das Licht hat sich tief in den Bereich aller lebensbedrohenden Machenschaften (Dornen links und rechts) und auch des Todes (schwarzes Kreuz) eingesenkt, um alle zu erleuchten, die im Schatten des Todes verloren sind.

Auf eine moderne Weise bringt der Künstler das Hinabsteigen Jesu in das Reich des Todes und seine Auferweckung durch eine lichte Kraft zum Ausdruck, die alles verändert. So heißt es im Osterlob des „Exsultet“ zu Beginn der Osternachtfeier: „Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg. […] Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude.“

Durch die Auferstehung Jesu ist zudem eine Tür in die Ewigkeit geöffnet worden. Es kommt nicht nur Licht in unsere Welt hinein, sondern es wird auch offenbar, dass es nach dem irdischen Tod lichtvoll weitergeht. Endete das Leben bislang mit dem Tod, so ist das irdische Leben seit Jesu Auferstehung bereits der erste Teil eines unfassbar längeren Lebens in der Gemeinschaft mit Gott.

Sehr schön wird das in einem österlichen Kirchenlied (GL 337) besungen:
4. „Die Seite, die geöffnet war, / freu dich und singe, / zeigt sich als Himmelspforte dar, Halleluja. Sing fröhlich Halleluja!
5. O Christ, nun feste Hoffnung hab, freu dich …
    auch du wirst gehn aus deinem Grab. Halleluja! Sing fröhlich …
7. So wirst zum Leben du erstehn, / freu dich …
    und deinen Heiland ewig sehn, Halleluja. Sing fröhlich Halleluja.

Als Zeichen der Liebe und des Dankes scheint jemand die rote Rose oben an den Lichtkranz „geheftet“ zu haben. Es ist, als wolle sie sagen, dass die Liebe stärker als der Tod ist, weil Gott selbst Liebe ist und darin den Tod überwunden hat.

ER reißt die Welt empor

Immer wieder lodern Diskussionen auf, ob das christliche Symbol des Kreuzes in öffentlichen Räumen präsent sein soll beziehungsweise sein darf? Vor allem Kreuze mit Kruzifixus, also mit einer Darstellung des Leibes Christi am Kreuz, stehen im Verdacht, Leid und Gewalt zu verherrlichen. Der Kärntner Künstler Werner Hofmeister hat sich mit einer neuen Arbeit wieder einmal diesem großen Thema gestellt.

Hofmeister hat die Kopie eines Christuskorpus aus dem 17. Jahrhundert – das Original aus der Pfarrkirche Maria Hilf in Ebenthal ist in der Schatzkammer Gurk zu bestaunen – mit einer Zugabe ergänzt, wie es für sein Werk typisch ist. Die nach oben gestreckten Arme sind nicht mehr an einem Kreuz fixiert. Die durchbohrten Hände halten eine Stange, an deren Enden jeweils in einer mandelförmigen Gloriole ein Buchstabe zu sehen ist: auf der einen Seite ein A, auf der anderen ein O. Der erste und der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet, gemeint sind hier wohl Anfang und Ende der Welt. Gleich schweren Gewichten sie werden von Christus gehalten und in die Höhe gestemmt. Die Verbindungsstange, der zeitliche Ablauf alles Irdischen, bildet den Querbalken eines imaginären Kreuzes. Diese Horizontale steht für die weltbezogene Ausrichtung des geheimnisvollen Geschehens am Kreuz. Die vertikale Verbindung von unten und oben, von Erde (Unterwelt) und Himmel, ist hier nicht ein in die Erde gerammter Pfahl, sondern der Corpus Christi selbst. Jesus Christus verbindet Himmel und Erde, er ist „der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen“, wie im 1. Brief an Timotheus zu lesen ist.

In seiner ursprünglichen Form ist dieser Christuskorpus eine Momentaufnahme der Todesstunde Jesu. Sein Haupt ist nach unten geneigt, seine Seite mit der Lanze durchbohrt, deutlich zu sehen sind auch die Drei-Nagel-Wunden. In seiner Be- und Überarbeitung legt der Künstler nun dem Gekreuzigten die ganze Welt in seine Hände. Er zeigt, dass der Tod Jesu am Kreuz nicht das Ende von allem ist, sondern der Beginn der Rettung von allem aus der Macht des Todes.

Jesus der Retter reißt die Welt empor
Im Johannesevangelium lesen wir von der Anziehungskraft des am Kreuz Erhöhten, zu dem wir emporblicken. Und im Credo beten und bekennen Christen: „ … gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, …“  Die heilsame Aktionsfolge der Heiligen Drei Tage, diese Ab- und Aufwärtsbewegung ist auch in Hofmeisters Arbeit gut zu erkennen. Das Werk heißt bezeichnenderweise „ER-reißt-die-Welt-empor“ und weckt assoziativ Erinnerungen an Darstellungen christlicher Kunst, wo Jesus Christus Adam und Eva, also die Menschheit überhaupt, an den Händen fasst und aus dem Reich der Dunkelheit und des Todes herausreißt und emporhebt in die neue Dimension des ewigen Lebens bei Gott. Jesus Christus wird mit vielen Namen angesprochen und verehrt. Er ist ein Freund, Heiland und Arzt, Retter und Erlöser, er ist auch einer, der uns Menschen herausreißt aus den Bedrängnissen und Notlagen des Lebens.

Der Sieg des Lebens über den Tod
Diese neue Arbeit von Werner Hofmeister, die im goldenen Licht der Auferstehung glänzt, ist ein österlicher Blick auf das Kreuz und eine Hoffnungsbotschaft an die Betrachter. „Tod, wo ist dein Sieg? / Tod, wo ist dein Stachel?“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief. Das Ostergeschehen von Tod und Auferstehung verwandelt das dürre Holz des Kreuzes in einen Lebensbaum. Frühe christliche Kreuzesdarstellungen, wie z. B. das bekannte große Lebensbaum-Kreuz in der römischen Kirche San Clemente, stellen den österlichen Sieg des Lebens über den Tod beeindruckend dar. Aus dem toten Holz des Kreuzes ist ein blühender und Früchte tragender Lebensbaum geworden.

„ER-reißt-die-Welt-empor“ von Werner Hofmeister ist eine beeindruckende zeitgenössische Kreuzesdarstellung, die zugleich den Tod Jesu am Karfreitag und den endgültigen Tod seines Todes am Osterfest zum Ausdruck bringt. Das Marterholz wird zum Siegeszeichen. Der leblos Hängende wird zum kraftvoll Stehenden, zum Hoffnungsträger der ganzen Welt von A bis Z.

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Erstveröffentlichung am 30.03.2018 auf der Website der Internetredaktion der Diözese Gurk. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Osterfreude

Warme Farben in sanften Gelb- und Rottönen sowie geschwungene graue Linien bewegen dieses Bild. Bis auf die graue Kreisform lässt sich aus dem Kunstwerk nichts Konkretes oder Bestimmtes aus unserer visuellen Erfahrungswelt herauslesen. Doch dieser eine Kreis gibt dem Bild eine Mitte. Und  er vermag mit seiner nach innen scharf abgegrenzten, aber nach außen sich weitenden endlosen Form dezent auf Gott hinzuweisen als Ursprung und Mitte der ganzen Schöpfung. Die geschwungenen grauen Linien stehen durch die gleiche Farbe mit dem Kreis in Verbindung. Sie gehen gleichsam von ihm aus und beleben mit ihren freien Formen das Umfeld. In schwereloser Leichtigkeit schweben, ja tanzen sie über dem Farbgrund, der seinerseits mal intensiver, mal schwächer mit seinen wechselnden gelben und rötlichen Farbtönen eine Art Reigen bildet.

Auf diese Weise vermittelt das Bild Licht und Leben, bewegte Freude und entfesselte Freiheit, die gut zu Ostern passen. Gott Vater hat seinen Sohn aus den Fesseln des Todes befreit und zum ewigen Leben erweckt. Durch ihn hat die Schöpfung einen Neuanfang mit viel Potential erhalten. Dieses lichtvolle Neue ist im Bild zu sehen und verweist auf die Größe und Herrlichkeit Gottes. Das Schauen dieser Vision mit Gott im Zentrum tun dem Auge und dem Herz einfach gut. Sie lassen vielleicht auch an die Worte aus der Offenbarung 21,1-5a denken:

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.
Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.
Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.
Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

 

Von diesem Bild ist eine Klappkarte beim Künstler erhältlich, innen weiß und beschreibbar, Postkartenkarton 290 g, hohe Steifigkeit, L 148 x H 105 mm, Querformat geklappt. Bei Abnahme von 50 Stück kostet die Karte je 1.50 EUR, bei 100 Karten kostet das Stück 1,- EUR zzgl. Versand.

Kreuzüberwinder

In einer kräftigen Bewegung erhebt sich die Lichtgestalt nach oben. Ihre weiße, luftige Darstellung bildet einen starken Gegenpol zum schweren Schwarz am unteren Bildrand. Die Bild-Botschaft ist eindeutig: der vom Tod befreite Mensch wird von seinem Erlöser in den Himmel aufgenommen. Der Tod hat seine Macht verloren, den Menschen in dunkler Gottesferne festzuhalten.

Die aufstrebende Bewegung wird durch den Hintergrund und die beiden zentralen Kreuzzeichen unterstützt. Denn auch die Farbabstufung führt von unten nach oben ins Licht. Von Schwarz über Lila und einen Streifen Orange führen die Farbschichten zu warmem Rot, das ganz oben ins Gelb übergeht. Letzteres bringt in seinem freien Auftrag im Gegensatz zu den festen Konturen des Schwarz kontrastreich die Befreiung von allen Gebundenheiten zum Ausdruck. Die leichten Bogenformen der Farbübergänge lassen zudem weit außerhalb des Bildes eine unsichtbare Mitte erahnen, zu der die Gestalt in der Mitte aufsteigt.

Diese weiße Gestalt bildet wie eingangs erwähnt den Höhepunkt eines zentralen Geschehens, das seinen Ausgangspunkt im quadratischen Block hat, der in den schwarzen Grund eingesenkt ist. Wie ein sich weitender Lichtstrahl bricht aus diesem Fels das Leben hervor und strebt zu seinem Ursprung, zu seiner Kraftquelle zurück.

Ein mit Blut getränktes Kreuzzeichen durchkreuzt die Machenschaften des Todes und entmachtet ihn und seinen Wirkungsort. Durch die Auferstehung wird das Kreuz zu einem hellen Heilszeichen, wandelt sich das Durchkreuzende zum Pluszeichen mit Mehrwert. Der Tod wird den Menschen nicht mehr im Grab festhalten können, es wird keinen ewigen Tod mehr geben, vielmehr dürfen wir auf Auferstehung hoffen, auf ein entgrenztes, freies Leben bei Gott.

Das weiße Kreuz ist zudem Mittelpunkt und Auslöser einer kreisförmigen Bewegung. Sie lässt an die Schallwellen eines Erdbebens denken, an einen Stein, der ins Wasser fällt und an der Oberfläche Kreise zieht oder auch an eine Botschaft, die in alle Welt getragen wird. So wie das überwältigende Wort von der Auferstehung von den Toten. Das Wort von der unverbrüchlichen Liebe Gottes, die seinen Sohn und seine Kinder durch den irdischen Tod hindurch ins ewige Leben begleitet.

Osterkreuz

Das Vortragekreuz von Peter Sandhaus bedient sich einer modernen Herstellungstechnik […]: Das Kreuz ist mit einem 3-D-Drucker hergestellt und besteht aus Kunststoff, der in einem aufwendigen chemischen Verfahren vergoldet wird und dem Kreuz eine weithin sichtbare Ausstrahlung verleiht. Die Zeitgenossenschaft unterstreicht der Künstler noch dadurch, dass sich das Jahr des Wettbewerbs niederschlägt in 2015 individuell verschiedenen kleinen Kreuzen, die zu einem Netzwerk verbunden sind. Das so entstandene kreuzförmige Netz hat anthropomorphe Züge, erinnert an einen abstrakten menschlichen Torso und weckt die Assoziation an ein Kruzifix. In dieser Formgestalt fallen Kruzifix und Kreuz in eins. Die vier Enden des Kreuzes sind dabei offen gestaltet und lassen eine gedankliche Fortsetzung der Kreuzform zu, die ins Unendliche ausgreift. Durch die netzartige Struktur interagiert das Objekt mit dem jeweiligen Hintergrund, der durch das Kreuz hindurchscheint. Damit wird das Kreuz integraler Bestandteil seiner Umgebung. Der Hinweis auf die kleinteilige Zusammensetzung des einen Kreuzes berührt auch die theologische Vorstellung von der Kirche als dem Leib Christi (vgl. Kol 1,18), der wiederum aus vielen Gliedern besteht (vgl. 1 Kor 12,12ff). So wird das Kreuz auch zu einem Symbol der gesamten Gemeinde, für die es gemacht ist. Schließlich ist die Leichtigkeit des Kreuzes, die dem Material geschuldet ist, zu betonen (ca. 1,2 kg): Es lässt sich außerordentlich gut bei Prozessionen verwenden. Damit eröffnet sich auch eine theologische Interpretation, die das Kreuz nicht als drückendes Joch versteht, sondern als leichte Last (vgl. Mt 11,29f).

Der Text stammt mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Katalog “ars liturgica – Gestaltung eines Vortragekreuzes” (S. 38). Mit dieser Arbeit gewann Peter Sandhaus 2016 den 1. Preis im Wettbewerb. Der Katalog kann beim Liturgischen Institut in Trier zum Preis von 8 Euro zzgl. Versandkosten bezogen werden.

Neu sehen lernen

Sicher haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass Sie Menschen, Landschaften oder Dinge, die Ihnen durchaus vertraut sind, eines Tages wie mit neuen Augen gesehen haben. Auch Ostern verändert unsere Sicht auf das Leben und damit unsere Lebensweise selbst. Die Tatsache, dass Gott durch Jesu Auferweckung von den Toten sein und unser Leben neu geschaffen hat, verändert unsere Wahrnehmung. Von nun an sehen wir alles in einem neuen Licht, mit einem neuen Verständnis. Es ist ein Sehen und Verstehen aus einem Geist und Glauben heraus, die alles verändern: Der Tote lebt, der Liegende geht herum, der Gekreuzigte ist frei, der Gedemütigte und Erniedrigte ist im Himmel erhöht und erhält den Platz zur Rechten Gottes.

Das Bild verkörpert dieses neue Sehen der veränderten Wirklichkeit. In den gelben Farben sind aufgelöste Körperstrukturen wahrnehmbar. Am deutlichsten ist ein gelber Kreis sichtbar, der einen Kopf oder eine Sonne andeuten kann. Letztere ist ja auch ein Symbol für den Auferstehenden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Gestalt im Bild mehr einer Lichterscheinung als einem leibhaftigen Menschen gleicht. Denn darum geht es: Um das Spüren, dass Jesus nach seiner Auferstehung in neuer Gestalt, mit einer Präsenz, die nicht festzuhalten ist – wie bei Maria aus Magdala – mitten unter uns gegenwärtig ist. Eine geistige Gegenwart, die künstlerisch am besten mit Licht ausgedrückt werden kann.

Lichtblitze bilden also die neue Gestalt des Auferstandenen, der von einem blauen rechteckigen Wolkenband umgeben ist, als würde er darauf in den Himmel auffahren oder schon in den Himmel eingegangen sein. Je nach Proportion wecken die zackigen Striche Assoziationen an die Krippe Jesu und das weihnachtliche Aufleuchten des göttlichen Lichtes in der Dunkelheit dieser Welt. Mit der Auferstehung von den Toten wird hier der Übergang zum ewigen Leben verbildlicht, die Fortsetzung des bereits in der Taufe anlegten neuen Lebens. Auf jeden Fall ist der Auferstehende ein in den Himmel Eingehender und von nun an dort Wohnender. Ein im Himmel Geborgener. Dies ganz im Sinne von Gerettetem und eine neue Heimat Erfahrenden.

Im Licht von Ostern erfahren wir Gläubigen etwas von dieser Glaubenswahrheit. Das Leiden und der Schmerz, der Abschied und der Tod haben nicht das letzte Wort. Es geht weiter! Er-weitert, größer, wunderbarer als wir es uns vorstellen können. Im Glauben erhalten wir eine Vorahnung dessen, was uns einst erwarten wird. Die Osterzeit ist das Einüben in das Sehen dieses neuen Lebens, das der Auferstandene ausgelöst hat. Die Osterzeit ist die Einübung in das Leben mit und in dieser neuen Lebenswirklichkeit.

In der Herzgegend des Auferstandenen ist eine Verdichtung festzustellen. Will sie auf das Herz hinweisen? – Dass man nur mit dem Herzen gut sieht? – Dass das dem Auge Verborgene dem sichtbar wird, dem geschenkt wurde, in der Liebe und der Freude Gottes zu sehen?

Auferstehende

Goldbraun wendet sich die angewinkelte Figur dem Betrachter zu. Ihre Gestalt scheint nur mit den Fingern bearbeitet, bzw. aus dem Ton herausgearbeitet. So ist wohl eine Menschenähnlichkeit entstanden, aber in Ermangelung von Details eine eindeutige Zuordnung unmöglich.

Dennoch lässt sich im Vergleich zu uns Bekanntem andeutungsweise von einem Menschen sprechen. Allerdings wirkt die Figur dann unförmig, ungelenk, unfertig. Auch ihre angewinkelte, halb gebeugte, ein Stück weit auch verdrehte Erscheinung entspricht nicht unserem Schönheitsideal. Sie erinnert – genauso wie ihre Beschaffenheit aus Ton – vielmehr an unsere Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit.

Nur der goldene Glanz, der die goldbraune Glasur überall durchdringt und die Gestalt gleichsam in ein festliches Gewand kleidet, bringt eine andere Wirklichkeit ins Gespräch und bewegt, die Gestalt mit anderen Augen zu betrachten. Denn der Kontrast könnte nicht größer sein: das Erbärmliche wird durch das Erhabene bedeckt und in eine andere Sphäre erhoben.

Damit ist diese nur grob gestaltete Figur auf besondere Weise vollendet worden. Sie befindet sich mitten in der Bewegung des Aufrichtens und Drehens. Im Dazwischen: dem Tod entrissen bereits stehend, am Oberkörper aber noch vom waagrechten Liegen gezeichnet; auf eigenen Beinen und doch noch das Gleichgewicht suchend; materiell noch im Hier, aber vergeistigt nicht mehr hier gebunden.

So könnte die angewinkelte oder gebeugte Haltung auch als Schwingen oder Tanzen gedeutet werden. Als Ausdruck der Freude: Der Herr hat sich meiner erbarmt, mich gerettet, mich aus der irdischen Endlichkeit in seine himmlische Unendlichkeit geholt! Und sie könnte bei demjenigen, der es am eigenen Leib erfährt wie beim Betrachter Ausdruck des Staunens, der Freude und der Zuversicht sein, dass nach dem schmerzvollen Abnehmen der Lebenskraft von anderer Seite das Leben in unbeschreiblicher Weise und Fülle neu geschenkt bzw. weitergehen wird.

verBUNDen

Die Holzfigur von Jesus am Kreuz wurde 2011 in der evangelischen Stadtkirche in Tuttlingen im Rahmen der Ausstellung „malhalten“ von der Künstlerin mit weißen Stoffbinden umwickelt. Die Gestalt des Gekreuzigten ist noch deutlich sichtbar, sie befindet sich auch noch am Kreuz und in der gewohnten Umgebung (Ansicht im Kirchenraum). Aber durch den Verband wurde sein geschundener Körper verhüllt und damit den Blicken der Betrachter entzogen. Manch einer mag durch diese Veränderung erschreckt reagieren und vielleicht auch an Blasphemie denken.

Doch die Künstlerin veränderte durch ihre Intervention die Botschaft des Kreuzes nicht. Was nach Verfremdung ausschaut, ist in vielen Kirchen ein traditioneller Brauch während der Fastenzeit. Vor allem in katholischen Regionen werden die Kreuze mit einem violetten Tuch verhüllt, den Blicken der Gläubigen entzogen, damit sie nach dem „Bilderfasten“ das Kreuz und seine Botschaft mit neuen Augen sehen können.

Allerdings hat Margaret Marquardt die Verhüllung variiert, in dem sie dem Kreuz nicht nur ein „Fastentuch“ vorgehängt hat, sondern sich dem Corpus Christi zugewendet hat. Mit den Mullbinden hat sie den „Leib Jesu“ wie einen Verletzten verbunden (Detailansicht). Dadurch, dass kein Körperteil mehr zu sehen ist, erscheint er sogar als Schwerverletzter. Der Körper wird durch den Verband nicht nur geschützt, sondern auch stabilisiert. Die Verbindungen zum und mit dem Kreuz geben ihm wie bei jemandem mit einem Arm- oder Beinbruch zusätzlichen Halt.

Die Stoffbinden erzählen auch, dass sich jemand der Verlassenheit des Gekreuzigten angenommen hat. Durch die Intervention der Künstlerin wurde dem Gekreuzigten Zuwendung und Fürsorge zuteil. Er erhielt ein notdürftiges, sauberes „Kleid“, das seine Blöße bedeckt. Die Hautfarbe ist dem Weiß der Mullbinden gewichen und signalisiert Heilung. Heilung der körperlichen Wunden im Besonderen, doch auch umfassende Heilung aller verletzten Beziehungen. Arnold Stadler schreibt dazu in seinem Buch zur Arbeit von Margaret Marquardt (S.19): „Das Heile ist das Ganze. Verbinden ist immer Heilen. Ein Joint Venture aus Jenseitigem und Diesseitigem, aus Oben und Unten, Göttlichem und Menschlichem, Heilem und Heilungsbedürftigem, von Innen und Außen, hier und dort. Dem Heilsverlangen des Menschen und der ganzen Schöpfung entspricht das Heilsangebot des Kreuzes, das von der Künstlerin gesehen und einbezogen wird in ihr Heilskonzept. Der Lichtstrahl [der vor dem Kreuz vertikal den Kirchraum quert] vergegenwärtigt den Vorrang des Gnadenhaften vor dem Machbaren des Heils und des Heilens. In diesem Licht ist auch der Lichtstrahl zu sehen.“

Als rotes Band flankiert dieser „Lichtstrahl“ die Verhüllung, mit seiner Farbe an das Blut erinnernd, das pulsierende Leben, die Macht der Liebe. Eingespannt als Installation zwischen Kirchendecke und Boden, kommt es doch klar von oben herab, göttliche Verbundenheit mit seinem Sohn und durch ihn mit allen Menschen symbolisierend. Es bringt grundsätzlich den Bund, die Verbundenheit zwischen Gott und den Menschen zur Sprache. Im Zusammenhang mit dem Gekreuzigten wird insbesondere seine Wirkmächtigkeit bei allen Verachteten, Leidenden und Sterbenden sichtbar. (Detailansicht)

Das weiße Verbandsmaterial verweist über das menschliche Erbarmen hinaus auf das Erbarmen Gottes. Er ist und bleibt allen Menschen nahe, selbst in ihrer größten Verlassenheit. Der verbundene Körper verbirgt und offenbart gleichzeitig sein geheimes Wirken. Dies wird auch in der Ähnlichkeit des Verbundenen mit dem Kokon einer Raupe deutlich, in dessen Verborgenheit sie in einen Schmetterling verwandelt wird und sich ihr eine vollständig neue Lebensdimension eröffnet.

So deutet der Verband die anstehende Verwandlung an. Der Körper ist noch da, aber verborgen, nur in einer äußeren Form sichtbar. Der Verbundene stellt gewissermaßen eine Karsamstagsexistenz (vgl. Hans-Ulrich Wiese) dar, die Zeit – und den Zustand – zwischen Tod und Auferstehung charakterisierend, in der das Vergangene verhüllt und das Kommende angedeutet, aber noch nicht offenbar ist.

Dieser Arbeit von Margaret Marquardt hat Arnold Stadler ein Buch gewidmet. Es trägt den Titel: Da steht ein großes JA vor mir. Es ist 2013 im Verlag Jung und Jung erschienen und umfasst 104 Seiten sowie 14 farbige Abbildungen. ISBN-10: 3990270397.

Er schaut mich an

Eingebettet in einen neongelben Farbrahmen, ist im Vordergrund ein gestaltetes Kreuz zu sehen, darüber gleich einer Lichterscheinung ein frontal dargestelltes Gesicht. Die Ecken und Ränder des Bildes weisen grauschwarze Schattierungen auf, so dass der Focus noch mehr auf das weiße Gesicht in der Bildmitte gelenkt wird. Seine Konturen sind verschwommen, doch die weit geöffneten Augen und der wie zum Pfeifen zugespitzte Mund sind klar zu erkennen. Daneben ist eine erhobene Hand mit einer großen Wunde zu sehen.

Wie das Gesicht über dem Kreuz angeordnet ist, muss es dasjenige von Jesus sein, der im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel als „Licht vom Licht“ bezeugt wird. Wie aus dem Sonnenlicht tritt er uns in diffusem Weiß gegenüber. Als Sohn des Lichts und gleichzeitig als der Menschensohn begegnet er uns, entrückt und doch gegenwärtig, durch das Kreuz vom Betrachter getrennt und über es erhöht, uns doch nahe. So sind Jesu Herkunft und Aufgabe, sein Tod wie seine Auferstehung, seine Erhöhung ebenso wie seine Rückkehr zum Vater im Bild zu spüren. Zentral wird jedoch der Wendepunkt des Todes, der Auferstehung und des Abschieds von Jesus dargestellt.

Dunkel ragt der Kreuzstamm von unten in das Bild hinein. Das diesem Bereich eingeschriebene, schwarze Quadrat kann für vieles stehen. Es kann als Symbol für abgrundtiefe Nacht und Verlassenheit in den Todesstunden gedeutet werden, aber ebenso für das Grab oder den Zugang zum Reich des Todes, in das er hinuntergestiegen ist, um alle zu retten, die verloren waren. Die Kreuzmitte ist mit einem braunen Quadrat besetzt. Es sieht wie eine Öffnung aus. Kann es ein Symbol sein für den Übergang in eine andere Dimension, den wir uns nach dem Tod erhoffen? Darüber steht eine menschliche Gestalt mit ausgebreiteten Armen. Ob sie den Gekreuzigten oder bereits den zum Himmel Emporgehobenen darstellt, ist nicht einfach festzustellen. Da sie aber im oberen Teil des Kreuzes im Übergang zum Gesicht steht, mag sie eher den Auferstehenden darstellen, der noch die dunkle körperliche Schwere besitzt, sich aber bereits von allem Irdischen löst. In den waagrechten Kreuzesarmen mag rechts die Kälte des Todes bzw. des Winters dargestellt sein, links mit dem grünen Blätterpaar das aufkeimende Leben und die Hoffnung.

Von der Auferstehung kündet neben dem weißen Gesicht Jesu auch die erhobene Hand. Mit dem Wundmal offenbart sie dem Schauenden, dass Jesus wirklich der zum Leben auferweckte Gekreuzigte ist. Wie Jesus im Bild schaut und die Hand erhoben hat, erinnert er an die Begegnung mit den Jüngern nach seiner Auferstehung. Auch Thomas war dabei. Da trat Jesus durch die verschlossenen Türen hindurch „in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,26-29)

Das durch und durch mit positiven Zeichen gestaltete Bild (auch das an sich negative Kreuz bildet eher ein Pluszeichen und ist von Verwandlung und Leben durchdrungen) vermittelt eine durch und durch von Ostern geprägte Ermutigung des Betrachters. Wie eine Ikone möchte es unseren Blick zur wahrhaftigen Begegnung mit Jesus führen, damit Sein Anblick bei uns Gutes bewirkt, heilt und ermutigt. Und ist sein Mund nicht so geformt, als würde er uns anhauchen und mit der Gabe des Heiligen Geistes beschenken? – Genauso wie er es damals mit seinen Jüngern gemacht hat, damit sie mutig in die Welt ziehen und in Tat und Wort seine frohe Botschaft verkünden? (vgl. Joh 20,19-23)

Im Heute sind wir seine Jünger. Von ihm mit Gaben beschenkt und befähigt, Gutes zu tun und Licht zu den Menschen zu bringen. Genauso wie Er.

Erlösung

Feuer, und mitten drin blass wie ein Geist der Gekreuzigte. Er neigt den Kopf nach rechts, das Leiden scheint vollbracht. Er schwebt mehr als er am Kreuz steht, dennoch hängt er mit den Armen am horizontalen Kreuzbalken. Eigenartig, wie er mitten in diesem Flammenmeer steht. In diesen Flammen, die nach längerem Betrachten zu einer blutroten Menschenmenge werden können, die mit erhobenen Armen zu rufen scheint: Ans Kreuz mit ihm, kreuzige ihn! In ihrem Zorn wollen sie ihn verbrennen, vernichten – doch er wird ihnen ans Kreuz entzogen.

Ihr Schreien und Rufen scheint sich nach oben hin in Luft aufzulösen. Je länger der Blick auf der unteren Bildhälfte ruht, verschwindet auch der Eindruck einer aufgebrachten Menschenmenge zugunsten einer zurückbleibenden. Erhöht, erhaben steht Christus über dem Geschehen. Kreuzigung, Auferstehung und Heimkehr zum Vater werden hier in einem Bild thematisiert. Gott wird dabei als weißlich-gelbes Licht angedeutet, der seinen Sohn umfängt und ihn gewissermaßen in seine ursprüngliche, ungeschaffene Lichtgestalt zurücknimmt.

Zu denken gibt, dass von Jesu Wunden kein Blut aus geht. Es ist nicht sein Blut, das auf dem Bild die Menschheit oder die Schöpfung erlöst. Wie kann das wohl gedeutet werden? Hat Jesus sich ausgeblutet, ging seine Hingabe bis zum letzten Blutstropfen? Oder hat der Künstler ihn ganz in Weiß dargestellt, fast nur angedeutet – als den, der frei ist von jeder Schuld? („Von der Jungfrau geboren“, besagt ja in der antiken Mythensprache genau das, und zwar rückblickend auf sein Leben!)

Diese Schuldlosigkeit zog die Menschen an und ließ sie staunen und bewundern, war den Priestern und den römischen Besatzern aber unerträglich. Darum wurde ihm Schuld angehängt: er habe gegen das Gesetz des Moses verstoßen, z.B. am Sabbat geheilt, mit Zöllnern Dirnen und öffentlichen Sündern Umgang gepflogen, Völlerei getrieben, sein gewollt wie Gott, den römischen Kaiser nicht geehrt, Gott gelästert und ein nach ihrem Verständnis völlig überzogenes, skandalöses Selbstverständnis gehabt – „ich aber sage Euch, …“

Schließlich wurde die Kreuzesstrafe über ihn verhängt, weil er Gesetze des Tempels nach ihrem Sinn hinterfragte und sie entsprechend ihrer tieferen Notwendigkeit, ihrem eigentlichen Sinn nach anwandte. Dies trieb ihm Menschenscharen zu, die mit dem Herzen verstanden, wie er mit der Schuld anderer umging, des Zöllners, der Ehebrecherin … und die auch mit dem Herzen seine Schuldlosigkeit erfassten. Das gefährdete in den Augen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit die öffentliche Ordnung, passte nicht ins öffentliche Leben, und wurde nicht als höchster Wert anerkannt, sondern als Konkurrenz aufgefasst, die beseitigt werden musste.

In dieser Einzigartigkeit stellt ihn der Künstler nach seinem Tod dar. Jesus hat alle Schuld, die man ihm nachgesagt hat und dazu die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und gelöscht. Im Bild steht er, der sein Werk erfüllt und damit Erlösung gebracht hat, als Wegweiser, der die Botschaft hinterlässt, wie wir von nun an mit Schuld umgehen können. Das Weiß in dem der Künstler Jesus dargestellt hat, ist eigentlich gar keine Farbe. Wenn weißes Licht durch ein Prisma zerlegt wird, entsteht ein farbiges Spektrum von Rot bis Violett, in allen Farben des Lebens, auch den dunklen. Ist das ein Hinweis darauf, dass die Frohe Botschaft dazu verhelfen kann, alle Farben jedes Lebens letztendlich in Weiß zu bündeln? In schuldfreies Weiß?

Jedes Osterfest sollte bei aller Osterfreude auch diesem Aspekt Raum geben, in wie weit wir diese Wegweisung zulassen.

Osterlicht

Frohe Ruhe strahlt dieses Bild aus. Liegt es am fast symmetrischen Aufbau oder an den weichen Farbtönen? Oder weil das weiße vertikale Band die verschiedenen Bildelemente durchquert und zusammenhält? Aber auch die schwarze waagrechte Form und das hellblaue Feld, beide im unteren Bereich des Bildes positioniert und durch die helle Vertikale wie an einem Pendel fest mit dem dunkelblauen Element am oberen Bildrand verbunden, tragen ihren Teil dazu bei. Zudem scheint das warme Gelb auf dem weißen Hintergrund zu schweben und vermittelt sonnige Leichtigkeit.

Aber andererseits prägt die dunkle Form das Bild an zentraler Stelle und die dunklen Schatten an den Rändern bilden einen düsteren Hintergrund für das Geschehen. Hier kommen Leid und Tod unübersehbar zur Sprache. Aber die sargähnliche Form ist aufgebrochen und kann den Verstorbenen nicht festhalten, die dunkle Vergangenheit ist verdrängt durch einen neuen Zeitraum, der von warmem Licht erfüllt ist.

Der Grund für diese alles verändernde Verwandlung muss in der breitbandigen Mittelachse liegen. Sie scheint aus dem souverän am oberen Bildrand schwebenden Element mit den drei hellen Kreuzen herauszufließen, um das in der Tiefe Ruhende zu hinterfangen und am unteren Bildrand in den schmalen weißen Saum mündend auch alles zu umfassen. Es ist, als wolle damit angedeutet werden, dass dieses von oben Kommende die tragende und letzte Wahrheit allen Geschehens ist – nicht das Leid und nicht der Schmerz, und auch nicht der Tod.

Österliche Verwandlung

Leicht und scheinbar ungebunden schwebt diese Installation in der Ecke eines Sakralraumes. In einem spannungsvollen Bogen bildet ein feiner Ast die tragende Horizontale für ein an ihm hängendes Objekt voller Symbolkraft, dessen Material aus der Ferne schwer zu bestimmen ist.

Oben legt es sich in ganzer Breite über den Ast, während es in der Mitte unsichtbar zusammengehalten wird. Dadurch verläuft der „Stoff“ v-förmig nach unten und bildet seitliche Falten, die letztlich nebeneinander zu hängen kommen. Dieser zu einem Korpus gefaltete „Stoff“ ist über und über mit Erde und Asche bedeckt, hier und dort farbige Spuren einer früheren Bemalung freigebend. > Detailbild

Das Trägermaterial dieses Objektes, es ist farbiges Zeitungspapier, wurde vielfach bearbeitet, um ihm die jetzige Gestalt und Geschichte zu geben, aus der Schönheit und Veränderung sprechen, Festigkeit und Vergänglichkeit. Nun hängt es als erstarrte Hülle einer Verwandlung erdenschwer im Raum, als Relikt einstigen Lebens, das es umgeben und gekennzeichnet hat. > Detailbild

Material, Form, Bearbeitung und Installation dieses fragilen Papierobjektes lassen deshalb ganz unterschiedliche Ansichten zu: Es kann in ihm einfach eine interessante ungegenständliche Plastik gesehen werden, es kann aber auch als Zeichen für den Menschen ganz allgemein gedeutet werden. Durch die ärmliche Erscheinung drängt sich in der unmittelbaren Nähe zum Altar aber der Bezug zur Kreuzigung Jesu auf. Gleich einem vom Leben gezeichneten Gewand verweist es auf den, der einst unter uns vieles erfahren und erlitten hat, nun aber zu seinem Vater im Himmel auferstanden ist.

So sehr das mit Erde gestaltete Papier, verstärkt und geerdet durch ein nach unten hängendes Seil, irdisch verhaftet ist, der durch die Faltung entstandene Leerraum vermittelt Transzendenz und lässt eine höhere Macht spüren, die bei solchen Wundern der Verwandlung am Werk sein muss. Das tröstet und erleichtert, das schenkt Hoffnung und Zuversicht – österliches Erleben!

 

Sie wirken vergänglich
Verwaschen
Labil

Doch
Zweig
Leim
Asche
Halten stabil

Sie wirken
Entleert
Verlassen
Befreit

Doch
Josef
Legt mehr
Als Winkel
Und Hobel
Hinein

Sie wirken
Leicht
Himmlisch
Entrückt

Doch
Josef
Hat sie
Erden
Bestückt

Papier
Asche
Staub
Sind des
Vergehens
Erstehens
Gewand

 

(Dr. Engelbert Paulus)

Die Arbeit von Josef Bücheler war bis zum 9. April 2007 im innovativen “Kreuzweg” des ökumenischen Ausstellungsprojektes VESTIGIA CRUCIS / Kreuzspuren – Gegenwartskunst in 14 kath. und evang. Kirchen im Landkreis Tuttlingen zu sehen. (Flyer zur Ausstellung als pdf) Der mit seinen Bildern, Texten und Gedichten einmalige Katalog (48 Seiten, ISBN 3-932764-16-1, 8 Euro) kann hier bestellt werden: projektgruppe@kreuzkirchenkunst.de.

Osterkreuz

Hell leuchtet das Kreuz von der Wand herunter, vom Glas wie von einem Heiligenschein umgeben. Diskret wird dadurch die Ausstrahlung erhöht und in den Raum hineintransportiert. Gleichzeitig gebietet der transparente Rahmen einen ehrfürchtigen Abstand vor dem Heiligen, das am Kreuz geschah.

Die Kreuzform erinnert nach wie vor an die schreckliche Tötungsmethode der Römer, doch sein Inhalt verkündet Licht und Freude. So bringt es zum Ausdruck, dass das Kreuz durch die Auferweckung Jesu zu einem Heilszeichen wurde, welches die Frohbotschaft verkündet: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Erinnert euch …“ (Lk 24,6)

Aus diesem Kreuz strahlt das Licht der Auferstehung. Österliches Licht! Mit zärtlichen Farbspuren, die von erwachendem Leben erzählen, in ihrer diagonalen Anlage Aufstieg andeuten und im lebendigen Strich Spontaneität und Freude spüren lassen.

Ein Kreuz, zu dem man gerne aufschaut. Es erinnert an Jesu Tod , aber auch an die Überwindung durch die Liebe, die Gottvater und -sohn miteinander verbindet. Was Jesus dem Nikodemus voraussagte, hat sich erfüllt: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.” (Joh 3,14-17)

Wer zu diesem Kreuz aufschaut, schaut in ein dreifaches Licht: Zuerst in Jesu eigenes Licht (Joh 8,14), dann in das österliche Licht seiner Auferstehung und durch beide hindurch in das Licht seiner Verherrlichung (Eph 1,18-23; Kol 1,16). Wer zu diesem Kreuz aufschaut, erhält Hoffnung und Zuversicht. Er wird gestärkt und ermutigt, wie Jesus in seinem Fühlen, Denken und Handeln Licht zu sein. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagte Jesus (Mt 5,14). Das ist unsere Lebens-Berufung, zu jeder Zeit und wo wir uns auch befinden. Ihn gleichsam vor Augen – sein Licht, seine Auferstehung, seine Herrlichkeit – sollen wir ihm ähnlich werden.

„Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt.“ (Hebr 12,1b-2)

Befreiung

Drei geometrische Farbformen prägen dieses Glasbild: Das goldorange Rechteck, das ihm eingeschriebene rote, quadratförmige Band sowie das weiß-graue Rechteck in der Mitte. Mehrere  frei gezogene, die Farbflächen durchquerende Linien vervollständigen einen ersten Eindruck.

Den freien Glasbildern von Johannes Schreiter haftet etwas Spontanes, Bewegtes an. Ich vermute, dass dies von den frei gezogenen schwarzen Linien herrührt, die der Künstler mit großer Sicherheit um und durch die Farbflächen gezogen hat. Wie bei einer Skizze ragt die Linie mal über die Ecke hinaus oder ist sie wie korrigiert verdickt. Manchmal ist sie unterbrochen, mal fleckenartig konzentriert, dann löst sie sich in einem wunderbar feinen Verlauf im Nichts auf. In allen Ecken sind zudem auflockernde, die Strenge der Ecken brechende Elemente zu entdecken: Überragungen, Einbiegungen, Einrundungen, lochartige Verdoppelungen, Einbrüche, usw. Gekonnt hat hier ein Meister seines Faches mit den Linien gespielt, sie gleichsam zu Leben erweckt. Denn wo das Auge des Betrachters auch hinschaut, lassen die Linien ihn Leben, Lebendigkeit und Begegnungen erfahren.

Hintergrund für das Geschehen bildet ein goldgelbes Rechteck, dessen Fläche mit seinen sanften Farbverläufen ebenfalls voller Leben ist. Erdige Gelbtöne bewegen es unentwegt. Diese rechteckige Form trägt oder umfängt in ihrem Innern ein blutrotes, quadratisches Band. Zur linken Seite hin dunkler gestaltet, antwortet ihm auf der rechten Seite ein schmaler dunkler Streifen. Oben ist das Band zudem überdeckt (oder durchbrochen) durch eine grau-weiße Fläche, die sich durch den auslaufenden Farbübergang von oben her in den zentralen gelben Farbraum ergießt. Wie von der Macht dieses Einbruchs ausgelöst, bricht gelbe Farbe auch durch die Basislinie der roten Fassung hindurch, wird allerdings von zwei Linien aufgefangen.

Diese grau-weiße Fläche verändert die ganze Komposition: Die von oben her zentral in das Bild hereinbrechende Lichterscheinung lässt aus dem goldenen Rechteck eine U-Form werden, aus dem quadratförmigen Band zwei sich gegenüberstehende Klammern.

Aus dem bisher in sich selbst ruhenden und geschlossenen Raum ist nun durch die weiße Einsenkung plötzlich eine in ihrer Mitte und nach oben offene Form entstanden, bereit zu empfangen. Ob da der Künstler an den Menschen gedacht hat, der von Gottes Gnade überrascht sich staunend Gottes lichtvoller Gegenwart in seiner Lebensmitte öffnet? Das rote Band der Liebe hat durch das göttliche Du ein ihm entsprechendes menschliches Du in der Horizontale gefunden.

Die schattenhafte schwarze Figur, die federleicht am Ende einer Linie schwebt und mit ihrer untersten Ausformung mystisch den zentralen Spannungspunkt aller Linien und Formen berührt, kann nun zu einem symbolischen Samenkorn werden. Tot geglaubt, bricht es alles durch die Berührung von Oben auf und durchzieht es mit feinen Äderungen des Lebens.

Farbe bekennen – Spuren hinterlassen

Viele farbige, mehr oder weniger gleich große Punkte präsentieren sich unseren Augen. Meist kräftig in den Farben, rundlich in der Form und mit unscharfem Rand sind die bunten Farbtupfer über die Leinwand verstreut. Manchmal bildet ihre Aneinanderreihung so etwas wie eine Linie, aber es ist kein System der Verteilung oder Anordnung auszumachen. Die rundlichen Farbflächen sind einfach da, scheinen über dem braun-weiß verwischten Hintergrund zu schweben, auf dem Spuren horizontaler und vertikaler Pinselführung zu erkennen sind.

Was soll dieses Gemälde im Altarraum, was kann es zum Glauben sagen?

Vor dem eintönigen Hintergrund, auf dem nur noch verwischt Kreuzspuren zu erkennen sind, bilden die farbigen „Punkte“ eine neue, frische, frohe Wirklichkeit. Das Bild könnte eine Ostererfahrung zum Ausdruck bringen, wo es um die unfassbare Freude über die Auferstehung Jesu und den Sieg des Lebens über den Tod geht. Jeder Farbpunkt könnte ein Aspekt dieser Freude sein. Wie unser Auge versucht, alle Farbpunkte zu erfassen und es doch nicht kann, so unfassbar ist für uns das Geschehen der Auferstehung. Uns bleibt das teilweise Erfassen, das Wandern von einem Farbpunkt zum anderen. Darin erfahre ich schon Freude und Kraft, die ansteckt und in ihrer Frische gut tut.

Das Bild kann noch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Heißt „Farbe bekennen“ nicht, vor und gegenüber anderen zu seiner Einstellung, zu seiner Meinung, zu seinem Glauben stehen? So gesehen habe ich mit meiner Lebensgeschichte, meinen Fähig- keiten, meiner Persönlichkeit eine ganz eigene „Farbe“.  Wo ich mich in Gesellschaft und Kirche eingebe, bekenne ich Farbe, präge ich Situationen, Menschen, Orte – male ich gleichsam an dem großen Gemälde Kirche (oder Gesellschaft) mit. Je mehr ich mich mit meiner Farbe einbringe, engagiere, umso mehr Spuren hinterlasse ich und um so bunter, lebendiger und froher wird das Leben der Gemeinschaft.

„Ihr seid das Licht der Welt,“ sagt Jesus. „Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf einen Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure Werke sehen und euren Vater im Himmel  preisen. (Mt 5,14-16)

Noch ist Freiraum zwischen den Farbpunkten! – Fehlt vielleicht meine Farbe, weil ich mich nicht getraue, sie zu zeigen? Das Bild macht mir Mut, meine eigene Farbe zu bekennen, einzubringen und damit die Leuchtkraft und das Zeugnis der Gemeinschaft der Gläubigen zu erneuern.