Gotteshaus

Vielerlei Unterscheidungskriterien gibt es für Kirchen: nach ihrer Funktion oder Zugehörigkeit, ihrer Bauform, ihrer Entstehungszeit oder ihrem Baustil. Dem allen entzieht sich die Skulptur von Thomas Werk.

Sie besteht aus glatten, schlichten Stahlstäben, waagrecht, senkrecht und schräg miteinander verbunden zu einem Ganzen, das je nach dem Standort des Betrachters und den Lichtverhältnissen ganz unterschiedlich wirkt. Mal dominieren die senkrechten, mal die schrägen Vierkantstäbe oder es zeigt sich ein gleichsam „geordnetes Durcheinander“ von Bändern, welche einen Innenraum umschließen. Dann wieder mag man unter den drei Bögen mit den Querstreben ein hockerartiges Gebilde mit vier Beinen entdecken, aber von welcher Seite man die Skulptur auch betrachtet – eine Kirche im gewohnten Sinn erkennt man nicht.

Die Konstruktion aus teilweise glänzenden Metallstäben steht auf einem rohen Holzschemel, einem eindeutig irdisch materiellen Unterbau. Sie steht grundsätzlich offen in ihrer Bedeutung, es ist jedenfalls keine Kirche im materiellen Sinn, sondern ein Symbol für das Wirken Gottes in dieser Welt und der Gemeinschaft der Gläubigen. Und doch mögen die drei Überwölbungen auf den dreieinigen Gott hinweisen, den die Christen verehren. Durch seine Zuwendung gibt er den Menschen neuen Raum. Raum, in dem das Leben in all seinen Dimensionen zur Sprache kommt und sich in der gelebten Beziehung zu seinem Gott in ungeahnten Dimensionen entfalten kann.

Die drei Überwölbungen mit ihren Ablegern stehen fest ineinander gefügt zusammen. Wie Klammern umgeben sie von oben die horizontal auf vier Beinen stehende Viereckform. Es ist, als würde das Göttliche das Irdische schützend und bewahrend umschließen. So massiv das „Irdische“ errichtet wurde – man könnte in ihm auch einen altarähnlichen Tisch sehen –, braucht es doch einen überirdischen Schutz. Ob es Zufall ist, dass diese Überwölbungen mit ihren Verstrebungen letztlich an zwölf Punkten auf dem Holz stehen?

So verschlossen sich die Konstruktion auf drei Seiten gibt, ermöglicht sie mit ihren offenen Seiten doch ungehinderten Zugang, verweilenden Unterstand und Weggang. Damit wird die Kirche mit ihren Kirchen sowohl als geschützter Ort der Begegnung wie auch als Ort des Hindurchgehens dargestellt.

Gotteshaus nennt der Künstler seine Stahlskulptur. In diesem Raum geht es um Gott. So sehr er durch seine Andersartigkeit faszinieren und zum Verweilen einladen soll, ist er doch nicht wie eine Wohnung oder ein Haus wohnlich eingerichtet, gemütlich oder warm. Das alles mag in der Materialwahl zum Ausdruck kommen.

Letztlich lässt die offene Konstruktion auch den Gedanken zu, dass sich die Kirche wie die großen Kathedralen immer im (Auf-) Bau (under construktion) befindet bzw. der stetigen Erneuerung (semper reformanda) bedarf.

Das Gotteshaus also als Zeichen für eine Kirche in Bewegung, eine Gemeinschaft auf dem Weg. Ein Gotteshaus, das zum Verweilen einlädt, zum schutzsuchenden Unterstellen und zur Begegnung mit Gott und allen, die unterwegs sind und bei IHM inne halten. Ein göttlicher Rastplatz, der aufbaut, stärkt und zum Weitergehen ermutigt.

Ich will Frieden

Wie das Transparent einer Friedensdemonstration ragt sie unübersehbar in die Höhe. Doch so rostig sich der Stahl der übergroßen „Papierrolle“ auch gibt, dieses stille Mahnmal will eine bleibende Kundgebung für den Frieden sein. Sein Platz ist der Friedhof von Engen. Da steht es auf einem Rasenstück zwischen Kriegsgräbern und Kapelle.

Vergangenen Dezember wurden die Einwohner der Stadt Engen eingeladen, die Worte „Ich will Frieden“ auf ein Blatt Papier zu schreiben. Die Aktion war bewusst in die Adventszeit gelegt worden, die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, die Geburtsfeier des Gottessohnes, der auch Friedensfürst genannt wird. Wie bei einer Petition haben Hunderte von Menschen ihren Schriftzug hinterlassen, es gab keine Einschränkungen. So konnten sich Menschen jeden Alters und Geschlechts und unabhängig von Nationalität oder Religionszugehörigkeit für diese bleibende Kundgebung zusammentun.

Die Worte „Ich will Frieden“ sind eine starke Willensbekundung. Laut Aussage der Künstlerin fiel sie vielen nicht leicht. Manchen war sie sogar unmöglich. In den drei kurzen, handgeschriebenen Worten gibt die Persönlichkeit ihr Wollen für alle zwischenmenschlichen Beziehungen zum Ausdruck. Gemeinsam formieren sie sich zu einem eindrücklichen Zeichen, bei dem jeder Schriftzug ein Licht- und Durchblick in der großen Stahlwand geworden ist. Jede dieser Kundgebungen durchbricht damit zeichenhaft die oft stahlharte und trennende Wand zwischen den Menschen und ermöglicht Begegnungen, Transparenz und versöhnende Gespräche.

Die Skulptur regt zum Nachdenken an. Will auch ich Frieden? Was trage ich zum Frieden in dieser, in meiner Welt bei? Die Skulptur lässt eine Vision aufleuchten: Wenn ganz viele Menschen ihren Willen zum Frieden in die Stahlplatte einbrennen ließen, würde von ihr nicht viel übrig bleiben und würde es nicht mehr so viele Kriegsgräber geben. Aber noch ist es nicht so weit, dass alle Menschen Frieden wollen oder Frieden schließen können. So bleibt das sich aufrollende Blatt Papier ein Mahnmal. Auf Grund der vielen traurigen Erfahrungen in der Vergangenheit ist ein Anfang gemacht, ein Zeichen für den Frieden gesetzt worden. Damit aber wirklich Frieden wird und bleibt, braucht es von jedem Menschen zu jeder Zeit auch im alltäglichen Miteinander den tatkräftigen Willen zum Frieden.

 

Weitere Informationen zu dieser Arbeit auf der Website der Künstlerin.

in der Luft hängend …

Nichts, aber auch gar nichts deutet bei dieser Imbissbude von Marc Fromm auf Weihnachten hin.

Eine Installation aus Lindenholz und Stahlblech – in der Luft schwebend, ein Teil mit dem anderen verbunden. Als tragendes Element eine fahrbare Imbissbude mit offener Markise. Sie ist leer, es wird nichts zu essen oder zu trinken angeboten in ASIA, wie die große Schrift diesen Ort bezeichnet. Dennoch hat der Mann eine Portion Pommes vor sich auf dem Stehtisch. Rechts oben an der Imbissbude ist eine Satellitenschüssel angebracht. So sehr sich die Bude verwaist gibt, sie scheint auf Empfang gestellt.

Außer dem Mann halten sich noch eine Frau mit einem Kinderwagen und, hinter ihr verborgen, ein Hund vor dem Stand auf. Eine Familie? Ihrer Kleidung und ihrem Aussehen nach scheinen sie aus der unteren Gesellschaftsschicht zu stammen. Der Mann steht in lethargischer, gelangweilt wirkender Haltung am Tisch –wartend. Auffallend sind sein kahler Kopf, die verspiegelte Sonnenbrille, das große keltische Tattoo auf seinem nackten Oberkörper, die mit einem großen Kreuz gekennzeichnete Umhängtasche.

Ihm gegenüber steht eine junge, untersetzte Frau, ihrem Äußeren nach ebenfalls aus der Szene stammend. Mehrere Piercings und modischer Schmuck betonen ihr schönes Gesicht und die gepflegten Haare mit lockiger Fülle bis zur Auffälligkeit. Ungeachtet der üppigen Körperformen bedeckt nur ein knappes Top den Oberkörper, ganz im Gegensatz zum langen Rock. Ihre Augen schauen gedankenverloren in die Ferne. Dennoch hält sie verantwortungsbewusst in der einen Hand den Kinderwagen mit ihrem Kind, mit dem angewinkelten Oberarm die Leine des Hundes, der mit dem Stachelhalsband einen recht gefährlichen Eindruck erweckt. Sucht sie vielleicht einen Ort, oder viele Orte, um diesen geheimnisvollen Zustand des Schwebens zu erden?

Obwohl sie alle miteinander verbunden sind, wirken die Personen heimatlos. Sie sind moderne Straßenmenschen, deren Bezugspunkt gerade noch die fremde, asiatische Imbissbude um die Ecke ist. Eine erwartungsvolle Stille geht von diesem Ensemble aus. Sehnsucht nach mehr. Abseits von den vielen Aktivitäten, abseits von den großen Menschenmengen oder den bekannten Zentren liegt hier etwas in der Luft, etwas Neues, das noch nicht richtig begonnen hat, dem noch das Wichtigste fehlt.

Lange Zeit haben wir die Vorstellung vom Lebensanfang Jesu den ersten drei Evangelien entnommen und ihn nach dem jeweiligen Zeitgeschmack ausgeschmückt zu einem zwar armseligen, aber dennoch lieblichen, gemütvollen Ereignis, zu dem die Hirten von den Feldern mit Geschenken eilten. Marc Fromm hingegen scheint sich an die herbe Darstellung des Johannes zu halten: „die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,10b-11). Stille um ihn herum. Nur zwei ungewöhnliche Gestalten begleiten ihn, die man wohl eher als Vertreter der Menschen sehen kann, zu denen Jesus in besonderer Weise gesandt ist: zu den Sündern, Ehebrechern, Dirnen und Zöllnern, zu den Armen, Ausgegrenzten und im Leben Gestrandeten – und nicht zu Maria und Josef.

Das Kind, das sich trotz allem im Zentrum der beiden befindet, lässt sich nicht sehen. Es bleibt im Kinderwagen – der modernen Krippe – dem Betrachter verborgen und fordert ihn heraus, es in seiner Abgeschiedenheit zu suchen, sich ihm zu nähern und sich über es zu beugen, um es zu sehen – so sehr ihn die vielleicht ungewohnte Umgebung und ihre Personen abschrecken. Aber ob sie uns ein Ärgernis ist oder nicht: h i e r ist das Kind, hier ist es angekommen und wartet darauf, entdeckt, gefunden und auch angenommen zu werden. Denn „wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren“, heißt es im Cherubimischen Wandersmann von Angelus Silesius. Bei Marc Fromm könnte es heißen: Wäre Christus nicht in dir geboren, könntest du ihn nicht sehen und die frohe Botschaft bliebe im banalen Alltag oder in der Luft hängen.

Erinnerung und Hoffnung

Mitte Oktober 2008 erhielt Anselm Kiefer als erster bildender Künstler den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Unter anderem, weil er dem Buch in seinem Werk einen wichtigen Platz eingeräumt hat. 2007 und 2008 hat sich der Künstler intensiv mit biblischen Themen auseinandergesetzt. Dabei sind Werke wie Palmsonntag, Jakobsleiter, Wurzel Jesse und verschiedene Arbeiten mit dem Thema der Maria entstanden, darunter die vorliegende Arbeit. Rein äußerlich hat sie wenig mit dem Marienthema zu tun.

Ein gutes Dutzend großer Bleifolianten sind mehr schlecht als recht zu einem Stapel aufgeschichtet. Dazwischen und rund herum immer wieder Stacheldraht oder vielmehr Rasierklingendraht, wie ihn die Nato verwendet. Der Stapel gleicht einem Scheiterhaufen mit in alle Richtungen herausragender Holzwolle, damit der Stapel beim Anzünden schneller brennt.

Aber Maria? Der Stacheldraht könnte ja noch mit dem Dornwald in Verbindung gebracht werden. Aber Maria? Wollen die Bücher ein Hinweis auf sie sein? Darf denn der Werktitel so bezeichnend genommen werden, dass etwas von Maria in dem Werk zu sehen sein muss?

Bleiben wir mit unseren Überlegungen zunächst bei den Büchern. Sie sind riesig, alten Büchern nachempfunden, Folianten aus Pergament und in mühsamer Arbeit von Hand beschrieben. Nicht nur groß, sondern in Blei auch sehr schwer, können sie ihre Bedeutung und ihr Gewicht in den Augen ihrer Auftraggeber und Besitzer zum Ausdruck bringen. Die Botschaft der Bücher wurde damit gebührend gewürdigt. Hier scheinen sie – ganz aus Blei – für den Besitzer zu schwer und unbequem geworden zu sein, so dass er sich ihrer entledigen und sie verbrennen will. Vielleicht ist ihre Botschaft aber einfach unverständlich geblieben – Blei lässt sich ja von Röntgenstrahlen nicht durchdringen, gibt den Inhalt nicht preis.

Erinnerungen an die Bücherverbrennungen des Nationalsozialismus mögen wach werden, die schon 1933 begannen. Durch den Rückgriff auf das Lied mit dem Dornwald vergleicht der Künstler Zeiten des Brachliegens, der Verfolgung bis zur Zerstörung alles Geistigen, was nicht in die Vorstellungen der Machthaber passte. Die aufgeschichteten Bücher mögen als Mahnmal für jene stehen, die einst Namen trugen: Berthold Brecht, Erich Kästner, Thomas und Heinrich Mann, Stephan Zweig, Else Lasker-Schüler, Kurt Tucholsky und viele andere. Es ging um die Zerstörung des Geistigen. Kritik und Opposition, Kreativität und Veränderung sollten im Keim erstickt werden …

Wie war diese Barbarei im Land der Dichter und Denker möglich? Anselm Kiefer deutet in der Wahl des Standortes für den Bücherstapel eine Antwort an: er steht in gutbürgerlicher Umgebung auf einem gepflegten Kiesweg, durch eine halbhohe Hecke von einem gepflegten Garten mit blühenden Blumen getrennt. Von der anderen Seite her verwehrt eine übermannshohe dichte Hecke jeglichen Einblick. Über die niedrigere Hecke wäre Einblick möglich gewesen, wenn man es denn gewollt hätte, zumal dann, als der Bücherhaufen – und er steht hier wohl stellvertretend für alles geschehene Unrecht, lodernd brannte.

Und was hat Maria damit zu tun? Die Frage bleibt. Aber ist sie nicht durch das gelesene und meditierte Wort Gottes, durch den An-Spruch Gottes an sie mit dem Logos, seinem Sohn, schwanger geworden? So könnten die Bücher Symbol für Maria sein, die unter ihrem Herzen das Wort par excellence trug. Eine bleischwere Last, eine bedeutsame Botschaft, an der sich schon bald die Geister scheiden und in Lager aufteilen werden. Die Evangelien sind voll Überlegungen und Machenschaften, wie die Mächtigen von Anfang an das unbequeme, aufrüttelnde, in Frage stellende Wort Jesu voller Autorität und Wahrheit zu vernichten suchten. Aber auch Jesu Tod konnte den Weg und die Wirkkraft seiner Worte nicht aufhalten. Der Stacheldraht mag diesbezüglich weniger eine beschützende Funktion haben als vielmehr Ausdruck eines brisanten Inhalts zu sein, der sich nicht in den Folianten festhalten lässt und an dem man sich wie an einem scharfen Messer verletzten kann, wenn man nicht damit umzugehen weiß. Die Konsequenzen kennen wir alle … Die Nachfolgegenerationen sind mit der Aufarbeitung des jeweils begangenen Unrechts schwer beschäftigt.

Mit „Maria durch ein Dornwald ging“, dem Advents- und Weihnachtslied in einfacher, kinderliedhafter Form aus dem 19. Jahrhundert zitiert Anselm Kiefer bei seiner Retrospektive den „Dornwald“ des vergangenen Jahrhunderts. Und er meint damit auch, dass mit Hilfe des Kindes, zu dem Maria ihr „Ja“ gesagt hat, die Dornen Rosen tragen könnten, es eigentlich keines Stacheldrahtes bedürfe, wenn, und das ist die Voraussetzung, wir alle und in allen Lebenslagen unser „Ja“ zu ihrem Kind sprächen, wie Maria es tat.

Ein wahrhaftig friedenspreiswürdiger Rückblick in die Geschichte und Ausblick in die Zukunft, so einfach klingend wie ein Kinderlied und ebenso fundamentbildend wie ein solches.

Werbung

Frau und Mann begegnen uns in dieser Arbeit. SIE steht frontal vor uns, mit herausforderndem Blick, die Arme selbstbewusst in die Seiten gestemmt und mit den Händen die Taille betonend. Die blonden Haare fallen in kunstvollen Locken auf das dunkelblaue Kleid mit seinem tiefen Ausschnitt. ER ist seitlich dargestellt, nur mit einer roten Bade- oder Unterhose bekleidet. Lässig steht er mit verschränkten Armen da, mit dem nach links gedrehten Kopf am Betrachter vorbeischauend.

Firmenlogos und knappe Angaben zu den Produkten stellen klar, dass es sich bei den beiden Personen um Models handelt, die Werbung für die Produkte dieser beiden Häuser machen. Sie sollen den Betrachter anmachen, in ihm die Lust wecken, diese oder ähnliche Kleider zu kaufen. Anregend steht beim Mann schon „Ich freu mich drauf!“. Ein vergoldeter Rahmen suggeriert außerdem etwas Wertvolles, Einzigartiges, das mit einem schönen Erlebnis verbunden wird und sich wie eine unvergessliche Erinnerung einzurahmen und aufzustellen lohnt.

Was in der Abbildung nebeneinander dargestellt wird, sind in Wirklichkeit die Vorder- und die Rückseite ein und desselben Objektes. Daher rührt auch die unterschiedliche Farbwiedergabe, welche einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck weiter verfälscht. Dennoch. Das zur Schau-Stellen dieser beiden Werbenden hat exemplarischen Charakter. Lassen sie nicht an Adam und Eva denken, die dem Werben der Schlange erlegen sind? Hier sind die Rollen umgekehrt. Hier wollen Mann und Frau zum Besitz eines Gutes verführen, das dem Käufer neue Eigenschaften verleiht: gutes, ja blendendes jugendliches Aussehen, Kraft und Selbstwertgefühl, ein Erlebnis. Fast wie ein Spiegel wird allen vor Augen geführt, wie er aussehen kann und was die Kleider aus ihm machen, wenn er sie kauft.

In Holz geschnitzt und von einem Goldrahmen umgeben, erhalten die beiden Models die Aura von profanen Heiligendarstellungen. Sie werden in der Öffentlichkeit gezeigt, damit Suchende nach Identität und Sinn sich an ihnen orientieren und durch Kleidung und Verhalten ihnen nacheifern.

Nicht zufällig hat der Künstler für das weibliche Model die Künstlerin Madonna gewählt, die allein schon durch ihre Lieder und Inszenierungen viele Anhänger und Verehrer hat. Weiblich betont gibt sie sich selbstbewusst und gleichzeitig kämpferisch. Sie behauptet ihren Platz und füllt den Raum über den gegebenen Rahmen hinaus aus. Sie ist ja ein Star.

Der Mann auf der Kehrseite setzt seinen Sexappeal ganz anders ein. Mit dem Freiraum zu beiden Seiten seines Körpers und der betonten Männlichkeit scheint er eine Einladung auszusprechen. Hier ist noch Platz für dich, um mit mir Abenteuer zu erleben. Wann kommst du? Ich warte auf dich! „Ich freue mich darauf!“ kann sich somit nicht nur auf die Badehose beziehen, sondern auch auf Erlebnisse und Vergnügen, welche sie ermöglicht.

Kleider machen auch heute noch attraktive Leute! Aber muss es darüber hinaus nicht um die Person selbst gehen: um die Wertschätzung ihrer individuellen Eigenschaften, Gefühle und Fähigkeiten, die sie einzigartig machen? Macht nicht das die wahre Ausstrahlung und Attraktivität von Persönlichkeiten aus?

Ein dickes i in einem Kreis zeichnet die Plakatvitrine als Informationspunkt aus. Doch welche Informationen werden uns da vermittelt? Sollen die Dargestellten Vorbilder sein, denen man mit seinem Leben folgen kann? Sehen so moderne Heilige aus? So werfen diese beiden Idole die religiöse Frage auf, was für Informationen von heutigen Heiligendarstellungen erwartet werden. Was haben sie zu bieten? Denn Heilige werben ja auch … wenn sie auf Gott verweisen, der sich ihnen offenbart und an ihnen – in gewisser Weise wie an Maria – Großes getan hat. Nicht Großes durch das Geschenk von schönen Körpern oder verführerischen Kleidern, sondern in der Stärkung der Persönlichkeit aus der personalen Zuwendung und Liebe heraus.

Kraft der Auferstehung

Bekanntes mit neuen Augen zu sehen ist immer wieder eine anspruchsvolle Aufgabe. Zu schnell trüben vorhandene Bilder den Blick und behindern eine unvoreingenommene Sichtweise. Dies könnte auch bei dieser Bronzearbeit geschehen, auf der ein liegender und ein stehender Mensch gezeigt werden. Letzterer wird durch die ausgebreiteten Arme schnell als Jesus identifiziert. Es ist die Haltung, die er am Kreuz einnehmen musste. Losgelöst vom Kreuz wird die gleiche Haltung aber zu einer Geste der Offenheit und des allumfangenden Willkommen-Heißens.

Gegensätzlichkeit charakterisiert die beiden Personen. Die annähernd gleich großen Rechtecke hinterfangen, wiederholen und betonen ihre Körperhaltung. Der Liegende befindet sich ganz unten im waagrechten Feld, ein Gewandteil fällt über die Unterkante hinaus. Ausgestreckt liegt er da, den Eindruck erweckend, gestürzt oder gefallen zu sein, als kümmerliches Wesen in der Ecke dieser an eine große Kiste oder gar an einen Sarg erinnernden Form.

Doch noch im Fallen scheint er die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben. Seine rechte Hand ist hilfesuchend ausgestreckt und erfüllt sein Liegen mit Zuversicht und erwartendem Drängen. Bildlich wird das so zum Ausdruck gebracht, dass der Oberteil des Kopfes und die rechte Hand in den untersten Teil des anderen, senkrechten Elementes hineinragen, das wie zwischen dem waagrechten Feld und der liegenden Person eingeschoben erscheint.

Damit wird diese im Sterben begriffene oder bereits verstorbene Person in zweifacher Weise von oben her dem Tod entrissen: von oben wie auch in den verschiedenen Bildebenen. Die offene Hand wird dabei zum spannungsgeladenen Wendepunkt. Darüber taucht wie aus dem Nichts aus der gleichmäßigen Oberfläche der Grundplatte der senkrechte Mensch auf: als Auferstehender. Neue Kraft ist in ihn eingekehrt, ein neues Gleichgewicht, auch ohne Bodenhalt. Die Schwerkraft der Erde ist überwunden. Losgelöst, ja erlöst von allen Gebundenheiten schwebt er nun vor der Mitte des vertikalen Hintergrundes. Die gleiche Macht, die Jesus den Toten entrissen und dem Leben zugeführt hat, ist nun auch sein Halt und sein Heil geworden. Frontal dem Betrachter zugewendet, hoheitlich über alles Erniedrigende und Erdrückende erhoben, dringt die befreiende Geste des Auferstandenen durch und wird die Seine. Die ausgebreiteten Arme signalisieren eine neue, alle Grenzen überschreitende Weite. Alle sollen an diesem neuen Leben teilhaben, in ihm Zuversicht, Halt, Kraft und Dauer finden.

Die Waagrechte und die Senkrechte des Kreuzes sind noch zu erkennen, können aber in dieser Form nicht mehr Marter und Tod bringen. Sie haben eine dynamische Form angenommen und einen Weg geöffnet, der letztendlich ins Leben führt.

Stern von Bethlehem

Erwartungen
In Kenntnis des Titels ist der Betrachter in seinen Erwartungen wahrscheinlich zuerst irritiert. Einen Stern sieht der Künstler in dieser Arbeit? Mit Sternen verbinden wir normalerweise Leichtigkeit, Leuchtkraft und Strahlen. Von all dem ist hier wenig zu erkennen. Diese Sternskulptur schwebt nicht, leuchtet nicht im Ganzen und die vorspringenden Vierkantblöcke entsprechen überhaupt nicht unseren Vorstellungen von Strahlen. Die Skulptur enttäuscht unsere Erwartungen und stellt vielmehr Fragen: Wie kann diese Arbeit einen Stern darstellen, erst recht den Stern von Bethlehem, der die drei Weisen zum Geburtsort von Jesus Christus geführt haben soll?

Die Stahlkonstruktion gibt sich nicht nur von ihrem Material her schwer, sondern auch von ihrem Inhalt. Aber vielleicht ist gerade das ein Zugang: Es könnte sein, dass der Künstler eine Skulptur schaffen wollte, bei der durch das Gewicht wie durch den komplexen Inhalt die große – schwere – Bedeutung dieses außerordentlichen Sterns zum Ausdruck kommt. Vielleicht ist es des Künstlers Absicht, dem Betrachter den Zugang nicht zu einfach zu machen. Vor gut zweitausend Jahren haben auch nur die drei Weisen die Botschaft des Sterns zu deuten vermocht und sind ihm gefolgt. Die Erwartungen im Volk Israel sahen ganz anders aus. In diesem Punkt wird unsere Skulptur dem Stern von Bethlehem ähnlich. Sie ist ebenso wie das Zeichen am Himmel schwer verständlich und erwartet eine Deutung.

Göttliche Fülle
Mit der Plastik wird in radikal einfacher, geometrischer Form dem Geheimnis von Weihnachten Ausdruck zu verliehen. Es geht um die Menschwerdung Gottes, um die einmalige Vereinigung von Gott und Mensch in Jesus Christus. In ihm berühren sich Himmel und Erde, das Unendliche mit dem Endlichen.

Der von allen Seiten durchdrungene Kreis fällt auf. Er verbindet, hält zusammen, bündelt. Geballte Kraft ist in ihm zu spüren. In seiner Geschlossenheit ohne Anfang und Ende ist er ein Symbol für Gott. In der sonst leeren Mitte kreuzen oder vielmehr durchdringen sich drei Vierkanteisen. Geradezu mit Gewalt scheinen sie den Kreis zu queren und seine Mitte zu füllen und zu definieren. Technisch ist die dreifache Verdichtung des Zentrums durch die vom Breitkantigen über das Quadratische zum Hochkantigen gehende Veränderung der Balken entstanden. Symbolisch gesehen bilden die beiden Stehenden ein X und verweisen auf den ersten Buchstaben des griechischen Hoheitstitels von Jesus: „Christos“ – „Gesalbter“ (hebräisch „Messias“). Der horizontale Balken erinnert in seiner massigen Art an das Kreuz und somit an den Tod von Jesus. Die „Strahlen“ ergeben sich insofern erst nach der Durchdringung dieses Kreiselements, nach dem erduldeten Leid. Sie verkünden zum einen eine Herrlichkeit, welche von Gott her bedingt ist, zum anderen die Erniedrigung und Begrenzung durch menschliche Gewalt.

Erwartende Leere
Der Sockel, auf dem der wuchtige Stern ruht, gleicht in der Gesamtform einem einfachen Haus. Eine feste, durchgehende Basis, kurze Seitenwände, die sich schon bald zu einer Dachform neigen, umschreiben einen fast dreieckigen Freiraum. Offenheit strahlt dieses Haus aus, gleichzeitig Geborgenheit. Alles scheint für die Ankunft vorbereitet: in der Waagrechten die Krippe, zwischen den schrägen Balken, die sich in der Mitte des Kreises treffen, symbolisch Maria und Josef, die sich erwartend einander zuneigen. Auf dieses Haus hat sich Gott sichtbar in Sternform niedergelassen, um zusammen mit Maria und Josef der noch unsichtbaren Wirklichkeit in ihrer Mitte einen geschützten Raum zu geben, denn sie erwarten in dieser Nacht die Geburt des göttlichen Lichts. Dieser Stern über Bethlehem hält sich mit seinem Licht zurück. Aber spiegelt sich in ihm nicht schon das Licht einer anderen Lichtquelle, welche bereits die Nacht erleuchtet?

Erfüllung
Nach den bisherigen Betrachtungen bringt die Stahlplastik von Thomas Werk mehr zur Sprache als erwartet. Die einfachen Elemente lassen Altbekanntes in neuen Zusammenhängen sehen. Ganz im Materiellen verwurzelt bringen sie das Metaphysische zum Ausdruck, das Unsichtbare und doch Wesentliche, welches jene Heilige Nacht charakterisiert.

Dennoch wären die bisherigen Erkenntnisse unvollständig, wenn sie den Stern nur aus der Sicht des Arbeitstitels ergründen würden. Denn die ganze Plastik kann auch als stehende Gestalt gesehen werden, bei der die Enden des horizontalen Balkens ihre ausgebreiteten Arme bilden. Die starke Vereinfachung lässt wahrscheinlich mehr als die beiden hier erwähnten Betrachtungsweisen zu. Durch die massive, kantige Bauweise erscheint das Gebilde einerseits breitbeinig und sperrig wie ein Widerstandskämpfer mit einem stark bewehrten Bauchbereich. Andererseits können die beiden Senkrechten auch als zwei Gestalten gesehen werden, die sich, nach hinten geneigt, in der Mitte umarmen und halten, mit den „Köpfen“ über dem Kreis einander anschauend. Der waagrechte Balken wird bei dieser Sichtweise zu einer Last, der die beiden in ihrem gemeinsamen Lebensbereich durchdringt. Miteinander vermögen sie sein Gewicht zu stemmen und auszuhalten, unterstützt durch die im Kreis angedeutete Kraft.

Damit könnte dieser Stern darauf hinweisen, dass der Stern von Bethlehem auch Stern über meinem Haus, über unserem Leben ist. Sein Dasein würde dann nicht nur die Ankunft des göttlichen Kindes verkünden, sondern die beschützende und stärkende Gegenwart Gottes – von der Wiege über die Hochzeiten des Lebens bis zur Bahre – immer in der Mitte des Lebens. Überall dort, wohin in der Begegnung der Liebe die Fülle des Lebens getragen wird.

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 4/2007 der Zeitschrift „das münster“, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Maria in Erwartung

Maria soll das sein? Diese Skulptur entspricht überhaupt nicht den herkömmlichen Vorstellungen von Maria. Kein Heiligenschein, kein besonderes Gewand, kein Kind zeichnet sie als Muttergottes aus. Die Bronze zeigt einfach eine junge Frau, die sich hingesetzt hat. Beim Betrachten fällt auf, dass vieles keine Rolle spielt: weder der Stoff, mit dem sie bekleidet ist, noch die Beine oder die Details ihres Gesichts. Um die besonderen Umstände dieser Frau hervorzuheben, hat der Künstler alles Unwesentliche vereinfacht. Es geht ihm um die Haltung, wie diese Frau ihr noch unsichtbares Kind hält und wie sie sich selbst gehalten fühlt.

In sich gekehrt ruht sich die junge Frau auf der erhöhten Sitzfläche aus, sie legt eine Pause ein. Den Kopf leicht gesenkt scheint ihre Aufmerksamkeit ganz beim Kind zu sein. Sie erweckt den Eindruck, in sich hineinzuhorchen, dem in ihrem Bauch wachsenden und sich bewegenden Kind nachzuspüren. Eine andächtige und würdevolle Ruhe geht von dieser Frau aus.

Die rechte Hand hat sie unter den gewölbten Bauch gelegt. Sie scheint das Kind von außen liebkosen zu wollen und gleichzeitig fühlend zu prüfen, wie es ihm geht. Ob es gesund ist? Ob es sich wohlfühlt bei ihr? Die linke Hand liegt mit etwas Abstand auf dem Oberschenkel. Aus der leicht geöffneten Handfläche sprechen Offenheit und Bereitschaft für das, was mit ihr geschieht. Aber auch Ungewissheit ist herauszulesen, die Frage, WIE alles geschehen soll.

Also doch Maria? Die Ganzfigur ist in gerader Frontalansicht geschaffen. Dadurch erhält die Frau etwas Thronendes und trotz ihrer Schlichtheit etwas Majestätisches. Der Umstand, dass sie ein Kind erwartet, verleiht ihr die eigentliche Würde. Es könnte Maria sein. Die Art und Weise wie diese Frau innehält lässt Besinnung und Einkehr spüren, einen Dialog mit dem Kind in sich und mit dem, der ihr das Kind geschenkt hat.

Es könnte sein, dass sie gerade an die Botschaft des Engels denkt, der ihr erschienen war und verheißen hatte, dass sie den Sohn des Höchsten empfangen wird und ihm den Namen Jesus geben soll. Seinen Worten nachhorchend könnte es sein, dass sie ihre damalige Antwort bekräftigend wiederholt: Mir geschehe, wie du es gesagt hast. Insofern steht die Skulptur der biblischen Erzählung nah.

Und wenn der Künstler mit seiner Plastik nicht die biblische Maria gemeint hätte, sondern eine junge Frau unserer Tage namens Maria? – Auch an ihr wäre ein Wunder geschehen und ebenso wären ihr Bereitschaft und Annahme abverlangt worden. Ein Ja, das heutzutage zunehmend schwerer fällt zu sprechen, weil damit einhergeht, seinen Körper mit einem heranwachsenden Wesen zu teilen und die eigenen Lebensgewohnheiten und -pläne auf das Wohl des Kindes abzustimmen. Ein Ja, das Verantwortung für das neue Leben mit sich bringt, nicht wissend, wie es sich entwickeln und was es bringen wird.

Maria! Die Bronzeskulptur erinnert an sie, deren Muttersein aus dem gewohnten Rahmen gefallen war und bringt angesichts der unfassbaren Aufgabe ihr bescheidenes Sich-zur-Verfügung-Stellen zum Ausdruck. Ein Vorbild – für jeden von uns.

 

Diese „Maria in Erwartung“ wurde im Advent 2007 nach dem alpenländischen Brauch „Frauentragen“ in einer Münchner Pfarrgemeinde abends von Haus zu Haus getragen. Die jeweilige Familie beherbergt dann die Figur für eine Nacht, begleitet von Gebeten und einem gemeinsamen Essen. Sie bringt so ihre Offenheit und Bereitschaft zum Ausdruck, für Menschen wie Maria und Josef ein offenes Haus zu haben und Jesus zu erwarten.

Link zum Erlebnisbericht einer Frau aus Schäftlarn

Glühendes Zeugnis

Ein Dutzend feuerrote Glasröhren verstellt den Blick nach draußen. In den unterschiedlich langen, handgeformten Zylindern begegnet uns ein Kunstwerk, das schwer einzuordnen ist. So sehr es wie ein Glasbild wirkt, das nur einen Teil der Fensterfläche beansprucht, ist es durch seine räumliche Tiefe als eine Skulptur anzusehen, die seitlich von zwei flachen, vergoldeten und mit feinen Farbspuren verzierten Glasstreifen begrenzt wird.

Im Übergangsbereich von innen nach draußen platziert, wird der Blick an dem Ort auf eine Wirklichkeit gelenkt, wo wir sonst völlige Klarsicht wertschätzen. Durch die Skulptur wird eine Realität sichtbar gemacht, die wir sonst kaum wahrnehmen, die aber sowohl das Innen mit dem Außen als auch durch seine vertikale Anordnung das Unten mit dem Oben verbindet. So sehr diese sichtbar gemachte Wirklichkeit als Wand erscheint, die in unterschiedlicher Höhe und im oberen Bereich mit größeren Abständen angeordneten Glaszylinder verleihen dem Kunstwerk eine dynamische, nach oben strebende Lebendigkeit.

Die leuchtende Farbe, die Transparenz des Glases, die leicht bewegten Formen und vor allem das je nach Tageszeit und Wetter wechselnde Licht tragen dazu bei, dass sich die Skulptur ständig verändert, in immer neuem Licht sich zu bewegen scheint. Die unterschiedlich intensiv leuchtenden Röhren erinnern an ein Feuer mit hoch auflodernden Flammen und an die große Hitze, welche die vom Feuer erfassten Gegenstände durchglüht. Wie bei einem Kamin- oder Lagerfeuer wird so ein angenehmes Licht und eine wohltuende Wärme im Raum erzeugt.

Mit diesem stilisierten Feuer will die Künstlerin in erster Linie dem hl. Forian eine Referenz erweisen, der als Beschützer vor dem Feuer verehrt wird und dem diese Kirche geweiht ist, in der sich die Skulptur befindet. Die vergoldeten Seitenbegrenzungen könnten darauf hinweisen, dass Gott, auf die Fürbitte des Heiligen hin, dem sich leicht ausbreitenden und schwer zu kontrollierenden Feuer Einhalt gebietet, Grenzen setzt.

Die Skulptur vermag aber auch in offener Form auf die Gestalt des Heiligen selbst hinzuweisen. Könnten die feurig roten Glasröhren nicht ein abstraktes Bild für ihn sein, das etwas von seiner inneren Haltung weitergeben kann? Erzählt es nicht von einem Menschen, der vom göttlichen Licht derart durchdrungen und beseelt wird, dass sein ganzes Wesen zu glühen oder zu brennen scheint? Legt es nicht Zeugnis von der Glaubenskraft eines Menschen ab, der, wie es die Seitenbänder andeuten, von Gott auch seitlich gehalten und gestützt, ganz transparent auf den ihn Erfüllenden hin geworden ist?

Begeisterung wird da spürbar, vom Heiligen Geist erfülltes Leben. Erinnerungen an die Erzählungen vom Pfingstfest in Jerusalem werden geweckt. – Wünschen wir nicht jedem auf den dreieinigen Gott getauften Menschen diese Gnade?

Kreuzgestalt

Über dem unbehauenen Sockel eines Baumstamms erhebt sich eine kreuzartige Skulptur. Kreuzartig, weil einerseits die Proportionen und die rechteckigen Ausformungen an ein lateinisches Kreuz erinnern, dem allerdings der zentrale „Stamm“ des Kreuzes fehlt, andererseits zwei flankierende Vertikale wie angelegte Arme oder Beine das Kreuz stützen und dabei Assoziationen an eine menschliche Gestalt wecken, der ein Balken durch die Brust gestoßen wurde.

Mit der Kettensäge grob aus dem oberen Teil dieses Stammes herausgearbeitet, kann die Skulptur nicht ohne die Geschichte des Baumes gesehen werden. Im mächtigen Durchmesser sind seine früheren Dimensionen zu spüren, mit dem Wurzelansatz seine Standfestigkeit, in der Ausformung der Rinde seine widerstandsfähige Erscheinung als prachtvoller Kastanienbaum.

Obwohl der Baum seines Lebens und seiner Macht beraubt worden ist, gibt er sich nicht tot. Die Kreuzskulptur ist wie ein neuer Spross aus seinem Stamm gewachsen und damit ein Zeichen der Hoffnung, vielleicht sogar der Auferstehung. In Ruhe und Gelassenheit steht das Kreuz erhöht auf dem Stück Baumstamm. Es neigt sich spielerisch leicht zur Seite, als suche es sein Gleichgewicht; es neigt sich dem Betrachter zu und lädt ihn ein, sich auf seine Eigenart einzulassen.

Indem der Künstler es direkt aus dem „Leib“ des Baumes herausgebildet hat, wurde dessen schwere und massive Erscheinung aufgebrochen, alles Verhüllende entfernt, ja sogar in seiner Mitte ein Durchbruch geschaffen, der Lichtblicke ermöglicht und im neuen Leerraum neue Perspektiven zulässt.

So schmerzhaft und tief diese gewaltsamen Einschnitte im Leben (hier symbolisiert durch das Holz) sind, haben sie nicht auch etwas Erlösendes, Befreiendes an sich? Haben sie nicht – wohl durch das Leid gezeichnet – eine bisher unbekannte Gestalt zum Vorschein gebracht, die von einer zeitlosen immateriellen Mitte geprägt ist, einem Freiraum unter dem Kreuz, der ihm eingeschrieben ist? Einem Freiraum, der jedem Menschen innewohnt und für seine geistige Freiheit lebensnotwendig ist?

Konnte nicht Jesus, für den diese Kreuzgestalt durchaus Symbol sein kann, unbeirrt und gewaltfrei seinen Weg bis zum Tod am Kreuz gehen, weil er zutiefst in seinem Wesen von seinem unsichtbaren Gott und Vater geliebt und gehalten wurde? Wie die Skulptur sich in der großen schönen Kirche sperrig und unangepasst gibt und dadurch zum Nachdenken über die eigenen Werte und das eigene Tun anregt, hat sich Jesus mit seinen Worten und Taten den Menschen seiner Zeit in die Quere gestellt.

Damit spricht die Skulptur auch uns Betrachter an und wirft die Frage auf, welche geistigen Werte unser innerster Halt sind und uns befähigen, vereinnahmenden totalitären Strömungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder Religion entgegenzutreten, ihrer Gewalt um keinen geringeren Preis als dem des Lebens Widerstand zu leisten – für die Freiheit des Lebens!

Diese Arbeit von Felix Droese war bis zum 9. April 2007 im innovativen Kreuzweg des ökumenischen Ausstellungsprojektes „VESTIGIA CRUCIS / Kreuzspuren – Gegenwartskunst in 14 kath. und evang. Kirchen im Landkreis Tuttlingen“ zu sehen. Zur Ausstellung erschien ein Katalog (48 Seiten, ISBN 3-932764-16-1, 8 Euro).

Einkehr-Impuls

Nur ein Stein, könnte man leichtfertig denken, wenn man den runden Stein von der Rückseite her in die Hand nimmt. Er wird aus irgendeinem Fluss stammen, durch dessen Wasser er rund geschliffen worden ist.

Von vorne gesehen offenbart sich der Stein aber als Kunstwerk – zum einen als künstlicher Stein, zum anderen als künstlerisch gestaltetes Werk: Denn in einer kreisförmigen Vertiefung liegt eine goldene Kugel. Bilder tauchen auf. Vergleiche werden angestellt. Ist es ein Auge oder etwa eine Muschel mit einer goldenen Perle?

Von der Skulptur geht etwas Behütendes, Beschützendes aus. Der weiße Stein erscheint in Bezug zur zentralen Kugel wie ein dicker Mantel, der die kostbare Mitte beschützt. Dieses Offenlegen des in der Steintiefe normalerweise Verborgenen macht das Besondere dieses Steins aus. Die Einsicht regt zum Nachdenken an. Die Skulptur ermöglicht Parallelen zu uns Menschen. Sie bringt Verborgenes zum Vorschein und Sehnsüchte zum Sprechen und lädt damit zum Besinnen auf die zentralen Werte in unserem Leben ein.

Durch die vielen Anforderungen und Aktivitäten des Alltags gerät das Ureigenste und damit Kostbarste schnell aus den Augen und aus dem Sinn. Wie bei Kalkablagerungen legt sich eine steinerne Schicht nach der anderen um unsere seelische Mitte und verhindert damit gleich einem Panzer, dass wir ihre Empfindungen wahrnehmen und hören.

Die große runde Vertiefung erinnert daran, dass wir regelmäßig Zeiten-Räume der Einkehr, des Zurückziehens und des Verzichts brauchen, in denen wir uns auf die Suche nach der persönlichen Mitte machen können. Durch die vielen Ablenkungen des Alltags sind wir (ohne Gegenmaßnahmen) unmerklich von ihr getrennt und damit uns selbst fremd geworden. Uns selbst, ja, aber auch dem göttlich Wertvollen, dem Goldenen, das still in jeder und jedem von uns schlummert.

Die goldene Mitte ermutigt und gibt Orientierung auf dem Weg der Wert-Schätzung der Lebens-Wichtigkeiten. Das Zeichen des künstlichen Steins mahnt uns, dass die schönen und selbst geschaffenen Bequemlichkeiten des Alltags das wirkliche Leben oft mehr behindern und lähmen als fördern. Der Verzicht auf sie öffnet neue Zugänge zu den Quellen des Lebens, lässt Wesentliches neu entdecken. Die Heilige Schrift mit den Gotteserfahrungen von Jesus und anderen Gläubigen vor und nach ihm kann bei dieser „Schatzsuche“ wertvolle und hilfreiche Anregungen vermitteln, damit wieder wesenstiefe und damit herzliche und nachhaltig beglückende Begegnungen möglich sind, die von Lebendigkeit nur so sprühen.

Auflehnung / Rebellion

Was für ein Ereignis hat wohl diese Person in die Knie gezwungen, sie an den Rand der Verzweiflung, hin zum Protest und zum Widerstand getrieben?

Alles schreit an und in diesem Menschen: sein zerklüfteter, von Leid gezeichneter Körper, die erhobenen Arme mit den zu Fäusten geballten Händen, sein nach hinten gelehnter Kopf mit dem geöffneten Mund. Den Oberkörper leicht nach links gedreht, wendet er sich nach oben, einem unsichtbaren Gegenüber zu.

Die Frage bleibt: was hat ihn so zugerichtet, dass er mit seinem ganzen Wesen aufbegehrt? Ist die Ursache seines Leidens vielleicht genauso unsichtbar wie sein Gegenüber? Sind sie vielleicht sogar identisch? Vermutlich verstehen wir die Gefühle der knienden Person am besten, wenn wir uns in sie hineinversetzen.

Dann spüren wir unsere Ohnmacht gegenüber ungreifbaren Mächten: Schicksalsschlägen, Krankheiten, Ungerechtigkeiten, Zwängen. Dann können wir nachempfinden, wie die vielgestaltigen Verletzungen, Einschränkungen, Vorschriften bis zum Zusammenbrechen belasten können und uns nicht nur nahe, sondern unter die Haut und an die Substanz gehen.

Eine Grenze scheint erreicht zu sein. Die übriggebliebene Lebensenergie flammt in den expressiv gestalteten Körperteilen wie Feuerzungen auf. Geballte Kraft begleitet den Aufschrei. Genau diesen Moment hat der Künstler in der Skulptur eingefangen. So hört der Schrei nicht mehr auf. Es gibt zu viel offenkundiges und verborgenes Leid in dieser Welt, als dass dieser Schrei des Protestes irgendwann verstummen könnte.

Und trotzdem – die Gestalt drückt nicht nur Verzweiflung und Anklage aus. Das demütige Knien, der aufgerichtete Rücken, der nach oben gewandte Kopf – können das nicht Zeichen für eine Spur von Hoffnung sein? Ist nicht mitten im Aufbegehren ein Innehalten festzustellen?

Ob es die Beachtung ist, die diesen stellvertretenden Menschen aufhorchen läßt? Spiegelbild unserer selbst, weist er uns auf die unsichtbaren Mächte hin, diese verzehrenden, aber auch AUFBAUENDEN Kräfte, die in und um uns kämpfen und die wir nur zu gut in uns spüren. So er ermutigt uns, ihnen nachzugehen und nicht aufzugeben …

Heilige Familie

Die im Mittelpunkt stehende Krippe und das dem Betrachter gezeigte Kind lassen in den drei Menschen unschwer Jesus, Josef und Maria erkennen. Die geschnitzte Ausführung verbindet sie mit vielen traditionellen Weihnachtskrippen und birgt die Gefahr in sich, das Besondere dieser Figurengruppe zu übersehen: Die leere Krippe, der stehende Josef, der Jesus in die Höhe hält, Maria staunend, beinahe erschrocken dasitzend.

Die leere Krippe ist nicht leer! Sie ist voller Bedeutung. Zunächst ist sie der Ort des Geschehens in Bethlehem, als Maria das göttliche Kind gebar, es in Windeln wickelte und in eine Krippe legte, weil in der Herberge kein Platz für sie war. Desweiteren ist die Krippe weniger als ärmlicher Futtertrog für Tiere gestaltet, sondern vielmehr als Thron für einen König. Und drittens lässt die Konstruktion der Krippe aufmerken, denn unten wölbt sich ein tragendes Halbrund nach oben, in das ein nach unten weisender Dreieckskörper eingesenkt ist. Begegnung und Verbindung zweier Formen, die in ihrer einfachen Ausdrucksweise das Wunder der Heiligen Nacht und auch dieser Familie formulieren: Gott wurde in Jesus Christus Mensch!

Darum wird Jesus nicht als ein in Windeln eingewickelter Säugling dargestellt. In ein langes, schlichtes Gewand gekleidet, schwebt er, von Josef nur leicht gestützt und ihn um einen halben Kopf überragend, geradezu vor uns. (Detailbild) Mit großen wachen Augen – in einem eher unkindlich wissenden Gesicht – schaut er uns Betrachter an. Bedeutsam hält er uns seine nach vorne gewendeten offenen Handflächen hin, als wollte er sagen: „Schaut, das bin ich!“ Auf die Krippe deutend, könnten seine Hände darauf hinweisen, dass er als „reicher“ Gott durch die Menschwerdung „arm“ geworden ist. Andererseits weisen sie auch auf Maria und Josef hin, die ganz auf ihn ausgerichtet sind und ihn durch ihre Haltung in den Mittelpunkt stellen. Verhaltene Freude spricht aus ihren Gesichtern: Es ist nicht nur ihr eigener Sohn, es ist Gottes Sohn, den sie der Welt zeigen!

Ermutigend ist für heutige Familienväter, dass Josef nicht als grübelnder alter Mann dargestellt wurde, sondern als moderner junger Vater, der ohne Berührungsängste seine Vaterrolle ernst nimmt: Er steht hinter seinem Kind und gibt ihm Halt und Schutz, nicht nur mit den Händen. Mit seinem Oberkörper neigt er sich zur Seite, um dem kleinen Jesus Raum zu geben. Behutsam stützt er mit seiner Hand den Rücken von Jesus, so dass dieser aufrecht stehen kann.

Aber was ist mit seinem Gesicht geschehen? Die uns zugewandte linke Seite ist klar herausgearbeitet und lässt in Josef einen Mann mit Weltoffenheit, mit Realitätssinn und Augenmaß erkennen: den Zimmermann. Die andere Gesichtshälfte, dem Kind zugewandt, ist vom Künstler aus der Proportion geschnitten und mehr angedeutet als ausgearbeitet. Sie bringt die andere Seite von Josef zur Sprache: Er ist auch Gottesmann, der offene Sinne für das Unsichtbare hat und in seinen Träumen Gottes Stimme wahrnimmt. Innerlich und äußerlich wachsam, geht er seiner Berufung nach, steht er zu den ihm anvertrauten Menschen.

Maria sitzt. Mit ihrer „erniedrigten“ Position, dem offenen Haar und dem wallenden Mantel erinnert sie – hervorgerufen durch bekannte innere Bilder – einerseits an den Engel, der ihrem Leben mit seiner Botschaft eine jähe Wendung gab. Wie er legt sie ergriffen die linke Hand auf die Brust und die andere als Zeichen ihrer Hingabe offen in ihren Schoß. Zeichen der Ehrfurcht und des Staunens. Was ihr damals verkündet wurde, ist nun Wirklichkeit: „Das Wort ist Fleisch geworden!“ Durch sie, aufgrund ihres Glaubens, ihres Ja-Wortes. Deshalb ist ihre Haltung andererseits auch wesentlich die ihre. Was geschehen ist, bewegt sie zutiefst und lässt sie ahnungsvoll in die Zukunft schauen. Es ist, als sähe sie im Geiste bereits, was das Kind für sie und für alle Menschen zu bedeuten hat.

So zeigt uns diese Heilige Familie Menschen, die aus der Verbindung mit ihrem inneren Grund leben und die offen sind für die Anrufe Gottes in dem, was ihnen im Leben begegnet. Menschen, die aus der Gottverbundenheit heraus einander Halt geben, um die vielfältigen Zumutungen des Lebens anzunehmen und zu integrieren. Menschen wie Du und ich?

„Engel der Barmherzigkeit“

Beim Anblick der beiden Skulpturen hat man den Eindruck, zwei jungen Frauen unserer Zeit gegenüberzustehen. Anmutig, elegant und mit würdevoller Ausstrahlung treten sie uns entgegen. Treten? – Scheinen die beiden nicht vielmehr zu schweben? So sehr ihre bewundernswerte handwerkliche Ausführung eine reale Präsenz nahelegt, sie wird durch die aus dieser Perspektive unsichtbaren Füße, die auf der Unterseite negativ ins Holz geschnitzt und vergoldet sind, gebrochen.

Dennoch vergegenwärtigen die beiden Figuren auf eindrückliche Weise zwei Frauen, die durch ihr Glaubenszeugnis über Jahrhunderte hinweg „goldene Fußspuren“ der Nächstenliebe in der Gesellschaft hinterlassen haben. So auch als geistige Mütter der nach ihnen benannten Klinik in Halle. In der Krankenhauskapelle ehren die beiden Holzfiguren das selbstlose Handeln der hl. Elisabeth und der hl. Barbara in der Not und der Bedrängnis ihrer Zeit. Gleichzeitig bewegen sie die Besucher der Kapelle, aus dem Glauben und aus der Liebe heraus ebenso wie sie am Mitmenschen zu handeln und so gewissermaßen zu guten „Engeln“ für den Nächsten zu werden.

Die detaillierte Beschreibung der Figuren der beiden Persönlichkeiten sei hier Dr. phil. Joachim Penzel überlassen, der im Jahrbuch „alte und neue Kunst“ Band 43, 2006 des Vereins für Christliche Kunst in den Bistümern der Kirchenprovinz Paderborn e.V. unter dem Titel „Poetisches Heiligenkarussell“ (S. 31-32) in sehr schönen Worten auf das Besondere dieses Werkes eingeht.

„Wie von einem ruhigen, körperlosen Atem bewegt kreisen ein kleiner Turm und eine dornenreiche Rose mit einer kaum spürbaren, geradezu poetisch anmutenden Langsamkeit hoch über den anmutig lächelnden Häuptern zweier Frauenfiguren. Spielerisch werden die mit einem weißen Anstrich entmaterialisierten Attribute der hl. Elisabeth und der hl. Barbara als dynamische Heiligenscheine interpretiert. Die endlose Bewegung des Mobiles verzaubert den Betrachterblick und lässt die ikonographische Bestimmung der beiden Frauen zum unlösbaren Rätsel werden. Zugleich verführt dieses so zeitgemäß erscheinende Identitätskarussell zum genauen Wahrnehmen der beiden Heiligen, die als autorisierte Fürbitter zwischen der irdischen Welt der Menschen und einem im festen Glauben geahnten Jenseits vermitteln. Seit dem hohen Mittelalter gelten die beiden Frauen als Vorbilder für eine fromme, selbstaufopfernde Lebensführung. Die hl. Barbara hat sich in ihrem Glauben auch von ihrem tyrannischen Vater, der sie erst aus Hab- und Eifersucht in einem Turm gefangen hielt und schließlich in rasender Selbstbesessenheit ermordete, nicht erschüttern lassen. Die hl. Elisabeth von Thüringen verpflichtete sich trotz ihres königlichen Geblüts dem franziskanischen Armutsideal und stiftete ihren irdischen Besitz für die Gründung eines Spitals zur Armenfürsorge. Als Patroninnen des Handwerks und des Bergbaus, der Krankenpflege und Armenhilfe standen beide Heiligen den unteren Volksschichten immer besonders nahe.

Die kompakten Formen der Kleider verleihen ihnen den Ausdruck eines engelgleichen Schwebens und die anatomische Genauigkeit von Armen und Schultern sowie die Portraitähnlichkeit lässt sie als nahe Verwandte heutiger Menschen erscheinen. In ihrem jugendlichen Glanz entsprechen sie einem gegenwärtigen Schönheitsideal und sind doch in ihren langen, wehenden Gewändern und ihren mit strenger Keuschheit gebundenen Frisuren in die zeitlose Sphäre jenseitiger Seligkeit entrückt. Ihr heiteres Lächeln trägt die Liebe als frohe Botschaft in die Herzen; die in schwesterlicher Zuneigung verschränkten Arme sprechen von religiöser Verbundenheit und Nächstenliebe; in sanfter Berührung falten sich die Hände zu einem gemeinsamen Gebet. Zwar wirkt die realistische Bildsprache der beiden Heiligenfiguren in der Krankenhauskapelle als Antithese zu der in abstrakten Formen präsenten Geistigkeit, aber gerade diese Menschenähnlichkeit vermag das zeitlose Ideal karitativer Nächstenliebe überzeugend zu vermitteln.“

Das Jahrbuch mit dem ganzen Beitrag von Herrn Dr. Penzel zur Krankenhauskapelle kann beim Verein für Christliche Kunst e.V., Domplatz 3, 33098 Paderborn (Tel. 05251 / 125285 oder Mail an: bauamt@erzbistum-paderborn.de) bezogen werden.

Aufgebrochene Ganzheit

Ein Baumstamm. Teilstück eines einst mächtigen Baumes. Wer von hinten an ihn herantritt, erhält den Eindruck, vor einem intakten Stamm zu stehen. Die Rundung des Stammes und die Oberfläche täuschen ein vollrundes Baumstück vor.

Beim Umschreiten offenbart das Holz jedoch ein ganz anderes Gesicht: Eine aufgebrochene, offene Seite. Es ist ein Blick ins Innere des Holzes, gleichsam in sein Fleisch hinein, dass nun den Blicken des Betrachters unverhüllt zur Schau steht.

Den Spuren von Wind und Wetter nachgehend, hat der Künstler das Innere des Stammes weiter ausgehöhlt, nachbearbeitet und farblich hervorgehoben. Nun erinnert das nach Außen gekehrte Innere mit seiner roten Farbe an das Leben, das im Baum aufstieg und ihn zum Wachsen und Blühen brachte. Die Farbe erinnert aber auch an die Verletzung, die er in seinem Innern trug und deren Wunde wahrscheinlich zu seinem Absterben und Fällen beigetragen hat.

Aufgrund seiner Proportionen sind Parallelen zu uns Menschen möglich. Die rote Farbe lässt uns gleichsam in das Innere dieser stehenden Gestalt sehen und ihr sonst verborgenes Fleisch und Blut schauen. Die materielle Form des Lebens und der Liebe werden sichtbar. Gleichzeitig sprechen die aufgebrochene Seite, die waagrechten Einschnitte der Kettensäge und die Spuren des Hohlbeitels von den Veränderungen, die wir von außen und innen erfahren. Schmerzen und großes Leid sind damit verbunden.

Die Veränderungen haben zu einem Substanzverlust geführt. Die ursprüngliche Gestalt lässt sich wohl noch erahnen, die Beeinträchtigung steht jedoch im Vordergrund. Meistens erfahren wir diesen Verlust an Ganzheit als etwas Verletzendes und Negatives. Der „Verlust“ kann aber auch eine Bereicherung sein, die uns im „Weniger“ ein „Mehr“ erkennen lässt: Ein „Mehr“ an Erfahrung und Leben vielleicht, oder ein „Mehr“ an Offenheit, welche die Veränderungen in uns bewirkt haben.

So vermag die Skulptur die Ganzheit in ihrer Wirklichkeit darzustellen: Nicht als unantastbare und gleichsam museale Unversehrtheit, sondern wie eine durch das Wetter und die menschlichen Einflüsse geprägte (Baum-)Geschichte, zu der gute und schlechte Zeiten gehören.

Atem – Geschenk

Zwei parallele vertikale Eisenstäbe bilden das Rückgrat dieser auf das Wesentliche reduzierten Skulptur. Die vier von ihnen ausgehenden, gebogenen Stäbe deuten einen Brustkorb an. Doch bestürzende Leere schwebt dazwischen, macht gleichsam die Luft sichtbar, die normalerweise in diesen Raum eingeatmet und von ihm wieder ausgeatmet wird.

Dazwischen das ausgetrocknete und geballte Philodendronblatt. Es erinnert mit seiner faustgroßen Form und den dunklen Löchern an die Organe Herz und Lunge, die von diesem Ort aus den Menschen mit Kraft versorgt haben durch das lebenserhaltende Ein und Aus.

Was für ein Kontrast: Einerseits das raumfordernde und doch so transparente Gerippe aus Armierungseisen, die im Beton die stützende Funktion übernehmen, andererseits das einstmals lebendige Blatt, das sich aus dem Leben „zurückgezogen“ hat, sich nun nicht mehr groß und offen, sondern klein und verschlossen gibt. Es ist, als wolle das Blatt die Essenz des einstmals so wunderbar blühenden Lebens als Geheimnis in seinem ach so zerbrechlichen „Gefäß“ aufbewahren.

Die Skulptur erinnert an die Endlichkeit und die Vergänglichkeit von uns Lebewesen. „Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück,“ sagt Gott zu Adam (Gen 3,19). Diese Einsicht formuliert später auch der Prediger Kohelet in seinem Buch (3,20). Die Vergänglichkeit des Menschen Sein, Handeln und Befinden bringt er mit dem Wort „Windhauch“ auf den Nenner (u.a. 1,2; 2,23.26). Verbindet nicht der Atem mit seiner stetigen Bewegung unser Inneres mit der Außenwelt und kommt durch ihn nicht das Außen auch in unser Inneres, ohne dass wir genau sagen könnten, wo der Atem beginnt oder aufhört? Wird uns nicht nach dem Ende unserer Körperlichkeit der äußere „Atem“ ganz durchdringen und werdem wir nicht ganz in ihm aufgehen?

Jeder Atemzug, ja das ganze Leben ist für den Gottesfürchtigen ein Geschenk. Sie sind nicht selbstverständlich. So wie Gott Adam den Atem eingehaucht hat und ihm das Leben geschenkt hat, können wir mit Ijob (33,4) sagen: „Gottes Geist hat mich erschaffen, der Atem des Allmächtigen mir das Leben gegeben.“ (vgl. Ps 104,9) Deshalb singt der Psalmist voll Dankbarkeit: „Lobe den Herrn, meine Seele! Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, meinem Gott singen und spielen, solange ich bin.“ (Ps 146,2) Und im letzten Vers der Psalmensammlung ruft der Beter alle Lebewesen zum Gotteslob auf: „Alles, was atmet, lobe den Herrn. Halleluja!“ (Ps 150,6)

Die karge Skulptur mag uns als modernes memento mori erschüttern. Sie regt zum Nachdenken über das Atmen und die Luft an. Sie macht uns unsere Vergänglichkeit bewusst, sie ruft das Geschenk des Lebens in Erinnerung und vermag vielleicht auch einen Dank an Den auszulösen, der uns mit Seinem Atem die unermessliche Fülle des Lebens erleben lässt.

Kind Gottes

Ein Kind sitzt auf einem überdimensional großen Lehnstuhl, der durch seine einfache Form archaisches wirkt und an einen Thron erinnert. An sich ist der Stuhl für das Kind zu groß, erscheint das Kind noch kleiner und wie verloren auf ihm.

Doch dem Kind scheint der „Hochsitz“ zu gefallen. Es hat die Hände zufrieden in den Schoss gelegt und schaut vergnügt in die Weite und, dem Schatten nach zu schließen, auch ins Licht. Genießt es die Gelegenheit, die Welt auf dem Stuhl der Erwachsenen mal aus ihrer Sicht betrachten zu können?

Das Kind könnte sich auf dem großen Stuhl aber auch wohlfühlen, weil er ganz einfach sein „Platz auf Erden“ ist, der für ihn in voller Größe bereitsteht. Noch ist der Stuhl zu groß, doch schon bald wird er den Platz ausfüllen und von diesem Thron aus sein Leben gestalten. – Sehen wir also ein Königskind?

Maria wurde bei der Verkündigung durch den Engel der „Sohn des Höchsten“ verheißen. „Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben,“ (Lk 1,32-33) sagte der Engel zu ihr. Das thronende Kind könnte also Jesus auf dem „Thron“ seines Vaters David darstellen. Was am Kind noch nicht zu erkennen ist, darauf weist der Thron verheißungsvoll hin: In der armselig zerfurchten Gestalt des Menschenkindes offenbart sich Gott. Ihm ist die Macht gegeben, über alle Völker Recht und Gerechtigkeit zu sprechen (Jes 9,6), durch seine Worte und Werke Frieden und Heil zu verkünden, durch seine Menschenfreundlichkeit und Liebe die Menschen bis in unsere Zeit hinein zum Guten zu verändern und zu bewegen.

Jesu Christi vorbildliche „Herrschaft“ haben wir um so nötiger, als wir durch sein Blut für Gott zu „Königen und Priestern gemacht“ wurden, die „auf der Erde herrschen“ werden (Offb 5,9-10). Jesu Worte und Leben lehren uns, wie wir den Auftrag an die ersten Menschen zu verstehen haben, die Erde zu unterwerfen und über die Tiere zu herrschen (Gen 1,28): ehrfurchts- und verantwortungsvoll.

In dem thronenden Kind kommt etwas von der verheißungsvollen und unfassbaren Größe zum Ausdruck, die Gott in jedes noch so kleine Lebewesen seiner Schöpfung gelegt hat und erst nach und nach an ihm und durch sein Leben sichtbar wird. Im Kind strahlt die königlich-göttliche Würde auf, die uns wie die drei Sterndeuter staunend vor ihm niederfallen und es huldigend verehren lassen (Mt 2,11). Begegnet uns Gott nicht gerade in den Kleinen und Unmündigen immer wieder neu als Immanuel, als „Gott mit uns“ (Jes 7,14): verheißungsvoll, als Hoffnungsträger, erfüllt mit Leben?

Beschützend

Absolut gleichmäßig zeigt sich die Skulptur dem Betrachter. In einer geometrisch strengen Formensprache hat der Künstler eine verblüffend einfache und schöne Skulptur geschaffen. Auf einer quadratischen Basis hat er vier Giebel aus dem Holz herausgearbeitet, welche zusammen ein Dach ergeben, das an ein Turmdach oder ein Zelt erinnert. Auf dem First dieses Daches zeichnet sich eine schlichte Kreuzlinie ab.

Die Kreuzlinie dieser Skulptur sticht nicht als erstes in die Augen. Sie ist nicht als eigenständiges Element herausgearbeitet, sondern entsteht aus der Zuspitzung der an ein Dach erinnernden Flächen. Die Kreuzlinie ist so unauffällig in die Skulptur integriert, dass sie als Heilszeichen wahrscheinlich nur dem Gläubigen auffällt und er sie mit dem Kreuzestod und der Auferstehung seines Herrn Jesus Christus zu verbinden vermag.

Wenn das Kreuz auch nicht sofort ersichtlich ist, ragt die Kreuzlinie doch mit einer großen Präsenz in den Raum hinein. Durch die Basis und das Pappelholz ist sie erdverbunden, doch durch die Dachform hebt sie sich vom tragenden Untergrund ab. Als äußerste Erscheinung des in die Weite des Raumes ragenden Daches wohnt diesem Kreuz etwas Körperloses und Geistiges inne und wird gerade dadurch zur Brücke in den „Himmel“ oder anders gesagt, in die unsichtbare Welt Gottes, welche die Schöpfung dieser Welt überwölbt und durchdringt.

Die Dachform ergibt sich auch aus dem Umstand, dass der Raum zwischen Basis und Giebel herausgesägt worden ist. Dadurch ist ein Leerraum, ein unbesetzter, freier Raum unter dem kreuzförmigen Dach entstanden: Ein geistiger Schutzraum unter oder hinter dem Kreuz (je nach dem, ob das Objekt auf dem Schreibtisch aufliegt oder an der Wand hängt), der vom Licht durchflutet einen Zufluchtsort bildet. Wer sich unter den Schutz Gottes und damit auch des Kreuzes begibt, wird dort Geborgenheit und Lebensraum finden, die ihn für den Alltag stärken. Die Skulptur ist einerseits Antwort auf die Sehnsucht nach Nähe zu Gott, wie sie im Psalm 61,5 zum Ausdruck kommt: „In deinem Zelt möchte ich Gast sein auf ewig, mich bergen im Schutz deiner Flügel“, andererseits verbindet sie mit dem stärkenden Wort aus Psalm 27,5: „Denn er birgt mich in seinem Haus am Tag des Unheils; er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes, …“

Die Skulptur fordert somit diskret zur geistigen Einkehr im „Büro“-Alltag aufund verbindet den Gläubigen mit Gott, der ihm innere Freiheit und Weite im Denken und Handeln zu schenken vermag. Der Freiraum unter dem Zeltdach lädt aber auch ganz konkret ein, Gott niedergeschriebene Anliegen oder Fotos von Menschen „unterzuschieben“, die der Hilfe und des Schutzes bedürfen, damit auch sie Seinen Beistand und Seine Liebe erfahren.

Auszeit

Gelassen sitzt der Mensch auf dem Boden, bzw. auf dem kleinen Sockel, auf den er sich wie auf eine Insel zurückgezogen hat. Seine Beine hat er angewinkelt. Mit dem linken Arm stützt er sich auf der Sockelkante ab, während seine rechte Hand locker auf dem linken Knie aufliegt. Gedankenverloren schweift sein Blick in die Ferne.

Was wohl in ihm vorgeht? Der Mensch strahlt eine Ruhe aus, eine Gelassenheit und – seinem Gesichtsausdruck nach – auch eine Zufriedenheit, die tief in ihm verankert sind. Äußerlich gesehen scheinen ihm einschneidende Lebensbedingungen arg zugesetzt zu haben. Seine an sich schöne Gestalt weist tiefe Einkerbungen auf, die seinen Leib derart zerfurchen, dass sie an mehreren Stellen zu erschreckend durchlöchernden Wundmalen ausarten. Es ist die Arbeit des Künstlers, die ihn so zugerichtet hat. Sie kann aber durchaus auch für seine eigene Arbeit stehen, die ihm derart zusetzt und seinen Körper langsam aber sicher zerstört.

Hat dieser Mensch sich deshalb eine Auszeit genommen? – Es sieht so aus, dass er sich vom Alltag abgesetzt auf eine Zeitinsel geflüchtet hat, um auf sein Leben zurückzublicken, ja, es gleichsam überblicken zu können. Das Leben hat ihm hart zugesetzt, konnte aber sein Wesen nicht angreifen. Den Brandspuren nach zu schließen ist dieser Mensch auch durchs Feuer gegangen – außer einigen schwarzen Stellen konnte es ihm aber nichts anhaben!

Er scheint nicht nur aus hartem Holz geschnitzt zu sein, sondern auch aus einer Kraftquelle zu leben, die ihm hilft, den oft zerstörerischen Anforderungen aus seinem Lebensumfeld zu widerstehen und psychisch unbeschadet und gelassen aus ihnen herausgehen zu können. Darin erinnert er an Daniel, der zusammen mit zwei Gefährten vom König Nebukadnezzar wegen seines Glaubens an Gott ins Feuer geworfen wurde. Doch Gott stieg im Engel zu ihnen in den Ofen hinab und beschützte sie, worauf sie einen Lobgesang auf Gott anstimmten.

Die Skulptur erinnert unentwegt, eine Auszeit zu nehmen, um mit Ruhe und Abstand das Erlebte zu verarbeiten. Vielleicht dürfen wir dann mit Staunen entdecken, dass Gott bei uns war und seine innere Gegenwart uns half, innerlich heil aus schweren Situationen hervorzugehen. Und vielleicht stimmen wir dann in den Lobpreis der drei Männer im Ofen oder anderer Menschen ein, die Gott wunderbar in ihrem Leben erfahren haben: „Gepriesen bist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit. Gepriesen ist dein heiliger, herrlicher Name, hoch gelobt und verherrlicht in Ewigkeit.“ (Dan 3,52)

Liebe und Hass

LOVE und HATE steht in großen Buchstaben auf zwei fast symmetrischen, unförmigen Gebilden, die als überdimensionale Hände dem Betrachter gegenübertreten. Es sind Hände, die sich zu Fäusten geballt haben und zum Schlagen bereit sind oder bereits kräftig auf den „Tisch“ geschlagen haben.

LOVE und HATE, LIEBE und HASS sind auf die Außenseiten der Finger tätowiert. Männer in amerikanischen Gefängnissen schreiben sich diese beiden Worte manchmal auf ihre Hände, um ihren Kampf für das Gute auch äußerlich zu manifestieren. Geballte Kraft steckt in diesen beiden stilisierten Fäusten aus Beton, die sich nur an den Daumenspitzen berühren. Durch die Fäuste erhalten die beiden Wörter LOVE und HATE mehr Ausdruck und es wird auch offensichtlich, dass diese beiden Gefühle untrennbar mit dem menschlichen Denken und Handeln verbunden sind.

Sagt nicht der Volksmund, dass die rechte Hand vom Herzen kommt, rechtschaffen und gebend ist, während die linke Hand mit „falsch“ oder „schlecht“ in Zusammenhang gebracht wird? Schon zu Zeiten des Predigers Kohelet verband man rechts und links mit richtig und falsch, mit gut und böse: „Der Verstand des Gebildeten wählt den rechten Weg, der Verstand des Ungebildeten den linken.“ (Koh 10,2) In der Übersetzung der Lutherbibel wird dies noch deutlicher: „Des Weisen Herz ist zu seiner Rechten; aber des Narren Herz ist zu seiner Linken.”

In den beiden Fäusten wird der unvereinbare Gegensatz zwischen diesen beiden starken Gefühlen sichtbar. Sie sind zwar beide im Herzen verankert, doch sollen wir uns immer wieder neu für die Liebe entscheiden. Schon Mose gab dem Volk Israel das Gebot: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. … Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,17-18) In der gleichen Linie ruft der Prophet Amos den Israeliten zu: „Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben und dann wird, wie ihr sagt, der Herr, der Gott der Heere, bei euch sein. Hasst das Böse, liebt das Gute und bringt bei Gericht das Recht zur Geltung!“ (Am 5,14-15) Und auch Jesus erwähnt Liebe und Hass im Zusammenhang mit den Verlockungen des Geldes in einem Satz: „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24)

Bei Jesus kommt schön zum Ausdruck, dass sich Liebe oder Hass immer an ein Gegenüber richten: „er wird zu dem einen halten und den andern verachten“. In gewisser Hinsicht ist es heutzutage noch gut, wenn solche Gefühle wie Liebe und Hass noch in unseren Herzen wohnen. Da gibt es noch ein Gegenüber, dem man sich zu- oder von dem man sich abwendet. Schlimmer wird es, wenn wir keine Gefühle mehr zeigen, wenn wir durch Desinteresse gefühls- und teilnahmslos geworden sind. Den Mitmenschen ignorieren ist schlimmer als ihn hassen, weil dadurch keine Be-Achtung, keine Auseinandersetzung mit dem anderen mehr da ist und er gleichsam in die Nichtexistenz gestürzt wird.

Die Skulptur ermutigt mich über den Kampf für das Gute hinaus zum Kampf gegen die Ignoranz in der Welt. Mit der Skulptur begleiten mich die Worte des Apostels Paulus an die Korinther: Brüder und Schwestern, „seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! Alles was ihr tut, geschehe in der Liebe.“ (1 Kor 16,13-14) Insofern wünsche ich mir im Gegensatz zur geschlossenen Faust des Hasses für die Liebe eine offene Hand: Als Zeichen der Offenheit für den Nächsten, als Ausdruck des Friedens und der Bereitschaft, ihm mehr als die Hand zu reichen, damit er meine Zuneigung und meine Liebe spüren kann.