verBUNDen

Die Holzfigur von Jesus am Kreuz wurde 2011 in der evangelischen Stadtkirche in Tuttlingen im Rahmen der Ausstellung „malhalten“ von der Künstlerin mit weißen Stoffbinden umwickelt. Die Gestalt des Gekreuzigten ist noch deutlich sichtbar, sie befindet sich auch noch am Kreuz und in der gewohnten Umgebung (Ansicht im Kirchenraum). Aber durch den Verband wurde sein geschundener Körper verhüllt und damit den Blicken der Betrachter entzogen. Manch einer mag durch diese Veränderung erschreckt reagieren und vielleicht auch an Blasphemie denken.

Doch die Künstlerin veränderte durch ihre Intervention die Botschaft des Kreuzes nicht. Was nach Verfremdung ausschaut, ist in vielen Kirchen ein traditioneller Brauch während der Fastenzeit. Vor allem in katholischen Regionen werden die Kreuze mit einem violetten Tuch verhüllt, den Blicken der Gläubigen entzogen, damit sie nach dem „Bilderfasten“ das Kreuz und seine Botschaft mit neuen Augen sehen können.

Allerdings hat Margaret Marquardt die Verhüllung variiert, in dem sie dem Kreuz nicht nur ein „Fastentuch“ vorgehängt hat, sondern sich dem Corpus Christi zugewendet hat. Mit den Mullbinden hat sie den „Leib Jesu“ wie einen Verletzten verbunden (Detailansicht). Dadurch, dass kein Körperteil mehr zu sehen ist, erscheint er sogar als Schwerverletzter. Der Körper wird durch den Verband nicht nur geschützt, sondern auch stabilisiert. Die Verbindungen zum und mit dem Kreuz geben ihm wie bei jemandem mit einem Arm- oder Beinbruch zusätzlichen Halt.

Die Stoffbinden erzählen auch, dass sich jemand der Verlassenheit des Gekreuzigten angenommen hat. Durch die Intervention der Künstlerin wurde dem Gekreuzigten Zuwendung und Fürsorge zuteil. Er erhielt ein notdürftiges, sauberes „Kleid“, das seine Blöße bedeckt. Die Hautfarbe ist dem Weiß der Mullbinden gewichen und signalisiert Heilung. Heilung der körperlichen Wunden im Besonderen, doch auch umfassende Heilung aller verletzten Beziehungen. Arnold Stadler schreibt dazu in seinem Buch zur Arbeit von Margaret Marquardt (S.19): „Das Heile ist das Ganze. Verbinden ist immer Heilen. Ein Joint Venture aus Jenseitigem und Diesseitigem, aus Oben und Unten, Göttlichem und Menschlichem, Heilem und Heilungsbedürftigem, von Innen und Außen, hier und dort. Dem Heilsverlangen des Menschen und der ganzen Schöpfung entspricht das Heilsangebot des Kreuzes, das von der Künstlerin gesehen und einbezogen wird in ihr Heilskonzept. Der Lichtstrahl [der vor dem Kreuz vertikal den Kirchraum quert] vergegenwärtigt den Vorrang des Gnadenhaften vor dem Machbaren des Heils und des Heilens. In diesem Licht ist auch der Lichtstrahl zu sehen.“

Als rotes Band flankiert dieser „Lichtstrahl“ die Verhüllung, mit seiner Farbe an das Blut erinnernd, das pulsierende Leben, die Macht der Liebe. Eingespannt als Installation zwischen Kirchendecke und Boden, kommt es doch klar von oben herab, göttliche Verbundenheit mit seinem Sohn und durch ihn mit allen Menschen symbolisierend. Es bringt grundsätzlich den Bund, die Verbundenheit zwischen Gott und den Menschen zur Sprache. Im Zusammenhang mit dem Gekreuzigten wird insbesondere seine Wirkmächtigkeit bei allen Verachteten, Leidenden und Sterbenden sichtbar. (Detailansicht)

Das weiße Verbandsmaterial verweist über das menschliche Erbarmen hinaus auf das Erbarmen Gottes. Er ist und bleibt allen Menschen nahe, selbst in ihrer größten Verlassenheit. Der verbundene Körper verbirgt und offenbart gleichzeitig sein geheimes Wirken. Dies wird auch in der Ähnlichkeit des Verbundenen mit dem Kokon einer Raupe deutlich, in dessen Verborgenheit sie in einen Schmetterling verwandelt wird und sich ihr eine vollständig neue Lebensdimension eröffnet.

So deutet der Verband die anstehende Verwandlung an. Der Körper ist noch da, aber verborgen, nur in einer äußeren Form sichtbar. Der Verbundene stellt gewissermaßen eine Karsamstagsexistenz (vgl. Hans-Ulrich Wiese) dar, die Zeit – und den Zustand – zwischen Tod und Auferstehung charakterisierend, in der das Vergangene verhüllt und das Kommende angedeutet, aber noch nicht offenbar ist.

Dieser Arbeit von Margaret Marquardt hat Arnold Stadler ein Buch gewidmet. Es trägt den Titel: Da steht ein großes JA vor mir. Es ist 2013 im Verlag Jung und Jung erschienen und umfasst 104 Seiten sowie 14 farbige Abbildungen. ISBN-10: 3990270397.

Gegeißelt, geschunden, geschlagen

Kreuz und quer überziehen blutrote Farbstriche die Bildfläche. Es sieht aus, als wäre das Bild heftig geschlagen und verletzt worden. Gepeitscht, gegeißelt, wie derjenige, der auf ihm dargestellt ist. Blutrote Striemen bedeuten harte, schnelle Schläge, die die Haut haben platzen lassen. Schläge, die tief ins Fleisch hinein verletzt haben und das Blut herausspritzen lassen. Von den seelische Verletzungen, die das Herz direkt treffen, ganz zu schweigen.

Furchtbar steht das blutige Geschehen vor unseren Augen – und verdeckt mit seiner unmenschlichen Gewalt fast gänzlich den, den es getroffen hat. Nur die Füße und Beine und der obere Teil des Kopfes des Misshandelten sind zu sehen. Ansonsten hat sich die Gewalt breit gemacht und Seinen Platz eingenommen. Die Peitschenschläge sind förmlich zu spüren.

Wie ein geschundenes Herz steht die Bluttat zwischen dem Betrachter und dem Gegeißelten. Sie versperren die Sicht auf Jesus, entrücken ihn und lassen die höhnische Frage der Diener im Palast des Pilatus aktuell werden: „Sag uns, wer hat dich geschlagen?“ (Mt 26,67)

So wie das Geschehen vor unseren Augen steht, mögen Zweifel aufsteigen. Habe ich ihn in einem unkontrollierten Augenblick vielleicht auch geschlagen? Vielleicht nicht ihn, wahrscheinlich auch nicht mit einer Peitsche, aber einen anderen unschuldigen Menschen? Mit der mir eigenen Gewalt – Macht, Worte, Druck, Aggression, usw. – sein Leben in ein „Blutbad“ verwandelt?

Unerträglich groß haben sich die blutroten Striemen über dem Gepeinigten aufgebaut. Ist das, was er zu erleiden und auszuhalten hat, als Mensch noch zu ertragen? Andererseits haben sich die Verwundungen wie ein Schutzschild vor dem Gegeißelten aufgebaut. Durch die Wunden scheint er unnahbar, unzugänglich. Doch nicht er hat sich von mir entfernt, sondern durch mein und unser Vergehen haben wir uns von ihm getrennt.

Vertikale Farbläufe gliedern wie Blutgerinnsel oder Tränen den unteren Teil des Bildes. Sie künden von nicht aufhörenden Verletzungen durch Verachtung und Gewalt, sie künden von der Ohnmacht der Geschlagenen, von der stillen Trauer der Leidenden und all derer, die mit ihnen leiden.

„Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“, heißt es bei Jesaja 53,4 vom Gottesknecht. Genauso muten die vielen auf die Leinwand gepeitschten Farbstriche an: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ Und ein paar Verse weiter heißt es: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf.“ So steht auch der Mensch im Bild hinter dem Peitschenregen und hält standhaft aus. Hält aus im Vertrauen auf Gott, dass Er ihm in der Folter Stand verleihe, ihn in der Folter fest halte.

Etwas von diesem Vertrauen, dass Gott ihn nicht verlassen hat, sondern durch alles Leiden hindurch begleitet und auch retten wird, scheint unauffällig in den sich zu einem Farbfeld verdichteten Peitschenhieben auf. Sie lassen nicht nur die maßlose Gewalt sehen, sondern im blutenden Herz auch zwei Flügel. Flügel, welche das Leid nicht unsichtbar machen, aber durch die Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung leichter und erträglicher machen.

 

„Wer hat unserer Kunde geglaubt?
Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“ (Jesaja 53)

Alle Bilder der Passion 2012

Gold, Weihrauch und Myrrhe

Warme Farben beherrschen das Bild. Goldgelb, Weiß, Gold und ein erdiges Rotbraun hüllen das Geschehen in ein festliches Kleid. Zwei Welten scheinen sich dabei zu begegnen. Die untere Bildhälfte ist durch eine intensivere Farbgebung und scharfe Konturen irdisch verhaftet, die obere kann durch ihre Bildposition, die helleren Farbtöne und verschwommenen Konturen mehr dem Himmel zugeordnet werden.

Dadurch hat die Künstlerin eine Bildtiefe geschaffen, die das himmlische Geschehen zu einer mystischen Schau werden lässt. Ein Mensch in goldgelben Farben ist in einem Kreis zu erkennen, umgeben von rauchähnlichen Aufhellungen. Erhoben und erhaben steht er da. Doch wen stellt er dar? Nur der Kopf und der rechte Arm können klar bestimmt werden. Um den Kopf lässt sich auch ein Leuchten beobachten, ein religiöses Zeichen, das zusammen mit der goldgelben Farbe auf seine Heiligkeit hinweist. Als Lichtgestalt kommt er von oben in das Bild hinein und wird die Mitte des Erdenrunds bilden. Umgeben von undefinierbaren Lichtgestalten, nimmt er die Position eines Weltenherrschers ein und darf somit als Jesus gedeutet werden.

Ihm gegenüber stehen im diesseitigen Bildteil drei Elemente mit gleichem Aufbau, jeweils aus einem stabähnlichen und einem kugelförmigen Teil bestehend. Sie könnten Menschen symbolisieren, doch ihre einfache Gestaltung, wie sie von unten in das Bild hineinragen und auf Jesus ausgerichtet sind, legen die Vermutung nahe, dass es sich vielmehr um drei gleichwertige Gegenstände handelt, die in das Bild hineingereicht werden. Ihre Geber müssen eine ähnliche Position wie wir Betrachter eingenommen haben. Doch während wir uns vor dem digitalen Abbild einer künstlerischen Wahrnehmung befinden, standen sie vor der Wahrheit selbst, dem Sohn Gottes.

Die drei Bildelemente symbolisieren also die drei Gaben der Sterndeuter bzw. Magier aus dem Osten. Die Charakteristika von Gold, Weihrauch und Myrrhe kommen besonders deutlich in der Gestaltung der Stäbe zum Ausdruck. Das Gold nimmt den zentralen Platz ein und korrespondiert mit der goldgelben Gestalt Jesu. Der Stab des Weihrauchs ist bläulich-weiß gemalt und hat eine rauchig-transparente Gestalt. Der Stab der Myrrhe befindet sich links im Bild und trägt mit klaren Konturen die symbolischen Farben violett und schwarz.

Über diesen Stäben schweben kreisförmige Elemente, welche die Symbolik von Gold, Weihrauch und Myrrhe weiterführen. So kann die zweiteilige Scheibe über dem Gold, die hintergründig durch eine weitere zusammengehalten wird, für die Doppelnatur des Neugeborenen stehen. Der Reichtum und die Herrlichkeit, die durch das Gold zum Ausdruck kommen, gründen darin, dass er als Mensch die Größe Gottes offenbart. Dieser Kreis steht durch seine Helligkeit der Sonne und ihrem Licht nahe. Die horizontale Bewegung im Kreis mag auch symbolisieren, dass Gold beim Menschen für den Geist und das Denken steht.

Das Element über dem Weihrauch nimmt die Bewegung des Rauchs auf. Es besitzt in der Spiralbewegung etwas Verbindendes, das aus zwei gegensätzlichen Welten eine einzige entstehen lässt. Weihrauch steht für das Leben und dient der Gottesverehrung. Als solches ist es in feierlichen Gottesdiensten zu sehen und zu riechen. In Bezug zum Menschen steht es symbolisch für die Seele und das Fühlen.

Die Kreisscheibe der Myrrhe gibt sich haptisch materiell aus Papier. Das Element hat farblich etwas vom Gold, ist aber in seiner Beschaffenheit vergänglicher und unvollkommener Natur. Da die Myrrhe als Medikament angewendet wird und bitter schmeckt, wird es dem menschlichen Körper und Willen zugeordnet. In dem Sinne steht es für Leiden, Vergänglichkeit und Tod.

Wie in den biblischen Quellen (Mt 2,1-12) stellt das Bild den Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland und ihre Gaben in den Mittelpunkt, nicht aber die Magier selbst. Über sie selbst erfahren wir nur, dass sie den Stern gesehen haben, ihm gefolgt sind, beim Anblick von Jesus mit „sehr großer Freude erfüllt“ niederfielen und ihm huldigten. Was sie damals gemacht haben, danach sollen wir heute handeln. Heute sind wir eingeladen, die Zeichen Gottes zu erkennen und ihnen zu folgen, um in der Begegnung mit Jesus von „sehr großer Freude erfüllt“ zu werden und ihn zu ehren. Die drei Geschenke im Bild bleiben für jeden Besucher griffbereit. Im Geist kann er sie ergreifen, sie mit einem eigenen Wert zu einem kostbaren Geschenk machen und Jesus darbringen.

Heilige Nacht

Punkte, wo man hinschaut. In dichten Reihen bedecken sie das Bild und legen eine bunte Schicht über den Bildgrund. Dennoch ist klar eine dunkelblaue Dreieckform zu erkennen, die von den unteren beiden Ecken bis zur Mitte des oberen Bildrandes aufsteigt. Vor dem helleren Hintergrund gleicht sie einer Pyramide oder einem Zelt, das in sich ein helles, längliches Element birgt.

Vor dem dunklen Hintergrund werden die Farbpunkte intensiver, leuchtender, und einzelne strahlen wie Sterne. Doch nur die weißen Punkte sind durchgehend gemalt. Die pinkfarbenen Punkte sind vor allem im Dreieck anzutreffen, überragen es aber wolkengleich im unteren und im oberen Bereich. Die gelben Farbtupfer sind bis auf die linke untere Ecke des Dreiecks überall anzutreffen. Zum einen umgeben sie das Dreieck wie eine Aura, zum anderen betont ein gelber Schatten das helle Element und lassen es als einen eigenständigen Körper wahrnehmen. Bei längerem Hinschauen meint man Füße und einen Kopf zu erkennen, eine hoch aufragende, menschliche Person zu sehen. In ihr scheinen die weißen Punkte Materie und Gestalt anzunehmen und eine Lichtgestalt zu formen.

Aber ist das möglich? Es sind doch nur das dunkelblaue Dreieck, die innenliegende weiße Form und die Farbtupfer in Weiß, Pink, Gelb und Blau zu sehen. – Doch all diese Elemente sind voller Symbolik! Kraft der ihnen innewohnenden Verbindungen vermögen sie ein weihnachtliches Geschehen anzusprechen. So haben die vielen Farbtupfer eine Ähnlichkeit mit einem Regenschauer und vermögen das Lied zu erinnern, in dem das Volk singt:

„Tauet, Himmel, den Gerechten!
Wolken! regnet ihn herab!
Rief sein Volk in bangen Nächten
Aus der Sünde finsterm Grab.
Und Er kam. – Mit Ihm kam Segen,
Wie ein milder Frühlingsregen
Wie des Himmels sanfter Tau
Rings erquicket Feld und Au.“
(nach Christoph von Schmid, 1811)

Gleichzeitig lassen die vielen gelben Farbtupfer an ein Lichtermeer denken, wie es an einem Christbaum oder auch in der Osternacht zu beobachten ist. In ihm vermeint man auch die göttliche Gnade und Herrlichkeit aufleuchten zu sehen, die sich auf die Erde niedersenkt und sich insbesondere auf bzw. im dunkelblauen Dreieck manifestiert, dem Symbol für Maria. Es verweist einerseits mit der Zeltform auf die temporäre und bewegliche Behausung, die jede Mutter ihrem Kind gibt, es beschützend und behütend. Andererseits mag sie die Glaubenshaltung Mariens zum Ausdruck bringen. Fest auf dem Boden der Erde stehend ist sie doch mit ihrem ganzen Wesen auf den Himmel und auf Gott ausgerichtet. Dies so stark, dass sich ihr äußeres Erscheinen mit dem Symbol für den dreieinigen Gott deckt.

So wird deutlich, dass Gottes Sohn die göttliche Lebensgemeinschaft nie verlassen hat, um durch Maria Mensch zu werden. In Maria nimmt Gott Menschengestalt an, vor dem Hintergrund ihres Glaubens und ihrer Liebe hebt er sich als Licht vom unerschaffenen Lichte ab. Vor Maria oder in ihr vermag die Lichtgestalt damit einen Durchgang zum ewigen Licht zu bilden.

In einer ganz anderen Sichtweise kann das dunkelblaue Dreieck auch als eine sich in der Tiefe des Bildes verlierende Straße gesehen werden. Einsam steht dann die hochaufragende Lichtgestalt auf dem Weg. Als Licht in der Dunkelheit wie als Weg weist die Lichtgestalt auf Jesus hin. Er mag auf uns zuzugehen, aber genauso gut könnte er eine Einladung darstellen, ihm zu folgen. Vielleicht schwingt in der Darstellung aber auch beides mit und suggerieren die vielen Lichtpunkte, dass Begegnung und Nachfolge eins sind und zusammen mit unzähligen Menschen geschehen. Hin zu Mitmenschen, die auf unser Kommen und unsere Zuwendung warten, und durch sie zu Gott selber.

Durch die bunten Farbtupfer breitet sich Wärme über das Bild aus. Auch Freude schwingt mit. Außerdem ist eine neue Gemeinschaft zu spüren. Symbolisch zum Ausdruck gebracht durch die Farbtupfer untereinander, andererseits durch den Bezug zu den grundlegenden Farbelementen. Letztlich wird damit die neue Gemeinschaft unter den Menschen angesprochen, die durch Maria und die Geburt ihres Sohnes eine neue Basis erhielt – und weihnachtliche Dimensionen.

Der ganze Bild-Zyklus wird im Buch „CREDO“ von Herausgeber Norbert Lammert präsentiert. Das Buch beinhaltet einen einführenden Text vom Herausgeber, eine Auswahl an Credotexten aus den frühen Jahrhunderten bis heute und die Abbildung des 19-teiligen Credo-Zyklus.

Hier können Sie den ganzen Zyklus auf der Website des Künstlers anschauen.

1 freier Mensch

Das Bild ist ein Abbild von einer dreidimensionalen Arbeit. Dies wird insbesondere durch die mittige Unterschrift auf der rechten Seite und die breiten seitlichen Ränder (in der Wiedergabe im Internet schlecht sichtbar) deutlich. Als Betrachter blicken wir also durch das im Offsetdruck multiplizierte Abbild auf das Original, das aus einem Blatt Papier, einem Tannenzweig, etwas Farbe und einem gelben Holzrahmen besteht.

Als Papier wurde die Rückseite eines Kalenderblattes verwendet. Unten sind gut die Perforierung und die halbrunde Ausbuchtung für die Aufhängung zu sehen. Damit erhält die Arbeit einen ersten Bezug zur Zeit, auch wenn die konkrete Zeitangabe verborgen bleibt. Damit beweist der Künstler zum ersten Mal seine Freiheit im Umgang mit den verwendeten Materialien. Er verwendet ein abgelaufenes Kalenderblatt, das er mit einer zweifachen Drehung einer neuen Aufgabe zuführt und wie durch eine Zeitenwende hindurch einem unbestimmten, offenen Zeitrahmen zuführt.

Ein Tannenzweig dominiert die Mitte des Blattes. Der feingliedrige Zweig erscheint als Strichmännchen mit gespreizten Beinen, einer gekrümmten Wirbelsäule und erhobenen Armen. Der Kopf ist am wenigsten ausgebildet. Eine Kopfform ergibt sich aber durch die Verdichtung von vier Verästelungen über der zentralen Vertikalen. So kann ein froher und tanzender Mensch darin gesehen werden, ein Mensch, der sich frei bewegt. Im Zusammenhang mit dem grünen Tannenzweig können aber auch weihnachtliche Gedanken aufsteigen, so dass im Tannenzweig mehr ein liegendes Kleinkind wahrgenommen wird. Mit dem Tannenzweig schafft der Künstler einen zweiten Bezug zur Zeit. In ihm wird das Wachsen und Erstarken genauso wie die Vergänglichkeit sichtbar. Zum einen im noch kräftigen Grün, zum anderen in den heruntergefallenen Nadeln, sie sich im Rahmen hinter dem Glas ansammeln. Auch hier schuf er aus dem Tannenzweig etwas völlig anderes.

Über dem Zweig malte der Künstler in dunklem Rot zudem „1 freier“ und darunter „mensch“, zusammen also „1 freier mensch“. Dies kann als Deutung des Tannenzweiges gelesen werden, aber auch im Bezug zum Künstler, der den Materialien in kreativer Freiheit eine neue Sinngebung gab. Seine künstlerische Unabhängigkeit bringt er auch in der Schrift zum Ausdruck. So schreibt er die Eins als Ziffer, schreibt „Mensch“ klein, unterstreicht aber dieses Wort. Durch die Platzierung von „freier“ oben im Bild erhält dieses Wort zudem etwas Geistiges, Ungebundenes, während das unterstrichene Wort „mensch“ unten im Bild geerdeter wirkt. Die Zahl „1“ steht wiederum mit dem singulären Tannenzweig in Beziehung und erhöht im Gegensatz zur Beliebigkeit des Wortes „ein“ die Einzigartigkeit dieses „freien Menschen“.

Allerdings, wer könnte mit einem freien Menschen gemeint sein? Ist es wie bereits angesprochen der Künstler, der losgelöst von allen Konventionen frei gestaltet? Oder bezieht sich die Bezeichnung mehr auf Jesus? Er kann wegen dem Tannenzweig im Zusammenhang mit seiner Geburt gesehen werden, als Gottes Sohn, der den Menschen den Frieden brachte (vgl. Lk 2,14), im Bezug zur Schrift ebenso als einziger wirklich freier Mensch, der unbelastet von jeglicher Schuld handelte (vgl. Hebr 4,15). Diesbezüglich könnte auch der feine Rahmen mit seinem leuchtenden Gelb als unauffälliger Licht- oder Heiligenschein gedeutet werden.

Die Arbeit von Felix Dröse lässt noch einen weiteren Zugang zu. Die plakative Aufmachung kann auch als Spiegelbild und Vision von uns gesehen werden. „ Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, schreibt Paulus an die Gläubigen in Galatien (Gal 5,1). Als auf Christus Getaufte sollen wir als freie Menschen handeln und neue Wege gehen. Martin Luther (zu dessen 500. Jahrestages des Thesenanschlages die Wanderausstellung „Zeitgenössische Kunst zur Bibel“ lanciert wurde und dieses Blatt zur Ausstellung eingereicht wurde) war einer von vielen Persönlichkeiten, die im Hören auf den Heiligen Geist und die innere Stimme es wagten, kontrovers zu denken und zu handeln, und dadurch zur Erneuerung von Kirche und Gesellschaft beizutragen. Heute stehen wir in ihrer Nachfolge.

Das Buch zur Ausstellung: „Zeitgenössische Kunst zur Bibel“, Johannes Beer (Hrsg.), Kerber Verlag Bielefeld 2012, ISBN 978-3-86678-720-9, 22,50 × 22,50 cm, Seiten: 204 Seiten, 122 farbige und 6 s/w Abbildungen, Hardcover gebunden, Euro 29,95

Einladung zum Abend-Mahl

Zwölf Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts umgeben einen mit einem weißen Laken bedeckten Tisch. Die einen sind bekleidet, die anderen nackt. Sie sitzen, stehen, kauern und liegen. Die Gemeinschaft wirkt ungewöhnlich und doch familiär. Fremd und doch vertraut befinden sie sich dem Betrachter gegenüber. Überraschen mag die Versammlung um den Tisch, die bedeutungsvolle Zahl von zwölf Personen, irritieren die Ähnlichkeit der Darstellung mit bekannten Bildern, die uns herausfordert, das Andere, Unterschiedliche in diesem Bild zu suchen. Denn ob Nacktheit oder Haltung, ob Beziehung oder Einsamkeit, die verschiedenen Lebensalter und -situationen sind uns alle bekannt. Wir haben sie am eigenen Leib, in unserer Familie oder im Bekanntenkreis kennen gelernt.

In ausgesprochener Schönheit hat der Künstler die Menschen vom Baby bis zur Greisin, vom Neugeborenen bis zum Verstorbenen dargestellt. Der Künstler hat sich mit seiner Frau (beide schwarz gekleidet), mit Tochter, Sohn und Mutter, mit Freunden und Bekannten in dieses Bild eingebracht. Sie erscheinen als feiernde Gemeinschaft. Allerdings ist keine Freude zu beobachten, kein großes Essen, keine wirkliche Beziehung zueinander. Die einzelnen Personen stehen sich durch ihre Position im Raum nahe, aber außer der Mutter, die ihre Hand auf die Schulter der Tochter gelegt hat, berührt sich niemand, spricht niemand.

Die Gemeinschaft scheint in dieser fast bedrückenden Ruhe zu warten. Das Brot ist geteilt, aber noch nicht verteilt. Wie als Einladung an den Betrachter wird als einzige aktive Handlung das Glas an der Vorderkante des Tisches mit Wein gefüllt. Erwartungsvoll wird der Betrachter von einigen im Bild angeschaut. Wie wird er auf diese Einladung reagieren? Wird er sich an den wirklichen Tisch vor dem Hauptbild setzen oder sich wie andere Personen im Bild aus welchem Grund auch immer vom Tisch abwenden?

Wer die Einladung annimmt, wird auf ganz unerwartete Weise erfahren, wie sehr er zu dieser menschlichen Schicksalsgemeinschaft gehört. Denn nach einer halben Minute sieht er sein Portrait (gefilmt von einer in der Installation versteckten Kamera und von einem in der Wand eingelassenen Beamer auf das Bild projiziert) inmitten der Tischrunde. Wie eine Erscheinung taucht er so an der freien Stelle in der Bildmitte auf (Ansicht 2). Es ist, als wolle der Maler dem Betrachter sagen: in diesem Bild ist ganz viel von Dir. Setz Dich und setze Dich mit uns auseinander, verweile bei uns, trink mit uns ein Glas Wein, brich mit uns das Brot. Erst mit Dir kann das Fest beginnen.

Doch was für ein Fest soll denn hier gefeiert werden? Es irritiert, dass nur die eine Hälfte der Tischgemeinschaft angezogen ist. Auffallend auch, dass sie ausschließlich schwarze oder weiße Kleider tragen und nur beim jungen Mädchen ein paar Farbklekse zu sehen sind, beinahe als Pendant zum Dunkelrot des Weines. Sind sie eine Trauergemeinschaft? Oder sollen Schwarz und Weiß dezent auf seelische Zustände der diese Farben tragenden Personen hinweisen? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Sicher ist, dass sie im Gegensatz zu den unbekleideten Personen stehen. Diese haben nichts Exhibitionistisches an sich, sondern integrieren sich auffallend natürlich in diese Gemeinschaft. Sie lassen den Menschen in seiner ursprünglichen und elementaren Beschaffenheit wahrnehmen, so wie er geboren wird (Kleinkind), aufblüht (junge Frau) und letztlich auch stirbt (liegender Mann). Der Künstler hat schöne Menschen gemalt, die Schönheit und die Würde des Menschen hervorgehoben. Auch nackt hat er nichts zu verbergen. Er darf in diesem geschützten Raum seine Anfälligkeit und Vergänglichkeit genauso zeigen wie seine unbekümmerte Offenheit und sein geradezu paradiesisches Vertrauen (vgl. Gen 2,25). Er hat nichts zu befürchten und darf in seiner existenziellen Körperlichkeit ganz sich selbst sein. Ist das nicht so im Kreis der Familie?

Erstaunlich ist und für manche mag dies auch blasphemisch wirken, dass der Künstler dem Betrachter den Platz zuweist, den Jesus in traditionellen Abendmahldarstellungen einnimmt. – Doch zuerst mal ist der zentrale Platz einfach leer, allerdings auch nicht unbesetzt. Denn dahinter öffnet sich der Raum für einen weiten Blick über das Land und in den Himmel. Die Sonne scheint gerade untergegangen zu sein. Noch erleuchten ihre Strahlen den Himmel, doch sie selbst ist nicht mehr zu sehen. Auf diese Weise wird eine andere Dimension unseres Lebens im Bild sichtbar, ein zentraler Bezugspunkt, der mit einer immateriellen Kraft und einem Licht zu tun hat, die auf eine andere Weise als das von links durch ein Fenster in den Raum hineingeworfene Licht für unser Leben wichtig sind. Wir nennen die unerschaffene Kraft Gott, sein Licht, von dem wir heute noch die Strahlen sehen dürfen, Jesus. Er nimmt in dieser aktualisierten Darstellung des Letzten Abendmahls, allerdings in einer anderen Gestalt, weiterhin den zentralen Platz ein.

Wenn nun das Bild des Betrachters an dieser Stelle erscheint, dann um zu sagen, dass Jesus auch durch ihn sichtbar wird und wirkt. Zum einen, weil der Künstler ihn als Hungrigen und Dürstenden an seinen Tisch geladen hat und sich dadurch das Wort Jesus erfüllt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Zum anderen, wenn der Betrachter bereit ist, an Gott zu glauben und bereit ist, sein Leben aus der lebendigen Beziehung zu Ihm zu gestalten. Denn jeder Christ hat in seiner Taufe „Christus angezogen“ (Gal 3,27) und soll sich in seiner Haltung und seinem Verhalten, in seinem Reden und Handeln möglichst wie Jesus verhalten, denn „der Christ ist ein anderer Christus“, wie es der Kirchenvater Cyprian auf den Punkt brachte.

Das Mittelbild der Installation weitet sich seitlich in je sechs kleineren Bildern in den Raum hinein (linke Ansicht 2). Mit Bildzitaten aus dem Abendmahlbild und Inschriften wie „bekennen, vergeben, vergehen, opfern, empfangen, Brot brechen, vergessen, suchen, täglich Brot, Anmut, spiegeln, schlafen“ wird der Dialog zwischen dem im Hauptbild Dargestellten und wesentlichen Handlungen und Erfahrungen im Leben jedes Menschen zusätzlich angeregt (linke Bilderreihe / rechte Bilderreihe / kurze Erläuterungen zu den „12 Begleitern“).

Was in dem Bild geschieht, geht jeden etwas an. Auch der dem Bild vorgelagerte Tisch mit weißem Tischtuch, gebrochenem Brot, dem Messer und der Blume, einem Glas und einem Teller sowie einer goldenen Kugel will dem Betrachter die Tatsache nahe bringen, dass jeder auf irgend eine Art und Weise am Tisch des Lebens sitzt und aufgefordert wird, im Geben und Empfangen daran teilzuhaben und zur Lebensfülle beizutragen. Der wie beim Letzten Abendmahl sparsam bestückte Tisch lässt spüren, dass es auch beim gedächtnishaften Abend-Mahl im Familienkreis weniger um das Essen als vielmehr um die Anwesenheit, die Gemeinschaft und die gegenseitige Zuneigung und Hingabe geht.


Digitale Materialien für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk:
> Das Kunstwerk auf der Website des Künstlers.
> Predigt von Pfr. Bodo Windolf (Fronleichnam 2011).
> Video und Diskussionsforum 1.
> Diskussionsforum 2.

Den richtigen Weg finden

Sieben farbige Kreise umgeben einen goldenen Mittelpunkt. Die Farb- wie die Richtungswechsel der Linien faszinieren. Veränderung wird spürbar. Je nachdem, wie man schaut, können die Kreise treppenförmig in die Tiefe hinunter oder auf einen Kegelspitz hinaufführen. Entscheidend ist die Sichtweise.

Ebenso geht es mit dem Zugang zur Mitte. Er ist auf der linken Seite des Kreises in Form einer dynamisch aufsteigenden Diagonale angeordnet, die sich aus den Kehrtwendungen der farbigen Linie ergibt. Doch welches ist der Eingang zur Mitte? Ist der lehmbraune Hintergrund die Gehfläche, so würden sich gleich zwei Zugänge und zwei Verzweigungen zwischen den farbigen Begrenzungen ergeben. Aber alle endeten früher oder später in Sackgassen, denn nur der direkte Weg hinter dem rechten Zugang führte zur Mitte.

Bei dieser Sichtweise stellt sich unweigerlich die Frage, ob dieser siebenfach geschützte goldene Mittelpunkt so leicht zugänglich sein kann. Schließlich stellt er in seiner goldenen und runden Vollkommenheit etwas sehr Kostbares und für die meisten Menschen Unerreichbares dar. Und doch, so wie sich die goldene Mitte frei im Innenraum befindet, auf der gleichen Ebene wie der Hinter- oder der Untergrund, bietet sich visuell diese Möglichkeit des Zugangs. Wer die Kraft dieses goldenen Mittelpunktes spürt, der wird nicht lange Umwege machen wollen, sondern so schnell wie möglich die größtmögliche Nähe dieser Kraftquelle suchen.

Von oben betrachtet und von der Mitte ausgegangen wird jedoch sichtbar, dass die farbige Linie – wenn auch mit Umwegen – der einzige Weg ist, der direkt auf den Mittelpunkt zuführt. In sieben Kreisen umrundet ihr Lauf die Mitte, bis sie unmittelbar vor ihr endet – allein schon durch die Anzahl ein geradezu heiliges Ritual.

Dieser eine Weg hat den Vorteil, dass es unmöglich ist, sich zu verirren. Dadurch wird er einem aber nicht leichter gemacht. Die Wegführung wirkt manchmal gar zermürbend. Relativ schnell vermag man das erste Drittel zurückzulegen und bis zur Mitte vorzudringen. Doch dann beginnen die Seitenbewegungen. Hin und her führt der Weg über drei Wendungen an den Rand und zum Anfang zurück. Dieser Wegbereich ist durch die Farbe Magenta geprägt.

Ein weiteres diagonales Wegestück führt zu den nächsten drei Rundungen. Sie sind in der Grundfarbe Cyan gehalten. Die äußerste von ihnen bildet gleichzeitig die mittlere der sieben Umrundungen. An ihrem Ende führt sie nach einer Linksbiegung in die unmittelbare Nähe des goldenen Kreises, aber auch an ihm vorbei. In der roten Farbe ist erstmals die Kraft der goldenen Mitte erfahrbar. Was muss von dieser goldenen Mitte für eine Energie ausgehen, dass der in ihre Nähe Kommende wie von einem immateriellen Feuer ergriffen zu glühen und brennen beginnt?

Doch der Weg führt wieder von der Mitte weg. Erst nach zwei weiteren Umrundungen schwenkt er direkt auf sein Ziel zu. So abrupt wie er draußen begonnen hat, hört er vor dem kleinen goldenen Kreis auf. In der unmittelbaren Begegnung mit der goldenen Mitte flammt die rote Farbe wieder auf. Sie lässt spüren: der Weg war nicht vergebens. Angesichts des mühsam Gesuchten, des ganz Anderen, geht seine unendliche Kraft auf den über, der den Ruf der Mitte angenommen und bis zu ihr durchgehalten hat. Verweilen wird angesagt sein, bevor der Weg dann wundersam gestärkt von innen nach außen gegangen werden kann. Erfüllt von der Begegnung mit ihm wird man als Verwandelter in den Alltag zurückkehren und dort allein schon durch die persönliche Ergriffenheit sein Dasein in unserer Mitte verkünden.

Alle Bilder aus diesem Zyklus 12 x 1

Unfassbar

In diesem non-figurativen Glasfenster scheint alles in Bewegung zu sein, sich alles um das dunkelrote Zentrum in zweidrittel Höhe zu drehen. Während sich die eine Kreisbewegung von unten rechts her zum Kreis hin fokussiert, geht die Bewegung im obersten Drittel eher von diesem dunkelroten Blickfang aus nach links oben. Spiralförmig verschleudert dieses rote Kraftzentrum seine Energie, scheint sie in den unzähligen goldgelben Teilen in die unendliche Weite des Universums hinauszuschleudern. Verschwenderische Fülle wird spürbar.

Neben der eindrücklichen Drehbewegung prägen ein helles Rot und goldenes Gelb dieses Glasfenster. Das helle Rot mag an helles Blut erinnern, das vom Herzen aus durch die Arterien sauerstoffreich den menschlichen Körper mit Lebenskraft versorgt. Christologisch gesehen kann es auch als das Blut Christi gesehen werden. Weil er uns Menschen unendlich liebte, konnte er sein Leben für unseres hingeben, konnte er uns mit dem Preis seines göttlichen Lebens von freiheitsberaubenden Gebundenheiten freikaufen. In jeder Eucharistiefeier wird dieses Ereignis neu Gegenwart, soll die Liebe Gottes spürbar und wirksam wie aufstrahlendes Licht in der Dunkelheit unser Leben existentiell verändern. Dies kommt auch in der das helle Rot begleitenden goldgelben Farbe zum Ausdruck, die mit ihrer Symbolik „für das allumfassende Göttliche, für Geborgenheit und Wärme“ (Nestler) steht. Wie ein segensreicher Blätterregen schweben die goldfarbenen Elemente in das Kirchenschiff hinein und über die Gläubigen. Sie mit göttlichem Licht segnend, von innen her stärkend, erfüllend und miteinander durch seine Präsenz verbindend (Ansicht von unten mit gleichen Farben).

Dieses Licht- und Farbenspiel wird von weißen Lichtfeldern durchsetzt, die im untersten Bereich auch strahlenförmig wahrnehmbar sind. Wie Wolkenfetzen überlagern sie die göttliche Schau und verdecken sie teilweise. So wird wohl viel vom ewigen Licht und dem, was es beinhaltet, sichtbar, aber die ganze Fülle kann noch nicht gesehen oder sinnlich erfahren werden. Ein Wehmutstropfen bleibt. Noch leben wir hier auf Erden in materieller Umgebung und vergänglichem Körper. Was bleibt, ist die Sehnsucht und Hoffnung nach der immateriellen, seelischen Heimat bei dem Dem, der das Leben selbst ist.

Dieser mehrschichtigen Botschaft wird auch durch den außerordentlichen Aufbau des Glasfensters Gestalt verliehen. In vier Schichten und unterschiedlichen Techniken sind die Farben und Formen kunstreich auf das Glas gebracht worden. Um ihre Schönheit und Farben in ihrer Fülle zu erfassen, muss sich der Betrachter selbst in Bewegung setzen. Erst durch die verschiedenen Blickwinkel werden sich die gesehenen Fragmente vor dem geistigen Auge zu einem immer wirklichkeitsnäheren Bild zusammenfügen. Auch ist das Glas nicht in das bestehende Maßwerk eingesetzt (Außenansicht), sondern als eigenständige Fläche etwa 30 cm vor das Fenster in den Kirchenraum gehängt. Dadurch verliert das in der Fachsprache sogenannte „Lichtmaß“ als Ausschnitt der Architektur an Bedeutung. Während oben das auf dem Glas wiederholte Maßwerk noch dominierend ist, löst sich im und durch das Fenster die filigrane gotische Architektur nach unten immer mehr auf und ist letztlich nur noch als Schatten wahrnehmbar. So „weitet sich das durch die Architektur begrenzte Licht zu einem neuen grenzenlosen Raum“ (Nestler), setzt sich das sinnlich wahrnehmbare Licht als unfassbares göttliches Licht in den Gläubigen fort.

 

Bernd Nestler hat mit diesem Fenster Anfang 2011 unter 285 Mitbewerbern einen international ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen, bei dem es darum ging, zum 450-jährigen Bistumsjubiläum ein Fenster zu schaffen, das die Möglichkeiten der heutigen Glasmalerei nutzt, um der Glaskunst im 21. Jahrhundert neue Impulse zu geben. Herzliche Gratulation!

Durchblick – Anblick

Schwer zu sagen, wohin der Blick durch diesen schwarzen Rahmen führt. Außen klar abgegrenzt verläuft der breite Strich am inneren Rand und geht verwaschen in das blaue Innenfeld über. Feine Linien in weißer bis golden brauner Farbe erfüllen diesen gewölbten Raum mit Leben, scheinen von unten wie Rauch aufzusteigen, wie geistige Feuerzungen den Raum zu füllen, wie Wasser einer dreifach gefassten Quelle zu entspringen.

Die Dreiviertelkreise in der unteren Hälfte umgeben eine Mitte, die nur von unten zugänglich ist. Dadurch wird die Tiefenwirkung verstärkt, der Blick durch den dicken, festen Tür- oder Fensterrahmen hindurch und weiter die drei Bögen in das Bild hineingezogen. Man kann nur eintauchen in die Tiefe und Weite dieser von Licht durchdrungenen blauen Farbe, sich berühren lassen von dem feinen Leben, das der geheimnisvollen Mitte kraftvoll und doch ruhig entströmt.

Ob man zu weit geht, wenn man in der innersten Umschreibung die Andeutung eines Kinderkopfes sieht, bei dem mit der Öffnung unsichtbar das Kinn suggeriert wird? Vielleicht wird mit dem Zwischenraum auch auf den Mund dessen hingewiesen, der Worte voller Weisheit sagte, ja das Wort selbst ist, das göttliche Wort. Sieht es nicht aus, als würde aus dieser in unendlicher Tiefe gründender Mitte unaufhörlich gegeben und wir dadurch stets empfangen?

So ist es letztlich kein Blick in die Ferne. Eher steht man beim Verweilen vor dieser Arbeit unmittelbar vor dem Antlitz Christi, das zurückhaltend von der Ausstrahlung seines Wesens umgeben wird. Ein Blick durch das Fenster in ein Haus, das alle Begrenzungen übersteigt, ein Blick auf den, der uns einlädt, einzutreten und ihm nachzufolgen, denn er selbst ist die Tür zu einem erfüllten Leben.

Rose und Mensch

Ein rosarotes Feld mit schönen Schattierungen dominiert das Bild. Erst auf den zweiten Blick mag in den Formen und Schattierungen eine Rosenblüte sichtbar werden. Im Vergleich zum Stern neben ihr und den feineren Strukturen unter ihr schwebt sie – es sind kein Stiel und keine Blätter zu sehen – geradezu übergroß im Bildraum.

Dieser ist dem Stern nach und der Pyramide unter ihm im Außenraum anzusiedeln, im Bereich zwischen Himmel und Erde. Der gelbe Boden suggeriert im Zusammenhang mit der Pyramide zudem eine Wüste, die Neigung auf der rechten Seite die Wölbung der Erde.

Da, mitten drin, umgeben von lilafarbenen Spurenelementen, in der roten Farbe intensiver, aber dennoch mit der Rose darüber korrespondierend, eine liegende menschliche Gestalt. Ihre Größe ist schwer auszumachen. Im Vergleich zur Rose über ihm erscheint der Mensch klein und irgendwie auch einsam. In seiner roten Farbe erweckt er den Eindruck voller Leben, voller Liebe zu sein. Die Farbspuren um seinen Kopf lassen aber auch seine Verletzlichkeit spüren, vielleicht auch schon die seelische und körperliche Gewalt, die er später einmal erleiden muss.

Wer den lila Farbspuren nachgeht, wird um das Menschenkind herum zwei feine, gerade Linien entdecken. Erstaunlich: dieser Bildbereich scheint aufgeklebt, eine Collage, ein Ausschnitt aus einem anderen Bild zu sein. Ob die Künstlerin dem Betrachter damit sagen will, dass dieses Menschenkind seinen Ursprung an einem anderen Ort hat? Der Gedanke scheint nicht abwegig, denn über eine lila Farbspur im Stern ist direkt über dem Kind in der linken oberen Ecke des Bildes ein ähnliches Bildelement angesiedelt, allerdings mit einer organischeren Begrenzung. Es ist, als wäre der Himmel hier aufgerissen und der Ausschnitt darunter ganz klar dem Himmel zugehörig. Dadurch kann dem Kind eine göttliche Abstammung zugeschrieben werden. Der da allein in der weiten Wüste daliegt, nur von mysteriösen lila Farbspuren umgeben, muss Gottes Sohn sein. Der Stern über der Pyramide kündigt an: Gott selbst schenkt der Welt seinen Sohn. „Unweit“ der Pyramiden wurde er im Nahen Osten geboren.

Doch wieso mag die Künstlerin die Rose so groß gemalt haben? Worauf will sie mit ihr wohl hinweisen? Ob sie an das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ aus dem 16. Jahrhundert erinnern will, in dem Jesus als die Rose besungen wird, als das „Blümlein“, das aus dem Rosenstock Maria hervorging und als dessen Wurzel Jesse gesehen wird? Im Vergleich mit dem Bildmotiv „Wurzel Jesse“ (z.B. Wikipedia) wird deutlich, dass die Künstlerin durchaus Bildelemente verwendet haben mag. Die liegende Gestalt könnte auch Jesse darstellen, über dem (und durch die im Bild unsichtbare Maria) die wunderbare Rosenblüte Jesu aufgeht. Sie ist größer als der Stern, der ihn angekündigt hat. Sie wächst von der Erde her dem Himmel zu, Gott und die Menschen wunderbar und neu miteinander verbindend.

Wenn aber in der Rose eine symbolische Darstellung von Jesus betrachtet wird, erhält auch die liegende Gestalt eine neue Bedeutung. Neben dem Jesuskind oder seinem Stammvater Jesse kann in ihr auch ganz einfach der Mensch in seiner Erbärmlichkeit und Hilfsbedürftigkeit gesehen werden. Was wir im Bild in einer kosmischen Schau zusammensehen, sieht der liegende (und damit aufschauende) Mensch sich über ihm entfalten. Im Symbol der Rose sehen wir, wie sich Gott durch Jesus in Liebe dem Menschen zuwendet, ihm machtvollen und doch sanften Beistand schenkt.

Ein Kind entzweit …

Zwei dünne weiße Stoffrechtecke mit bedruckten Versen aus dem Koran stehen heute im Zentrum unserer Aufmerksamkeit (Gesamtansicht). Sie sind mit den Versen 16 bis 22 und 88 bis 93 der Sure 19 bedruckt, in denen es zentral um Maria und die Empfängnis des Gottessohnes geht. Nach der Verkündigung der Frohbotschaft an Maria (16 bis 22) folgt eine Reaktion zum diesbezüglichen Glaubensverständnis der Christen.

Sie, die Ungläubigen, die Christen sagen: „Der Barmherzige hat sich ein Kind zugelegt.“ Mit dieser eurer Behauptung habt ihr etwas Schreckliches begangen. Schier brechen die Himmel aus Entsetzen darüber auseinander und spaltet sich die Erde und stürzen die Berge in sich zusammen, dass sie dem Barmherzigen ein Kind zuschreiben. Dem Barmherzigen steht es nicht an, sich ein Kind zuzulegen.

Die Bearbeitung und Darstellung dieser fünf Verse macht den Unterschied zwischen den beiden Stoffen aus. Oben ist der Text mit einem Goldfaden gestickt (Detailansicht), unten mit einem roten Garn in das Gewebe eingebracht, wobei hier die Garnenden als lange herunterhängende Fäden belassen wurden. Dadurch werden zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen deutlich.

Mit dem Goldfaden wird hervorgehoben und gewürdigt, dass für die Muslime auch diese Worte zur Offenbarung Gottes gehören. Das Kostbare, Erhabene und Göttliche soll durch das Edelmetall zum Ausdruck kommen, als Zeichen dafür, dass Gott selbst gesprochen und damit seine ureigenen Gedanken kundgetan hat. Eine nahezu unermessliche Bestürzung und Distanzierung spricht aus ihnen. Was die Christen glauben, ist unannehmbar, unglaublich und letztlich Beweis, dass sie nach dem muslimischen Glaubensverständnis Ungläubige sind. Was sie glauben, ist für den Barmherzigen derart schrecklich, dass nicht nur er, sondern auch seine ganze Schöpfung (Himmel und Erde) und unausgesprochen auch alle Muslime unter der Spannung, die diese unerträgliche Behauptung auslöst, zu zerbersten drohen.

Der mit dem roten Faden wiedergegebene Text knüpft an diese gewaltigen und gewaltsam wirkenden Worte an. Was für die einen (die Muslime) Gottes heilige Offenbarung ist, die verehrt wird (Goldfaden-Variante), ist für die anderen (die Christen) ein Angriff auf ihr zentrales und ebenso unantastbares Glaubensverständnis der Gottessohnschaft Christi, dass in Jesus Christus der „eine“ Gott Mensch geworden ist. Die rote Schrift lässt unwillkürlich an Blut denken (Detailansicht). Die herabhängenden Fäden suggerieren sogar herabfließendes Blut und lassen an die oft blutigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen zu diesen und anderen Glaubensansichten und -überzeugungen denken.

Mit den beiden künstlerisch gestalteten Varianten möchte die Künstlerin jeder Religion Respekt erweisen. Die Arbeit zeigt auf, wie unterschiedlich gerade Glaubenswahrheiten gesehen und empfunden werden. Die Arbeit kann damit als Bindeglied im interreligiösen Dialog, als kleines Plädoyer für mehr Offenheit und Verständnis untereinander angenommen werden. Vielleicht wird durch den Text auch bewusst, wie viel Provokation für Muslime darin liegt, Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu, in der aufwändigen westlichen Art und Weise zu feiern. Das Entsetzen der Muslime darüber, dass Jesus Gottes Sohn sein soll, mag uns Christen vielleicht auch nachdenklich machen und zum dankbaren Staunen über unseren Glauben und das Wunder der Menschwerdung anregen. Weder das eine noch das andere ist selbstverständlich.

Gottesmutter – Menschensohn

Abstrakt und mit einfachen Formen und Farben erzählt dieses Bild dem interessierten Betrachter seine Geschichte. Eine Geschichte, die von der Spannung der beiden Bildhälften und dem Geschehen in seiner Mitte lebt. Die blaue Farbe steht im Gegensatz zum feurigen Rot darüber. Und beide scheinen sich seitlich und nach oben oder unten endlos auszubreiten. Doch in der Bildsituation begegnen sie sich als stille Förderer und Zeugen einer einzigartigen Begegnung, die sich zwischen der tiefen weißen Schale und dem goldenen Quadrat ereignet. Von der waagrechten weißen Trennlinie unsichtbar gehalten scheint es in der bewegten Offenheit des Halbkreises zu schweben und gleichzeitig in seiner Mitte zu ruhen: Von oben geschenkt, von unten empfangen, von beiden gehalten.

Doch von wem oder was ist hier die Rede? Was haben die Symbole und Farben zu bedeuten? Die horizontale Zweiteilung weist auf Himmel und Erde hin, das satte Rot auf die leidenschaftliche Liebe Gottes, die sich im Lichtstrahl kraft des Geistes offenbart und nach unten in die weiße Schale ergießt. Im tiefen Blau kommt unsere Erde als blauer Planet zur Sprache. Die Farbe kann aber genauso als Symbol für das Wasser als schöpferischen Ursprung allen Lebens gedeutet werden wie für den unergründlichen Glauben. In dieser Schöpfung nimmt der nach oben offene Halbkreis eine Sonderstellung ein. Durch die weiße Farbe wird Reinheit angedeutet. An der Oberfläche getragen und sich ausbreitend, kommt immerwährende Offenheit und Bereitschaft zum Ausdruck, das Göttliche in sich zu empfangen, aufzunehmen und zu bewahren.

So wird die vorbildliche Haltung Mariens dargestellt, ihr JA auf Gottes An-Spruch in die Zeit, dass sein ewiges WORT in ihr Menschengestalt annehmen solle. Für IHN steht das goldene Quadrat in der optischen Mitte des Bildes. Gold steht dabei für das Göttliche, Unvergängliche, Höchste, die Quadratform für seine irdische Gestalt. Ganz Gott und ganz Mensch vereint er Himmel und Erde, bringt er allen Orientierung und Frieden, die ihn wie Maria in sich aufnehmen und ihm Wohnung geben. In ihnen erfüllt sich, was Jesus zu Beginn der Bergpredigt verkünden sollte: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,3.8)

Einfach
und voll Spannung
unten und oben
nicht einerlei.
Die Erde
Werk des Schöpfers
unten elementar ausgestreckt.
Feuer der Liebe
Fülle des Geistes von oben
darin verborgen-offenbar
ein Strahl von Licht
aus der Höhe nach unten.
Die Schale,
offen und horizont-weit
eingesenkt in die Welt
erhoben darüber hinaus für das Licht
reine, lichte Offenheit
„immerwährende Empfängnis“.
Das Ewige WORT
empfangen
von Maria, der Jungfrau:
Ja.
Maria, Gabe an die Welt
Zuwendung Gottes
An-spruch in die Zeit
reine Empfängnis
Geschenk zur Freiheit
WORT von oben:
„Gott-mit-uns“
Ant-wort von unten:
„Mir geschehe nach deinem Wort“
für die Welt.

(Lyrik von P. Meinulf Blechschmidt in Sehen – Glauben – Leben. Gedanken zum Glaubensbekenntnis, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2007, S. 19, ISBN 978-3-87071-166-5)

Weltentreffen

Im Zentrum dieser Weihnachtsdarstellung steht zweifelslos die Geburt Christi. Und auch wenn der Künstler ein Bildzitat des Meisters von Moulin (Ende 15. Jh.) verwendet, ist es durch seinen Hintergrund und die beiden quadratischen Elemente ein modernes Bild mit einem zeitlosen Inhalt: die Geburt Jesu.

Die Komposition konzentriert sich auf die Mittelachse. Das untere Rechteck ergibt sich aus dem Abdruck von zwei Hirnhölzern. Beim einen sind die Jahrringe umlaufend, beim anderen ist die Mitte ausgespart, um dem Jesuskind als Krippe zu dienen. Darüber öffnet sich wie ein Fenster in eine vergangene Zeit das Bildzitat des Meisters von Moulin und gibt den Blick frei auf Maria und Josef.

Bei Maria ist intensivste Hinwendung zu beobachten. Mit geneigtem Haupt schaut sie staunend auf das Kind, es mit offenen Händen anbetend und gleichzeitig beschützend segnend. Josef dagegen steht mit seinem Körper parallel zu Maria und erscheint dadurch vom Kind abgewendet. Allein durch den zum Kind gedrehten Kopf erhält es Beachtung. Seine Hände sind zum Gebet gefaltet. Hinter Maria und Josef sind zwei weitere Personen zu entdecken, auch weitet sich das Bild durch ein Fenster hindurch bis zum Himmel.

Dieser öffnet sich gleichsam in der Vision eines rechteckigen Farbfeldes, welches sich majestätisch hinter dem Bildzitat erhebt. Es ist von einem zentralen hellen Quadrat geprägt, welches sich seitlich und nach oben in violett-roten Farberscheinungen weitet, sodass der Eindruck von einem Kreuz entsteht, in dem Leiden und Auferstehung gleichermaßen schon gesehen werden können. Nach unten hinterfängt es zum einen das Bildzitat, zum anderen scheint es durch die Ausbildung des unteren Abschlusses zu einem gerissenen Segmentbogen seine Kraft gleichsam in das Bildzitat einfließen zu lassen, an dessen unterstem Punkt sich der Gottessohn befindet. So gesehen, kann man den Holzstoß auch als modernen Altar sehen, an dem der Geburt, dem Leben und Sterben und der Auferstehung Jesu gedacht wird.

Noch nackt, doch nicht schutzlos liegt er da. Neigt sich der Himmel durch das Wolkenband nicht gerade tief zur Erde, wo es sich an seinem tiefsten Punkt wie eine große Schale behutsam auf den Holzstapel senkt, sich mit ihm schneidet und so das Kind in den Zeichen des Himmels und des Holzes zweifache Geborgenheit erfährt? Immaterielle, geistige, göttliche Zuwendung von oben, irdisch materiellen Schutz von unten.

Christi Geburt: Gott schenkt uns Menschen seinen Sohn, damit wir durch ihn IHN selbst besser kennenlernen. Er legt sich uns zu Füßen, setzt sich uns schutzlos aus, damit wir über das Staunen und ehrfürchtige Anbeten hinaus Vertrauen fassen und glauben, dass ER ein guter und treuer Gott ist. Dabei vermag das Holz einen dreifachen Impuls zu vermitteln. Erstens, dass Gott ganz irdisch Mensch wird, um uns in unserem Elend zu besuchen, zweitens, dass Jesus Zimmermann wurde und drittens, dass er sich am Kreuz wie auf dem Altar hingibt, um uns aufzurichten und erneut den Weg zu ihm zu öffnen.

Gehalten!

Die beiden Gestalten dieser Skulptur – für manchen Betrachter erst auf den zweiten Blick klar zu erkennen – bilden eine unzertrennbare Einheit (auch aus anderer Perspektive: Ansicht von vorne). Ihre raue Oberflächenstruktur schweißt sie zusammen und erschwert gleichzeitig das Erkennen von Einzelheiten. Durch die grobe Holzbearbeitung wird der Eindruck erweckt, dass ihnen durch eine äußere Macht stark zugesetzt wurde. Sie wirken geschunden, gezeichnet, mitgenommen von dem, was sie erlebt haben. So bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft.

Auf dem einfachen Hocker sitzt mit aufrechtem Rücken eine fein gebaute Frau. Über den Kopf hat sie ein Tuch geworfen. Ob die Kopfbedeckung fest zu ihrem Auftreten gehört oder ein Zeichen der Trauer ist, lässt sich aus diesem Blickwinkel nicht feststellen. Wesentlich erscheint, dass sie fortwährend auf das Haupt der zu ihren Füssen in die Knie gegangenen Person schaut.

Der Mann hängt wie ein Häuflein Elend in ihren Armen und fließt von da in einer einzigen diagonalen Bewegung erschöpft zu Boden. Ihre Knie geben ihm seitlichen Halt, der Hocker und ihr Schoß stützen ihn hinten.

Kaum zu glauben, dass es sich um Mutter und Sohn handelt. Sie sieht so jung aus, dass sie auch als Geschwister gesehen werden könnten. Doch jede Faser seines Leibes weist darauf hin, dass er, die Frucht ihres Leibes, aus ihr hervorgegangen ist.

Wie damals sind sie nun wieder vereint. Sie, die keinen sichtbaren Rückhalt hat, ist wiederum sein einziger Halt. Dabei trifft sie das Schicksal ihres toten Sohnes schwer. Wie Pfeile verlaufen die Diagonalen seines Oberkörpers und seines rechten Armes auf ihre Brust und ihren Kopf zu (vgl. Lk 2,35a). Er war ihre Hoffnung gewesen, ihr Stolz, ihr Leben. Auch wenn sichtbar das Leben aus ihm gewichen ist, kann sie noch nicht loslassen. Nachdenklich und betrachtend sitzt sie da.

Was ihr wohl alles durch den Kopf geht? An welche Erlebnisse, Begegnungen und Worte sie wohl denkt? – Wir werden es nie erfahren. – Wir können uns nur mit unseren eigenen Lebenserfahrungen in ihr Schweigen hineinfühlen. Vielleicht vermag ihr Leid und ihr Schmerz uns in unseren Leiden und Schmerzen Halt zu geben. Vielleicht spüren wir dann auch, wie diese Frau letztlich von Dem gehalten wird, der ihr diesen Lebensweg aus ihrer Glaubens- und Lebensbejahung heraus zugetraut hat. Ja vielleicht weitet sich unser Blick auch so weit, dass wir in der jungen Frau nicht nur Maria, sondern auch Gott selbst erkennen, der uns mütterlich das Leben schenkt und uns über unseren Lebensweg hinweg durch den Tod hindurch begleiten und letztlich zur endgültigen Heimat bei ihm führen wird.

Das Wort

Es ist als solches nicht zu erkennen, das gezeigte Wort. Doch im Focus des Betrachters steht, den Horizont schneidend, ein weißer Kreis. Und hinter ihm erhebt sich eine Diagonale, die knapp vor dem oberen Bildrand aufhört, um in einer weiteren Schrägen rechts unten mit einem roten Sechseck zu enden. Das sind Zeichen, aber sind es auch Schriftzeichen? Ergeben sie ein Wort, ja das Wort?

Am Anfang war das Wort, schreibt der Evangelist Johannes in seinem Prolog. Es ist vom Himmel gekommen, die Wesensmerkmale des „Himmels“ in sich tragend: göttliche Vollkommenheit, ewiges Licht, ohne Anfang und ohne Ende wie ein Kreis. Doch gleichzeitig ist es zur Erde gekommen, eingetaucht in unser Dunkel, Mensch geworden mit Anfang und Ende und allen Charakteristika der Vergänglichkeit.

Das Licht vom Himmel leuchtet in eine graue Welt, Freiraum schaffend, ja einen Durchgang. Das lichte Wort, Jesus, ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, er ist die enge Tür, die in die Weite führt.

Sein Wort ist Orientierung und Maßstab, scheidet in gut und verwerflich, bewirkt Leben. Er schafft die vor und nach ihm gesprochenen Worte nicht ab, er erfüllt sie und die daraus neu entstandenen Gesetze. Er ist das Alpha und das Omega, der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Aus seinem Mund kam das erste, die Welt erschaffende Wort, ihm wird das letzte, die Welt richtende Wort zugesprochen. Sein Wort ist vollkommen. Groß und mächtig steht es zwischen Himmel und Erde. Es ist ein menschliches Wort, ein für uns verständlich gesprochenes Wort, das deshalb seine Fundamente tief in die Erde gerammt hat. Und da haben es auch die Verwundungen der Welt erfasst. Wie ein vom Druck der Erde gehärteter Edelstein leuchtet im roten Sechseck die einzige Farbe im Bild. Es erinnert an das Leiden Jesu: seine Verurteilung durch die vielen menschlichen Worte, das blutige und tödliche Festnageln am Kreuz, seine Grablegung, aber auch seine Auferstehung von den Toten sind herauszuspüren aus dieser klar umrissenen Form.

Gottes Wort hat durch Jesus eine feste Verankerung auf der Erde, die symbolisch für die Erde unserer Herzen steht. Ihm bietet es Perspektive und Orientierung, die über den Horizont hinausgehen, ja den Blick für das Überirdische, Metaphysische und Göttliche öffnen.

Anna Selbdritt

In warmen Farben offenbart sich dem Betrachter dieses Fensters eine geistige Schau. Von goldgelbem, geradezu göttlichem Licht umgeben und durchdrungen lebt das Glasfenster von dem großen, ruhig bewegten und fließenden Element, welches in seinem Inneren eine statische Personengruppe beherbergt.

Der Darstellung liegt ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Andachtsbild zu Grunde – Anna Selbstdritt (Anna zu dritt) –, das die heilige Anna als Mutter Marias und Großmutter Jesu zeigt. Stets hält sie als Erwachsene das Jesuskind und eine kindlich dargestellte Maria in ihren Armen und bietet ihnen mütterlichen Schutz. Frontal und sitzend dargestellt kommen bei ihr herrschaftlich bzw. „frauschaftlich“ gütige Fürsorge und Beständigkeit zum Ausdruck. Mutter bzw. Großmutter wird und bleibt man (bzw. frau) für alle Zeiten.

Den Jüngeren wird die Darstellung der Anna Selbdritt nicht mehr so bekannt sein. Meist trat sie als geschnitzte Skulptur oder als Andachtsbild mit einer neutralen Landschaft im Hintergrund in Erscheinung. Im Glasfenster von Christina Simon werden die drei Personen jedoch in einen Kontext gestellt, aus dem das göttliche Wirken stärker zur Geltung kommt. So sind die drei Personen in einem erdigen Braun dargestellt, während sie von gelb-weißem Licht umflutet werden, das seine höchste Konzentration in der weißen Aussparung oberhalb der drei Köpfe erreicht.

Breit und unerschütterlich nimmt die heilige Anna den Platz in der Mitte ein. Ihre Grundform bildet ein Dreieck. Auf ihren Knien sitzen rechts ein Mädchen – Maria –, links ein nackter Knabe – Jesus. Beide sind im Seitenprofil zu sehen, sich gegenübersitzend, einander anschauend und die Hände reichend. Dabei ist Maria nur minimal größer dargestellt. Das scheint von Bedeutung zu sein und zum Nachdenken anregen zu wollen, denn auf vielen alten Darstellungen ist der Größenunterschied zwischen Mutter und Kind dadurch ausgeglichen, dass der kleine Jesus auf Annas Schoß steht.

Die Künstlerin schreibt dazu: „Das Physiognomie und Gestik beschreibende Linienspiel innerhalb der Figuren verweist auf das familiäre Geflecht und gleichzeitig in seiner Dreiheit auf das zentrale Mysterium des Christentums, die Dreieinigkeit. Drei Generationen stehen auf unterschiedliche Art und Weise zueinander in Beziehung. Der Enkel im kindlichen Spiel mit seiner mädchenhaft wirkenden jungen Mutter, die wie eine Schwester erscheint. Die alte Großmutter mit ihrem wachen und behütenden Auge und ihrer Verantwortung den Kindern gegenüber. Familiäre Bindung wird durch das vom Himmel herabfließende Tuch, das die Figurengruppe umhüllt und diese wie in einer Gondel über die irdischen Zeiten hinaus trägt, in die geistliche Sphäre gehoben. Hier verweist das Tuch als ein Medium zwischen Himmel und Erde auf die Verbindung von Geist und Fleisch.“

Es ist, als würde sich der Himmel öffnen, um Geschenke in das (Welt)Bild einströmen zu lassen. Mit fließenden Bewegungen öffnet sich das Tuch nach den zopfartigen Windungen, um in seiner höhlenartigen Mitte ein Geheimnis freizugeben: die unveränderlich gültige Grundstruktur für gelingendes menschliches Zusammenleben: der Zusammenhalt zwischen den Generationen in Liebe und gegenseitigem Respekt.

Bei weiterem Nachdenken kann man über die Darstellung der Anna Selbdritt hinausgehend einen Bogen durch die Heilsgeschichte schlagen. Dann steht Anna sinnverwandt für das Prinzip des Lebens, für die Liebe, ja für Gott selbst. Dann kann die ikonenhafte Darstellung auch den Erschaffungsmythos der ersten Menschen mit dem schöpferischen Ursprung des neuen Adams und der neuen Eva verbinden – Ehrentitel, welche die mittelalterlichen Theologen für Jesus und Maria verwendeten. Und auch in diesem Zusammenhang wurde Anna angerufen als Hüterin und Fürsprecherin für Familie, Volk und Kirche.

Flyer mit den Abbildungen aller drei Fenster in der St. Anna-Kirche in Pettstätt und Beschreibungen der Künstlerin

Das weiße Hemd

Durch den Besuch der choreographierten Version der Matthäus-Passion von John Neumeier in Hamburg inspiriert hat Andreas Felger dieses Bild gemalt. So hat das erste der „Ballette der weißen Hemden“, wie John Neumeier seine Inszenierungen der Matthäus-Passion (1980), des Magnificats (1987), des Mozart-Requiems (1991), des Messias (1999) und des Weihnachtsoratoriums (2007) gerne bezeichnet, eindrückliche Spuren im Werk eines anderen Künstlers hinterlassen.

Nur ein Gegenstand ist auf der roten Bildfläche dargestellt: ein stilisiertes, weißes Hemd. Der Halsausschnitt ist mit einem halbrunden Strich angedeutet, darunter zwei Knöpfe zum Schließen der Öffnung. Es erinnert an ein einfaches Gewand und gleichzeitig an ein Kreuz.

Erhöht, ja erhaben thront es in der roten Fläche, ganz wenig nach rechts aus der Mitte gerückt. Mit diesem einfachen, aber symbolhaften Bildaufbau lässt Andreas Felger ganz verschiedene Sichtweisen zu. Die weite rote Fläche und das zentrale Kreuzmotiv lassen beim ersten Blick vielleicht an eine Schweizer Fahne denken. Doch dann macht das einsame weiße Hemd im roten Umfeld nachdenklich. Unschuld und Blut kommen zur Sprache. Fragen gehen durch den Kopf. Wen es wohl getroffen hat? Was mag wohl der Träger des Hemdes erlebt haben, dass es blutig rot befleckt ist? Befleckt mit der gleichen roten Farbe, welche auch sein Umfeld aufwühlt? Oder bildet die rote Fläche vielmehr einen weiten Mantel, der seine Einsamkeit kleidet und seine Erniedrigung königlich erhöht?

Wir wissen es nicht. Jeder ist aufgefordert, seinen Zugang zum Dargestellten zu finden. Aus dem leuchtenden Rot spricht die von Blut gezeichnete menschliche Leidenschaft gegen den Einzelnen genauso wie die von der Liebe bewegte göttliche Zuwendung für den Einzelnen. Gerade in der angedeuteten Situation der Anklage, in der im Kreuz bereits das Schicksal des Angeklagten aufleuchtet, ist auch im Rot die beruhigende Gegenwart Gottes zu spüren.

So wird Er, der Unschuldige, mit seinem Tod alle Schuld der Menschen, auf welche Weise sie auch geschehen sein mag, sühnen. Das weiße Hemd bringt zum Ausdruck, dass der Mensch gewordene Gottessohn gerade wegen seiner Reinheit die Blutschuld der ganzen Welt zu tragen vermag. Denn das Gewicht der roten Fläche scheint dem zarten Hemd nichts anhaben zu können. Schwebt es nicht gleichsam über dem roten Feld? Sieht es nicht so aus, als sei in die Komposition auch die Auferstehung eingeschrieben, die Hoffnung und der Glaube, dass Er alle Lebenden, Verletzten und Blutenden zu sich zieht, um sie zu erlösen?

Licht zum Leben

Eine Lichtexplosion dominiert das Bild. Wie bei einem Feuerwerk formen die fallenden Funken einen Schweif bis zur Erde. In der Mitte dieses Sterns, der an die Erscheinung in Bethlehem zu erinnern vermag, die Andeutung eines Menschen, die wie damals der Stern die Geburt eines neuen Menschen und eines neuen Zeitalters ankündigt.

Die aufstrebende Lichtgestalt überdeckt rote Farbspuren auf dem Malgrund. Das lässt spüren: es gab ein schmerzhaftes und blutiges Davor. Ein Davor, ohne welches Auferstehung nicht möglich gewesen wäre.

Erstaunlich, dass der Hintergrund nicht himmelblau gemalt, sondern im Holz des Untergrundes belassen wurde. Erstaunlich auch die weiße Silhouette, die eine Stadt und durch den einsamen Wanderer gleichzeitig eine Wüsten- oder Hügellandschaft anklingen lässt.

Auf der anderen Seite der grünende Baum, Zeichen nach dem Winter aufblühenden neuen Lebens. Aber sind es nicht zwei Stämme? Ein heller und ein dunkler, die sich kreuzend zum Andreaskreuz formen?

Das Ereignis lässt sich mit den wenigen Angaben nicht in Raum und Zeit lokalisieren. Dennoch spannt es von links nach rechts einen Bogen von den Anfängen der Menschheit bis in unsere Zeit. Die zwei sich nahe stehenden Bäume vermögen an das biblische Paradies zu erinnern, in deren Mitte die Bäume des Lebens und der Erkenntnis von Gut und Böse standen (Gen 2,9). Damit weisen sie auch auf Adam und Eva, auf den Sündenfall hin. In der Mitte ist dann als kosmisches Ereignis, und damit für alle sichtbar und gültig, die Auferstehung Jesu dargestellt, die gleichzeitig Himmelfahrt, Erhöhung und Geistausgießung ist.

In der rechten, freieren Bildhälfte kommt eher unsere Zeit zur Sprache. Mit der einsamen Gestalt des Herkules am Scheideweg ist eine Figur aus der griechischen Mythologie dargestellt, die letztlich für jeden von uns steht. Denn er wird vor die Wahl gestellt, den verlockenden, bequemen, aber vergänglichen Weg der Lust oder aber den beschwerlichen, mühevollen Weg der Tugend zu gehen. Herkules wählt Letzteres. In der Leere der weißen Fläche ist im erhobenen Arm seine Entschlossenheit zu spüren, den steinigen, mühsamen Weg in die Berge einzuschlagen, der ihn zur Unsterblichkeit führt.

Was haben die drei Bildelemente nun miteinander zu tun? Fassen sie nicht in einem grandiosen Überblick entscheidende Eckpunkte menschlicher Erkenntnis in dieser Welt zusammen? Der grünende Baum erzählt, wie sich die ersten Menschen von seinem Urbild im Paradies das Recht auf Unterscheidung und damit auf Entscheidung holten. Herkules steht als Prototyp für alle Menschen, die von diesem Recht auf Entscheidung vielfach Gebrauch machen müssen. Und dominierend in allem Leben das Sinnbild der Auferstehung, die den in eine andere, dauerhafte Wirklichkeit führt, der sich glaubend für diesen Weg entscheidet.

Anbetendes Verweilen vor Gott

Diese Krippe umgibt weder das Licht noch der Glanz und erst recht nicht die Unruhe unseres heutigen Weihnachtsfestes. Aus der Schlichtheit der Darstellung geht vielmehr eine Armut und Ruhe hervor, die betroffen macht, eine Hingabe und Anbetung, die einen als Betrachter veranlasst, es gleich zu tun (vergrößertes Bild) .

Dabei ist kein Neugeborenes zu sehen und die beiden Gestalten haben wenig menschliche Individualität. Wie zwei eckige Klammern ein Wort, so umgeben sie die Krippe in ihrer Mitte, und geben ihr durch die eigene Stärke Schutz und Geborgenheit. Die beiden Großen, die sich klein gemacht haben vor dem Kleinen, lassen viel Spielraum zwischen sich. Dieses Knien und die gebeugte Haltung ihrer Köpfe bringt in hohem Maße Staunen und Zuneigung, Hingabe und Verehrung zum Ausdruck. Während der weiße Hintergrund auf ein ort- und zeitloses Geschehen hinweist, bringt die spontane und lebendige Pinselführung eine gegenwärtige Dimension in das Bild. So dunkel die Gestalten auch sein mögen, sie sind im Verharren vor dem Wunder in ihrer Mitte dennoch voller Leben und innerer Bewegung. Durch die frischen Farbspuren wird das Gefühl vermittelt, dass das auf dem Bild Dargestellte jetzt geschieht. Jetzt, während ich das Bild anschaue. Jetzt sind sie da, vor mir, ganz gegenwärtig.

In der feineren, helleren Gestalt links mag man Maria sehen, auf der anderen Seite, dunkler und maskuliner geprägt, Josef. Wie bereits festgestellt, ist das Kind in ihrer Mitte nicht zu sehen. Vor der hölzernen Futterkrippe, die auf beiden Seiten mit Steinen gefasst ist, fällt allerdings der aus drei feinen Linien gebildete rote Kreis auf, der mit den Köpfen von Maria und Josef korrespondiert, sich in der Farbe jedoch von ihnen unterscheidet. Zusammen ergeben sie ein nach unten weisendes Dreieck, dessen untersten Punkt eben dieser rote Kreis bildet: Die unendliche Liebe Gottes macht sich klein und gibt sich in Menschenhand.

Weihnachten – anbetendes Verweilen vor Gott, der sich in seinem Sohn klein und arm gemacht hat, um uns mit dem Reichtum seiner Liebe zu beschenken.

Entscheidung gefragt

Am 18. Oktober 2009 wurden im Grossmünster von Zürich neue Fenster geweiht. Der Künstler Sigmar Polke hat sie gestaltet. Zwischen sieben in gedämpfter Buntheit leuchtenden Fenstern aus geschnittenen Achatsteinen und fünf Gestalten aus dem Alten Testament fällt eines, das der Künstler „Der Menschensohn“ benennt, aus dem Rahmen. Nicht nur, weil es keine bekannte Figur darstellt, ungewöhnlich ist auch die weiß-schwarze Farbgebung und die Gestaltung als oszillierendes Wechselbild.

Seit vielen Jahren arbeitet Sigmar Polke jahrhundertealte, meist bekannte Bilder am Computer so um, dass sie zu modernen Schöpfungen werden. Hier veränderte und vervielfachte er das Wechselbild von menschlichen Profilen und Kelchen und brachte es in einen neuen Kontext ein.

So zeigen sich in dem Rundbogenfenster nun auf vier Ebenen scherenschnittähnliche, schwarze, menschliche Profile, die sich gegenseitig anschauen. In der vertikalen Mitte fügen sie sich zu Janusköpfen, dem Symbol der Zwiespältigkeit. Zwischen den Gesichtern flutet mal schmaler, mal breiter, weißes Licht, das über den Rand des obersten Gefäßes, einem geheimnisvollen Kelch mit weit ausladender dunkler Schale, nach unten zu strömen scheint.

Und plötzlich eine Veränderung: wo eben noch schwarze Gesichter im Profil waren, sind nun weiße Kelche zu sehen, Kelche in verschiedenen Größen und Formen. Und so wechselt das Bild zwischen Kelchen und Menschen in einer geheimnisvollen Interaktion. Erstaunlicherweise wird der singuläre Kelch im Rundbogen kaum von dieser Oszillation berührt.

Was kann der Künstler mit seiner Darstellung für eine Botschaft vermitteln wollen? Und warum der Titel Menschensohn?

In der Frühzeit der hebräischen Bibel war der Menschensohn einfach einer oder jemand unter den vielen Menschen. Später wurde das Wort für den ersehnten, transzendenten Heilsbringer gebraucht, bis sich im neuen Testament Jesus an mehreren Stellen mit diesem Begriff identifizierte. Im gleichen Sinn gebraucht Sigmar Polke das Wort Menschensohn und symbolisiert den Heilsbringer oder das Heil mit dem Kelch (Jesus wird in der Abendmahlsfeier „Kelch des Heils“ genannt). Das Wort Heil hat aber durch seinen Missbrauch im Nationalsozialismus an Bedeutung und Überzeugungskraft verloren. Es ist beschädigt worden. Weisheit, Wahrheit, Liebe bieten sich an für das, was vom Kelch ausgehend, wie reines Licht zwischen den Menschenköpfen fließt. Wir sprechen auch von der Schale der Weisheit. Es lohnt sich, im Zusammenhang mit dem Fenster im biblischen Buch der Weisheit den überwältigenden Hymnus auf die Weisheit (7,22 – 8,1) zu lesen: ein Text voll poetischer Schönheit und Wahrheit. Auch als Wahrheit und als Liebe lässt sich das Licht deuten, das zwischen den Menschen fließt und ihr Leben hell machen kann. Sie geben dem menschlichen Geist einen weisen und gütigen Charakter. Der Künstler bringt dies mit den im Profil dargestellten Köpfen zum Ausdruck. Durch das göttliche Licht erhalten wir die Möglichkeit, es aufzunehmen und unserer Seele und unserem Geist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Profil zu geben, welches insbesondere in der Begegnung mit dem Nächsten heilsam zum Tragen kommt.

Majestätisch steht der von Licht umflutete und in erhabenes Grau getauchte Kelch über den Menschenköpfen. Als Heilbringer steht er fest und unveränderlich. Aber sein Angebot verursacht im Menschen ein Schwingen und Pendeln zwischen Annahme und Verwerfung, zwischen „Hosiannah“ und „Kreuzige ihn“, zwischen Dunkel und Licht, weil es die Wahrheit ans Licht bringt. – Damit ist Gottes Heil in unsere Zwiespältigkeit, aber auch in unsere Freiheit hineingegeben. An ihm scheiden sich nicht nur die Geister, auch wir Menschen. Entweder wird sein Wort und seine Herkunft geglaubt oder sie werden abgelehnt.