Vision des Lebens

Plastisch erhebt sich die bildhohe T-Form vor dem schwarzen Hintergrund. Wie eine Lichtgestalt zeichnet sie sich vom undurchdringlichen Dunkel ab. Und doch bildet das Tau-Kreuz so etwas wie einen Durchblick in eine ganz andere Welt. Im Gegensatz zum kalten und leblosen Schwarz ermöglicht sie den Blick auf eine schwelende Glut, von der Wärme und Leben ausgeht.

Inmitten dieser Glut ist in den hellen Stellen trotz der undeutlichen Umrisse eine menschliche Gestalt zu erkennen. Durch die ausgebreiteten Arme, den angedeuteten, nach links gesenkten Kopf und die sie umgebende T-Form lässt sie sich unschwer als Gekreuzigten identifizieren.

Der Tod mitten in diesem mit Wärme und Leben erfüllten Raum? Ja, doch erscheint er als notwendiger Durchgang für die Verwandlung des Leibes in eine neue Wesensform, die im Bild durch Helligkeit charakterisiert wird. Der Künstler präsentiert uns den Tod, auch wie ihn Jesus am Kreuz erlitten hat, als endgültige Metamorphose zum Licht. Was für eine ermutigende Perspektive! Ganz Licht zu werden und gleichzeitig auch ganz leicht.

Ist das nicht eine tief in uns liegende spirituelle Sehnsucht, die uns durch das ganze Leben hindurch bewegt? Licht ist etwas durch und durch Gutes und bedeutet Leben. Ohne Licht hätten wir keine Entwicklungs- und Überlebenschancen. Licht werden ist verbunden mit Erkenntnis und Einsicht in die vielen verborgenen Dinge um uns herum. Licht werden ist verbunden mit Ausstrahlung und der Absicht, integral gut werden zu wollen und Gutes zu bewirken.

Doch das Finden der persönlichen Lichtgestalt ist schwer. Durch viele Rollen und Verwandlungen hindurch versuchen wir, sie peu à peu zu erreichen. Allein durch die menschliche Entwicklung wachsen wir in immer neue Rollen hinein, die uns eine Entfaltung zum Gutsein ermöglichen. Auch viele kleine und große Abschiede bringen – meist schmerzhafte – Neuerungen in unser Leben und zwingen uns zu ungewollten Veränderungen. Erheblich helfen aber wiederkehrende Rituale, Bräuche und besondere Zeiten der tiefen Sehnsucht in uns, gut und licht zu werden. So ermöglichen uns Fasching oder Karneval aus den alltäglichen Rollen aus- und vielleicht auch Festgefahrenes in uns aufzubrechen. Ist es nicht, als brauche es dieses feurig-intensive Austoben, um anschließend in der Fastenzeit umso mehr in die Tiefe zu gehen und sich auf sein eigenes Wesen sowie seine Berufung konzentrieren zu können? Verzicht und Beschränkung sind in dieser vorösterlichen Zeit gewissermaßen die reinigende Glut, welche alles Unnötige wegbrennt und das Wesentliche, das Wichtige und Gute im Leben mit einem erneuerten Blick erkennen und mit befreiter Kraft auch leben lässt.

Metaphern Licht und Farbe

Was für ein Glasfenster! Kein figürliches Motiv ist wahrnehmbar, nur Tausende schillernder Farbquadrate, die so gleichmäßig über die ganze Fläche verstreut sind, dass kaum eine Ansammlung ähnlicher Farben auszumachen ist. Auf 19 m Höhe und 9 m Breite verteilen sich 11500 Glasquadrate mit einer Seitenlänge von 9,6 x 9,6 cm, eingepasst in 460 kleinere und größere Flächen des dunklen gotischen Maßwerks. Jeder Teil des Fensters erscheint so gleichbedeutend wie der andere, es gibt keine wichtigen oder unwichtigen Bereiche. Das Licht und die Farben können wie in einem Duett ihre volle Kraft entfalten und den Betrachter weit unter sich beeindrucken.

Was für ein Gegensatz zu den anderen großen und bunt bemalten Fenstern im ehrwürdigen Dom zu Köln – den erzählenden von biblischen Begebenheiten, denen mit Personendarstellungen oder mit ornamentalem Schmuck. Was für ein Unterschied zum vorhergehenden Fenster, durch das viel zu helles, blasses Licht in den Dom eingeströmt war. Das Provisorium war entstanden, weil im 2. Weltkrieg die Gläser wie die Pläne zerstört wurden und das Südquerhaus-Fenster deshalb nicht rekonstruiert werden konnte.

Und nun überwältigt die Farbenfülle: rot, blau, grün, gelb, schwarz, weiß … Je nach Sonneneinfall strahlt und leuchtet das Glasfenster, spielen die Farben miteinander, bei verhangenem Himmel wirkt es verhalten, und die einzelnen Farbquadrate sind auf sich allein gestellt. Ein Bild des Lebens? Das Leben ist doch bunt und zufällig – bei oberflächlicher Betrachtung nur dies.

Aber woher kommt dieser Eindruck von Harmonie, der das Fenster in der Tiefe eint? Kann es daher kommen, dass der Künstler nicht etwas grundsätzlich Neues schuf, sondern alle in den vielen Fenstern des Doms vorkommenden Farben sammelte, daraus 72 verschiedene Farbtöne auswählte und sie durch ein Computerprogramm zusammenfügen ließ? Anschließend korrigierte er an manchen Stellen die Zusammenstellung von Hand. So ergab sich eine Mischung aus dem vom Computer vorgegebenen „Zufall“ und dem Gestaltungswillen des Künstlers. So hat er althergebrachte und vorhandene Elemente aus dem unmittelbaren Umfeld in die Gestaltung des neuen Fensters einfließen lassen. Rührt das nicht an unser aller Lebensstruktur? Vieles ist vorgegeben durch Gene, Herkunft, Umfeld, Zeitumstände und vieles mehr. Aber die Freiheit ermöglicht auch Korrekturen, Eigenes einzubringen, sich zu entscheiden und etwas Vorgegebenes zu verändern.

Eine weitere dem Glasfenster zugrundeliegende Idee sorgt für Ruhe in der Vielfalt: Gerhard Richter gestaltete zuerst die eine Hälfte der Fläche und übertrug sie dann auf die andere Seite. Hier und dort schimmert diese grundlegende Symmetrie erkennbar durch. Ergänzende Ähnlichkeit und dennoch unverwechselbare Eigenständigkeit. Ob darin ein Hinweis auf die harmonische paarweise Existenzform gesehen werden kann, die das Leben erhält und trägt?

Als Drittes spielt das von außen eindringende Licht eine maßgebliche Rolle in dem Kunstwerk, von dem Gerhard Richter sagt, er sei nicht sein „Schöpfer“, sondern nur „an seiner Schöpfung beteiligt … weil es eine Wirklichkeit veranschaulicht, die wir weder sehen noch beschreiben können“. Bewusst oder unbewusst nahm der Künstler dabei die mittelalterliche Vorstellung auf, das Licht sei Abbild – nicht nur Symbol – der göttlichen Allmacht. Damit öffnet das Fenster die Richtung zu einer in die Transzendenz führenden Lebensperspektive, die undogmatisch von Gottes vielgestaltiger und -farbiger Gegenwart in den Menschen unserer Zeit verkündet. Jeder Mensch, der das ihm innewohnende Licht auf seine Weise lebt und es für die anderen sichtbar bezeugt, gleicht einem unverwechsel- und unverzichtbaren Glasquadrat in diesem umfassenden und integrativen Fenster.

Das Bild vom Triforium bei vollem Lichteinfall veranschaulicht dies auf faszinierende Weise und hierbei ist der Künstler selbst nur mittelbar der Verursacher. Die Farben und die Formen haben ihren Rahmen verlassen und sich „auf den Weg gemacht“: Dunkles zu erhellen, farblos Graues zu beleben und fröhlich zu machen, einen neuen Raum zu erfüllen, – auch wenn sich dabei ihre ursprüngliche Form verändert. Erfüllen sie nicht – mit heutigen Stilmitteln ausgedrückt – genau das, was Jesus in Gleichnissen gefordert hat: dass der Sauerteig nicht in der Schüssel bleiben, sondern hinaus quellen soll in die Weite; dass das Licht nicht unter dem Scheffel der Sicherheit und Geborgenheit an seinem Platz bleiben, sondern ebenfalls in die Weite hinaus leuchten soll.

Mögen viele den von diesem Fenster ausgehenden Impulsen nachspüren, um vielleicht Hinweise auf den eigenen Platz im Leben und die eigenen Aufgaben zu erkennen. Möge es zum Nachdenken einladen, mit welcher Farbe ich in diesem großen Gesamt, das durchaus auch Bild der Kirche zu sein vermag, Seine Liebe und Sein Licht in diese Welt hineinstrahlen kann.

So verbindet das Glasfenster von Gerhard Richter, das 20 m über dem Boden „schwebt“, sowohl Vergangenheit und Gegenwart, Zufall und bewusstes Tun, als auch materielle Wirklichkeit und geistige Transzendenz. Unorthodox erfrischend präsentiert es sich als Zeichen der Hoffnung und als meditative Wegweisung in unserer Zeit. Seit langem seien sich Kirche und Kunst nicht mehr so nahe gekommen, meint ein Betrachter.

Beim Verlag Kölner Dom sind vom Glasfenster drei Postkarten und ein Buch erhältlich: Gerhard Richter – Zufall. Das Kölner DOMFENSTER und 4900 FARBEN. Mit Beiträgen von Stephan Diederich, Barbara Schock-Werner, Hubertus Butin, Birgit Pelzer. Text deutsch und englisch,144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, fadengeheftet. Verlag Kölner Dom / Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2007, ISBN 978-3-86560-298-5, Preis 34,00 €.

Dem Licht entgegen …

Pilgern ist wieder in Mode gekommen, aus welchen Gründen auch immer. Hape Kerkelings Vorbild und sein unterhaltsamer Bericht „Ich bin dann mal weg“ können kaum der einzige Grund dafür sein.

Auf diesem Holzschnitt hat sich eine Gruppe auf den Weg gemacht. Die Pilger wirken anonym, sind uns abgewandt in ihren schwarzen Umhängen mit hochgezogenen Kapuzen. Jeder trägt einen langen Pilgerstab. Alle streben sie, leicht vornüber geneigt, einem gemeinsamen Ziel zu.

Warum sie wohl unterwegs sind? Sind sie vielleicht aus dem Alltagstrott aufgebrochen, haben sie Bekanntes hinter sich gelassen, um neue Erfahrungen zu machen – mit sich – mit ihren Mitmenschen – mit Gott? Suchen sie einen Ort, der Heil verspricht? Suchen sie Klarheit, Orientierung, ein lohnendes Ziel? Eine Pilgerreise wird – wenn sie gelingt – von einer äußeren Reise zu einem inneren Vorgang, zu einer Begegnung mit sich selbst.

Unmerklich hat der Künstler den Betrachter in diese stille Schar eingereiht und so berühren auch ihn diese Fragen nach dem Sinn und Ziel des Unterwegs-Seins. Denn ob wir uns Zeit nehmen oder nicht, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – wir alle sind unter vielen anderen Menschen auf dem Weg, brauchen Orientierung und suchen ein lohnendes Ziel.

Mit der Pilgergruppe zusammen machen wir über den Rücken der vielen Vorläufer und Wegbereiter eine kreisrunde Lichtscheibe aus, die im dunkelroten Hintergrund eine Art Fenster oder gar einen Durchgang bildet. Kreisrund – also ohne Anfang und ohne Ende etwas Vollkommenes symbolisierend. Darauf streben sie zu, sichtlich erwartungsvoll. Sie ziehen uns geradezu mit. Was erwarten sie und was erwartet uns, wenn wir weiterhin mitgehen? Licht vor uns, also Erhellung und Ermunterung auf dem Weg, eine klare Sicht auf Wesentliches, Orientierung auf ein heilbringendes Ziel, für das sich die Mühe des Weges lohnt …

Gedanken, die uns gerade im Advent beschäftigen können. In der Vorbereitung zu dem Fest, in dem wir feiern, dass Gottes Licht in unsere Welt und in unser Leben gekommen ist.

Die große Frage

Eine Frau stützt den Kopf in ihre Hände. Ein vertrautes Bild. Wer hat das nicht schon gemacht, wenn der Kopf beim Überlegen zu schwer geworden ist? Blasses Licht und unscharfe Konturen beherrschen das Motiv und scheinen Ausdruck der Gedanken zu sein, welche diese Frau bewegen.

Doch im Verhältnis zum Gesicht sind die Hände überdimensional, riesig. Auch die Anordnung der Finger macht keinen stimmigen Eindruck. Sie sind alle gleich lang. Der Künstlerin scheint es nicht auf eine realistische Wiedergabe anzukommen. Die „Hände“ sollen offenbar ein Gefäß sein, in dem das Gesicht wie in einem Kelch ruht. Ihre Größe lässt an jemand Größeren denken, so wie es etwa im Psalm 139,5-6 heißt: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich. Zu hoch ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.“

Ein geheimnisvolles Geschehen scheint diese Frau in tiefe Nachdenklichkeit gestürzt zu haben. Ein Schatten hat sich über ihr Gesicht und den oberen Teil der Hände gelegt und erinnert an die „Kraft des Höchsten“, die Maria bei der Verkündigung überschatten wird (Lk 2,35). Ihre Stirn und ein Teil ihrer Augen werden allerdings von einem weißen Licht in Form eines Dreiecks erhellt. Erleuchtung von oben und von außen wird suggeriert, von einem, der selbst Licht ist und dieses Licht in das menschliche Dunkel bringen will durch diese Frau.

Doch das Gesicht bleibt fragend, die Augen gehen suchend in die Ferne. Schriftzeichen äußern gleichsam eine listenartige Folge von Gedanken, die Maria beim Anspruch Gottes durch den Kopf gegangen sein müssen. „Wie soll das geschehen?“ Mit durchdringendem Blick lotet sie im Dialog mit der dreieckigen Lichtquelle die Bedeutung der Worte des Engels aus.

Auch wenn die Fingerformen zwischendurch den Eindruck erwecken, dass sich diese Frau Kissen an den Kopf drückt, um diesen Anruf nicht hören zu müssen, ist sie doch eine Hörende. Alle Hindernisse durchdringend drückt sich eine transparente Farbform geradezu gewalttätig wie eine Schallkappe an ihren Kopf. Die einzige Farbe im Bild kann nicht bedeutungslos sein: die Farbe der Liebe und des Blutes und damit des Lebens. Könnte dieses schwere Rot, das auch in einer Dreiecksform erscheint, zeichenhaft für die Schwere der Entscheidung stehen, für den Verzicht auf ein eigenes Leben, auf eigene Pläne?

Blasses Licht erfüllt das Bild. Weder Freude noch Aufbruch sind zu spüren. Eher Fassungslosigkeit, was Gott mit ihr vorhat und wie das alles geschehen soll. Aus dem Bild geht nicht hervor, was sie Gott zur Antwort geben wird. Es signalisiert lediglich eine Bereitschaft und eine Offenheit wie sie Gefäßen eigen ist. Diese Frau zeigt sich bereit, das göttliche Licht in sich aufzunehmen, es in sich zu tragen und der Welt zu schenken.

Durch den Titel hat die Künstlerin das Thema ihres Bildes vorgegeben. Aber – sie hat eine moderne junge Frau fotografiert und in die biblische Szene gesetzt und damit hat sie die Frage an Maria an uns weitergereicht. Was werde ich Gott zur Antwort geben, wenn er mich in seinen Dienst ruft? – „Ja, es geschehe wie du gesagt hast“? oder „ich weiß nicht recht, ich kann mich nicht entscheiden“ oder „das kann ich mir nicht vorstellen – warum gerade ich – nein danke – ich habe andere Pläne“? Das Bild stellt uns und unsere Verfügbarkeit in Frage. Aber immer und immer wieder werden unerwartete Aufgaben, Anforderungen in unser Leben eintreten und unsere Pläne durchkreuzen. Unsere Offenheit für Anrufe und unsere Bereitschaft Ja zu sagen zu dem, was wir als Aufgabe für uns erkennen, werden uns bereichern und können heilbringend sein – wie bei Maria.

Identitätssuche

Ein seltsames Bild, eine geheimnisvolle Erscheinung: Ein kopfloser Mann steht uns mit verschränkten Armen gegenüber. Sein Unterleib ist nackt, sein Oberkörper mit einem eng anliegenden T-Shirt bedeckt. Das dornengekrönte Haupt von Jesus ziert die Brust dieses unbekannten Mannes. An der Stelle seines Kopfes befinden sich drei Ballons, die an seinem Glied befestigt sind und es in die Höhe ziehen.

Hilflosigkeit macht sich beim Betrachten dieser Arbeit breit. Was will der Künstler mit diesen ungereimten Darstellungen aussagen? Will er verwirren? Wieso hängt er die Ballone am männlichen Glied auf? Will er anstößig sein – oder gar dessen Potenzprobleme in den Vordergrund rücken? Und ist der bloßgestellte Intimbereich im Zusammenhang mit dem Gekreuzigten nicht völlig unangebracht, verletzt er damit nicht religiöses Empfinden? „Erklärende Begriffe wie absurd, merkwürdig, eigenartig, erotisch oder pervers tauchen genauso schnell auf wie sie auch wieder verschwinden …“(Dorothea Strauß).

Stephan Melzl sagt von seinen Bildern, dass sie am ehesten Aphorismen gleichen. Er bringt seine Gedanken also pointiert, von der üblichen Auffassung abweichend, ins Bild. Folglich müssen wir genau schauen und nachdenken, was die Bildsprache ausdrücken kann.

Seine Arbeit zeigt drei Bildebenen. Die untere stellt das Naturhaft-Menschliche dar, unverhüllt als Zeichen seiner fundamentalen Bedeutung. Die mittlere Ebene, das Herzstück der Gestalt, zeigt den Oberkörper mit dem T-Shirt in klaren Konturen und Farben. Und oben finden sich anstelle des Kopfes drei schwebende Luftballons, die mit Schnüren mit dem unteren Bereich verbunden sind.

Blickfang ist der mittlere Bereich. Das Jesusgesicht auf dem T-Shirt ist gleichsam eingebettet in die gekreuzten Unterarme. Das mit der Dornenkrone angedeutete Kreuzthema wird dadurch verstärkt. Das Gesicht ist zudem von einem auf der Spitze stehenden gelben Quadrat hinterfangen, das an einen Heiligenschein erinnert. Sein Licht scheint die obere Hälfte des Gesichts erhellend und verklärend zu durchdringen.

Als Kontrast zum menschlichen Gesicht darüber das kopfähnliche Gebilde der Luftballons, dreifach überhöht. Es ist, als wollten sie die Realität des Lebens verlassen und den Kopf mit seiner ratio ersetzen. „Mit uns sind Sie im Himmel zuhause“ verspricht eine Werbefirma für Luftballons. Schwereloses Glück und luftige Kinderträume werden mit Luftballons verbunden, permanent von der alles vernichtenden Zerstörung durch einen Nadelstich bedroht. Und wenn das Gas keinen Auftrieb mehr gibt, sinken und schrumpfen die Ballons … So könnten sie für kurzlebige, aber auftriebstarke Phantasien stehen, welche nicht nur heranwachsende Menschen so richtig kopflos werden lassen. Andererseits wird die Dreizahl, hier zudem noch schwebend, gerne mit dem Göttlichen oder gar der Dreifaltigkeit verbunden. Deshalb können die drei Luftballons mit ihrer dünnen Plastikhaut auch das ganz Andere, das Geistige, das Gewohnte Übersteigende, umhüllend und verhüllend darstellen.

Die Fragen bleiben: Um was geht es hier wirklich? Wer wird hier Schicht um Schicht dargestellt? Die Farben des T-Shirts und die Haltung des Mannes verweisen zum einen auf die Phantasiefigur Superman. Er möchte anscheinend groß dastehen, über sich hinauswachsen, doch noch sind seine Arme tatenlos verschränkt, abwartend, suchend. Zum andern nehmen auch Jesus und das, wofür er steht, im Leben dieses Mannes einen zentralen Platz ein. Hinzu kommen die luftigen, aber verborgenen Wünsche in seinem Kopf, die seinem Leben geheimnisvoll Auftrieb geben.

Dieser Mann scheint noch nicht zu wissen, was er will. Der verwirrende Eindruck, den das Bild bei uns Betrachtern hinterlässt, ist die Situation des Dargestellten. Als Suchender ist er ob der vielen Vorbilder und Möglichkeiten verwirrt und tut er sich mit der eigenen Identitätsfindung schwer. So sehr die Gedanken an seine Träume ihm Glücksmomente zu bescheren scheinen wie bei sexueller Erregung, ist er auf der Suche nach seinen Potenzialen, nach seinen schöpferischen und identitätsbildenden Kräften.

Dieser Eindruck wird durch die Hintergrundgestaltung verdichtet. Eine mandelförmige Lichterscheinung umgibt geheimnisvoll die Gestalt des jungen Mannes. So eine Gloriole oder Aura findet sich vor allem bei Christusdarstellungen, bei denen es u. a. darum geht, seine Herkunft und die Würdigung seines Lebenswerkes zum Ausdruck zu bringen. Mit der umfassenden Lichterscheinung auf dem Bild kann also eine göttliche Schaffenskraft angedeutet sein, die der junge Mann hinter sich spürt. So wie sein Unterkörper in ein magisches Licht getaucht ist, scheint diese Energie ihn zu erfüllen und seine Schöpferkraft zum Finden der ganz eigenen Fähigkeiten seiner Persönlichkeit zu wecken.

Unser Vater

In intensiven Farben präsentiert sich uns ein altbekannter und vielen wahrscheinlich auch vertrauter Text: das Gebet zum Vater im Himmel, das Jesus seine Jüngern gelehrt hat. Mit diesen Worten wurde ein Bild gestaltet, das auf Illustration verzichtet, um „das Wort transparent werden zu lassen“ (Samuel Buri). Mit graphischen Mitteln hat er die Bedeutung des Wortes hervorgehoben und den alten Worten durch die frischen Farben Fröhlichkeit und neue Aktualität verliehen. In dem Gebet ist Lebenskraft.

Durch die Schrifttypen und -größen lassen sich zwei Bildebenen unterscheiden. Auf der unteren befinden sich die drei Wörter „unser Vater“ und „AMEN“, die durch ihre Größe visuell im Vordergrund stehen. „unser Vater“ steht in himmelblauen Buchstaben oben. Bei betrachtendem Verweilen fällt erst die Mischung von Groß- und Kleinbuchstaben auf. „UnSer VaTer“ steht da. Was das wohl zu bedeuten hat? Ist das kindlich-unbedacht so hingeschrieben? Oder dient es der graphischen Gestaltung? Oder können wir an ein Passwort aus der Computerwelt denken, das aus verschiedenerlei Zeichen zusammengesetzt den Zugang zu einem gewünschten Bereich öffnet? Wie dem auch sei, es ist jedenfalls keine steife, förmliche Anrede, die obenan steht, sondern eher eine vertraute. Von Natur aus schauen wir zum Vater auf. Seit Jesus dürfen wir Gott Vater nennen, ist Gott als Schöpfer unser aller Vater.

In großen Buchstaben steht „AMEN“ in feurigem Orange unten an der Basis dieses Schriftbildes. Ein bekräftigendes Ja von uns Menschen, ja, so geschehe es und so sei es, was der Lesende in diesem Gebet bekennt. Durch viele Jahrhunderte hat sich dieser Akklamationsruf erhalten – einst das einzig aktive Mittun der Gemeinde – heute noch in den Gottesdiensten der Juden, Christen und Muslime beheimatet. Die freie Schreibweise dieser drei Wörter lassen sie in ihrem Auf und Ab geradezu melodiös klingen: fröhlich beschwingt oben, fest und feierlich unten. Zusammen mit dem mit luftigen Farbfeldern gestalteten Hintergrund vermitteln sie Lebendigkeit und Individualität. Das Herrengebet erscheint so als ein starkes und sehr persönliches Gebet.

Die obere Ebene ist im Unterschied zur unteren streng linear gestaltet. Auf dem freien Untergrund erscheint das in zwei Farbblöcke geteilte Rechteck mit den regelmäßigen Zeilen und der kleinen Schrift in ebenso regelmäßigen Großbuchstaben wie eine Bekanntmachung im öffentlichen Raum. Hier wurden Worte in einen festen Rahmen gebracht. Nüchtern, ohne Gewichtung, ohne Spielraum. Nur die Farben wechseln ab: blau, gelb, blau, gelb … wie die beiden Farbhälften, die dem Gebet, das aus unserem menschlichen Leben kommt – die vielen Horizontalen deuten dies an – eine klare vertikale Ausrichtung geben.

Die beiden Farben Blau und Gelb bilden auch die Farbe der Schrift. Die Buchstaben sind auf dem jeweiligen Hintergrund gut lesbar, weil die Schrift durch orangefarbene und dunkelblaue Balken hervorgehoben wird. Durch diese Farbsprache entsteht eine lebendige Beziehung zwischen dem himmlischen „unser Vater“ und dem irdischen „Amen“, die das Gebet zu einer breiten Treppe zum gemeinsamen Vater werden lässt.

Die plakatähnliche Darstellung von Samuel Buri gibt sich als farbenfrohe Einladung an uns Betrachter, dieses Gebet Wort für Wort, Stufe um Stufe zu „beschreiten“, um so die Größe und die Tiefe dieses Gebetes zu erfahren – die befreiende und stärkende Kraft, die aus dem Vertrauen zum Vater im Himmel kommt.

Dieses Bild entstammt der Zürcher Bibel – Kunstbibel 2007. Einspaltige Ausgabe mit 25 Schriftbildern von Samuel Buri 2007, ca. 2000 Seiten, 14,2 x 22 cm, Hardcover, ISBN 978-3-85995-243-0, CHF 60,00 / EUR 38,00

Prospekt zur Zürcher Bibel 2007 mit allen Aquarellen von Samuel Buri

Leuchtendes Kreuz

Wie ein einfaches Gewand mag einem die rote Fläche erscheinen. Durchsetzt mit schwarzen Bereichen vermittelt sie den Eindruck eines gebrauchten Kleidungsstücks. Unten und seitlich wird sie vom Bildrand beschnitten, oben kann der leichte Einschnitt in der Mitte als Kragen gedeutet werden.

Doch das von oben eindringende Licht und der lebendige Pinselduktus verleihen dieser T-förmigen Fläche etwas Körperhaftes, Menschliches. Das weißgelbe Licht, das von außerhalb in das Bild hineinfließt, sich in das Gewand und über das Gewand bis zur helleren Mitte ergießt, befindet sich an der Stelle des Kopfes. In der Art und Weise wie es den dunkleren Hintergrund überdeckt erscheint es als erleuchtetes Gesicht, das leicht zur Seite geneigt Vergeistigung und Transzendenz ausstrahlt.

Dieses weißgelbe Gebilde hat etwas Hinweisendes und zugleich Mitteilendes an sich: aus der Höhe kommend deutet es auf den Brustbereich des Gewandes hin. Die dort leuchtende Kreuzform mit einem Herz in seiner Mitte mag andeuten, dass die Herzmitte des Menschen nicht nur anatomische Bedeutung hat, sondern ebenfalls spirituelles Aufnahmeorgan für Immaterielles und Transzendentes ist.

Links neben dem Licht können zwei weitere Kopfformen gedeutet werden: eine weiß Schraffierte links, eine weitere in violetter Farbe in der Mitte. Ob dadurch in dem ganz von Licht erfüllten oder verhüllten, zur Seite geneigten Kopf das letzte Stadium einer Entwicklung gesehen werden soll? Nun ist es vollbracht. Was sein musste, ist geschehen. Alles an ihm ist von den vergangenen Stunden, Tagen und Wochen gezeichnet.

Die T-Form lässt eine Person mit ausgebreiteten Armen wahrnehmen: einen Menschen, dessen Innerstes von einem Licht erfüllt ist, das auch Schmerz und Kreuz aufhellen kann. Und sie bringt im feurigen Rot die Begeisterung dieses Menschen zum Ausdruck, die weder durch das Leid noch den Tod gebrochen werden konnte. Ein Heiliger?

Vor dem unbestimmbar grauen Hintergrund nimmt das starke Rot eine klare Position ein, legt ein deutliches Bekenntnis zum Leben ab, trotz der in der schwarzen Farbe erkennbaren Bedrängnis. Wie ein Blick in sein Innerstes offenbart sich das leuchtende Kreuz als zentrale Kraftquelle. In der Art und Weise wie es das kleine Herz umgibt ist es auch Schutz und erweiterter Lebensraum. Damit könnte zum Ausdruck kommen, dass der vom Herzen ausgehende Glaube die tragende und alles verwandelnde Kraft ist.

So sehr das Bild als symbolische Darstellung für den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gedeutet werden kann, ist es vor allem Ausdruck für jeden Christen, dessen Gedanken und dessen Tun von unfassbarem Licht umgeben sind. Ihm wohnt eine zum Guten wandelnde Kraft inne, die wie bei Jesus zum Vorbild für viele wird, sich für die Liebe und das Leben einzusetzen, Zeit und Leben für den anderen hinzugeben. Damit alle das Leben haben und es in möglichst großer Fülle erfahren dürfen.

Glaubensfrage

Der erste Blick auf das Bild mag verwirren. Das Auge sucht nach Halt und irrt doch vielmehr in der Vielfalt von Strichen und unbekannten Formen wie in einem Labyrinth umher.

Im Großen und Ganzen erscheint das Bild hell und freundlich. Der weiße, leicht ins Gelbliche changierende Hintergrund deutet einen undefinierten Raum an und lässt den einzelnen Formen und Gestalten viel Platz und Bewegungsfreiheit. Mal stärker, mal schwächer durchziehen die roten und blauen Linien die Bildfläche, keine Tiefe oder Perspektive gebend, die einzelnen Elemente wie Adern verbindend und zu einem Ganzen zusammenfügend, ihm aber auch ein fragiles Erscheinungsbild verleihend.

Unter den beiden kräftig blauen Farbeinbrüchen am oberen Bildrand erscheint – auch durch die sich gegen den „ transzendenten Himmel“ abzeichnende Silhouette – das Liniengewirr wie eine großer Organismus. Sein „Herzstück“ ist ein klar umschriebenes Gebilde, das mit seinen dicken Begrenzungen Festigkeit und Unumstößlichkeit vermittelt. Man kann diese Form als Gebäude sehen und mit Berücksichtigung des angedeuteten Turmes auch als Kirche. Das himmlische Blau scheint wie ein Segen einen Teil des Daches zu bilden. Anstelle aber beide Gebäudeteile zu bedecken, ragt es seitlich weit über das Kirchengebäude hinaus, um einem kleinen Haus und weiter unten auch menschlichen Gestalten Schutz zu geben. Das stimmt nachdenklich … Andererseits kann die Bildmitte auch als aufgeschlagenes Buch gesehen werden. Seine Größe und Position geben ihm eine zentrale Bedeutung, die vielen kleinen weißen Rechtecke, die wie verkleinerte Seiten oder „Flugblätter“ durch das Bild flattern und an manchen Stellen haften, vermitteln den Eindruck, dass sein Inhalt für alle wichtig ist,

Rund um diesen Mittelpunkt herum ist ein vielfältiges Leben zu beobachten. Vor allem im unteren Bildabschnitt sind mehrere menschliche Gestalten und ihre mögliche Beziehung zur Mitte angedeutet. Links außen begegnen wir zwei eher „stacheligen“ Gestalten, von denen sich eine abkehrt, die andere dem zentralen Objekt zuwendet. Daneben sitzt ebenerdig eine junge Frau in einen Text versunken vor einem stelenartigen Gebilde, das ebenso einen Menschen mit erhobenen Armen darstellen könnte. Von hinten scheint sie das Böse mit ausgestrecktem Bein treten zu wollen. Das Böse, weil anstelle eines Oberkörpers ein Dreizack den Eindruck der Bosheit verstärkt. Ganz rechts steht einer mit ausgestrecktem Arm da. Er scheint gebunden oder gefesselt zu sein. So könnte er einen Verletzten oder Kranken darstellen, der wieder aufstehen kann und nun dankbar auf seine Kraftquelle hinweist, sie vielleicht sogar zu berühren versucht.

Ob die verschiedenen Gestalten stellvertretend für uns stehen, die wir jeder anders mit einer unumstößlichen Wahrheit in unserer Mitte umgehen? Wird in diesem Bild nicht unsere Lebenssituation dargestellt? Unsere Existenz in einer vielfach verwirrenden Welt, in der wir uns zurechtfinden müssen und nach Ordnung suchen?

Jeder, der bewusst lebt, sucht sich einen Platz, der seinem Wesen und seinen Möglichkeiten entspricht. Er muss sich fragen, wie er sein Umfeld wahrnimmt und wie er wahrgenommen wird, ob er auch verwirrte Dinge lösen und ihnen einordnend einen Sinn abgewinnen kann. Er muss im Wahrgenommenen seine Wahrheit herausspüren oder -hören, das, was ihm wichtig, was ihm Lebensmitte und Kraftquelle ist. Letztlich geht es um das oder den, woran zu glauben sich lohnt auf der Suche nach Orientierung, Ordnung und Halt in dieser verwirrenden Welt. Die im zentralen Gebäude angedeutete Gemeinschaft, die im aufgeschlagenen Buch signalisierte Frohbotschaft stellen zwei Angebote dar, in denen Antworten auf Glaubensfragen gefunden werden können.

Große Umarmung

Es ist der Vorzug des Künstlers, mit seiner Bildsprache etwas anschaulich zu machen, was jenseits unseres sprachlichen Ausdrucksvermögens liegt. Dabei ist auch das Dargestellte oft nur eine Art vermittelnde Brücke zum Unsichtbaren, das wir wohl wahrnehmen, aber eben nicht sehen können.

Im Bild von Christiane Vincent-Poppe begegnet uns vor einem blauen Hintergrund eine mächtige Licht-Erscheinung. Ihr hellster Punkt leuchtet wie eine Sonne aus der Tiefe dieser Erscheinung. Sie schwebt über einem schalenförmigen Bündel Striche, die auch als Sessel, Arme oder Flügel gesehen werden können – je nach Betrachtungsweise.

Dynamische Energie geht von diesem Lichtkreis aus. Energie, die sich auf der rechten Seite der „Sonne“ sichtbar zu materialisieren scheint und im Gegenuhrzeigersinn stärker werdend letztlich in den schalenförmigen Grundbogen einfließt. Dabei lassen die roten Teile an Blut und Liebe denken – Basiselemente des Lebens, die uns Geschaffenen unaufhörlich aus dem unerschaffenen Licht zukommen.

Diese starke Ausstrahlung wird durch einen weißen Lichtschleier verstärkt, der die Erscheinung kreisförmig durchwirkt und verklärt. Alles ist voller Leben bei dieser Gestalt, die im Himmel zu schweben scheint und ihn durch ihr Licht gleichzeitig in wunderbaren Farben zum Leuchten bringt.

So sehr das Auge bei dieser faszinierenden Erscheinung verweilt, es vermag seine Gestalt nicht auf ein bekanntes Bild zu reduzieren. Einzelne Elementkombinationen ergeben das Brustbild eines Menschen mit weit ausgebreiteten Armen. Durch die lichte Ausdehnung können seine „Arme“ aber auch als „Flügel“ wahrgenommen werden, wodurch sich die Gestalt eines geflügelten Wesens ergibt, das dennoch weder als Taube, als Engel oder als Geist bezeichnet werden kann. Dazwischen, bedingt durch die symmetrische Ausdehnung der Erscheinung, Gedanken an ein Kreuz. – Ein Kreuz, das vom Licht erfasst und durch es verwandelt selbst zur Lichtquelle geworden ist.

In der angedeuteten Form des Gabelkreuzes, einem weit in die vorchristliche Zeit zurückreichendes Symbol für den Lebensbaum, steht es für das Leben schlechthin. Und obwohl man in der Römerzeit dieses Symbol des Lebens zum Werkzeug für den schimpflichsten und unehrenhaftesten Tod pervertierte, hat es durch die Auferstehung Jesu seine positive Zeichenkraft beibehalten. Freilich steht es jetzt auch für den Tod, den der Gekreuzigte mit aller Qual, mit aller Verlassenheit und aller Verzweiflung erlitten hat, ausgeliefert der Frage: Mein Gott, warum …?

Die Antwort – die auch unseren Warum-Fragen einen Sinn geben könnte – ist hier als geheimnisvolles Geschehen ins Bild gesetzt. Es vermittelt erkennbar, aber nicht fassbar, nah und doch entrückt den Übergang in eine andere Wirklichkeit, in der Sprache der Bibel: ins Paradies.

„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Diese alttestamentliche Frage, die das Sehnen der Menschheit über den Tod hinaus ausdrückt, hat Paulus an die Korinther konkretisierend auf Jesus als den „Erstgeborenen“ bezogen. Und wir „Nachgeborenen“ haben diese Frage bewahrt bis auf den heutigen Tag mit aller Sehnsucht und aller Hoffnung, die in ihr steckt.

Gerade in einer Zeit, in der der Tod nicht mehr die selbstverständlich ins Leben gehörende Rolle spielt wie einst und seine „Öffentlichkeit“ ins Private, ja ins Verborgene und in die Anonymität von Kliniken und Abdankungshallen gedrängt wird, andererseits durch die täglichen Berichte über den aberwitzigen, sinnlosen Tod, den Menschen sich selbst und ihren Mitmenschen zufügen, ein Zerrbild des Todes entsteht, bietet das Bild von Christiane Vincent-Poppe eine ermutigende Perspektive.

Wir werden erwartet. Die erhabene Licht-Erscheinung vermag die geheimnisvolle, lichte und weite Offenheit Gottes zu umschreiben, der uns einlädt, auf ihn zuzugehen und uns im Tod vom Leben umarmen zu lassen, in ihn einzugehen und von seinem Licht und seiner Liebe gleichgestaltend durchdrungen und erneuert zu werden. Der Tod ist kein Ende, er ist „Hinübergang“, Ankommen und Vollendung des Lebens.

Mysterium

Auf den ersten Blick könnte man an eine Skizze für die Bühnenausstattung zu einem Mysterienspiel denken: eine tiefe Straßenschlucht öffnet sich zwischen einer hohen, dunklen Hauswand zur Rechten und der Silhouette eines kleineren blauen Hauses zur Linken. Darüber strömen feine weiße Striche wie Nieselregen auf dieses Haus herab, das wohl menschliche Anwesenheit, menschliches Leben andeuten mag.

Zwischen diesen Kulissen dominiert ein leuchtend weißes Objekt, das nach beiden Seiten ausgreift. Trotz seiner vagen Form ist ein Kreuz zu erkennen. Auch wenn es seine Materialität und Schwere verloren hat, lässt es zusammen mit der zackig gezeichneten Gestalt in seinem Innern eine vorausgegangene Kreuzigung oder schwere Leiderfahrung ahnen. Durch den Farbwechsel ist es jedoch zum Symbol von etwas Hellem, Schönen, Sich-mitteilenden geworden. Damit tritt es aus der Dunkelheit hervor und breitet sich schützend über die Menschen und ihren Lebensraum aus.

Zwei Kreisbogen deuten an, dass das am Kreuz Geschehene aus den Wirkungskreisen von zwei unterschiedlichen Interessen heraus entstanden ist. Von unten erhofften die einen den Tod eines unbequemen Zeitgenossen, von oben gab der Unendliche seinen einzigen Sohn als Lösegeld für die Vergehen der Menschen hin, damit sie nicht in der Dunkelheit untergehen, sondern zum Licht und zum Leben gerettet werden.

Können nicht in der helleren blauen und der gelben Fläche unter dem Kreuz nach oben gewandte Menschengestalten gesehen werden? Menschen, die stellvertretend für alle nach Erlösung von ihren Gebundenheiten verlangen? Mit dem Kopf nach hinten strecken sie sich nach Freiheit und Licht aus, nach der Vergebung ihrer Vergehen. – In der goldgelben Flut scheint sie ihnen wie aus einer Wunde des Kreuzleibes zuzufließen: voller Licht, erneuernd, verwandelnd.

So können das Kreuz der Heilsgeschichte und das Leid in jedem Menschenleben ihre spezifische Gestalt und deren harte Konturen und Dunkelheit verlieren. Aber dazu bedarf es des Menschen, der offen ist für diese Wandlung, der das Gute, den Segen, die Gnade, oder wie immer wir es benennen mögen, dieses goldgelb Leuchtende wahrnimmt und aufnimmt.

Einfach schön

Einfach präsentiert sich das Bild mit seinen wenigen Elementen und Farben. Schnell ist es in seinem leicht diagonalen und symmetrischen Aufbau erfasst. Die leuchtenden Farben vermitteln eine Heiterkeit, eine positive Kraft geht vom den harmonischen, prallen Formen aus. Die von oben hereinzufließen scheinende weiße Aufhellung lässt zu, dass im gelben, nach unten auslaufenden Oval ein dreidimensionales Gebilde gesehen werden kann, ein Ei oder eine aufbrechende Knospe, links und rechts beschützend gehalten von einer roten und einer blauen Schicht, die in ihrer Form an Hände oder Knospenblätter erinnern und dem zentralen Gegenstand gleichzeitig etwas wie eine Aura, eine Ausstrahlung verleihen.

Andererseits gibt die rot-blaue Fassung gewissermaßen Einblick in ein leuchtendes Geschehen, das nach unten ausfließt. Die eiförmige Gestalt scheint durch die Aufhellung von oben rechts zu kommen und sich nach unten links in die „Bildwelt“ zu ergießen. Dabei kann die weiße Fläche im gelben Umfeld als eine Hand gesehen werden, die von oben in dieses Aufbrechende hineingehalten wird, Mitte und Kraft gebend, vielleicht auch Wesen und Auslöser seiend.

Dieses von innen und von außen Gehaltene, von der Liebe formgebend Umfangene und vom Wasser und der Luft nährend Unterstützte vermag Staunen über das Wunder des Entstehens und des Wachsens, über das Werden alles Geschaffenen auszulösen. Es ist, als hätte der Künstler mit symbolischen Zeichen ein im Mutterbauch heranwachsendes Kind gemalt, die unübertreffliche Freude und die Schönheit dieses Geschenks sichtbar gemacht, aber auch die Bedingungen, unter denen sich Leben in einer ersten Phase entwickeln kann: in Stille und Geborgenheit, ohne Hast und zunächst den Blicken entzogen. Dieses Gesetz des Werdens gilt für alles körperlich Lebendige in der Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt und nicht zuletzt im geistigen Bereich, im persönlichen Leben, in Kunst und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, das gilt für jede Idee, jede Entscheidung, jedes Programm. Wir wissen das eigentlich alle und erleben doch täglich die Folgen „unausgetragener Ideen“ …

Zurück zum Bild: man erhält den Eindruck, etwas Heiliges zu schauen, ja dem Heiligen selbst ins Angesicht zu schauen. In der Einfachheit dieser Farben und Formen dringt sehr viel von seinem Wesen durch, von tiefer Ruhe, von seinem Licht, seiner Liebe und Herzlichkeit.

Die längere Betrachtung dieses Bildes fasziniert und ermutigt, allem Werdenden und Entstehenden – sei es körperlich oder sei es geistig – so lange schützenden Raum zu geben, bis es – ähnlich einem Kind – bereit für die Geburt ist, bereit für Eigenständigkeit, die in ihrem Innersten von einer höheren Macht – Gott – gehalten wird.

Feuer des Lebens

Drei Lichtgestalten bewegen sich, ja scheinen zu tanzen vor dem orangeroten Hintergrund. Ihre Körper sind von goldgelben Flammen umgeben, die sie brennen, glühen und wie Gold leuchten lassen. Dampfwölkchen deuten auf große Hitze und einen verzehrenden Verbrennungsvorgang hin. Dabei hebt sich die mittlere Gestalt durch eine größere Leuchtkraft und Unversehrtheit von den beiden vom Verfall Gezeichneten ab. Es scheinen auch seine Arme zu sein, welche wie ein Bildstrich die beiden ihm Zugewandten auch körperlich mit ihm verbinden. Erst durch seine horizontale Armstellung werden die auf Einzeltafeln dargestellten und dadurch voneinander getrennten Menschen miteinander verbunden zu einer Gemeinschaft.

Kopf-, Körper- und Beinhaltung deuten Zuneigung an, ein Miteinander. Es ist, also wolle der Künstler darauf hinweisen, dass sich menschliches Leben ganz für sich allein nicht entfalten kann, dass es auf Zusammenhalt, -arbeit und -leben angelegt ist.

Wie bereits erwähnt, steht der junge Mann in der Mitte als der Verbindende und Haltgebende in dieser Trias. Intensiv schaut er auf den Mann zu seiner Rechten, dessen Gesichtszüge ein fortgeschrittenes Alter verraten und dessen Glieder starke Spuren der Zersetzung aufweisen. Lange wird er nicht mehr stehen können. Von der Frau auf seiner Linken kann schwer etwas gesagt werden. Ihr Gesicht erscheint verhüllt, ihr Körper durch die zusammenhängenden Flächen jugendlicher. Von ihrer Haltung her steht sie im Einklang mit dem jungen Mann in der Mitte – beide Körper sind gleich gebogen, beide Köpfe gleich geneigt.

Vom Bildaufbau her den „Drei Grazien“ von Raffael (1504/05) nahestehend, lenkt der Künstler den Blick durch die Verfremdung und vor allem durch die Darstellung der einzelnen Personen über das Bekannte hinweg. Insbesondere die zentrale Gestalt lässt aufgrund der von gotischen Kreuzen her bekannten gebogene Körperhaltung und den Wundmalen an den Gekreuzigten denken. Ohne Kreuz und nicht erhöht – auf gleicher Ebene – schafft er als vom Licht Verwandelter und Auferstandener mit seinen ausgebreiteten Armen eine partnerschaftliche Verbundenheit, bei der die ihm zur Seite gegebenen Menschen gleichsam seine „Hände“ werden. Er lässt sie teilhaben an dem Licht und der Energie, die ihn durchströmen …

… damit auch sie immer mehr in das hineinverwandelt werden, was Jesus von Ewigkeit her ist und wofür er gestorben ist. Stellvertretend stehen sie für die ganze Menschheit. Wir alle sollen, von Jesu leidenschaftlichem Zeugnis angesteckt, immer mehr zu Söhnen und Töchtern Gottes werden, von materiell Verhafteten zu geistigen Menschen, die Jesu „Feuer“, seine Wahrheit und Liebe, durch unser Leben lichtvoll, verwandelnd und erneuernd in die Welt hineintragen. Jesus selbst wird uns dabei Mitte, Halt und feurig pulsierende Quelle sein.

Osterlicht

Frohe Ruhe strahlt dieses Bild aus. Liegt es am fast symmetrischen Aufbau oder an den weichen Farbtönen? Oder weil das weiße vertikale Band die verschiedenen Bildelemente durchquert und zusammenhält? Aber auch die schwarze waagrechte Form und das hellblaue Feld, beide im unteren Bereich des Bildes positioniert und durch die helle Vertikale wie an einem Pendel fest mit dem dunkelblauen Element am oberen Bildrand verbunden, tragen ihren Teil dazu bei. Zudem scheint das warme Gelb auf dem weißen Hintergrund zu schweben und vermittelt sonnige Leichtigkeit.

Aber andererseits prägt die dunkle Form das Bild an zentraler Stelle und die dunklen Schatten an den Rändern bilden einen düsteren Hintergrund für das Geschehen. Hier kommen Leid und Tod unübersehbar zur Sprache. Aber die sargähnliche Form ist aufgebrochen und kann den Verstorbenen nicht festhalten, die dunkle Vergangenheit ist verdrängt durch einen neuen Zeitraum, der von warmem Licht erfüllt ist.

Der Grund für diese alles verändernde Verwandlung muss in der breitbandigen Mittelachse liegen. Sie scheint aus dem souverän am oberen Bildrand schwebenden Element mit den drei hellen Kreuzen herauszufließen, um das in der Tiefe Ruhende zu hinterfangen und am unteren Bildrand in den schmalen weißen Saum mündend auch alles zu umfassen. Es ist, als wolle damit angedeutet werden, dass dieses von oben Kommende die tragende und letzte Wahrheit allen Geschehens ist – nicht das Leid und nicht der Schmerz, und auch nicht der Tod.

Im Anfang – eine Idee

Lasierende gelbe Farbschichten vor schwarzem Hintergrund, Farbläufe und -spritzer in alle Richtungen, unzählige, über die ganze Bildfläche verteilte Farbtupfer bilden zusammen ein wildes explosives Durcheinander. Die vielen Lichtpunkte und die beiden großflächigen Lichterscheinungen lenken unseren Blick zum Himmel und entführen ihn in die unendliche Weite des Alls.

Doch da, die aufspritzende Farbe suggeriert ein aktuelles Geschehen, die beiden in allen Nuancen leuchtenden Wolken lassen an etwas unfassbar Großes denken, das gerade am Entstehen ist. Wäre da nicht eine schmale horizontale Fläche am unteren Bildrand, dem Betrachter würde vor Staunen der Boden unter den Füßen weggezogen und er verlöre das Gleichgewicht angesichts des gewaltigen Spektakels.

Diese kleine Fläche gibt Halt und lässt an eine windstille Wasseroberfläche denken, in der sich das Weltall mit seinen Sternen und Lichterscheinungen spiegelt. Könnte sie das Urwasser darstellen, von dem die Bibel in den ersten Worten erzählt, dass es am Anfang zusammen mit der Finsternis die Erde bedeckte?

Dann könnten die beiden die Dunkelheit durchbrechenden Lichtblitze so etwas wie das Aufflackern des ersten Lichtes sein, das sich mit der Zeit zum Tag entwickelt. Allein die Vorstellung ist schon umwerfend: Zuschauer bei der einzigartigen Entstehung eines Planeten zu sein, der im grenzenlosen All aus einer wunderbaren Idee heraus seinen Lauf nimmt.

So utopisch das Ganze erscheinen mag, das Gemalte könnte auch ein Bild für das sein, was sich bei der Geburt einer Idee in unserem Kopf ereignet. Entsteht sie nicht auch aus dem Nichts, leuchtet sie nicht gleichsam als Gedankenblitz in der Weite unseres Verstandes auf? Oft haben wir Schwierigkeiten, den initiativen Gedanken klar zu fassen, weil er noch zu nebulös ist. Doch das, was wir im Geiste erfassen konnten, ist elektrisierend, voll lichter Hoffnung. Denn in einem solchen Anfang steckt das Potential alles zu verändern! Denken wir nur an die zündenden Ideen in der Wirtschaft, der Politik, der Kunst oder der Philosophie.

Sind wir nicht alle in unterschiedlichster Art und Weise am Schöpfungsvorgang beteiligt? Tragen inmitten der vielen leuchtenden „Stars“ nicht auch meine Ideen die verheißungsvolle Kraft in sich, Großes zu bewirken, Leben hervorzurufen und die Welt, vielleicht nicht maßgebend, aber durch das wie Licht wirkende Denken und Handeln doch befreiend und erfreuend mitzugestalten?

Lichtblick

Umgeben von einem dunklen Rahmen, öffnet sich unserem Blick in der Bildmitte ein helles Fenster. Es scheint nicht sehr groß zu sein, denn die weiße Taube, die sich mit dem grünen Zweig im Schnabel auf dem Fenstersims niedergelassen hat, füllt fast das ganze Fenster aus.

Die dunkelblaue Farbe suggeriert umgebende Dunkelheit und Nacht. Von den fünf Menschen sind nur schattenhafte Köpfe und Silhouetten auszumachen. Die beiden Personen, die sich unter dem Fenster befinden, lassen durch die vier hellen Senkrechten und den engen Bildraum zudem an Gefangene denken, die eingesperrt und niedergedrückt sind. Seltsam, wie der Künstler ihre Augen, Nasen und Münder stilisiert mit einem Kreuz-Zeichen angedeutet hat.

Soll es ihre „Religio“, ihre Rückbindung an Gott zum Ausdruck bringen, die ihnen Zugehörigkeit und Schutz verheißt? Denken wir nur an die Riten von Taufe, Firmung, Konfirmation oder Krankensalbung … Trotzdem bleiben viele Fragen und Zweifel. Wer kann Katastrophen wie eine Sintflut, einen Tsunami und anderes mehr verstehen? Helfen kann da nur ein unsagbares Vertrauen. In diesem Vertrauen haben sie die Taube ausgesandt und, um sicher zu gehen – denn Zweifel bohren tief – eine zweite.

Nun ist sie in ihre Mitte zurückgekehrt – mit dem Zeichen des Zweiges. Die Dunkelheit hat einen Lichtblick erhalten, der sich auf den Köpfen der wartenden Menschen bereits spiegelt. Durch das Licht wird das Zeichen auf ihren Köpfen sichtbar, das in der Bibel bei Menschen verwendet wird, die aus ihrem Glauben, aus ihrer innigen Beziehung zu Gott, der Schöpfung und den Mitmenschen heraus in Zeiten der Dekadenz einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bewahren. So heißt es von Noach: „Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging seinen Weg mit Gott.“ (Gen 6,9) Deshalb wurde er von Gott beauftragt, zur Rettung des Menschengeschlechts und der Tiere ein großes Schiff zu bauen, auf dem er mit seiner Familie und den Tieren die Zeit der Sintflut überleben konnte. Das Aquarell vermittelt den Augenblick, in dem die Taube das zweite Mal nach der Erkundung nach Land erfolgreich mit dem frischen Olivenzweig als Zeichen für das Wiederaufblühen der Natur zurückkehrte. „Jetzt wusste Noach, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand.“ (Gen 8,11)

Im blauen Hintergrund könnte aufgrund dieser Begebenheit ebenfalls das alles vernichtende Wasser der Sintflut gesehen werden. Auch den Geretteten steht das Wasser bis zum Hals. Was sie allerdings über Wasser hält, ist ihre Verbundenheit mit dem Licht, das im Fenster wie ein Floß, wie eine rettende Insel in ihrer Mitte schwimmt. Ihr Vertrauen hat ihnen eine neue Zukunft, neue Aufgaben und sicher auch neue Leiden gegeben. Hoffnungsvolle Zuversicht und Liebe erfüllt und verbindet sie mit dem unbegreiflichen Gott. Und dieses gläubige Festhalten am gerechten Denken und Handeln verhindert, dass sie sich in unwürdige Machenschaften verstricken, die ihnen und anderen Unheil und Tod bringen. – Ermutigung und Lichtblick für uns!

Das besprochene Aquarell stammt aus: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers mit Bildern von Andreas Felger
/ Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart, 1.664 Seiten, 171 ganzseitige Aquarelle und 104 teils farbige Skizzen, Format 17,3 x 24,5 cm

Seit vielen Jahrzehnten widmet Andreas Felger einen wesentlichen Teil seines künstlerischen Schaffens der Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Seine Bilder sind Ausdruck gelebten Glaubens, wiederholter Meditation und Durchdringung. Seine Aquarelle und Skizzen sprechen eine spirituelle Sprache. Konkrete Darstellungen wechseln mit abstrakten Motiven, schaffen meditative Momente, eröffnen andere Sichtweisen und neue Zugänge zur Heiligen Schrift. Die Begegnung und der Dialog zwischen Mensch und Gott werden in seinen Bildern anschaulich und berühren die Sinne.

Ermutigung

Das Einzige, was auf dem Bild wirklich gut zu erkennen ist eine Leiter. Auf einem roten Boden stehend und an ein ebenso rotes Objekt angelehnt, ragt sie in den gelben Hintergrund hinein. Sie ist eine Leiter des Übergangs! Unten hebt sie sich durch die obere Farbe vom Hintergrund ab, oben durch die Schatten der unteren Farbe. Deutlich steht sie da und führt nach oben ins gelbe Licht, an die Grenzen des Bildes und unsichtbar darüber hinaus. Obwohl sie schattenhaft leicht im „Raum“ steht, weckt sie Vertrauen und lädt ein, ins Licht hinaufzusteigen.

Der lichte und lebendige Hintergrund verbindet die Leiter mit weiteren vertikalen Formen auf der linken Bildhälfte. Weder Farbe noch Umrisse lassen eine klare Gestalt erkennen. Am ehesten erinnern sie an eine stehende Menschengruppe. Die Farben Blau, Grün, Rot und Braun lassen an vier Personen denken, die sich dem Licht zuwenden, auf es zugehen. Vielleicht erwägen sie auch, die Leiter zu erklimmen.

Die Farbübergänge von Blau zu Grün und von Magenta zu Weinrot laufen nach oben zum Licht hinaus und bringen dadurch eine Verwandlung zum Ausdruck, die sich durch die Hinwendung zum Licht ereignet.

Von hellem Licht gerahmt, öffnet sich hinter der rot-braunen Gestalt ein abgedunkelter Durchgang. Aus der Mitte dieser Gestalten steigen Linien auf, die gleichsam einen Weg durch diesen Türrahmen hindurch zeichnen, die angedeuteten Menschen und uns alle einladend, ihm zu folgen. Doch die Linien führen nicht wirklich weit, sie scheinen vielmehr vor dieser Tür auszulaufen! Könnte dieser Durchgang vielleicht eine Versuchung darstellen, den einfachen und bequemen Weg zu wählen, anstatt das Wagnis mit der Leiter einzugehen? Wer von uns hat nicht schon die Erfahrung gemacht, in der wir die Vernunft als Beistand zu gewinnen suchten, um die Sicherheit des Bekannten dem Ungewissen vorziehen zu können?

Aber auch zur Leiter führen Linien! Sie zeichnen keinen Weg vor, betonen allerdings, dass hier eine vielversprechende Gelegenheit steht , die ins Weite, die ins Licht führt. Was oben an der Leiter folgt, vermag uns auch das Bild nicht zu sagen. Aber es ermutigt, zuversichtlich in die Ungewissheit der Zukunft zu schauen. Sie zeigt sich uns verheißungsvoll licht und sonnig. Und wenn das helle Rot als Symbol für die Liebe gedeutet werden darf, dann wird auch alles, was mit Liebe getan wird, sich in lichte Freude wandeln und vor schlichter Schönheit erstrahlend zum Himmel erhoben werden.

 

Die „Himmelsleiter“ und weitere 13 Bilder von Cornelia Patschorke sind im Buch „Befiehl du deine Wege und bleib nicht bei dir stehen“ (ISBN 978-3-937896-25-0) als spirituelle Illustrationen zu 8 bekannten Liedern des Dichters Paul Gerhardt abgebildet. Ergänzt wird das sehr schöne Geschenk- und Meditationsbuch zum 400. Geburtstag von Paul Gerhardt mit einfühlsamen Gedichten von Werner May. Preis: Euro 14,90

Prolog – Vorwort – Vorbild

Drei gleich große blaue Tafeln bilden die Grundlage für einen schöpferischen Prolog, der durch die Formen und Farben zu einem Dialog zwischen der Einzeltafel oben und den beiden Tafeln unten wird. Letztere sind nur zusammen ein Ganzes. Der goldfarbene Kreis in ihrer Mitte erscheint wie ein Abbild des blauen Kreises im oberen Quadrat, der wie ein Planet über goldenen Wolken schwebt. In seiner Mitte sind über einer sichelförmigen Aufhellung vertikale Strukturen zu erkennen, die an Adern, Wurzeln oder Bäume denken lassen. Leben? Die Andeutung bleibt geheimnisvoll. Allerdings bringt ein diese Erscheinung umschreibendes Dreieck ein Symbol ins Gespräch, das für den Gott gebraucht wird, der sich uns Menschen in drei Personen offenbart hat.

Die Doppeltafel darunter zeigt sich uns nicht weniger geheimnisvoll. Im goldenen Kreis ist ein grünblaues Quadrat mit einem dunklen Auge zu sehen, das über einem Tisch mit Flügeln zu schweben scheint. Links daneben ist schwach angedeutet ein Mensch zu erkennen. Dieser abgeschlossene Raum wird nur durch ein von oben eindringendes Licht mit seiner Umgebung verbunden, die in einem wunderbar lebendigen Blau zum einen von einer weißen und einer grünen Waagrechten, zum anderen von an Weinranken erinnernden kräftigen blauen Linien geprägt wird.

Wollen diese beiden Tafeln auf die aus Gott hervorgegangene und im Werden begriffene Schöpfung hinweisen, das Quadrat in der Mitte auf den Tempel, der Tisch mit den Flügeln auf einen Altar oder das Gestell, welches die Bundeslade mit den Zehn Geboten trug (vgl. Ex 25,10-20)? Die beiden Bildebenen wecken das Verlangen nach mehr. Was wohl hinter dem Auge verborgen ist, das wie ein Schlüsselloch ein Öffnen von Türen suggeriert? – Die Künstlerin lässt uns nicht in unseren Erwartungen sitzen und hat tatsächlich eine dritte Ebene gemalt, die sich durch Entfalten des Diptychons ergibt und den Blick auf ein faszinierend bewegtes Geschehen ermöglicht (Geöffnetes Klappbild).

Anstelle des zentralen Kreises mit dem dunklen Auge schauen wir nun eine geheimnisvolle Lichterscheinung auf einem Gefährt mit zwei Rädern. Es ist von einem angedeuteten Dreieck umgeben und scheint für den Transport vorgesehen zu sein. So wie der Kreis des Diptychons mit der oberen Einzeltafel in Verbindung stand, so lässt die Wiederholung des Dreiecks aufmerken. Das in ihm aufleuchtende Licht scheint alles Umgebende in seinen Bann zu ziehen: Ein Männergesicht beugt sich über das eigenwillige Lichtgefährt, als schaue es in der Krippe denjenigen, der das Licht der Welt ist. Rechts davon ist eine Mutter mit ihrem Kind erkennbar, darunter der Kopf eines Schafes. Daneben am oberen Bildrand Köpfe von Besuchern, die sich um das offenbarte Geschehen scharen: Hirten, die drei Weisen, gewissermaßen auch wir.

Es ist, als sei die einsame Gestalt aus dem Schatten unter dem zentralen Auge hervorgetreten und habe die Seite gewechselt, um sich der aufleuchtenden Herrlichkeit zuzuwenden. Sein Haupt ist verehrend geneigt und erinnert an den weisen Simeon, dessen Warten auf den Retter Israels mit dem Anblick Jesu ein glückliches Ende genommen hat (vgl. Lk 2,25-32).

Auf der linken Seite assoziieren die Augen und Formen Tiere, die sich wie die Menschen vor dem Licht versammeln und verneigen und den Neugeborenen als ihren Herrn ehren. Darunter ist ein Raum mit Rundbogen angedeutet. – Was für ein Gegensatz zur „Krippe“! – Ob er auf Jesu königliche Abstammung aus dem Geschlecht Davids hinweisen oder auch zur Sprache bringen will, dass die Tore zum Paradies mit Jesus wieder offen sind (ähnlich wie bei diesem Klappbild)?

Das Kunstwerk lässt vieles offen. Dennoch will es, wie sein Titel es treffend bezeichnet, Prolog sein, hinführendes, vorbereitendes „Vorwort“ für die Begegnung mit dem wirklichen Wort, dem wahren Licht, das aus dem unsichtbaren Gott hervorgegangen und unter uns Mensch geworden ist. Das Kunstwerk macht auch deutlich, dass wir für eine intensive Gottesbegegnung und -beziehung in die Tiefe gehen, gleichsam hinter die verschleiernde Oberfläche der Dinge und Handlungen schauen müssen, um ihm wirklich zu begegnen. Und es bringt durch den Lichtwagen einzigartig zum Ausdruck, dass die Erfahrung des göttlichen Lichtes von uns mitgenommen werden und zu den Mitmenschen transportiert werden soll.

Göttliche Erscheinung

Schauen
Es gibt Bilder, die verleiten zum Schauen. Sie haben eine Ausstrahlung, die berührt. Sie haben eine Anziehungskraft, die den Besucher zum Betrachter werden lässt, der in der Begegnung mit dem Unbekannten versucht, seine verborgenen Tiefen auszuloten. Was fasziniert mich? Was spricht mich an? Wodurch entsteht die Spannung? – Annäherung findet statt. Denn oft sehen wir, ohne zu erkennen, oft nehmen wir etwas wahr, ohne es zu verstehen.

Im Bild von Helene B. Grossmann begegnen uns abstrakte Formen. Es sind keine Linien zu entdecken, die abgrenzen oder an greifbare Gegenstände denken lassen. Im Gegenteil, alle Farbflächen haben weiche, auslaufende Konturen. Sie erinnern an Wolkenbilder. Ist es das, was fasziniert? Diese schwebende Leichtigkeit der Komposition, die Blickführung zur geheimnisvollen Lichterscheinung in der Mitte?

Ordnen
Das Bild lässt einen symmetrischen Bildaufbau erkennen. Um die weiße Mitte gruppieren sich farbige Wolken, die nach unten immer dunkler werden. Am unteren Bildrand formen sie eine schwarz-blaue Erhebung, welche die Basis des Bildes und einen harten Kontrast zur Bildmitte bildet. Nach oben ist das Bild offen. Der Gegensatz zwischen den geraden Bildkanten und den sich zur Bildmitte hin auflösenden Formen trägt wesentlich dazu bei, dass der Blick zur Mitte geführt wird und dort verweilt. Ein Dutzend weißer Wolkenfetzen im Vordergrund verstärken den Eindruck einer himmlischen Vision.

Dennoch ist die irdische Welt nicht abwesend. Sie spiegelt sich in den Farben und der Komposition. Ocker und Braun verweisen auf Sand und Erde, das Blau unterhalb der Lichterscheinung auf das Meer und seine dunklen Tiefen, das obere Blau auf den Himmel und seine Weite. Mitten drin dieses weiße, geheimnisvolle Licht, das nach innen immer intensiver wird. In seiner äußeren Form ist es als Oval erkennbar, in seinem Wesen spricht es vom Unfassbaren.

Visionen von Gott
Das Bild und das Licht als eine Vision von Gott zu deuten, liegt nahe. Eines Gottes, „der in unzugänglichem Licht wohnt“ (Tim 6,16). Der nicht etwa außerhalb seiner Schöpfung gegenwärtig ist, wie man es dem Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,4a) entnehmen könnte, sondern als Ursprung, Erhalter und Endziel in seiner Mitte lebt, wie es Paulus im Brief an die Römer (11,36) formuliert: „Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“

Dieser Ansatz eröffnet vielfältige Zugänge (die hier leider nur angedeutet werden können) zu Situationen, in denen Gott den Menschen erschienen ist. In geschichtlicher Folge ermöglicht das Bild als erstes einen Zugang zum Exodus des Volkes Israel. Das helle Licht kann als Wolkensäule gedeutet werden, die den Israeliten beim Auszug aus Ägypten vorausging (Ex 13,21f) und sie sicher durch das Rote Meer führte (14,15-31). Durch diese Tat erfuhr Israel seinen Gott als nahen Gott und starken Retter (15,2), der kraftvoll in der Mitte seines Volkes gegenwärtig war (vgl. Jes 12,6).

Visionen von Jesus
Einen weiteren Ansatz bildet die Verklärung Jesu. „Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.“ (Lk 9,29-31) Ein erster Blick vermittelt vielleicht den Eindruck einer abstrakten, symbolischen Darstellung dieser Szene. Weitere Blicke lassen aber so viele Andeutungen erkennen, dass einzelne Elemente etwas Figürliches erhalten. Hat nicht die blau-schwarzen Basis eine bergähnliche Form? Können darin die von der Oberkante ausgehenden Aufhellungen (oder die darüber auf der Spitze stehende weiße Dreiecksform) nicht als gekreuzte Füße gesehen werden, welche den verklärten Leib tragen? Und bilden die von der Mitte aus seitlich abfallenden „Linien“ im oberen Abschluss der Erscheinung nicht so etwas wie die Schulterpartie und die Arme eines Menschen? Im Zenit dieser beiden „Linien“ können aus einem Wolkenfetzen zudem die Gesichtszüge eines nach rechts geneigten menschlichen Kopfes herausgelesen werden. Nase und Stirn sind hell, während die Haare, die Augenhöhlen, die Wangen und die Mundpartie im Dunkeln liegen. Dadurch ist eine menschliche Gestalt, die ganz in Licht getaucht ist, mehr wahrnehmbar als sichtbar angedeutet. – Die singuläre Gestalt lässt an der Richtigkeit der Annäherung zweifeln. Aber wenn in den beiden obersten Wolken links und rechts neben dem „Kopf“ genauso geheimnisvolle, büstenähnliche Erscheinungen von Mose und Elija gesehen werden können wie bei Jesus in der Mitte, so hätte diese Ansicht durchaus ihre Gültigkeit.

Die gleichsam auf den Wolken schwebende Gestalt lässt weiter an die Vision des Menschensohnes im Buch Daniel (7,13) denken, die von Jesus in seinen Reden vom Ende der Welt aufgegriffen wird: „… Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 24,30; vgl. 26,64) Schließlich taucht die Vision in der Offenbarung (1,7-8; 14,14-20) nochmals in der Ankündigung der Endzeit und des damit verbundenen Gerichts auf.

Zu guter Letzt vermag die lichte Erscheinung neben dem Kommen des Menschensohnes auch Jesu Heimgang zum Vater anzusprechen. In der angedeuteten Gestalt kann Jesus gesehen werden, der sich nach seiner Auferstehung ein letztes Mal den Jüngern gezeigt hatte. Noch während er sie segnete, wurde er „zum Himmel emporgehoben“ (Lk 24,36-53). In Anlehnung an die vielen von Offb 12,1 beeinflussten Mariendarstellungen ist die göttliche Erscheinung von einem Kranz heller Wolken umgeben. Sie funkeln nicht als Sterne, aber sie bilden als diskrete Lichterkette eine Art Heiligenschein, der die Herrlichkeit Gottes und seines aus Ihm hervorgegangenen und zu Ihm zurückgekehrten Sohnes hervorhebt.

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 3/2006 der Zeitschrift „das münster“, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Lebenspartner

Leicht wie ein von der Sonne durchleuchtetes Herbstblatt breiten sich die Farben über das Papier aus. Die über das ganze Blatt gehende gelbe Blatt-, Kelch- oder Ballonform ist in einer kleinen schwarzen Markierung am unteren Bildrand verankert. Von hier aus steigt die äußere Form auf der rechten Seite in einem klaren Halbrund nach oben, während die Umrisse auf der linken Seite verschwommen sind. Die Farben scheinen aus der Blattform auszulaufen, Offenheit, Bewegung und Kommunikation signalisierend.

Im oberen Bilddrittel sind lineare Strukturen auszumachen. In ihrer horizontalen Ausrichtung wie in ihrer auffallenden diagonalen Parallelität erinnern die Linien an Äste, die von einem stürmischen Wind in die gleiche Richtung gedrückt werden. Mit einem dieser Äste scheint das „Blatt“ – es könnte aber auch eine Frucht oder etwas ganz anderes sein – fest verbunden zu sein. Goldgelb leuchtet es zwischen vereinzelten dunklen Stellen, auf der einen Seite Reife und Schönheit vermittelnd, auf der anderen Seite auf die Vergänglichkeit alles Geschaffenen hinweisend. Die in das Bild eingemalte Stimmung bringt klar zum Ausdruck, dass diese beiden Komponenten nirgends so nahe beieinander zu finden sind wie im Herbst.

Wie ein Fremdkörper gegenüber diesen Impressionen hebt sich auf der linken Bildseite ein großes rotbraunes L von der übrigen Bildlandschaft ab. Mit seinen harten Konturen und seiner deckenden braunen Farbe springt es förmlich ins Auge. Im Gegensatz zu den fließenden Farben des Hintergrundes muss der Buchstabe aus einer monochromen Fläche ausgerissen und aufgeklebt worden sein. Erratisch steht das geometrische Zeichen da, nur begleitet und gleichsam getragen von einer mysteriösen schwarzen Schriftspur, die in ihrer Unverständlichkeit ebenso fremd anmutet.

Was das L wohl zu bedeuten hat? – Schwer zu sagen! – Es ist zuerst einmal ein isoliertes Zeichen, das in diesem fremden Kontext keinen Sinn ergibt. Es ist ein menschliches Zeichen, ein Ausdruck menschlicher Intelligenz. Allerdings scheint die Künstlerin den Bildtitel „EL“ vom gesprochenen Buchstaben abgeleitet zu haben, wodurch das L als Symbol für Gott gedeutet werden könnte (vgl. Gen 17,1: El Schaddai = Gott, der Allmächtige). – Geheimnisvolle Präsenz dessen, der alles geschaffen hat? Inmitten des schöpferischen Werdens und Vergehens der ganz Andere in abstrakter Fremdheit? – Wieso nicht! Der Buchstabe L könnte auch ein dezenter Hinweis auf Leben, Licht und Liebe sein! Drei göttliche Eigenschaften par excellence, die der Psalmist immer wieder wie im Psalm 36, Vers 6 und 10 besingt: „Herr, deine Güte [= Liebe] reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue [= Liebe] reicht, so weit die Wolken ziehen. … Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (vgl. auch 1. Joh 4,16b: „Gott ist die Liebe …“)

So vermag das Bild im ungleichen Gegenüber von Buchstabe und fließenden Farben vom unaufhörlichen Dialog zwischen Gott und seiner Schöpfung zu erzählen. Durch Sein gesprochenes Wort wurde sie ins Leben gerufen und in Seiner unendlichen Liebe schenkt Er ihr durch alle blühenden und verwelkenden Lebensphasen hindurch eine unvergleichliche Schönheit und Würde.

Orientierung

Die Anordnung der gelben Linien identifizieren wir schnell als Straßennetz einer Großstadt. Der Ausschnitt könnte einem Stadtplan entnommen oder aus der Luft aufgenommen sein. Es ist kein Zentrum auszumachen. Doch im unteren Bereich ist eine Verdichtung des Straßennetzes zu beobachten. Zudem lassen rote Punkte und Flächen – wie wir es von Stadtplänen kennen – an wichtige Gebäude denken.

In Wirklichkeit sind hier die einzelnen Straßenzüge aber nicht mehr klar zu erkennen. Sie sind teilweise mit Farbe übermalt und signalisieren gerade das Gegenteil von Ordnung. Sie scheinen verstopft zu sein und stiften Verwirrung. Wie ein undurchdringliches Dickicht verhindern sie das Vorwärtskommen. Das kann Angst auslösen, eingesperrt zu werden oder den Weg nicht mehr zu finden.

Aus dem gestalterischen Unterschied zwischen den beiden Bildhälften ergibt sich die Sehnsucht nach einem übersichtlichen und sicheren Weg. Lieber keine äußeren Orientierungspunkte, wenn diese nur verwirren, und wie ihre rotbraune Farbe auch gedeutet werden kann, Verwundung und Schmerz bedeuten.

Doch worauf sollen wir vertrauen? Auf den Straßen kennen wir Navigationssysteme. Sie führen uns sicher ans Ziel, umfahren Baustellen und Staus. Für unser Leben gibt es kein solches System, bei dem das Ziel eingegeben wird und uns dann automatisch die schnellste und eine kürzeste Route vorgeschlagen wird.

Allerdings hat uns Gott seine Weisungen ins Herz gelegt, damit wir mit Seiner Hilfe den für uns besten Weg finden, der uns sicher zu einem inhaltlich wie zeitlich erfüllten Leben führt. Insbesondere die Psalmen sprechen davon: „Alle, die deine Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle; es trifft sie kein Unheil.“ (119,165) „Er hat die Weisung seines Gottes im Herzen, seine Schritte wanken nicht.“ (37,31)

Mit dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, dem Sinn für Gerechtigkeit und für Schuld hat uns Gott ein Navigations- oder Orientierungsinstrument ins Herz gelegt, das die eingeschlagenen Wege vertrauensvoll geht und das Kreuzungen zuerst als Ort der Begegnung sieht und erst dann als Ort der Entscheidungen und des Abschieds. In der Fülle der Möglichkeiten vertraut der Gläubige dem über ihm seienden Gott, dass ER ihn sicher durch die Gefahren jeden Weges führt, aus Sackgassen herausholt, an den Kreuzungen die richtige Entscheidung treffen lässt und zu stärkenden Rastplätzen führt. – Mit IHM werden alle Strassen, wie es das Bild andeutet, zu lichterfüllten Wegen des Lebens, in denen bereits das Ziel entgegenleuchtet.