Segen und Schuld

Zwei Bilder, in denen nur der Raum und das Kabel auf dem Boden gleich sind, erzählen von Schuld und Vergebung.

Im linken Bild sind zwei Personen erkennbar, die eine stehend und dem Betrachter zugewandt, die andere vor ihr kniend. Beide Personen sind nackt und in nebliges Licht getaucht. Nur dort, wo sich ihre Körper überlagern, wird die Haut in natürlichen Farben wiedergegeben. Die stehende Person, eine Frau, hat ihren Kopf geneigt, die Arme angewinkelt und die Hände über dem Kopf der vor ihr Knienden ausgestreckt, die von ihrer Frisur her auch als Frau identifiziert werden kann.

Im rechten Bild liegt am Ende des Kabels nur ein schwarzes Tuch auf dem Boden. Es liegt wie zufällig fallengelassen da. Der leichte Glanz vermittelt ein kostbares Gewebe. Die Künstlerin hat ein seidenes Trauertuch des 18. Jahrhunderts aus Spanien dafür verwendet. Traditionell besticken Frauen das Tuch, unter dem sie trauern, wenn ihr Mann stirbt. Die Falten wie auch die nach außen gerichteten Fransen lassen an einen darunterliegenden Körper denken, die Falten suggerieren sein Volumen, die Fransen ausgebreitete Extremitäten. Auch wenn offensichtlich nichts darunter liegt, ist doch eine Präsenz zu spüren – verstärkt durch das Selbstauslöserkabel, das vom Tuch zum Betrachter verläuft –, eine von großer Last zugedeckte, bedrückte und bis fast zum Nichts erdrückte, leidende Existenz. – Ein Häufchen Elend.

Im Bild der beiden Frauen hat sich die Künstlerin zweimal selbst abgelichtet. Sie setzt in ihrer Kunst eigentlich immer ihren eigenen Körper ein. Hier will sie mit dem unbekleideten Körper sagen, dass es bei einem Schuldbekenntnis und bei Vergebung nichts zu verstecken gibt, dass es um die nackte Wahrheit geht. Die Künstlerin kniet also vor sich selber und legt sich gleichzeitig segnend die Hände auf. Sie selbst sagt zum Bild: „Ja, es geht darum, dass ich mich vor mir selbst niederknien kann. Dass ich mich selbst anschauen kann, mir selbst dann dadurch auch vergeben kann und mir die Hände auflege. Dass es eine Wirklichkeit in mir gibt, die Liebe, die ich Gott nennen kann, der ich alle möglichen Namen geben kann und die dieses schwere Gefühl der Schuld, von dem ich bis heute nicht sagen kann, warum und woher es kommt, aufnehmen kann.“ (kunst und kirche 02/2015, Innere Bilder – am eigenen Körper getragen, S. 19)

So stehen Transparenz, Leichtigkeit, Vergebung und Beziehung auf der einen Seite, und liegen Verborgenheit, Dunkelheit und Einsamkeit auf der anderen Seite am Boden.

Schuld bekennen, um Vergebung bitten und Segen erfahren kommen sehr schön in den beiden Haltungen der Künstlerin zum Ausdruck. Im Knien macht sie sich selbst klein, immobil, verletzlich. Sie wird zur Bittenden, aber auch zur Empfangenden. Sie gibt ihrem stehenden Gegenüber dadurch viel Macht, aber auch Verantwortung, gut mit ihr umzugehen. Ihr Kopf als Zentrum des Rationalen ist nicht zufällig gegenüber ihrem Geschlecht und ihrem Bauch als Zentrum des Emotionalen. Im Stehen offenbaren der geneigte Kopf und die ausgestreckten Hände eine segnende Geste, ein entlastendes Vergeben und ein ermutigendes Stärken für einen Neuanfang. In keinster Weise ist Erniedrigung oder gar Gewalt aus der stehenden Überlegenheit herauszuspüren. Nur Zuneigung, Güte, Erbarmen. So wird das Verhältnis der beiden zueinander sichtbar und die Verantwortung, die sie füreinander tragen.

Die Arbeit ist ein Plädoyer für einen sorgsamen Umgang mit sich selbst und mit den anderen. Sie regt zum Nachdenken über die Kraft der Vergebung an, ihre heilende, segnende Wirkung. Für sich selbst und für andere. – Verzeih mir. All das, was ich für dich bin. Alles, was du in mir siehst. Bitte verzeih mir alles, zu dem ich im Laufe der Zeit aufgrund meiner Erwartungen und Enttäuschungen, Anstrengungen und Krankheiten, Entscheidungen und Nachlässigkeiten geworden bin.

Die äußerst seltene Gegenüberstellung von Schuld und Segnung in der Kunst lässt auch spüren, wie Schuld aus Scham gern versteckt wird, wie schwer sie oft zu beschreiben ist und dadurch fassbar wird, und wie einsam sie machen kann. Wie befreiend und heilsam zeigt sich diesbezüglich ein Schuldbekenntnis, das Licht und Klarheit in die Sache bringt, und ein Segen, der nach der Vergebung dem Mit- und Zueinander einer Beziehung eine neue Offenheit und eine neue Kraft gibt.

Morgenlicht

Graublaue Schattierungen lassen eine Landschaft erahnen. Dunkle Erhebungen und unscharfe Konturen verdichten sich zu einer Bergkette, die aus dem Nebel auftaucht. Es ergibt sich ein Dreiklang von einem höheren und seitlich zwei niedrigeren Bergen. Am linken und rechten Bildrand sind zudem dunkle Bereiche nach oben geführt, so dass weitere Berge angedeutet werden.

Darüber lichtet sich der Nebel. Helligkeit dringt durch und lässt ein starkes Licht spüren, das derzeit allerdings noch verhüllt ist. Doch es reicht, die schlafende Landschaft sanft zu berühren und zu neuem Leben zu erwecken. Die waagrechte Pinselstruktur in den graublauen Farben bringt zudem frischen Wind in das Bild. So wird die Dunkelheit nach und nach in Licht gewandelt und alles Leben in einen neuen Tag hineingeführt.

Noch liegen Morgennebel und Stille über dem Land. Doch das Erwachen liegt in der Luft. Denn das Licht ist schon schwebend da, langsam den Dunstschleier durchdringend und die Klarheit bringend, welche die Farben leuchten lässt, das Leben bewegt und mit Freude erfüllet.

Verklärt blickt der Betrachter auf die erhabene Lichterscheinung in der weißen Wolke, die genauso gut als weiße Taube gesehen werden kann, als Botschafterin eines neuen Tages voller Licht und Frieden. Verheißung kann wahrgenommen werden, göttliche Gegenwart. Ein Gegenüber, das sich jeden Morgen aufmacht, in die Niederungen seiner Schöpfung hinunterzusteigen und sie mit seiner Präsenz zu erfüllen.

erwartende Hände

Ein Händepaar schwebt hell im fast schwarzen Hintergrund. Wie aus dem Nichts kommen die beiden Hände aus der Dunkelheit heraus, wunderbar inszeniert durch die Unschärfe im hinteren Bereich. Bis nach vorne zu den Fingerspitzen wandeln sie sich zu einer Schärfe und Klarheit, die alle Details der Fingerspitzen sichtbar werden lassen. So vermitteln sie den Eindruck, aus dem Bild herauszuragen und laden ein, von uns ergriffen zu werden. Dies im doppelten Wortsinn: Ergriffen von anderen Händen, um deren Nähe zu spüren oder geführt zu werden. Ergriffen aber auch im Sinne von Tief-berührt-Werden.

Von der Person selbst sind nur schwache Aufhellungen wahrzunehmen. Die raue Haut und die Beschaffenheit der Fingernägel lassen aber jemanden vermuten, der mit seinen Händen handwerklich viel gearbeitet hat. Die Person scheint zu sitzen und die Hände auf ihre Knie gelegt zu haben. Die Hände sind ganz natürlich zu Schalen geformt und einander leicht zugeneigt. Ohne den Menschen zu sehen, dem sie gehören, strahlen sie etwas Bittendes und Erwartendes aus.

Doch die beiden Hände sind nicht als eine Schale geformt, wie man sie bei Menschen antrifft, die um eine Ware oder um Geld bitten. Wer die Hände so ausstrecken kann – nebeneinander und die Handflächen nach oben – der sucht und bittet um etwas anderes. Angstfrei und loslassend hat er sich von innen nach außen geöffnet, sei es aus Sehnsucht, sei es aus einer reifen inneren Haltung heraus, die in Kommunikation zum Gegenüber geht und sich selbst geben, sich selbst hingeben will.

Die Hände strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Sie sind Symbol vom stillen erwartenden Warten, von der Sehnsucht und der Hoffnung des Menschen, von lichter Gnade und erfüllendem Glück beschenkt zu werden. Von all dem, was wir selbst nicht machen können. Und nicht nur die Hände sollen gefüllt werden, der ganze Mensch soll erfüllt und durch die Gaben des göttlichen Du‘s vollendet werden.

Die offenen Hände eines Menschen … Aber was wäre, wenn sie die offenen, erwartenden Hände Gottes darstellten? Seine Hände, die sich aus der das Geheimnis seiner Person wahrenden Dunkelheit heraus uns entgegenstrecken und einfach darauf warten, von uns vertrauensvoll ergriffen zu werden, um Halt und Sicherheit zu geben?

Die Fotokünstlerin Valérie WagnerIn setzt sich in ihrem neuen Fotoprojekt OHNE WORTE mit ritualisierten Gesten und Ausdrucksformen von Glauben auseinander. Ihr Fokus liegt auf den Händen, ihren Handlungen und Haltungen. Die Schwarzweiß-Aufnahmen entstanden in einer Studiosituation, so dass den Handlungen der liturgische Kontext genommen wird. Diese visuelle und inhaltliche Freistellung ermöglicht einen neuen Blick auf Gewohntes und Tradiertes und schafft Freiraum für die Frage nach der inhaltlichen Dimension von Ritualen und ihre Bedeutung für das Individuum.

Zur Ausstellung OHNE WORTE ist ein 84-seitiger Katalog mit 32 s/w Fotografien erschienen. Hrsg. Valérie Wagner, Erzbistum Hamburg, Hamburg 2015, 19,95 €, ISBN: 978-3-00-049376-8

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Pfingststurm

Ein farbenmächtiger Lichteinfall erfüllt dieses Bild. Es ist eine so außergewöhnliche Lichterscheinung, dass sie nur im Vergleich zu bekannten Objekten in unserem Leben beschrieben werden kann, ähnlich wie das Pfingstereignis in Jerusalem. Wie ein himmlischer Wasserfall ergießt sich das orangefarbene Licht in die Tiefe. Farblich mutet es wie eine Vulkaneruption an. Dampfartig weitet sich das ursprünglich weiße Licht, wandelt sich zu einer orangen, dann roten und letztlich violett-braunen Erscheinung. Es ist eine Himmelsglut über einem nachtschwarzen Grund, der nur im oberen Bereich einen nachtblauen Übergang aufweist.

Doch Licht und Dunkelheit stehen sich nicht einfach gegenüber. Das farbige Licht ergießt sich so in die Dunkelheit hinein, als solle diese vom Licht durchdrungen und aufgebrochen werden. Was diese Dunkelheit wohl bezeichnen mag? Für wen mag sie wohl stehen? Unwillkürlich erinnert sie vielleicht an ein Wort des Propheten Jesaja, in dem er vom Volk spricht, das im Dunkel lebt, im Land der Finsternis (9,1). Er verheißt einen starken Retter durch den Gottessohn, der auch „wunderbarer Ratgeber“ und „Fürst des Friedens“ genannt werden wird (9,5).

Und obwohl Jesus in die Welt gekommen war und die Jünger ihn begleitet haben, finden sie sich nach seinem gewaltsamen Tod gleichsam in der Dunkelheit wieder: verängstigt, zurückgezogen, entmutigt. Ihrem Lebensprojekt war die Grundlage entzogen worden, wie sollte es ohne ihn auch weiter gehen? Sie tappten im Dunkeln bzw. warteten auf Erleuchtung.

Das Einzige, was sie retten konnte, war eine überwältigende Begeisterung, die sie aus ihrer Passivität herausriss. Der Heilige Geist wird hier nicht als Taube oder als Feuerzungen gezeigt (vgl. Apg 2,3), sondern als „Kraft des Höchsten“ (Lk 1,35), wie er auch Maria verheißen wurde. Vom oberen Bildrand ausgehend entfaltet sich das weiße Licht in immer neuen Farben, so als wolle es jeden Menschen auf seine Weise berühren und an der Gemeinschaft mit Gott teilhaben lassen.

Diese glühende Lichterscheinung ist machtvoll, verängstigt aber nicht wie eine dunkle Gewitterwolke oder ein zerstörerischer Sturm. Sie lässt spüren, dass Gottes Geist gewaltlos zu uns kommt, als Licht, das unsere menschlichen Dunkelheiten und Schwächen heimsucht und sanft durchdringt, erleuchtet und zum Guten wandelt. Die Jünger haben seine Kraft in ihrem Innern erfahren, in der Befähigung, furchtlos aufzutreten und mit ihrer Rede von Jesus die Menschen so zu berühren, dass jeder sich in seiner Sprache angesprochen fühlte (Apg 2,6).

Pfingsten ist damit das Fest, an dem nicht mehr der einzelne erleuchtet wurde, sondern eine Gruppe, dann iele, dann Tausende … Der Geist Gottes kam nicht mehr nur zu den Auserwählten seines Volkes, sondern unabhängig von Herkunft oder Religion zu jedem, der sich ihm öffnete. Das war noch sensationeller als die Ausgießung des Heiligen Geistes auf seine Jünger. Denn damit ergoss sich Gottes Licht und Weisheit in die „Dunkelheit“ der Ungläubigen, die aber voller Sehnsucht auf seine Berührung und Erfüllung gewartet haben, und machte sie durch die Taufe zu Kindern Gottes (Apg 2,41).

Gott ist die erbarmende Weite.
Unendliches Ich.
Mein Du.
Feuer, Feuer. Licht. Nacht. Schon in der Nacht Licht.
Brausen. Anprall des Gegenwärtigen.
Mein Lager.
Mein Weg, mein Geschehen, meine Heilung.
Mein Sehen.
Mein Schlucken.
Meine Begegnung.
Meine Stunde, mein Jetzt und mein Tag. Du, mein Gott.
Das Tiefe Erstaunen und Wundern. Verwandlung.
Ich glaube genau so war es mit Petrus. Den der Herr ansah und rief.
Wie verrückt folgte ihm Petrus,
folgten die andern.
Alles verlassend: Kinder, Frauen und die Profession, das tägliche Brot.
Von allem weg.
So folgte Paulus blindsehend dem Licht.
Mensch, wer ist Jesus?
Der Mensch,
Gottda.
Sie gehen ihm nach in die Hitze, ins Gottglühen, in ihr Menschinnen,
in den Geistwind, in den Atemhauch Anfang, in die Nacht Ölberg,
zum Schrecken des leeren Grabes, zum Mahl,
in den Pfingststurm, ins Wort.
Bis er kommt.

„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

(Josef Roßmaier zu Peter und Paul 2014,aus „Tagweis – stückweis“, S. 108, Josef Fink Verlag, 2014)

Erfülltes Leben

Warme Farben lassen das Bild leben und geben ihm eine feurige Atmosphäre. Kräftiges Rot bildet die Basis, dann formen weiße Elemente in dynamischer Diagonale einen klar umrissenen Raum der Mitte, darüber gleichsam als Krönung aufflammendes Gelb vor lichtrotem Hintergrund

Das Bild lädt zum Verweilen ein. Es ist, als würde der Betrachter durch das weiße Element angeschaut und eingeladen, in diesen lichterfüllten Raum der Begegnung einzutreten.

Vom Rot der Liebe und der Begeisterung her gesehen, das wie ein standhafter Docht in den weißen Bereich hineinragt, kann dieser auch als geistige Flamme gesehen werden, als das Licht, das durch die tätige Liebe entsteht.

Von oben her ist gleichzeitig eine gelblich inspirierte Intervention zu beobachten, die durch die intensive gelbe Schicht hindurch wie eine Hand auf den roten „Docht“ hinweist. Diese Bewegung kann nur als Schatten gesehen werden – und doch geschieht Begegnung: von unten aus dem erdhaften Rot, von oben aus dem sonnenschweren Gelb.

So entsteht ein Begegnungsraum von großer Reinheit: Von oben mit intensivem Licht begnadet, von unten mit überfließendem Lebensdrang erfüllt. Entstanden aus dem ungeteilten Dasein für Gott und den Nächsten. Aus Begeisterung für die Sache Gottes und der Menschen entzündet, für ihn brennend, leuchtend, als sein Werkzeug andere damit erleuchtend, ihnen die Augen und Herzen öffnend, sie berührend, um das Licht Gottes in ihnen zu entdecken und sichtbar werden zu lassen.

Ein Begegnungsraum des Lebens, der wie ein Auge aussieht. Vielleicht wie Gottes Auge, das mich sanft betrachtet, mir Aufmerksamkeit und Wertschätzung vermittelt. Eine bleibende Wertschätzung, weil Gott seinen liebenden Blick nicht von mir lässt. So motiviert er, Leben und Fähigkeiten in seinen Dienst zu stellen, so stärkt er durch seine Gnade, so krönt er jedes hingegebene Leben mit der Krone des Lebens, dem ewigen Leben, als Belohnung für die Treue zu ihm, für die Durchhaltekraft, für alles Gute, was in dieser irdischen Zeit geschehen ist. So vermag das Bild darauf hinzuweisen, jetzt Begegnungsräume mit Gott zu suchen und zu schaffen.

Vielleicht erinnert der weiße Raum auch an das Samenkorn, das in die Erde fällt, im keimenden Aufbrechen stirbt, dadurch aber hundertfach Frucht bringt. Gottes Gnadenfülle macht Unerwartetes möglich, wo wir es zulassen. Insofern könnte das Bild auch vieles über Maria erzählen, von der Berufung zur Gottesmutter bis zur Krönung im Himmel. „Sei treu bis in den Tod, so werde ich dir die Krone des Lebens geben“, sagt der Geist im Buch der Offenbarung (2,10) zu den bedrängten Gläubigen in Smyrna.

 

Das Bild wurde von der Künstlerin zum Anlass „Ordination – Krone des Lebens?“ – „50 Jahre Frauenordination in der Hannoverschen Landeskirche“ geschaffen worden und schmückte am 4. Juli 2014 den Festgottesdienst für Pastorinnen in Bad Rothenfelde.

Gesehen und geliebt

Das abstrakte Bild lädt ein, über die hellblauen Flächigen in den Randbereichen betreten zu werden. Denn in der Mitte befindet sich eine weiß-gelbe Lichtung, außen herum bandförmige Elemente, die diesen Bereich mal geordnet wie ein Zaun mal in chaotischem Durcheinander umgeben. Es ist nicht klar, ob diese Elemente eine schützende Funktion haben oder von der Lichtung selbst verursacht wurden. Nur von unten her scheint ein Zugang zu diesem zentralen Bereich möglich zu sein, der wie eine Öffnung auf eine andere, dahinter, darunter oder darüber liegende Wirklichkeit verweist.

Die verschiedenen Elemente bilden kraftvolle Kontraste zueinander. Auch die fünf dunkelblauen Flächen, die sich im Kreis um die weiß-gelbe Lichtung gruppieren, gehören dazu. Sie stehen lebendig miteinander im Dialog und bilden sowohl Bereiche spannungsvoller, ja fast explosiver Dynamik als auch Zonen der Ruhe und Entspannung.

Je länger man schaut, vermag man jedoch auch ein großes, formatfüllendes Auge zu entdecken, das nach rechts schaut. Das weiße Zentrum gibt dann die Linse wieder, die Bänder außen herum die Wimpern. Inmitten der hellblauen Farbe, die an einen klaren Himmel erinnert, entwickelt sich das Auge dann zu einem Himmelsauge, einer Öffnung im Himmel, aus der groß und aufmerksam in unsere geschaffene Welt hineingeschaut wird.

Diese Beobachtung eröffnet ganz neue Assoziationen. Dieses Gesehen-Werden bedeutet, dass ich nie allein bin. Da ist jemand, der mich sieht, im positiven Sinn ein Auge auf mich hat und über mich wacht. Wenn jemand so etwas macht, dann muss ich ihm oder ihr viel bedeuten, er oder sie mich sehr schätzen, gern haben oder lieben. Vom Himmel her gesehen zu werden bedeutet dann, dass Gott mich sieht. Er hat sein Auge auf mich geworfen, weil er mich liebt, weil ich ihm viel bedeute und in seinen Augen wertvoll bin. So wie er nach der Taufe Jesu zu allen gesagt hat: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ (Mt 3,17) Der Evangelist Lukas verwendet anstelle des Wortes „geliebter Sohn“ „auserwählter Sohn“ (Lk 9,35). Denn wer geliebt wird, ist auch auserwählt.

Die moderne Interpretation des Auges Gottes erinnert uns an die Gegenwart Gottes. In seiner Liebe zu mir ist er in meinen Beziehungskreis getreten, hat er sich mir genähert, sich meiner angenommen und mich mit Gnade beschenkt („begnadigt“). Er lässt „sein Angesicht über mir leuchten“ (vgl. Num 6,24-26), um mich zu beschützen und darauf zu achten, dass mir kein Unheil geschieht. Dass Gott mich auserwählt und ein Auge für mich hat, bedeutet auch, dass er für das richtige Verständnis und Urteilsvermögen für mich hat. Ich kann mich ihm anvertrauen, mich ihm ganz überlassen und ihn machen lassen. Denn er hat ein gutes Auge (und Herz) für mich.

Umgekehrt schenken sein gütiger Blick und seine Wahl mir Geborgenheit und Gewissheit, im Tode ihn zu schauen, ja in die Augen schauen zu dürfen und ihm für seine unendliche Liebe danken zu können. Die helle Lichtung im Hellblau des Bildes ist diesbezüglich ein Lichtblick, der hoffen lässt und Sehnsucht weckt.

Tanzender Stern

Von links oben fliegt dieser Stern in den Bildraum. Er zieht einen geflochtenen Schweif hinter sich her und scheint sich in seiner jetzigen Position aus seiner hellen Mitte gerade voll zu entfalten.

Dies einerseits durch das hellgelbe Licht, das sich über sieben Extremitäten strahlenförmig in alle Richtungen ausbreitet und darüber hinaus die dunkelblaue Nacht verklärt und in warmes Grün verwandelt. Andererseits sprüht der Stern durch die geschwungenen Linien und die feurig-warmen Flächen vor Energie. Sie bedecken ihn wie ein luftiges Kleid und tragen viel zu seiner tanzenden Erscheinung bei.

Fast meint man eine menschenähnliche Fantasiegestalt mit kurzen Beinen und Armen zu sehen, die zudem noch Flügel hat. Wie ein Quirl zwirbelt der Stern durch die Nacht. Doch in ihm ruht das Licht. Kreisrund und ohne wirkliche Begrenzung offenbart es sich als göttliche Gegenwart und Quelle. Der Stern – Lichtträger, Freudenbote, Lebensbringer – von Gott zu uns Menschen.

Prof. Dr. Dr. Ingrid Riedel erklärte in ihrer Ansprache anlässlich der Vernissage zur Ausstellung „LEBENsFARBEN“ (Kloster Hegne, 30.11.2014), dass die diagonale „dynamische Achse eine Bewegung vom Symbolraum des Väterlichen – links oben – zu dem des Mütterlichen hin – unten, mehr rechts – darstellen kann, wobei bei religiösen Themen diese Achse auch aus der Richtung der Transzendenz – der des väterlichen Gottes – her kommen kann. Von dort her käme also der tanzende Stern mit seinem wundersam geflochtenen Schweif aus Gelb, zartem Rot und Grün, eingeflogen in die Zone des Nahen, Konkreten, des Irdischen, des Hier und Jetzt, …“

Der Betrachter ist somit der Empfänger des Lichts, das der Stern in sich trägt. Er will es uns geben, damit wir wie er von innen her erleuchtet werden und selbst lebendige Lichter in den Dunkelheiten dieser Zeit werden. Frohe Lichtträger, vor Freude tanzende Lichtträger, voller Leben und voll ansteckender Energie.

So wie der Stern von Bethlehem. Die Weisen aus dem Osten haben ihn als besonderes Zeichen erkannt, sind ihm gefolgt und hatten dadurch das Glück, das „Licht der Welt“ (Joh 8,12) von Angesicht zu Angesicht schauen zu dürfen und von ihm durchdrungen und erfüllt (vgl. Mt 2,10) selbst zu einem Licht in seiner Welt zu werden.

Wenn Friedrich Nietzsche Zarathustra zu seinem Volk sagen ließ: „Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können, ..” (Also sprach Zarathustra), dann um unsere Sehnsucht zu ermutigen, über das Sichtbare dieser Welt hinauszuschauen und von dort her das Heil zu erwarten.

Gottesgegenwart

Die Abbildung einer Leiter mit dreizehn Sprossen durchquert mittig das Bild. Unten ist sie schmaler, nach oben wird sie weiter. Grau wie ein Schatten liegt sie auf dem wolkig hellen Hintergrund. Ihre Enden berühren weder den oberen noch den unteren Bildrand. So scheint sie im Bildraum zu schweben und erweist sich noch fragiler und haltloser als Leitern an sich schon sind. Gleichzeitig wird damit etwas Unfassbares, Traumhaftes angedeutet.

Zwischen Leiter und Hintergrund sind feine bewegte Linien und dunkle Verdichtungen zu sehen, die sich hier zu einem Arm, dort zu einem Oberkörper, dann wieder zu einem Kopf formen. Gestalten sind zu erkennen, die sich übereinander auf dieser Leiter drängen. Menschenähnliche Wesen – doch schemenhaft und transparent auf das hintergründige, tragende, weiße Licht, das von hinten das ganze Bild durchdringt.

Ihre Gestalten sind nicht zierlich, nicht unbedingt schön, sie haben auch keine Flügel. Sie sind wesentlich Boten des Lichts und als solche Niedersteigende und Aufsteigende. Im linken oberen und rechten unteren Drittel sind neben der Leiter zwei nach unten gekehrte Köpfe zu sehen, ein dritter Kopf unter der Leiter wie als Gegenüber zum angedeuteten Kreis, in dem die Leiter oben endet.

Alles wird schattenhaft wahrgenommen, entzieht sich dem Begreifen – und doch ist es das Sehen einer Wirklichkeit, die da ist und in Aktion da ist. Nicht nur von uns, sondern von einer weiteren Gestalt, die in dunkelbrauner Tinte unter der Leiter angedeutet liegt.

Es muss Jakob sein, der im Traum sieht. Er ist auf der Flucht von Zuhause, wo er sich den Erstlingssegen seines Vaters Isaak erschlichen hat (Gen 27). Während er schläft – allein in der nächtlichen Dunkelheit der Wüste – erhält er Besuch: Engel, Lichtgestalten „und siehe, der Herr stand oben“ (Gen 28,13). Gott zeigte sich ihm nicht nur, Gott sprach auch zu ihm, denn Jakob hört sagen: „Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich unaufhaltsam ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.“ (Gen 28,13-15) Damit offenbarte sich ihm Gott nicht nur als gegenwärtiger Begleiter, sondern auch als machtvolle, zukunftsweisende Stärkung: Ich werde mit dir sein, bis sich alles erfüllt hat! Was für eine Verheißung!

Gott ist handlungsstark gegenwärtig, er lässt die Seinen nicht allein. Der belebte weiße Hintergrund erinnert auch an die Wolkensäule beim Auszug aus Ägypten, in der Gott sein Volk verhüllt und es doch aktiv aus der Gefangenschaft heraus in die Freiheit führte. Ein ermutigendes Bild. Gott ist da in dunklen und einsamen Zeiten, er spricht und verheißt eine lebenswerte Zukunft. Mag die Gegenwart noch so aussichtslos oder trüb aussehen.

 

Jacques Gassmann wurde am 24.11.2014 in Regensburg der Kulturpreis Kunst und Ethos 2014 verliehen. Dieser wurde anlässlich des 75-jährigen Gründungsjubiläums des Verlags Schnell und Steiner von den beiden Gesellschaftern gestiftet.

Bis zum Grund

Ein Lichtstrahl durchdringt die Farbflächen. Zunächst hellblau klar, wechselt er mit dem Eindringen in den unteren dunkleren Farbraum seine Farbe in ein helles Gelb. Wie eine Pfeilspitze taucht er bis zur Unterkante des Bildes ein; scheint den blauen Hintergrund in eine linke und eine rechte Seite zu teilen. Und doch bleiben die beiden Farbflächen durch die Fortführung der nach rechts ansteigenden Trennlinie im Lichtstrahl verbunden.

Dieser Lichtstrahl schneidet nicht wie ein Messer durch, sondern dringt in die Materie ein, aus dem klareren Blau des Himmels in das grünliche Blau des Wassers und des Wachstums der Erde. Um den Lichtstrahl herum breitet sich kelchartig ein durch ihn erhellter Schein aus, der lediglich am Bildrand einen tiefblauen Rand hinterlässt. Eine zusätzliche Farbveränderung lässt sich links vom Lichtstrahl feststellen. Eine rote Lichtbrechung begleitet hier das Licht und erscheint im unteren Bereich am intensivsten.

Trotz des einschneidenden Ereignisses geht von dem Bild eine große Ruhe aus. Ein Grund mag im harmonischen Miteinander der scheinbaren Gegensätze liegen, bei denen sich Waagrechte und Senkrechte kreuzen, dunkle und helle Flächen durchdringen oder strenge geometrische Elemente mit weichen Farbübergängen die Waage halten. Auch das Trennende zwischen Oben und Unten ist durch den Lichtstrahl überwunden. Ein zweiter Grund mag der Umstand sein, dass der Lichtstrahl auch bleibenden Halt gibt, einen festen Anhaltspunkt bildet, wie ein Leuchtstab, ein immaterieller Anker, der tief in der diagonal aufsteigenden Fläche steckt.

Was mag das Bild für uns bedeuten? Dieser Lichtstrahl, der offensichtliche Grenzen durchdringt ohne zu verletzen und bis auf den Grund des eigenen Wesens vordringt und Tiefen ausleuchtet, die selbst uns oft unbekannt sind? Vom Psalmvers 139,23: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne mein Denken!“ ausgehend, könnte der Lichtstrahl als ein Zeichen für Gott gedeutet werden. Die Keilform des Lichtstrahls lässt auf einen unendlich großen Anfang schließen – Gott selbst – das punktgenaue Auftreffen auf der Unterkante des Bildes auf sein individuelles Eingehen auf den Menschen. So kann der Lichtstrahl für Gottes Ergründen des Menschen stehen, das Prüfen seiner Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit.

Ob Maria auch so ein Lichtstrahl durchdrungen hat, als Gott ihr durch den Engel ankündigte, dass er sie zur Mutter seines Sohnes auserkoren hatte? Dann könnte das Licht auch als Symbol für Gottes Geist gesehen werden, durch den Maria Jesus empfangen hat. Und von Menschenseite her könnte er als strahlende Antwort Marias verstanden werden: JA, „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Denn Licht streut, die Lichtquelle wäre demzufolge die Seele oder das Herz Mariens.

Das Bild lässt sich auch als Metapher für meine Gottesbeziehung sehen. Der Lichtstrahl gleichsam als Datenautobahn des Austausches zwischen Gott und mir. Es stellt visuell die Frage, ob ich es zulasse, dass Gott mich besucht, erforscht und mein Herz erkennt, wie es der Psalmist erbittet. Dass Gott meine Bedürftigkeit sieht, auf meine Sehnsucht (vgl. Jes. 26,9) nach ihm antwortet. – Gleichzeitig mag es Anstoß sein, das göttliche Licht zu verinnerlichen! Es zuzulassen, in mir aufzunehmen, mich von ihm durchdringen und verändern zu lassen zu einer Lichtgestalt, die Anhaltspunkt für andere sein kann.

Diese Arbeit war im Rahmen des Festes „Maria Himmelfahrt“ 2014 zusammen mit einem Dutzend anderer moderner Arbeiten zu Maria in Warendorf ausgestellt. Alle Kunstwerke finden Sie in der PDF-Version des Begleitheftes zur Ausstellung: Maria ImPuls der Zeit

Sehnsucht der Seele

Zwei längliche Objekte stehen parallel nebeneinander. Sie sind von der Größe her ähnlich und geben sich doch ganz unterschiedlich. Während das linke Objekt als Behälter genutzt wird, erscheint das rechte verschlossen, unzugänglich, geheimnisvoll. Der kantige, dunkelgraue Quader aus Stahl wäre nur ein monolithischer Block, stände er nicht in Beziehung zu seinem linken Pendant und ließe sich daraus die Geschichte konstruieren, dass er als Deckel abgehoben und daneben abgesetzt wurde. Die kantige Spur in der Erde könnte daher rühren, dass er beim Öffnen kurz abgesetzt wurde und dabei einen bleibenden Eindruck in der Erde hinterließ. Merkwürdig ist allerdings, dass diese rechtwinklige Linie als feine Lichtspur die Erde zeichnet. Denn ein solches Phänomen kennen wir – abgesehen von Vulkanausbrüchen oder Lichtreflexen auf Wasseroberflächen – nicht in unseren Alltagserfahrungen. „Hier aber haben wir eine geradezu künstliche Spur von Licht, eine Art Riss in der Wirklichkeit, zugleich ein Freiraum …“ (Andreas Mertin in „Gegenüberstellung“, 2014, S. 90)

Dieser spannungsvolle Freiraum lädt ein, selbst nach Bedeutungen zu suchen, diesen „Riss in der Wirklichkeit“ zu nutzen, um zu hinterfragen und neue oder andere Welten kennenzulernen. Denn so sehr der rechte Quader verbirgt, offenbart der linke Kasten. Der Kontrast zwischen den beiden Objekten verstärkt und fördert diese Bewegung. Das Spiel mit den Texturen regt an, haptisch zu begreifen und mit allen Sinnen zu erfahren: Das dunkle, glatte, stahlharte Metall auf der einen Seite, die warme, körnige, griffige Erde mit der Lichtspur auf der anderen Seite.

Werden hier nicht Tod und Leben thematisiert? Haben die beiden Quader nicht menschenähnliche Dimensionen? Erinnern sie durch ihre Kastenform nicht an Särge, in denen wir unsere Lieben begraben, der Mutter Erde zurückgeben? – Die Erde im Behälter mag erstaunen, erinnert aber, dass wir aus „Staub sind und zu Staub zurückkehren“. Sie symbolisiert unsere Vergänglichkeit, aber auch unsere Fruchtbarkeit und das Potential, das in uns steckt. Vor allem das Potential, Licht zu werden.

Die feine Lichtspur signalisiert, dass wir es in unserem Innern schon sind. Aber dieses ungeschaffene Licht ist unter einer irdischen Hülle verborgen. Die gute Nachricht: Es ist nicht unzugänglich weggesperrt, wie es der rechte Block suggerieren könnte, sondern wird schon durch geringe Veränderungen, oft sind es gerade Verletzungen, zugänglich und sichtbar. Die feine Lichtspur sagt damit: In dir steckt mehr! Ihre leichte Hakenform: Das ist gut so! Du musst dich nicht verstecken!

Die Lichtlinie offenbart damit und verweist auf eine immaterielle Gegenwart in allem Geschaffenen. Sie vermag die Seele anzudeuten und ihre Sehnsucht, im Leben Licht zu werden und nach dem Tod ins ewige Licht einzugehen. Damit deutet sie auch Gottes Gegenwart in uns an, die Quelle und das Ziel unserer Sehnsucht.

Diese Arbeit ist abgebildet in: Gegenüberstellung – Brücke zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem und wird von Andreas Mertin auf den Seiten 90-92 hervorragend beschrieben und gedeutet. Das Buch wurde herausgegeben vom Bischöflichen Ordinariat Regensburg anlässlich der Ausstellungen zum 99. Deutschen Katholikentag 2014 in Regensburg. Erschienen bei Schnell & Steiner Regensburg, 112 Seiten, 88 farbige Illustrationen, 21 x 26 cm, Hardcover, ISBN: 978-3-7954-2895-2, 19,95 Euro

Suchen und Finden

Kontrastreich steht die glatte lichte Gebäudehülle in einem feingliedrigen dunklen Umfeld. Ihre Vorderseite ist offen, lädt zum Eintreten ein. Doch kein Weg führt durch die unwirtliche Umgebung zu ihr hin. Ringsum dieser fellartig dichte Stangenwald, schwarz verkohlte Baumstümpfe vielleicht, ast- und blattleer, ganz ohne Leben.

Mitten in dieser Einöde also das Gebäude: „hausartig, einräumig, selbst wie hineingelandet – oder herausgewachsen? Über die Maßen hoch; über den dunkelrestigen Stämmen steht es; fremd, ein Leuchtbau, ein Lichtort. Groß und große Stille. Dreiwandig; die vierte, die vordere Seite nur Öffnung. Ein Dastehen, wartendes Geschehnis, aus dem Zentrum gesetzt und doch die Mitte der Installation. Im Fundament schon erhaben: Anwesenheit. Ruhend. Mysterienhaus, ein Geheimes. Von irgendwoher beleuchtet? Aus sich selber strahlend? Ringsum dicht gereiht Stecken, ein verschwiegener Platz (Seitenansicht).

Eine anziehende Entdeckung. Dabei einfaches Material: Schwarze Drahtstücke sind in die Holzunterlage gesteckt, das Haus ist aus hellem, ausstrahlendem Kunstharz entstanden; schön und märchenhaft; ein Haus für Poesie und Musik. Und für die Feier, eine große, seltene, vielen noch unbekannte Feier müsste das sein. Und es hieße darin: Erhebet die Herzen. Für ein Kommen, für die Ankunft, die noch gar nicht ersehnte …

Der Raum erwartet, er empfängt zum Fest, zum Hören, er ist Atmen. Er lädt zur Musik. – Aber die Arbeit von Alois Achatz ist kein Traumstück, vielmehr ein Bild der Realität: Denn es steht wie im Versengten. Wie abgefackelt die Pfosten, Bäume oder was sie auch waren; eine Dunkelwelt, in der sich mühsam das Leben neu zu organisieren hat.

Wenn ich in die Stämme hineintreten will, finde ich mich am Dickichtgewirr, im Baumrestbestand. Ich suche um die Stöcke herum ins Innen. Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke fällt mir ein: Wie der Icherzähler sucht, nach Pilzen und nach mehr, nach viel mehr. Und wie er Sucher erlebt. Wie die Menschen durch den Wald suchen, nach Pilzen. Nicht nach mehr? Handke fragt, wie man ein guter Sucher wird: Indem man nebenbei sucht, sich nicht verkrampft in lauter Absicht, auch im Unscheinbaren sucht, in Licht und Gegenlicht. Und in der Ruhe, voller Stille. Bereit für die Überraschung (vgl. Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht, suhrkamp taschenbuch 3887, S. 522- 525).

Alois Achatz hat mit dieser Installation eine Suchersituation, eine Suchlockung gebaut. Und die Chance des Findens, des Mehr-Findens. Und nochmals erinnert mich sein Kunstwerk an eine Erzählung von Peter Handke: Der große Fall: Ein Schauspieler geht und läuft den Tag lang in die große Stadt, von außen her, durch die Ränder, in den Abend, zu einer Veranstaltung, zu seinem Leben. Durch das Land, an Menschen vorbei. Es überkommt ihn der Hunger, ein riesiger: Ein Hunger nach Speisen; nach der Frau; nach mehr; nach viel mehr … nach dem Geist. Der hungernde Stadteinwärtsgeher, Vorbeigeher, Menschenseher meint sterben zu müssen, wenn er nicht sofort den Geist findet. Und die Mehr-als-Speise. Veni, Creator Spiritus, so erfüllt es ihn. Glocken hört er, dem Klang geht er nach; er findet eine kleine Kirche. Und die ist offen. Und es ist Messe. Und eine Heiterkeit geht von der Eucharistiefeier aus in sein Weitergehen (vgl. Peter Handke, Der große Fall, Suhrkamp 2011, S. 173 f). Ähnlich stellt Alois Achatz uns das Suchen ins Bild. Und das Finden des Lichthauses. Er baut uns die Einladung zum Hunger, zum Hören der Glocke, zum Betreten seines Werkes. Zum Suchen des Mehr, des Noch-viel-Mehr.“ (Textzitate und -änderungen mit freundlicher Genehmigung von Josef Roßmaier aus dem Buch Gegenüberstellung, S. 42, siehe unten)

Dabei verkörpert das weiße Gebäude einen Ort der Sehnsucht, der Unversehrtheit und Reinheit, gerade für Menschen, die von Unruhe erfüllt oder bereits innerlich ausgebrannt sind. Es schützt und gibt gleichzeitig neuen Bewegungsraum. Es bildet einen Kraftort, in dem die Sehnsucht nach Leben durchatmen kann. Und allen anbietet, in den unendlich größeren Lebensgeist Gottes einzuatmen.

Gegenüberstellung – Brücke zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Hrsg. vom Bischöflichen Ordinariat Regensburg anlässlich der Ausstellungen zum 99. Deutschen Katholikentag. Regensburg 2014, 112 S., 88 Abb.,  ISBN: 978-3-7954-2895-2

Die Geburt Christi

Der Blick geht durch die Dunkelheit hindurch ins Licht. Denn es ist das Licht, das unseren Blick fängt und mit ihm den ganzen Menschen anzieht, der im Dunkeln steht. Es zieht uns Betrachter in den erleuchteten Raum, in dem die Umrisse einer roten Krone sichtbar sind. Sie mutet wie eine Krippe an, eine Krippe, in der kein Menschenkind liegt, sondern vielmehr eine Kerze brennt.

Die Kerze in der Krone mag klein sein, aber ihr Licht ist voller Leben. Es erfüllt den Raum mit einer Lichtfülle und Wärme, die jene einer Kerze übersteigen. Mit der Krone wird dem Licht Macht und Herrschaft zugesprochen. Dabei deuten die Spuren der Symbolfarbe Rot an, dass es um die Wirkkraft der Liebe und des Blutes geht, die gerade auch im Hinblick auf die Dornenkrönung und den Kreuzigungstod Jesu in der Auseinandersetzung mit Gewalt den Weg des Friedens gehen.

In der näheren Betrachtung lässt die helle Kerzenform in der Krone noch eine weitere Sichtweise zu. Die Lichtgestalt könnte auch einen menschlichen Oberkörper mit Kopf und Schultern wiedergeben. Klein erscheint dieser Mensch in der übergroßen Krone. Doch Jesus ist das Licht und bringt es uns durch sein Wort und sein Leben. Von unten scheint er in diese ihm zugeteilte Aufgabe hineinzuwachsen.

Den Beginn von etwas Neuem deutet auch ein anderes für eine Geburtsdarstellung ungewöhnliches Element an: die Fahne. Denn was wie ein hell erleuchtetes Fenster oder ein Durchgang aussieht, ist vielmehr als Fahne mit linksanliegendem Mast gestaltet. Krone mit der innenliegenden Lichtquelle figurieren als Zeichen. Wieso eine Fahne? Fahnen sind Feldzeichen, welche die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder Körperschaft markieren und diese Information visuell über eine größere Distanz zu übertragen vermögen, so auf dem Meer. Auch bei Eroberungen werden Feldzeichen gesetzt, um die neue Zugehörigkeit klar sichtbar zu machen, so geschehen bei der ersten Mondlandung 1969 durch die Amerikaner. Und genauso wie die Fahnen im Krieg immer den Standort des Befehlenden markierten, so wehen sie in unserer Zeit vor den Regierungsgebäuden von Städten, Ländern und Organisationen. Im Bild schwingt von allem etwas mit: Gott kommt zu den Menschen, die Erde gehört künftig zu seinem Königreich. Alle sollen sehen, dass seine Herrschaft nun beginnt und bei dem liegt, der hier geboren wurde. Auf sein Wort sollen alle hören.

Und obwohl das goldgelbe Rechteck als Fahne gestaltet ist, lädt das lichte Fenster zum Eintreten ein. Denn in der Fahne lässt sich zudem eine Stalltüre sehen, die sicher einen Einblick, aber ebenso ein Eintreten ermöglicht, um den, der hier angekündigt wird, auch in Wirklichkeit zu sehen.

Das Bild lädt den Betrachter somit ein, aus der Dunkelheit herauszutreten, sich ans Licht zu trauen und dort, im Zeigen seines eigenen Gesichts, das göttliche Antlitz zu sehen und zu schauen. Das Bild lädt zum Verweilen ein vor dem Wunder der Geburt Christi und seiner schlichten Herrlichkeit. Seine Herrschaft wird nicht mit demonstrativer Macht offenbart, sondern mit menschlicher Natürlichkeit und Herzlichkeit. Ganz so wie es der Prophet Jesaja angekündigt hat (9,1.5-6): „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten.“

Verheißung – mehr als ein Lichtblick

Es muss eine traumhaft schöne Nacht sein, wenn so viele Sterne am Himmel sichtbar sind. Die unzähligen Lichtpunkte verwandeln die schwarze Unendlichkeit in ein funkelndes Lichtermeer. Groß und stark steht jedes einzelne Licht am Firmament. Viele von ihnen sind vier-, fünf- oder gar sechseckig ausgeformt – und funkeln wie Kristalle. Um jeden Stern hat sich ein Lichtkranz gebildet, der das tiefe Schwarzblau aufhellt.

So funkelt der Nachthimmel kristallin und klar über dem blassgrünen Grasband, das sich im unteren Drittel quer durch das Bild zieht. Es erdet den Blick zum Himmel, es verortet den Blick ins Weltall. Grünbraun stehen die kurzen Grasbüschel auf dieser Erderhebung, die keinen Blick in die Weite der Landschaft erlauben, sondern die unmittelbare Umgebung, den konkreten Lebensraum als Ausschnitt der ebenso wenig fassbaren Erdoberfläche wie die Weite des Himmels darstellen.

Zwischen den Grasbüscheln sind helle und dunkle Stellen erkennbar, die an Sand erinnern, an eine Steppenlandschaft mit schräg gewehten Grashalmen. Kargheit spricht aus ihnen, Widerstand gegen Trockenheit, Wind und den Wechsel von großer Hitze am Tag und Kälte in der Nacht.

Neben den vielen weißen Lichtern finden sich auch gelbe Lichter, allerdings über die ganze Bildfläche verstreut. Mit ihnen scheinen die Lichtpunkte auf die Erde zu fallen, sie gleichsam zu befruchten und einzelne Gräser in Blumen zu verwandeln. Sie verbinden die Erde mit dem Himmel.

Das Bild kann einfach als Abbildung der Natur gesehen werden. Eine andere Bedeutung kommt ihm zu, wenn das Bild die Schau eines unsichtbaren Betrachters wiedergibt, der wie wir dieses Naturschauspiel sieht. Dem Bild ist zu entnehmen, dass er in einer kargen steppenartigen Landschaft lebt, in der er derzeit keine großen Aussichten hat.

In so einer Situation stand Abraham, als Gott ihm nach der Trennung von Lot viel Land und „Nachkommen zahlreich wie den Staub auf der Erde“ verheißen hat (Gen 13,14-18). Nach der Begegnung mit Melchisedek erneuerte Gott seine Verheißung und konkretisierte, dass ein leiblicher Sohn sein Erbe sein werde. Darauf „führte ihn [Gott] hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“ (Gen 15,4-6).

Abraham glaubte das menschlich Unmögliche! Dadurch wurden für ihn die vielen funkelnden Sterne zu Symbolträgern, die Licht in seine menschliche Dunkelheit und Ausweglosigkeit brachten. Sie wurden für ihn zum Sinnbild der Verheißung, dass Gott mit ihm ist und ihn wegen seines unerschütterlichen Glaubens an seine Zusage zu einem Segen für Generationen machen werde. Und in jeder Nacht, in jeder Dunkelheit wurden die Sterne dadurch zu Lichtblicken und zur Ermutigung, im Glauben nicht nachzulassen.

In dem Sinne vermag das Bild an Gottes Verheißung an Abraham zu erinnern. Es ermutigt aber auch, gerade in Zeiten der gefühlten Gottferne oder gar Abwesenheit den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern den Blick zum Himmel zu erheben und die Sterne zu schauen. Die Sterne mögen weit weg erscheinen, durch Wolken oft nicht sichtbar sein, dennoch sind sie da. Ebenso ist Gott da, er steht zu seiner Verheißung. Nicht nur an Abraham, sondern an jeden, der wie Abraham Gottes Treue glaubt. Dann werden Sterne über einen Lichtblick hinaus zu Lichtträgern werden, die fest und kostbar wie Edelsteine die Zusage Gottes wach halten.

Ausstrahlung

Eine menschliche Gestalt befindet sich im Zentrum eines Strahlenkranzes aus Feuerwerkskörpern. Fünfzig Holzstäbe gehen von der Brust bzw. von der Herzgegend aus in alle Richtungen, formal mit den kurzen Armierungseisen korrespondierend, aus denen die Figur zusammengeschweißt ist. Ansonsten steht die weiße Menschengestalt im Gegensatz zu den bunten Feuerwerkskörpern: Die Figur ist innen hohl, die Raketen sind mit Pulver gefüllt, sie besteht aus unbrennbarem Stahl, die vielen entfalten sich in genialen Lichteffekten, der Mensch bleibt am Boden, die Leuchtkörper verzaubern den Himmel, er hat eine große Langlebigkeit, sie verbrennen in wenigen Sekunden.

Was diese so gegensätzlichen Materialien wohl über den Menschen aussagen? Eine nähere Betrachtung der menschlichen Gestalt und vertiefte Gedanken zu den im Kreis angeordneten Feuerwerkskörpern werden Anhaltspunkte zum Verständnis dieses spannungsvollen Kunstwerks geben.

Der im Zentrum der Installation stehende Mensch ist mit den Stahlstücken plastisch skizziert. Er ist ähnlich flüchtig festgehalten wie in einem Skizzenbuch, und doch mit Eisenstäben beständig in den Raum geholt. Die verwendeten Rundstäbe werden normalerweise für die Armierung, die innere Verstärkung von Beton gebraucht. Am fertigen Bauwerk sind sie unsichtbar. Bei dieser Menschengestalt bilden sie jedoch die Außenhülle, die sich nach oben verdichtet. Und sie wirken wie ein transparenter Panzer, der Halt gibt, schützt, und doch für das Licht durchlässig ist. Da weder Hände noch Füße oder Gesichtszüge ausgearbeitet sind, kann diese Gestalt für jeden Menschen stehen.

Durch die unterschiedliche Beinlänge scheint dieser menschliche „Platzhalter“ in den Raum zu schreiten, mit den leicht nach hinten geneigten Armen den Raketenkranz wie ein Gepäckstück auf dem Rücken haltend. Assoziative Vergleiche mit einem Propeller oder einem großen bunten Flügel mögen aufsteigen und die Menschengestalt zu einem modernen Ikarus machen.

Doch die strahlende Darbietung eines Feuerwerks ist stets von kurzer Dauer, begleitet von lauten Knallern sowie starker Rauch- und Geruchsentwicklung. Neben der Erinnerung an einen an ein Wunder grenzenden Lichtzauber bleiben nur Leitstäbe und ausgebrannte Hülsen übrig. Die künstlichen Lichteffekte erregen wohl kurzfristig Aufsehen und Staunen, auf die Dauer kann sich allerdings niemand eine solch kostspielige und letztlich auch umweltbelastende und gesundheitsschädliche Inszenierung leisten. Sie ist in allen Belangen weder tragfähig noch tragbar.

Letztlich stellt die Installation die Frage, wie wir mit einfachen Mitteln, mit unseren eigenen Energien Glanzpunkte setzen können. Es geht darum, wie wir, ohne auf künstliche Effekte zurückzugreifen, mit unserem Handeln Akzente setzen können, die eine anhaltende Ausstrahlung haben.

Die fünfzig Leuchtkörper verweisen mit ihren Leitstäben bildsprachlich auf das Herz (Detail). Alles, was wir denken, reden und tun, hat seinen Ursprung im Herz. Wenn dieses Denken, Reden und Handeln gut ist, wird es eine positive Wirkung zeigen. Jesus sagt in der Bergpredigt zu seinen Zuhörern: „Ihr seid das Licht der Welt. … Euer Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,14.16) Für ihn ist die Ausstrahlung eine Folge der guten Werke und gleichzeitig eine zweifach erhellende Kraft: Nämlich, dass andere das Gute sehen und gleichzeitig Den erkennen, der im Ursprung das Gute bewirkt. Der tief im Innern der Herzen berührt und bewegt, ruhig und ohne Effekthascherei. Was Gott bewirkt, besitzt eine natürliche Leuchtkraft. Es muss nicht wie bei einem Pfau mit einem großen Rad stolz zur Schau getragen werden noch mit künstlichen Mitteln überhöht werden. Ein lateinisches Sprichwort fasst das in weltlichen Worten treffend zusammen: „Gute Taten leuchten auch im Dunkeln.“ Sie tun dies ohne Hilfsmittel – einfach, weil sie gut sind!

Kraft der Gedanken

Ein vergittertes Bild … ungewöhnlich … auch die Erhebungen des Gitters über den hellen Bereichen … und wie es rechts oben aufgebrochen ist … faszinierend!

Grundlage dieser Arbeit bildet eine hohe rechteckige Leinwand. Sie scheint eine schwarze Oberfläche zu haben, aus der sich ein weißes Gebilde erhebt. Und doch muss die Leinwand im Ursprung weiß gewesen sein, denn sie wurde nur mit Kohle bearbeitet. Die weißen Flächen sind demzufolge frei und unbearbeitet geblieben.

Als übereinander geschichtete Waagrechte, deren Enden beidseits weich auslaufen, ergeben sie eine sanft nach rechts geschwungene und sich nach oben verdichtende Gestalt. Im Gegensatz zum schwarzen Hintergrund, der fest und gebunden wirkt, weckt das weiße Gebilde den Eindruck zu schweben. Unten scheint es dem Dunkel zu entsteigen, um dann sanft gleitend aufzusteigen und den Bildraum zu verlassen.

Darüber legt und erhebt sich – vom linken Bildrand ausgehend – das Drahtgitter mit seinen quadratischen Maschen, grau-silbern glänzend. Es spannt sich nicht flach über die Fläche, sondern ist über der weißen Gestalt aufbogen, in der rechten oberen Ecke gar aufgebrochen (Detailbild). Das Gitter scheint den Auftrag zu haben, stark und umfassend den Bildinhalt festzuhalten … und kommt doch nicht dagegen an. Die helle Kraft unter ihm ist stärker und hat sich einen Freiraum verschafft, der die festhaltende Struktur zwang, sich anzupassen. Schließlich war es dieser Kraft auch möglich, die begrenzende Struktur aufzubrechen und ihr zu entfliehen.

Was wohl die weiße Gestalt symbolisieren mag? Die unscharfe Kontur, die schwer fassbare Form lassen an eine immaterielle Erscheinung denken. Die Waagrechten wirken wie Schichtungen von etwas Wiederkehrendem, von etwas, das auf dem Vorhergehenden aufbaut und so Gestalt annimmt. Gestalt von jemandem, der Rückgrat gezeigt hat, denn die geschwungene Form erinnert auch an eine Wirbelsäule. Rückgrat in einer Situation, in der es von drei Seiten nur dunkle Bedrängnis (die schwarze Kohle steht symbolisch dafür) und nur ein Entweichen dorthin gab, wo keine irdisch-materielle Macht mehr Zugriff hatte, nämlich himmelwärts. Mutet die Abfolge nicht auch wie eine Wendeltreppe an, die nach oben führt?

So umschreibt die Künstlerin die Gedanken von Sophie Scholl, die sie konsequent im Widerstand gegen das Naziregime einsetzte. Sie zeigte Rückgrat angesichts der Bedrohungen und der Gefahr. Unerschrocken setzte sie das um, was sie als richtig erkannt hatte. Schritt für Schritt ging sie ihren Weg in der Gruppe der „weißen Rose“. In der Dunkelheit der Nazidiktatur waren ihre freien Gedanken ein Lichtschein und Hoffnung für viele Zeitgenossen. „Sophie war ein ganz normales Mädchen, keine Heilige, sie war fröhlich und nachdenklich, empfindsam, aber auch konsequent“, schreibt Werner Milstein ( „Mut zum Widerstand“, 2003, S.18). Sie mag vielleicht keine Heilige sein, aber ihr Mut und ihr Engagement für die Gerechtigkeit bleiben eine heiligengleiche Ermutigung für uns alle.

Die Arbeit von Sonja Schild gehört zum Kunstprojekt „Unsere Heiligen“. Viele Hintergrundinformationen finden Sie auf der hervorragenden Website zum Projekt.

Licht und Schatten

Hellblau, violett bis schwarz manifestieren sich Farbfelder vor dem grauen Hintergrund. Die Farbspuren sind alle leicht nach rechts geneigt. Ihre Ränder sind unscharf, bilden fließende Übergänge. Die dunkleren Farben sind vor allem im mittleren und oberen Bereich anzutreffen.

Die unscharfen Farbfelder lassen keine eindeutigen Zuordnungen an Bekanntes zu. Der Betrachter wird zum Suchenden in den farblichen und „formlichen“ Andeutungen. Es ist etwas da. Doch was ist es? … oder was könnte es sein? Wir tun uns schwer mit dem Vagen, Unsicheren, Unbestimmten, Ungewissen. Dabei vermag schon der hellgraue Hintergrund an Nebel zu erinnern, der zuerst alle Konturen verschwimmen lässt, dann oft ganze Landschaften verschluckt, bevor er sie nach und nach wieder frei gibt.

Bei der hellblauen Form scheint letzteres der Fall zu sein. Sie weckt den Eindruck, aus einer Nebelwand aufzutauchen. Die Gestalt des hellblauen Farbfeldes lässt einen menschlichen Oberkörper wahrnehmen, links und rechts die Arme, die wie bei einem Läufer leicht angewinkelt sind. Dies und die leichte Rechtsneigung wecken den Eindruck, als käme jemand dynamisch auf uns zugelaufen und würde gleich vor uns stehen. Doch kein Kopf ist zu sehen, nur dieser mandelförmige Schatten aus dunklen Senkrechten, der die eben wahrgenommene Gestalt im Brust- und Schulterbereich verdeckt. Jede einzelne Vertikale läuft oben und unten haarfein aus, was ihnen wohl eine Leichtigkeit verleiht, aber nichts von ihrem Unheilvollen nimmt. Ähnlich einer dunklen Gewitterwolke am hellblauen Himmel.

Aber alle Vergleiche bleiben Vermutungen und Möglichkeiten. Das Dargestellte bietet keine Anhaltspunkte für eine letzte Gewissheit. Auch der einzelne schwarze Strich unter dem gefächerten Schatten lässt sich nicht zuordnen. Er erscheint zwar als Spalt, der sich nach einem Schnitt aufgetan hat. Die Öffnung lässt jedoch nichts außer einer undurchdringlichen Dunkelheit sehen.

Die vielen Andeutungen beflügeln unsere Fantasie. Sie lassen uns ganz Unterschiedliches sehen oder besser vermuten, denn sie sind in einer offenen Sprache formuliert. Und dennoch sind alles Spuren, die fragende Rückschlüsse erlauben. Zum Beispiel, ob das helle Blau im Zusammenhang mit dem Himmel gelesen werden darf. Denn dann würde es eine menschliche Gestalt darstellen, die vom Himmel erfüllt oder durchdrungen ist, quasi durch den Himmel auf die Erde gekommen ist. Das Dunkle, das seine Gegenwart überschattet, könnte dann mit dem Leiden des Gottessohnes gedeutet werden, die senkrechte Schnittöffnung mit dem Lanzenstich in seine Brust am Kreuz.

Genauso ist es möglich, dass Sie etwas ganz Anderes sehen. Dann lassen Sie sich nicht irritieren. Das ist gut so. Glauben ist das eine, Glaubensansichten sind das andere.

 

Riech Gott

steig mir in die Nase, Gott,
aus deinem Wort,
im Blick jetzt, durch die Augenlider, entzünde sie, schlag auf,
Geist, weh dich her, durchzieh die Seele,
ein leichtes Kitzeln des Herzens
(tausendmal feiner als Fräulein Smillas Gespür für den Schnee),
dass ich dich erschnüffle,
dass ich aufspring, in der Luft steh, mitten am Mittag in München,
im Marienplatzton unter den Menschen.
in so einem Duft.
ich höre die Angelusglocken, die stimme für uns,
und ich riech dich, den ohne Geruch, den Unbemerkten.
steig mir in die Nase,
durch ihre Kanäle, in ihren Fasern zu Kopf,
ins Denken, Erkennen, zum Lieben.

 

Aus: Josef Roßmaier, Es könnte ja sein, Fink Verlag 2012, 128 Seiten, Euro 12,80, S. 20,
ISBN 978-3898707794

Vom Licht durchdrungen

Die große weite Schale hebt sich farblich kaum ab vom Hintergrund. Nur das Licht- und Schattenspiel lassen sie als eigenständige Form im Vordergrund wahrnehmen. Wie ein großer Blütenkelch weitet sich die Schale vom rechteckigen Sockel weg in den Raum hinein. Ihre Beschaffenheit ist hauchdünn und ebenso verletzlich wie bei ihren Vorbildern in der Natur. Sanft gewellt endet das dünne Material, ja es scheint sich geradezu in Luft aufzulösen.

Ganz aus kostbarem Silber gefertigt, präsentiert sich die Schale in schlichter Eleganz. Gerade ihre Einfachheit fasziniert. Das Fehlen von jeglichem Beiwerk oder Verzierungen tun gut. Sie glänzt in ihrer formellen und materiellen Reinheit. So vermag die Schale durch ihre Einfachheit, durch ihre vollendete Form zu überzeugen. Reine Schönheit!

Ähnlich wie bei einem Töpfer ein Tongefäß mit der Hand aus einem Klumpen Lehm hochgezogen und geformt wird, muss die Künstlerin diese Schale mit ihren Werkzeugen in äußerst behutsamer Arbeit aus einem Stück Silber in die Höhe getrieben haben. Der gewaltige Zeitaufwand, den eine so sensible Arbeit benötigt, damit das Material nicht bricht, lässt sich nur erahnen. Doch die Intensität, mit der die Künstlerin das Material erfühlt und wahrscheinlich auch in es hineingehorcht hat, ist aus der Perfektion der Schale herauszuspüren.

In diesem Bild wirkt die Schale groß. Da ein Vergleich zur Umgebung, ein Anhaltspunkt fehlt, ist sie unvergleichlich und somit wirkt sie ganz für sich allein. Das scheint auch ihre Aufgabe zu sein. Denn ihre außerordentliche Beschaffenheit und Schönheit verbieten ihr geradezu, alles, was mit Gewicht zu tun hat, in sich aufzunehmen. Allerdings vermag sie durch ihre runde Form und ihren sanften Glanz das Licht derart anzuziehen und in sich zu konzentrieren, dass das eigene Material geradezu verzaubert wird und der Eindruck entsteht, dass es sich in der Durchflutung durch das Licht entmaterialisiert.

Durch die verschiedenen Charakteristika vermag mancher Gläubige in der Schale vielleicht ein Symbol für uns Menschen zu sehen. Glauben wir doch, von einem unsichtbaren Schöpfer in unendlicher Zuwendung fein und wunderbar geschaffen worden zu sein (vgl. Ps 139,14). Als sein Volk sind wir ihm „teuer und wertvoll“ (Jes 43,4). Anderseits soll der Gläubige ganz auf Gott ausgerichtet leben, ganz offen für sein Wort und seine Weisheit sein, bereit, seinen Willen zu tun. So betet der Psalmist (40,9): „Deinen Willen zu tun, mein Gott, macht mir Freude, deine Weisung trag ich im Herzen.“ Und ein anderer spricht zu Gott: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119,105). So dürfen wir im Licht ein Symbol für Gottes Wort sehen. So wie die Schale durch ihre Beschaffenheit das Licht in sich auffängt und konzentriert, durchflutet und in ein geistiges Gefäß verwandelt wird, so sollen wir Gottes Wort, seine Weisheit, seinen Geist und seine Liebe in uns aufnehmen und sammeln, damit sie uns genauso durchdringen und zu Lichtträgern verwandeln. Lichtwesen sollen wir werden, von Seiner lichten Gegenwart beseelt, „Engel“, die ganz transparent auf Ihn hin sind.

Foto der Künstlerin mit ihrer Gold-Licht-Schale „Durchflutung IV/2“

Trinität

Ganz hell präsentiert sich dieses dreiteilige Bild. Bis auf drei dunklere Bereiche sind alle Farben so stark aufgehellt, dass das Dargestellte nur wie durch einen Nebelschleier hindurch zu erkennen ist.

Irgendwann assoziieren wir das Dargestellte vielleicht mit drei menschenähnlichen Gestalten, die sich um eine gelbe Mitte versammeln, denn der Bildaufbau verwendet die gleichen Hauptelemente wie Andrej Rubljow am Anfang des 15. Jahrhunderts in seiner berühmten Dreifaltigkeitsikone. Doch während dieser die drei göttlichen Personen durch Engelsgestalten darstellte, deutet Bernd Zimmer sie als energiegeladene Außerirdische in einer transzendenten Atmosphäre an. Beim einen sind sie um den Tisch (Altar) mit Schale und Brot versammelt, beim anderen um ein lichtes Ereignis in ihrer Mitte. Sind die drei göttlichen Personen in der Ikone als solche klar erkennbar, steht man beim Triptyk eher einem Rätsel gegenüber. Hier wird zweifelsfrei eine Trinität dargestellt, die im Wesen eins ist, aber sie entspricht nicht unseren Vorstellungen, sondern ist anders als wir. Es bestehen wohl Ähnlichkeiten, so dass wir bei ihnen von einem Körper und einer Art Kopf sprechen können, aber Gott bleibt der Nicht-Darstellbare, der ganz Andere.

Wie hat sich Bernd Zimmer nun dennoch bildlich ihm angenähert? Als erstes wählte er drei gleich große Leinwände, die er durch die Farben und das gleiche Motiv zu einem Triptyk vereint. Dann stellt er die drei Gestalten in ein blendend helles Licht, so dass sie wie auf einem überbelichteten Foto nur ganz schwach zu erkennen sind. Je nach Lichteinfall sind sie mehr zu erahnen als zu sehen. Ihre Körper bestehen aus weißen Energieströmen, die von einer gelben Mitte auszugehen scheinen und individuell zu drei aufrechten Gestalten aufsteigen und je in einem kopfähnlichen Gebilde enden. Diese bestehen stets aus einer dunkleren, grünlicheren Innenform (rechts am wenigsten), bräunlichen Strichzeichnungen, in denen Kopfformen ausgemacht und Gesichtszüge gesehen werden können sowie mit etwas Abstand dazu einer rundlicheren Umrisslinie, die an die Außenform einer Glühbirne oder gar an einen Heiligenschein denken lässt.

So wie die „Köpfe“ eine dreiteilige Erscheinung haben, so durchzieht das Thema „Trinität/Triade“ die Arbeit in immer neuen Variationen. Wir haben ein dreiteiliges Bild mit drei gleichbedeutenden Gestalten, deren Einheit nur durch die Trennung der Leinwände unterbrochen wird. Jede Gestalt besteht im Wesentlichen durch eine grau-weiße, bzw. in der Mitte durch eine gelb-weiße körperliche Abgrenzung vom lindgrünen Hintergrund (je drei Farben) und dem dreifach ausgeformten einen „Kopf“.

Die drei Gestalten sind um das leuchtend gelbe Ereignis versammelt, das wiederum von einer kreisrunden Mitte auszugehen scheint. Etwas Spritziges wohnt diesem Ereignis inne, ebenso etwas Leichtes im schwebenden Überlagern der anderen Farben, etwas Vereinendes im Übergreifen auf die seitlichen Bildteile. Wie von einer gemeinsamen Energiequelle scheinen die Drei aus diesem einen Wesen zu leben.

Der Künstler bleibt in seiner Darstellung der Trinität offen. Er hat mit den „schemenhaften weißen Phantasmen“ … „eine Figuration, die aber ohne Identität ist“ geschaffen, eine Präsenz, „die eine kultische Assoziation zulässt, ohne sie zu definieren“ (Walter Grasskamp im Gespräch mit Bernd Zimmer in: Das menschliche Format, S. 41/43, München 2010). Für den Künstler muss das Bild „als strahlende Erkenntnis erscheinen, die Nichtfarbe Weiß, fast neutral in ihrer Erscheinungsform, muss den Bildraum bestimmen. Eine weiße Leinwand, gleich einer durchbrochenen Nebelwand, symbolisiert die Anwesenheit des Undarstellbaren“ (ebda.).

So kann das Bild durch die drei Gestalten mit der Erscheinung Gottes an Abraham bei den Eichen von Mamre (Gen 18,1-15) verbunden werden, durch das feurige Ereignis in der Mitte aber genauso gut mit der Erscheinung Gottes an Mose im brennenden Dornbusch, bei der er sich als „Ich-bin-da“ offenbarte (Ex 3,14). Er ist der Lebendige, der aus seiner Mitte heraus der ganzen Schöpfung Leben schenkt. Nicht nur den Menschen hat er als sein Abbild geschaffen (Gen 1,27), sondern auch des Menschen Familie, die traditionell aus Vater, Mutter und Kind besteht. Vielleicht verbinden wir gerade wegen dieser ursprünglichen Erfahrung so viel mit der Zahl Drei. So kann eine dreifache Manifestation kein Zufall mehr sein und steht somit für ein glaubwürdiges Zeugnis. Gleichzeitig deutet sie auf Vollkommenheit hin. In dem Sinne hat die Zahl Drei als eine allumfassende Zahl in vielen Religionen vielseitige Anwendung gefunden (u.a. z.B. Erde, Himmel, Hölle; Glaube, Hoffnung, Liebe), im Christentum ganz ausgeprägt im dreieinigen Gott. Er ist die Fülle des Lebens, aus der alle leben, in ihm findet auch alles Leben seine Vollendung. Und ist es nicht so, dass das Leben gerade in den Beziehungen seine Vollkommenheit erfährt, in der gelebten Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen? – Auch da ist uns die Trinität Vorbild.

Unfassbar

In diesem non-figurativen Glasfenster scheint alles in Bewegung zu sein, sich alles um das dunkelrote Zentrum in zweidrittel Höhe zu drehen. Während sich die eine Kreisbewegung von unten rechts her zum Kreis hin fokussiert, geht die Bewegung im obersten Drittel eher von diesem dunkelroten Blickfang aus nach links oben. Spiralförmig verschleudert dieses rote Kraftzentrum seine Energie, scheint sie in den unzähligen goldgelben Teilen in die unendliche Weite des Universums hinauszuschleudern. Verschwenderische Fülle wird spürbar.

Neben der eindrücklichen Drehbewegung prägen ein helles Rot und goldenes Gelb dieses Glasfenster. Das helle Rot mag an helles Blut erinnern, das vom Herzen aus durch die Arterien sauerstoffreich den menschlichen Körper mit Lebenskraft versorgt. Christologisch gesehen kann es auch als das Blut Christi gesehen werden. Weil er uns Menschen unendlich liebte, konnte er sein Leben für unseres hingeben, konnte er uns mit dem Preis seines göttlichen Lebens von freiheitsberaubenden Gebundenheiten freikaufen. In jeder Eucharistiefeier wird dieses Ereignis neu Gegenwart, soll die Liebe Gottes spürbar und wirksam wie aufstrahlendes Licht in der Dunkelheit unser Leben existentiell verändern. Dies kommt auch in der das helle Rot begleitenden goldgelben Farbe zum Ausdruck, die mit ihrer Symbolik „für das allumfassende Göttliche, für Geborgenheit und Wärme“ (Nestler) steht. Wie ein segensreicher Blätterregen schweben die goldfarbenen Elemente in das Kirchenschiff hinein und über die Gläubigen. Sie mit göttlichem Licht segnend, von innen her stärkend, erfüllend und miteinander durch seine Präsenz verbindend (Ansicht von unten mit gleichen Farben).

Dieses Licht- und Farbenspiel wird von weißen Lichtfeldern durchsetzt, die im untersten Bereich auch strahlenförmig wahrnehmbar sind. Wie Wolkenfetzen überlagern sie die göttliche Schau und verdecken sie teilweise. So wird wohl viel vom ewigen Licht und dem, was es beinhaltet, sichtbar, aber die ganze Fülle kann noch nicht gesehen oder sinnlich erfahren werden. Ein Wehmutstropfen bleibt. Noch leben wir hier auf Erden in materieller Umgebung und vergänglichem Körper. Was bleibt, ist die Sehnsucht und Hoffnung nach der immateriellen, seelischen Heimat bei dem Dem, der das Leben selbst ist.

Dieser mehrschichtigen Botschaft wird auch durch den außerordentlichen Aufbau des Glasfensters Gestalt verliehen. In vier Schichten und unterschiedlichen Techniken sind die Farben und Formen kunstreich auf das Glas gebracht worden. Um ihre Schönheit und Farben in ihrer Fülle zu erfassen, muss sich der Betrachter selbst in Bewegung setzen. Erst durch die verschiedenen Blickwinkel werden sich die gesehenen Fragmente vor dem geistigen Auge zu einem immer wirklichkeitsnäheren Bild zusammenfügen. Auch ist das Glas nicht in das bestehende Maßwerk eingesetzt (Außenansicht), sondern als eigenständige Fläche etwa 30 cm vor das Fenster in den Kirchenraum gehängt. Dadurch verliert das in der Fachsprache sogenannte „Lichtmaß“ als Ausschnitt der Architektur an Bedeutung. Während oben das auf dem Glas wiederholte Maßwerk noch dominierend ist, löst sich im und durch das Fenster die filigrane gotische Architektur nach unten immer mehr auf und ist letztlich nur noch als Schatten wahrnehmbar. So „weitet sich das durch die Architektur begrenzte Licht zu einem neuen grenzenlosen Raum“ (Nestler), setzt sich das sinnlich wahrnehmbare Licht als unfassbares göttliches Licht in den Gläubigen fort.

 

Bernd Nestler hat mit diesem Fenster Anfang 2011 unter 285 Mitbewerbern einen international ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen, bei dem es darum ging, zum 450-jährigen Bistumsjubiläum ein Fenster zu schaffen, das die Möglichkeiten der heutigen Glasmalerei nutzt, um der Glaskunst im 21. Jahrhundert neue Impulse zu geben. Herzliche Gratulation!

Ein Licht strahlt auf

Eine Vielzahl an Blautönen verleiht diesem Bild eine faszinierende Stimmung. Wolkenartig gehen sie ineinander über, zu den Bildrändern hin dunkler werdend, im unteren Bereich die schattigen Umrisse einer menschlichen Gestalt in sich bergend, nach oben geradezu vor der hellen Lichterscheinung zurückweichend.

Das Bild lebt von diesem Gegensatz, bei dem sich Hell und Dunkel nicht feindlich gegenüberstehen, sondern durchdringen. So sind in jedem Bildteil Farbnuancen aus anderen Bereichen zu finden. Am stärksten kommt dies im dialogischen Gegenüber des hellen Zentralbereichs und der zu einer Schale geformten Kreatur am unteren Bildrand zum Ausdruck. Gekrümmt und armselig liegt die menschenähnliche Gestalt am Boden. Sie ist nicht viel mehr als ein Schatten in der Nacht. Ihre Konturen sind vage, nur das Gesicht vermeint man wahrzunehmen. Der Kopf erscheint erhoben, die rechte Hand ans Ohr gelegt, um besser hören und sehen zu können. Alles an ihr ist auf die Lichterscheinung über ihr ausgerichtet Diese bildet ein Dreieck, in dessen Innerem ganz Unterschiedliches gesehen werden kann, da sich die Helligkeit zur Mitte hin verdichtet und nach unten eine auslaufende Struktur aufweist, wie sie Regenböen eigen ist. Unaufdringlich wird mit diesen Symbolen göttliches Wirken angedeutet. So kann im Dreieck der dreieinige Gott gesehen werden, der sich vom Himmel her dem in der Dunkelheit darbenden Menschen zuneigt und ihn mit der blauen Spitze ganz zärtlich zu berühren scheint, um ihn nicht zu verletzen und doch aufzuwecken. In der hellsten Stelle der Lichterscheinung ist zudem eine senkrecht stehende menschliche Gestalt zu erkennen. Sie scheint die Arme ausgebreitet zu haben und nur mit einem Lendenschurz bekleidet zu sein. Ist es der Gekreuzigte, Jesus, der sich im Licht dem in der Dunkelheit liegenden Menschen offenbart? Oder darf in der Erscheinung auch ein Engel gesehen werden, der vom Licht aus der Höhe umgeben auf die Erde niedersteigt? Die violetten Wolkenfetzen lassen zudem an einen dritten Austausch zwischen den beiden denken, an etwas, das auf den Liegenden herunterfällt.

All das lässt in dem Bild etwas Adventliches sehen. Dabei kann der Liegende als das Volk Israel, das seinen Retter erwartet, oder als Maria, die Auserwählte, gedeutet werden. Schon der Prophet Jesaja (9,11) kündigte an: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

Durch das aufstrahlende Licht ist dieser Mensch fortan nicht mehr allein. Der Retter kommt und bringt Licht in die Dunkelheit, Leben in die Unbeweglichkeit. Schon … und doch noch nicht. Aber das Licht ist in Sicht und erste Berührungen und heilende Begegnungen finden statt. Die größte Sehnsucht ist gestillt, das ungewisse Warten macht einer absehbaren Erwartung Platz.