Den richtigen Weg finden

Sieben farbige Kreise umgeben einen goldenen Mittelpunkt. Die Farb- wie die Richtungswechsel der Linien faszinieren. Veränderung wird spürbar. Je nachdem, wie man schaut, können die Kreise treppenförmig in die Tiefe hinunter oder auf einen Kegelspitz hinaufführen. Entscheidend ist die Sichtweise.

Ebenso geht es mit dem Zugang zur Mitte. Er ist auf der linken Seite des Kreises in Form einer dynamisch aufsteigenden Diagonale angeordnet, die sich aus den Kehrtwendungen der farbigen Linie ergibt. Doch welches ist der Eingang zur Mitte? Ist der lehmbraune Hintergrund die Gehfläche, so würden sich gleich zwei Zugänge und zwei Verzweigungen zwischen den farbigen Begrenzungen ergeben. Aber alle endeten früher oder später in Sackgassen, denn nur der direkte Weg hinter dem rechten Zugang führte zur Mitte.

Bei dieser Sichtweise stellt sich unweigerlich die Frage, ob dieser siebenfach geschützte goldene Mittelpunkt so leicht zugänglich sein kann. Schließlich stellt er in seiner goldenen und runden Vollkommenheit etwas sehr Kostbares und für die meisten Menschen Unerreichbares dar. Und doch, so wie sich die goldene Mitte frei im Innenraum befindet, auf der gleichen Ebene wie der Hinter- oder der Untergrund, bietet sich visuell diese Möglichkeit des Zugangs. Wer die Kraft dieses goldenen Mittelpunktes spürt, der wird nicht lange Umwege machen wollen, sondern so schnell wie möglich die größtmögliche Nähe dieser Kraftquelle suchen.

Von oben betrachtet und von der Mitte ausgegangen wird jedoch sichtbar, dass die farbige Linie – wenn auch mit Umwegen – der einzige Weg ist, der direkt auf den Mittelpunkt zuführt. In sieben Kreisen umrundet ihr Lauf die Mitte, bis sie unmittelbar vor ihr endet – allein schon durch die Anzahl ein geradezu heiliges Ritual.

Dieser eine Weg hat den Vorteil, dass es unmöglich ist, sich zu verirren. Dadurch wird er einem aber nicht leichter gemacht. Die Wegführung wirkt manchmal gar zermürbend. Relativ schnell vermag man das erste Drittel zurückzulegen und bis zur Mitte vorzudringen. Doch dann beginnen die Seitenbewegungen. Hin und her führt der Weg über drei Wendungen an den Rand und zum Anfang zurück. Dieser Wegbereich ist durch die Farbe Magenta geprägt.

Ein weiteres diagonales Wegestück führt zu den nächsten drei Rundungen. Sie sind in der Grundfarbe Cyan gehalten. Die äußerste von ihnen bildet gleichzeitig die mittlere der sieben Umrundungen. An ihrem Ende führt sie nach einer Linksbiegung in die unmittelbare Nähe des goldenen Kreises, aber auch an ihm vorbei. In der roten Farbe ist erstmals die Kraft der goldenen Mitte erfahrbar. Was muss von dieser goldenen Mitte für eine Energie ausgehen, dass der in ihre Nähe Kommende wie von einem immateriellen Feuer ergriffen zu glühen und brennen beginnt?

Doch der Weg führt wieder von der Mitte weg. Erst nach zwei weiteren Umrundungen schwenkt er direkt auf sein Ziel zu. So abrupt wie er draußen begonnen hat, hört er vor dem kleinen goldenen Kreis auf. In der unmittelbaren Begegnung mit der goldenen Mitte flammt die rote Farbe wieder auf. Sie lässt spüren: der Weg war nicht vergebens. Angesichts des mühsam Gesuchten, des ganz Anderen, geht seine unendliche Kraft auf den über, der den Ruf der Mitte angenommen und bis zu ihr durchgehalten hat. Verweilen wird angesagt sein, bevor der Weg dann wundersam gestärkt von innen nach außen gegangen werden kann. Erfüllt von der Begegnung mit ihm wird man als Verwandelter in den Alltag zurückkehren und dort allein schon durch die persönliche Ergriffenheit sein Dasein in unserer Mitte verkünden.

Alle Bilder aus diesem Zyklus 12 x 1

Durchblick – Anblick

Schwer zu sagen, wohin der Blick durch diesen schwarzen Rahmen führt. Außen klar abgegrenzt verläuft der breite Strich am inneren Rand und geht verwaschen in das blaue Innenfeld über. Feine Linien in weißer bis golden brauner Farbe erfüllen diesen gewölbten Raum mit Leben, scheinen von unten wie Rauch aufzusteigen, wie geistige Feuerzungen den Raum zu füllen, wie Wasser einer dreifach gefassten Quelle zu entspringen.

Die Dreiviertelkreise in der unteren Hälfte umgeben eine Mitte, die nur von unten zugänglich ist. Dadurch wird die Tiefenwirkung verstärkt, der Blick durch den dicken, festen Tür- oder Fensterrahmen hindurch und weiter die drei Bögen in das Bild hineingezogen. Man kann nur eintauchen in die Tiefe und Weite dieser von Licht durchdrungenen blauen Farbe, sich berühren lassen von dem feinen Leben, das der geheimnisvollen Mitte kraftvoll und doch ruhig entströmt.

Ob man zu weit geht, wenn man in der innersten Umschreibung die Andeutung eines Kinderkopfes sieht, bei dem mit der Öffnung unsichtbar das Kinn suggeriert wird? Vielleicht wird mit dem Zwischenraum auch auf den Mund dessen hingewiesen, der Worte voller Weisheit sagte, ja das Wort selbst ist, das göttliche Wort. Sieht es nicht aus, als würde aus dieser in unendlicher Tiefe gründender Mitte unaufhörlich gegeben und wir dadurch stets empfangen?

So ist es letztlich kein Blick in die Ferne. Eher steht man beim Verweilen vor dieser Arbeit unmittelbar vor dem Antlitz Christi, das zurückhaltend von der Ausstrahlung seines Wesens umgeben wird. Ein Blick durch das Fenster in ein Haus, das alle Begrenzungen übersteigt, ein Blick auf den, der uns einlädt, einzutreten und ihm nachzufolgen, denn er selbst ist die Tür zu einem erfüllten Leben.

Rose und Mensch

Ein rosarotes Feld mit schönen Schattierungen dominiert das Bild. Erst auf den zweiten Blick mag in den Formen und Schattierungen eine Rosenblüte sichtbar werden. Im Vergleich zum Stern neben ihr und den feineren Strukturen unter ihr schwebt sie – es sind kein Stiel und keine Blätter zu sehen – geradezu übergroß im Bildraum.

Dieser ist dem Stern nach und der Pyramide unter ihm im Außenraum anzusiedeln, im Bereich zwischen Himmel und Erde. Der gelbe Boden suggeriert im Zusammenhang mit der Pyramide zudem eine Wüste, die Neigung auf der rechten Seite die Wölbung der Erde.

Da, mitten drin, umgeben von lilafarbenen Spurenelementen, in der roten Farbe intensiver, aber dennoch mit der Rose darüber korrespondierend, eine liegende menschliche Gestalt. Ihre Größe ist schwer auszumachen. Im Vergleich zur Rose über ihm erscheint der Mensch klein und irgendwie auch einsam. In seiner roten Farbe erweckt er den Eindruck voller Leben, voller Liebe zu sein. Die Farbspuren um seinen Kopf lassen aber auch seine Verletzlichkeit spüren, vielleicht auch schon die seelische und körperliche Gewalt, die er später einmal erleiden muss.

Wer den lila Farbspuren nachgeht, wird um das Menschenkind herum zwei feine, gerade Linien entdecken. Erstaunlich: dieser Bildbereich scheint aufgeklebt, eine Collage, ein Ausschnitt aus einem anderen Bild zu sein. Ob die Künstlerin dem Betrachter damit sagen will, dass dieses Menschenkind seinen Ursprung an einem anderen Ort hat? Der Gedanke scheint nicht abwegig, denn über eine lila Farbspur im Stern ist direkt über dem Kind in der linken oberen Ecke des Bildes ein ähnliches Bildelement angesiedelt, allerdings mit einer organischeren Begrenzung. Es ist, als wäre der Himmel hier aufgerissen und der Ausschnitt darunter ganz klar dem Himmel zugehörig. Dadurch kann dem Kind eine göttliche Abstammung zugeschrieben werden. Der da allein in der weiten Wüste daliegt, nur von mysteriösen lila Farbspuren umgeben, muss Gottes Sohn sein. Der Stern über der Pyramide kündigt an: Gott selbst schenkt der Welt seinen Sohn. „Unweit“ der Pyramiden wurde er im Nahen Osten geboren.

Doch wieso mag die Künstlerin die Rose so groß gemalt haben? Worauf will sie mit ihr wohl hinweisen? Ob sie an das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ aus dem 16. Jahrhundert erinnern will, in dem Jesus als die Rose besungen wird, als das „Blümlein“, das aus dem Rosenstock Maria hervorging und als dessen Wurzel Jesse gesehen wird? Im Vergleich mit dem Bildmotiv „Wurzel Jesse“ (z.B. Wikipedia) wird deutlich, dass die Künstlerin durchaus Bildelemente verwendet haben mag. Die liegende Gestalt könnte auch Jesse darstellen, über dem (und durch die im Bild unsichtbare Maria) die wunderbare Rosenblüte Jesu aufgeht. Sie ist größer als der Stern, der ihn angekündigt hat. Sie wächst von der Erde her dem Himmel zu, Gott und die Menschen wunderbar und neu miteinander verbindend.

Wenn aber in der Rose eine symbolische Darstellung von Jesus betrachtet wird, erhält auch die liegende Gestalt eine neue Bedeutung. Neben dem Jesuskind oder seinem Stammvater Jesse kann in ihr auch ganz einfach der Mensch in seiner Erbärmlichkeit und Hilfsbedürftigkeit gesehen werden. Was wir im Bild in einer kosmischen Schau zusammensehen, sieht der liegende (und damit aufschauende) Mensch sich über ihm entfalten. Im Symbol der Rose sehen wir, wie sich Gott durch Jesus in Liebe dem Menschen zuwendet, ihm machtvollen und doch sanften Beistand schenkt.

Ein Licht strahlt auf

Eine Vielzahl an Blautönen verleiht diesem Bild eine faszinierende Stimmung. Wolkenartig gehen sie ineinander über, zu den Bildrändern hin dunkler werdend, im unteren Bereich die schattigen Umrisse einer menschlichen Gestalt in sich bergend, nach oben geradezu vor der hellen Lichterscheinung zurückweichend.

Das Bild lebt von diesem Gegensatz, bei dem sich Hell und Dunkel nicht feindlich gegenüberstehen, sondern durchdringen. So sind in jedem Bildteil Farbnuancen aus anderen Bereichen zu finden. Am stärksten kommt dies im dialogischen Gegenüber des hellen Zentralbereichs und der zu einer Schale geformten Kreatur am unteren Bildrand zum Ausdruck. Gekrümmt und armselig liegt die menschenähnliche Gestalt am Boden. Sie ist nicht viel mehr als ein Schatten in der Nacht. Ihre Konturen sind vage, nur das Gesicht vermeint man wahrzunehmen. Der Kopf erscheint erhoben, die rechte Hand ans Ohr gelegt, um besser hören und sehen zu können. Alles an ihr ist auf die Lichterscheinung über ihr ausgerichtet Diese bildet ein Dreieck, in dessen Innerem ganz Unterschiedliches gesehen werden kann, da sich die Helligkeit zur Mitte hin verdichtet und nach unten eine auslaufende Struktur aufweist, wie sie Regenböen eigen ist. Unaufdringlich wird mit diesen Symbolen göttliches Wirken angedeutet. So kann im Dreieck der dreieinige Gott gesehen werden, der sich vom Himmel her dem in der Dunkelheit darbenden Menschen zuneigt und ihn mit der blauen Spitze ganz zärtlich zu berühren scheint, um ihn nicht zu verletzen und doch aufzuwecken. In der hellsten Stelle der Lichterscheinung ist zudem eine senkrecht stehende menschliche Gestalt zu erkennen. Sie scheint die Arme ausgebreitet zu haben und nur mit einem Lendenschurz bekleidet zu sein. Ist es der Gekreuzigte, Jesus, der sich im Licht dem in der Dunkelheit liegenden Menschen offenbart? Oder darf in der Erscheinung auch ein Engel gesehen werden, der vom Licht aus der Höhe umgeben auf die Erde niedersteigt? Die violetten Wolkenfetzen lassen zudem an einen dritten Austausch zwischen den beiden denken, an etwas, das auf den Liegenden herunterfällt.

All das lässt in dem Bild etwas Adventliches sehen. Dabei kann der Liegende als das Volk Israel, das seinen Retter erwartet, oder als Maria, die Auserwählte, gedeutet werden. Schon der Prophet Jesaja (9,11) kündigte an: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

Durch das aufstrahlende Licht ist dieser Mensch fortan nicht mehr allein. Der Retter kommt und bringt Licht in die Dunkelheit, Leben in die Unbeweglichkeit. Schon … und doch noch nicht. Aber das Licht ist in Sicht und erste Berührungen und heilende Begegnungen finden statt. Die größte Sehnsucht ist gestillt, das ungewisse Warten macht einer absehbaren Erwartung Platz.

Christus, der Herr

Wer die Kirche des Heilig-Geist-Klosters in Wickede-Wimbern betritt, wird nicht anders können, als auf die neue Chorwandgestaltung zu schauen. Ein großes Segel in hellen Farben bildet zusammen mit einem roten Band den Kontrast zum hängenden Bronzekreuz von Dr. Else Hoffmann aus dem Jahr 1978 und lässt in ihm den gekreuzigten und auferstandenen Herrn wahrnehmen. Dieses künstlerische Ensemble beherrscht als visuelle Attraktion den Kirchenraum und gibt Besucher:innen, Betenden und Feiernden Orientierung und Perspektive.

Das Stoffsegel und seine Bemalung lassen ganz verschiedene Zugänge zu, von denen hier nur einige beleuchtet werden sollen. Zum einen steigt das Stoffsegel wie eine Flamme vom Altar auf. Was in dieser Flamme aufleuchtet, hat seinen Ursprung in der Hingabe Jesu, in seiner Liebe zu uns Menschen. Für uns und unser Heil ist er gestorben (vgl. Röm 5,6). So wird in der übergroßen Flamme die übergroße Liebe Gottes zu uns Menschen sichtbar. Die helle Flamme hinterfängt dabei das dunkle Kreuz und gibt ihm den neuen Hintergrund der Auferstehung und des Lebens. Was am Altar gefeiert wird, ist das Gedächtnis seines Todes und seiner Auferstehung.

Bis ins Kreuz hinein ist alles von der Kraft der Auferstehung und des Lebens durchdrungen. Das schwere Kreuz hat die Last des Todes verloren. Es schwebt und Jesus selbst scheint im freien Innenraum des Kreuzes zu schweben. Noch sind die Arme ausgebreitet, aber Hände und Füße sind nicht mehr ans Holz genagelt. Dieses Kreuz verkündet die Überwindung des Todes und zeigt Jesus als Christus, den Herrn als Befreier, der allen Besucher:innen den österlichen Willkommensgruß zuspricht: „Friede sei mit euch.“ (Joh 20,19)

Dabei scheint Christus im Kreuz über der blauen Fläche zu schweben und vermag an den Sturm auf dem See Genezareth zu erinnern, bei dem er über das Wasser auf seine Jünger zuging. In dieser Klosterkirche geht Jesus auf die Gläubigen zu. – Gott kommt zu den Menschen. – Die finden sich unvermittelt in der Rolle des Petrus wieder, der auf den Ruf seines Herrn das mehr oder weniger sichere Boot verlässt und im Glauben versucht über das Wasser auf den Herrn zuzugehen. Doch angesichts des heftigen Windes bekam er Angst, zweifelte und begann unterzugehen, so dass Jesus ihn retten musste. (vgl. Mt 14,24-31)

Durch die mandorlaartige Form und die zentrale Lichterscheinung, welche von sonnengelben Farbbahnen begleitet wird, vermittelt das Kunstwerk eine freudige Begeisterung. Im Dialog mit dem Kreuz wird wie bei der Taufe (Mt 3,17) oder der Verklärung Jesu göttliche Offenbarung spürbar erlebbar. Man hört förmlich Gottes Stimme aus dem Licht heraus sagen: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,5)

Umgekehrt können auch Worte von Jesus gehört werden, der mit weit ausgebreiteten Armen zu seinem Vater betet: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,25-30)

Solche Worte ermutigen, solche Lichtblicke tun der Seele gut. Denn das große Altarbild kann auch als Segel eines Bootes oder Schiffes gedeutet werden, das sich Kirche oder Gemeinde nennt. Es ist sichtlich zu spüren, dass hier ein neuer, guter Wind weht, ein Wind, der dieser Gottesdienstgemeinde und Klostergemeinschaft eine klare, hoffnungsvolle Richtung gibt.

Eine zusätzliche Dynamik erhält die Installation durch ein schmales langes Band in Rottönen, das sich so von rechts oben zum Kreuz hinunter schwingt, dass es das Kreuz visuell mitträgt (Nahansicht). Dadurch steht der Auferstandene nicht nur im Dialog mit seinem Vater, der hinter ihm steht, aber im unzugänglichen Licht wohnt, sondern auch mit dem Heiligen Geist, der ihn führt und mit Kraft erfüllt.

Was für eine Vision! Was vermögen sich dem Glaubenden dadurch für Horizonte zu öffnen! Ist es zu verwegen, sich in Jesus hineinzuversetzen, um sowohl die liebende Nähe des Vaters als auch die belebende Kraft des Heiligen Geistes zu erfahren?

Großformatige Wandkalender, Postkartenkalender und Karten mit Motiven von Eberhard Münch sind im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich: www.adeo-verlag.de

Lichtmystik

Ruhe geht von diesem Bild aus. Der Umstand mag von den diffusen, matten Farben ausgehen, aber auch von dem mehr oder weniger symmetrischen Aufbau.

Die fließenden Farbübergänge lassen keine klare Formenzuordnung erkennen. Alles ist verschwommen, nur angedeutet. Und doch wecken diese Andeutungen innere Bilder, die in der blauen Fläche im unteren Drittel einen See wahrnehmen lassen, der von Laubbäumen im Herbstkleid umgeben ist. Passend zu diesem Eindruck breitet sich darüber in einem ganz anderen Blau ein wolkenloser Himmel aus, an dem die Sonne scheint. Ihr helles Licht schafft eine blaßweiße Aura, die sich nebulös in der Wasseroberfläche unter ihr spiegelt.

Das verschwommene Bild könnte den Eindruck eines Sehbehinderten widergeben, der seine Umgebung nur in Farbschatten wahrzunehmen vermag (vgl. die Heilung des Blinden in Betsaida, der in zwei Schritten wieder klar zu sehen und zu erkennen vermag, Mk 8,22-25). Doch durch die Unschärfe wird die Landschaft auch vergeistigt. Sie scheint über das natürlich Gewachsene und Entstandene hinauszuwachsen. Die Unschärfe verleiht dem Bild einen Zauber, sein Licht verklärt es und lässt transzendente Dimensionen in ihm entdecken. Durch den Bildaufbau wird der Betrachter Teilhaber dieses Prozesses. Beim Anschauen wird sein Blick von den dunkleren Randbereichen weg in die Mitte gezogen, um im Raum zwischen den beiden Lichterscheinungen ihre Spannung auszuhalten.

Das hellere, obere Licht scheint gleichsam wie ein Nebel nach unten zu rieseln, durch die Wasseroberfläche hindurch in die Tiefen des Sees zu sinken. Eine doppelte Tiefenbewegung findet statt, die zur Sammlung und Meditation beiträgt. So wird inmitten der Unschärfen die dynamische Kraft dieser mystischen Bildkomposition spürbar, aus den unkonturierten, blassen Farbanteilen ein Ganzes geschaffen. So, wie ein zunächst trüber, enttäuschender Herbsttag in der Gänze des Zusammenspiels seiner Farben verhalten schön erlebt werden kann. Denn communicatio liebt nicht nur die lauten, grellen und schrillen Töne. Kommunikation teilt sich auch im Stillen und ganz Unscheinbaren mit.

Dies ist ganz im Sinne der Künstlerin, die mit dieser Arbeit für das Cochlear Implant Centrum (SCIC) der TU Dresden den Versuch unternahm, gehörlosen Kindern oder Erwachsenen den Übergang in das normale Leben zu erleichtern. Im SCIC werden hochgradig hörgeschädigten Patienten innovative elektronische Innenohrprothesen, sog. Cochlea-Implantate zur Verfügung gestellt. Bei der Therapie werden visuelle Zugänge in das Behandlungskonzept eingebunden, weil Licht und Farbe wertvolle sensorische Informationen für eine komplexe kommunikative Rehabilitation der Betroffenen darstellen. Im Dresdner Universitätsjournal 13/2011 berichten Dr. Katharina Florek und Prof. Dirk Mürbe, dass Helene B. Grossmann das innere Erleben vieler Cochlea-Implantat-Träger „sehr treffend reflektiert“ hat. „Die Stimme, die Implantatträger am Anfang hören, ist oft sehr undeutlich und ohne Information. Nach langer Stille verdichten sich Geräusche und Klänge allmählich zu verstandener Sprache – zum Licht.“

Zum Licht

Ein warmes Gelb überzieht mit lebendigen Schattierungen die Fläche. Ein knappes Dutzend sanft geschwungener, dunkelgelber Linien gliedert das Bild horizontal und führt durch die immer kleiner werdenden Abstände in die Tiefe. Sie wirken wie Etappen auf dem Weg zum Licht, das über der sechsten Linie heller aufleuchtet, ohne einen klaren Ursprungsort aufzuzeigen. Der hellere gelbe Streifen kann als Himmel über dem Horizont gedeutet werden, als aufgehende Sonne, die Erde und Himmel in gleichmäßige Helligkeit taucht.

Das Bild strahlt eine große Ruhe aus, lädt zum Verweilen in diesem wohltuenden Licht ein. Die endlosen Waagrechten geben Halt, führen Blick und Gedanken zum Licht in der Ferne. Auf halbem Weg stoßen sie auf ein weißes Schriftband, welches die ganze Bildbreite quert: „… der uns das Licht erschuf, der dem Wechsel der Zeit sichere Ordnung gab, der uns das Licht gibt.“

Hier ist die Rede von jemandem, der das Licht geschaffen und dem Zeitenwechsel von Tag und Nacht eine zuverlässige Ordnung gab, die für uns Sicherheit bedeutet. Während diese beiden Gedanken etwas Geschehenes formulieren, bezieht sich der dritte Teil auf die Gegenwart: „… der uns das Licht gibt.“ In dem Bild schauen wir gewissermaßen das Licht. Wir werden damit einerseits auf das Tageslicht verwiesen, das uns äußerlich in Licht hüllt und uns so die Welt sehen lässt, andererseits auf Jesus Christus, „das Licht der Welt“ (Joh 8,12), der uns innerlich erleuchtet.

Aus dem dreifachen Gedanken um das Licht spricht Dankbarkeit gegenüber Gott. Dankbarkeit für das Licht selbst, für sein regelmäßiges Wiederkommen, für seinen Sohn Jesus Christus, der durch seine Worte und sein Leben einen Weg aufgezeigt hat, der uns Gott in seiner wahren Größe erkennen lässt, einen Weg, der nach aller Auseinandersetzung mit Frieden und Glückseligkeit gesegnet ist.

Aufsteigende Gedanken – Gebet?

Eine unbegrenzte, graue Fläche bildet die Bühne für den Auftritt einer Vielzahl von Linien. Waagrecht und senkrecht gliedern sie das Hochformat. Übereinander gelagert erzählen sie die spannungsvolle Geschichte von Verwandlung und Aufstieg.

Auffallend sind die horizontalen Risse im grauen Grund, der an eine Felswand erinnern mag. Die Risse sind nicht durchgehend. Sie erscheinen wie Spannungsrisse, wie Bewegungen im Innern der Materie. In ihrem bewegten und individuellen Ausdruck können sie auch als Atemschlitze gesehen werden, durch die ein überlebenswichtiger Austausch mit der Außenwelt stattfindet. In ihrer Anordnung übereinander bilden sie schließlich eine Art Leiter, auf der es aufwärts geht.

Diese Aufwärtsbewegung wird durch lineare Zeichnungen unterschiedlicher Farben erzeugt. Dem dichten Schwarz ganz unten folgen mit zunehmender Höhe blasse Schriftzüge, dann tauchen erste nach oben zeigende Pfeile auf und es breitet sich ein dreiecksförmiger, nach oben spitz zulaufender „Teppich“ aus goldfarbenen Strichen aus. An seinem höchsten Punkt verdichtet er sich in seiner Struktur und zeigt – von einem geradezu leuchtenden Pfeil unterstützt – über sich und damit auch über den Rand des Bildes hinaus. Darüber – oder ist es mehr ein Dazwischen? – sind kurze hellgraue Striche auszumachen, die sich zu rätselhaften handschriftlichen Zeichen formen.

Die waagrechten Schrunden und die undurchschaubaren Strichzeichen stellen viele Fragen. Was ist jeweils ihre Bedeutung? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Was mag die Aussage des Farbwechsels sein? …

Die glatte Oberfläche erinnert neben dem Gestein auch an die Haut eines Körpers, die von Falten und Rissen, von Schnitten, Wunden und Narben gezeichnet ist. Sie haben Öffnungen entstehen lassen, die einen Austausch zwischen dem für uns sichtbaren Davor oder Äußeren und dem unsichtbaren Dahinter oder Inneren ermöglichen.

Die dunklen und immer heller und goldener werdenden Striche stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit diesen großen waagrechten Zeichen. Es ist, als würden sie aus den feinen Spalten herauskommen und an der Oberfläche entlang aufsteigen. Ist im Dunkeln noch das Schwere und Schmerzvolle zu spüren, beginnt der innere Ausdruck immer mehr zu atmen, scheint er von einer fremden Kraft erfasst gewandelt nach oben getragen zu werden.

So können die Zeichen für unser Gebet stehen, das aus wortlosen Tiefen unserer vielgestaltigen Erfahrungen aufsteigt. Schmerzen und Leiden, Freuden und Glück finden dann vielleicht in Gedanken und Worte, die ihnen verstandesmäßigen Ausdruck verleihen. Doch bleibt Platz für das schlichte Sehnen nach Hilfe und Heilung, nach einem Ausdruck der Dankbarkeit an einen gefühlten göttlichen Beistand.

Das Bild visualisiert damit einen wesentlichen Aspekt unseres urmenschlichen Mitteilungsbedürfnisses. Es stellt nicht unsere Verwandlung dar, sondern diejenige unserer Anliegen. Haben sie unten noch materielle Dichte und Schwere, werden die für sie stehenden Striche nach oben zunehmend heller und erhalten im Symbol des goldenen Dreiecks göttliche Unterstützung. Ist das nicht eine wunderbare Vision? Eine ermutigende Einladung, alles, was uns beschäftigt, aus uns herauszulassen, Gott mitzuteilen, zu ihm aufsteigen zu lassen? Dabei kann es geschehen, dass die Nähe der Transzendenz so spürbar, so erlebbar wird, dass alle Bitten und alle Worte verstummen. Auch das, oder gerade das, ist Beten und auch dahin weisen die goldenen Pfeile.

Leben aus dem Licht

Alles kreist um die Mitte, die sich durch feurige Farben und eine Corona wie bei der Sonne auszeichnet. Fest und doch warm bildet dieser Feuerball das „Herz“ dieses kreisrunden Universums. Ein schwarzgrauer Rand, der nach innen unscharf ausläuft, bildet von der Form, Farbintensität und „Wärme“ her ein Gegenstück zu dieser aus sich selbst heraus strahlenden Mitte. Hart und unmissverständlich begrenzt er diese Welt voller Leben.

Der Raum zwischen Ursprung und Ende lebt durch seine mehrschichtigen Bewegungen. Von hinten nach vorne ist er farblich ähnlich gegliedert wie von der Mitte zum Rand. Kaum sichtbar, bilden weiße Striche als Symbol für das unerschaffene Licht den Grund für alle weiteren Schichten. Die wirklich wahrnehmbare Basis sind jedoch die weichen gelben Pastellstriche, die wie Sonnenstrahlen den Brennpunkt umgeben und wirkmächtig den ganzen Lebensraum durchdringen. Um ihre Bedeutung für die Fülle des Lebens darstellen zu können, sind die Linien weder gerade gezogen noch wiederholen sie sich. Kein Energiestrom gleicht dem anderen, jeder ist einzigartig und bewegt auf seine Weise.

Im Rund verteilt tauchen über der gelben Schicht rote Zeichen auf. Sie sind zum Teil verwischt und wirken wie singuläre Boten der feurigen Mitte – wie Boten der göttlichen Liebe. Wie schwebende Gefäße scheinen sie über die Strahlen hinaus das Leben auf diesem Rund anfeuern zu wollen. Als nächst dunklere Farbe fallen drei blaue Zeichen in der Form eines nach oben weisenden Dreiecks auf. Wie Quellen sind sie um den Feuerbrunnen in ihrer Mitte angeordnet, die Notwendigkeit des Wassers für alles Wachstum andeutend.

Die oberste Schicht bilden graue, feste Striche, die mit dem äußeren Rand eine Einheit erzeugen. Ihre leichten, ja schwungvollen Bewegungen gleichen einem Tanz. Nur sind keine menschlichen Gestalten auszumachen. Und doch kommt es einem vor, als hätte sich eine ganze Gruppe um das Feuer in ihrer Mitte versammelt. Die skizzierten Bewegungen lassen ein Wesen erahnen, etwas Seiendes, das aber mit keinem bekannten Lebewesen vergleichbar ist. Insofern umfasst der in diesem Bild verwendete Strichcode alle Lebewesen.

So kann diese runde Arbeit von Thomas Werk als Sinnbild für die Schöpfung gelesen werden, bei der sich auf der Grundlage des Lichtes, der Wärme und des Wassers auf dem Boden nach und nach das Leben entfaltet. Dabei kommen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde genauso zur Sprache wie die Bedeutung der Sonne für den ganzen Erdenkreis.

Der Gläubige mag darüber hinaus mit den blauen und roten Zeichen an seine Taufe und das Wirken des Heiligen Geistes erinnert werden. Sie helfen ihm genauso wie die gottesdienstlichen Feiern, für die das Tondo symbolisch auch stehen könnte, das Leben im Spannungsfeld zwischen Geburt und Tod, Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, … positiv zu gestalten.

Dreifache Kraft Gottes

Klein steht der Mensch in diesem gewaltigen Farbenraum. Er ist in ein schlichtes graues Gewand gekleidet und hat sein Haupt nach vorne geneigt. Ein Pilger? Ihm gegenüber quert eine graublaue Senkrechte wie eine Mauer das Bild. Er scheint nicht weiter zu kommen, am Anschlag zu sein, aufgeben zu müssen, zu resignieren. S-förmige Bogenlinien deuten an, dass er sich auf einem Weg befindet – und da diese vom unteren Bildrand ausgehen, steht die Person symbolisch auch für uns Betrachtende und lädt uns ein, diese ausweglose Situationen mit ihm zu teilen.

So verloren dieser Mensch im Bild steht, er ist nicht allein. Er steht nicht im Dunkeln, sondern in einem Licht, das seinen Anfang in der rechten oberen Ecke nimmt. Von hier aus wirkt eine dreifache Aktivität in das Bild hinein. Zum einen der Lichtstrahl selbst, dann ein dynamischer Farbbogen, und schließlich ein Kreuz, das mit seinen Armen das Bild in der Waagrechten durchquert.

Es steht still im Hintergrund. Mit seiner weißen Präsenz gibt es Halt und Ordnung. Der alles überspannende Kreuzesarm wirkt beschützend. Es erinnert an den Tod Jesu, an seine Ohnmacht angesichts des Todes und wie er nur in Verbundenheit mit seinem Vater stark sein konnte. In Verbindung mit dem Leiden und der Auferstehung Jesu sind auch der Lichtstrahl und der Farbbogen zu lesen.

Der Lichtstrahl steht für das die innere Dunkelheit erhellende Wort Gottes. Gott spricht! Wenn ich von mir absehe und mich ihm zuwende, kann ich seine Stimme in mir hören, die Worte, die er mir in der Stille zuspricht, wahrnehmen. Sein Wort kleidet in Licht und öffnet die Sinne für neue Möglichkeiten und Wege. Es offenbart die liebende Gegenwart Gottes, die in der roten U-Form uns Menschen umgibt und Geborgenheit schenkt, es lässt die Hoffnung durch das warme gelbe Licht der Auferstehung spüren und neben dem Unüberwindbaren auch die lichte Öffnung in der Bildmitte erkennen.

Neben dem Kreuz (Jesus) und dem Wort Gottes (Vater) ermutigt und stärkt der sich ins Bild hineingießende Farbbogen (Hl. Geist) den im Bild stehenden Menschen. Oben schwach erkennbar, entfaltet der luftige Farbbogen nach unten immer mehr seine spritzige Farbkraft und durchdringt dabei den Menschen und gibt ihm durch die unterfangende Bewegung gleichzeitig Standfestigkeit.

So offenbart sich uns ein dreifaltiges Geschehen, das in dem, der sich und Gott seine Schwäche eingesteht, seine Kraft und Macht entfaltet. Ein pfingstliches Geschehen. Welch ein Anlass, ein Fest zu feiern.

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Er schaut mich an

Eingebettet in einen neongelben Farbrahmen, ist im Vordergrund ein gestaltetes Kreuz zu sehen, darüber gleich einer Lichterscheinung ein frontal dargestelltes Gesicht. Die Ecken und Ränder des Bildes weisen grauschwarze Schattierungen auf, so dass der Focus noch mehr auf das weiße Gesicht in der Bildmitte gelenkt wird. Seine Konturen sind verschwommen, doch die weit geöffneten Augen und der wie zum Pfeifen zugespitzte Mund sind klar zu erkennen. Daneben ist eine erhobene Hand mit einer großen Wunde zu sehen.

Wie das Gesicht über dem Kreuz angeordnet ist, muss es dasjenige von Jesus sein, der im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel als „Licht vom Licht“ bezeugt wird. Wie aus dem Sonnenlicht tritt er uns in diffusem Weiß gegenüber. Als Sohn des Lichts und gleichzeitig als der Menschensohn begegnet er uns, entrückt und doch gegenwärtig, durch das Kreuz vom Betrachter getrennt und über es erhöht, uns doch nahe. So sind Jesu Herkunft und Aufgabe, sein Tod wie seine Auferstehung, seine Erhöhung ebenso wie seine Rückkehr zum Vater im Bild zu spüren. Zentral wird jedoch der Wendepunkt des Todes, der Auferstehung und des Abschieds von Jesus dargestellt.

Dunkel ragt der Kreuzstamm von unten in das Bild hinein. Das diesem Bereich eingeschriebene, schwarze Quadrat kann für vieles stehen. Es kann als Symbol für abgrundtiefe Nacht und Verlassenheit in den Todesstunden gedeutet werden, aber ebenso für das Grab oder den Zugang zum Reich des Todes, in das er hinuntergestiegen ist, um alle zu retten, die verloren waren. Die Kreuzmitte ist mit einem braunen Quadrat besetzt. Es sieht wie eine Öffnung aus. Kann es ein Symbol sein für den Übergang in eine andere Dimension, den wir uns nach dem Tod erhoffen? Darüber steht eine menschliche Gestalt mit ausgebreiteten Armen. Ob sie den Gekreuzigten oder bereits den zum Himmel Emporgehobenen darstellt, ist nicht einfach festzustellen. Da sie aber im oberen Teil des Kreuzes im Übergang zum Gesicht steht, mag sie eher den Auferstehenden darstellen, der noch die dunkle körperliche Schwere besitzt, sich aber bereits von allem Irdischen löst. In den waagrechten Kreuzesarmen mag rechts die Kälte des Todes bzw. des Winters dargestellt sein, links mit dem grünen Blätterpaar das aufkeimende Leben und die Hoffnung.

Von der Auferstehung kündet neben dem weißen Gesicht Jesu auch die erhobene Hand. Mit dem Wundmal offenbart sie dem Schauenden, dass Jesus wirklich der zum Leben auferweckte Gekreuzigte ist. Wie Jesus im Bild schaut und die Hand erhoben hat, erinnert er an die Begegnung mit den Jüngern nach seiner Auferstehung. Auch Thomas war dabei. Da trat Jesus durch die verschlossenen Türen hindurch „in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,26-29)

Das durch und durch mit positiven Zeichen gestaltete Bild (auch das an sich negative Kreuz bildet eher ein Pluszeichen und ist von Verwandlung und Leben durchdrungen) vermittelt eine durch und durch von Ostern geprägte Ermutigung des Betrachters. Wie eine Ikone möchte es unseren Blick zur wahrhaftigen Begegnung mit Jesus führen, damit Sein Anblick bei uns Gutes bewirkt, heilt und ermutigt. Und ist sein Mund nicht so geformt, als würde er uns anhauchen und mit der Gabe des Heiligen Geistes beschenken? – Genauso wie er es damals mit seinen Jüngern gemacht hat, damit sie mutig in die Welt ziehen und in Tat und Wort seine frohe Botschaft verkünden? (vgl. Joh 20,19-23)

Im Heute sind wir seine Jünger. Von ihm mit Gaben beschenkt und befähigt, Gutes zu tun und Licht zu den Menschen zu bringen. Genauso wie Er.

Neues Leben

Ruhig geben sich die Farben und Formen dem Auge des Betrachters. Oben und als Hintergrund dominieren warme Gelb- und frische Grüntöne, unten und näher beim Betrachter rotbraune Farben mit weißen Farbtupfern. Filigran und vergänglich wie farbige Blätter im Herbst bilden sie den Boden des Bildes. Aus drei verschwommen dargestellten Basen steigt ein Dickicht von braunen Strichen bis in die farbigen Spitzen empor. Sie suggerieren geknickte Hölzer. Und das Ganze ist zusammengefügt zu einer Krone, einer Dornenkrone.

Das Gebilde ist nicht erhaben und ziert auch keinen Kopf. Die „Krone“ liegt vielmehr wie niedergelegt am Boden, Niederlage und Tod gleichzeitig symbolisierend. Wenn da nicht die vielen kleinen weißen Blüten wären, die in diesem Dickicht von Zerbrochenem von Leben zeugen und es wunderbar verkünden.

Ein Auferstehungsbild? Die blühende Dornenkrone vermag genauso von der verspottenden Dornenkrönung Jesu während seiner Passion zu erzählen wie von seiner wahren Königswürde als Sohn Gottes. Sie spricht im dreiteiligen Fundament die drei Tage der Grabesruhe an, in den weißen Blüten seine Auferweckung von den Toten. So wächst das Bild von unten nach oben dem Licht entgegen, bildet links stellvertretend für die ganze Schöpfung ein Ahornblatt und streckt sich nach dem Licht rechts oben.

Das ganze Bild strömt eine wohltuende Wärme aus. Von Vergänglichkeit oder Tod ist nicht mehr viel zu spüren. Übermächtig wirken das Aufstrebende und die Fülle des Lebens. Doch die verdorrten Zweige sind die Grundlage für das neue Wachstum. An und auf diesem Dornengebilde treiben die siebzehn weißen Blüten. In ihnen ist keine farbliche Altlast zu sehen, sondern kindliche Reinheit und Neuschöpfung. Sie künden von der Größe ihres Schöpfers, der sie nach dem Winterschlaf durch die Wärme der Sonne ans Licht gerufen hat. Auferweckung durch und durch.

Sieg des Lichts

Licht und Dunkel stehen sich in diesem Bild gegenüber. Nicht mehr im Kampf, sondern in entspannter Ruhe und Ordnung zeigen sie sich. Mittig und erhaben leuchtet weißes Licht, welches die dunklen Elemente in die Ecken verdrängt. Über allem schwebt ein vertikaler Balken, der weder Licht noch Dunkel ist, sondern ganz aus Gold.

Alle Symbole sprechen von einer finalen Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod, ja vom Sieg des Lebens über den Tod! Wie aus einer anderen, immateriellen Welt dringt das Licht durch die türartige Öffnung in den diesseitigen Lebensraum hinein; an seinen Rändern sich in sonnengelbe, dann orange Farben wandelnd und Wärme ausstrahlend. Alles soll licht und warm werden. Das Angstmachende, Einengende, Lähmende, Verschließende und zum Tod Führende muss endgültig weichen. Links unten lösen sich die rechteckig erstarrten Elemente auf, rechts ist das Wegrollen einer schweren Kreisform zu spüren.

Licht und Dunkel stehen sich nicht nur farblich, sondern auch in den beiden Kreisformen im Bild gegenüber. Während der dunkle Kreis das Bild verlassen muss, scheint die helle Kreisform von oben hereinzukommen. Ihr Wesen ist mit Transparenz, Zuneigung und, wie es das goldene Element in sich aufnimmt, mit Offenheit zu beschreiben. Diese Kreisform steht für das unendliche Leben, für das Transzendente, für Gott.

Hier wird mit gestalterisch formalen Mitteln Auferstehung gefeiert. Im senkrechten Rechteck begegnet uns der von den Toten Auferweckte. Mit der goldenen Farbe wird auf seine göttliche Herkunft hingewiesen, mit seiner erhöhten Position auf seine Rückkehr zum Vater und die Verherrlichung zu seiner Rechten. Die drei gelben Waagrechten muten wie Stufen an und mögen an sein Hinabsteigen in das Reich des Todes erinnern, gleichzeitig aber auch sein Heraufsteigen nach drei Tagen Grabesruhe.

Ob es so geschehen ist? Keiner weiß es. Es ist ein Bild des Glaubens. Ein Glaubensbild, das von der unzerstörbaren Kraft des Lebens erzählt. Es ist ein Bild, das alle einlädt, dem einst Geschehenen zu trauen, über die gelben Stufen gleichsam ins Licht zu steigen und sich so in das Werk der Erlösung hineinnehmen zu lassen.

Wucht des Todes noch
schwarz hingesetzt
verfügt der Tod
hingerollt der Stein aus Angst
tot-sicher
Ende
aller Herrlichkeit.
Weggewälzt
die dunkle Last
frei der Blick
das Tor zum Licht.
Das Grab hielt ihn nicht mehr
unfassbar leer
der Schreckens-Freude Raum:
„Er ist nicht mehr hier.
Auferstanden ist der Herr.“
Ausgestreckt am Kreuze einst
zum Himmel auf der Schrei
Abstiegsweg ins Totenreich
erhoben aus dem Grabe, hell
eint Erd und Himmel – ER.
Lebendiger der eine Weg zum Vater hin
SEINE Liebe, grenzenlos.
Umfasst du ihre „Länge und Breite,
Höhe und Tiefe“ geformt in der Geschichte des Abstiegs?
Auferstanden von den Toten ist der Herr,
lebt das WORT:
„Ich lebe – und auch ihr werdet leben.“

(Lyrik von P. Meinulf Blechschmidt in: Sehen – Glauben – Leben. Gedanken zum Glaubensbekenntnis, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2007, S. 39f, ISBN 978-3-87071-166-5)

Ermutigung

Ob wir ohne Hinweise das Bildthema finden würden? In unterschiedlich beige-braunen Farbtönen, mehrheitlich mit waagrechten Pinselstrichen auf die Leinwand gebracht, breitet sich das Bildmotiv vor unseren Augen aus. Hier und dort sieht es aus, als würden diese manchmal auch orangen und blauen Farbspuren etwas im Hintergrund verdecken, dann wieder werden sie selbst von rechteckigen Collagen mit Strichmotiven, kleinen Figuren und Schriftzeichen überlagert. Ein wahrhaft mehrschichtiges Bild.

Am klarsten lässt sich in der rechten Bildhälfte „Steh auf und ess!“ entziffern. Dies ist eine Aufforderung an jemanden, der sitzt oder liegt und wieder zu Kräften kommen soll. Im Bild selbst ist keine Person zu entdecken, an die diese Worte gerichtet sein könnten. Doch das ziemlich zentral platzierte Wortzeichen „FLŊΛ“ lässt unwillkürlich an den Propheten Elija denken, der nach der Todesdrohung durch die israelische Königin Isebel Angst und Depressionen bekam und in die Wüste floh. „Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb.“ (1 Kön 19,4-8)

Über die beiden Schrifthinweise und im Zusammenhang mit der biblischen Erzählung können nun die beige-braunen, tendenziell waagrechten Pinselstriche als Wüstenlandschaft interpretiert werden. Auf der linken Bildhälfte – quasi als Gegenstück zum „Steh auf und iss!“ – findet sich eine Konzentration von anderen Farb-, Form- und Bildfragmenten. Das Auge sucht nach Verbindungen, versucht die einzelnen Elemente zu einem Ganzen zusammenzufügen … und muss mangels Beweisen aufgeben. Was oder wer hier auch ist, hat sich so in Einzelteile aufgelöst, dass es für den Betreffenden selbst wie für den Betrachter sehr schwer ist, eine Einheit zu finden.

Ein bisschen erinnert das Bild an Situationen der Verwüstung, wie sie sich uns nach Erdbeben oder Überschwemmungen zeigen. Das Bild kann auch für Menschen wie Elija stehen. Menschen, die sich in verschiedenen Aktivitäten verausgabt und deren Kräfte sich in alle Richtungen verstreut haben. Nun sind sie wortwörtlich niedergeschlagen, befinden sich vielleicht in einer Depression und leiden unter einer lähmungsähnlichen Antriebslosigkeit. So verfügen sie nicht mehr über genügend geistige und körperliche Kräfte, um sich wieder zu sammeln. „Steh auf und iss!“ ist deshalb eine Aufforderung und Ermutigung, sich von der lebensbehindernden Starre zu erheben, mit dem Essen neue Kraft zu sich zu nehmen, um dann mit gesammelten Kräften und als erneuerter Mensch seinen Weg zu gehen. Aus der Wüste heraus ins blühende Land.

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“

Ein Bilderpaar. Im Dialog durch die gleichen Querformate, die ähnlichen Farben und die angeschnittenen, schwarzen T-Formen. Und dann sind da noch diese Linien oder Schläuche, welche die zwei runderen Formen – oben wie ein Schatten, unten wie ein Infusionsbeutel – mit den harten geometrischen Formen verbinden. Was letztere wohl bedeuten mögen? Sie haben nichts wirklich Gegenständliches an sich. Sie sind vielmehr wie Bild-Ausschnitte, in denen die Farbe und das Leben fehlen.

Im oberen Bild fällt die rote Gestalt auf, die aus der schwarzen Fläche auf den Betrachter zuzuschreiten scheint. Die Arme waagrecht angewinkelt, die Hände zu einem lauten Ruf an den Mund gelegt, damit dieser auch in weiter Ferne noch gehört wird. Links über ihm, geheimnisvoll wie eine Signatur, vier sorgsam als Rhombus gesetzte Punkte.

Der Mensch – wie mit Blut gemalt, wie ein letzter Blutstropfen. Die T-Form als Kreuz des Todes wirkt bedrohlich, furchteinflößend. Das Herz ist außerhalb – nur noch ein Schatten, dem das Leben entflieht. Was wohl die letzten Worte dieses Mannes am Kreuz sind? Der Künstler zitiert in seiner Bildunterschrift das letzte Wort Jesu: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Im unteren Bild ist die angeschnittene T-Form ganz am rechten Rand. Im Verhältnis zum Infusionsbeutel wirkt sie klein und eher wie die Silhouette eines Stuhles. Bedrohung geht auch von ihm aus. Kein Mensch ist zu sehen. Der am Boden liegende Beutel verheißt nichts Gutes. Im Kontext gelesen kommt der Verdacht auf, dass hier keine heilbringende Lösung verabreicht worden ist, sondern ein Beruhigungs- oder Betäubungsmittel, das letztlich zum Tod geführt hat. Auch dieses Bild ist aus den letzten Worten eines zum Tode Verurteilten entstanden. Worte, die sich an denen von Jesus orientieren, aber knapp 2000 Jahre später und an einem ganz anderen Ort ausgesprochen wurden. So sagte Jose Gutierrez am 18. November 1997: “Now Father, into They hands I commit my spirit.” (Siehe: www.tdcj.state.tx.us/stat/executedoffenders.htm – hier sind alle 464 seit 1982 in Texas Hingerichteten aufgelistet).

Nikolaus Mohr hat damit nicht nur die sieben letzten Worte Jesu malerisch umgesetzt, sondern sie auch den letzten Worten von zum Tod Verurteilten gegenüber gestellt. Dadurch sind sieben Bildpaare entstanden, die zum Nachdenken einladen: „über den Wert des Lebens ebenso wie des Sterbens, den Sinn und Unsinn von Todesstrafe und zuletzt über die Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu: wenn gilt, was er selbst von sich und seinem Leben sagt, dann starb er nicht nur für uns: er starb für alle, auch für die, die ihr Leben verwirkt haben und von uns aufgegeben, fallen gelassen oder gar zum Tod verurteilt werden. Mich tröstet in diesem Moment und rüttelt zugleich auf, wenn Jesus sagt: Ich bin gekommen zu suchen, was verloren ist. Oder: nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Oder: im Himmel herrscht mehr Freude über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren. Mehr noch tröstet mich aber die Bedeutung, des von Christen bekannten und ausgesprochenen Wortes: hinabgestiegen in das Reich des Todes …“ (Engelbert Paulus)

Stiller Klang

Still und zurückhaltend gibt sich dieses Bild dem Auge des Betrachters. Erste Orientierung geben zwei schwarze, vertikale und eine horizontale Linie sowie ein rotes Quadrat. Um sie herum ein Spiel von pastellfarbenen Vertikalen.

Doch dann vermag man im durchgehenden rosafarbenen Band über dem roten Quadrat, geradezu behütet von den zwei schwarzen Vertikalen, eine schwebende Mandelform zu erkennen. Ihre Präsenz gibt sich geheimnisvoll in dem nach oben offenen Gefäß in der Mittelachse. Durch seine ungleich geformten Seiten hat es etwas Lebendiges an sich. Wie zwei lange Fühler durchqueren sie das Bild und assoziieren etwas Horchendes und doch auch Tastendes, das genauso flüchtig ertönt wie der Ton aus den Schwingungen der beiden Zinken einer überdimensionalen Stimmgabel.

Gehalten, ja zusammengehalten beziehungsweise stabilisiert werden die beiden Senkrechten zum einen durch den quadratischen Block, zum anderen durch die Waagrechte, die einem wie eine Balancierstange eines Seiltänzers vorkommen kann.

Doch scheint es im Bild weniger darum zu gehen, über etwas zu schreiten, als vielmehr mitten in einem feinen, manchmal rätselhaften Geschehen Orientierung zu erhalten. Die seitlichen Waagrechten könnten auch für Episoden, für kleinere oder größere Abschnitte im Lebenslauf stehen. So wie sie die Vertikalen kreuzen, vermitteln sie das Gefühl, dass hier ein Rhythmus durchdrungen und erspürt wird: von der Mitte aus, vom roten Quadrat, das allein von seiner Farbe und Position her als Sitz des Lebens und der Liebe gedeutet werden darf.

Wenn sich darüber und zwischen den beiden schwarzen „Wahrnehmungsfühlern“ die Mandorla manifestiert, dann gleichsam als geistiger Raum, als wunderbare Erscheinung von etwas Unfassbarem und Erhabenen in der Mitte des Erspürenden und Wahrnehmenden selbst.

Gottesmutter – Menschensohn

Abstrakt und mit einfachen Formen und Farben erzählt dieses Bild dem interessierten Betrachter seine Geschichte. Eine Geschichte, die von der Spannung der beiden Bildhälften und dem Geschehen in seiner Mitte lebt. Die blaue Farbe steht im Gegensatz zum feurigen Rot darüber. Und beide scheinen sich seitlich und nach oben oder unten endlos auszubreiten. Doch in der Bildsituation begegnen sie sich als stille Förderer und Zeugen einer einzigartigen Begegnung, die sich zwischen der tiefen weißen Schale und dem goldenen Quadrat ereignet. Von der waagrechten weißen Trennlinie unsichtbar gehalten scheint es in der bewegten Offenheit des Halbkreises zu schweben und gleichzeitig in seiner Mitte zu ruhen: Von oben geschenkt, von unten empfangen, von beiden gehalten.

Doch von wem oder was ist hier die Rede? Was haben die Symbole und Farben zu bedeuten? Die horizontale Zweiteilung weist auf Himmel und Erde hin, das satte Rot auf die leidenschaftliche Liebe Gottes, die sich im Lichtstrahl kraft des Geistes offenbart und nach unten in die weiße Schale ergießt. Im tiefen Blau kommt unsere Erde als blauer Planet zur Sprache. Die Farbe kann aber genauso als Symbol für das Wasser als schöpferischen Ursprung allen Lebens gedeutet werden wie für den unergründlichen Glauben. In dieser Schöpfung nimmt der nach oben offene Halbkreis eine Sonderstellung ein. Durch die weiße Farbe wird Reinheit angedeutet. An der Oberfläche getragen und sich ausbreitend, kommt immerwährende Offenheit und Bereitschaft zum Ausdruck, das Göttliche in sich zu empfangen, aufzunehmen und zu bewahren.

So wird die vorbildliche Haltung Mariens dargestellt, ihr JA auf Gottes An-Spruch in die Zeit, dass sein ewiges WORT in ihr Menschengestalt annehmen solle. Für IHN steht das goldene Quadrat in der optischen Mitte des Bildes. Gold steht dabei für das Göttliche, Unvergängliche, Höchste, die Quadratform für seine irdische Gestalt. Ganz Gott und ganz Mensch vereint er Himmel und Erde, bringt er allen Orientierung und Frieden, die ihn wie Maria in sich aufnehmen und ihm Wohnung geben. In ihnen erfüllt sich, was Jesus zu Beginn der Bergpredigt verkünden sollte: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,3.8)

Einfach
und voll Spannung
unten und oben
nicht einerlei.
Die Erde
Werk des Schöpfers
unten elementar ausgestreckt.
Feuer der Liebe
Fülle des Geistes von oben
darin verborgen-offenbar
ein Strahl von Licht
aus der Höhe nach unten.
Die Schale,
offen und horizont-weit
eingesenkt in die Welt
erhoben darüber hinaus für das Licht
reine, lichte Offenheit
„immerwährende Empfängnis“.
Das Ewige WORT
empfangen
von Maria, der Jungfrau:
Ja.
Maria, Gabe an die Welt
Zuwendung Gottes
An-spruch in die Zeit
reine Empfängnis
Geschenk zur Freiheit
WORT von oben:
„Gott-mit-uns“
Ant-wort von unten:
„Mir geschehe nach deinem Wort“
für die Welt.

(Lyrik von P. Meinulf Blechschmidt in Sehen – Glauben – Leben. Gedanken zum Glaubensbekenntnis, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2007, S. 19, ISBN 978-3-87071-166-5)

Weltentreffen

Im Zentrum dieser Weihnachtsdarstellung steht zweifelslos die Geburt Christi. Und auch wenn der Künstler ein Bildzitat des Meisters von Moulin (Ende 15. Jh.) verwendet, ist es durch seinen Hintergrund und die beiden quadratischen Elemente ein modernes Bild mit einem zeitlosen Inhalt: die Geburt Jesu.

Die Komposition konzentriert sich auf die Mittelachse. Das untere Rechteck ergibt sich aus dem Abdruck von zwei Hirnhölzern. Beim einen sind die Jahrringe umlaufend, beim anderen ist die Mitte ausgespart, um dem Jesuskind als Krippe zu dienen. Darüber öffnet sich wie ein Fenster in eine vergangene Zeit das Bildzitat des Meisters von Moulin und gibt den Blick frei auf Maria und Josef.

Bei Maria ist intensivste Hinwendung zu beobachten. Mit geneigtem Haupt schaut sie staunend auf das Kind, es mit offenen Händen anbetend und gleichzeitig beschützend segnend. Josef dagegen steht mit seinem Körper parallel zu Maria und erscheint dadurch vom Kind abgewendet. Allein durch den zum Kind gedrehten Kopf erhält es Beachtung. Seine Hände sind zum Gebet gefaltet. Hinter Maria und Josef sind zwei weitere Personen zu entdecken, auch weitet sich das Bild durch ein Fenster hindurch bis zum Himmel.

Dieser öffnet sich gleichsam in der Vision eines rechteckigen Farbfeldes, welches sich majestätisch hinter dem Bildzitat erhebt. Es ist von einem zentralen hellen Quadrat geprägt, welches sich seitlich und nach oben in violett-roten Farberscheinungen weitet, sodass der Eindruck von einem Kreuz entsteht, in dem Leiden und Auferstehung gleichermaßen schon gesehen werden können. Nach unten hinterfängt es zum einen das Bildzitat, zum anderen scheint es durch die Ausbildung des unteren Abschlusses zu einem gerissenen Segmentbogen seine Kraft gleichsam in das Bildzitat einfließen zu lassen, an dessen unterstem Punkt sich der Gottessohn befindet. So gesehen, kann man den Holzstoß auch als modernen Altar sehen, an dem der Geburt, dem Leben und Sterben und der Auferstehung Jesu gedacht wird.

Noch nackt, doch nicht schutzlos liegt er da. Neigt sich der Himmel durch das Wolkenband nicht gerade tief zur Erde, wo es sich an seinem tiefsten Punkt wie eine große Schale behutsam auf den Holzstapel senkt, sich mit ihm schneidet und so das Kind in den Zeichen des Himmels und des Holzes zweifache Geborgenheit erfährt? Immaterielle, geistige, göttliche Zuwendung von oben, irdisch materiellen Schutz von unten.

Christi Geburt: Gott schenkt uns Menschen seinen Sohn, damit wir durch ihn IHN selbst besser kennenlernen. Er legt sich uns zu Füßen, setzt sich uns schutzlos aus, damit wir über das Staunen und ehrfürchtige Anbeten hinaus Vertrauen fassen und glauben, dass ER ein guter und treuer Gott ist. Dabei vermag das Holz einen dreifachen Impuls zu vermitteln. Erstens, dass Gott ganz irdisch Mensch wird, um uns in unserem Elend zu besuchen, zweitens, dass Jesus Zimmermann wurde und drittens, dass er sich am Kreuz wie auf dem Altar hingibt, um uns aufzurichten und erneut den Weg zu ihm zu öffnen.

Heilsgeschichte

Die nackte Frau auf dem mit zwei weißen Laken bedeckten Tisch irritiert. Regungslos, wie aufgebahrt liegt sie in dieser Mauernische unter dem Segmentbogen. Hinter ihr verdeckt ein Wandbehang teilweise den schwarzen Hintergrund. Über ihren Füßen schwebt ein Engel, der uns durch sein Aussehen und seine Gestik an die Boten aus den Marienverkündigungen der Renaissance erinnert. Doch im Gegensatz zu diesen Vorbildern und auch zur liegenden Frau ist er sehr klein dargestellt. Sie stehen sich auch nicht gegenüber, sondern er schwebt über ihr. Und während er festlich gekleidet agiert, liegt sie nackt und regungslos vor ihm …

Kann das ein Verkündigungsbild sein? Ist es nicht respektlos, Maria so „bloß“ (dar-)zu stellen? Wieso liegt sie nackt auf diesem mit drei Klappböcken improvisierten Tisch? Wieso konzentriert sich die Inszenierung auf diese Mauernische, die vielmehr ein Durchgang zu sein scheint? Was ist wohl die Bedeutung des grünen Stoffbehangs hinter ihr? Und warum dieser Engel? … So und anders könnten die Fragen zu jedem einzelnen der verschiedenen Elemente in diesem Bild weitergehen. Doch würden wir bei den Fragen bleiben, bliebe die Darstellung ein Rätsel. Ihre sorgfältige Betrachtung jedoch vermag uns ihre tiefe Bedeutung zu erschließen und zu offenbaren.

Beginnen wir mit der Frau. Waagrecht teilt sie das Bild in eine untere und eine obere Hälfte. Obwohl sie regungslos daliegt, ist sie nicht tot. Ihre Augen sind offen. Ihre Arme hält sie seitlich ihres Oberkörpers auf der Höhe der Tischkante. Von ihrem Körper geht eine natürliche Spannung aus. Ihre Nacktheit scheint gewollt zu sein und signalisiert Bereitschaft und Hingabe. Dennoch ist kein sexuelles Verlangen zu entdecken. Auf der harten Tischplatte liegend, die mit zwei frisch gewaschenen und gebügelten Laken abgedeckt ist, sieht sie eher aus wie ein Patient auf einem Operationstisch oder ein Opferlamm auf einem Altar. Diese Frau scheint bereit, alles herzugeben für den, den sie liebt. Der drohende schwarze Hintergrund deutet an, dass es gegebenenfalls auch ihr Leben sein kann.

Unter dem Mauerbogen liegt sie im „Dazwischen“. Sie befindet sich im Licht des Diesseits der Mauer, während sich hinter ihr ein undurchdringliches Jenseits verbirgt. So liegt sie in einem Durch- oder Übergang, scheint eine Grenzerfahrung zu machen, bei der es mit den Synonymen Licht und Dunkelheit letztlich um Leben und Tod geht. An seiner Grenze hängt der grüne Stoffbehang und bildet gleichzeitig den zentralen Hintergrund für die liegende Frau. Mit seiner grünen Farbe und nahezu quadratischen Form lässt er an ein Symbol für die Erde denken und vermag mit seinen Blumen und Früchten an das biblische Paradies mit dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis in seiner Mitte zu erinnern. Der rote Saum seitlich und unten mag die Cherubim symbolisieren, die mit flammenden Schwertern das Paradies bewachen, das nur von oben her zugänglich ist … und von vorn, da, wo die nackte Frau auf dem Tisch liegt. Durch den Tisch von der Erde erhöht, liegt sie genau auf halber Höhe des Behanges, so dass ihre Gebärmutter exakt in der Mitte dieses symbolischen Paradiesgartens zu liegen kommt.

Vor diesem grünen Stoffbehang erscheint die Frau als neue Eva. Bereit, durch ihre Demut den Übermut ihrer Urahnen vor Gott wieder gut zu machen. Während Adam und Eva sich bei der Begegnung mit dem Heiligen fürchteten und sich ihre Nacktheit mit Blättern bedeckten, entblößt sich die neue Eva geradezu und zeigt sich furchtlos. Zeitlich versetzt soll am gleichen Ort, an dem die Sünde der Auflehnung und des Misstrauens gegen Gott geschah, nun durch die Hingabe und das Vertrauen Mariens wieder Heil in die Welt kommen. Das Granatapfelmotiv auf dem Stoff deutet auf Leben und Fruchtbarkeit hin. So zwischen dem Engel und Maria angeordnet, mag der Granatapfel einerseits für Jesus stehen, andererseits für die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, die Maria als erste Glaubende dieser Gemeinschaft in Jesus gleichsam zur Welt bringt. Als Mutter Gottes wird sie auch als Mutter der Kirche verehrt.

Dieser heilsgeschichtliche Bogen entfaltet sich zusätzlich in der Botschaft des im Flug vor der liegenden Frau niederknienden Engels. Als Bote aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt hat er seine Hände zum Gruß geöffnet, das unsichtbare Wort behutsam zur Erde und Maria nahe bringend: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. (…) Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,28.31.35)

Die Antwort Mariens ist in den Augen des Malers diejenige einer reifen Frau: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38). Diese bedingungslose Hingabe hat der Künstler mit dieser nackten Frau übersetzt, die sich ostentativ Gott aussetzt, um von ihm wie von einem Bräutigam genommen zu werden, schwanger zu werden, bereit sein Kind unter ihrem Herzen zu tragen. In ihrem Fleisch soll sein Wort Wohnstatt finden, Menschengestalt annehmen und dann den vergänglichen Weg allen irdischen Lebens gehen.

So wie Maria daliegt, erinnert sie stark an Abbildungen von Grabeskammern mit Jesus. Mit ihrem JA wird sie wie einige Jahrzehnte später ihr Sohn Jesus vom Heiligen Geist mit neuem Leben erfüllt. Mit ihrer Hingabe antizipiert sie die Hingabe ihres Sohnes am Kreuz, sie wird dabei nicht sterben, aber sie legt ihr Leben doch ganz in Gottes Hand. So, dass er durch sie den ersten Schritt zur Erlösung und Auferstehung des Menschengeschlechtes bewirken (operare) kann.

Nur zwei Vasen?

Zwei Vasen. Vor braunem Hintergrund. Nur zwei Vasen? Nichts mehr? Kein Tisch, auf dem sie stehen, keine Blumen, die aus ihnen herausragen, kein Hinweis auf einen Raum, der die beiden Vasen umgibt. Die beiden Körper sprechen durch ihre Umrisse und die Lichtreflexe auf ihren Oberflächen. Doch wer sagt, dass es Vasen sind? Letztlich haben wir nur gemalte Flächen vor uns, denen durch Farbunterschiede ein Volumen gegeben wurde.

Es ist die Erfahrung, die uns in diesen gemalten Flächen flaschenähnliche Vasen erkennen lässt, die uns sagt, dass es sich um Hohlkörper handelt, die oben eine Öffnung haben. Die linke Vase hat eine runde, bauchige Form und steht auf einem kleinen Fuß. Sie ist von der Größe und vom Volumen her geringfügig kleiner als ihre Nachbarin, die gradlinige, bis zum Boden reichende Formen besitzt. Beide Gefäße sind in einem leuchtenden Kupferton dargestellt und werden teilweise von einer Aura umgeben, die sich in einer Art Wasserzeichen oder hellerem „Schatten“ äußert. Es wird der Eindruck erweckt, dass den beiden Vasen etwas entströmt, das wesentlich mit ihrem Inhalt zu tun hat.

Ob die einzige rote Fläche etwas damit zu tun hat? Bewirkt sie nicht, dass die Vasen auf Grund ihrer Lichtreflexe nicht nach links ausgerichtet sind, sondern einander zugewandt erscheinen? Wird damit die Zusammengehörigkeit nicht genauso verstärkt wie der Eindruck, dass es sich bei den beiden Vasen durch ihre körperlichen Unterschiede um Symbole für Frau und Mann handelt? So gesehen könnte dann die kleine rote Fläche als herzlicher Ausdruck gelesen, als Fenster der Liebe gedeutet werden, als das, was die beiden Vasen in sich tragen.

Der Mensch als irdenes Gefäß. Das ist kein neuer Gedanke, aber immer wieder ein faszinierender, gerade im Zusammenhang mit der biblischen Aussage: „Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“ (Jes 64,7). Wie Gefäße stehen wir auf dem Boden. Durch unsere Sinnesorgane und unseren Geist haben wir „Öffnungen“, die uns ermöglichen, nach Oben offen zu sein und allerlei aus unserer Umwelt in uns aufzunehmen.

Vasen sind dazu bestimmt, Schnittblumen temporär Halt zu geben und mit Wasser zu nähren. Sie sind ihre Begleiter für die kurze Zeit des Erblühens und Verwelkens an einem Ort des Exils. Die Blumen werden doch von ihren Wurzeln getrennt und in eine fremde Umgebung transportiert, um uns Menschen in der Blüte ihres Lebens Freude zu bereiten.
So lassen uns die zwei Vasen über das Leben und seinen Sinn nachdenken. Über die Aufgaben und Dienste, die aus unseren Eignungen und Fähigkeiten erwachsen und uns mit Freude und Zufriedenheit erfüllen. Sie lassen uns fragen, wofür wir offen sind und was wir in uns aufnehmen, wen wir in uns „beherbergen“. Der Apostel Paulus beschrieb das Aufleuchten Gottes in seinem Herzen als einen Schatz, den wir Menschen in zerbrechlichen Gefäßen tragen (vgl. 2 Kor 4,6-7). Jeder von uns ist eine Vasa sacra, wie die in der katholischen Liturgie verwendeten Gefäße genannt werden, bestimmt, Gott in sich aufzunehmen und zu den Menschen zu tragen. Wir sind die vergänglichen Gefäße (blättert bei der linken Vase nicht eine Farbschicht ab?), über die Gott seine Schönheit und Größe anderen Menschen offenbart.

Das den beiden Vasen entströmende Etwas lässt noch einen anderen Zugang zu: Die beiden Vasen können auch als Behälter eines Öls oder eines Wohlgeruchs gesehen werden, der sich über die Luft verbreitet. Auch hier vermag das Bild an Paulus zu erinnern, der im zweiten Brief an die Korinther (2,14-16) schrieb: „Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt. Wer aber ist dazu fähig?“

Nur zwei Vasen. Menschliche Gemeinschaft und Zugehörigkeit wiedergebend. Von der Vergänglichkeit gezeichnet. Aber ein unfassbares Licht reflektierend, eine Kraft, die als Liebe ihr Inneres erfüllt und ihre Körperlichkeit durchdringt und übersteigt … andere begeistert.