Maria Knotenlöserin

Hell hebt sich die Figur von den braunroten Ziegelsteinen ab. Die junge Frau mit einem Schleier, der ihr Haar bedeckt und als weiter Umhang bis auf den Boden fällt, ist ein Lichtblick. Sie verbindet in sich Elemente traditioneller Mariendarstellungen mit zeitgenössischen Attributen wie dem kurzen Haarschnitt, ihrem Pullover oder dem knielangen Rock, die sie als junge Frau unserer Zeit auftreten lassen. In den Raum hineinblickend, hat sie die Arme leicht nach unten angewinkelt, um mit beiden Händen einen von mehreren Knoten im Seil vor ihr zu lösen.

Maria wird hier als einfache junge Frau aus Nazareth dargestellt. Mit ihren bloßen Füssen steht sie mit beiden Beinen auf dem Boden. Geerdet, die Sorgen und Nöte der Menschen kennend. Bescheiden und auf Augenhöhe begegnet die Gottesmutter so dem Hilfesuchenden und bietet ihm ihre Dienste an, Fürsprache bei Jesus einzulegen, damit dieser die Knoten – die falschen Verwicklungen, die belastenden Ereignisse und festgefahrenen Gespräche und Entwicklungen löse. Maria ist so durch und durch Mittlerin zwischen den Menschen und ihrem Sohn Jesus, unserem Erlöser, Retter und Befreier von allem, was uns hindert, den Willen Gottes zu erfüllen.

Nicht Maria ist somit die Knotenlöserin, sondern Jesus, dessen Kreuz in der Kapelle der Hochtaunus-Klinik in Bad Homburg ihr gegenüber an der Wand angebracht ist. Sie steht hinter den Gläubigen und ist Ansprechpartnerin für alle, die ein Problem haben. Er geht den Gläubigen voraus und ist ihre Mitte. Sie führt alle zu ihm, damit sie bei ihm Heil erfahren.

Vorbild dieser modernen Mariendarstellung ist das Gnadenbild in der katholischen Wallfahrtskirche St. Peter am Perlach in Augsburg. Es wurde um 1700 vom Maler Johann Georg Melchior Schmidtner im Auftrag vom Augsburger Patrizier Hieronymus Ambrosius Langenmantel für den Altar „Maria zum Guten Rat“ gemalt.

Papst Franziskus hat als Jesuit 1986 Abbildungen des Gnadenbildes nach Argentinien gebracht und dadurch eine Verehrung der Gottesmutter bewirkt, die seit dem 8. Dezember 1996 jeden 8. Tag des Monats Tausende  Gläubige in die Kirche San José del Talar pilgern lässt, um vereint vor der Kopie des Augsburger Bildes zu beten.

In der Hochtaunus-Klinik in Bad Homburg ist diese junge Mariendarstellung aus hellem Stein ein Lichtblick im Leben all derer, die ihren Unfall oder ihre Krankheit als einen „Knoten“ in ihrem sonst so „glatt gelaufenen“ Leben erfahren und sich schwer tun, ihn zu lösen. Sie können Maria als hervorragende Gesprächspartnerin erleben. Und an Stelle von Kerzen haben sie die Möglichkeit, ein Erinnerungsband am Sockel der Marienfigur zu befestigen, die bleibende Bitte, mit ihrer Fürbitte bei Jesus nicht aufzuhören, dass er alle das Leben behindernden Knoten doch lösen und entfernen möge, damit wieder ein erlöstes, volles, ganzheitliches, freies Leben möglich ist. Bleibt zu hoffen, dass das Beziehungs-Band zu Maria nach der Genesung zu einem festen „Freundschaftsband“ wird.

Weitere Arbeiten/Ansichten von Thierry Boissel und Daniel Bräg in der Klinikkapelle Bad Homburg.

Zwei moderne Mariendarstellungen von Daniel Bräg waren im Rahmen des Festes „Maria Himmelfahrt“ zusammen mit einem Dutzend anderer moderner Arbeiten zu Maria am 20. und 21. August 2016 in Warendorf ausgestellt. Alle Kunstwerke finden Sie in der PDF-Version des Begleitheftes zur Ausstellung: Flyer

Verinnerlicht

Die rosarote Glasskulptur vermag den Blick auf sich zu ziehen. Ihre Erscheinung hebt sich fast nur durch die Farbe vom Hintergrund ab, körperlich ist ihre Gestalt genauso aus Elementen aufgeschichtet wie die Transportpaletten ihres Podiums oder die Betonmauer hinter ihr.

Die sie erfüllende rote Farbe macht ihre Faszination aus. Die Figur ist transparent bis in ihr Inneres, gibt Einblick in das, was sie durchflutet und bewegt: ein zartes Rot, das an Blut oder Liebe erinnern kann, in seiner Tendenz zum Rosa aber auch an all die Spielzeugpuppen und -figuren, die in der Konsumwelt im Trend sind.

Doch diese Figur steht singulär und erhoben vor dem Betrachter. Und sie sieht anders aus. Ihre Arme sind angewinkelt, die Hände flach an die Brust gelegt (Detailansicht), Betroffenheit signalisierend, Sympathie, Mitleid vielleicht sogar, wenn auch der leicht nach vorne geneigte Kopf in diese Haltung der Zuneigung einbezogen wird. Mit offenen Augen schaut sie den Betrachter aus dem jugendlichen Gesicht an.

Wer ist diese Frau im langen Faltenkleid und dem modischen Hut oder Helm, die von innen her warm strahlt und für die Menschen da zu sein scheint? Ist es irgendeine Frau oder könnte es trotz dem Fehlen einer äußeren Aura eine besondere Frau sein, eine Heilige wie Maria?

Einzigartig ist die Erfüllung mit einer inneren Kraft, die einem Feuer gleich in ihr brennt. Von Maria wissen wir, dass Gott sie mit der Kraft des Höchsten“ überschattete und sie so zur Gottesgebärerin und -mutter wurde (Lk 1,35). Die Skulptur vermag die Liebe Gottes, die in ihr brennt, sichtbar zu machen. Diese Liebe, diese Kraft des Höchsten und ihre Erfahrung aus dem Leidensweg mit Jesus machen sie sehend für die Nöte der Menschen. Sie lassen Maria uns nahe sein als eine von uns und doch durch und durch von Gott geprägte Frau.

Während traditionelle Marienfiguren sie durch äußere Attribute wie das Kleid oder das Jesuskind erkennbar machen, verweist diese Figur auf die innere Haltung Mariens. Das Glas verdeutlicht ihre Offenheit für Gott und macht diese für alle so transparent, dass sie Gottes Gegenwart in ihr suchen und durch Marias Offenheit für die Menschen auch erfahren – in Zeiten der Mutlosigkeit, der Krankheit und Einsamkeit, der Dunkelheit, der Trauer und des Schmerzes, usw.

„Ich schaffe mir meine eigene Maria …
deren Schutz sich auf meine Seele auswirkt …
… eine Maria, die für mich da ist …
… die in meiner Größe erscheint, mir gegenüber steht und in meine Augen sehen kann
… eine, die mir durch ihre Farbigkeit Kraft gibt und Mut zuspricht ….
… eine Maria, die sich zu mir neigt und mir ihre Liebe schenkt …
… eine die mit mir trauert und leidet …
… eine Maria, die meinen Schmerz fühlt und diesen mit mir teilt …
… eine, deren Liebe ich spüre und die meine Liebe spürt.

Eine Maria, die da ist, wenn ich sie brauche …
… die mich so nimmt, wie ich bin …
… wenn es mir gut und wenn es mir schlecht geht.“
(Isabelle Böhm)

Diese Arbeit war im Rahmen des Festes „Maria Himmelfahrt“ zusammen mit einem Dutzend anderer moderner Arbeiten zu Maria am 20. und 21. August 2016 in Warendorf ausgestellt. Alle Kunstwerke finden Sie in der PDF-Version des Begleitheftes zur Ausstellung: Flyer

Ein hoffnungsloser Fall?

Ein Mann ist auf die schiefe Bahn geraten. Mit seinem ganzen Körper und Gewicht stemmt er sich gegen eine große Kugel. Während seine Füße, das eine Knie und eine Faust auf dem Boden Halt suchen, drücken die linke Schulter und die rechte Hand gegen das rollende Gewicht. Drahtiger und doch zerklüfteter, muskulöser und doch zerbrechlicher Widerstand. Wie lange er die Kugel wohl zu halten vermag?

Aber es ist nicht seine Aufgabe, sie nur am Weiterrollen zu hindern, also zu halten, sondern sie zurückzurollen, den Berg hinauf zu befördern. Die Aufgabe braucht Kraft und Geschick, Geduld und Ausdauer. Umso mehr, wenn der „Felsblock“ kurz vor dem Ziel immer wieder auskommt und den Berg hinunterrollt, so dass von vorne begonnen werden muss. Dem verschlagenen Sisyphos, der die Götter Zeus und Thanatos verraten, überlistet und betrogen hatte, wurde diese endlose Arbeit von Thanatos, dem Gott des Todes in der griechischen Mythologie, als Strafe für seine Taten zugeteilt.

Eine andauernde, äußerst anstrengende und oft auch vergebliche Aufgabe, die nie wirklich abgeschlossen werden kann, nennt man deshalb eine „Sisyphosarbeit“. Im „skulpturalen Filmstill“ scheint Sisyphos zudem nie eine Pause nehmen zu können, weil alles von ihm abhängt. Wenn er losließe, würde die Kugel zurückrollen, wenn er aufgäbe, wer würde dann der Kugel Widerstand geben und sie auf ihren Platz rollen?

Die Skulptur schneidet viele Fragen an. Ist eine Aufgabe oder Arbeit wirklich so wichtig, dass ich derart Zeit und Energie in sie investiere? Wenn ja, wäre es dann nicht vorteilhaft, die Aufgabe – gerade wenn sie groß und schwer ist – nicht allein, sondern mit anderen zusammen anzugehen und damit wahrscheinlich sogar ein schnelleres und besseres Resultat zu erreichen?

Weiter bietet die Skulptur Gelegenheit über Schuld und Sühne, über Strafe und Vergebung nachzudenken. Sisyphos wurde für seine Vergehen mit dem immer wieder neuen Hinaufrollen des Felsblockes bestraft. Sein Leben und sein Schicksal wurden damit an diesen großen Stein gebunden, Symbol für die Schwere seiner Untaten und Verletzungen, die er anderen zugefügt hat. Ihre Folgen hat er nicht im Griff, sie lasten schwer und entkommen ihm immer wieder.

Die ihm auferlegte Strafe kennt keine Vergebung der Schuld. Die Götter kennen kein Erbarmen. Sisyphos schiebt den Stein vergeblich nach oben. Seine Lage ist hoffnungslos, weil ihm die Götter den Stein nie abnehmen, sondern immer wieder entgleiten und hinunterrollen lassen, so dass Sisyphos in der Strafe gefangen bleibt. Jede Veränderung zum Guten wird ihm dadurch verunmöglicht.

Die ausweglose Situation des Sisyphos lässt unwillkürlich nach seinem Gegenbild fragen… und jenem der Götter. Es ist ein durch und durch aufrechter Mensch, der sich durch seine Rechtschaffenheit keine Schuld auflastet und in keine falschen Abhängigkeiten gerät. Er achtet Gott und die Menschen und bleibt gerade in dieser Verbundenheit in seinem Denken, Reden und Handeln ein freier Mensch. Gegenüber den griechischen Göttern offenbart sich der christliche Gott als guter Gott. Er ist ein Gott der Liebe und des Erbarmens, der allen, die zu ihm kommen, großzügig Vergebung schenkt. Das macht Mut und gibt Hoffnung, dass Veränderung und damit Besserung möglich ist, dass eine Strafe bei Einsicht und Reue nicht ewig dauern muss. Denn bei Gott ist niemand und keine Situation ein hoffnungsloser Fall.

Perspektivenwechsel

Es gibt Tage, da geht nichts wie gewohnt. Es scheint, als hätte man zwei linke Hände, man kann nicht mehr klar denken, man steht immer wieder im Stau oder Bus und Bahn fahren nicht im Takt, man verletzt sich oder verunfallt sogar. Kurz, es gibt Tage oder Zeiten, da wird unser Lebensrhythmus durcheinander gebracht oder gar auf den Kopf gestellt. Da mag es uns gehen wie dem schmalen, hageren Engel, der kopfüber auf einer überdimensionierten Legoplatte steht.

Er, der gewohnt ist als Botschafter des Höchsten zu fliegen und erhobenen Hauptes den Menschen zu begegnen und sie zu begleiten, er kann nicht mehr gehen, weil er mit dem Kopf auf dem Boden fixiert ist. Trotz allem bewahrt er Haltung, die Hände an der Naht der Hose angelegt, stramm und kerzengerade aufgerichtet. Aber seine Welt steht Kopf.

Traurig, melancholisch, stoisch schaut er drein. Das sieht man, wenn man ihm ins Gesicht schaut (Detailbild). Was ist wohl mit ihm passiert? Ist er aus dem Himmel gefallen? Abgestürzt, herausgefallen aus seinen Gewohnheiten und Sicherheiten? Ein Flügel ist kürzer als der andere. Haben sie ihn ausgemustert? Haben sie ihn deswegen fluguntauglich erklärt? Als Mahnmal kopfüber auf die Erde gestellt?

Die Legoplatte dient dem Spiel. Sie ist eine Grundplatte, die Halt gibt, aber auch andere Möglichkeiten eröffnet. My angel ist kein gefallener Engel. Er liegt nicht, er ist nicht tot, vielmehr anders. Damit verstört er, regt aber gleichzeitig zur Auseinandersetzung mit ihm an. Meditiert er sozusagen, um sich zu sammeln und wieder „funktionstüchtig“ oder „flugsicher“ zu werden? Wird ihm das je wieder gelingen? Oder wird er durch den Teilverlust seines Flügels behindert bleiben? Aber ist er das nicht schon, verhaltensauffällig, wie er da auf dem Kopf steht?

Wie auch immer ist dieser Engel ein Wesen mit besonderen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Und trotz aller Verletzlichkeit oder Gebrechlichkeit ist er auch ein irritierender Clown unter den himmlischen Seelenflugbegleitern. Er ist er wunderbar, weil rätselhaft hintersinnig und eigen-artig. Liebenswert. Er steht Kopf, um die Welt auf dem Kopf zu sehen. Dabei schaut er – der himmlische Perspektiven gewohnt ist – die Welt von ganz, ganz unten an.

Vielleicht tut uns so ein „Kopfstehen“ zwischendurch auch mal gut. Nicht nur dann, wenn es uns überraschend widerfährt, sondern als Übung, die Welt aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Zum einen aus der „Froschperspektive“, aus der Sicht derjenigen, die gesellschaftlich ganz unten leben, oder durch ihr Verhalten oder ihre Gebrechen an den (Existenz-)Rand gedrängt wurden. Zum anderen einen verdrehten Blick, bei dem der Boden der Dinge auf einmal Oben sind und alles was Oben war, nun unten ist. Eine heilsame Erfahrung, die uns selbst im Geist beweglicher machen kann und uns allen näher bringt, deren Leben gerade aus den Fugen geraten ist oder Kopf steht.

Wo ist deine Mitte?

Was für eine Menschenfigur. Sie hat drei Beine und vier Arme, und mitten in der Brust gähnt ein riesiges Loch. Dort, wo sonst des Menschen Herz schlägt, ist einfach nichts. Man blickt durch ihn hindurch. Dieser Mann ist herzlos, er hat kein Herz mehr. Er hat sein Herz verloren oder es ist ihm genommen worden. Jedenfalls ist er sein Herz los, er hat seine Mitte verloren, auch wenn er scheinbar quicklebendig ist.

Dieser Mensch bewegt sich wie ein Roboter oder eine Marionette. Nicht aus eigener Initiative, sondern so wie es von ihm verlangt wird, hebt er seinen Arm zum Gruß, streckt ihn seitlich tastend aus oder hält beide Arme mit den offenen Handfläche nach unten, als wolle er sich von einer unsichtbaren Wand abstoßen. Ebenso vielsagend sind die Positionen seiner Beine. Neben einem kleinen Schritt (großes Bild), bei dem beide Füße am Boden sind, macht er mit dem linken Fuß auch einen großen Schritt. Militärisch steif erinnert er an den Stechschritt, was zusammen mit dem erhobenen Arm und der bräunlich-roten Farbe an die Zeit der Nationalsozialisten erinnert, die Herzlosigkeit und unbedingten Gehorsam forderten.

Unabhängig davon vermag der Mann auch eine Parabel für den modernen Menschen sein, der in sich ganz unterschiedliche Rollen zu vereinen hat. Dies gepaart mit dem Anspruch, vieles gleichzeitig machen zu können oder zu müssen, in einer Schnelligkeit und Perfektion, bei der es manchmal vorteilhaft wäre, mehrere Arme und Beine zu haben.

Der „Mann ohne Mitte“ stellt ganz offensichtlich die Frage: „Wo ist Dein Herz? Wo ist Deine Mitte?“ Und … nicht nur: „Was bewegt ihn? Was bewohnt diesen Menschen? Was belebt ihn?“, sondern auch: „Was bewegt mich? Was macht mein Leben aus, was gibt mir Kraft und Leben?“

Bei dem runden Loch ist man versucht zu denken: Wo nichts ist, kann nichts sein (Ansicht von vorn). – Aber der Freiraum ist kreisrund und kann damit eine unsichtbare Gegenwart andeuten, die ohne Anfang und Ende ist. Des Mannes Mitte ist somit transparent auf das Transzendente. Mit dieser unsichtbaren Präsenz wirkt der Mann wie eine Monstranz. Es kommt nun ganz darauf an, welcher Kraft er diesen Freiraum überlässt. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, sagt Jesus. (Mt 7,16) Es liegt an uns, was oder welche Kraft wir zulassen, in unserer Mitte zu wohnen, unsere Mitte zu bilden und damit unser Leben und Handeln entscheidend zu prägen.

Gekreuzigt – auferstanden – in den Himmel aufgefahren

Eine nackte männliche Person befindet sich im Schoß einer Frau mit blauem Gewand. Er schaut zu ihr hoch, während sie dem Betrachter in die Augen schaut. Ihre beiden großen Hände sind nach vorne gekehrt. Sie sind leer, als wollte sie damit sagen: Seht, das ist mein geliebter Sohn!

Auch ohne die traditionelle Ikonografie lassen sich in den beiden Personen Maria und Jesus erkennen. Sie, die ihn in der Geburt einst in die Welt entlassen hat, muss ihn nun erneut loslassen – in den Tod. Dabei liegt er nicht wie in bekannten Pietà-Darstellungen horizontal über ihren Knien, sondern steht in seiner Mutter. Der Künstler hat Jesus ganz materiell in ihren Mutterschoss zurückkehren lassen, so dass er nicht nur durch ihren Mantel, sondern auch durch ihren Körper geschützt wird. So wird Maria gleichzeitig als Schutzmantelmadonna wiedergegeben. Jesus war der Erste, der ihren Schutz erfahren durfte. Nackt wie er geboren wurde, liegt er nun wieder in ihrem Schoß, an ihrem Herzen.

Durch seine senkrechte Gestalt ist seine Auferstehung vorweggenommmen, auch wenn sein Körper mit Mariens loslassenden Händen zusammen noch auf das Kreuz und seinen Tod hinweisen. Deutlich sind seine Wundmale an den Füssen zu sehen.

Seine Gestalt ist eher jämmerlich zu bezeichnen. Sie erinnert an den im Buch Jesaja beschriebenen Gottesknecht (Jes 42,1-4; Jes 49,1-6; Jes 50,4-11; Jes 52,13-53,12), aber auch an von Krankheit, Not und Sterben gezeichnete Körper.

Damit kann sich jeder Mensch in Elend und Not in Jesu Gestalt wiederfinden und darf sich von Maria in seiner Not und gegebenenfalls auch in seinem Sterben gehalten und geborgen fühlen.

So sehr der blaue Mantel das Zeichen Mariens ist, wird die blaue Farbe in dieser Darstellung auch zur Farbe des Himmels. Maria wird zur Himmelspforte, durch die Jesus mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird. Maria wird dadurch auch zum Sinnbild für den barmherzigen Vater selbst, der seinen toten Sohn in sich aufnimmt, um ihm an seinem Herzen und zu seiner Rechten neues, ewiges, herrliches Leben zu geben.

MARIA

Ohnmächtig
vor Trauer

Machtlos
gegenüber dem Tod

Loslassen
wie bei der Geburt

Lassen
was unfassbar ist

GOTT

 

Marianne Oettl

Die frohe Botschaft weitergeben

Mächtig erhebt sich die vergraute Eichenstele in die Höhe. In der oberen Hälfte sind drei Reihen Porzellanisolatoren von früheren Telegraphenmasten angebracht. Zusammen ergeben sie eine Art Baumkrone oder Dach. Eine leicht geschwungene Form verleiht der Skulptur zudem eine dynamische Eleganz.

Unterhalb der Isolatorenreihen, etwa in der Mitte der Eichenstele, ist eine quadratische Öffnung ausgenommen. Ihre Seiten sind vergoldet, auf ihrer Grundfläche liegt klein und unscheinbar eine kleine Menschengestalt, ein Kind, ein Neugeborenes. Sein Körper ist so in Leinen eingewickelt, dass er wie ein Laib Brot aussieht, sein Kopf ist dem Betrachter leicht zugewandt.

Als Lichtgestalt tritt das weiße Kind im goldenen Sch(r)ein und der dunklen Umgebung in Erscheinung. Sein Körper korrespondiert mit den weißen Porzellanelementen, die durch ihre vereinfachte Gestalt selbst Lichtwesen andeuten, eine symbolische Engelschar, die diesen Ort umgibt.

Die massive Holzstele ist zu einem irdischen Haus für den Gottessohn geworden. Sein „Brotleib“ erinnert seinen Geburtsort Bethlehem – der übersetzt „Haus des Brotes“ heißt. Und er erinnert auch, dass sich in Jesus Gott selbst den Menschen schenkt und ihnen sein Leib in der Gestalt des geteilten Brotes zum Essen gibt (vgl. 1Kor 11,24).

„Die Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist die wirkliche Selbstmitteilung Gottes an die Kreatur.“ (Karl Rahner) „Die große Eichenstele mit eingefügten Teilen alter Telegraphenmasten lässt das Übermaß dieser Botschaft auf die unscheinbare Gestalt des Kindes treffen. In ihm, dem Kind von Bethlehem, findet und verehrt der Glaube das unfassbare Geheimnis der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus.“ (Peter Klein)

Die Elemente der früheren Telegraphenmasten machen deutlich, dass die Botschaft von der Geburt des Gottessohnes in alle Welt hinausgetragen werden soll. „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lk 2,11-12)

Im Bild ist der „Telegraphenmast“ der Übermittler dieser Frohen Botschaft. Aber hat der aufgerichtete Eichenbalken nicht auch eine entfernte Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt? Würde die Skulptur dann nicht auch andeuten, dass Gott seinen Sohn in uns hineingelegt hat und wir ihn als Christusträger zu allen Menschen bringen sollen, zu denen wir gehen und denen wir begegnen? Und ihnen persönlich von unserem Glauben Zeugnis geben, dass Gott sich uns mitgeteilt hat und in uns lebt? – Durch die Geburt Jesu hat die Beziehung zwischen Gott und Mensch eine neue Qualität erhalten. Diese soll sich auch unter uns Menschen auswirken.

Auferstehende

Goldbraun wendet sich die angewinkelte Figur dem Betrachter zu. Ihre Gestalt scheint nur mit den Fingern bearbeitet, bzw. aus dem Ton herausgearbeitet. So ist wohl eine Menschenähnlichkeit entstanden, aber in Ermangelung von Details eine eindeutige Zuordnung unmöglich.

Dennoch lässt sich im Vergleich zu uns Bekanntem andeutungsweise von einem Menschen sprechen. Allerdings wirkt die Figur dann unförmig, ungelenk, unfertig. Auch ihre angewinkelte, halb gebeugte, ein Stück weit auch verdrehte Erscheinung entspricht nicht unserem Schönheitsideal. Sie erinnert – genauso wie ihre Beschaffenheit aus Ton – vielmehr an unsere Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit.

Nur der goldene Glanz, der die goldbraune Glasur überall durchdringt und die Gestalt gleichsam in ein festliches Gewand kleidet, bringt eine andere Wirklichkeit ins Gespräch und bewegt, die Gestalt mit anderen Augen zu betrachten. Denn der Kontrast könnte nicht größer sein: das Erbärmliche wird durch das Erhabene bedeckt und in eine andere Sphäre erhoben.

Damit ist diese nur grob gestaltete Figur auf besondere Weise vollendet worden. Sie befindet sich mitten in der Bewegung des Aufrichtens und Drehens. Im Dazwischen: dem Tod entrissen bereits stehend, am Oberkörper aber noch vom waagrechten Liegen gezeichnet; auf eigenen Beinen und doch noch das Gleichgewicht suchend; materiell noch im Hier, aber vergeistigt nicht mehr hier gebunden.

So könnte die angewinkelte oder gebeugte Haltung auch als Schwingen oder Tanzen gedeutet werden. Als Ausdruck der Freude: Der Herr hat sich meiner erbarmt, mich gerettet, mich aus der irdischen Endlichkeit in seine himmlische Unendlichkeit geholt! Und sie könnte bei demjenigen, der es am eigenen Leib erfährt wie beim Betrachter Ausdruck des Staunens, der Freude und der Zuversicht sein, dass nach dem schmerzvollen Abnehmen der Lebenskraft von anderer Seite das Leben in unbeschreiblicher Weise und Fülle neu geschenkt bzw. weitergehen wird.

Das ganz Andere

Die Arbeit ist extrem schmal. Sie konzentriert sich auf die Vertikale, auf den langen und mit unendlich vielen Stacheln bewehrten Corpus, dem oben eine scheinbar natürliche Gesteinsformation entwächst. Darüber erhebt sich eine kleine runde vergoldete Scheibe. Die dreiteilige Skulptur erinnert von ihrem formalen Äußeren an ein Schwert. Und doch wollen die ungewöhnlich kombinierten Materialien nicht richtig dazu passen. Was können sie bedeuten?

Der lange Corpus hat etwas Unberührbares an sich. Er stammt von der „Madagaskar-Palme“, deren Stamm wie bei einem Kaktus mit Stacheln besetzt ist. Dadurch wird das Innere geschützt und verborgen gehalten. Gleichzeitig konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf den verhältnismäßig kleinen oberen Teil, der dem Innern zu entwachsen scheint. Oder bildet der unförmige Stein eher einen Pfropfen, der die Öffnung verschließen möchte? (Detailansicht)

Die rostbraune Oberfläche erinnert an sich zersetzendes Eisen, an Korrosion und Verwitterung, die dem scheinbar festen Stein zusetzen. Der Stein kann damit trotz seiner Härte gegen Verwitterung und Vergänglichkeit für langsamen Zerfall, für Krankheit, Vergänglichkeit und Tod stehen. Insofern zeigt dieses Element ähnliche Eigenschaften wie das stachelbewehrte Holz der Madagaskar-Palme, das sich auch groß und unangreifbar gibt und doch der Vergänglichkeit preisgegeben ist.

Im Verhältnis zur Skulptur klein, ja sehr klein, schwebt über dem stachelbewehrten Holz und dem verwitternden Stein die kleine goldene Scheibe. In ihrer goldenen Beschaffenheit, der glatten Oberfläche und dem perfekten Rund repräsentiert sie das ganz Andere in dieser Arbeit. Sie ist geradezu ein Fremdkörper.

Sie hebt sich ab vom Irdisch-Vergänglichen. Sie symbolisiert das unerwartet Neue, den Sieg über ein langes, aber dennoch der Verwitterung preisgegebenes Leben. Ein Leben, das von viel Sonne, aber auch vom Kampf um das lebensnotwendige Wasser gekennzeichnet ist.

So gibt sich die kleine goldene Schreibe gegenüber den matten Farben von Holz und Stein glänzend, perfekt und schön. Sie wirkt wie eine aufgehende Sonne, wie ein kleines Licht auf einer großen Kerze. Immer wieder schweift der Blick nach oben, geradezu ungläubig: Gehört das dazu? Kann dieses ganz Andere in dieser stacheligen Hülle bereits angelegt sein?

Wissen können wir es nicht, vielleicht erahnen, dass sich unser endliches Leben eines Tages aus Gnade in unendliches Leben wandelt. Derzeit bleibt das ewige Leben eine Verheißung, die uns wie die Krönung eines oft mühsamen Lebensweges mit vielen Entbehrungen vorkommt. Dass sich diese Verheißung erfüllt, darauf hoffen wir, daran glauben wir. – So klein dieses ganz Andere jetzt über dem Vergänglichen thront, einst wird es alles umfassen und mit seinem Glanz alles zur Vollendung führen.

Entbindung

Der eiförmige Körper ist in zwei Teile auseinandergebrochen, als wäre ihm gerade ein Lebewesen entschlüpft. Dieser Eindruck wird durch die zwischen Öffnung und Deckel am Boden liegenden Binden verstärkt. Nun liegen Schalen und Binden verlassen da. Niemand ist zu sehen. Die hinterlassenen Teile bezeugen jedoch ein Geschehen der Verwundung, der Verwandlung und auch der Offenbarung. Denn was einst verborgen war, ist nun erkennbar, auch wenn niemand zu sehen ist.

Von Verwundungen erzählen die verschiedenen Narben und die blutrote Stelle im Verband. Sie sind offensichtlich zu verschiedenen Zeiten zugefügt worden, denn zwei sind vernarbt, wobei bei der einen noch die Fäden, mit der die Wunde zugenäht worden ist, zu sehen sind, und die blutende Wunde so frisch ist, dass sie durch die Kompresse blutet (weitere Ansicht). Ebenso ist eine sechsstellige blaue Zahl zu sehen. Ob sie auch mit einer Verletzung zu tun hat? Möglich ist es schon, denn nur eine Zahl zu sein oder abgestempelt zu werden ist nichts Angenehmes, auch wenn für uns Zahlencodes auf Eiern sehr vertraut sind.

Doch geht es hier nur um einen geschlüpften Vogel? Die Hohlform gleicht wohl einem Vogelei, ist mit einem Durchmesser von 34 cm allerdings sehr groß. Die wächserne Oberfläche erinnert zudem in Farbe und Aussehen an menschliche Haut. Auch den Verband bringen wir eher mit einem Menschen in Zusammenhang als mit einem Ei.

So sprechen die aufgebrochene Schale und die abgelösten Binden das Thema „Geburt“ an. Das Ei ist verlassen, der Verband teilweise gelöst worden. Letzterer schützte wohl primär den verletzten Körper, verweist sekundär jedoch auf die Ent-Bindung des Kindes von seiner Mutter bei der Geburt. Entbindung meint ja im übertragenen Sinn das Lösen von Bindungen, die neues Leben verhindern.

Spontan mag man an die Auferweckung des Lazarus denken, von dem es in Joh 11,44 heißt: „Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“

Auch Jesu Auferstehung wird parallel zu den biblischen Berichten aufgenommen. Die Künstlerin schreibt dazu: „Die leere Hülle zeigt noch die Spuren erlittener Gewalt und entspricht gleichzeitig dem leeren Grab. Die Binden wurden wie beim Leichnam Jesu von außen gelöst. Der Raum, in dem das Leben herangereift ist, wurde gesprengt und verlassen.“ An die Stelle von Dunkelheit und Gefangenschaft sind Licht und Bewegungsfreiheit getreten, weil Gott ihn nicht verlassen hat, weil er Ihm nahe geblieben war.

Freizeit

Eine Hose wurde locker auf den Stuhlsitz geworfen, ein Mantel mehr oder weniger ordentlich über die Stuhllehne gehängt. Vom Stuhl selbst sind nur die beiden Vorderbeine und etwas von der Rückenlehne zu sehen. Ansonsten ist er von den beiden abgelegten Kleiderstücken eingekleidet. Unten die Hose, hinten herum und über der Lehne der Mantel. Damit kommt die Anordnung von Hose und Mantel derjenigen bei uns Menschen nahe. Noch menschlicher wird die Holzskulptur dadurch, dass der rechte Ärmel in die Manteltasche mündet. So wird der Eindruck eines Eigenlebens geweckt.

Doch der Besitzer und Träger der Kleider ist abwesend. Er hat sie wahrscheinlich abgelegt, um sie später wieder anzuziehen. Genauso wie viele nach der Arbeit den Overall oder die Businesskleider ausziehen und sich legere Hauskleider anziehen. Oder so wie viele beim Zubettgehen ihre Kleider über einen Stuhl legen, um sie am nächsten Tag wieder anzuziehen.

Die Holzskulptur verweist also auf einen temporären Kleiderwechsel. Diese ergeben sich meistens aus den Anforderungen neuer Tätigkeiten und Aufgaben. Manchmal schützen wir uns durch Kleider, dann wieder machen sie aus uns „Leute“. Welche Wahl wohl der Besitzer dieser Kleider getroffen hat? Die abgelegten Kleider geben nur den Hinweis, dass er nun in einem anderen Outfit unterwegs ist. Von diesen Kleidungsstücken ausgegangen, ist er nun „verkleidet“, so wie das viele nicht nur in Zeiten des Faschings tun. Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt und der Besitzer der Kleider kann ohne sie endlich wieder ganz sich selber sein und tun und lassen, was er will.

Damit berühren die wirklichkeitsnah aus dem Holz herausgearbeitete Hose und der Mantel alltägliche Situationen. Sie verweisen auf unsere ganz menschliche Gewohnheit, immer wieder die Kleider zu wechseln. Die Skulptur zeigt ruhende Kleider. Kleider, die nicht im Einsatz sind. Als solches sind sie Symbol für uns. Nach konzentriertem Arbeiten, einem langen Tag, nach einer mehr oder weniger langen Woche bedürfen wir immer wieder unterschiedlich langen und unterschiedlich gestalteten Auszeiten, um Abstand von unseren vielen Aktivitäten zu gewinnen und uns zu erholen und zu regenerieren. Da sind wir froh, wenn wir die Arbeit niederlegen und die Hände nichts tuend in die Taschen stecken können. Sich umzuziehen und die Kleider auf den Stuhl zu legen ist dann eine äußere Geste für die innere Umstellung in den Freizeit- und Erholungsmodus. Ein schöner Anblick, ein wohltuendes Gefühl.

Ansicht von vorne
Ansicht von rechts

Augenkreuz, Augenblicke, Durchblicke

Aus vier quadratischen Bildtafeln schauen den Betrachter 16 Augen an. Als Lichtpunkte heben sie sich von den schwarzen Flächen ab, bzw. scheinen sie hinter ihnen zu leuchten. Wie durch Löcher schauen sie in den Kirchenraum hinein. Menschenaugen, aber immer nur eines, nie ein Augenpaar. Das irritiert. Es ist, als würden viele Leute hinter dieser Verkleidung ein Auge zukneifen, um mit dem anderen besser durch das Loch sehen zu können. Weit offene, wachsame Augen. Augen, die ruhig schauen, beobachten.

Zu wem sie wohl gehören mögen? Entfernt erinnern die vielen Augen an die Vision des Propheten Ezechiel, der den Thron Gottes von vier himmlischen Wesen (Cherubim) begleitet sah, die ringsum voller Augen waren (Ez 10,12). Andererseits erinnert die Darstellung von jeweils einem Auge an Abbildungen des einen Auges des einen Gottes. Es steht für die alle Geheimisse durchdringende Gegenwart Gottes. Stephan Balkenhol interpretiert es frei. Das Gegenüber bleibt im Wesentlichen verborgen, genauso wie das Kreuz hinter den vier Relieftafeln. Das Gegenüber, das alles zu sehen andeutet, gibt sich selbst bedeckt, maskiert. Aber die Augen signalisieren eine wachsame Präsenz.

Dabei stellt sich die Frage, ob es wirklich nur EIN Gegenüber ist. Die Überlagerung des Kreuzes durch vier Quadrate, die mit ihren Innenkanten einen kreuzförmigen Freiraum bilden, legt es nahe. Es sind irgendwie auch die Augen dessen, der am Kreuz gestorben ist und durch den Glauben der Menschen sich nun immer wieder neu in den Augen und deren Blicken zu erkennen gibt („Augenkreuz“ im Kontext des Altars).

Die Begegnung mit IHM muss und will gesucht werden. Die dem Kreuz vorgelagerte Arbeit weist darauf hin, dass Er – wenn auch verborgen – da ist und aus dem Geheimnis heraus uns sieht, schaut und liebt. Umgekehrt können auch wir ihn nur schauen, wenn wir durch das Vordergründige, durch das Sichtbare hindurchschauen, den Durchblick auf das Wesentliche der Dinge und Vorgänge suchen. Die profane Arbeit in der Kirche zeigt zudem, dass Gott nicht ausschließlich über religiöse Symbole „zu sehen ist“, sondern sich hinter / in allen Dingen der Welt versteckt, um sich dem zu offenbaren, der den Durchblick und damit „den Blick dahinter“ wagt.

In der Gesamtansicht der Kirche ergeben sich neue Perspektiven für das Kunstwerk. An zentraler Stelle der Chorwand wandelt sich die Arbeit zu einer Art Black Box. Visuell mögen vielleicht Analogien zum heiligen Stein (Kaaba) in Mekka aufsteigen, der von den Muslims als das Haus Gottes betrachtet wird, zu dem er alle einlädt. Parallelen zum christlichen Kirchenraum sind offensichtlich. Vom Wort „black box“ selbst sind auch Verbindungen zu einem Flugschreiber möglich, der alle Daten und Vorgänge in einem Flugzeug aufzeichnet und speichert. Im Zusammenhang mit den Augen könnte diese Funktion auch auf einen Gott übertragen werden, der alles sieht und erinnert. Das wäre allerdings eine verkürzte Sicht. Denn so verborgen sich Gott gibt, der Zugang zu ihm ist weder verschlossen noch unzugänglich. In der Arbeit zeigt sich das durch den kreuzförmigen Zwischenraum, der das große Würfelquadrat – ohne es auseinanderbrechen zu lassen – in vier kleinere Quadrate aufteilt und dadurch Ein- und Durchblicke auf Dahinterliegendes, auf Inneres ermöglicht. Das schwarze Quadrat  weckt die Neugierde des Betrachters und gibt Blicke in sein Innerstes frei. Da hier der Gekreuzigte zu sehen ist, Gottes geliebter Sohn, der sein Leben für unseres hingegeben hat, liegt die Deutung nahe, im „Augenkreuz“ von Stephan Balkenhol ein modernes Symbol für Gott Vater zu sehen, das Einblicke in sein Innerstes ermöglicht.

Die sechs weiteren Figuren, die an den Seitenwänden der Kirche befestigt wurden, bringen „Augenblicke“ der Geschichte Gottes mit den Menschen zur Sprache. Links vorne in einem Diptychon ein Mann und eine Frau, einander zugewandt, die vor einem grünen und goldenen Hintergrund stehen. Ihre Nacktheit und die beiden Hintergrundfarben deuten, ohne es explizit zu betonen, das Paradies an, die ursprüngliche Fülle des Lebens. Gegenüber sind vor einem silber-braunen Hintergrund ein Skelett und ein Mann zu sehen, der allseits gegenwärtige Tod, der uns Menschen begleitet und unsere Vergänglichkeit in Erinnerung ruft. In den mittleren Positionen stehen sich Maria mit dem Jesuskind im Arm und der Auferstandene gegenüber. Irritieren mag, dass Jesus nach heutigem Dress-Code gekleidet ist, dadurch verwurzelt der Künstler nach alter christlicher Tradition das vor 2000 Jahren Geschehene in unserer Zeit. Dies wird auch im dritten Figurenpaar deutlich, das eine junge Frau und einen jungen Mann unserer Zeit zeigt. Gott will seine Heilsgeschichte in unserer Zeit fortschreiben, … mit jedem von uns. Stephan Balkenhol hat mit seinen Kunstwerken eine wunderbare zeitgenössische Katechese geschaffen: als Einladung, Gott und sein Wirken näher kennenzulernen.

Weiteres Bild: Mann im Turm

Dieses und weitere Werke waren im Sommer 2012 im Rahmen der documenta 13 in der Kath. Kirche Stankt Elisabeth zu sehen. Weitere Informationen zu Stefan Balkenhol in St. Elisabeth.

Zur Austellung ist der Katalog STEPHAN BALKENHOL in SANKT ELISABETH erschienen. Auf 96 Seiten dokumentieren 90 Farbabbildungen und Texte des Bischofs von Fulda, Josef Meyer zu Schlochtern, Matthias Winzen, Rainer Marten und Helmut Krausser die Bedeutung dieser außerordentlichen Ausstellung. Snoeck-Verlagsgesellschaft Köln, 2012, ISBN 978-3-86442-020-7, Euro 19,80

Pressemeldungen zu den Arbeiten von Stephan Balkenhol in Sankt Elisabeth:

Vom Licht durchdrungen

Die große weite Schale hebt sich farblich kaum ab vom Hintergrund. Nur das Licht- und Schattenspiel lassen sie als eigenständige Form im Vordergrund wahrnehmen. Wie ein großer Blütenkelch weitet sich die Schale vom rechteckigen Sockel weg in den Raum hinein. Ihre Beschaffenheit ist hauchdünn und ebenso verletzlich wie bei ihren Vorbildern in der Natur. Sanft gewellt endet das dünne Material, ja es scheint sich geradezu in Luft aufzulösen.

Ganz aus kostbarem Silber gefertigt, präsentiert sich die Schale in schlichter Eleganz. Gerade ihre Einfachheit fasziniert. Das Fehlen von jeglichem Beiwerk oder Verzierungen tun gut. Sie glänzt in ihrer formellen und materiellen Reinheit. So vermag die Schale durch ihre Einfachheit, durch ihre vollendete Form zu überzeugen. Reine Schönheit!

Ähnlich wie bei einem Töpfer ein Tongefäß mit der Hand aus einem Klumpen Lehm hochgezogen und geformt wird, muss die Künstlerin diese Schale mit ihren Werkzeugen in äußerst behutsamer Arbeit aus einem Stück Silber in die Höhe getrieben haben. Der gewaltige Zeitaufwand, den eine so sensible Arbeit benötigt, damit das Material nicht bricht, lässt sich nur erahnen. Doch die Intensität, mit der die Künstlerin das Material erfühlt und wahrscheinlich auch in es hineingehorcht hat, ist aus der Perfektion der Schale herauszuspüren.

In diesem Bild wirkt die Schale groß. Da ein Vergleich zur Umgebung, ein Anhaltspunkt fehlt, ist sie unvergleichlich und somit wirkt sie ganz für sich allein. Das scheint auch ihre Aufgabe zu sein. Denn ihre außerordentliche Beschaffenheit und Schönheit verbieten ihr geradezu, alles, was mit Gewicht zu tun hat, in sich aufzunehmen. Allerdings vermag sie durch ihre runde Form und ihren sanften Glanz das Licht derart anzuziehen und in sich zu konzentrieren, dass das eigene Material geradezu verzaubert wird und der Eindruck entsteht, dass es sich in der Durchflutung durch das Licht entmaterialisiert.

Durch die verschiedenen Charakteristika vermag mancher Gläubige in der Schale vielleicht ein Symbol für uns Menschen zu sehen. Glauben wir doch, von einem unsichtbaren Schöpfer in unendlicher Zuwendung fein und wunderbar geschaffen worden zu sein (vgl. Ps 139,14). Als sein Volk sind wir ihm „teuer und wertvoll“ (Jes 43,4). Anderseits soll der Gläubige ganz auf Gott ausgerichtet leben, ganz offen für sein Wort und seine Weisheit sein, bereit, seinen Willen zu tun. So betet der Psalmist (40,9): „Deinen Willen zu tun, mein Gott, macht mir Freude, deine Weisung trag ich im Herzen.“ Und ein anderer spricht zu Gott: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119,105). So dürfen wir im Licht ein Symbol für Gottes Wort sehen. So wie die Schale durch ihre Beschaffenheit das Licht in sich auffängt und konzentriert, durchflutet und in ein geistiges Gefäß verwandelt wird, so sollen wir Gottes Wort, seine Weisheit, seinen Geist und seine Liebe in uns aufnehmen und sammeln, damit sie uns genauso durchdringen und zu Lichtträgern verwandeln. Lichtwesen sollen wir werden, von Seiner lichten Gegenwart beseelt, „Engel“, die ganz transparent auf Ihn hin sind.

Foto der Künstlerin mit ihrer Gold-Licht-Schale „Durchflutung IV/2“

Gefangen

Grünblaue Schnüre zurren einen Inhalt zu einem unbeweglichen Paket zusammen. Teilweise ist das Innere noch zu sehen. Senkrechte Elemente blitzen durch, schauen stellenweise hervor. Weiß in ihrer Farbe. Darüber rosarote Farbfetzen. Doch viel ist es nicht.

Was hier wohl zusammengeschnürt worden ist? Wir werden es nicht erfahren. Wir können Vermutungen äußern, Überlegungen anstellen. Von der Form und ihren Proportionen her vermag das Bündel an eine menschliche Gestalt zu erinnern. Es ist, als wäre rechts unten noch ein Fuß wahrnehmbar, im Bogen darüber eine Schrittbewegung, noch weiter oben eine gebeugte Schulter, ein gesenkter Kopf. – Aber so etwas kann doch nicht sein, eine derart beengende Einschnürung wird doch hoffentlich niemandem angetan. – Dieser Gestalt scheint wie von einer Vakuumpumpe alle Luft entzogen. Von den Schnüren fest umwickelt bleibt kein Bewegungsspielraum mehr, nur Erstarrung.

Die Frage bleibt, ob diese Figur für uns Menschen stehen kann. In den Ähnlichkeiten und Anspielungen an die menschliche Gestalt ist der Zweifel gesät. Gibt es nicht Situationen in unserem Leben, in denen wir uns gefangen vorkommen, weil wir uns von unsichtbaren inneren oder äußeren Fesseln zurückgehalten fühlen? Gibt es nicht Handlungen, durch die wir uns nach und nach in eine Sache verwickeln, verstricken oder verheddern, so dass uns immer mehr Bewegungsfreiheit abhanden kommt, bis wir schließlich bewegungslos aufgeben müssen? Die Aufzählung könnte sicher noch lange weitergeführt werden.

Was auch immer in der Plastik gesehen wird, sie macht deutlich, dass hier keine Befreiung mehr aus einer inneren Kraft heraus möglich ist. Wer oder was sich hier in den Schnüren wie in einem Spinnennetz verfangen hat, ist den Weg bis zum Ende gegangen. Befangenheit wurde vielleicht zu einem Verhängnis, dieses mit der Zeit zu einem Gefängnis, einem langsamen Erstarren, das letztlich zum Tod führte.

Die mit Schnüren umwickelte Figur gibt einen Prozess wieder. Es gab eine Zeit ohne Schnüre. Und es gab auch eine Zeit, in der eine Abwendung des finalen Zustandes noch möglich gewesen wäre. Eine Zeit, in der es noch aus eigener Kraft möglich war, entweder die wenigen Bindungen abzustreifen, sie durchzuschneiden, oder auch jemanden um Hilfe zu bitten, der einem aus dem Korsett der Schnüre befreit.

Die Plastik mahnt auf eindrückliche Art und Weise, dass es in unserem Denken und Handeln ein Zu-Spät gibt. Wer die Freiheit bewahren will, muss auf sichtbare und unsichtbare Fesseln achten, die sich zu jeder Zeit bewusst oder unbewusst um ihn legen. Und er / sie wird sich immer wieder neu für das Leben und gegen behindernde und gar lähmende Bindungen entscheiden müssen. Rechtzeitig.

Rest

Nicht an der Wand hängend, nicht klein wie ein Grabkreuz oder übergroß wie ein Wegkreuz begegnet uns dieses Kreuz, sondern in Menschengröße tritt es uns gegenüber.

In der Senkrechten besteht es aus einem einfachen Vierkantstab mit einer glatten, unstrukturierten Oberfläche, der in seiner geraden Schlichtheit an ein aus Balken gefertigtes Kreuz erinnert. In der Waagrechten hat die Künstlerin kein dementsprechend konstruiertes Element verwendet, sondern zwei an den Unterarmen miteinander verbundene Hände, die durch ihre körperliche Ausformung an den Leib Christi denken lassen, der am Kreuz gestorben ist. Sowohl die realistisch gestalteten Hände als auch das vertikale Stabelement wurden mit einer Silbernitratpatina veredelt, wodurch sich beide Elemente trotz ihres formalen Kontrastes zu einer Einheit verbinden.

Kreuz und Gekreuzigter werden so auf das Wesentliche reduziert zur Sprache gebracht: Mit ausgebreiteten Armen ist der Mensch an einem von Menschenhand errichteten Folterinstrument erhöht getötet worden. Doch anders als bei den traditionellen Kreuzigungsdarstellungen ist nur die eine Handfläche dem Betrachter zugewandt, die andere kehrt ihm den Handrücken zu; auch sind keine Wundmale zu erkennen

Diese so plastisch modellierten Hände scheinen nicht die eines Toten, sondern das Letzte eines Lebenden, eines um das Leben Kämpfenden zu sein. Doch sie greifen ins Leere. Während die linke Hand bereits kraftlos nach unten hängt, spreizen sich die Finger der rechten Hand noch kraftvoll, als wollten sie einen von hinten kommenden unsichtbaren Angreifer abwehren.

Die harmonische Gesamterscheinung dieses lateinischen Kreuzes täuscht. Der auf die beiden Extremitäten reduzierte Leib irritiert in seiner schwebenden Position. Sein lautloser Schrei nach dem fehlenden Körper dazwischen verunsichert, die Drehbewegung der in den Unterarmen verbundenen Hände ruft Unbehagen hervor und stellt gleichsam die Frage nach dem Warum.

Angesichts des Unfassbaren, das mit der Kreuzigung des Gottessohnes geschehen ist, sollte es uns nicht bei der Betrachtung eines jeden Kreuzes so ergehen wie mit dem Kreuz von Louise Bourgeois? Es vermag durch Gewöhnung zur Indifferenz verhärtete Kreuz-Ansichten aufzubrechen und Gefühle und vielleicht auch persönliche Erfahrungen zum Leben zu erwecken, in denen man sich wie am Kreuz aufgehängt, aller menschlichen Würde beraubt, handlungsunfähig vorkam. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 15,34)

sinnvoll

Sanfte Rundungen geben dieser Skulptur eine faszinierende Eleganz und gleichzeitig durch die leichte Unregelmäßigkeit den Charakter von Handgefertigtem. Die Öffnung mit der halsartigen Ausformung identifiziert sie als Vase. Doch der durchgehende Spalt auf der einen Seite lässt Zweifel aufkommen. Kann solch ein Gefäß noch seine Aufgabe erfüllen und Wasser oder andere Inhalte aufnehmen ohne diese seitlich wieder zu verlieren?

Normalerweise entsorgen wir Gefäße mit einem Sprung, denn sie sind undicht. Sie sind dann nicht mehr wirklich zu gebrauchen – höchstens zur Dekoration oder zum Aufstellen von Trocken- oder Kunstblumen. Wie um dem vorschnellen Beseitigen vorzubeugen, hat der Künstler „sinnvoll“ neben den fingerbreiten Spannungsriss geschrieben. Die goldenen Buchstaben machen den Betrachter darauf aufmerksam, dass die Vase durch den Spalt nicht wert- oder sinnlos wurde, sondern nach wie vor wert- und sinnvoll ist, ja vielleicht gerade durch diese klaffende Wunde, die Einblicke in das Innere der Skulptur ermöglicht, noch mehr Sinn erlangt.

Durch den Spalt wird erst deutlich, wie das Innere kostbar mit Blattgold ausgekleidet ist und im Gegensatz zur bunt bemalten, matten Außenseite goldgelb leuchtet. Zwei Welten begegnen sich in dieser Vase aus Eichenholz, dessen Wesen letztlich nur in dem (dem Holz eigenen) Spannungsriss sichtbar wird. Ansonsten scheinen sich auf seiner Außenseite die vielen Farben seiner Umwelt zu „spiegeln“, im Innern jedoch mit der Blattgoldbeschichtung etwas Fremdes und doch Wunderbares aufzuleuchten. Wunderbar auch, weil Vasen innen meistens dunkel und weniger kostbar ausgestattet sind als außen.

Die Sinnfülle dieses Objektes scheint also mit seinem inneren „Kleid“ im Zusammenhang zu stehen und erinnert an ein Wort des Apostels Paulus: „Christus ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.“ (2 Kor 4,6b-7)

Für den Künstler Udo Mathee steht die Vase tatsächlich für uns Menschen. Wir sind „aus hartem Holz geschnitzt“ und doch anfällig für Verletzungen. Wie das Holz können innere Spannungen unseren Körper verspannen und ihn bei Überforderungen auch „zerreißen“. Gerade diese „Wunden“ können tiefe Einblicke in unsere persönliche Mitte zulassen und dazu beitragen, die göttliche Gegenwart in unseren Herzen zu schauen. So ein „Riss“ im Leben macht sicher nicht alles sinnlos. Er macht vielmehr Sinn, weil in dieser Schwäche Gottes begleitende und stärkende Gegenwart erfahrbar wird. Sinnstiftende Gegenwart in der Kraft des Heiligen Geistes, der von innen heraus wirkt und alle Unzulänglichkeit mit neuem Sinn erfüllt und so den Menschen eine neue Ganzheit und geradezu übermenschliche Fülle schenkt.

Von dieser Skulptur ist eine Kunstkarte (Nr. 6020) zum Preis von 1 Euro + Porto erhältlich, die beim Künstler bestellt werden kann: Mailadresse

Gehalten!

Die beiden Gestalten dieser Skulptur – für manchen Betrachter erst auf den zweiten Blick klar zu erkennen – bilden eine unzertrennbare Einheit (auch aus anderer Perspektive: Ansicht von vorne). Ihre raue Oberflächenstruktur schweißt sie zusammen und erschwert gleichzeitig das Erkennen von Einzelheiten. Durch die grobe Holzbearbeitung wird der Eindruck erweckt, dass ihnen durch eine äußere Macht stark zugesetzt wurde. Sie wirken geschunden, gezeichnet, mitgenommen von dem, was sie erlebt haben. So bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft.

Auf dem einfachen Hocker sitzt mit aufrechtem Rücken eine fein gebaute Frau. Über den Kopf hat sie ein Tuch geworfen. Ob die Kopfbedeckung fest zu ihrem Auftreten gehört oder ein Zeichen der Trauer ist, lässt sich aus diesem Blickwinkel nicht feststellen. Wesentlich erscheint, dass sie fortwährend auf das Haupt der zu ihren Füssen in die Knie gegangenen Person schaut.

Der Mann hängt wie ein Häuflein Elend in ihren Armen und fließt von da in einer einzigen diagonalen Bewegung erschöpft zu Boden. Ihre Knie geben ihm seitlichen Halt, der Hocker und ihr Schoß stützen ihn hinten.

Kaum zu glauben, dass es sich um Mutter und Sohn handelt. Sie sieht so jung aus, dass sie auch als Geschwister gesehen werden könnten. Doch jede Faser seines Leibes weist darauf hin, dass er, die Frucht ihres Leibes, aus ihr hervorgegangen ist.

Wie damals sind sie nun wieder vereint. Sie, die keinen sichtbaren Rückhalt hat, ist wiederum sein einziger Halt. Dabei trifft sie das Schicksal ihres toten Sohnes schwer. Wie Pfeile verlaufen die Diagonalen seines Oberkörpers und seines rechten Armes auf ihre Brust und ihren Kopf zu (vgl. Lk 2,35a). Er war ihre Hoffnung gewesen, ihr Stolz, ihr Leben. Auch wenn sichtbar das Leben aus ihm gewichen ist, kann sie noch nicht loslassen. Nachdenklich und betrachtend sitzt sie da.

Was ihr wohl alles durch den Kopf geht? An welche Erlebnisse, Begegnungen und Worte sie wohl denkt? – Wir werden es nie erfahren. – Wir können uns nur mit unseren eigenen Lebenserfahrungen in ihr Schweigen hineinfühlen. Vielleicht vermag ihr Leid und ihr Schmerz uns in unseren Leiden und Schmerzen Halt zu geben. Vielleicht spüren wir dann auch, wie diese Frau letztlich von Dem gehalten wird, der ihr diesen Lebensweg aus ihrer Glaubens- und Lebensbejahung heraus zugetraut hat. Ja vielleicht weitet sich unser Blick auch so weit, dass wir in der jungen Frau nicht nur Maria, sondern auch Gott selbst erkennen, der uns mütterlich das Leben schenkt und uns über unseren Lebensweg hinweg durch den Tod hindurch begleiten und letztlich zur endgültigen Heimat bei ihm führen wird.

„Gott würfelt nicht“

Eine sehr minimalistische Skulptur, die vom Künstler aus 44 sechsseitigen Spielwürfeln in jeweils zwei Reihen längs und quer zusammengesetzt wurde, ohne auf die Aufeinanderfolge der Augenfelder zu achten.

Die Arbeit trägt eigentlich keinen Titel, aber bescheiden in Klammern gesetzt steht der bekannte, von Albert Einstein überlieferte Satz darunter: „Gott würfelt nicht“. Stammte er nicht von Einstein, nähme man ihn vielleicht nicht so ernst. Es ist eine lapidare Aussage, die selbstverständlich und daher umso verwunderlicher wirkt.

Viele Aussagen über Gottes Eigenschaften wurden im Laufe der Jahrhunderte von Theologen gemacht: allmächtig, allwissend, weise, gütig, gerecht, wahrhaftig … alles positiv, höchstpositiv. Und nun formuliert ein Naturwissenschaftler negativ: „Gott würfelt nicht“. Als ob das jemand angenommen hätte? Oder vielleicht doch?
Was macht denn einer, der würfelt? Er spielt, und zwar ein Glücksspiel. Er wirft einen oder eine bestimmte Anzahl von Würfeln und zählt, wenn sie liegen bleiben, ihre oben liegenden Augen. Er erwartet ein Ergebnis: entweder eine möglichst hohe Punktezahl, um zu gewinnen oder eine Entscheidung in einer mehr oder weniger wichtigen Sache. Aber jedenfalls ein Ergebnis, zu dem er nichts weiter tun muss als die Würfel werfen. Denn wer würfelt, überlässt das Ergebnis dem Zufall, es ist nicht sein eigenes Tun, seine Auswahl, seine Leistung oder sein Verdienst.

So konnte sich Albert Einstein die Entstehung und die Erhaltung des Universums nicht vorstellen. Er glaubte nicht an den Zufall, sondern an die Berechenbarkeit, durch die ihm im Laufe seines Lebens bahnbrechende Einblicke gelungen sind, er glaubte an die überwältigende Fülle der Lebensmöglichkeiten, anstatt an die begrenzten sechs Seiten eines Würfels. Gott richtet sich nicht nach unseren – wie für das Würfelspiel aufgestellten – Regeln und ist nicht auf Gewinn aus. Gott würfelt nicht.

Diesen Inhalt vermittelt der Künstler durch seine Arbeit. Die Kreuzform mag für das Göttliche, das Heilbringende stehen, der strenge Aufbau der Würfel für Ruhe und Ordnung, und … dass sie nicht zum Gebrauch zur Verfügung stehen. Sie können aber in ihrer willkürlichen Reihung auch ein Hinweis sein auf die sich so ungeheuer schwer erschließenden Geheimnisse des Universums. Und auch dazu wusste Einstein in seiner einfach-ironischen Art etwas zu sagen: „Falls Gott die Welt geschaffen hat, war es seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können.“

Das Zeichen

Mit unregelmäßigen Konturen steht der Holzbalken da. Aufgerichtet schwingt noch etwas vom Baumstamm der Eiche mit, die einst häufig Treffpunkt für heilige Rituale war. Hier ist eine fast leere Stele mit wenigen geheimnisvollen Zeichen.

Was sie wohl bedeuten? Worauf wollen sie hinweisen? Das große Zeichen befindet sich oben. Es ist ein aus mehreren Formen zusammengesetztes Bild, das sowohl eine Mondform beinhaltet als auch etwas Sternenartiges. Farblich weisen sie allerdings auf etwas anderes hin, das sich zu Beginn nicht so einfach erschließt. Aber sieht es nicht so aus, als würde sich diese Komposition den unteren beiden Symbolen zuwenden?

Formal sehr ähnlich, unterscheiden sie sich durch ihre Farbgebung: oben blau, unten rot. Der Künstler hat lasierende Farben gewählt, die dennoch voller Leben sind und den Blick auf sich ziehen. Da jeglicher Anhaltspunkt für eine feste Zuordnung fehlt, erscheinen sie uns in einem schwebenden Zustand. Die Frage ihrer Symbolik bleibt. Und wir bleiben Suchende.

Vielleicht müssen wir ganz unten, beim kleinsten Zeichen anfangen. Rot ist die Farbe des Blutes, des Lebens und der Liebe. Und das Zeichen besteht aus einem länglichen Körper und einem Kopf. Ein Kind der Liebe? Das Kind der Liebe? Jesus? – Der Evangelist Lukas (2,12) schreibt: „Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Diese Worte waren in den Alltag der Hirten vor Bethlehem hineingesprochen worden. Die Erscheinung der Engel hat sie mitten in der Nacht verunsichert, diese Worte sollten ihnen Halt geben, einen festen Anhaltspunkt, damit sie der himmlischen Botschaft glaubten.

Ob das blaue Zeichen für die Mutter Maria steht? Es zeigt in gleicher Form ein Menschenkind. Durch seine andere Farbe kommt allerdings mehr der Himmel zur Sprache, Gott. Der schwebende Charakter der beiden Zeichen bringt Menschwerdung zum Ausdruck, bei der das rote Kind als Abbild des blauen Kindes verstanden werden muss.

Wenn diese Stele also mit der Geburt Jesu, den Hirten und dem Stall in Bethlehem zu tun hat, dann können wir in der großen komplexen Form die von oben abgebildeten Köpfe von Ochs und Esel sehen. Sie gehören wegen ihrer Erwähnung im Buch Jesaja 1,3 von alters her zur Krippe, wobei der Ochse die Juden, der Esel die Nicht-Juden verkörpert. Beide zusammen bilden nach biblischem Verständnis die gesamte Menschheit, die Zielgruppe der Menschwerdung Christi.

Und dann mag unser Blick auf den Titel dieser Arbeit fallen, die Frage: Welches nun? Im Kunstbereich dient eine Stele dazu, ein Kunstwerk erhöht und freistehend zu präsentieren und ihm gleichzeitig festen Untergrund und Halt zu geben. Diese Holzstele vermittelt Einfachheit und Lebendigkeit mitten in der Natur, ja mitten in der Welt stehend. Aber sie präsentiert nur Zeichenhaftes und überlässt uns die Deutung. Welches nun? Worauf kann sich das Neutrum beziehen? Welches Zeichen? Oder gar welches Kind? Wir sollen auswählen, was für uns das Wichtigste ist. Welches nun? Wir müssen uns entscheiden, welches für uns der wahre Heilsbringer ist.

Eine ungewohnte Sichtweise. Sie stellt das Gewohnte in radikaler Weise in Frage und bietet dafür Neues an. Es ist eine Arbeit zu Weihnachten, die aus dem statischen „Alle Jahre wieder …“ herausführen und uns in dynamischer Weise zu Beteiligten machen kann.

Lichtfänger

Hauchdünn liegen die vier Schalen vor uns in ihrer einfachen und schlichten Form vollendeter Schönheit. Das Ensemble ermöglicht mit einem Blick vier verschiedene Ansichten durch ihr Material unterschiedenen Gefäße.

Zerbrechlich muten sie an, gleichzeitig unendlich kostbar in den Materialien Silber und Gold. Ihre Leichtigkeit wie ihr Wert gebieten Ehrfurcht, machen sie nahezu unberührbar. Privilegierte dürften sie vielleicht als Weihegefäße nutzen. Für alle anderen werden sie unantastbar und entziehen sich der gewöhnlichen Verwendung. Diese Schalen sind wesentlich zum Anschauen da, um betrachtet und bewundert zu werden.

Ohne Größenvergleich erinnert die Einfachheit der vier Formen an Eierschalen. Damit schwingt Ursprünglichkeit in ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung mit. In den vollendeten Rundungen liegt ein geheimnisvoller Anfang, dem das Potential sich entfaltenden Lebens innewohnt.

Leer zu sein ist für diese Gefäße kein Makel. Im Gegenteil. Durch die extrem dünne Beschaffenheit wirken die Materialeigenschaften bis an ihre Grenzen ausgeschöpft. Vom Licht durchdrungen wird so auf einmalige Art und Weise die Zeichnung von Gold und Silber sichtbar. Die hellen und dunklen Stellen mit ihren bewegten Formen machen jede Schale zu einem Unikat.

Weite Offenheit und tiefe Bereitschaft zu Empfangen kommen durch ihre Leere zum Ausdruck. Ist das nicht ein Widerspruch? Würde dadurch nicht ihre Schönheit zerstört, ja ihr Bestehen gefährdet? – Die Leichtigkeit der Schalen suggeriert, dass sie nicht für Materielles bestimmt sind, sondern mit etwas Immateriellem gefüllt werden möchten. Der sanfte Glanz ihrer Oberflächen lässt ahnen, dass die Schalen geschaffen wurden, um bleibend für das Licht offen zu sein. Denn nur so kommen ihr Wesen und ihre Schönheit zur Geltung.

Sind sie nicht Spiegelbild für uns Menschen? Für unsere Gemeinschaft durch ihre Vierzahl und für unsere Abhängigkeit vom Licht, auf das wir ausgerichtet sind, welches Leben erst ermöglicht und es uns in seiner Schönheit und Vielfalt bestaunen, in seiner so kostbaren und zerbrechlichen Beschaffenheit aber auch umsorgen lässt? Aber das Licht steht auch für alle immateriellen, geistigen Werte, welche unser Leben erst lebenswert machen: Vertrauen, Glaube, Hoffnung, Liebe, … Gott. Auch wir sind Lichtfänger …