Auf geht’s
In der neu eröffneten Kunst-Kultur-Kirche St. Meinrad in Radolfzell wird das Heimweh künstlerisch thematisiert. Über 600 Taschentücher der Gemeindemitglieder hängen in der Tradition eines Fastentuches so in drei Reihen hintereinander, dass der Schriftzug HEIMWEH gelesen werden kann. Darunter steht ein Ruderboot und zum Ausgang hin hängen Segel.
Das in der Kirche „gestrandete“ Boot, die schier unzähligen, heimatlosen Taschentücher, die verloren im Nirgendwo wie zum Trocknen in der Luft hängen und an die Abschied nehmenden und trauernden Menschen erinnern, als auch die Segel lassen in einem Atemzug den Aufbruch in eine noch unbekannte Lebenswelt und ebenso das Hinter-sich-Lassen des Bisherigen und Vertrauten spüren. Nach einer räumlichen Trennung kann sich in Situationen der Einsamkeit und Unsicherheit das starke Bedürfnis nach Gemeinschaft und Sicherheit einstellen, das auch mit körperlichen Beschwerden verbunden sein kann, was wir Heimweh nennen.
Heimweh ist die schmerzliche Verbundenheit mit Menschen und Orten, die einem viel bedeuten und eine Art Heimat darstellen, die aber aus unterschiedlichsten Gründen aktuell nicht erreichbar sind. Heimweh ist die Sehnsucht nach Heimat, das Bedürfnis nach einem Ort, an dem man sich zu Hause fühlt, nach einem Menschen, von dem man durch und durch angenommen und geliebt wird oder wurde, aber beispielsweise auch nach einem verlorenen Arbeitsplatz.
Beim Heimweh ist der Blick rückwärtsgewandt. Aber das Boot und die Segel laden ein, den Blick in die Zukunft zu richten. Das Taschentuch soll von einem Symbol der Trauer und des Abschieds zu einem Segel werden, das uns zu einer neuen Heimat bringt bzw. in uns eine neue Heimat entstehen lässt. Erstaunlicherweise weist die Bewegungsrichtung des Bootes nicht wie erwartet auf Jesus Christus, der an der Chorwand als Gekreuzigter dargestellt ist, sondern der Bug ist auf den Kirchenausgang ausgerichtet. Da Ruderboote quasi rückwärts gefahren werden, laufen Blick- und Bewegungsrichtung diametral entgegengesetzt. Der Ruderer blickt also durch das Heimweh hindurch auf Jesus Christus und damit auf Gott, den er wie einen Kompass richtungsgebend im Blick hat, während er rücklings neuen Zielen entgegenrudert.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel „Gott“ und der Bewegungsrichtung „in die Welt, zum Nächsten“ wird im Gebot der Nächstenliebe zum Antrieb, ganz wie es der häufig zitierte Spruch ausdrückt: Der kürzeste Weg zu Gott führt über den Nächsten. Der Weg zum Vater, in Gottes Ewigkeit führt über die Zuwendung zum Nächsten und zur Welt als der von Gott geliebten Schöpfung aller Dinge und aller Menschen. Bewegung und Gegenbewegung werden eins. Aktion und Kontemplation gehören zusammen. Gottes liebende Gegenwart auch an anderen Orten und durch andere Menschen zu erleben, lässt neues Vertrauen und neue Heimat entstehen.
„Heimweh“ ist bis zum 27. September in der Kunst.Kultur.Kirche.St.Meinrad in Radolfzell am Bodensee zu besichtigen.
Carola Faller-Barris
- Wendepunkt
- Heilsbringer
- WERDE
- Spitzenidee
- Einsame Spitze
- Lebens(g)rund
- Atem der Seele
- Präsent
- Botschafter gesucht
- Stuhl der Weisheit
- voll Kommen
- Himmelszelt voller Gnade
- Geht hinaus zu den Menschen
- An Gott hängen
- Grace: Gnade + Dank
- Hilferuf in der Verstrickung
- Entbindung
- In die Hand gelegt
- Friedensstifter
- Wandlung
- Warten auf Gott





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