Leuchtender Neubeginn

Wie ein überdimensionierter Arm erhebt sich die fast zwei Meter hohe Weihnachtsäule, um ganz oben in einer vergoldeten Knospe aus Lorbeerblättern aufzubrechen. Der krönende Abschluss ist wie eine siegreich erhobene Hand geformt, deren Zeigefinger zudem mahnend in die Höhe ragt.

Inmitten der warmen und lebendigen Maserierung des Sandsteins findet sich im unteren Drittel eine höhlenartige Nische, in der Maria und Josef ihr Kind der Öffentlichkeit zeigen. Über ihnen und sie mit seinem Schweif schützend leuchtet der Stern des Neugeborenen. Die schlichte Darstellung, bei der nur das Jesuskind mit etwas Gold als Gottessohn ausgezeichnet ist, erinnert an den Propheten Elias, wie er am Eingang der Höhle Gott im sanften, leisen Säuseln des Windes erlebte (vgl. 1Kön 19,12). Auch ein schlafendes Neugeborenes ist gewissermaßen ein sanftes, leises Säuseln im Lebenslärm unserer Zeit und erfordert die volle Aufmerksamkeit, um in ihm Gottes Gegenwart zu erfahren.

Wie eine Tätowierung auf dem Unterarm erscheint das Zitat von Hannah Arendt in Großbuchstaben: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien ‚die frohe Botschaft‘ verkünden: ‚Uns ist ein Kind geboren.‘“ Es ist nicht die Botschaft an die Hirten oder der Lobpreis Gottes durch die himmlischen Heerscharen, sondern die bewundernde Reflexion einer jüdischen Philosophin, welche durch die Geburt des Gottessohnes jede Geburt eines Kindes als Sinnbild für Vertrauen und Hoffnung auf den Punkt bringt.

So sind die vergoldeten Blätter auch inhaltlich der Höhepunkt dieser in Stein gehauenen Reflexion zur Geburt Jesu. Bekrönt von einem Blätterkranz wie bei einem antiken Säulenkapitell verweist die Säule nicht nur auf Unsterblichkeit und ewiges Leben, sondern auch auf die göttliche Herkunft Jesu. Zugleich signalisieren die Blätter den Aufbruch von versteinerten Strukturen. Sie lassen die verheißungsvollen Worte des Propheten Jesaja hören: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.“ (Jes 11,1-2)

Die im bildlichen Sinne herausragende Bedeutung der Stele steigert sich durch die prophetischen Worte Jesajas:

„An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein,
der dasteht als Feldzeichen für die Völker;
die Nationen werden nach ihm fragen
und seine Ruhe wird herrlich sein.
An jenem Tag wird der Herr von Neuem seine Hand erheben,
um den übrig gebliebenen Rest seines Volkes zurückzugewinnen,
von Assur und Ägypten, von Patros und Kusch,
von Elam, Schinar und Hamat und von den Inseln des Meeres. 
Er wird ein Feldzeichen für die Nationen aufrichten
und die Versprengten Israels zusammenbringen;
die Zerstreuten Judas wird er von den vier Enden der Erde sammeln.“

(Jes 11,10-12)

Der erhobene Arm wird über dem Baumstamm zum Feldzeichen, die Hand in den sprießenden Blättern zur brennenden Fackel, die das Licht des Neugeborenen weitherum sehen lässt. Dieses Licht in der dunklen Nacht ist Hoffnung den Einsamen und Verlorenen, den Versprengten schenkt es Orientierung und Vertrauen. Es lässt die Menschen von überall her zusammenkommen und sich mit erleuchteten Herzen und Augen als neue Gemeinschaft erleben. Das Kind wirkt in der Säule wie ein Samenkorn, doch seine Frucht leuchtet „allen Völkern“ (Lk 2,31-32).

 

Die Stele von Stefan Lutterbeck ist bis zum 25. Januar 2026 in der 85. Telgter Krippenkunst Ausstellung “Hoffnung” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

durchkreuzt

In der Mitte der schmalen, hohen Holzskulptur sitzen sich in einem Kreis ein Mann und eine Frau frontal gegenüber und schauen sich intensiv an. In ihren Armen liegt ihr neugeborenes Kind. Es ist schon so vital, dass es sich zur Seite drehen und dem Kind unter ihm seinen linken Arm entgegenstrecken kann. Damit wendet es sich aus der erhöhten Position der unten stehenden Hirtenfamilie zu, die drei ihrer Hände grüßend und huldigend, aber auch empfangend, zu ihm erheben.

Zwei Hochhäuser, die auch wie zwei Türflügel hinter dem Paar aufragen, bilden den oberen Abschluss. Der Himmel hat sich geöffnet. Ein nach unten zeigender Engel weist auf die Heilige Familie mit dem Gottessohn. Man kann ihn die Weihnachtsbotschaft verkünden hören: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lk 2,10b-12)

Ungewöhnlich ist die Darstellung der Heiligen Familie. Alle drei tragen keine Heiligenscheine, sind jedoch von einem Kreis der göttlichen Unendlichkeit umfangen und in ihm geborgen. Die Krippe Jesu bilden Maria und Josef selbst. Im Profil dargestellt, schauen sie sich gegenseitig tief in die Augen oder vielmehr in die Seele. In ihrer Haltung wohnt ein inniges Verweilen, ein kontemplatives Versenken in das Geheimnis der göttlichen Liebe und Geburt, die sich gerade in ihrem Schoß und in ihren Herzen offenbart.

Ein horizontaler Riegel hinter ihnen stört die Idylle und kündet in der Geburtsstunde bereits die Stunde des Todes an. Ein Querbalken durchkreuzt die Senkrechte und damit die Harmonie des Familienglücks. Noch sitzt die Heilige Familie wie in einem Schutzraum eng beieinander, noch ist sie umgeben von einer schützenden Hülle, doch dünn ist die Wand und schon bald zu eng für die Realitäten, die von außen hereinbrechen (vgl. Mt 2,13-18). Das Kreuz deutet aber auch auf den finalen Sendungsauftrag Jesu wie er in dem bekannten Adventslied zum Klingen kommt: „Gott, send herab uns deinen Sohn, die Völker harren lange schon. Send ihn, den du verheißen hast, zu tilgen unsrer Sünden Last.“ (GL 222; KGB 304)

Gekonnt fließt die Bewegung von der Hand Jesu, über den Arm des Hirtenkindes und den Hirtenstab nach unten zum Lamm und weist so auf das Wort Johannes des Täufers: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! … Dieser ist der Sohn Gottes.“ (Joh 1,29.34). Durch seinen Opfertod am Kreuz haben wir die Erlösung und die Vergebung unserer Sünden (vgl. Eph 1,7).

Die drei freudig und begeistert emporgestreckten Hände der Hirtenfamilie vermögen dieses Glück kaum zu fassen. Im Aufschauen und in ihrer Zuwendung zu Jesus mag man die Worte des weisen Simeon hören: „Meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,30-32)

Herbei, o ihr Gläubigen, fröhlich triumphierend,
o kommet, o kommet nach Bethlehem!
Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren!
O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten den König, den Herrn.

Schmetterling der Hoffnung

Erfrischend originell zeigt sich das Kunstwerk in seiner kindlichen Ausführung. Ein Schmetterling trägt das Neugeborene in diese Welt, einem Boot gleich, die Flügeltüren weit offen, das Allerheiligste offenbarend: das göttliche Kind, Gottes Sohn.

In Leinen gewickelt liegt er in der einfachen und harten Holzkrippe. Er lächelt, kindliches Glück ausstrahlend, beflügelt von der ihn umgebenden und tragenden Liebe. Nicht Maria und Josef stehen neben ihm, stattdessen deuten zwei rote Herzen symbolisch auf ihre Liebe hin, mit der sie dem Neugeborenen zur Seite stehen. Die beiden Flügel vermögen auch die Türflügel unserer Herzen anzudeuten, die wir im Advent weit öffnen, um Jesus in ihm wie in einer Krippe zu empfangen.

Schmetterlingsleicht, unbeschwert und fröhlich lässt ein achtjähriges Kind die Weihnachtsbotschaft durch den Advent zum Heiligen Abend schweben. In mittelalterlichen Verkündigungsdarstellungen brachte der Heilige Geist den Gottessohn in Gestalt einer Taube zu Maria. Hier wird der Hoffnungsträger als Mitfliegender gezeigt, der den Schmetterlingskörper selbst bildet. Die Taube als göttliche Botin ist dem leichten Schmetterling gewichen, der den Friedensboten par excellence in unsere Mitte trägt: federleicht, tanzend, frei, aber auch zerbrechlich, gefährdet, schutzbedürftig. Zudem wird mit dem Schmetterling das Thema der Verwandlung angesprochen. Nicht vom Gottessohn zu Jesus. Er behält beide Naturen, bleibt Gott und wird zugleich vollumfänglich Mensch. Das ist das erste Wunder der göttlichen Liebe.

Das zweite Wunder, das der Schmetterling durch seine Metamorphose andeutet, ist die Auferweckung Jesu zum ewigen Leben nach seiner Kreuzigung und seinem Tod. So vermittelt uns die Schmetterlingskrippe eine dreifache Hoffnung und Glaubensgewissheit: Im neugeborenen Kind wird die Hoffnung auf Leben gestärkt, im menschgewordenen Gottessohn die Hoffnung auf Versöhnung und Frieden erneuert, in seiner Auferstehung von den Toten ist er unser Tor zum ewigen Leben.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;

es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Georg Weißel, 1., 2. und 5. Strophe, EG 1, GL 298

Die Schmetterlingskrippe von Maria Hibler ist bis zum 25. Januar 2026 in der 85. Telgter Krippenkunst Ausstellung “Hoffnung” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

blind

Schwarz und plakativ hebt sich die halbseitige Büste einer Person vom hellen Hintergrund ab. Gleichzeitig wird sie von einem tuchartigen Glas überlagert, das im oberen Teil die menschlichen Gesichtszüge wiedergibt und seitlich den nicht repräsentierten Teil der Büste integriert. Die Ausformung einer Brille lenkt die Aufmerksamkeit auf die Augen. Das handgeschriebene Wort „blind“ auf einem gebrauchten Papier versetzt den Betrachter in die oft erlebten Begegnungen mit Mittellosen, die mit einem Schild vor sich um menschliche und finanzielle Zuwendung bitten.

Die in Sgraffito ausgeführte schwarze Fläche bringt allein durch die Technik zum Ausdruck, dass am Menschenbild gekratzt wurde. Dabei ist nicht die figürliche Form weggekratzt worden, sondern es verhält sich genau umgekehrt: die Erhabenheit der schwarzen Silhouette legt nahe, dass der helle Hintergrund freigelegt wurde, damit sich die dunkle Seite des Menschen von seiner Umgebung abhebt! Es geht um das wahre Wesen, den wirklichen Charakter, den inneren Kern. Es geht um die Frage, ob die Maske aufgesetzt oder fallengelassen wird.

Mit dem halbtransparenten Glas in der Form eines Gesichts greift der Künstler zum einen den griechischen Personenbegriff „prosopon“ für das „was man sehen kann“ auf, also den äußerlich sichtbaren Menschen, zum anderen spielt das aufgesetzte Glaselement auf das lateinische Wort „personare“ an, die Maske, welche Schauspieler tragen und durch welche sie sprechen. Das Glaselement ist gleichsam die Maske für den eingeschränkten visuellen Durchblick, bei dem auch die aufgesetzte Brille nicht viel zur erhofften Klarsicht beiträgt.

Subtil hinterfragt der Künstler damit unsere Seh- und Wahrnehmungsfähigkeit als auch unser oftmaliges Schwarz-Weiß-Denken, welches entscheidende Feinheiten schlichtweg übersieht. Das Relief ist ein Spiegelbild unserer Blindheit und unserer dunklen Stellen und bildet damit einen Appell an uns selbst, barmherzig und gnädig zu denken und zu handeln, um in allen Unzulänglichkeiten auch von anderen herzliche Zuwendung und Hilfe zu erhalten. Hier bewahrheitet sich die Seligpreisung in der Bergpredigt von Jesus: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“ (Mt 5,7)

Tobias Kammerer schreibt zu seinem Werk: „Zuwendung ist für mich von Nöten, da ich blind bin. Ich bin auf andere angewiesen. Ich bin nicht völlig blind, manchmal sehe ich etwas schemenhaft und meine das zu erkennen. Beim näheren Kontakt merke ich aber, dass es etwas anderes ist, manchmal etwas völlig anderes. So laufe ich oft Gefahr zu stolpern und zu fallen, weiß manchmal nicht, ob es der richtige Weg ist oder der falsche. Oft habe ich Angst und fühle mich unsicher, gerade dann sehne ich mich nach Unterstützung und Zuwendung. In diesen Momenten ist aber selten jemand da.“

 

Dieses Werk von Tobias Kammerer ist in der Ausstellung „Zu-Wendung – barmherzig sein konkret“ an folgenden Orten zu sehen:

ALLENSBACH-HEGNE
HOTEL ST. ELISABETH
der Stiftung Kloster Hegne
78476 Allenbach-Hegne, Konradistr. 1
9. November 2025 bis 1. März 2026

MOSBACH
BILDUNGSZENTRUM MOSBACH
im Ökumenischen Zentrum
74821 Mosbach, Neuburgstr. 10
15. März bis 18. April 2026

EMMENDINGEN
KATHOLISCHE KIRCHE ST. JOHANNES
mit Caritasverband für den Landkreis Emmendingen e.V.
79312 Emmendingen, Schillerstr. 16
25. April bis 22. Mai 2026

FREIBURG
WEIHBISCHOF-GNÄDINGER-HAUS
Sitz des Caritasverbandes für die Erzdiözese Freiburg e.V.
79111 Freiburg, Alois-Eckert-Str. 6
8. Juni bis 27. Juli 2026

heimwärts

Ein natürlich geformtes Bruchstück einer Moor- oder Kieseiche wird zum Träger zweier Figuren. Sachte gleitet es frei von allen Gebundenheiten durch Raum und Zeit. So konzentriert sich alles auf die Beziehung zwischen seinen beiden Passagieren: dem schlafenden Hirten und dem wachenden Schaf.

Der Hirte liegt geborgen in einer leichten Vertiefung des Holzes. Sein Kopf ruht auf einem quadratischen Kissen. Entspannt liegt seine Hand auf dem Hirtenstab, der länger ist als er selbst und dessen Form die Biegung des Holzes aufnimmt. Mit geschlossenen Augen und völlig entspannt strahlt er eine Ruhe, Gelassenheit und Hingabe aus, die über das normale Schlafen hinausgeht. Seine Brust ist von einem Kreuz gezeichnet.

Das kleine Schaf steht am Kopfende des Hirten auf einer erhöhten Stelle des gemeinsamen Gefährts. Den Hirten beobachtend und bewachend ist es ihm zugewandt. Von allen Schafen seiner Herde ist es das Einzige, das mit ihm an Bord gegangen und bei ihm geblieben ist. Es wirkt wie der Steuermann auf diesem stromlinienförmig dahingleitenden Kahn, dessen Verwitterungsspuren von seiner langen Reise zeugen.

Das Motiv wäre lediglich eine Umkehrung des Verhältnisses von Fürsorge und Abhängigkeit, wenn das Schaf nicht Jesus Christus als „Lamm Gottes“ symbolisieren würde. So steht das Lamm für die Erlösung der Menschheit durch Jesu Tod und seine Auferstehung von den Toten. Durch Christi symbolische Gegenwart weist alles auf die letzte Fahrt des Hirten hin.

Doch auch beim Hirten geht es nicht nur um das Hüten der ihm anvertrauten Schafe. Er steht exemplarisch für jeden von uns, dem Talente und Aufgaben anvertraut worden sind, die wir in unserem Tun gleichsam „gehütet“ haben. So wie Jesus Petrus beauftragt hat, seine Schafe zu weiden (vgl. Joh 21,16f), so hat er jeden von uns zu einer „Hirtenaufgabe“ für unsere Mitmenschen berufen.

Am Ende unserer Tage wird aber Jesus Christus als der Hirte par excellence mit uns durch den Tod gehen und uns zur Auferstehung ins ewige Leben führen. Das von der Seite gesehen handförmige Holz vermittelt auch, dass Gott nicht aufhört, uns zärtlich in seiner Hand zu halten und zu beschützen. So darf sich der Hirte vertrauensvoll seiner schwimmenden Barke überlassen in der Gewissheit, dass das Lamm über ihm wacht und ihn sicher heimwärts leitet.

Aktuelle Werke der Künstlerin sind bis 9. November 2025 im Malura Museum Oberdießen in der Ausstellung „Zwischen den Welten“ zu sehen.

Geheimnisvolle Verwandlung

Eine Kugel aus Papier offenbart in ihrem Innern einen unerwartet kostbaren Inhalt. Unauffällig weiß und bescheiden geben sich die Papierblätter, welche schichtweise das Innere umhüllen und es wie eine Verpackung schützen. Wäre diese Hülle oben nicht aufgerissen oder aufgeblättert, so würde von außen nichts auf den verborgenen Schatz hinweisen. Wie ein Verband oder ein Kokon umgeben die weißen Schichten die goldene Kugel, selbst überrascht, was in ihrer Mitte, unkontrolliert von den Menschen, im Verborgenen geschah. Nun umgibt das Armselige das Kostbare, das Bruchstückhafte das Vollkommene, das Irdische das Göttliche!

Wie war eine solche Metamorphose möglich, eine solche Verwandlung?

Die Kugel, die goldene Farbe und ihr Glanz lassen symbolisch auf Gott schließen, der stets wunderbar am Wirken ist, gerade im Verborgenen und weit über die Grenzen des von uns Wahrnehmbaren und Fassbaren hinaus. So auch mit dem Leben nach dem Tod. Wir vergleichen die Verwandlung gerne mit der Metamorphose der Raupe in einen Schmetterling. Auch wenn die Raupe sich bis auf winzige Teile des Gehirns zu einer breiigen Masse auflöst, sind dennoch so viele strukturgebende Informationen da, welche aus dem „Brei“ einen wunderschönen Schmetterling entstehen lassen, dessen Identität untrennbar mit der Raupe verbunden ist. Der Schmetterling entsteht nicht aus irgendeiner, sondern aus genau dieser Raupe und das auch nur einmal.

Die Kugel, die goldene Farbe und ihr Glanz lassen sich auch als göttliche Essenz in unserer vergänglichen Hülle deuten, die uns unsere einmalige Identität und Geschichte verleiht und das Bestehen durch Zeit und Sterblichkeit hindurch in die Ewigkeit garantiert. Ganz wie Paulus im ersten Brief an die Korinther schreibt: „Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden als Unverwesliche auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. Denn dieses Verwesliche muss sich mit Unverweslichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit.“ (1 Kor 15,51-53)

Paulus schreibt, dass die Verwandlung plötzlich geschehen wird, in einem Augenblick, beim letzten Weckruf durch die Posaune. Diese Verwandlung von innen nach außen ereignet sich aber schon jetzt unaufhaltsam in unserem Innern, wie es auch in der Skulptur unauffällig mit dem über den Papierrand gehenden Gold angedeutet wird. Auch wenn wir glauben, dass die endgültige Verwandlung am Ende unserer irdischen Tage von Gott vollbracht wird, so besteht doch bereits jetzt in der gleichen Kraft Gottes das Angebot, uns auf diese Verwandlung vorzubereiten, an ihr mitzuwirken, uns für sie zu disponieren. Gott bringt sich unaufhaltsam durch seinen Heiligen Geist in uns ein, damit wir durch ihn und mit ihm Christus ähnlicher werden und Gott durch uns sichtbar und erfahrbar wird. Die Skulptur ist eine Einladung, Gott in unserer Mitte groß werden zu lassen. Schon jetzt – in uns – und in der Mitte unserer Zeitgenossen und Mitmenschen.

Zusammenhalt

Was ist das Funktionsprinzip der Kontermutter? (…) [Es] besteht darin, zwei identische Muttern zu verwenden, die auf dieselbe Schraube geschraubt werden, und zwischen den beiden Muttern wird ein Anzugsmoment hinzugefügt, um die Schraubenverbindung zuverlässig zu machen.“ (https://de.phshuishun.com/)

Die Osterkerze 2025 für St. Paul [München] besteht aus einem zentralen Gewinde, auf dem senkrecht angeordnete Muttern befestigt sind. Die Kerze wurde in mehr als 100 Stunden Arbeit für Recherche, Kooperation mit einem Kerzenhersteller und einem 3 D-Spezialisten sowie Hand-Guss in Wachs mit 10% Bienenwachs durch den Bildhauer Guido Weggenmann gestaltet. Ein wesentlicher künstlerischer Ansatz des Künstlers ist es, alltägliche Gegenstände stark zu vergrößern, dadurch zu verfremden und in eine neue Realität zu bringen, die auch starke Symbolkraft entwickeln kann.

So kann diese Gestaltung der Osterkerze assoziative Deutungen eröffnen: Die Transformation des Lebens in der Auferstehung Jesu Christi steht im Mittelpunkt der christlichen Feier des Osterfestes, für die die Osterkerze Symbol ist. Das Licht der Osterkerze ist Sinnbild für die Auferstehung – ein Zeichen des Neubeginns, der Hoffnung und des göttlichen Lichts, das in die Welt strahlt.

Die von Guido Weggenmann gestaltete Osterkerze greift diese Symbolik auf und verbindet sie mit einer tiefen Bedeutung: dem Zusammenhalt der Gemeinschaft. So kann die Kerze Symbol sein „für ein festes Bündnis der Gläubigen, für die Verbundenheit jedes Einzelnen mit der Gemeinschaft und dem Glauben. Wie die Muttern das Gewinde umschließen, so hält der Zusammenhalt die Gemeinschaft zusammen – ein starkes Gefüge, das Halt gibt und gemeinsam das Licht der Hoffnung trägt.“ (Guido Weggenmann)

Ein Zusammenhalt, der in der Botschaft Jesu jede und jeden Einzelnen in den Blick nimmt: „Das will ich euch sagen: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!“ (Mt 25,40 Hoffnung für alle).

Und Paulus betont im Brief an die Galater: „Durch Christus seid ihr dazu berufen, frei zu sein, liebe Brüder und Schwestern! Aber benutzt diese Freiheit nicht als Deckmantel, um eurem alten selbstsüchtigen Wesen nachzugeben. Dient vielmehr einander in Liebe. Denn wer dieses eine Gebot befolgt: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!‘, der hat das ganze Gesetz erfüllt.“ (Gal 5,13f., Hoffnung für alle)

Guido Weggenmann: „So ist die Osterkerze Zeichen der Auferstehung und Sinnbild für die Kraft, die entsteht, wenn Menschen in Glaube, Liebe und Zuversicht vereint sind.“

Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers: Quelle

Knospenkreuz

Während bei den sogenannten Astkreuzen der Gotik durch die astförmigen Kreuzbalken ein Bezug zum Baum des Lebens hergestellt wurde, verarbeitet dieses moderne Kreuz den Begriff gleichsam wörtlich: Der ganze Korpus von Jesus ist aus einem dichten Gewirr feiner Äste mit kleinen Knospen gebildet, die von Schnüren ergänzt und zusammengehalten werden. Seine Knie sind angewinkelt, seine Arme langgestreckt durch das Hängen am Holz. Eine Schnur mit Ast wächst wie ein Verbindungskabel aus dem Kopf: Ein direkter Draht nach oben? Oder eher das Tau eines Ankers in der Tiefe?

Hans Thomann hat in ähnlicher Größe und Art auch mit Stacheldraht oder Nato-Draht Kreuzfiguren hergestellt und mit dieser Serie einen eigenen „Kreuzweg“ geschaffen. Schon die Titel der Reihe lassen mystische Tiefe und Wandlung erahnen:
JESUS – Schmerz.ER.tragen
JESUS – Schmerz.Träger
JESUS – Schmerz.Wandl.ER
JESUS – hinter dem Schmerz

In der Figur „JESUS – hinter dem Schmerz“ sind die mörderischen Dornen und messerscharfen Widerhaken zu Knospen geworden. Die kleinen Kugeln stehen ab, greifen sich unbequem an, lassen aber neu begreifen, dass Tod und Leben in Christus ganz nahe beieinanderliegen und sich durchwirken. Sie machen deutlich, dass bereits in Christi Tod die vielfältigen Knospen des Lebens gegenwärtig sind und bereit aufzubrechen. In den scheinbar toten Ästen pulsiert schon das Leben, das mit den heranwachsenden Knospen und den sich daraus entfaltenden Blüten der ganzen Welt seine überwältigende Kraft zeigen will. Hinter dem Schmerz vergegenwärtigt die Vergangenheit als auch die Zukunft Schmerz und Erlösung zugleich. Die Figur lässt die Bedeutung des Schmerzes spüren und wendet den Blick auf das gerade dadurch Vollbrachte und Vollendete. So wird das „Knospenkreuz“ zum Träger der Hoffnung und der Zuversicht, wie sie auch im Gottesknechtslied vom Propheten Jesaja besungen wird:

„Wie sich viele über dich entsetzt haben – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen …, Vor seinen [des Herrn] Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, / wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. … Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht.“ (Jesaja 52,14; 53,2-5.10a-c.11a)

Gefangener seiner selbst

Unnatürlich ist dieser Mensch in sich selbst verkrümmt. Weder eine schwere äußere Last noch die Zeichnung des Körpers durch eine Krankheit sind zu erkennen. Die fehlenden Unterarme und Hände deuten seine Handlungsunfähigkeit an. Eine unsichtbare innere Kraft hat sich seiner bemächtigt und ihn gleichsam gefesselt in die Knie gezwungen. Leid und Schmerz sind dem Gebeugten anzusehen, der in dieser entwürdigenden Haltung entstellt wird.

Eigenartig ist die Ich-Bezogenheit dieses Menschen. Er ist so in sich verdreht und verkrümmt, dass er unentwegt seinen eigenen Bauch schaut. Die Nabelschau erklärt die Haltung dieser Person, steht sie doch für eine übertriebene Beschäftigung mit sich selbst. Der Begriff „ist gewöhnlich mit einer negativen Bewertung verbunden, denn er vermittelt die Vorstellung einer übertriebenen, unfruchtbaren Beschäftigung mit der eigenen Person oder Gruppe, die von wichtigeren Aufgaben ablenkt und eine nötige Hinwendung zur Umwelt verhindert.“ (Duden, 10 Bde., Mannheim 1999, S. 2673).

Der in sich selbst verkrümmte Mensch (lat. homo incurvatus in se) charakterisiert seit Augustinus in der christlichen Theologie die übertriebene Selbstbezogenheit des Menschen als das Wesen der Sünde. Der um sich selbst kreisende Mensch verliert den Blick und das Herz für Gott und den Nächsten. Das durch Jesus bestätigte Gebot der primären Gottesliebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27) wird von ihm verkannt und ins Gegenteil verdreht. Martin Luther übernimmt das Bild des sündigen Menschen als in sich gekrümmtes Wesen und stellt ihm die göttliche Gnade gegenüber. Die Abwendung von Gott und Hinwendung zu sich selbst wird zur Sünde, weil sie dem Menschen den Zugang zur Gnade verschließt, die ihn nach Luther allein retten kann (sola gratia).

Ist für den Homo incurvatus nun alles verloren? Der Mensch vermag aus sich selbst keinen anderen zu machen als er ist. Er ist auf Unterstützung und einen Impuls von außen angewiesen. Das Knien der Figur kann als Zeichen der Demut und Bereitschaft zur Umkehr gedeutet werden. Der Mensch hat sich bereits klein gemacht, ist still geworden und hält sich orientierend inne. Im Ablegen von Selbstsicherheit und Vorurteilen, Besserwisserei und dem eigenen Recht-haben-Wollen, letztlich auch der heute so hypen Selbstverwirklichung, kann der andere und vor allem Gott in seinem Leben einen Platz erhalten.

Gottes Barmherzigkeit und sein Wirken werden ihn aufrichten und ihm einer Geburt gleich einen Neuanfang schenken, der nicht so weit weg ist vom Bisherigen und doch eine ganz andere Weltanschauung beinhaltet. Es ist ein Aufbruch aus der Gottverlorenheit in die Wahrheit Gottes, die in unserer Mitte darauf wartet, entdeckt und geboren zu werden, um uns von innen heraus aufzurichten und zu freien Menschen zu formen. Eine solche Umwandlung des Lebens erfüllt mit Freude und einer Liebe, die sich nicht mehr nach sich selbst umschaut, sondern großzügig geben und sich an andere verschenken kann.

Die Skulpturen von Annette Zappe sind vom 8. März bis 24. Mai 2025 im Münsterforum in Freiburg ausgestellt.

Gesucht: Retter und Erlöser

Wäre da nicht der mächtige Stern mit seinem langen Schweif, würde man die Szene in dem tristen Gefängnishof wahrscheinlich nicht mit der Geburt Jesu in Verbindung bringen, denn es ist nirgends ein Neugeborenes zu sehen. Vielmehr muss Jesus gesucht und gefunden werden, wie es das englische Wort WANTED über der Wandzeichnung des erwachsenen Jesus andeutet.

Aus der Sehnsucht nach Jesus ist im Gespräch mit Gefangenen, den Seelsorgern und dem Künstler diese Kontrast-Krippe entstanden. Es war ihnen wichtig, dass Jesus auch zu ihnen kommt, mitten im Gefängnisalltag, fast unbemerkt. So sitzt Jesus denn als junger Gefangener wartend auf der kargen Pritsche – wie viele von ihnen. Doch seine überkreuzten Arme und Beine deuten bereits seinen Tod am Kreuz an. Er selbst scheint von oben her gekommen zu sein, da seine Füße als einzige der Figuren keine Bodenhaftung haben. Frontal schaut er uns Betrachter an. Was will er uns wohl sagen?

Drei Frauen und zwei Männer sind heute zu Besuch bei ihm. Sie sind ihm zugewandt und ihre Hände weisen auf ihn als Hauptperson hin. Maria trägt mit ihren Blue-Jeans und der roten Kitteljacke ihre traditionellen Farben. Darunter ein weißes Shirt, das auf ihre Reinheit und Unbeflecktheit deutet. Ihr gegenüber steht nicht Josef, sondern ein älterer Mann. Denn wenn die Eltern fehlen, sind es oft die Großeltern, die weiter zu den Jugendlichen halten und nicht selten die Elternrolle übernehmen. Auch die anderen drei Besucher sind anders als die drei Könige besetzt, auch wenn die Frau im knallgrünen Mantel eine Königskrone trägt. Sie verkörpert die Hoffnung und den Sieg über die gegenwärtigen Leiden. Ihr gegenüber verweist eine aufrecht und streng stehende Anwältin mit dem roten Gesetzbuch auf Rechte und Pflichten, die einzuhalten sind, um wieder in die Freiheit zurückkehren zu können. Der dritte Besucher macht Jesus in der Gestalt eines Wärters seine Aufwartung. Er trägt ein Funkgerät, um jederzeit Hilfe rufen zu können, Verstärkung, wenn Gefahr im Verzug ist. Hinter seiner grau getönten Brille und in der Dienstkleidung verschwindet er in der Anonymität eines Staatsdieners. Er sieht nichts, aber er hört offenbar. Könnte das Funkgerät trotz allem auch für die Kommunikation mit Gott stehen?

Aus dem dunklen Zellentrakt eilt mit großen Schritten ein beflügelter Mann in den lichten Innenhof. Seine beige Latzhose beschreibt ihn als Handwerker, doch seine Flügel weisen ihn als Boten Gottes aus. Die coole, schwarze Sonnenbrille lässt ihn wie einen Blinden daherkommen, der von einer inneren Kraft erfüllt dem Betrachter mit lauter Stimme eine frohe und befreiende Nachricht verkündet. Doch niemand scheint dem hippen Himmelsstürmer Beachtung zu schenken. Nur einer der drei Kartenspieler schaut staunend auf das unglaubliche Geschehen, so dass seine linke Hand herunterhängt und ein Teil seiner Karten für seine beiden Mitspieler sichtbar wird. Trotzdem hängen ihre Blicke gebannt an seinem erstaunten Gesichtsausdruck, der den suchenden Betrachter über den Engel wieder zur Hauptperson zurückführt.

WANTED – gesucht, ersehnt, erwartet wird der Retter und Erlöser, der mit dem Einsatz seines Lebens und seines Blutes – die rot verschmierten Wände deuten es an – alle Schuld sühnt und Gefangene befreit. Könnte es sein, dass der Engel uns zuruft: „Komm! Komm zu uns! Raus aus den immer gleichen Konventionen deines Weihnachtsfestes. Hier, am Rande der Gesellschaft, ganz unten, wo Jesus auch geboren wurde, da kannst Du Weihnachten ganz neu und anders erleben.“

Zum Entstehungsprozess der Gefängniskrippe aus dem Ausstellungskatalog: „Ist das überhaupt eine Krippe? Da gibt es keinen Stall, sondern eine Zelle mit einer schmalen Pritsche, einem vergitterten Fenster und einem Fernseher an der Wand. Auch die Heilige Familie fehlt; stattdessen sitzt ein junger Gefangener zusammengesunken auf dem Bett, daneben stehen eine Mutter und ein Großvater als Besuch. „Auf den ersten Blick war ich erschrocken“, erzählt ein Gefangener. „Aber je mehr ich geschaut habe, desto mehr wurde mir klar: Jou, das sind wir. Das ist mitten im Leben – und nicht die heile Welt.“ „Wir wollten die Lebensrealität der Gefangenen hineinbringen in die Krippe“, erklärt Gefängnisseelsorger Michael King. „Darum haben wir Inhaftierte gefragt: Was hat die Geburt Jesu eigentlich mit uns im Gefängnis zu tun?“ Michael King und sein Kollege Stefan Thünemann waren es, die den Künstler Rudi Bannwarth eingeladen haben, gemeinsam mit Gefangenen eine Knastkrippe zu gestalten. Im Gespräch entstanden ganz spezielle Gedankenverbindungen zum traditionellen Krippenpersonal: Maria? Das ist die Mutter, die sich weiter um ihren Jungen sorgt – ein hochsensibles Thema für die Gefangenen, wie Stefan Thünemann erklärt. Beleidigungen der Mutter gehören denn auch zu den hochexplosiven Situationen im Knast. „Da weiß man, dass es am nächsten Tag richtig Stress gibt“, erklärt W., ein weiterer jugendlicher Gefangener. Was ist mit Josef? Der wird zum Großvater – denn die Väter fehlen oft, und es sind die Großeltern, die weiter zu den Jugendlichen halten und nicht selten die Elternrolle übernehmen. Der Verkündigungsengel? Ein cooler Typ, wie es sie haufenweise gibt im Gefängnis. Und das Jesuskind? Das blieb lange offen. Schließlich wurde es ein jugendlicher Gefangener – ein Mensch an einem dunklen, unangenehmen Ort. Geburt Jesu – das bedeutet, Gott kommt runter vom Himmel, auch dahin, wo es nicht gut ist. Kann ich ihm also auch im Knast begegnen?“ (Michael King in „Heller Stern“ – 84. Telgter Krippenkunst Ausstellung, 2024, S. 21)

 

Die Krippe von Rudi Bannwarth ist bis zum 26. Januar 2025 in der 84. Telgter Krippenkunst Ausstellung “Heller Stern” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

Lichtstel(l)e

Dunkel gekleidet ragt die rechteckige Metallplatte in den Raum und gebietet mit ihrer einfachen Gestalt Einhalt und Ruhe. Ihr Verhältnis von Höhe zu Breite erinnert an menschliche Proportionen. Verschlossen stände die Bronzestele da, wäre da nicht die aufgebrochene Oberfläche, die einen Blick in das Innere freigibt. Fein leuchtet Gold hinter der schwarz-grün patinierten Oberfläche dem Betrachter entgegen, geheimnisvoll von einer verborgenen Kraft im Innern der Stele erzählend.

Dieser Aufbruch verändert alles. Das Verschlossene öffnet sich und offenbart Hoffnung, in der Dunkelheit strahlt Licht auf und zeigt, wie verletzlich die vermeintliche Panzerung der Metallplatte ist. Die kreuzförmige Öffnung der Oberfläche nimmt in einem von tief unten aufsteigenden Riss ihren Anfang. Der Aufbruch geschah nicht plötzlich, sondern hatte seinen Vorlauf in der Materie und in der Zeit. Sein Ursprung liegt in der Tiefe. Die feine Bruchlinie ist bereits die Ankündigung eines größeren Geschehens, das sich weiter oben offenbart.

Der Künstler schreibt dazu:
Dort, wo wir die Verzweiflung zulassen,
wo wir die Dunkelheit annehmen,
werden wir mitten in der Verzweiflung einen Funken Hoffnung
und in der Finsternis einen Spalt Licht entdecken.

Kreuzförmig bricht das Metall von innen oder von hinten her auf und verweist auf das Kreuz Jesu. In der größten menschlichen Dunkelheit, in der Gottes Sohn hingerichtet wurde, offenbarte Gott lichtvoll sein Innerstes. Das Kreuz bleibt nicht als dunkles Ereignis stehen, sondern wird von der Liebe Gottes hell erleuchtet. Statt Dunkelheit und Tod erfolgt der Durchbruch zum Licht und ewigen Leben.

In der Verletzung der Oberfläche an der Bruchstelle wird der Lichtblick sichtbar und lässt uns spüren, dass hinter jeder Dunkelheit ein Licht leuchtet. Verletzungen und Wunden, welche den wahren Kern erkennen lassen, beinhalten die Chance eines Aufbruchs. Sie sind eine schmerzhafte Öffnung in eine neue Lebenswirklichkeit mit Parallelen zu einer Geburt oder der Entwicklung einer Knospe zu einer Blüte. Die Wahrheit kann nicht unendlich lange unterdrückt oder verborgen werden. Irgendwann durchbricht ihr Licht jede noch so harte Schale – wie eine Pflanze den Asphalt – und zeugt von der wahren Kraft des Lebens. Unendlich zart und verletzlich – und doch stärker als jede Dunkelheit.

„Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,5)

Heiliger Berg

Mächtig erhebt sich die zweieinhalb Meter hohe Bildskulptur, bei der sich faltenreicher Stoff zu einem dreieckigen Berg auftürmt. Ein weiteres Tuch liegt oben auf, so dass der Ursprung der sich strahlenförmig nach unten weitenden Falten nicht sichtbar ist. Vor dem großen Faltenwurf liegt ein drittes Tuch am Boden.

Die üppigen Falten scheinen etwas zu verbergen, ebenso wie das textile Gewebe selbst oder das angehäufte Material. Schillernd wird ein Geheimnis angedeutet, die nackte Wahrheit mit einem Kleid bedeckt, es umhüllend und ihm eine äußere Gestalt gebend, ohne etwas von seinem inneren Wesen preiszugeben.

Und dennoch: Etwas Banales wird nicht verhüllt, geschützt oder mit kostbaren Materialien umgeben. Aber für die Auf-Bewahrung des Heiligen werden keine Kosten gescheut, um ihm eine angemessene Wohnstatt zu geben, einen Aufenthaltsort, der von seiner Größe und Herrlichkeit erzählt. Übermenschlich groß wirkt das in einem Dreieck herabfallende Tuch, das trotz seiner Abstraktheit fast menschlich gegenübertritt. Es verbirgt etwas Größeres als wir Menschen sind und die dreieckige Silhouette steht für das Geistige überhaupt. Kostbare Materialien wie Blattgold, Weißsilber und Platin auf einer Marmor- und Alabastergrundierung veredeln die Bildskulptur äußerlich zu einem Tabernakel des Heiligen und Göttlichen.

Der dreieckige Faltenwurf erinnert auch an weite, stark gefaltete Röcke von Frauen und lässt daher zusammen mit dem aufliegenden Tuch an Pietàdarstellungen denken, bei denen der Leichnam Jesu auf dem Schoß Mariens liegt. Die roten Farbstellen im unteren Bereich vermögen seine Passion anzudeuten, sein Leiden, seinen Schmerz, sein vergossenes Blut. Gleichzeitig erzählt die Skulptur unter diesem Aspekt betrachtet von der Größe Mariens, von ihrer Stärke. Der Faltenwurf wirkt wie ein Zelt, in dem der Ewige temporär auf Erden wohnt (vgl. Offenbarungszelt, Ex 33,7-20; Num 12,4-6), ein vorübergehender Schutzraum, wie nur Frauen ihn während der Schwangerschaft zu geben vermögen.

Insofern öffnet die Skulptur einen weiten Assoziationsraum, in dem das Transzendente und Heilige in einer kostbaren, aber dennoch vergänglichen irdischen Wohnung Platz nimmt als auch Jesus andeutet von seiner Empfängnis bis zu seinem letzten Ruhen im Schosse Mariens. Das Velum, wie die Künstlerin die Skulptur nennt, ist so nicht nur verbergender Schleier oder prachtvolle Draperie, sondern auch ein offenbarendes Kommunikationsobjekt, durch das der interessierte Betrachter viel über den Unsichtbaren erfahren und mit ihm ins Gespräch kommen kann. Eine spirituelle Perspektive, die auch das vor der Skulptur liegende Stück Tuch, das unsere Einsamkeit, Verlorenheit und Bedürftigkeit verkörpern mag, in die Skulptur aufnimmt und uns das Erhabene als auch das Erhebende des Heiligen erleben lässt.

Mein Auge schaut den Berg hinan, dort kommt mir Hilfe her;
von Gott wird mir die Hilfe nahn, der Land erschuf und Meer.
Getrost! dein Fuß geht nimmer fehl, dein Hüter kennt nicht Ruh;
nicht schließt dein Wächter, Israel, sein Aug im Schlafe zu.
Der Herr, dein Schutz und Schatten, hält an deiner Rechten Wacht,
dass tags die Sonne dich nicht quält und nicht der Mond bei Nacht.
Gott lässt kein Übel dir geschehn, dein Leben ist geweiht.
Er schützt dein Kommen und dein Gehn jetzt und in Ewigkeit.

(Franz A. Herzog nach Ps 121; Kath. Gesangsbuch der Schweiz Nr. 550)

 

Die Skulptur wird vom 23. März bis 22. April 2025 in der reformierten Kirche Therwil (BL/Schweiz) ausgestellt sein.

Kraftquelle

Ein Mensch wird bis zur Brust von einem voluminös quellenden Gebilde aus Gold umhüllt. Wer einen solchen Wolkenberg zu tragen vermag, muss wie Herkules ein gutes Stehvermögen haben und mit Belastungen umgehen können.

Zwar lässt sich in einer Wolke nichts sehen und sie verhüllt die obere Hälfte bis zur Unsichtbarkeit, aber wenn sich eine Wolke auf einem Menschen niederlässt, ist das zweifellos eine besondere Begegnung und ein auf ein heiliges Geschehen deutendes Zeichen. Denn in Wolke und Mensch berühren und durchdringen sich Vertreter von Himmel und Erde: Die von Gottes Herrlichkeit leuchtende Wolke und der in der Farbe des Himmels gewandete, aufrecht stehende Mensch. Eine mystische Verbindung.

In heilige Sphären wagt sich der nach Gott suchende Mensch, in denen er selbst nichts mehr zu sehen oder zu ergreifen vermag, aber in seinem Vertrauen von Gott gesehen und ergriffen wird. So ist die goldene Wolke ein ursprüngliches Symbol, in der sich Gott dem Menschen nah und erfahrbar macht, aber zugleich un(be)greifbar bleibt (vgl. Ex 40,34).

Dieses Symbolverständnis lässt das Wunderbare erahnen, das in dieser Skulptur angedeutet wird: Gott erniedrigt sich und lässt sich auf und im Menschen nieder, um ihn das ungleich Größere, das ihn erwartet, ansatzweise und spurenhaft erfahren zu lassen. Ein Mensch, der sich in göttliche Sphären hineinwagt, lässt sich von Gott ergreifen, umarmen, wärmen und verwandeln. Der Mensch lässt durch das Wolkenbad Wandlung zu, die äußerlich aufsehenerregend, aber innerlich wirksam ist. So wie die Sakramente, z.B. die Taufe, Kommunion oder Konfirmation und die Firmung, äußere Zeichen sind, die aber Innerliches bewirken. Ähnlich wurden Mose auf dem Berg Sinai, Jesus bei der Verklärung oder Christus nach seiner Auferstehung bei der Aufnahme in den Himmel geführt, erleuchtet und verwandelt. Menschen suchen Zuflucht – Gott schenkt Geborgenheit, indem er Menschen in sich birgt, in seinen Wolken-Berg aufnimmt, (ver-Berg-t) und sie die Tiefen und gleichzeitig auch die Höhen wahrnehmen lässt.

Die innige Begegnung mit Gott, wie sie im Eintauchen in das Gebet, in der Meditation oder Kontemplation geschieht, wird zur Kraftquelle, die befähigt, den Kopf angesichts des Leides in der Welt nicht in den Sand zu stecken, sondern ihn weltoffen für den Nächsten einzusetzen.

Gottesbo(o)te

Sieben Boote ankern unter einem luftigen Überbau. Die Boote leuchten innen golden, den Überbau krönt die Konstruktion eines Kreuzdaches, das zum Himmel hin genau so offen ist wie seitlich in alle Richtungen.

Damit bildet der Überbau einen besonderen und geradezu sakralen Versammlungsort. In aller Offenheit wird unter dem Zeichen des Kreuzes lebendige Gemeinschaft untereinander und mit Gott gefeiert. Die Zahl sieben deutet die Vollkommenheit und Heiligkeit der kleinen Gruppe an, die sich hier zusammengefunden hat.

Die Boote sind nicht mehr befüllt mit allem möglichen Ballast, der sich im Laufe der Zeit angesammelt hat, sondern leer und frei, um etwas Immaterielles oder Heiliges in sich aufzunehmen. Ihr innerer goldener Glanz lässt darauf schließen, dass sich bereits Segen auf sie ergossen hat und sie mit Kraft und Stärke erfüllt wurden. Beladen mit ihrer kostbaren Fracht, dem göttlichen Abglanz, seinem Heiligen Geist oder Gottes Wort können sie von diesem Landungsplatz gestärkt in alle Richtungen aufbrechen, um die Botschaft von ihrer goldenen Mitte, Jesus Christus, all denen zu verkünden, die interessiert sind.

Die Sonnenboote voller Licht und Leben künden von einer österlichen Verwandlung in neue Menschen, die in dieser Welt leben und doch auch ganz aus Gott und für Gott, so wie es der Apostel Paulus den Gläubigen in Rom empfiehlt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“ (Röm 12,2)

Die Skulptur lädt ein, selbst zu einem von innen her leuchtenden Sonnen- oder Gottesboot bzw. Gottesboten zu werden: Am Anfang im Unterstellen unter seinen Segen und zum Beladen der geistigen Botschaft. Dann im mutigen Aufbruch zur Reise nach draußen. Dennoch auch immer wieder einkehrend zur inneren Sammlung, um das Denken erneuern zu lassen, weiterhin Gottes Willen zu erkennen und sein Bote zu bleiben. Und schließlich, am Lebensende, durch die Rückkehr, um bei Ihm einen ewigen Ankerplatz, eine schützende Heimat zu finden.

Aktuelle Ausstellung bis 1. Juni 2024 in der Galerie Kunststücke in München

Innewohnen

Das eine:
groß, transparent
gerüstartig durchlässig
ein Haus andeutend,
mehr Überbau als Umbau
mit Eckpunkten luftigen Freiraum umfassend
eine Trägerkonstruktion mit Flecken
Patina, Zeitspuren

und doch …
geerdete Basis
schützende Behausung
mannshohes Gegenüber
atmender Umraum
das Kostbare im Innern bergend
Zugang gewährend
Aufbau ermöglichend

Das andere:
kleiner, unzugänglich umwandet
golden leuchtend
unangepasst schräg stehend
beinahe aneckend
fremd in vertrautem Raum
getragen in der Tiefe des Seins
ein erratischer Block?

und doch …
einfach da und kostbar
wie ein Schrein
das Heilige bewahrend
zum Himmel weisend
geheimnisvolle Präsenz
verborgene Gegenwart
überzeitliche Vollendung

Haus im Haus
Einhausung im Zeitlichen
Innewohnen des Göttlichen
goldene Mitte im Irdischen
Er hat sich klein gemacht
um uns groß zu machen
Ihn im Innern tragend
meinem Haus zum Segen

In Erwartung

Eine junge Frau steht aufrecht mit verschränkten Händen über ihrem leicht gewölbten Bauch. Ihr Kopf ist leicht nach vorne geneigt, so dass eine zusätzliche Aufmerksamkeit auf ihren Händen und ihrem Bauch liegt. In der ganzen Körperhaltung ist die Frau ganz bei sich und in sich versunken. Es ist eine Innigkeit zu spüren, ein In-sich-Hineinspüren, die neue Schöpfung, das werdende Kind in sich wahrnehmend. Sie ist guter Hoffnung – wie man früher sagte – und diese Hoffnung scheint sie im Gebet vertrauensvoll in die Hände Gottes zu legen, damit alles gut werde.

Die expressive Bearbeitung des Holzes mit den tiefen Einschnitten lässt ahnen, dass eine Schwangerschaft keine Selbstverständlichkeit ist und das werdende Kind stets existenziell bedroht ist. Auch für die Mutter ist eine Schwangerschaft „kein Spaziergang“. Das Kind in ihrem Leib verändert auch ihr Leben durch und durch. Die Zeit der Erwartung ist eine Zeit der Ungewissheit: Was wird aus dem Kind werden? Wird es gesund sein? Wem wird es gleichen? Wie wird sich mein Leben durch das Kind verändern?

Wie eine Heilige steht die Frau auf dem Holzsockel. Sie ist erhöht – ist sie die Heilige der Erwartung? Die Frau, die in Demut ihre Aufgabe annimmt, dem Leben in ihr einen Platz zu geben und ihr Leben dafür hinzugeben in der Zurücknahme von sich selbst, damit das neue Andere in ihr groß werden kann und so eigenständig, dass es nach der Geburt alleine lebensfähig ist?

Auch der Advent ist eine Zeit der Erwartung. Die Adventszeit ist ein Gehen mit Maria und ihrem Kind , damit Jesus auch in uns groß werde, um ihn in der Heiligen Nacht mit Maria zu „gebären“. So wie schwangere Frauen eine ganz eigene Ausstrahlung haben, so möchte Jesus auch durch unser Tun, unsere Lebensweise und Lebenshaltung wahrgenommen werden. Eine stille Zeit der Freude soll uns beseelen. Was für eine Gnade, Gottesträger zu sein. Das himmlische Kind im und unterm Herzen zu tragen, um ihn in den dunkelsten Nächten den Bedürftigen und Armen als Licht der Welt zu schenken mit der Botschaft der Hoffnung und Freude, dass sie nicht allein sind, sondern gesehen werden von Immanuel, vom „Gott mit uns“ (vgl. Jes 7,14 / Mt 1,23).

 

I M M A N U – E L               (Wladimir Solowjow)

Ins Zeitendunkel ist die Nacht entschwunden,
In der ein Stern erstrahlte – klar und hell,
In der sich Erd‘ und Himmel neu verbunden,
In der geboren ward Immanu-El.

Zwar vieles könnte heut‘ nicht mehr geschehen:
Dass Hirten hör‘n der Engel Lobgesang,
Dass heil‘ge Könige zum Himmel sehen
Und folgen dann des neuen Sternes Gang.

Doch in der Flucht der Zeit bleibt unverloren
Das Ewige, das uns erschien in jener Nacht.
Von neuem wird das WORT in dir geboren,
Das einst im Stalle ward zur Welt gebracht.

Ja! Gott mit uns – nicht dort, in Himmelszelten
Und nicht in Sturmeswehn, in Feuer nicht und Streit,
Und nicht in Fernen unerforschter Welten,
Und nicht im Nebel der Vergangenheit.

Nein: hier und jetzt: im eitlen Weltgetriebe,
Im trüben Lebensfluss, im Alltagstrott
Tönt uns die Botschaft von der ew‘gen Liebe:
Besiegt sind Not und Tod – mit uns ist Gott.

Konzilium

Zwei Figurenpaare in langen Gewändern stehen sich auf einem von Einschnitten zerklüfteten Stück Holz gegenüber. Es ist ein Gipfeltreffen auf einer kleinen Insel, vielleicht sogar auf der letzten, wo auch immer treibenden Scholle. Die vier Abgeordneten erscheinen bescheiden als Würdenträger, als Autoritäten mit der Befugnis zu besprechen und zu verhandeln.

Thematisch könnte es – wie es das von Motorsägen zerfurchte Stück Eichenholz, der achtlos zurückgebliebene „Zwischenraum“ andeutet – um die letzten Dinge gehen. Es könnte um all das gehen, was voneinander trennt, die tiefen Gräben zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen gegensätzlichen Vorstellungen und Prinzipien, für die die Figuren stehen.

Die Beratung findet an einem außerordentlichen Ort statt. Er zeigt auf, was alles repariert und überwunden werden muss, um den Boden, auf dem sie stehen wieder ganz und begehbar zu machen. Es geht um alles. Es geht um’s Prinzip.

Doch wer sind die vier Persönlichkeiten? Ihre Attribute sind minimal. Die Personen treten paarweise einander gegenüber, so dass zwischen ihnen eine – möglicherweise gegensätzliche – Beziehung entsteht. Sie erinnern an die Jünger, die Jesus zu zweit als Vorboten in die Orte ausgesandt hat, in die er selbst gehen wollte (vgl. Lk 10,1). Die Person mit dem Stab in der Hand hat etwas von einem Wanderer, von einem Hirten, aber auch von einem Herold, der im Namen seines Herrn eine Botschaft zu verkünden hat. Andererseits vermag der Stab auf den Brauch zu verweisen, dass Könige und Richter bei der Rechtsprechung einen Richterstab gehalten haben. Bei einer allegorischen Interpretation könnte der Stabträger deshalb für die Gerechtigkeit stehen. Ausgehend von Psalm 85 Vers 11, in dem grundlegende ethische Prinzipien – früher als „göttliche Tugenden“ bezeichnet – sich paarweise gegenüberstehen, könnte der stille Begleiter zur Linken der Gerechtigkeit die Wahrheit sein, charakterisiert durch die dreieckigen Teilformen, die auf Gott als ihre Quelle verweisen. Ihnen gegenüber die Gnade, Huld oder Barmherzigkeit mit dem Frieden an ihrer Seite. Dabei charakterisiert sich die Barmherzigkeit durch einen Riss, der tief einschneidend von der Brust nach unten führt.

So wie im Psalm Gnade und Wahrheit, Gerechtigkeit und Friede Zeichen von Gottes Nähe und Heil sind, so künden die vier allegorischen Figuren in ihrem konziliarischen Bemühen von der Überwindung von Meinungsverschiedenheiten und Glaubensgräben als auch von der Versöhnung der Gegensätze und zerstörerischen Verletzungen im Kommen des HERRN, der uns die Zusage gegeben hat: „Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) Diese Zeitenwende ist mit der Geburt Jesu geschichtlich bereits eingetreten, so dass die Menschen durch Jesus Christus erlöst und befreit sind von den Forderungen des Gesetzes, die Gegensätze versöhnt und die Gräben überwunden sind. Zumindest für die, die daran glauben. (vgl. Joh 3,16f)

In dem Sinne wird das weggeworfene Stück Holz zum Symbol für Jesus selbst. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“ (Mk 12,10) Jesus ist das tragende Fundament und verbindende Element, Er ist das Boot, das die Gläubigen über Abgründe und durch die Stürme trägt. Das zerklüftete Holz vermag selbst auf das Leiden am Kreuz zu verweisen, an dem Jesus aus Liebe zu uns für unsere Sünden gestorben ist.

Psalm 85,9-14
Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der HERR seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden. Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserm Land. Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich. Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder. Ja, der HERR gibt Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag. Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.

 

Arbeiten von Annette Zappe sind bis zum 14. April 2024 in der Schatzkammer des Museums Kloster Kamp in der Einzelausstellung „SchittWeise“ ausgestellt und zu besichtigen.

Die Kathedrale

Vor und in einer terrassenförmigen Landschaft erhebt sich fast unsichtbar ein hochaufragendes, sakrales Bauwerk. Unsichtbar, weil die kleinteilige Struktur der unregelmäßig verteilten und ungleich großen, dunklen Fenster sich über das ganze Relief verteilt. Die Kathedrale hebt sich nur durch ihre vertikale Gliederung von den horizontalen Terrassen des Fundamentes oder des Hintergrundes ab. Ihr Baumaterial besteht aus dem gleichen Rotbuchenholz wie ihr Umfeld, doch ihre Zeichen wachsen transzendent über das Vergängliche hinaus.

Als Relief mit Erhöhungen und Vertiefungen geschnitzt bildet es einen unwirklichen Raum zwischen flachem Bild und dreidimensionalem Architekturmodell, der gleichzeitig vermittelnd die alles übersteigende Wirklichkeit zur Sprache bringt.

Der Einstieg in die Höhe, die zum Höchsten und in die Tiefe, die zum Tiefsten und alles Tragenden führt, beginnt am unteren Reliefrand. Pyramidenförmig sich zuspitzend führen 23 Stufen hinauf zur schmalen kleinen Eingangstür unter einem sich immer weiter verkleinernden Torbogen. Die nach oben weisende Dreiecksform wiederholt sich im Giebel der Eingangshalle, über dem sich die Fassade des fünfschiffigen Langhauses erhebt, dessen Dach wiederum steil nach oben zu den fünf Türmen weist.

Frau Dr. Renftle, die Kuratorin der Ausstellung „Geöffnet – Verschlossen“ in Biberach schreibt dazu treffend: „Das Tor hat ebenso viel räumlich abgestufte Tiefendimension wie die Treppe ein mühsam zu erklimmender, vielstufiger Berg ist. Diese hohen, vielteilig gegliederten und emporgeschichteten Kathedralfassaden können als ein Gleichnis auf die Schöpfung oder das Himmlische Jerusalem angesehen werden – wer hineingelangen möchte, muss sich erst auf dem steilen Stufenberg hinauf quälen – zwar wird er bald von schwingenden Rundbögen beschirmt, das Ziel jedoch erscheint fern und klein wie ein Schlüsselloch. Dieses letzte Tor wirkt im Gesamtgefüge ungeheuer winzig und doch hält es die gesamte, vielfach perforierte, höchst unruhige Komposition im Innersten zusammen, fokussiert das ganze Gewimmel auf das Nadelöhr, durch das ein Jeder hindurch finden muss, will er sich das Reich erschließen, das dieser Kathedralen-Kosmos versinnbildlicht. Die archetypischen Symbole von Treppe und Tor sind hier ebenso dynamisch wie untrennbar verbunden: Das Eine bedingt das Andere, das Aufsteigen ermöglicht erst das Eintreten.“ (Renftle S. 43)

Zwei weitere Beobachtungen kommen dazu: Zum einen führen die Treppe und der Torbogen in die Tiefe. Sie führen über viele Stufen und Abstufungen in die Tiefe des Glaubensgebäudes, weit hinein in die symmetrische Mitte, die vertikal alles im Gleichgewicht hält. Das Eintreten bildet für den Betrachter gleich dem real Eintretenden ein Schlüsselerlebnis, das ihn mittet, ihnen sakramental die verlorene Mitte und damit das seelische Gleichgewicht wiederschenkt. Das erhebt den Menschen weit über sich hinaus in himmlische Sphären, verbindet ihn unsichtbar mit seinem Schöpfer und Herrn, der Mitte und alles in allem ist.

Das vierte archetypische Symbol neben Treppe, Tor und Tiefe ist die Höhe. Die hochaufragende Kathedrale versinnbildlicht mit ihrer feinen Gliederung und edlen Gestaltung den Sitz des Bischofs. In ihrer vertikalen Fächerung bietet sie Schutz, in ihrer horizontalen Gliederung breitet sie empfangend einladend die Arme aus. Im übertragenen Sinn spricht diese Kathedrale die Einladung Jesu aus: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. “ (Mt 11,28) „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen, …“ (Joh 14,2) Jesus selbst ist der Gastgeber in dieser Kathedrale, die mit ihren Fenstern wie eine Stadt, in ihrer weißen Gestalt wie das himmlische Jerusalem, die verheißene Stadt, das neue Paradies wirkt.

„Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.“ (Offb 21,2-3)

Das Bild ist in der Themenausstellung „Geöffnet – Verschlossen. Tür und Tor in der bildenden Kunst“ bis zum 24. November 2023 in der Galerie der Stiftung BC – pro arte in Biberach zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit allen Werken und einer umfassenden kunstgeschichtlichen Einführung der Kuratorin Dr. Barbara Renftle erschienen.

Kreisen um die goldene Mitte

Rote Linien oder besser gebogene Holzstäbe sind in der dreidimensionalen Skulptur spielerisch mit der goldenen Mitte im Dialog.

Drei Ovale umkreisen die Mitte und definieren das Kreisen in seiner dreifachen Wiederholung als etwas Bestimmtes, Sicheres, vielleicht sogar als etwas Heiliges. In ihrer Gesamterscheinung geben sie der Skulptur das Aussehen eines Sonnensystems oder auch eines großen Auges.

Sechs zur Mitte hin gebogene Linien sind ein weiterer Ausdruck des Dialogs mit dem Zentrum. Von außen kommend nähern sie sich der Mitte mehr oder weniger und entfernen sich dann wieder. Dabei kreuzen sie die konzentrischen Linien und bilden eine Vielzahl von Berührungspunkten. In der Gesamterscheinung deuten die nach außen offenen Bogenformen eine dynamische Kreuzform an.

Das Zentrum bildet ein runder, gewölbter Körper mit einem goldenen Innenraum, der von einem unsichtbaren Licht warm pulsierend erleuchtet wird. Für den Zürcher Künstler Adrian Bütikofer steht es in seinem skulpturalen Wandobjekt symbolisch für die Bahnhofkirche im Zürcher Hauptbahnhof, einem spirituellen Ort der Konzentration und Stille inmitten der dynamischen Betriebsamkeit des Bahnhofalltags. So gesehen könnte das Objekt ein Ausdruck für unser geschäftiges Leben sein.

Darüber hinaus vermag das pulsierende Licht unsichtbarer Herkunft aber auch das göttliche Licht und seine nicht nur das Herz bewegende Kraft zu symbolisieren. Es steht für Gottes geheimnisvolle Gegenwart in jedem Menschen. Als unsere Lebensquelle brennt er in uns und von ihm strömt das Leben durch uns wellenförmig in die Welt.

Gleichzeitig können die strahlenförmig zur Mitte und wieder nach außen führenden Holzlinien mit Aktion und Kontemplation, dem Suchen und Finden von Gott, dem Verweilen bei Ihm und der Sendung durch Ihn gedeutet werden. Überraschend tauchen Assoziationen zum spätmittelalterlichen Meditationsbild des Niklaus von Flüe auf. Doch in der vorliegenden Arbeit werden keine inhaltlichen Vorgaben gemacht. Die aus einem Holzstück herausgearbeiteten „Holzlinien“ können mit ihrer lebendigen Struktur und dem pulsierenden Rot genauso als Blutbahnen, Lebensadern oder als Transportsysteme gedeutet werden, aber ebenso als vom Heiligen Geist dynamisch durchwehte Lebensbahnen.

In dieser Offenheit lädt die Skulptur zur Betrachtung und Meditation ein: Über die Bedeutung eines Ortes der Stille und der Spiritualität inmitten der ruhelosen Geschäftigkeit eines Bahnhofes, eines Stadtzentrums, eines Menschenlebens. Gegen den Zeitgeist weist sie auch leise darauf hin, dass der Mensch nicht um sich selbst kreisen soll oder er selbst im Mittelpunkt steht, sondern die goldene Mitte Gott ist. Die mit Abstand von der Wand in der Luft schwebende Skulptur lässt spüren, dass unsere Freiheit und all unsere Bewegungen nur durch den festen Halt in unserer Mitte möglich sind. Diesen innersten Halt gilt es immer wieder zu suchen und erneuernd zu festigen, damit – wie mit den symbolischen zwölf Enden angedeutet – das unendliche Neuland des Lebens zuversichtlich beschritten werden kann.

 

Die Wandskulptur war bis zum 25. August 2023 in der Bahnhofskirche Zürich ausgestellt. Auf der Website finden sich zudem Fotos zum Entstehungsprozess. Ganz unten einige Links zum Flyer der Kunstintervention und zu „Wegworten“ der Seelsorgenden:  mittendrin / kreisen kurven kreuzen / ein Gott der mich ansieht.

GottesBegegnung

Im oberen Drittel öffnet sich der dünne Bronzestab und gibt zwei Menschen frei, die sich mit ausgebreiteten Armen Stirn an Stirn gegenüberstehen.

Ohne diese Öffnung wäre es nur ein Metallstab, aber durch die beiden Köpfe wird der Stab menschlich und mit den weit ausgebreiteten Armen zum Kreuz. Nicht weil hier jemand gekreuzigt worden wäre, sondern weil sich zwei Menschen „in der Klemme“ beistehen, sich berühren, stützen und halten. Herz an Herz stärken sie sich, Hand in Hand gleichen sie waagrecht die vertikale Spannung aus, die aus der Tiefe in ihre Körper aufsteigt und durch ihre emotionale und körperliche Zuneigung Stirn an Stirn überbrückt wird.

Tief schauen sie sich in die Augen, ergründen gegenseitig die Tiefen und Abgründe des anderen. Es ist ein ungewöhnliches Haltgeben und Aushalten. Es ist ein Hingeben in einer außerordentlichen Nähe. Eine Art Umarmung und sich Schenken in einer Notsituation, in der keine Umarmung mehr möglich ist, aber dennoch ein hilfreiches Da-Sein in existenzieller Einsamkeit. Die geöffneten, sich nicht festhaltenden, in der behutsamen Berührung aber dennoch nahen Hände signalisieren die Achtung und Wertschätzung des anderen als auch die Bereitschaft, jederzeit helfen zu können. Es ist die Erfahrung eines menschlichen Gegenübers auf Augenhöhe und in der vollumfänglichen körperlichen Wahrnehmung von den Zehen bis zum Kopf, emotional mit den Herzen und geistig mit den Gedanken verbunden.

Durch das fast übergangslose Hervortreten der beiden Personen aus dem langen Stab erhält der verzweifelte Hilferuf des Psalmisten „Aus den Tiefen rufe ich, Herr, zu dir!“ (Ps 130,1ff) und seine Bitte um Beachtung und Erhörung neue Aktualität. Die Hoffnung der Seele auf das Kommen des Herrn und sein verzeihendes Wort findet im Gegenüber bereits Erfüllung. Jesus ist in unsere Tiefen hinabgestiegen, um uns in all unseren Schmerzen, Leiden und einsamen Toden beizustehen.

Das außergewöhnliche Vortragekreuz mit zwei einander zugewandten Gekreuzigten ist auch bereits Antwort auf den Ruf Jesu in seiner Todesstunde: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.“ (Ps 22,2-3) Denn da ist ein Gegenüber, das die Einsamkeit erträglicher macht, die Schreie hört, im Mitgefühl und Mitleiden Zuversicht schenkt. In der zweiten Person wird die Caritas sichtbar, die wertschätzende und helfende Liebe gegenüber allen Notleidenden und Benachteiligten.

Der gespiegelte Gekreuzigte macht die Haltung der hingebenden Nächstenliebe sichtbar und verdeutlicht, im eigenen Tun und Handeln gegenüber den Mitmenschen stets Jesu Ruf in die Nachfolge zu hören und letztlich Christus selbst in den Mitmenschen zu begegnen und zu dienen.