Lichtmystik

Ruhe geht von diesem Bild aus. Der Umstand mag von den diffusen, matten Farben ausgehen, aber auch von dem mehr oder weniger symmetrischen Aufbau.

Die fließenden Farbübergänge lassen keine klare Formenzuordnung erkennen. Alles ist verschwommen, nur angedeutet. Und doch wecken diese Andeutungen innere Bilder, die in der blauen Fläche im unteren Drittel einen See wahrnehmen lassen, der von Laubbäumen im Herbstkleid umgeben ist. Passend zu diesem Eindruck breitet sich darüber in einem ganz anderen Blau ein wolkenloser Himmel aus, an dem die Sonne scheint. Ihr helles Licht schafft eine blaßweiße Aura, die sich nebulös in der Wasseroberfläche unter ihr spiegelt.

Das verschwommene Bild könnte den Eindruck eines Sehbehinderten widergeben, der seine Umgebung nur in Farbschatten wahrzunehmen vermag (vgl. die Heilung des Blinden in Betsaida, der in zwei Schritten wieder klar zu sehen und zu erkennen vermag, Mk 8,22-25). Doch durch die Unschärfe wird die Landschaft auch vergeistigt. Sie scheint über das natürlich Gewachsene und Entstandene hinauszuwachsen. Die Unschärfe verleiht dem Bild einen Zauber, sein Licht verklärt es und lässt transzendente Dimensionen in ihm entdecken. Durch den Bildaufbau wird der Betrachter Teilhaber dieses Prozesses. Beim Anschauen wird sein Blick von den dunkleren Randbereichen weg in die Mitte gezogen, um im Raum zwischen den beiden Lichterscheinungen ihre Spannung auszuhalten.

Das hellere, obere Licht scheint gleichsam wie ein Nebel nach unten zu rieseln, durch die Wasseroberfläche hindurch in die Tiefen des Sees zu sinken. Eine doppelte Tiefenbewegung findet statt, die zur Sammlung und Meditation beiträgt. So wird inmitten der Unschärfen die dynamische Kraft dieser mystischen Bildkomposition spürbar, aus den unkonturierten, blassen Farbanteilen ein Ganzes geschaffen. So, wie ein zunächst trüber, enttäuschender Herbsttag in der Gänze des Zusammenspiels seiner Farben verhalten schön erlebt werden kann. Denn communicatio liebt nicht nur die lauten, grellen und schrillen Töne. Kommunikation teilt sich auch im Stillen und ganz Unscheinbaren mit.

Dies ist ganz im Sinne der Künstlerin, die mit dieser Arbeit für das Cochlear Implant Centrum (SCIC) der TU Dresden den Versuch unternahm, gehörlosen Kindern oder Erwachsenen den Übergang in das normale Leben zu erleichtern. Im SCIC werden hochgradig hörgeschädigten Patienten innovative elektronische Innenohrprothesen, sog. Cochlea-Implantate zur Verfügung gestellt. Bei der Therapie werden visuelle Zugänge in das Behandlungskonzept eingebunden, weil Licht und Farbe wertvolle sensorische Informationen für eine komplexe kommunikative Rehabilitation der Betroffenen darstellen. Im Dresdner Universitätsjournal 13/2011 berichten Dr. Katharina Florek und Prof. Dirk Mürbe, dass Helene B. Grossmann das innere Erleben vieler Cochlea-Implantat-Träger „sehr treffend reflektiert“ hat. „Die Stimme, die Implantatträger am Anfang hören, ist oft sehr undeutlich und ohne Information. Nach langer Stille verdichten sich Geräusche und Klänge allmählich zu verstandener Sprache – zum Licht.“

Zum Licht

Ein warmes Gelb überzieht mit lebendigen Schattierungen die Fläche. Ein knappes Dutzend sanft geschwungener, dunkelgelber Linien gliedert das Bild horizontal und führt durch die immer kleiner werdenden Abstände in die Tiefe. Sie wirken wie Etappen auf dem Weg zum Licht, das über der sechsten Linie heller aufleuchtet, ohne einen klaren Ursprungsort aufzuzeigen. Der hellere gelbe Streifen kann als Himmel über dem Horizont gedeutet werden, als aufgehende Sonne, die Erde und Himmel in gleichmäßige Helligkeit taucht.

Das Bild strahlt eine große Ruhe aus, lädt zum Verweilen in diesem wohltuenden Licht ein. Die endlosen Waagrechten geben Halt, führen Blick und Gedanken zum Licht in der Ferne. Auf halbem Weg stoßen sie auf ein weißes Schriftband, welches die ganze Bildbreite quert: „… der uns das Licht erschuf, der dem Wechsel der Zeit sichere Ordnung gab, der uns das Licht gibt.“

Hier ist die Rede von jemandem, der das Licht geschaffen und dem Zeitenwechsel von Tag und Nacht eine zuverlässige Ordnung gab, die für uns Sicherheit bedeutet. Während diese beiden Gedanken etwas Geschehenes formulieren, bezieht sich der dritte Teil auf die Gegenwart: „… der uns das Licht gibt.“ In dem Bild schauen wir gewissermaßen das Licht. Wir werden damit einerseits auf das Tageslicht verwiesen, das uns äußerlich in Licht hüllt und uns so die Welt sehen lässt, andererseits auf Jesus Christus, „das Licht der Welt“ (Joh 8,12), der uns innerlich erleuchtet.

Aus dem dreifachen Gedanken um das Licht spricht Dankbarkeit gegenüber Gott. Dankbarkeit für das Licht selbst, für sein regelmäßiges Wiederkommen, für seinen Sohn Jesus Christus, der durch seine Worte und sein Leben einen Weg aufgezeigt hat, der uns Gott in seiner wahren Größe erkennen lässt, einen Weg, der nach aller Auseinandersetzung mit Frieden und Glückseligkeit gesegnet ist.

Leben aus dem Licht

Alles kreist um die Mitte, die sich durch feurige Farben und eine Corona wie bei der Sonne auszeichnet. Fest und doch warm bildet dieser Feuerball das „Herz“ dieses kreisrunden Universums. Ein schwarzgrauer Rand, der nach innen unscharf ausläuft, bildet von der Form, Farbintensität und „Wärme“ her ein Gegenstück zu dieser aus sich selbst heraus strahlenden Mitte. Hart und unmissverständlich begrenzt er diese Welt voller Leben.

Der Raum zwischen Ursprung und Ende lebt durch seine mehrschichtigen Bewegungen. Von hinten nach vorne ist er farblich ähnlich gegliedert wie von der Mitte zum Rand. Kaum sichtbar, bilden weiße Striche als Symbol für das unerschaffene Licht den Grund für alle weiteren Schichten. Die wirklich wahrnehmbare Basis sind jedoch die weichen gelben Pastellstriche, die wie Sonnenstrahlen den Brennpunkt umgeben und wirkmächtig den ganzen Lebensraum durchdringen. Um ihre Bedeutung für die Fülle des Lebens darstellen zu können, sind die Linien weder gerade gezogen noch wiederholen sie sich. Kein Energiestrom gleicht dem anderen, jeder ist einzigartig und bewegt auf seine Weise.

Im Rund verteilt tauchen über der gelben Schicht rote Zeichen auf. Sie sind zum Teil verwischt und wirken wie singuläre Boten der feurigen Mitte – wie Boten der göttlichen Liebe. Wie schwebende Gefäße scheinen sie über die Strahlen hinaus das Leben auf diesem Rund anfeuern zu wollen. Als nächst dunklere Farbe fallen drei blaue Zeichen in der Form eines nach oben weisenden Dreiecks auf. Wie Quellen sind sie um den Feuerbrunnen in ihrer Mitte angeordnet, die Notwendigkeit des Wassers für alles Wachstum andeutend.

Die oberste Schicht bilden graue, feste Striche, die mit dem äußeren Rand eine Einheit erzeugen. Ihre leichten, ja schwungvollen Bewegungen gleichen einem Tanz. Nur sind keine menschlichen Gestalten auszumachen. Und doch kommt es einem vor, als hätte sich eine ganze Gruppe um das Feuer in ihrer Mitte versammelt. Die skizzierten Bewegungen lassen ein Wesen erahnen, etwas Seiendes, das aber mit keinem bekannten Lebewesen vergleichbar ist. Insofern umfasst der in diesem Bild verwendete Strichcode alle Lebewesen.

So kann diese runde Arbeit von Thomas Werk als Sinnbild für die Schöpfung gelesen werden, bei der sich auf der Grundlage des Lichtes, der Wärme und des Wassers auf dem Boden nach und nach das Leben entfaltet. Dabei kommen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde genauso zur Sprache wie die Bedeutung der Sonne für den ganzen Erdenkreis.

Der Gläubige mag darüber hinaus mit den blauen und roten Zeichen an seine Taufe und das Wirken des Heiligen Geistes erinnert werden. Sie helfen ihm genauso wie die gottesdienstlichen Feiern, für die das Tondo symbolisch auch stehen könnte, das Leben im Spannungsfeld zwischen Geburt und Tod, Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, … positiv zu gestalten.

Sieg des Lichts

Licht und Dunkel stehen sich in diesem Bild gegenüber. Nicht mehr im Kampf, sondern in entspannter Ruhe und Ordnung zeigen sie sich. Mittig und erhaben leuchtet weißes Licht, welches die dunklen Elemente in die Ecken verdrängt. Über allem schwebt ein vertikaler Balken, der weder Licht noch Dunkel ist, sondern ganz aus Gold.

Alle Symbole sprechen von einer finalen Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod, ja vom Sieg des Lebens über den Tod! Wie aus einer anderen, immateriellen Welt dringt das Licht durch die türartige Öffnung in den diesseitigen Lebensraum hinein; an seinen Rändern sich in sonnengelbe, dann orange Farben wandelnd und Wärme ausstrahlend. Alles soll licht und warm werden. Das Angstmachende, Einengende, Lähmende, Verschließende und zum Tod Führende muss endgültig weichen. Links unten lösen sich die rechteckig erstarrten Elemente auf, rechts ist das Wegrollen einer schweren Kreisform zu spüren.

Licht und Dunkel stehen sich nicht nur farblich, sondern auch in den beiden Kreisformen im Bild gegenüber. Während der dunkle Kreis das Bild verlassen muss, scheint die helle Kreisform von oben hereinzukommen. Ihr Wesen ist mit Transparenz, Zuneigung und, wie es das goldene Element in sich aufnimmt, mit Offenheit zu beschreiben. Diese Kreisform steht für das unendliche Leben, für das Transzendente, für Gott.

Hier wird mit gestalterisch formalen Mitteln Auferstehung gefeiert. Im senkrechten Rechteck begegnet uns der von den Toten Auferweckte. Mit der goldenen Farbe wird auf seine göttliche Herkunft hingewiesen, mit seiner erhöhten Position auf seine Rückkehr zum Vater und die Verherrlichung zu seiner Rechten. Die drei gelben Waagrechten muten wie Stufen an und mögen an sein Hinabsteigen in das Reich des Todes erinnern, gleichzeitig aber auch sein Heraufsteigen nach drei Tagen Grabesruhe.

Ob es so geschehen ist? Keiner weiß es. Es ist ein Bild des Glaubens. Ein Glaubensbild, das von der unzerstörbaren Kraft des Lebens erzählt. Es ist ein Bild, das alle einlädt, dem einst Geschehenen zu trauen, über die gelben Stufen gleichsam ins Licht zu steigen und sich so in das Werk der Erlösung hineinnehmen zu lassen.

Wucht des Todes noch
schwarz hingesetzt
verfügt der Tod
hingerollt der Stein aus Angst
tot-sicher
Ende
aller Herrlichkeit.
Weggewälzt
die dunkle Last
frei der Blick
das Tor zum Licht.
Das Grab hielt ihn nicht mehr
unfassbar leer
der Schreckens-Freude Raum:
„Er ist nicht mehr hier.
Auferstanden ist der Herr.“
Ausgestreckt am Kreuze einst
zum Himmel auf der Schrei
Abstiegsweg ins Totenreich
erhoben aus dem Grabe, hell
eint Erd und Himmel – ER.
Lebendiger der eine Weg zum Vater hin
SEINE Liebe, grenzenlos.
Umfasst du ihre „Länge und Breite,
Höhe und Tiefe“ geformt in der Geschichte des Abstiegs?
Auferstanden von den Toten ist der Herr,
lebt das WORT:
„Ich lebe – und auch ihr werdet leben.“

(Lyrik von P. Meinulf Blechschmidt in: Sehen – Glauben – Leben. Gedanken zum Glaubensbekenntnis, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2007, S. 39f, ISBN 978-3-87071-166-5)

Licht im Leiden

Welches Wort Ihnen wohl als erstes „ins Auge gesprungen“ ist? Das in breiten, schweren Buchstaben geschriebene „Leid“ oder das in dünnen, leichten Buchstaben geschriebene „Light“?

Spannungsvoll stehen die beiden Wörter zueinander. Je mehr man die Augen zusammenkneift, umso mehr verschwinden die blutroten Buchstaben im Hintergrund und treten die hellen, klaren Buchstaben hervor. Doch übermächtig steht das „Leid“ hinter dem „Light“ und scheint sogar an dessen sieghaft strahlendem Gelb zu partizipieren.

Leid und Leiden sind nichts Schönes oder Angenehmes. Im Gegenteil, sie belasten Leib und Seele. Das Leid des anderen kann mich berühren und zu Mitleid bewegen. Wer etwas falsch gemacht hat, so dass es ihn belastet und er sich entschuldigen möchte, sagt oft: Es tut mir leid. Das Leid trifft einzelne wie ganze Völker. Es gehört zentral zu uns Menschen, wenn auch zu den düsteren Seiten unseres Wesens und unserer Geschichte. Verursachen wir doch oft bewusst oder unbewusst auch anderen Lebewesen schweres Leid. Der dunkle, blutrot wabernde Hintergrund mit den dazugehörigen, leicht helleren Buchstaben drückt dies aus.

Wie ein Zeichen von Woanders her hat der Künstler das aus der „Fremde“ stammende Wort „Light“ symmetrisch und auf die gleiche Grundlinie wie das „Leid“ gelegt. Kennen wir das nicht? „Wie durch ein Wunder … blieb er unversehrt … überstand sie die schwere Krankheit … oder bekamen wir Recht in der Verhandlung …“

Im Prolog seines Evangeliums schreibt Johannes von diesem Wunder. Nicht erst moderne Künstler greifen zu abstrakten Begriffen, um das unvorstellbar Andere darzustellen. Den, der in unsere Realität kam, benennt er abstrakt mit „Wort“ und mit „Licht“. Das wahre „Licht“ kam in die Welt und erleuchtet jeden Menschen – was sicherlich nicht nur erkenntnismäßig zu verstehen ist – aber die Welt hat ihn nicht erkannt, nicht verstanden, ihm nicht vertraut und sich ihm nicht anvertraut.

All das führt dazu, dass das englische Light durch die Überlagerung der beiden Wörter und ihre akustische Nähe jedem Leid ein stiller Beistand und eine Ermutigung zu sein vermag, auch in der dunkelsten Erfahrung das Licht zu suchen. Die Anordnung deutet darauf hin, dass dieser Lichtschimmer wohl von außen angeregt werden kann – also durch uns, unsere Worte und Gesten –, letztlich aber im Leidtragenden selbst aufleuchten und Gestalt annehmen muss. Doch wenn dieser Spalt Licht im Herzen des Leidenden angekommen ist, dann kann es eine Heilkraft entfalten, die alles zu verändern vermag. Weit über den starren und begrenzenden Rahmen hinaus.

Das Wort

Es ist als solches nicht zu erkennen, das gezeigte Wort. Doch im Focus des Betrachters steht, den Horizont schneidend, ein weißer Kreis. Und hinter ihm erhebt sich eine Diagonale, die knapp vor dem oberen Bildrand aufhört, um in einer weiteren Schrägen rechts unten mit einem roten Sechseck zu enden. Das sind Zeichen, aber sind es auch Schriftzeichen? Ergeben sie ein Wort, ja das Wort?

Am Anfang war das Wort, schreibt der Evangelist Johannes in seinem Prolog. Es ist vom Himmel gekommen, die Wesensmerkmale des „Himmels“ in sich tragend: göttliche Vollkommenheit, ewiges Licht, ohne Anfang und ohne Ende wie ein Kreis. Doch gleichzeitig ist es zur Erde gekommen, eingetaucht in unser Dunkel, Mensch geworden mit Anfang und Ende und allen Charakteristika der Vergänglichkeit.

Das Licht vom Himmel leuchtet in eine graue Welt, Freiraum schaffend, ja einen Durchgang. Das lichte Wort, Jesus, ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, er ist die enge Tür, die in die Weite führt.

Sein Wort ist Orientierung und Maßstab, scheidet in gut und verwerflich, bewirkt Leben. Er schafft die vor und nach ihm gesprochenen Worte nicht ab, er erfüllt sie und die daraus neu entstandenen Gesetze. Er ist das Alpha und das Omega, der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Aus seinem Mund kam das erste, die Welt erschaffende Wort, ihm wird das letzte, die Welt richtende Wort zugesprochen. Sein Wort ist vollkommen. Groß und mächtig steht es zwischen Himmel und Erde. Es ist ein menschliches Wort, ein für uns verständlich gesprochenes Wort, das deshalb seine Fundamente tief in die Erde gerammt hat. Und da haben es auch die Verwundungen der Welt erfasst. Wie ein vom Druck der Erde gehärteter Edelstein leuchtet im roten Sechseck die einzige Farbe im Bild. Es erinnert an das Leiden Jesu: seine Verurteilung durch die vielen menschlichen Worte, das blutige und tödliche Festnageln am Kreuz, seine Grablegung, aber auch seine Auferstehung von den Toten sind herauszuspüren aus dieser klar umrissenen Form.

Gottes Wort hat durch Jesus eine feste Verankerung auf der Erde, die symbolisch für die Erde unserer Herzen steht. Ihm bietet es Perspektive und Orientierung, die über den Horizont hinausgehen, ja den Blick für das Überirdische, Metaphysische und Göttliche öffnen.

Blick in die Weite

Geometrisch abstrakt ist dieses Bild aufgebaut und so würde es auch wirken, wenn der Pinselstrich nicht sichtbar wäre und feine Unregelmäßigkeiten aufweisen würde. Anders als die deckende Flächenfüllung eines Piet Mondrian hat Maria Maier mit transparenten Farben gearbeitet. Dadurch sind Schichten entstanden, haben sich Durchsichten ergeben, Raumtiefe. Seit Jahren hält sie so tagebuchartig Stimmungen und Eindrücke mit einfachen Farblegungen fest. Einsichten und Empfindungen erhalten dadurch eine neue Fassung, einen neuen Ausdruck.

Was die Künstlerin bei diesem Bild wohl bewegt haben mag? Das Aquarell füllt sich von außen nach innen mit Farbe. Nur im unteren Drittel ist ein Rechteck frei geblieben. In seiner weißen Erscheinung gründet die größte Raumtiefe. Die blauen waagrechten Flächen darunter und darüber geben ihm eine lichte Weite; begrenzt wie vom Wasser des Meeres und einem Stück Himmel. Doch dazwischen … nahezu Unendlichkeit!

Während ganz unten ein schmaler blauer Streifen den Grund der Komposition bildet, nimmt oben ein mit Blau versetztes Violett über ein Drittel der Bildfläche ein. Mystisch mag es das geheimnisvoll über allem Waltende und durch alles Wirkende bezeichnen.

Vertikale Farbbahnen überlagern im rechten Winkel und goldenen Schnitt die horizontalen Farbflächen der ersten Farbschicht. Dunkelgrau wäßerig links, ockerfarben golden rechts, verdecken sie wie ein halb zurückgezogener Vorhang das Dahinterliegende. Gleichzeitig geben sie den Blick frei – und verstärken ihn noch – auf die asymmetrisch leicht verschobene Mitte mit ihren klaren lichtdurchdrungenen Farben.

Aus den farblich getrübten und verfremdeten, seitlichen Überlagerungen wird das Auge so Stufe um Stufe in die Bildtiefe hineingeführt. Der Blick durch die Mitte läßt harmonische Schönheit wahrnehmen, Reinheit. Eine mystische Schau. Nicht hoch angelegt, sondern unten, auf der imaginären Augenhöhe von kleinen Leuten. Dieser gewaltige Ausblick soll allen möglich sein. Alle sollen aus ihm Kraft schöpfen können.

Licht zum Leben

Eine Lichtexplosion dominiert das Bild. Wie bei einem Feuerwerk formen die fallenden Funken einen Schweif bis zur Erde. In der Mitte dieses Sterns, der an die Erscheinung in Bethlehem zu erinnern vermag, die Andeutung eines Menschen, die wie damals der Stern die Geburt eines neuen Menschen und eines neuen Zeitalters ankündigt.

Die aufstrebende Lichtgestalt überdeckt rote Farbspuren auf dem Malgrund. Das lässt spüren: es gab ein schmerzhaftes und blutiges Davor. Ein Davor, ohne welches Auferstehung nicht möglich gewesen wäre.

Erstaunlich, dass der Hintergrund nicht himmelblau gemalt, sondern im Holz des Untergrundes belassen wurde. Erstaunlich auch die weiße Silhouette, die eine Stadt und durch den einsamen Wanderer gleichzeitig eine Wüsten- oder Hügellandschaft anklingen lässt.

Auf der anderen Seite der grünende Baum, Zeichen nach dem Winter aufblühenden neuen Lebens. Aber sind es nicht zwei Stämme? Ein heller und ein dunkler, die sich kreuzend zum Andreaskreuz formen?

Das Ereignis lässt sich mit den wenigen Angaben nicht in Raum und Zeit lokalisieren. Dennoch spannt es von links nach rechts einen Bogen von den Anfängen der Menschheit bis in unsere Zeit. Die zwei sich nahe stehenden Bäume vermögen an das biblische Paradies zu erinnern, in deren Mitte die Bäume des Lebens und der Erkenntnis von Gut und Böse standen (Gen 2,9). Damit weisen sie auch auf Adam und Eva, auf den Sündenfall hin. In der Mitte ist dann als kosmisches Ereignis, und damit für alle sichtbar und gültig, die Auferstehung Jesu dargestellt, die gleichzeitig Himmelfahrt, Erhöhung und Geistausgießung ist.

In der rechten, freieren Bildhälfte kommt eher unsere Zeit zur Sprache. Mit der einsamen Gestalt des Herkules am Scheideweg ist eine Figur aus der griechischen Mythologie dargestellt, die letztlich für jeden von uns steht. Denn er wird vor die Wahl gestellt, den verlockenden, bequemen, aber vergänglichen Weg der Lust oder aber den beschwerlichen, mühevollen Weg der Tugend zu gehen. Herkules wählt Letzteres. In der Leere der weißen Fläche ist im erhobenen Arm seine Entschlossenheit zu spüren, den steinigen, mühsamen Weg in die Berge einzuschlagen, der ihn zur Unsterblichkeit führt.

Was haben die drei Bildelemente nun miteinander zu tun? Fassen sie nicht in einem grandiosen Überblick entscheidende Eckpunkte menschlicher Erkenntnis in dieser Welt zusammen? Der grünende Baum erzählt, wie sich die ersten Menschen von seinem Urbild im Paradies das Recht auf Unterscheidung und damit auf Entscheidung holten. Herkules steht als Prototyp für alle Menschen, die von diesem Recht auf Entscheidung vielfach Gebrauch machen müssen. Und dominierend in allem Leben das Sinnbild der Auferstehung, die den in eine andere, dauerhafte Wirklichkeit führt, der sich glaubend für diesen Weg entscheidet.

Zweifacher Lichtspalt

Es gibt Bilder, die beim Betrachten einfach gut tun. Dieses Aquarell mit seinen lichtvollen Blautönen gehört meines Erachtens dazu. Nicht, weil es viel darstellen würde oder besonders virtuos gemalt wäre, nein, es sind seine Einfachheit, sein Licht und seine Blautöne, die faszinieren.

So sehr die einzelnen Farbquader passgenau ineinandergreifen, sind sie doch voller Leben. In jedem Feld gibt es hellere und dunklere Bereiche, an ihren Begrenzungen leuchtet da und dort ein heller Spalt und lässt Luft (zum Atmen) dazwischen ahnen.

Die Farbabstufungen führen wie über Treppenstufen von außen nach innen zum Licht. Das äußerste Blau bildet als größtes zusammenhängendes Feld ein Gefäß und den tragenden Rahmen. Da fallen vier große, dunkle und, bis auf einen, quadratische Würfel auf, die wie Kontrapunkte den zentralen Lichtspalt flankieren. Zwischen ihnen sind drei mittelblaue und zwei hellblaue Flächen angeordnet. Sie bilden gleichsam eine zweite oder dritte Ebene und lassen das Aquarell durch den Blick in die Tiefe dreidimensional erscheinen.

Es ist das zentrale Licht, das die einzelnen Farbkörper in Ihrer Farbigkeit aufleuchten lässt. Es ist der eine schmale Lichteinlass, der den zentralen Raum so hell macht, dass er als bergender Raum wahrgenommen werden kann, als Raum, der auch eine Öffnung zum Himmel hat. Und es ist dieses von hinten durchstrahlende eine Licht, welches mit Erstaunen die Zwei-, Drei- und Vierzahl der Farbflächen entdecken lässt. Es ist, als würde erst das ungeschaffene Licht unsere geschaffene Welt und ihre Möglichkeiten richtig erkennen lassen.

Der Lichtspalt vermittelt den Eindruck eines größeren, allerdings mehrfach verdeckten Durchgangs. Er kann als  Einladung gesehen werden, in diesen Farbraum einzutreten und darin zu verweilen. Die Farbe Blau verkörpert hier Sympathie und Harmonie, Vertrauen und Freundschaft. Blau steht auch für den Himmel und das Göttliche, das wir dort verorten. So vermag dieser Farbraum, so kerkerhaft und karg er wirken mag, einen Ort der Geborgenheit zu vermitteln. Einen Ort, an dem göttliches und menschliches Vertrauen zusammentreffen und im Hier und Jetzt schon himmlische Zustände schaffen.

Dennoch wird der Farbraum eine Zwischenstufe und der helle Lichtspalt Verheißung bleiben. Denn in uns lebt die Sehnsucht, eines Tages hinter das Geschaffene schauen zu dürfen und IHN, von seinem ewigen Licht erhellt, durchleuchtet und erleuchtet, von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

wartende Engel

Es ist selten, dass ein Kunstwerk mit so einfachen Mitteln eine solche Tiefenwirkung entfaltet. In der Radierung von Markus Lüpertz wird der Betrachter geradezu in das zentrale Licht hineingezogen: nach vorn – oder auch in die Höhe, wenn man sich das Bild über sich vorstellt. In der Barockzeit haben viele Kirchenbaumeister ihre Kuppeln oben mit einer Laterne voller Fenster versehen, um einen ähnlichen Lichteffekt zu erzielen.

Der stufenlose Übergang vom Dunkel zum Licht ist ein Blick vom noch Greifbaren in das Unfassbare, ein Blick in die Unendlichkeit. In kreisenden Bewegungen wird das Auge zum Licht geführt. Vermag es in den Bildecken die Tunnelwand noch zu sehen, verliert es durch die Stärke der Lichterscheinung schon bald alle Anhaltspunkte und muss sich blind dem Licht hingeben, wenn es weitergehen möchte. So sehr das Auge also verführt wird zu schauen, wird ihm letztlich kein irdischer Ein- oder Ausblick geboten. Vielmehr hat sich der Himmel „geöffnet“ und lässt in weiter Ferne seinen Glanz ahnen.

Begleitet werden unsere Blicke von neun Engeln. Mit wenigen Strichen hat der Künstler menschenähnliche Gestalten in langen Gewändern und mit Flügeln skizziert, die auf dem Rund des Ovals zu tanzen scheinen. In ihrer Einfachheit haben sie etwas Kindliches an sich. Doch ihre lineare Ausführung macht sie zu transparenten Wesen, die uneingeschränkt das hinter ihnen Seiende sehen und wahrnehmen lassen – Botschafter Gottes, Übermittler von Gottes Wort.

In der Adventszeit liegt es nahe, die Verkündigung der Frohbotschaft von der Geburt des Heilands an die Hirten in dem Bild zu sehen, bei der sich zu dem Engel eine große himmlische Heerschar gesellte, die Gott lobte und sang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,13f). Aber der Künstler legt sich nicht fest. Er könnte genauso eine Erzählung aus dem Johannesevangelium im Kopf gehabt haben, in der Jesus zum Erweis seiner Sendung zitiert: „Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“ (Joh 1,51) oder Jakobs Traum im Buch Genesis (28,12ff): „Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.“

Aber das Kunstwerk will zu keiner der drei Erzählungen so richtig passen. Auch die zentralen Linien lassen sich damit nicht erklären. Das Kunstwerk ist kein historischer Tatsachen-Bericht, ebenso wenig wie es die Evangelien sind. Aber es ist eine starke Einladung, zum Licht aufzubrechen und sich dabei von den Engeln begleiten und führen zu lassen. Sei es zum Licht des Neugeborenen in der Krippe, sei es das ewige Licht, auf das wir hoffen und ein ganzes Leben lang zugehen.

Die Radierung wurde für die Kunstausstellung „Sieben Engel für Württemberg“ in Stuttgart geschaffen. Als künstlerischer Beitrag zum 475-Jahr-Jubiläum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und zugleich zugunsten der Stiftung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wurden sieben Künstlerinnen und Künstler von internationalem Renommee gebeten, ihre Engelsvorstellungen in einer graphischen Gestaltung auszuführen. 

Entscheidung gefragt

Am 18. Oktober 2009 wurden im Grossmünster von Zürich neue Fenster geweiht. Der Künstler Sigmar Polke hat sie gestaltet. Zwischen sieben in gedämpfter Buntheit leuchtenden Fenstern aus geschnittenen Achatsteinen und fünf Gestalten aus dem Alten Testament fällt eines, das der Künstler „Der Menschensohn“ benennt, aus dem Rahmen. Nicht nur, weil es keine bekannte Figur darstellt, ungewöhnlich ist auch die weiß-schwarze Farbgebung und die Gestaltung als oszillierendes Wechselbild.

Seit vielen Jahren arbeitet Sigmar Polke jahrhundertealte, meist bekannte Bilder am Computer so um, dass sie zu modernen Schöpfungen werden. Hier veränderte und vervielfachte er das Wechselbild von menschlichen Profilen und Kelchen und brachte es in einen neuen Kontext ein.

So zeigen sich in dem Rundbogenfenster nun auf vier Ebenen scherenschnittähnliche, schwarze, menschliche Profile, die sich gegenseitig anschauen. In der vertikalen Mitte fügen sie sich zu Janusköpfen, dem Symbol der Zwiespältigkeit. Zwischen den Gesichtern flutet mal schmaler, mal breiter, weißes Licht, das über den Rand des obersten Gefäßes, einem geheimnisvollen Kelch mit weit ausladender dunkler Schale, nach unten zu strömen scheint.

Und plötzlich eine Veränderung: wo eben noch schwarze Gesichter im Profil waren, sind nun weiße Kelche zu sehen, Kelche in verschiedenen Größen und Formen. Und so wechselt das Bild zwischen Kelchen und Menschen in einer geheimnisvollen Interaktion. Erstaunlicherweise wird der singuläre Kelch im Rundbogen kaum von dieser Oszillation berührt.

Was kann der Künstler mit seiner Darstellung für eine Botschaft vermitteln wollen? Und warum der Titel Menschensohn?

In der Frühzeit der hebräischen Bibel war der Menschensohn einfach einer oder jemand unter den vielen Menschen. Später wurde das Wort für den ersehnten, transzendenten Heilsbringer gebraucht, bis sich im neuen Testament Jesus an mehreren Stellen mit diesem Begriff identifizierte. Im gleichen Sinn gebraucht Sigmar Polke das Wort Menschensohn und symbolisiert den Heilsbringer oder das Heil mit dem Kelch (Jesus wird in der Abendmahlsfeier „Kelch des Heils“ genannt). Das Wort Heil hat aber durch seinen Missbrauch im Nationalsozialismus an Bedeutung und Überzeugungskraft verloren. Es ist beschädigt worden. Weisheit, Wahrheit, Liebe bieten sich an für das, was vom Kelch ausgehend, wie reines Licht zwischen den Menschenköpfen fließt. Wir sprechen auch von der Schale der Weisheit. Es lohnt sich, im Zusammenhang mit dem Fenster im biblischen Buch der Weisheit den überwältigenden Hymnus auf die Weisheit (7,22 – 8,1) zu lesen: ein Text voll poetischer Schönheit und Wahrheit. Auch als Wahrheit und als Liebe lässt sich das Licht deuten, das zwischen den Menschen fließt und ihr Leben hell machen kann. Sie geben dem menschlichen Geist einen weisen und gütigen Charakter. Der Künstler bringt dies mit den im Profil dargestellten Köpfen zum Ausdruck. Durch das göttliche Licht erhalten wir die Möglichkeit, es aufzunehmen und unserer Seele und unserem Geist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Profil zu geben, welches insbesondere in der Begegnung mit dem Nächsten heilsam zum Tragen kommt.

Majestätisch steht der von Licht umflutete und in erhabenes Grau getauchte Kelch über den Menschenköpfen. Als Heilbringer steht er fest und unveränderlich. Aber sein Angebot verursacht im Menschen ein Schwingen und Pendeln zwischen Annahme und Verwerfung, zwischen „Hosiannah“ und „Kreuzige ihn“, zwischen Dunkel und Licht, weil es die Wahrheit ans Licht bringt. – Damit ist Gottes Heil in unsere Zwiespältigkeit, aber auch in unsere Freiheit hineingegeben. An ihm scheiden sich nicht nur die Geister, auch wir Menschen. Entweder wird sein Wort und seine Herkunft geglaubt oder sie werden abgelehnt.

Lichtfänger

Hauchdünn liegen die vier Schalen vor uns in ihrer einfachen und schlichten Form vollendeter Schönheit. Das Ensemble ermöglicht mit einem Blick vier verschiedene Ansichten durch ihr Material unterschiedenen Gefäße.

Zerbrechlich muten sie an, gleichzeitig unendlich kostbar in den Materialien Silber und Gold. Ihre Leichtigkeit wie ihr Wert gebieten Ehrfurcht, machen sie nahezu unberührbar. Privilegierte dürften sie vielleicht als Weihegefäße nutzen. Für alle anderen werden sie unantastbar und entziehen sich der gewöhnlichen Verwendung. Diese Schalen sind wesentlich zum Anschauen da, um betrachtet und bewundert zu werden.

Ohne Größenvergleich erinnert die Einfachheit der vier Formen an Eierschalen. Damit schwingt Ursprünglichkeit in ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung mit. In den vollendeten Rundungen liegt ein geheimnisvoller Anfang, dem das Potential sich entfaltenden Lebens innewohnt.

Leer zu sein ist für diese Gefäße kein Makel. Im Gegenteil. Durch die extrem dünne Beschaffenheit wirken die Materialeigenschaften bis an ihre Grenzen ausgeschöpft. Vom Licht durchdrungen wird so auf einmalige Art und Weise die Zeichnung von Gold und Silber sichtbar. Die hellen und dunklen Stellen mit ihren bewegten Formen machen jede Schale zu einem Unikat.

Weite Offenheit und tiefe Bereitschaft zu Empfangen kommen durch ihre Leere zum Ausdruck. Ist das nicht ein Widerspruch? Würde dadurch nicht ihre Schönheit zerstört, ja ihr Bestehen gefährdet? – Die Leichtigkeit der Schalen suggeriert, dass sie nicht für Materielles bestimmt sind, sondern mit etwas Immateriellem gefüllt werden möchten. Der sanfte Glanz ihrer Oberflächen lässt ahnen, dass die Schalen geschaffen wurden, um bleibend für das Licht offen zu sein. Denn nur so kommen ihr Wesen und ihre Schönheit zur Geltung.

Sind sie nicht Spiegelbild für uns Menschen? Für unsere Gemeinschaft durch ihre Vierzahl und für unsere Abhängigkeit vom Licht, auf das wir ausgerichtet sind, welches Leben erst ermöglicht und es uns in seiner Schönheit und Vielfalt bestaunen, in seiner so kostbaren und zerbrechlichen Beschaffenheit aber auch umsorgen lässt? Aber das Licht steht auch für alle immateriellen, geistigen Werte, welche unser Leben erst lebenswert machen: Vertrauen, Glaube, Hoffnung, Liebe, … Gott. Auch wir sind Lichtfänger …

In der Mitte gegenwärtig

Fasziniert mag das Auge auf der hellen Gestalt in der vertikalen Mitte des Bildes verweilen. Wie eine Erscheinung tritt sie aus dem lichten Gelb hervor, ganz Geist und doch sich materialisierend unseren Blicken zu erkennen gebend. Die Arme kaum erahnbar am Körper angelegt, Oberkörper und Kopf leicht nach vorne geneigt, spricht äußerste Zurückhaltung genauso wie ein Auf-uns-Zukommen aus dieser Menschengestalt.

Ein Heiligenschein bezeichnet die Gestalt als eine mit Gott in enger Verbindung stehende Person. Kommt sie direkt von ihm? Wie aus einer Türöffnung scheint sie aus der rechteckigen Öffnung, die unsere Welt andeuten könnte, auf uns als Betrachter zuzukommen. Auch die beiden Flügel bezeichnen sie als Bote Gottes und als Lichtbringer in die dunklen Momente unserer Welt.

Doch kommt die engelsgleiche Erscheinung wirklich durch die rechteckige Öffnung auf unsere Seite? Die Öffnung könnte auch nur ein Fenster sein, ein Durchblick und Ausblick auf etwas Wunderbares. Der Engel wartet auf uns, will uns ermutigen, zeigt Zukünftiges, zu Erwartendes, weckt damit Sehnsucht nach Wärme, Heil und Geborgenheit. – Alles also nur Illusion, Vertröstung, bestenfalls Vision?

Nein! Die Flügel des Engels sprechen eine andere Sprache. Sie bilden in Form und Farbe ein großes Herz. So groß und warm könnte es Gottes Herz darstellen, denn aus seiner unendlichen Liebe zu uns schickt er uns Boten und Zeichen seiner liebenden Nähe. So wie das Herz für die glühende Liebe des Senders stehen mag, kann es auch als unser Herz gesehen werden, in das der Bote tritt. Es erhält durch die Lichtgestalt eine starke Mitte. Es wird zusammengehalten und zeigt zugleich Offenheit für die geheimnisvolle Präsenz eines Anderen.

Denn die Erscheinung muss kein Engel sein. Wir können auch am oberen Bildrand den Querbalken eines Kreuzes wahrnehmen und die Lichtgestalt als Jesus deuten, eingehüllt in glühende Liebe. Oder als den Auferstandenen, der durch die Liebe seines Vaters zum Leben erweckt worden ist und nun – nicht fern und undefinierbar im Irgendwo, sondern klar und deutlich – in unseren Herzen lebt und ihm göttliche Impulse gibt. Lässt das ihn umgebende wunderbare Rot nicht die kraftvolle Präsenz seines Heiligen Geistes spüren?

 

Weitere Bildmotive von Christel Holl finden Sie und können Sie bestellen auf der Website des Beuroner Kunstverlages.

Bedeutsame Hände

Hände und Unterarme sind in diesem Kreuzweg die Hauptdarsteller. Bis auf drei Ausnahmen sind keine Körper oder Köpfe zu sehen (alle Bilder). Aber es geht ganz klar um den Menschen, ein Essen, Gefangenschaft, Stürze, Leid, Kreuzigung und Auferstehung. Die Handlung beschränkt sich in ihrem Ausdruck auf die fotografische Wiedergabe der menschlichen Arme und Hände, deren unterschiedliche Haltungen voller Symbolik sind. Im Dialog mit dem Holzbalken und dem Licht verstehen sie das Leiden und die Auferstehung Jesu eindrücklich zum Ausdruck zu bringen. Dies verstärkt der sparsame Einsatz von Farbe im ersten und letzten Bild sowie ankündigend in der Kreuzigung.

Die Hände begegnen und berühren sich, sind in gestischem Gespräch. Hier wird die eine von einer anderen ergriffen und gehalten. Ihre diagonal-vertikale Ausrichtung ist von Bedeutung. Ebenso, dass der untere Arm das waagrechte Holz kreuzt und ein breites gelbes Lichtband senkrecht die Dunkelheit trennt. Vor dem Hintergrund der Kreuzigung wird so die göttliche Hilfe symbolisiert: Einerseits die rettende Hand von oben, welche den Menschen am schlaffen Handgelenk aus der Tiefe des Leids und des Todes errettet. Andererseits das hereinbrechende Licht, das die Dunkelheit zurückweichen lässt und durch seine Vertikale dem furchtbaren Kreuzestod bereits einen glorreichen Ausgang gibt.

Bedeutsam sind die sechs Hälften der Passionsfrucht, die im Kreuzungspunkt des Lichtstrahls auf dem Holzbalken liegen. So wie seit dem 17. Jahrhundert in der Passionsblume die ganze Leidensgeschichte Jesu gesehen wurde (daher auch der Name), so kann deren Frucht die Auferstehung bezeichnen. Die Hälften geben gleichsam Einblick in das an sich Verborgene der Auferstehung, lassen im Innern der unansehnlichen und harten Schale das reife Fruchtfleisch sehen, sie bilden eine symbolische Siegeskrone angesichts des überwältigten Todes und der erlittenen Folterqualen.

Das Fehlen von Blut und geschundenen Körperteilen mag irritieren. Ob damit gesagt werden will, dass den Darstellern die Erfahrung der Folter und des Todes unbekannt ist? Oder könnte dies auch zum Ausdruck bringen, dass in der Auferstehung alle Wunden geheilt werden? Dass wir im Tod zu einem neuen und ganzheitlichen Leben auferweckt werden, das zeitlos und integral unser ganzes Wesen beinhaltet? – Wir?

Auch die verschiedenen Hände und Arme mögen verunsichern. Der Kreuzweg folgt in seiner Handlung und Abfolge dem Leidensweg Jesu. Aber er wird von Menschen jeden Alters und Geschlechts dargestellt, um deutlich zu machen, dass erstens viele Menschen einen solchen Leidensweg gehen müssen. Zweitens zeigt er auf, dass es unsagbar schwer ist, einen solchen Weg alleine zu gehen und es gut tut, eine hilfreiche Hand bei sich zu haben. Letztlich zeigen die verschiedenen Teilnehmenden auf, dass der Leidensweg Jesu in seiner Wirkung alle Menschen betrifft. Jesus ist für uns alle gestorben. Durch seine Auferweckung von den Toten hat er uns allen die Hoffnung auf ewiges Leben geschenkt.

Gesamtansicht aller Kreuzwegbilder

Sehnsucht nach Befreiung

Neun Fensterteile bilden zusammen eine Art Triptychon. Fünf schlangenförmige Elemente umgeben eine zentrale Figur, deren Oberteil von einem ähnlichen Element eng umklammert ist. Gleichzeitig erscheint die menschliche Person erhöht, ja schwebend und dennoch gehalten in einem gelben Bereich mit T-Form.

Gebundenheit spricht aus der schmalen Silhouette dieser Gestalt, deren Beine eng nebeneinander liegen und denen die Arme auf den Rücken gedreht sind. Wie Fesseln überziehen kreuz und quer Linien den Körper. Auch die Körperhaltung vermittelt Gefangenschaft, Unfreiheit, Leiden und Erdulden einer unfreiwilligen Situation. Fuß- und Kopfhaltung dieses Menschen mögen an Darstellungen des Gekreuzigten erinnern, aber hier wird eine menschliche Grundexistenz dargestellt.

Mit unserem Denken und Tun verstricken wir uns immer wieder in unfreiwillige Gebundenheiten, welche unser Leben Stück für Stück bis zur Unbeweglichkeit einschränken. Oft merken wir gar nicht, wie unsere Freiheit zu Denken und zu Handeln geschwunden ist und nehmen den beschränkten Lebensraum als die größtmögliche Fülle an. Wie ein starrer Panzer können aber auch Krankheiten, Unfälle und andere Lebensumstände unseren Körper und Geist umgeben und zur Bewegungslosigkeit zwingen.

Gott sei Dank muss es nicht so bleiben und gibt es die sehnsüchtige Hoffnung auf eine Macht, die stark genug ist, diese einer massiven Befestigung gleichende Umgebung aufzubrechen. Umgeben und neu gehalten vom goldgelben Licht, das symbolisch für Gott steht, sind bereits Teile weggesprengt worden, die nun haltlos im Luftraum schweben. Ihre Formen lassen noch den Körper erahnen, den sie bedrängt haben. Die Befreiung ist im Gange, die Erlösung nicht mehr fern.

Aus der Zusammenschau von dem Fenster zur Linken und dem zur Rechten wird dieser zum Altar hin orientierte Prozess auf dreifache Weise verdeutlicht:

Zum einen ist die Befreiung am Menschen selbst festzustellen, der im linken Fenster noch vollständig von den starren Elementen eingemauert ist, auf der anderen Seite aber frei im von unten auftauchenden (auf der anderen Kirchenseite im von oben hereinbrechenden) goldenen Licht badet. Dieses Licht bezeugt die befreiende und belebende Kraft, wie wir sie in der Natur von der Sonne kennen und nach einem langen Winter ersehnen. Seine Kreuzform verbindet sich mit der Erlösung und Auferstehung Jesu, die durch seine Hingabe möglich geworden war und das Heil für alle Menschen gebracht hat. Die dritte Form der Befreiung kommt in der von sechs auf vier abnehmenden Anzahl der umgebenden Elemente zum Ausdruck.

Diese Hoffnung soll allen Gläubigen zur Glaubensgewissheit werden: in dem im Kirchenraum intensiv erlebten und gefeierten Gottesdienst, damit auch im Alltag Gottes begleitende und befreiende – und dadurch österliche – Gegenwart spürbar erfahren wird.

Link zur Darstellung aller 6 Fenster

Lichter Raum

Linien ohne Ende, Linien in allen Farben bilden auf diesem Bild eine verwirrende Landschaft. Dabei scheinen die schwarzen Linien einen gitterartigen Vordergrund zu bilden, bei dem im Randbereich Blumenmotive und aus Quadraten und Dreiecken bestehende vereinfachte Häuser und Häuserzeilen erkennbar sind, die sich zu einer Stadt, zu einer Stadtlandschaft formieren.

Dahinter eine nahezu unfassbare Linienfülle. Die Farbspuren erinnern an die vielen Lichter einer Stadt, an ihre stark befahrenen Straßen, auf denen die Autos vergängliche Licht- und Farbspuren hinterlassen. Ein Feuerwerk an Lichtbewegungen, das in der Bildmitte die Nacht zum Tag werden lässt. Ein beeindruckender, lichter Kubus, fest auf dem Boden stehend, ein faszinierender Lichtraum, in dem die Linien und Bewegungen ganz anders wahrgenommen werden können. Dieser lichte Raum offenbart trotz aller Fülle Transparenz und lässt mit seinem geheimnisvollen Charakter Transzendenz zu.

Diesbezüglich könnte man auch an die Aufzeichnung eines Traumbildes denken, das unser Erleben und unsere Gefühle in allen Beziehungen darstellt, gleichzeitig unser Verhalten zu Dingen und Mitmenschen, schwer zu entschlüsseln, aber trotz aller Fülle nicht ohne Harmonie. Der helle Innenraum als Spiegelbild unseres Innersten – offen für das Transzendente?

So vermag die Arbeit zur Meditation einladen, zum Nachdenken über die Linien und Bewegungen in unserem Leben. Wo würden wir uns spontan einordnen? Mit welcher Farbe malen wir gerade unser Leben? Oder wird es gemalt? Sind wir allein unterwegs oder prägen wir gemeinsam das Dorf- oder Stadtbild? Mit diesen Fragen ist das Feld sicher nicht erschöpft.

Da ist auch das schwarze Gitter mit seinen unregelmäßigen Linien. Ob es eher ein Schutz vor diesen wirren Bewegungen ist, weil der Eintretende sonst in Gefahr schwebte, mitgerissen zu werden? Oder ist es ein Schutz für den hinter dem Gitter, auf dass er sich selbst nicht verliere? Oder bildet es eher ein Tor, das aufgestoßen werden möchte und zum Eintreten in diese furiose Lichtwelt einlädt? Denn trotz der beängstigend vielen Linien bietet das Gitter doch einen klaren Halt, der lichte Kubus einen geordneten Raum, der inmitten der Finsternis und der Verwirrung einen gewissen Schutz bietet, einen Ort der Einkehr, Besinnung und vielleicht auch der Orientierung. Das Leben mit seinen kreisenden Bewegungen wird in diesen zentralen Raum hineingetragen, da aber vom Licht verwandelt, neu erfahrbar gemacht. Ein Bild für transzendentale Erfahrung? Einer subjektiven Gottesbegegnung?

Orientierung

Das Auge verweilt suchend vor dieser Bronzeskulptur. Harmonische Proportionen und runde, glatte Formen nehmen wir wahr, links und rechts zwei längliche, abstehende Teile, dazwischen ein rundes, scheinbar herausgemeißeltes Loch. Wie ein Auge blinzelt das Licht durch die Öffnung im massiven Bronzeguss und schaut einen an.

Die Stele lässt vielerlei Zugänge offen. Sie will nicht eindeutig nur dies oder jenes sein. Sie möchte bewusst herausfordern, eine Suchbewegung auslösen, Fragen stellen nach ihrer Identität. Die Bronze hat etwas Gefäßartiges an sich, gleichzeitig erhebt sie sich wie eine stilisierte Hand. Durch die sanft gewellte Oberfläche können auch zwei stark vereinfachte, stehende Gestalten wahrgenommen werden, bei der die rechte durch die runde Öffnung stark beeinträchtigt ist.

Am schlüssigsten ist aber wahrscheinlich das Erkennen einer schematisierten Gesichtshälfte, bei der links die Wangenknochen mit dem Ohr, rechts die eine Seite der Nase angedeutet sind. In der glatten Außenseite sticht das hart aus dem Material herausgehauene Auge beunruhigend heraus. Es scheint weit aufgerissen zu sein, Schrecken spricht aus ihm. Sieht das Auge Schreckliches oder hat es selbst solches erfahren müssen? Die Außenseite gibt nichts vom Geschehenen preis … womit die Bronze ihre geheimnisvolle Ausstrahlung nur noch vergrößert.

Welches Gesicht die Skulptur wohl darstellen soll, welchen Menschen zur Sprache bringen oder in Erinnerung rufen? Auf der einen Seite ist er schön, andererseits sieht es aus, als hätte er Schweres durchlitten. Er gibt sich als doppelte Erscheinung, als amphorenartiges Gefäß, das einen Einblick in seine Innenwelt ermöglicht. Seine Gesichtshälfte gibt einen Durchblick zum Licht, das ihn zu erfüllen scheint.

Zweifel stellen sich beim fragenden Nachdenken ein, ob dieses halbe Gesicht auf Jesus hinweisen soll. So haben wir ihn noch nie gesehen. Was wir sehen, ist mehr Fragment oder Ausgrabungsstück als ein göttliches Antlitz. Aber alles Wahrgenommene trifft auf Jesus zu: er ist „der Schönste unter den Menschenkindern“ (Ps 45,3), er ist für uns geschlagen worden, hat gelitten und ist am Kreuz gestorben. Die doppelte Wellenform vermag seine doppelte Natur anzudeuten: Gott und Mensch gleichzeitig zu sein. Durch dieses „menschliche Gefäß“ offenbart sich Gott den Menschen und gibt sich in seiner ganzen Liebe und Weisheit zu erkennen. Dabei tritt das Menschlich-Konkrete zu Gunsten des Symbolischen zurück.

Denn niemand von uns hat Jesus gesehen, gehört, persönlich erlebt. Deshalb ist alles Überlieferte Bruchstück, alles Wahrgenommene nur Teil eines größeren Ganzen. Aber in diesem Fragmentarischen steckt soviel Wahrheit, dass es einen Zugang möglich macht, der zu Gottesbegegnungen führt, die über das Sicht-, Hör- oder Spürbare hinausgehen.

Gottesbegegnungen, die denjenigen vieler Zeitgenossen von Jesus ähnlich sein müssen und nach dem Suchen und Zweifeln in der bekennenden Antwort gipfeln: „Denn Du bist das Licht!“

Begeisterter Aufbruch

Kann eine Osterbegegnung bereits ein Pfingstereignis sein? Das Bild von Manfred Hartmann suggeriert dies und lässt uns die Emmaus-Erzählung (Lk 24,13-35) in einem neuen Licht sehen. Seine Bildfläche ist horizontal in eine dunkle und eine helle Hälfte geteilt. In ihrer Anordnung erinnern sie unwillkürlich an Tod und Auferstehung. Zwei Tage ruhte Jesus im Grab. Am dritten Tag erstand er von den Toten. Ob der Bildträger deswegen au drei Teilen zusammengesetzt ist?

Aus der Dunkelheit des Todes und des Grabes ragt das lichte Kreuz weit nach oben. Es trägt keine Merkmale der Folter mehr. Hell und freundlich scheint in seiner Mitte eine aufgehende Sonne zu leuchten, die beiden Kreuzarme können freundschaftlich die beiden gelben Menschengestalten umarmen: Erscheinung des Auferstandenen inmitten der beiden Jünger! Wie er den Lobpreis sprach und das Brot brach, haben sie ihn erkannt (vgl. Lk 24,30f). Ihm zugeneigt, sind die beiden dargestellten Jünger der äußeren Form des Brotes ähnlich geworden. Wie zwei Klammern ( ) umgeben sie das geteilte Brot. Sie sind auch von der warmen Farbe des Brotes erfüllt. Jesus endgültig gleichförmig und gleichfarbig geworden können sie nun nach Jerusalem zurückkehren und bezeugen, dass Jesus sie auf ihrer Reise begleitet hat und sie ihn als Auferstandenen, als Lebenden erkannt haben.

Im Nachhinein haben sie erst das Brennen ihrer Herzen deuten können, das ihnen die Gegenwart Jesu signalisiert hatte. Allein sie weilten in der Dunkelheit der fehlenden Erkenntnis. Ihre dunklen, von Traurigkeit und Niedergeschlagenheit erfüllten Gestalten sind links unten neben dem Herz und in der Mitte der rechten Bildtafel zu erkennen. Wie Jesus von der Dunkelheit des Grabes umschlossen war, so waren ihre Herzen von den unbegreiflichen Eindrücken der vergangenen Tage umgeben und brauchten einen äußeren Impuls, um zu erkennen und von neuem lichterloh für die Sache Jesu zu brennen.

So sehr sich das Bild im Gesamtaufbau von unten nach oben entwickelt, von der Dunkelheit zum Licht, so kann gleichzeitig eine Kreisbewegung im Uhrzeigersinn beobachtet werden, die ihren Anfang rechts unten, in der kleinsten Bildtafel, hat. Zwischen den beiden roten Flächen können auf der einen Jüngergestalt auch die Umrisse einer Schrifttafel gesehen werden, welche an die Darstellungen der beiden Gesetzestafeln des Mose erinnert. Sie könnte auf Jesus verweisen, der von Mose und den Propheten ausgehend, den ihn begleitenden Jüngern dargelegt hatte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. Die linke rote Fläche mag deswegen pfeilförmig in den oberen Teil hineinragen. Andererseits können die beiden Flächen auch als die Herzen der Jünger gedeutet werden, zweigeteilt, uneinig, unförmig. Und es wäre dann die in dieser symbolischen Steintafel verborgene geheimnisvolle Gegenwart Jesu, welche die Jünger unsichtbar zusammenhalten würde. Durch seine Worte werden sie unterwegs immer mehr zu einer neuen Einheit geformt und mit neuem Leben erfüllt, dem Auferstandenen gleich. Wie im linken unteren Bildteil dargestellt, brennt diese neue Lebensfülle ähnlich der einem Samenkorn innewohnenden Kraft alle einengenden Grenzen durch und eröffnet dadurch neue Erkenntnisse und daraus resultierende neue Handlungsweisen, die sich ganz am Auferstandenen orientieren.

Vom Geist des Auferstandenen befreit und von Gottes Geist bewegt, werden sie von nun an immer wieder von diesem prägenden Ereignis erzählen. Sie werden in der Nachfolge Jesu selbst das Brot in die Hand nehmen, den Lobpreis sprechen und das Brot brechen, um allen Menschen seine hingebende Gegenwart zu offenbaren und lichtvolle, begeisterte Gemeinschaft mit ihm zu ermöglichen.

Erlösung

Feuer, und mitten drin blass wie ein Geist der Gekreuzigte. Er neigt den Kopf nach rechts, das Leiden scheint vollbracht. Er schwebt und hängt dennoch mit den Armen am horizontalen Kreuzbalken. Eigenartig, wie er mitten in diesem Flammenmeer steht. In diesen Flammen, die nach längerem Betrachten zu einer blutroten Menschenmenge werden kann, die mit erhobenen Armen zu rufen scheint: Ans Kreuz mit ihm, kreuzige ihn! In ihrem Zorn wollen sie ihn verbrennen, vernichten – doch er wird ihnen ans Kreuz entzogen.

Ihr Schreien und Rufen scheint sich nach oben hin in Luft aufzulösen. Je länger der Blick auf der unteren Bildhälfte ruht, verschwindet auch der Eindruck einer aufgebrachten Menschenmenge zugunsten einer zurückbleibenden. Erhöht und erhaben steht Christus über dem Geschehen. Kreuzigung, Auferstehung und Heimkehr zum Vater werden hier in einem Bild thematisiert. Gott wird dabei als weißlich-gelbes Licht angedeutet, das seinen Sohn umfängt und ihn gewissermaßen in seine ursprüngliche, ungeschaffene Lichtgestalt zurücknimmt.

Zu denken gibt, dass von Jesu Wunden kein Blut ausgeht. Es ist nicht sein Blut, das auf dem Bild die Menschheit oder die Schöpfung erlöst. Wie kann das wohl gedeutet werden? Hat Jesus sich ausgeblutet, ging seine Hingabe bis zum letzten Blutstropfen? Oder hat der Künstler ihn ganz in Weiß dargestellt angedeutet als den, der frei ist von jeder Schuld? („Von der Jungfrau geboren“, besagt ja in der antiken Mythensprache genau das, und zwar rückblickend auf sein Leben!)

Diese Schuldlosigkeit zog die Menschen an und brachte sie zum Staunen und zur Bewunderung, war den Priestern und den römischen Besatzern aber unerträglich. Darum wurde ihm Schuld angehängt: er habe gegen das Gesetz des Moses verstoßen, z.B. am Sabbat geheilt, mit Zöllnern Dirnen und öffentlichen Sündern Umgang gepflogen, Völlerei getrieben, sein gewollt wie Gott, den römischen Kaiser nicht geehrt, Gott gelästert und ein nach ihrem Verständnis völlig überzogenes, skandalöses Selbstverständnis gehabt – „ich aber sage Euch, …“

Schließlich wurde die Kreuzesstrafe über ihn verhängt, weil er Gesetze des Tempels nach ihrem Sinn hinterfragte und sie entsprechend ihrer tieferen Notwendigkeit, ihrem eigentlichen Sinn nach anwandte. Dies trieb ihm Menschenscharen zu, die mit dem Herzen verstanden, wie er mit der Schuld anderer umging, des Zöllners, der Ehebrecherin … und die auch mit dem Herzen seine Schuldlosigkeit erfassten. Das gefährdete in den Augen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit die öffentliche Ordnung, passte nicht ins öffentliche Leben, und wurde nicht als höchster Wert anerkannt, sondern als Konkurrenz aufgefasst, die beseitigt werden musste.

In dieser Einzigartigkeit stellt ihn der Künstler nach seinem Tod dar. Jesus hat alle Schuld, die man ihm nachgesagt hat und dazu die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und gelöscht. Im Bild steht er, der sein Werk erfüllt und damit Erlösung gebracht hat, als Wegweiser, der die Botschaft hinterlässt, wie wir von nun an mit Schuld umgehen können. Das Weiß in dem der Künstler Jesus dargestellt hat, ist eigentlich gar keine Farbe. Wenn weißes Licht durch ein Prisma zerlegt wird, entsteht ein farbiges Spektrum von Rot bis Violett, in allen Farben des Lebens, auch den dunklen. Ist das ein Hinweis darauf, dass die Frohe Botschaft dazu verhelfen kann, alle Farben jedes Lebens letztendlich in Weiß zu bündeln? In schuldfreies Weiß?

Jedes Osterfest sollte bei aller Osterfreude auch diesem Aspekt Raum geben, in wie weit wir diese Wegweisung zulassen.

Zum Leben befreit

Welch ein Gegensatz! Die Gemeinde befindet sich das Jahr gegenüber einem barocken Hochaltar mit gewohnt klaren, verständlichen Darstellungen (Gesamtansicht). Sein Mittelteil wird nun in der Fastenzeit hinter einem großen Fastentuch mit moderner, verschlüsselter, anfangs nicht leicht deutbarer Bildsprache verborgen (Altaransicht). Eine Aufforderung, genau hinzuschauen und zu versuchen, über Altbekanntes in neuer Weise nachzudenken.

Ins Auge springen die Farben: Ein violetter, in sich bewegter Hintergrund, leuchtendes Gelb, korrespondierend mit Rot. Mittelpunkt der Darstellung ist eine gelbe Lichtsäule, die über dem Tabernakel wie aus einer anderen Dimension aufsteigt und in einer gelb-leuchtenden Lichtquelle, einer Sonnenscheibe endend, das eigentliche Zentrum des Bildes darstellt.

Rechts und links flankieren zwei schlankere Lichtsäulen die zentrale stelenartige Erscheinung. Sie sind unregelmäßig, wie zufällig, rot bebändert, so dass sie nur in ihrer Form festgelegt wirken, nicht aber in ihrer Ausgestaltung. Auch sie tragen je eine Lichtscheibe, allerdings kleiner und nicht so strahlend gelb wie die der mittleren Gestalt; auch nicht oben, sondern ungefähr in der Mitte. Im Unterschied zur mittleren Lichtquelle sind sie durch zwei augenähnliche Gebilde nach rechts orientiert, als hielten sie Ausschau. Urbild und Abbild?

Als drittes Element prägen das Tuch drei durchhängende Linien. Sie verbinden optisch die drei säulenartigen Erscheinungen und wirken wie feine, auffangende Arme, welche die Ausstrahlung der mittleren Säule weitergeben. Andererseits vermitteln sie mit ihrem durchgehenden Bogen den Eindruck, heruntergelassen worden zu sein, um Halt zu geben und ergriffen zu werden.

Das vierte Element: eine Art Schnurvorhang, der vor dem violetten Tuch pfeilförmig bis zum Tabernakel herunterhängt. Er besteht aus nah aneinanderhängenden Seilen mit in unregelmäßigen Abständen geknüpften Knoten. Der erdige Farbton dämpft und stört das strahlende Gelb, doch ist er unabweislich daseiend und dazugehörend wie die Stricke und Knoten in der Natur und im Menschenleben.

Über der trennenden Waagrechten mit den Seilen findet sich das fünfte Element. Es ist ein Feld mit geheimnisvollen Zeichen, die von der Anordnung her einer Überschrift ähnlich sind. Die Farben der Zeichen wurden umgekehrt wie bei den drei Lichtsäulen verwendet: die Flächen sind rot, der Rand gelb. In der Mitte von zwei waagrechten Balken werden drei dünne, leicht schräge Elemente mit einer dritten, erhöhten Waagrechten zu einer Einheit zusammengefasst. Die zentrale und erhabene Anordnung lässt in dieser Chiffre ein modern gestaltetes Symbol für die Wesenheit Gottes vermuten. Besteht nicht eine stilistische Nähe zur Hand Gottes in frühchristlichen Malereien, welche andeutet, dass Gott sich vom Himmel her den Menschen zuwendet und zu ihnen spricht? Zwei augenähnliche Zeichen unterstützen diese Abwärtsbewegung – korrespondierend mit den nach oben gerichteten ähnlichen Zeichen der beiden Lichtsäulen. Warten letztere auf diese von oben kommende Ausstrahlung, diese Begeisterung aus Licht, Wärme und Liebe?

Aus dem Beobachteten werden Parallelen zur Verklärung Jesu offensichtlich. „Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“ Und aus der Wolke rief eine Stimme den staunenden Jüngern zu: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,2.5)

Noch wird dieses Bild vom davor hängenden Schnurvorhang und seinen Knoten getrübt. Seine Bewegung von oben nach unten steht im Gegensatz zur aufstrebenden Bewegung, die aus den drei Vertikalen und ihren Lichtscheiben hervorgeht. Der Dialog zwischen den verschiedenen Materialien und Ebenen, der vordergründig und materiell die Verknotungen und Verstrickungen von uns Menschen zum Ausdruck bringt, hintergründig und geistig die Verheißung Gottes sichtbar macht, wird deutlich. Vision und Knoten sind Einladung, mit Blick auf Jesus und mit seiner Hilfe Verstrickungen mit inneren und äußeren Knoten zu lösen. Eine mit dem Fastentuch zusammenhängende Arbeit (Abb.)verhüllt das Kreuz bis auf die Hände des Gekreuzigten mit dem Gebet:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf den Weg zu führen.
keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen auf seine Seite zu bringen.

Begegnungen mit dem Auferstandenen, neues Leben ist angesagt. Leben, das von Gott und seiner Liebe erfüllt ist. Symbolisch dargestellt durch die beiden äußeren Säulen, die unser so unterschiedlich geprägtes Leben darstellen, das durch die bogenförmigen Verbindungen mit der zentralen Gestalt, Symbol für den daseienden, unter uns gegenwärtigen Gott, Halt gebend gesichert wird.