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Carola Faller-Barris, Einsame Spitze, 2022
© VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Einsame Spitze

Eine junge Frau mit Rock, Bluse und soliden Stiefeln an den Füßen läuft mit einem Ausdruck des Entsetzens auf ihrem Gesicht zielstrebig auf den linken Bildrand zu. Ihre Hände halten die Träger eines Rucksacks fest, doch überraschenderweise gehören sie zu den Engelsflügeln auf ihrem Rücken. Es wirkt, als müsse sie die Flügel festhalten, damit diese ihr nicht vom Zurückbleibenden, dem sie zu entspringen versucht, abgerissen werden. Durch ihre energische Laufbewegung konnte sie sich im oberen Teil bereits davon lösen, aber an ihrem linken Flügel und ihrer linken Schuhsohle klebt es hartnäckig fest.

Der Titel mag sich auf die Frau beziehen, die im Kampf gegen die ihr anhaftenden Strukturen „einsame Spitze“ ist. Er kann sich aber auch auf das Spitzendeckchen beziehen, das ohne die Frau eine einsame Spitze sein wird.

Die sich in die Länge ziehenden Fäden des Garngeflechts suggerieren, dass sie bisher fest mit dem Spitzendeckchen verbunden gewesen war. Die Verstrickungen der Vergangenheit – dem Deckchen nach waren sie mal kleiner gewesen – sind übergroß zu einer Bedrohung und einem Gefängnis geworden. Die ursprünglich perfekten, aber starren Strukturen haben sie offenbar wie eine Fliege in einem Spinnennetz festgehalten. Damit sie gemäß ihrer Engelsnatur leben und handeln kann, ist es not-wendig, panikartig zu fliehen, alles Altbekannte entschieden abzustreifen und den Sprung ins Haltlose und unbekannte Dunkle zu wagen.

Die Kreisstrukturen der Spitzendecke lassen vermuten, dass ihr Leben immer wieder im Kreis verlaufen ist. Hat sie vielleicht den Ausbruch gebraucht, um sich weiterentwickeln zu können? Spitzenmäßig gebunden konnte sie ihre Flügel nicht gebrauchen. Doch nun scheint sie fliehen und sich losreißen zu können, wodurch auch der Abflug in neue Sphären möglich scheint. Die Dunkelheit vermag allerdings keine Antwort zu geben, wohin sie die Flucht bringen und wie die neue Freiheit aussehen wird.

Doch woher hat sie die Kraft für diesen Befreiungsschlag, was beflügelt sie derart, dass sie nichts mehr halten kann? Ist es das Ziel vor Augen, welches sie das schier Unmögliche vollbringen lässt? Der Glaube an das Mögliche, die feste Überzeugung, dass es ein anderes Leben geben muss? Ein Leben, das von der Freiheit geprägt ist, dieses selbst zu gestalten? Vielleicht hat sie ähnlich wie der blinde Bartimäus ihre Bitte nach Freiheit an Jesus herangetragen und von ihm auch die Antwort erhalten: „Geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ (Mk 10,52)

In dem Fall könnte die Flucht vom Althergebrachten – denn die Spitzenarbeit steht nicht nur für das Kunsthandwerk und die Lebensgestaltung unserer Ahnen, sondern auch für deren Strukturen und Traditionen – nicht aus eigener Kraft, sondern wie es die Flügel andeuten, aus der engen Verbundenheit mit Gott gelingen. Die verbleibenden, anhaftenden Fäden lassen allerdings auch durchblicken, dass wir unsere Vergangenheit nie ganz abstreifen können, dass sie wie auch immer ein Teil unseres Lebens bleibt und dieses weiterhin prägt. Der Blick darauf und der Umgang damit werden durch den Glauben an Jesus gewandelt und relativiert. Jesus selbst antwortet auf die Frage des Petrus, wer denn noch gerettet werden könne: „Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen. Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser und Brüder, Schwestern und Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. Viele Erste werden Letzte sein und die Letzten Erste.“ (Mk 10,29-31)

Das ist einsame Spitze.

Patrik Scherrer, 21.01.2023

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