Gefäß der Menschlichkeit

Das bauchige Gefäß strahlt in seiner schlichten Form viel Menschliches aus. Mit seiner großen Basis steht es geerdet und standfest da. So schnell lässt es sich nicht umwerfen. Durch die nach hinten versetzte Öffnung wölbt sich der vordere Bereich wie eine stolz geschwellte, Selbstbewußtsein ausstrahlende Brust … trotz des großen Risses im Holz.

Der Schwundriss, der bei der Holztrocknung entstand, mutet wie eine Verletzung an, eine äußere Beeinträchtigung, die manche als Makel oder Verlust an Schönheit empfinden und der für sie schnellstens beseitigt und behoben gehört.

„trotz dem“ steht in Goldbuchstaben neben dem Riss. Die zwei Worte sind ein Zeichen des Widerstandes, des Protests. Trotz des Risses kann das Gefäß für die Aufbewahrung von Gegenständen gebraucht werden. Vor allem kann es an das Wesentliche erinnern, das jenseits seiner praktischen Funktion liegt: Das Da-Sein an sich und die Schönheit selbst. Trotz seiner Beeinträchtigung hat es eine Daseinsberechtigung und gerade damit darf es Wertschätzung erfahren.

Das Gefäß ist weitgehend rot bemalt. Wie ein Kleid bedeckt die rote Farbe den weißen Grundton, der an der Basis wie ein Unterkleid noch zu sehen ist. Die rote Farbe leuchtet warm wie ein Mantel der Liebe und der Barmherzigkeit, der über die verletzte Unschuld geworfen wurde, als wollte gesagt werden: Trotzdem bist du geliebt.

So ist das bauchige Gefäß voller Symbolik und Parallelen zu uns Menschen. Niemand von uns ist perfekt. Jeder von uns hat früher oder später irgendwo einen „Sprung“, eine äußere oder innere Beeinträchtigung. Wunden gehören zum Leben ebenso wie die Spuren von Brüchen, Unfällen oder unserem Lebenswandel. Sie sind die „Schwachstellen“, an denen unser Inneres offenbar wird und Licht auf unsere verborgenen oder dunklen Schattenseiten fallen kann.

Sehr schön kommt das im Kintsugi zur Geltung, der japanischen Kunst Tongefäße zu reparieren. Zerbrochene Gefäße werden nicht weggeworfen, sondern in einem aufwändigen Prozess so wieder zusammengefügt, dass sie dauerhaft halten und brauchbar bleiben. Zum Schluss werden die Sprünge und Bruchstellen vergoldet, wodurch dem Gefäß und seiner Geschichte eine besondere Wertschätzung verliehen wird.

So lässt auch das Holzgefäß mit seinem golden geschriebenen „trotz dem“ (an sich wird das Wort trotzdem zusammengeschrieben, doch durch die Trennung wird es sinnhafter!) über den Umgang mit den Widerwärtigkeiten, Unglücken und Brüchen nachdenken, die wesentlich zu unserer Existenz gehören. Wir sind nicht perfekt, es kann nicht alles gelingen, es kann nicht alles heil bleiben, allein schon wegen unserer Schwächen und unserer Vergänglichkeit.

Gerade deswegen besteht das Leben aus vielen unentwegten Trotzdems. Trotzdem leben wir. Trotzdem arrangieren wir uns und versuchen wir das Beste daraus zu machen. Das bauchige Gefäß ist eine Aufforderung, allen widrigen Gegebenheiten zu trotzen und zu widerstehen. Seine Aufschrift motiviert, etwas dennoch zu machen, auch wenn man keine Lust oder keine Motivation dazu hat. Sie ist eine Einladung, trotzdem Werte zu haben und sich für sie einzusetzen, auch wenn andere diese nicht teilen, weil sie ihnen sinnlos oder zu kostspielig erscheinen. Sie ist eine Einladung, trotz der vielen Enttäuschungen an das Gute im Menschen zu glauben, trotzdem zu vertrauen und immer wieder einen neuen Versuch zu wagen.

Mutter Teresa: Trotzdem

Die Leute sind unvernünftig,
unlogisch und selbstbezogen;
LIEBE SIE TROTZDEM
Wenn du Gutes tust, werden sie dir
Egoistische Motive und Hintergedanken vorwerfen,
TUE TROTZDEM GUTES
Wenn du erfolgreich bist,
gewinnst du falsche Freunde und echte Feinde,
SEI TROTZDEM ERFOLGREICH
Das Gute, das du tust, wird morgen vergessen sein,
TUE TROTZDEM GUTES
Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar,
SEI TROTZDEM EHRLICH UND OFFEN
Was du in jahrelanger Arbeit aufgebaut hast,
kann über die Nacht zerstört werden,
BAUE TROTZDEM
Deine Hilfe wird wirklich gebraucht,
aber die Leute greifen dich vielleicht an,
wenn du ihnen hilfst,
HILF IHNEN TROTZDEM
Gib der Welt dein Bestes,
und sie schlagen dir die Zähne aus,
GIB DER WELT TROTZDEM DEIN BESTES.

(Zeilen auf einem Schild an der Wand von Shishu Bhavan, dem Kinderheim in Kalkutta)

Von der Arbeit “trotz dem” gibt es auch eine Postkarte (Voransicht), die unter der Bestellnummer 6043 beim Künstler bestellt werden kann.

Entscheidung gefragt

Am 18. Oktober 2009 wurden im Grossmünster von Zürich neue Fenster geweiht. Der Künstler Sigmar Polke hat sie gestaltet. Zwischen sieben in gedämpfter Buntheit leuchtenden Fenstern aus geschnittenen Achatsteinen und fünf Gestalten aus dem Alten Testament fällt eines, das der Künstler „Der Menschensohn“ benennt, aus dem Rahmen. Nicht nur, weil es keine bekannte Figur darstellt, ungewöhnlich ist auch die weiß-schwarze Farbgebung und die Gestaltung als oszillierendes Wechselbild.

Seit vielen Jahren arbeitet Sigmar Polke jahrhundertealte, meist bekannte Bilder auf dem Computer so um, dass sie zu modernen Schöpfungen werden. Hier veränderte und vervielfachte er das Wechselbild von menschlichen Profilen und Kelchen und brachte es in einen neuen Kontext ein.

So zeigen sich in dem Rundbogenfenster nun auf vier Ebenen scherenschnittähnliche schwarze menschliche Profile, die sich gegenseitig anschauen. In der vertikalen Mitte fügen sie sich zu Janusköpfen, dem Symbol der Zwiespältigkeit. Zwischen den Gesichtern flutet mal schmaler, mal breiter, weißes Licht, das über den Rand des obersten Gefäßes, einem geheimnisvollen Kelch mit weit ausladender dunkler Schale, nach unten zu strömen scheint.

Und plötzlich eine Veränderung: wo eben noch schwarze Gesichter im Profil waren, sind nun weiße Kelche zu sehen, Kelche in verschiedenen Größen und Formen. Und so wechselt das Bild zwischen Kelchen und Menschen in einer geheimnisvollen Interaktion. Erstaunlicherweise wird der singuläre Kelch im Rundbogen kaum von dieser Oszillation berührt.

Was kann der Künstler mit seiner Darstellung für eine Botschaft vermitteln wollen? Und warum der Titel Menschensohn?

In der Frühzeit der hebräischen Bibel war der Menschensohn einfach Einer oder Jemand unter den vielen Menschen. Später wurde das Wort für den ersehnten transzendenten Heilbringer gebraucht, bis sich im neuen Testament Jesus an mehreren Stellen mit diesem Begriff identifizierte. Im gleichen Sinn gebraucht Sigmar Polke das Wort Menschensohn und symbolisiert den Heilbringer oder das Heil mit dem Kelch (Jesus wird in der katholischen Messfeier „Kelch des Heiles“ genannt). Das Wort Heil hat aber durch seinen Missbrauch im Nationalsozialismus an Bedeutung und Überzeugungskraft verloren. Es ist beschädigt worden. Weisheit, Wahrheit, Liebe bieten sich an für das, was vom Kelch ausgehend, wie reines Licht zwischen den Menschenköpfen fließt. Wir sprechen auch von der Schale der Weisheit. Es lohnt sich, im Zusammenhang mit dem Fenster im biblischen Buch der Weisheit den überwältigenden Hymnus auf die Weisheit (7,22 – 8,1) zu lesen: ein Text voller poetischer Schönheit und Wahrheit. Auch als Wahrheit und als Liebe lässt sich das Licht deuten, das zwischen den Menschen fließt und ihr Leben hell machen kann. Sie geben dem menschlichen Geist einen weisen und gütigen Charakter. Der Künstler bringt dies mit den im Profil dargestellten Köpfen zum Ausdruck. Durch das göttliche Licht erhalten wir die Möglichkeit, es aufzunehmen und unserer Seele und unserem Geist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Profil zu geben, welches insbesondere in der Begegnung mit dem Nächsten heilsam zum Tragen kommt.

Majestätisch steht der von Licht umflutete und in erhabenes Grau getauchte Kelch über den Menschenköpfen. Als Heilbringer steht er fest und unveränderlich. Aber sein Angebot verursacht im Menschen ein Schwingen und Pendeln zwischen Annahme und Verwerfung, zwischen Hosiannah und „Kreuzige ihn“, zwischen Dunkel und Licht, weil es die Wahrheit ans Licht bringt. – Damit ist Gottes Heil in unsere Zwiespältigkeit, aber auch in unsere Freiheit hinein gegeben. An ihm scheiden sich nicht nur die Geister, auch wir Menschen. Entweder wird sein Wort und seine Herkunft geglaubt, oder sie werden abgelehnt.