Himmlische Aussichten?

Rote, blaue und gelbe Farbmuster ziehen sich über die drei Chorfenster der Kirche der Benediktinerabtei St. Mauritius in Tholey. Jedes Fenster ist vertikal mit zwei nahezu identischen Fensterspalten gestaltet. Gleichwohl bilden sie ein Spiel von warmen Farben und durch horizontale und vertikale Spiegelungen sich wiederholende Motive. Ohne etwas Konkretes darzustellen entstehen kaleidoskopartige Muster. Wie farbige Röntgenbilder unbekannter Welten gliedern sie die hohen Fensterflächen in klar erkennbare und doch auch unscharfe Formen. Durch das Teilen, Spiegeln und Wiederholen werden die einzelnen Motive aufgeklappt, vervielfältigt und offenbaren so in einem fantasievollen Form- und Farbenspiel neue Strukturwelten und Ornamente.

Die Glasfenster sind der Abschluss und Höhepunkt einer langjährigen intensiven Beschäftigung Gerhard Richters mit seinem abstrakten Gemälde, das die Werkverzeichnisnummer 724-4 trägt. Bei der digitalen Bearbeitung wurde das Bild systematisch geteilt, gespiegelt und vervielfältigt, was letztlich zu seinen bekannten Streifenbildern führte. Die Entwürfe der Fenster gehen auf fünfzehn Motive eines Zwischenschrittes in diesem Entfremdungsprozess zurück (16mal geteilte Serie), die für die Chorfenster wiederum vertikal als auch horizontal gespiegelt wurden. Durch diesen Prozess sind aus einem Bild mit komplexen Zufälligkeiten wieder geordnete, „sinnhafte“, ornamentale Muster entstanden.

Ein ähnlich kompliziertes und innovatives Verfahren wurde auch bei der Umsetzung in Glas angewendet. Dabei unterstützte die digitale Bildbearbeitung das tradierte kunsthandwerkliche Können, um durch drei übereinander liegende, in unterschiedlichen Techniken kleinteilig bearbeitete Glasschichten den Entwurf Richters adäquat in die Fenster übertragen zu können. Nun fällt das Licht durch die von zahlreichen kreativen Schaffensprozessen geprägten „Schöpfungsfenster“ in den Chorraum, kleidet ihn in farbiges Licht und taucht den Altarbereich in eine mystische Atmosphäre.

In der Zusammenschau bilden die beiden seitlichen Fenster eine das Mittelfenster umrahmende und hervorhebende Einheit. Durch die helleren Farben und die zentrale Anordnung erzeugt das mittlere Fenster eine besondere Tiefe und Faszination. Die warmen Rot- und Goldtöne und die um ein Feld erhöht platzierte Mitte der Motive verleihen ihm eine herrschaftliche oder gar königliche Ausstrahlung. Im Gegensatz zum fließenden Verlauf der Seitenfenster strukturieren das Mittelfenster vier dichte Motivgruppen, die Brennpunkte mit dazwischenliegenden Übergängen schaffen. Dadurch wirkt das Mittelfenster wie eine Aussicht in himmlische Sphären und suggeriert eine goldene Treppe oder Leiter, die symbolisch auf das Herabsteigen Gottes in unsere Welt und gleichzeitig auf sein erhebendes Heilswirken hinzuweisen vermag.

Die Glasfenster von Gerhard Richter vermitteln keine eindeutig religiöse Botschaft. Sie sind offene Andeutungen, die dem Betrachter Anknüpfungspunkte in seinem Suchen nach dem transzendent Erhabenen, dem ganz Anderen, nach dem verborgenen und doch stets gegenwärtigen Gott vermitteln. So können sie Anlass sein, über das geheimnisvolle Du, das uns ins Leben gerufen hat, das diskret unser Leben begleitet und zu sich in die Ewigkeit führt, zu meditieren. Auf ihre Weise erzählen sie im Kirchenraum der Benediktiner von Tholey durch ihre außergewöhnliche Schönheit, die malerischen Unschärfen und durch die sich herauskristallisierenden Räume und Zwischenräume, die zu Freiräumen für neues Leben werden, von einem Schöpfergott, der selbst Leben ist und uns dieses Leben in seiner ganzen schöpferischen Fülle unaufhörlich schenkt.

Weitere Bilder und Texte auf der Website der Glaswerkstätten Gustav van Treeck

Website der Abtei Tholey

Lebendiges Wasser

Quirlig fällt Wasser von oben durch die Bilddiagonale ins Blickfeld hinein. Links unten schlägt es spritzend auf einer bewegten Wasseroberfläche auf. Vor dem schwarzen Hintergrund tanzen die Wassertropfen und -spritzer wie eine zeit- und ortlose Lichterscheinung auf dem durch Lichtreflexe aus der Dunkelheit hervortretenden Grund.

Das fallende Wasser ist eine Momentaufnahme von etwas Fließendem. Das Foto zeigt einen normalerweise nicht fixierbaren Augenblick in seiner Einzigartigkeit. Es zeigt einen unsichtbaren Ausschnitt des Lebens, wie ihn nur eine fotografische Aufnahme mit ganz kurzer Belichtungszeit einfangen und festhalten kann. Eine minimale Momentaufnahme – vergleichbar mit einem Film-Still, dem Einzelbild aus einem Film – das Wesentliches des Großen und Ganzen sichtbar macht. Umso mehr als es sich um einen sich wiederholenden Bewegungsablauf handelt.

Die Reduzierung auf das spielerisch herabtanzende Wasser verleiht dem Schwarzweißfoto eine Faszination und Ausstrahlung, die über sich hinausweist. Das Wasser als Lebensquell und Lebensträger wird spürbar, seine bewässernde, erfüllende und erfrischende Kraft. Gleich einem Gnadenstrom durchbricht es die Dunkelheit, bricht sie auf und lässt sie wie Erde fruchtbar werden.

Das Wasser bringt Bewegung und Licht ins Dunkel. Der lockere und leuchtende Wasserfluss transportiert eine heitere Freude und Begeisterung. Er verbindet den unsichtbaren Schöpfer und Spender des Wassers mit allen Kreaturen der Schöpfung, die des Wassers für den Erhalt ihres Lebens bedürfen. Voller Leben plätschert das Wasser sanft auf dessen harte und kantige Oberfläche der Wasserwoge unten im Bild, wie vor Freude hell aufspritzend, um dann in das große Wasser einzutauchen und sich mit ihm vermischend zu erneuern.

Die Lebendigkeit des Wassers lässt an die Worte Jesu vom „lebendigen Wasser“ denken, die er zur Frau am Jakobsbrunnen sprach:  „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. … Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.“ (Joh 4,13-14) Jesus braucht kein Schöpfgefäß, weil er selbst die Quelle des Lebens ist. Wer an ihn glaubt, trinkt davon und wird von „Strömen lebendigen Wassers“ erfüllt werden, dem Heiligen Geist (vgl. Joh 7,37-39).

Inspiration und Begeisterung erhalten im lichten Wasserfall ein symbolisches Gesicht. Erleuchtung in der Tiefe der Seele, in der es vielleicht so dunkel ist wie am Grund eines tiefen Brunnens. Licht und Wasser von oben, die neuen Lebensatem einhauchen und in der erneuerten Verbundenheit mit Gott der Seele neue Kraft schenken. Dem Gläubigen wird ein Gnadenstrom der göttlichen Geisteskraft zuteil, der unendlich fließt, um das Leben schöpferisch kreativ zu gestalten.

Lebendiges Wasser – in jeder Beziehung eine himmlische Kostbarkeit!

Das besprochene Bild ist aktuell bis 31.10.20 zu sehen in derSchöpfergeist+Meisterwerk“-Foto-Ausstellung im Terassensalon der Residenzgalerie, DomQuartier Salzburg

Fußabdruck

Am Boden einer scheinbar mit Wasser gefüllten Emaille-Schüssel sind zwei Fußabdrücke zu sehen. Es ist, als hätte jemand beim Waschen der Füße einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als wolle er für alle Zeiten sagen: Tretet in meine Fußstapfen, macht es genauso. Doch haltet euch nicht nur selbst rein, sondern wascht einander die Füße! So hat Jesus seinen Jüngern nach dem letzten Abendmahl die Füße gewaschen und Ihnen gesagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,15)

Außer der Fußwaschung erinnert der Fußabdruck in der Schüssel an Jesu Gang über das Wasser. Er hat damals keine materiellen Fußspuren hinterlassen,  aber Spuren allemal. Manch einer mag vielleicht auch an Darstellungen der Fußabdrücke bei Christi Himmelfahrt denken, die zum Ausdruck brachten, dass er als Mensch auf der Erde lebte, doch nach seiner Auferstehung von den Toten zu seinem himmlischen Vater zurückkehrte.

Doch so wenig wie beim Gang über das Wasser oder bei der Himmelfahrt entsteht beim Waschen von Füßen ein Fußabdruck. Wäre dem so, würde es an ein Wunder grenzen. Ein normaler „Fußabdruck“ im Wasser wäre z. B. von Schmutzpartikeln getrübtes Wasser. Eindrücke wie in der vorliegenden Arbeit entstehen in der Regel nur in weichem, formbarem Material. Hier hat die Künstlerin zwei Füße in kaltgeformte Glaspaste (Pâte de Verre) gedrückt und diese anschließend im Ofen unter starker Hitze zum Schmelzen gebracht, so dass sie transparent wurde.

Letztlich hat das Schmelzen der Glaspaste diese erst transparent und damit die Fußabdrücke wieder sichtbar werden lassen. Wie oft denken wir, dass wir durch unser Tun und Leben kaum Spuren hinterlassen. Am Aschermittwoch werden wir mit einem Aschekreuz daran erinnert, dass wir eines Tages zu Staub zurückkehren werden. Der Fußabdruck in der Waschschüssel erinnert uns auch, dass wir mit allem, was wir tun, einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Was wir essen, wie wir wohnen und leben, wohin wir mit welchem Transportmittel fahren, wie viel Infrastruktur wir brauchen. All das bindet Ressourcen und hinterlässt umweltbelastende Spuren und Materialien.

Jesus ruft die Menschen in seinen Predigten immer wieder zur Umkehr und zum Glauben an das Evangelium auf. Er ruft uns auf ganz unterschiedliche Art und Weise in seine Nachfolge, damit  wir „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Umkehr bedeutet nach der Fußwaschung sich gering achten, den anderen zu sehen und ihm Gutes zu tun. Dazu gehört auch die Bewahrung der Schöpfung, damit dem Nächsten und seinen Nachkommen genügend reine und unverfälschte Ressourcen zum Leben zur Verfügung stehen.

Wenn das Wasser so verschmutzt ist, dass es nicht mehr zum Trinken verwendet werden kann, geschweige denn beim Waschen sauber oder rein macht, dann wird es zu spät für eine Umkehr sein. In abgewandelter Form könnten die Worte aus der Aschermittwochliturgie lauten: Bedenke Mensch, wo du hintrittst und welche Zerstörung du hinterlässt!

Die Arbeit von Ilka Raupach war für den Kunstpreis der Erzdiözese Freiburg 2019 nominiert und im Rahmen der Ausstellung WAS IST WAHR an verschiedenen Orten Deutschlands zu sehen (siehe Ausstellungshinweise). Der Katalog zum Kunstpreis ist beim Mondo Verlag erhältlich.

Gestaltwerdung des Geistigen

Ein Kristallmeer scheint im Raum zu schweben und aus dem Bild auf den Betrachter zuzufliegen. So dicht und undurchlässig sich die kristalline Fläche im unteren Teil des Bildes gibt, oben bricht sie auf und lässt den Blick auf einen vergoldeten Hintergrund zu. Gleichzeitig können kleine Kristalle ausgemacht werden, welche dem Bild eine außerordentliche Tiefenwirkung verleihen.

Die Raumtiefe wird durch die violette Farbe der kristallinen Formen gesteigert. In den dunklen Kristallen erscheint die Farbe verdichtet, was sie aus der Masse hervorhebt. Dies führt dazu, dass der Endpunkt des Bildes nicht die Spitzen der kristallinen Formen sind, sondern der Betrachter. Der dreifache (!) Rahmen intensiviert den Eindruck, wie durch ein Fenster hindurch in eine andere Welt zu schauen und Zeuge der Gestaltwerdung von etwas Kostbarem zu sein.

Der Goldgrund – technisch gesehen ist er als letztes auf das am Computer generierte Bild aufgetragen worden – erinnert an mittelalterliche Heiligenbilder und byzantinische  Ikonen, bei denen das Gold symbolisch für Gottes Gegenwart und Erhabenheit steht. So vermittelt das Gold auch in der Arbeit von Rainer Eisch einen kostbaren Urgrund und Ausgangspunkt. Von ihm ausgehend materialisiert und verdichtet sich das Geistige in einer neuen Gestalt, die wie ihr Ursprung von unvergleichlicher Schönheit und großem Wert ist.

Hier wird die biblische Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1-2,2) auf eine andere, symbolische Weise erzählt. Dabei ist Gott zuallererst der lichte abstrakte Grund, aus dem sich eine wunderbare, kaum zu begreifende Ordnung herauskristallisiert, deren Ziel der Mensch ist. Eine Ordnung, die im Computer aus fast nichts geschaffen wurde, nämlich aus einem Schwarm von unendlich vielen Triakisikosaedern (aus der Familie der Catalanischen Körper), einem komplexen Polyeder aus 60 gleichschenkligen Dreiecken. Damit ist das Gold paradoxerweise das einzig Echte in der künstlichen Kristallwelt.

Immer wieder neu lässt diese Arbeit die Gedanken um das Wunderbare und Unfassbare kreisen, das wie aus kosmischer Ferne zu uns kommt und von uns bildhaft eingegrenzt versucht wird fassbar und begreiflich zu machen. Gedanken über die Undarstellbarkeit und die Größe Gottes, der von Anfang an diese Welt in einer bestaunenswerten Genialität erschaffen hat – allein und mit und durch uns Menschen.

Diese Arbeit war vom 12.9. bis 10.11.2018 in der Ausstellung Über das Geistige in der Kunst – 100 Jahre nach Kandinsky und Malewitsch in der DG in München zu sehen.

Osterfreude

Warme Farben in sanften Gelb- und Rottönen sowie geschwungene graue Linien bewegen dieses Bild. Bis auf die graue Kreisform lässt sich aus dem Kunstwerk nichts Konkretes oder Bestimmtes aus unserer visuellen Erfahrungswelt herauslesen. Doch dieser eine Kreis gibt dem Bild eine Mitte. Und  er vermag mit seiner nach innen scharf abgegrenzten, aber nach außen sich weitenden endlosen Form dezent auf Gott hinzuweisen als Ursprung und Mitte der ganzen Schöpfung. Die geschwungenen grauen Linien stehen durch die gleiche Farbe mit dem Kreis in Verbindung. Sie gehen gleichsam von ihm aus und beleben mit ihren freien Formen das Umfeld. In schwereloser Leichtigkeit schweben, ja tanzen sie über dem Farbgrund, der seinerseits mal intensiver, mal schwächer mit seinen wechselnden gelben und rötlichen Farbtönen eine Art Reigen bildet.

Auf diese Weise vermittelt das Bild Licht und Leben, bewegte Freude und entfesselte Freiheit, die gut zu Ostern passen. Gott Vater hat seinen Sohn aus den Fesseln des Todes befreit und zum ewigen Leben erweckt. Durch ihn hat die Schöpfung einen Neuanfang mit viel Potential erhalten. Dieses lichtvolle Neue ist im Bild zu sehen und verweist auf die Größe und Herrlichkeit Gottes. Das Schauen dieser Vision mit Gott im Zentrum tun dem Auge und dem Herz einfach gut. Sie lassen vielleicht auch an die Worte aus der Offenbarung 21,1-5a denken:

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.
Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.
Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.
Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

 

Von diesem Bild ist eine Klappkarte beim Künstler erhältlich, innen weiß und beschreibbar, Postkartenkarton 290 g, hohe Steifigkeit, L 148 x H 105 mm, Querformat geklappt. Bei Abnahme von 50 Stück kostet die Karte je 1.50 EUR, bei 100 Karten kostet das Stück 1,- EUR zzgl. Versand.

Bittere Wahrheit

Von weitem meint man ein kleines Aquarium vor sich zu haben, Algen, die im Wasser schwimmen, sich an festem Gestein festhalten. Doch was wie ein Stück heile Unterwasserwelt präsentiert wird, entpuppt sich beim Erkennen aller Details als eine Ansammlung von Abfall, als ein buntes Arrangement unterschiedlichster Plastikteile.

Sie entstammen einer zufälligen „Müllsammlung“ zwischen zwitschernden Vögeln, die der Künstler letztes Jahr im Naturschutzgebiet „Pegwell Bay“ an der Küste Südost-Englands spontan bei einem Spaziergang gemacht hat. Auf eine naturwissenschaftliche Ausstellungspraxis verweisend nutzt er ein Präparateglas zur Präsentation. Er hat eingeschlossen, was in den Meeren frei herumschwimmt und sich über Jahrzehnte und -hunderte in kleinste Bestandteile zersetzt. Die konservatorische Funktion des Präparateglases spielt auf dieses lange Verweilen im Meer an. Die angedeutete Unterwasserpflanze referiert mit der Verwechslung der Tiere, im Plastik Nahrung zu finden. Die heruntergewürgten Plastikteile bleiben unverdaut in ihren Mägen liegen, verstopfen sie und lassen die Tiere qualvoll an Hunger sterben.

Die Arbeit hinterfragt unsere Verwendung von Plastik als universellem Kunststoff. Als Werkstoff, der fast alle Formen annehmen kann, relativ billig, leicht und langlebig ist. Die Arbeit ist nach Sagert „ein Objekt wissenschaftlicher Evidenz, durch welches dem Zustand der mit Plastik verschmutzen Strände eine Repräsentation im kollektiven Gedächtnis gegeben wird.“ Die Arbeit regt darüber hinaus zum Nachdenken über unseren Umgang mit Kunststoff und Plastik an.

Denn Plastik ist zwischenzeitlich allgegenwärtig. Wir benutzen ihn und entsorgen ihn an allen Ecken und Enden. Die größeren, kleineren und winzigen Plastikteile gelangen dadurch weltweit ins Wasser und den Lebenskreislauf, wo sie großen Schaden verursachen. Plastik ist längst ein globales Problem, bei dem Segen und Fluch sehr nahe beieinander liegen. Es ist so praktisch und anpassungsfähig, dass es nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist. Der vielgestaltige plastische Kunststoff hat unser Lebensumfeld in den letzten Jahrzehnten vollständig verändert. Dabei dringt er über die Nahrungsmittelkette und die Luftverschmutzung auch vermehrt in unsere Körper ein und verursacht Krankheiten. Plastik lässt sich in der heutigen Zeit kaum noch wegdenken oder begrenzen. Es hat längst zusammen mit anderen Faktoren eine beherrschende und bedrohliche Position eingenommen. Wir Menschen gehen immer noch zu leichtfertig mit diesem „Alleskönner-Material“ um, obwohl wir bereits wissen, dass die Folgen für alle Lebewesen schwerwiegend sein werden und uns alle teuer zu stehen kommen.

So gesehen ist die vorgestellte Arbeit ästhetisch viel zu schön. Das „Problem“ wurde handlich verpackt, eingesperrt und damit „besiegt“. Das Präparateglas ist fast zu niedlich, um die bittere Wahrheit zu vermitteln, dass der Plastikmüll längst außer Kontrolle geraten ist und wir die durch ihn angerichteten Schäden nicht mehr im Griff haben. Um richtig aufzurütteln, bräuchte es wahrscheinlich raumgreifende Installationen, bei denen die Besucher förmlich im Plastikmüll untergehen müssten, um seine Bedrohung angemessen wahrzunehmen.

Trotzdem wird ein Umdenken und Einsicht angeregt, die hoffentlich in eine Umkehr einmünden, in ein verändertes, verantwortungsvolles Handeln gegenüber unserer Umwelt und unseren Mitmenschen, das letztlich auch uns selbst zu Gute kommt. Dies könnte sich in einem sensibilisierten Umgang mit dem Werkstoff „Plastik“ zeigen, bei dem Plastik wo immer möglich vermieden und wo immer nötig sparsam mit ihm umgegangen und das Material danach ressourcenorientiert einer Wiederverwertung zugeführt wird. Der wegweisende Satz aus dem 3. Buch Mose (Lev 19,18)  „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, der auch von Jesus wiederholt aufgegriffen wurde, erhält dann eine ganz neue Dimension und Aktualität.

Erfüllt von Heiligem Geist

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Erdscholle. Sie sind bis auf ein Feigenblatt, das ihre Genitalien bedeckt, nackt. Beide sind orange leuchtend dargestellt, die Frau etwas größer als der Mann, einander zugewandt. Sie stehen vor einem mit dichten Linien bewegten Hintergrund, der sich rechts hinter der Frau einen Spalt öffnet und denjenigen offenbart, der reines Licht ist. Die Frau tritt gleichsam als fleischgewordene Idee aus dieser Öffnung heraus, als Konkretisierung des geistigen Vorbildes.

So zeigt die Arbeit die ersten beiden Menschen, Adam und Eva, nach ihrer Erschaffung durch Gott und nach dem Sündenfall (vgl. Gen 3,7). Sie stehen nicht im Garten Eden, nicht im Paradies, sondern auf einem Stück Land, das überall sein könnte. Als dritter Protagonist tritt bei dieser Darstellung der Hintergrund machtvoll in Erscheinung. Es sind fließende Linien voller Dynamik und Leben, die sich in gelben, roten und braunen Farbfeldern über die beiden zu ergießen scheinen, wobei der dunkelrote Bereich durchaus als Symbol für die Dreifaltigkeit gedeutet werden kann.

Es ist ein übernatürliches, kraftvolles Geschehen, das wohl mit Wind und Licht zu tun hat, viel mehr aber auch Umgebendes, Belebendes, Durchdringendes, Befähigendes, Erfüllendes und Bewegendes zum Ausdruck bringt. Wirkmächtig wird hier Gott als Creator spiritus, als Schöpfergeist dargestellt, der den Menschen durch seinen Geist erschaffen und auch von Anfang an mit ihm beschenkt hat.

In der orangen Farbe leuchten Adam und Eva in der Glut innerer Erleuchtung, die von der Erkenntnis ihrer Nacktheit und Schuld über die Wahrnehmung von Gott bis zur Furcht vor ihm geht infolge einer sensibleren Differenzierung von Gut und Böse. Wie auch immer offenbart sich Gott durch seinen Geist in ihnen. Eingehüllt in einen Gnadensturm fließenden Lichts wird ihnen ihre Unvollkommenheit und Hilfsbedürftigkeit bewusst. Auch darin sind sie ganz unsere Ureltern. Wer weiß, wie sie damals zu Gott gebetet haben. Uns sind heute so wunderbare Worte wie jene des Gebetes „Veni creator spiritus“ gegeben, mit denen wir um die Fülle der göttlichen Geisteskraft bitten können. Das Bild wird dann zu einer Visualisierung der Verheißung für uns, mit welcher Kraft Gott in uns und um uns wirken kann, wenn wir ihn darum bitten:

Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein,
besuch das Herz der Kinder dein:
Die deine Macht erschaffen hat,
erfülle nun mit deiner Gnad.

Der du der Tröster wirst genannt,
vom höchsten Gott ein Gnadenpfand,
du Lebensbrunn, Licht, Lieb und Glut,
der Seele Salbung, höchstes Gut.

O Schatz, der siebenfältig ziert,
o Finger Gottes, der uns führt,
Geschenk, vom Vater zugesagt,
du, der die Zungen reden macht.

Zünd an in uns des Lichtes Schein,
gieß Liebe in die Herzen ein,
stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit
mit deiner Kraft zu jeder Zeit.

Treib weit von uns des Feinds Gewalt,
in deinem Frieden uns erhalt,
dass wir, geführt von deinem Licht,
in Sünd und Elend fallen nicht.

Gib, dass durch dich den Vater wir
und auch den Sohn erkennen hier
und dass als Geist von beiden dich
wir allzeit glauben festiglich.

Dem Vater Lob im höchsten Thron
und seinem auferstandnen Sohn,
dem Tröster auch sei Lob geweiht
jetzt und in alle Ewigkeit.

Bild und Abbild

Fotografie und Malerei werden in dieser Arbeit einander zur Seite gestellt. Dadurch, dass die Lilie links angeordnet ist und die Malerei überlagert, steht sie im Vordergrund. Deutlich heben sich der das Bild vertikal querende Stengel und die drei seitlich abgehenden Blüten vom weißen Hintergrund ab.
Durch diese örtliche Entfremdung kommen die Linien, Farben und Strukturen der Blume verstärkt zur Geltung, gleichzeitig geschieht dadurch die notwendige Abstraktion, um mit der nebenstehenden Acrylmalerei eine Begegnung und einen Dialog auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Den malerischen Part der Arbeit machen nur wenige Pinselstriche aus. Zwei grüne Linien öffnen sich nach rechts oben und geben dort den Raum für ein paar gelb-rote Linien frei. Auf den ersten Blick korrespondieren vor allem die Farben mit der Blume nebenan. Das Grün mit dem Stengel, die gelbe Farbe mit den Blütenblättern und das Rot mit den Staubbeuteln. Doch dann lassen sich auch in den Oberflächenstrukturen Parallelen entdecken, die schöne Harmonien ergeben. Auch die grünen Linien zeigen sich als eigenständige Interpretation des Stengelverlaufs und die gelben Pinselstriche entspringen der grünen V-Form wie die Blütenblätter der sich öffnenden Knospe.

Verwirrend mag anmuten, dass die fotografierte Lilie die Malerei überlappt und diese dadurch zu einem farblich passenden Hintergrund für die Lilie wird. Gérard A. Goodrow schreibt im Ausstellungsbuch Blütezeit dazu: „Realitätsebenen verschieben sich bzw. werden verschmolzen, so dass die Grenzen zwischen Bild und Abbild, Natur und Kultur, Fotografie und Malerei verwischen und sich auflösen – es entsteht eine Symbiose, in der die Dualitäten nicht nur miteinander versöhnt werden, sondern miteinander verschmelzen.“ (S. 4)

Doch wie kam es zu dieser einzigartigen Symbiose und was vermag sie dem Betrachter zu sagen? Am Anfang steht die Begegnung der Künstlerin mit der Natur. Darauf basierend und durch sie inspiriert hat sie die zarte Farbkomposition gemalt. In einem weiteren Schritt wurden die echten Blüten und die abstrakten Kompositionen auf Papier zusammen als Stilleben-Arrangement fotografiert. Das Resultat ist nicht einfach eine Vergrößerung der komponierten Realität. Das fotografische Abbild gibt den beiden Originalen – Blume und Malerei – nun eine gemeinsame Identität und dadurch eine weitere bzw. eine erweiterte Erscheinungsform auf Augenhöhe. Dem Verlust des Einzigartigen und Unterschiedlichen als auch der Vergänglichkeit steht durch die künstlerische Intervention der Gewinn einer neuen Originalität gegenüber, die sich durch eine untrennbare und unvergängliche Gemeinschaft auszeichnet, die sich unserem Zeitgeist entsprechend zudem unendlich vervielfältigen lässt.

Der künstlerische Prozess macht deutlich wie sich Bild und Abbild durch die menschliche Kreativität in einer stetigen Veränderung befinden. Das Bild sensibilisiert für natürliche als auch für die vom Künstler geschaffene Schönheit der Dinge, die durch die Vergrößerung in fast allen Einzelheiten sichtbar wird. Allerdings weckt die mehrfache Bearbeitung und die ausschnittweise Wiedergabe auch die Frage und die Sehnsucht nach ihrer natürlichen Größe und Ganzheit, Echtheit und Wirklichkeit. Denn so bruchstückhaft unser Erkennen ist und wir uns mit Fragmenten der Wirklichkeit beschäftigen und umgeben, so können wir nur in der realen, ganzheitlichen Welt leben, in der alle Komponenten echt sind. Deswegen sind wir aufgefordert und biblisch gesehen auch berufen (Gen 1,27f), uns mit all unseren Fähigkeiten in die Gestaltung unserer Lebensräume einzubringen und sie in ihrer wertvollen und einzigartigen Originalität zu schützen und zu bewahren.

Neue Schöpfung

Das Bildgeschehen konzentriert sich auf die vertikale Bildachse. Vor einem hellgrauen Hintergrund erhebt sich unten ein Mensch mit ausgebreiteten Armen über den Horizont der Landschaft. Wie in einem gläsernen Fahrstuhl scheint er aus der Tiefe der Erde zu kommen und in den weiten Himmel aufzufahren. In ihm wird gleichzeitig der gekreuzigte, der verstorbene und begrabene, der auferstandene als auch der in den Himmel erhobene Jesus dargestellt.

Über seinen ausgebreiteten Armen erhebt sich ein großes weißes Rund – Symbol für das Himmelreich, für Gott. Unaufdringlich und schön ist seine Gegenwart, kontrastreich verstärkt durch die Lichtbrechung in den Spektralfarben. Wie eine aufgehende Sonne, die den Morgennebel durchbricht, leuchtet die Lichterscheinung in der gräulichen Umgebung.

Schemenhaft sind darin grüne Baumzeichen zu erkennen. Sie sind Symbole des Wachstums und des Lebens und bilden von der Erde emporstrebend gleichsam eine Allee in die sphärischen Höhen. Insofern erinnern sie an die Bäume des Lebens, wie sie der Seher Johannes in der Vision des himmlischen Jerusalems beschreibt:

Der Engel „zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus. Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. […] Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.“ (vgl. Offb 22,1-3.5)

Gottes lebensspendende und heilende Gegenwart wird nicht nur im Gegensatzpaar Licht – Dunkel erfahrbar. Auch die beiden waagrechten Elemente des Bildes – unten die dunkle Erde, oben der bunte Farbbalken – erzählen davon, dass Gott alles neu macht (vgl. Offb 21,5) und die „verbrannte“ Erde in eine neue und leuchtende Daseinsebene zu überführen vermag. Der Dialog zwischen dem wie eine Glut in den Tiefen der Erde versteckten Rot mit dem in die Mitte geholten Rot im himmlischen Farbbalken ist ein weiterer Hinweis, wie Gott die ganze Schöpfung mit der Auferstehung Jesu neu ordnet und wesentlichen Lebenselementen wie der Liebe ihren ursprünglichen zentralen Platz zurückgibt. So wird auch die Kreuzform neu definiert. Im Gegensatz zur menschlichen Kreuzform und den beiden kleinen Kreuzen daneben, die den Tod Jesu und der beiden mit ihm gekreuzigten Männer erinnern, bilden das vertikale Element des Auferstehenden und das horizontale Farbelement eine rettende Zuordnung. Die Gegensätze kreuzen sich nicht, sondern bilden in einem spannungsvollen Miteinander ein Tau-Zeichen, in dem das Leben eingeschrieben ist.

Vom Auferstehenden ausgehend führt das Bild in die Höhe, in die Bildtiefe und Weite, womit es sehr gut eine Visualisierung des Psalms 18 sein könnte. Bilden die runde Lichterscheinung und das darunterliegende Element, das die Erde berührt und sich auf der Höhe des Auferstehenden befindet, nicht eine Art Schlüsselloch und deuten damit einen Zugang zu einem hinter der sichtbaren Welt liegenden Raum an? Jesus ist der Schlüssel zu jener neuen Welt, er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen und Gott, allem Geschaffenen und Ungeschaffenen. Er ist der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), der zum Vater führt, in das Leben, das kein Ende hat.

Austausch – Veränderung!

„Welten“ treffen in dieser Arbeit aufeinander und treten miteinander in Dialog. Da ist die hell bemalte Leinwand, die als Bühne für den Auftritt der drei Hauptakteure dient. Mächtig in der Ausdehnung, doch geschwächt durch den Zahn der Zeit, füllt ein rostiges Blech mit zerfressenen Rändern den unteren Bereich des Bildes. Ihm scheinen zwei schwarze Gestalten zu entsteigen, leicht und unfassbar wie Rauch, und doch wie vom rostigen Element festgehalten.

Alle Darsteller sind mit sich selbst und miteinander im Gespräch. Gleich mehrfach haben sie etwas Dialogisches an sich.

Als erstes erzählt das rostige Blech seine bewegte Geschichte. Sie ist nur bruchstückhaft zu verstehen. Früher muss das Metall hell geglänzt, etwas wasserdicht abgedeckt oder verschlossen haben. Am linken Rand ist deutlich ein kleines rundes Loch auszumachen, an dem es mit einem Nagel irgendwo befestigt war. Am unteren Rand ist eine horizontale Verdickung zu sehen, darüber ein einzelner Riegel. Wozu er wohl gedient hat? Was hat das Blech alles mit- und durchmachen müssen, dass es jetzt so aussieht? Welche Reise hat es zurücklegen müssen, bis es von der Künstlerin gefunden wurde und in dieser Arbeit seinen vorläufig letzten Platz fand?

Zur Bildmitte hin teilt sich das Blech in zwei Bereiche, die sich gegenüberliegen und durch die beiden Auskragungen zur Bildmitte hin einander zugewandt scheinen. Die Rostlöcher und -kanten lassen der Interpretation weiten Spielraum. Ließen sich in den beiden „Armen“ nicht auch Köpfe sehen? Andererseits muten die verrosteten Blechränder wie zerklüftete Küsten im Übergang vom Land zum Meer an. Dann wieder meint man, menschliche und tierische Extremitäten zu erkennen, oder gleich unterschiedliche Gestalten zu sehen, die um einen Viertelkreis herum in Bewegung sind. – Was wird hier für ein Theater gespielt?

Was für eine Rolle spielen die beiden schwarzen Figuren? Sie erscheinen wie Puppen in den mächtigen Fängen eines „Rostmonsters“. Während die linke Gestalt aus dem Kopf der Fantasiefigur zu steigen scheint, vermittelt die aufrecht stehende Gestalt den Eindruck, an ihren spitzwinklig endenden Beinen festgehalten zu werden. Ihre „Köpfe“ befinden sich in etwa auf gleicher Höhe. Die beiden Figuren lassen sich vielleicht am besten mit folgenden assoziativen Wortpaaren beschreiben, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite einen Sinnzusammenhang ergeben müssen: Oberkörper – Vollkörper; bewegt – steif; gestikulierend – zurückhaltend; ungehalten – stolz; männlich – weiblich.

Doch auf der Leinwand sind „nur“ Farbreste zu entdecken, Fragmente oder Rückstände (Detailansicht). Ihre Gestalt ergibt sich wie beim Blech aus der Kombination von dem, was übrig geblieben ist, und dem, was wir darin zu sehen vermögen und glauben.

So kommunizieren alle Elemente des Bildes in mannigfaltiger Weise miteinander und verwickeln letztlich auch uns Betrachter in ihren wortlosen Gedanken- und Meinungsaustausch. Es geht um Schein und Sein, um das, was wir glauben zu sehen, um die inneren Bilder, die das Kunstwerk IN UNS wachzurufen vermag im Verhältnis zu dem, was sich wirklich auf der Leinwand befindet. Das rostige Fundstück stellt aber auch die Frage, wie wir mit den mineralischen Rohstoffen dieser Erde umgehen. Die Farbe des Rosts erinnert an die Erde selbst, an ihre weiten Flächen, an ihre Fruchtbarkeit, an ihren Reichtum. – Wie gehen wir mit ihren Schätzen um? Nehmen wir einfach … in der Meinung, dass sie uns zustehen? Oder empfinden wir sie als Geschenke … wofür wir dankbar sind?

Die schwarzen Farbspuren erinnern entfernt auch an Ölverschmutzungen, an im Meer treibende Ölteppiche. Sie vertiefen die Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit den gefundenen Ressourcen, aber auch mit den von uns veränderten und umgestalteten Materialien. Wie geben wir die von uns gebrauchten Lebensmittel (im weitesten Sinne) wieder der Natur zurück? Geben wir wirklich etwas … oder hinterlassen wir vielmehr? Kennen wir noch eine angemessene Beziehung zur Natur und einen daraus resultierenden fairen Gütertausch mit der „Mutter Erde“ … oder ist sie einfach eine temporäre Goldgrube, die gleichzeitig von unserer Wegwerfgesellschaft unendlich belastet wird?

Es ist gut, wenn Welten aufeinandertreffen. Das regt das Gespräch und den Austausch an. Das stellt Fragen und stellt in Frage. Das sensibilisiert unsere Verantwortung und fördert unser Engagement. Für die ganze Erde, ihre Ressourcen, alle ihre Lebewesen.

Kosmologisch

Runde und rechteckige Formen gestalten dieses in blau-grün-weißen Farbtönen gemalte Bild. Dabei stehen freie Elemente geometrischen gegenüber. Eine Symmetrie wird angedeutet und doch überall aufgebrochen. Mehrschichtig führt das Bild in die Tiefe, die angeschnittenen Elemente jedoch über den Bildrand hinaus in die Weite.

Zwei Welten berühren sich in den verschiedenen Formen. Von unten her erhebt sich im Symbol des Rechtecks die Erde bzw. das Irdisch-Materielle. Von oben her senkt sich in den runden Formen sanft das Unendliche, Göttliche in das Bild hinein.

Die Basis bilden zwei leicht nach links geneigte Rechtecke mit bewegtem Rand. Weiche Formen, in denen sich spiralförmige Abdrücke und gepunktete Spuren befinden, die an Fingerabdrücke erinnern, aber auch an entstehendes Leben. Neblige Goldspuren deuten die Kostbarkeit dieses Bereichs genauso an wie der minimale rote Farbtupfer seine Verletzlichkeit. Im breiten Riss, der die beiden Elemente voneinander trennt, kommt ihre frühere Einheit zur Sprache, vielmehr aber ihre jetzige Zerrissenheit und Trennung.

Im oberen Teil werden sie durch einen halbkreisförmige, weiße konzentrische Linien überlagert und klammerartig zusammengehalten. Diese wiederum werden nach oben gespiegelt und von dort auch nach links und nach rechts, so dass sich eine T-Form ergibt, die auf den beiden aufrecht stehenden Rechtecken aufliegt. Diese weiße Manifestation im Zwischenbereich des Bildes vereint in sich rechteckige wie runde Formen, irdische wie göttliche Elemente. Sie überhöht die rechteckigen unteren Formen, bildet gleichsam einen Altar. Zudem stellt sie einen Übergangsbereich dar, hinter und über dem sich verschiedene Kreisformen erheben.

Der mit lebendiger Linie ganz dargestellte Kreis scheint über dem altarähnlichen Tisch zu schweben. Rund wie ein Himmelskörper ist er doch von der Farbe her anders. Erinnerungen an eine Sonnenfinsternis mögen aufsteigen, auch die seltsamen Gefühle, die einen beschleichen, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und es immer dunkler wird. Doch im weiß gefaßten Kreis finden sich die gleichen Farben wie außen herum. Allerdings sind sie in ihm anders vermischt, hier kommen sie klarer zum Ausdruck – das helle Blau außen, übergreifend, innen das dunklere, intensivere, geheimnisvollere Blau, das die hellen Lichtpunkte besser zur Geltung bringt. Das Firmament ist das Kleid von diesem Himmelskörper, der von oben her wie von einem Kometen besucht oder befruchtet wird. Zu beiden Seiten wird er von runden Linien flankiert und ein erstes Mal gehalten. Wirklich eingebettet ist dieser schwebende kleine Kreis in dem großen, das Bild weit übersteigenden Kreis, der sich an seiner Außenseite mit einer intensiven grünen Bewachsung zeigt und sich fest in das altarähnliche Tischblatt einsenkt – bleibende Gegenwart, bleibende Ver-Bund-enheit.

Eine Schalenform zeichnet sich ab, ein darbietendes Gefäß, über dem sich der weiß umrandete Kreis erhebt. Gedanken an die Eucharistie mögen aufsteigen, Erinnerungen an das eucharistische Hochgebet, das der Priester – während er Kelch und Hostienschale erhebt – mit den preisenden Worte abschließt: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit. Amen.“ Danksagung in ihrer reinsten Form für die Größe und die Schönheit der Schöpfung, für ihre Rettung, für ihre Vollendung durch Gott.

Durch Ihn, mit Ihm und in Ihm

Aus grau-blauen Schattierungen und Linien heraus entwickelt sich ein Geschehen, das räumlich schwer einzuordnen ist. Es hat mit Kreisen zu tun, vor allem einem Umkreisen des Kreuzes.

Alles überragend schwebt es im Bildraum. Es weist keine irdische Größe oder Beschaffenheit auf, sondern verbindet als transzendente Erscheinung mit seinen Kreuzarmen das Oben und Unten, das Links und Rechts und macht das hinter ihm Befindliche für den Betrachter sichtbar.

So erhält das Kreuz eine diffus leuchtende Mitte, die im Gegensatz zum als Menschen ausgeformten Schatten an seinem unteren Ende steht. Aufrecht und mit ausgestreckten Armen steht er in Kreuzform – als von Kreuz Geprägter – unter dem Kreuz, er erscheint als Mittler zwischen den Welten, als derjenige, der auf dem Weltenrund steht, es gleichzeitig überragt, ja in einem weiteren Schattenbild ihm zu entwachsen scheint.

Er steht auf einer Linie, die einen inneren von einem äußeren Bereich trennt. Außen zeigen sich die Striche und Farben verwaschener als Innen. Dadurch wird im Innenbereich das sich offenbarende Geschehen klarer ersichtlich, das sich in den Raum hinein und auf den Betrachter zu entfaltet. Umgeben von einer rötlichen Aura, zieht das „ungeschaffene“ Licht so lange in unregelmäßigen Linien seine „Kreise“, bis es die Mitte der kleinen Weltkugel am unteren Bildrand umfangen hat. Wie der Mensch so in der Verlängerung des senkrechten Kreuzarmes steht, wird neben der Menschwerdung Gottes zudem sein Hinabsteigen thematisiert, umgekehrt auch seine Himmelfahrt und Rückkehr an die Seite seines Vaters angedeutet.

Unaufdringlich werden damit die Worte des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi (2,6-10) hörbar: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt “Jesus Christus ist der Herr” – zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Und an die Gemeinde in Kolossä (1,16) schrieb er: “Denn in ihm wurde alles erschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare … Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand.” (Kol 1,16)

Der unfassbaren Größe dieses Geschehens Rechnung tragend hat die Künstlerin das Kreuz in einen kosmischen Raum gestellt. Als unübersehbares Zeichen für Gottes Wirken in Jesu Leben, Tod und Auferstehung wie für seine bleibende transzendente Gegenwart verbindet es über unsere irdische Wahrnehmung hinaus Raum und Zeit. Durch das Bild wird auch der Betrachter dezent „Gott“ gegenübergestellt, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, Gott zu begegnen. Gott war nicht nur am Anfang der Welt die schöpferisch treibende Kraft, sondern begleitet bleibend den Entstehungsprozess der Welt und seiner Menschen. Wesentlich, von innen heraus, durch seinen Sohn Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist.

Zum Licht

Ein warmes Gelb überzieht mit lebendigen Schattierungen die Fläche. Ein knappes Dutzend sanft geschwungener, dunkelgelber Linien gliedert das Bild horizontal und führt durch die immer kleiner werdenden Abstände in die Tiefe. Sie wirken wie Etappen auf dem Weg zum Licht, das über der sechsten Linie heller aufleuchtet, ohne einen klaren Ursprungsort aufzuzeigen. Der hellere gelbe Streifen kann als Himmel über dem Horizont gedeutet werden, als aufgehende Sonne, die Erde und Himmel in gleichmäßige Helligkeit taucht.

Das Bild strahlt eine große Ruhe aus, lädt zum Verweilen in diesem wohltuenden Licht ein. Die endlosen Waagrechten geben Halt, führen Blick und Gedanken zum Licht in der Ferne. Auf halbem Weg stoßen sie auf ein weißes Schriftband, welches die ganze Bildbreite quert: „… der uns das Licht erschuf, der dem Wechsel der Zeit sichere Ordnung gab, der uns das Licht gibt.“

Hier ist die Rede von jemandem, der das Licht geschaffen und dem Zeitenwechsel von Tag und Nacht eine zuverlässige Ordnung gab, die für uns Sicherheit bedeutet. Während diese beiden Gedanken etwas Geschehenes formulieren, bezieht sich der dritte Teil auf die Gegenwart: „… der uns das Licht gibt.“ In dem Bild schauen wir gewissermaßen das Licht. Wir werden damit einerseits auf das Tageslicht verwiesen, das uns äußerlich in Licht hüllt und uns so die Welt sehen lässt, andererseits auf Jesus Christus, „das Licht der Welt“ (Joh 8,12), der uns innerlich erleuchtet.

Aus dem dreifachen Gedanken um das Licht spricht Dankbarkeit gegenüber Gott. Dankbarkeit für das Licht selbst, für sein regelmäßiges Wiederkommen, für seinen Sohn Jesus Christus, der durch seine Worte und sein Leben einen Weg aufgezeigt hat, der uns Gott in seiner wahren Größe erkennen lässt, einen Weg, der nach aller Auseinandersetzung mit Frieden und Glückseligkeit gesegnet ist.

Leben aus dem Licht

Alles kreist um die Mitte, die sich durch feurige Farben und eine Corona wie bei der Sonne auszeichnet. Fest und doch warm bildet dieser Feuerball das „Herz“ dieses kreisrunden Universums. Ein schwarzgrauer Rand, der nach innen unscharf ausläuft, bildet von der Form, Farbintensität und „Wärme“ her ein Gegenstück zu dieser aus sich selbst heraus strahlenden Mitte. Hart und unmissverständlich begrenzt er diese Welt voller Leben.

Der Raum zwischen Ursprung und Ende lebt durch seine mehrschichtigen Bewegungen. Von hinten nach vorne ist er farblich ähnlich gegliedert wie von der Mitte zum Rand. Kaum sichtbar, bilden weiße Striche als Symbol für das unerschaffene Licht den Grund für alle weiteren Schichten. Die wirklich wahrnehmbare Basis sind jedoch die weichen gelben Pastellstriche, die wie Sonnenstrahlen den Brennpunkt umgeben und wirkmächtig den ganzen Lebensraum durchdringen. Um ihre Bedeutung für die Fülle des Lebens darstellen zu können, sind die Linien weder gerade gezogen noch wiederholen sie sich. Kein Energiestrom gleicht dem anderen, jeder ist einzigartig und bewegt auf seine Weise.

Im Rund verteilt tauchen über der gelben Schicht rote Zeichen auf. Sie sind zum Teil verwischt und wirken wie singuläre Boten der feurigen Mitte – wie Boten der göttlichen Liebe. Wie schwebende Gefäße scheinen sie über die Strahlen hinaus das Leben auf diesem Rund anfeuern zu wollen. Als nächst dunklere Farbe fallen drei blaue Zeichen in der Form eines nach oben weisenden Dreiecks auf. Wie Quellen sind sie um den Feuerbrunnen in ihrer Mitte angeordnet, die Notwendigkeit des Wassers für alles Wachstum andeutend.

Die oberste Schicht bilden graue, feste Striche, die mit dem äußeren Rand eine Einheit erzeugen. Ihre leichten, ja schwungvollen Bewegungen gleichen einem Tanz. Nur sind keine menschlichen Gestalten auszumachen. Und doch kommt es einem vor, als hätte sich eine ganze Gruppe um das Feuer in ihrer Mitte versammelt. Die skizzierten Bewegungen lassen ein Wesen erahnen, etwas Seiendes, das aber mit keinem bekannten Lebewesen vergleichbar ist. Insofern umfasst der in diesem Bild verwendete Strichcode alle Lebewesen.

So kann diese runde Arbeit von Thomas Werk als Sinnbild für die Schöpfung gelesen werden, bei der sich auf der Grundlage des Lichtes, der Wärme und des Wassers auf dem Boden nach und nach das Leben entfaltet. Dabei kommen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde genauso zur Sprache wie die Bedeutung der Sonne für den ganzen Erdenkreis.

Der Gläubige mag darüber hinaus mit den blauen und roten Zeichen an seine Taufe und das Wirken des Heiligen Geistes erinnert werden. Sie helfen ihm genauso wie die gottesdienstlichen Feiern, für die das Tondo symbolisch auch stehen könnte, das Leben im Spannungsfeld zwischen Geburt und Tod, Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, … positiv zu gestalten.

„Gott würfelt nicht“

Eine sehr eigenwillige Skulptur: aus 44 sechsseitigen Spielwürfeln in jeweils zwei Reihen längs und quer zusammengesetzt hat sie der Künstler, ohne auf die Aufeinanderfolge der Augenfelder zu achten.

Die Arbeit trägt eigentlich keinen Namen, aber bescheiden in Klammern gesetzt, steht der bekannte von Albert Einstein überlieferte Satz darunter: „Gott würfelt nicht“. Stammte er nicht von Einstein, nähme man ihn vielleicht nicht so ernst. Es ist eine lapidare Aussage, die selbstverständlich und daher umso verwunderlicher wirkt.

Viele Aussagen über Gottes Eigenschaften wurden im Laufe der Jahrhunderte von Theologen gemacht: allmächtig, allwissend, weise, gütig, gerecht, wahrhaftig … alles positiv, höchstpositiv. Und nun formuliert ein Naturwissenschaftler negativ: „Gott würfelt nicht“. Als ob das jemand angenommen hätte? Oder vielleicht doch?
Was macht denn einer, der würfelt? Er spielt, und zwar ein Glücksspiel. Er wirft einen oder eine bestimmte Anzahl von Würfeln und zählt, wenn sie liegen bleiben, ihre oben liegenden Augen. Er erwartet ein Ergebnis: entweder eine möglichst hohe Punktezahl, um zu gewinnen oder eine Entscheidung in einer mehr oder weniger wichtigen Sache. Aber jedenfalls ein Ergebnis, zu dem er nichts weiter tun muss als die Würfel werfen. Denn wer würfelt, überlässt das Ergebnis dem Zufall, es ist nicht sein eigenes Tun, seine Auswahl, seine Leistung oder sein Verdienst.

So konnte sich Albert Einstein die Entstehung und die Erhaltung des Universums nicht vorstellen. Er glaubte nicht an den Zufall, sondern an die Berechenbarkeit, durch die ihm im Laufe seines Lebens bahnbrechende Einblicke gelungen sind, er glaubte an die überwältigende Fülle der Lebensmöglichkeiten, anstatt an die begrenzten sechs Seiten eines Würfels. Gott richtet sich nicht nach unseren – wie für das Würfelspiel aufgestellten – Regeln und ist nicht auf Gewinn aus. Gott würfelt nicht.

Diesen Inhalt vermittelt der Künstler durch seine Arbeit. Die Form mag für das Göttliche, das Heilbringende stehen, der strenge Aufbau der Würfel für Ruhe und Ordnung, und … dass sie nicht zum Gebrauch zur Verfügung stehen. Sie können aber in ihrer willkürlichen Reihung auch ein Hinweis sein auf die sich so ungeheuer schwer erschließenden Geheimnissen des Universums. Und auch dazu wusste Einstein in seiner einfach-ironischen Art etwas zu sagen: „Falls Gott die Welt geschaffen hat, war es seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können.“

Göttliche Zuwendung

Solche Bilder sind uns von Mandalas her bekannt. Man kann sie drehen wie man will, sie sind von allen Seiten gleich aufgebaut und haben einen klaren Mittelpunkt. Das ruhige grüne Passepartout, in den vier Ecken mit einem stilisierten Blumenmotiv gehalten, führt den Blick wie durch ein Fenster hindurch auf ein rotierendes Gebilde, das aus zwölf Händen und sie verbindenden Linien besteht.

Die Hände kommen von außen, aus dem blauen Hintergrund, und erinnern dadurch an frühchristliche Malereien, in denen Gott und seine Zuwendung zu den Menschen durch eine aus den Wolken ragende Hand dargestellt wurde. Hier wie dort ist die Handhaltung eine segnende. Hier sind die Umrisse der Hand zudem aus Gold: ein traditionelles Zeichen für Gottes Herrlichkeit, unterstrichen durch die goldgestreiften Ärmel eines roten Festgewandes. Gold kann für Macht und Herrschaft gesehen werden, das Rot für sorgende und bergende Liebe.

Gottes Hände rotieren geradezu um das Geschaffene. Sie sind unaufhörlich in Bewegung: segnend, schöpferisch, behütend. Ist das nicht wohltuend zu sehen, wie alles aus Gott Hervorgegangene auch von ihm umgeben ist und gehalten wird? Wir Menschen dürfen uns zusammen mit allem Geschaffenen in diesem Focus von Gottes Aufmerksamkeit und Handeln wissen.

Doch ist das unsere erlebte Realität ? Ist das nicht eher eine Wunschvorstellung? Persönliches Leid, Krankheit, Armut, Verständigungsschwierigkeiten unter Einzelnen, Völkern und Religionen, Naturkatastrophen und, und, und … Gibt es nicht genug Gründe, an Gottes Allmacht und Liebe zu zweifeln?

„Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut“, wurde früher den Kindern mit auf den Lebensweg gegeben. Und dann ging das Leben weiter und überrollte diesen wohlgesetzten, gutgemeinten Kinderspruch, denn er widerspricht zunächst der Lebenserfahrung – wenn er nicht von Anfang an eingebettet ist in ein grünes Passepartout der Hoffnung und des Glaubens. Der Hoffnung, dass Einer eine Regie führt, die wir zwar meistens nicht verstehen; des Glaubens, dass es einen Plan gibt, den nur Gott kennt.

Der Künstler stellt uns diese Gedanken in dem fein gezeichneten Gespinst im Kreis der zwölf Hände vor Augen, das aus einer Vielzahl von geometrischen Formen besteht: wohltuenden Bogen und vielerlei eckigen und kantigen Fragmenten, die für sich allein gesehen sinnlos erscheinen. Doch zusammengefasst ergeben sie ein durchdachtes, harmonisches Gebilde von großer Schönheit.

Wenn es gelingt, diesen Plan zu erhoffen, kann diese Hoffnung zu einem „doppelten Boden“ im Leben führen oder zu einem Netz, das im Absturz hält und trägt. Rainer Maria Rilke hat das in seinem Herbstgedicht von den fallenden Blättern so ausgedrückt: „… und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“. Das stärkt den Glauben und lässt die vielen sich kreuzenden Linien gar zu einem bergenden Gewölbe werden, voll unfassbarer Gnade und Fülle.

Ausstrahlung

Was für eine Wärme geht von diesem Bild aus! Was für ein Sog führt ins glühende Zentrum dieses Bildes! Ungeformte Materie scheint von einem feurigen Kern nach außen geschleudert zu werden und sich dabei, dunkler werdend, zu verfestigen. Darüber schwebend oder darin schwimmend, strukturieren weiße, unförmige, auf die Mitte ausgerichtete Fragmente das Bild. Einige erscheinen uns als flüchtige Wolken, andere, vor allem die größeren, eher als Inseln. Der größten von ihnen ist ein gelber Kreis beigeordnet.

Schöpfung? Das Bild lässt an etwas denken, das im Entstehen ist, das von einer unsichtbaren Mitte gleichsam angezogen und zusammengefügt wird. Es könnte die Anziehungskraft der Erde sein. Die feurige orange-rote Farbe lässt an das brodelnde Innere unseres Planeten denken, an die flüssigen Magmamassen, die hier und dort durch die Vulkane an die Oberfläche treten und die Erde „ursprünglich“ mitgestalten.

Die zentrale Kreisform wie die strahlenförmige Anordnung der weißen Elemente bringen gleichzeitig die Fragilität alles Geschaffenen zur Sprache. So wie sich die Materie gefunden hat, könnte sie durch die geballte und vielleicht auch gestaute Energie auseinander bersten, explodieren. Die „Inseln“ im Glutmeer lassen daran denken, dass der Boden unter den Füßen heiß werden und sich das Leben unter der Sonne schon bald auf einer „dahinschmelzenden Eisscholle“ befinden könnte.

Erinnern die strahlenförmigen wolkenähnlichen Gebilde nicht diskret an das Zifferblatt einer Uhr? – Die Zeit läuft! Auch wenn kein Zeiger genau sagen kann, wie spät es ist! Wie der Klimawandel weist das Bild darauf hin, dass es höchste Zeit ist, sich jetzt unseres Planeten anzunehmen: Ihn als lebendigen Organismus zu beachten, mit ihm achtsam, sorgsam, umsichtig umzugehen und ihn nicht weiter auszubeuten oder wie eine unerschöpfliche Müllhalde zu behandeln.

Die Fragilität von allem Geschaffenen und die damit einhergehende Vergänglichkeit mag ein Grund für einen veränderten Umgang mit unserer Umwelt sein. Mit seiner Ausstrahlung spricht das Bild noch etwas an, das unser Verhalten prägen sollte: die Schönheit der Schöpfung. Ist in ihrer überbordenden Lebensfülle nicht Gottes schöpferischer Geist zu spüren? Kommt in der orange-roten Farbe des Bildes nicht seine Liebe zum Ausdruck, die der Schöpfung zu Grunde liegt und alles Geschaffene im Werden wie im Vergehen durchwirkt, hält und mit Schönheit erfüllt?

Lebenspartner

Leicht wie ein von der Sonne durchleuchtetes Herbstblatt breiten sich die Farben über das Papier aus. Die über das ganze Blatt gehende gelbe Blatt-, Kelch- oder Ballonform ist in einer kleinen schwarzen Markierung am unteren Bildrand verankert. Von hier aus steigt die äußere Form auf der rechten Seite in einem klaren Halbrund nach oben, während die Umrisse auf der linken Seite verschwommen sind. Die Farben scheinen aus der Blattform auszulaufen, Offenheit, Bewegung und Kommunikation signalisierend.

Im oberen Bilddrittel sind lineare Strukturen auszumachen. In ihrer horizontalen Ausrichtung wie in ihrer auffallenden diagonalen Parallelität erinnern die Linien an Äste, die von einem stürmischen Wind in die gleiche Richtung gedrückt werden. Mit einem dieser Äste scheint das „Blatt“ – es könnte aber auch eine Frucht oder etwas ganz anderes sein – fest verbunden zu sein. Goldgelb leuchtet es zwischen vereinzelten dunklen Stellen, auf der einen Seite Reife und Schönheit vermittelnd, auf der anderen Seite auf die Vergänglichkeit alles Geschaffenen hinweisend. Die in das Bild eingemalte Stimmung bringt klar zum Ausdruck, dass diese beiden Komponenten nirgends so nahe beieinander zu finden sind wie im Herbst.

Wie ein Fremdkörper gegenüber diesen Impressionen hebt sich auf der linken Bildseite ein großes rotbraunes L von der übrigen Bildlandschaft ab. Mit seinen harten Konturen und seiner deckenden braunen Farbe springt es förmlich ins Auge. Im Gegensatz zu den fließenden Farben des Hintergrundes muss der Buchstabe aus einer monochromen Fläche ausgerissen und aufgeklebt worden sein. Erratisch steht das geometrische Zeichen da, nur begleitet und gleichsam getragen von einer mysteriösen schwarzen Schriftspur, die in ihrer Unverständlichkeit ebenso fremd anmutet.

Was das L wohl zu bedeuten hat? – Schwer zu sagen! – Es ist zuerst einmal ein isoliertes Zeichen, das in diesem fremden Kontext keinen Sinn ergibt. Es ist ein menschliches Zeichen, ein Ausdruck menschlicher Intelligenz. Allerdings scheint die Künstlerin den Bildtitel „EL“ vom gesprochenen Buchstaben abgeleitet zu haben, wodurch das L als Symbol für Gott gedeutet werden könnte (vgl. Gen 17,1: El Schaddai = Gott, der Allmächtige). – Geheimnisvolle Präsenz dessen, der alles geschaffen hat? Inmitten des schöpferischen Werdens und Vergehens der ganz Andere in abstrakter Fremdheit? – Wieso nicht! Der Buchstabe L könnte auch ein dezenter Hinweis auf Leben, Licht und Liebe sein! Drei göttliche Eigenschaften par excellence, die der Psalmist immer wieder wie im Psalm 36, Vers 6 und 10 besingt: „Herr, deine Güte [= Liebe] reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue [= Liebe] reicht, so weit die Wolken ziehen. … Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (vgl. auch 1. Joh 4,16b: „Gott ist die Liebe …“)

So vermag das Bild im ungleichen Gegenüber von Buchstabe und fließenden Farben vom unaufhörlichen Dialog zwischen Gott und seiner Schöpfung zu erzählen. Durch Sein gesprochenes Wort wurde sie ins Leben gerufen und in Seiner unendlichen Liebe schenkt Er ihr durch alle blühenden und verwelkenden Lebensphasen hindurch eine unvergleichliche Schönheit und Würde.

Veränderungen

„Aus dem Dunkel bricht ein glühender Feuerball hervor und verströmt ein intensiv leuchtendes Licht. Wie von einer schützenden Schale wird das lodernde Feuer halbkreisförmig umfangen. Reliefartig hebt sich die Farbe vom Bildgrund ab und kommt auf den Betrachter zu. Dieser Eindruck steht im Wechsel mit einer Sogwirkung, die den Blick in die Tiefe des Bildraumes lenkt. Helmut Schober versteht seine Malerei als Darstellung von Energie und Licht, deren Erscheinungen er in immer neuen Facetten Ausdruck verleiht. So erinnert der glühende Feuerball an kochendes vulkanisches Gestein, das sich als Lava ergießt. Vorstellbar ist jedoch auch ein kosmisches Ereignis in den unendlichen Dimensionen des Weltalls. Entsteht hier vor unseren Augen ein Gestirn aus leuchtenden Gas- und Staubwolken, dessen Licht in den umliegenden dunklen Weltraum hineinstrahlt?

‚Der Geist des Herrn’, heißt es in einem Kirchenlied (GL 249), ‚erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten’ – diese spirituelle Vorstellung nimmt vor der Malerei von Helmut Schober Gestalt an und lässt das Gedachte zum lebendigen Bild werden. Evokationen an Licht- und Feuererscheinungen, wie sie in der Bibel geschildert werden, schließen sich an: das Pfingstwunder, die Ausschüttung des Heiligen Geistes, der auf die Apostel herabkam und ihr Leben durch Mut und Glaubensstärke veränderte (vgl. Apg 2). Auf dynamische Vorgänge spielt auch der Bildtitel ‚Veränderungen’ an. Diese werden als Prozesse des Glühens, des Aufbrechens und des Verschmelzens visualisiert, offenbaren in der Betrachtung jedoch das Potential einer spirituellen Tiefe, die über das Sichtbare hinausführt.“

Die Betrachtung von Frau Sabine Sander-Fell (IM DIALOG, Zeitgenössische Kunst in Pax Christi Krefeld, 2004, S. 46-47) auf der spirituellen Ebene fortführend, kann das halbkreisförmige Rund auch als großes C gelesen werden, das auf Christus Jesus hinweist, der die ganze Schöpfung umfängt, trägt, bewahrt (vgl. Kol 1,15-20). Wie ein Herz leuchtet die rote Erscheinung in der Mitte dieses göttlich-menschlichen Lebensraumes: Geschützt und doch mit Öffnungen versehen, damit sein feuriger Lebensatem aus der Tiefe aufsteigen und sich über die ganze Welt ausbreiten kann. Die roten Schattierungen, die wie Wellen über die Bildoberfläche wogen, deuten auf die Wärme der göttlichen Liebesglut hin, die als heißer Atem die erloschenen Glaubensfeuer sorgsam wieder zu entfachen und zu beleben vermag.

Dieser glühend roten Mitte wohnt eine gewaltige Kraft inne. Es erinnert an die zerstörerische Macht des Feuers, an die Explosionen und Kriege, die unsere Welt und unsere Herzen erschüttern und auch das Ende der Welt ins Blickfeld rücken. So gesehen kann das Bild bedrohlich wirken und Angst machen. Es kann aber auch die Bitte um den göttlichen Beistand auslösen, „den Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht“ (Jes 11,2), damit wir mit Mensch und Umwelt richtig umgehen können und es eben nicht zu einer Katastrophe kommt.

Übrigens: Je dunkler der Raum wird, in dem das Bild hängt, um so mehr leuchtet die rote Farbe! Ob auch darin ein Bild für den Heiligen Geist gesehen werden darf, der in unserer Mitte um so mehr aufleuchtet, als uns die Lebenssituation bedrückt und einengt? Das Bild veranschaulicht gewissermaßen, wie Gott mit der schöpferischen Kraft seines Geistes, die Veraltetes auseinanderfallen und Neues entstehen lässt, in den Menschen gegenwärtig ist, sie von innen her verändert, aufbrechen und neue Wege beschreiten lässt. – Weil sie Seine Kraft und Führung erfahren, aber auch die Geborgenheit in Ihm.

Die Broschüre IM DIALOG, Zeitgenössische Kunst in Pax Christi Krefeld mit vielen Abbildungen und hervorragenden Beschreibungen zu den 33 Kunstwerken kann für Euro 3,50 + Porto im Pfarrbüro bestellt werden: pfarrbuero@pax-christi-gemeinde-krefeld.de

Ewiger Schöpfungstag

Eine große Stille schwebt über dem ganz in Blautönen gemalten Bild. Hier wird uns in mystischer Sprache ein Geschehen offenbart, das in geheimnisvoller Entfernung liegt. Durch die blaue Farbe spricht alles von Gott und dem Wirken seines Geistes. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde … und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ (Gen 1,1-2) Ehrfurchtsvoll schafft der Künstler durch die schlichte symbolische Farb- und Formenwahl einen visuellen Andachtsraum.

Dominiert wird das Bild in der Mitte durch eine Senkrechte, die das Oben mit dem Unten verbindet. Oben wird in drei waagrechten Schichtungen wolkenartig der Himmel angedeutet, symbolisch aber die Dreifaltigkeit dargestellt, die sich in ihrer „Mitte“ lichtvoll entfaltet. Dem gegenüber liegt unten ein breites waagrechtes Element, das zum Betrachter hin dunkler wird und ehrfurchtsvollen Abstand zum gewaltigen Geschehen der Schöpfung schafft. Es kommt mir vor, als wolle der Künstler damit unsere Rolle als Zuschauer unterstreichen, in der wir eigentlich nur mit dem Psalmisten staunend beten können:

„Herr, mein Gott, überaus groß bist du!
Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet.
Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel,
du spannst den Himmel aus gleich einem Zelt. …
Du hast die Erde auf Pfeiler gegründet;
in alle Ewigkeit wird sie nicht wanken.
Einst hat die Urflut sie bedeckt wie ein Kleid,
die Wasser standen über den Bergen.
Sie wichen vor deinem Drohen zurück,
sie flohen vor der Stimme deines Donners.
Sie stiegen die Berge hinauf
sie flossen hinab in die Täler,
an den Ort, den du für sie bestimmt hast.“

(Ps 104,1-2.5-8)

Genau dies wird uns im Mittelfeld offenbart, der Blick auf das göttliche Wirken ist frei. Wir sehen den Himmel geöffnet, Gott in seiner lichten Dreiecksform der Erde zugeneigt. Gott gießt sich aus der Fülle seines Wesens aus (Jes 55,10-11), teilt sich uns mit. Gleichsam als Antwort hat der Künstler auf Gottes Mitteilung die ansteigenden Hügel und das sich dadurch bildende Tal gestaltet. Ebenbildlich, stellvertretend für alles Geschaffene auf Erden. Denn wie auf den Bergen spiegelt sich das weiße göttliche Licht – seine „Unterschrift“ – auf allen Kreaturen, nicht zuletzt in uns Menschen.