Spirituelles Fadenspiel

Filigran und leicht wie eine Erscheinung sind die feinen Baumwollfäden ins Freiburger Münster gespannt. Zu Gruppen zusammengefasst queren sie in alle Richtungen das gewaltige Kirchenschiff und bilden in ihrer Gesamterscheinung ein feines Innenzelt zur gemauerten Raumhülle. Ein verdichtetes Auftreten der Strahlenbündel ist im Chor und im Eingangsbereich über der Orgel zu beobachten. In diesen beiden Bereichen sind mehrere Fadengruppen symmetrisch angeordnet, womit die Lichtbahnen die Ordnung, Harmonie und das Nach-Oben-Streben der Kathedrale auf moderne Art und Weise interpretieren und zum Ausdruck bringen.

Die Installation von Elke Maier spannt sich durch den ganzen Kirchenraum. Ihn nicht verdeckend oder beeinträchtigend, sondern ergänzend, betonend, hervorhebend, neu erfahrbar machend. Eine temporäre Intervention wie die im Münster gefeierte Liturgie in allen ihren Elementen. Wie wir Gast auf Erden sind, so ist die Installation Gast in der Kathedrale. Sie darf für eine begrenzte Zeit in ihr verweilen und den Kirchenraum mit ihrer eigenen Schönheit bereichern. Im Dialog mit der aus Stein gebauten Kirche entstanden, fügt sich die Installation auf Augenhöhe in den kunstvollen Innenraum der Kathedrale ein. Elke Maier gelingt es durch ihre künstlerischen Fähigkeiten und ihren enormen Arbeitseinsatz auf einzigartige Weise den gotischen Kirchenraum so zu bespielen, dass die unsichtbare Gegenwart Gottes durch das Licht aufzuleuchten und zu vibrieren vermag.

Die feinen Fäden bringen den Betrachter zum Staunen, während ihre Blicke an den scheinbar in der Luft hängenden Fäden entlanggleiten: himmelwärts auf ihren gebündelten Ausgangspunkt zu, erdwärts den sich auffächernden Sonnenstrahlen entlang, die sich wie ein Lichtsegen auf den Gläubigen niederlassen. Es ist eine meditative, erhebende Kunstintervention, die durch das staunende Verstummen zur Betrachtung der sich verändernden Lichtverhältnisse einlädt. Sie motiviert zur spielerischen Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk durch ein stilles Schreiten unter den sich hoch oben kreuzenden und durch das Licht sich stetig verändernden Fadenharfen. Die Bewegung in diesem durch die Fäden veränderten Raum wird zur Selbsterfahrung, zum Spiegel der eigenen Größe bzw. Kleinheit im ungleich größeren Zusammenspiel der vielen Faktoren, die das Leben ermöglichen, beeinflussen und gestalten. Die Fäden lassen an das Fadengeflecht im eigenen Leben denken, an die festen, dauerhaften Beziehungen, die uns halten, an die temporären Begegnungen, die uns in ihrer Eindrücklichkeit dennoch prägen und weiter durch das Leben begleiten.

Wie das Licht sich in den Fäden verfängt und diese stellenweise zum Leuchten und Klingen bringt, entdecken wir vielleicht auch Gottes Wirken in den vielfältigen Beziehungen unseres Lebens. Wie sein Wirken unser Leben licht- und klangvoll begleitet, es segensreich verändert und dadurch seine Gegenwart für alle sichtbar und erfahrbar werden lässt.

 

Leben in Gemeinschaft mit Gott

Der HERR ist mein Licht und mein Heil:
Vor wem sollte ich mich fürchten?
Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens:
Vor wem sollte mir bangen?
Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen,
meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.
Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen.
Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich:
im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens;
die Freundlichkeit des HERRN zu schauen
und nachzusinnen in seinem Tempel.

Denn er birgt mich in seiner Hütte am Tag des Unheils;
er beschirmt mich im Versteck seines Zeltes,
er hebt mich empor auf einen Felsen.

Nun kann sich mein Haupt erheben über die Feinde, die mich umringen.
So will ich Opfer darbringen in seinem Zelt, Opfer mit Jubel,
dem HERRN will ich singen und spielen.
Höre, HERR, meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und gib mir Antwort!
Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht!
Dein Angesicht, HERR, will ich suchen.
Verbirg nicht dein Angesicht vor mir;
weise deinen Knecht im Zorn nicht ab!
Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht,
verlass mich nicht, du Gott meines Heils!

Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf.
Weise mir, HERR, deinen Weg,
leite mich auf ebener Bahn wegen meiner Feinde!

Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis;
denn falsche Zeugen standen gegen mich auf und wüten!
Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz!
Und hoffe auf den HERRN! 
Psalm 27

Die Rauminstallation ist noch bis 28. September 2026 im Freiburger Münster zu besichtigen.

Verbindungsstark

Dieses Kreuz überrascht und irritiert mit seinen schwarzen Kabelsträngen. Verschiedene Strom- und Informationskabel sind mit Kabelbindern zusammengebunden. Die freigelegten Kabelenden spreizen sich wie vor Schreck erstarrte Finger von jemandem, der einen Stromstoß erleidet und dem die Haare zu Berge stehen. Todesnot kommt zum Ausdruck, obwohl kein Mensch zu sehen ist. Das durch Kabel geformte Kreuz mag befremden. Was hat das Kreuz mit diesen Kabeln und was haben die Kabel mit dem Kreuz zu tun? Wie können sie in Verbindung zueinander gebracht werden? Was vermag es über Jesus auszusagen?

Grundsätzlich können die Kabel für alle unsere Beziehungen und Verbindungen stehen, sei es mit Menschen, Tieren, der Natur oder Gegenständen. Da erzählen sie von der Energie, die wir in etwas hineinstecken, von elektrisierenden Begegnungen, bei denen Funken überspringen oder von spannenden Beziehungen. Auf der anderen Seite begegnen wir vielen Menschen, die durch die vielen Anforderungen oder die fehlende Möglichkeit, mal abzuschalten, permanent unter Strom stehen. Die ständige Belastung kann zu einer Überlastung führen, bei der die Leitungen irgendwann schmelzen und durchbrennen. Ein Kurzschluss ereignet sich, die Sicherungen brennen durch, Menschen erleiden einen Burnout und können nicht mehr weiterarbeiten.

Strom- und EDV-Kabel stehen für die Übermittlung von Energie und Informationen. Ohne sie können wir uns unser Leben kaum mehr vorstellen, denn sie sind zum Standard unserer Informationsgesellschaft geworden. Besonders der elektrische Strom bildet die Grundlage für den Austausch vieler Informationen, die wir für unser Leben und Arbeiten brauchen. Ohne ihn würden große Teile unserer Infrastruktur zusammenbrechen und das heutige Leben über kurz oder lang aufhören zu existieren. Das Kreuz wird aus dieser Sicht zum Sinnbild einer aus unzähligen Kreuzungspunkten und Schnittstellen vernetzten Informationsgesellschaft, die von dieser Vernetzung abhängig ist. Das Kreuz regt an, unsere kulturellen und technischen, unsere gesellschaftlichen als auch religiösen Abhängigkeiten zu hinterfragen, damit sie sich nicht zwischen Gott und uns stellen.

Die gekreuzten Kabel deuten an, dass die Energie und die Informationen in alle Richtungen fließen. In der Kreuzform sind sie sichtbarer Ausdruck für die Vermittlungs- und Verbindungsfunktion von Jesus. Er hat Gottes Wort zu den Menschen gebracht, der Menschen Nöte gesehen und gehört und sie dann verstärkt an den Vater weitergeleitet. Jesus hat nicht nur Gott und die Menschen durch seinen Tod miteinander versöhnt, er hat mit seinen ethischen Grundsätzen auch die Voraussetzungen für einen barmherzigeren und gerechteren Umgang unter uns Menschen und mit der ganzen Schöpfung geschaffen.

Die offenen Kabelenden signalisieren vielfältige Anschluss- und Kontaktbereitschaft. Mit isolierten Enden wäre das nicht möglich. Doch so bildet jeder Kreuzesarm ein breit gefächertes Angebot an Anknüpfungspunkten, als sollten damit möglichst viele angesprochen werden können. Und gerade weil jeglicher Schutz weg ist und die Verletzungsgefahr so am größten ist, kann, auf der Basis von Vertrauen und Hoffnung auf das Gute, Berührung mit dem Wesentlichen stattfinden, kann Energie von Herz zu Herz fließen.