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Thomas Werk, 2 Betende, 2004
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Gemeinsames Gebet

Schwarze, breite, gerade Pinselstriche prägen diese Zeichnung. Zwischen ihnen sind – wie am Boden liegend – zwei Kreise angeordnet, gefüllt mit grauer Farbe und drei rötlich anmutenden Parallelen. Sie sind wie die zwei durch feinere Striche gebildeten Kreuzformen über ihnen strahlenförmig von grauen und roten Strichen umgeben.

Inmitten der statisch anmutenden „Balken”-Konstruktion kann deshalb an diesen beiden Orten eine Aktion herausgelesen werden. Hier geschieht etwas, geht etwas von innen nach außen. Ob wir ohne die Angaben des Künstlers darauf gekommen wären, dass es sich hier um zwei Betende handelt? Die dicken geraden Pinselstriche lassen Kreuze sehen, vielleicht auch ein Haus – aber menschliche Gestalten?

Auf der Suche nach den Menschen können die beiden Kreisformen noch am ehesten mit Köpfen in Zusammenhang gebracht werden. Deuten die drei Striche Augen und Nase an? Allerdings sind sie nicht oben am Körper angeordnet, sondern unten. Gewohnte Perspektiven werden hier durcheinandergebracht – neue Ansichten werden eingefordert! Die beiden Gestalten könnten am Boden liegen, in den Staub der Erde gebeugt sein, wie der Psalmist beschreibt: „Meine Seele klebt am Boden. Durch dein Wort belebe mich!“ (Ps 119,25). Die durch Kreuze geformten und gleichzeitig deformierten Körper lassen das Leid spüren, das sie niederdrückt, fesselt und bis zur Unkenntlichkeit entfremdet.

Hoffnungslos wäre diese Situation ohne die gekreuzten Hände. Ganz oben hat sie der Künstler platziert, dem Himmel zugewandt: Als Ausdruck der inneren Sammlung, der Sehnsucht des Herzens und der Bewegung des Geistes. In der Mitte bzw. aus der Mitte heraus brechen die Hände die belastende Situation auf, schaffen sie Freiraum. Dem Gebet wohnt Sprengkraft inne, wie die „Strahlen“ um die „Hände“ herum gedeutet werden könnten. Der Psalmist muss die Kraft des Gebetes erfahren haben, wenn er nach der ersten Bitte fortfährt: „Ich habe dir mein Geschick erzählt, und du erhörtest mich.“ (Ps 119,26).

Die Verdoppelung der Betenden scheint das Gebet zu verstärken. Die Zeichnung lässt offen, ob sich beide Personen in der gleichen Notlage befinden oder ob sich einer barmherzig einem Notleidenden zugewendet hat. Der Kopf der rechten Gestalt deutet jedoch auf das letztere hin. Er ist frei von umgebenden Balken und hat eine starke Zeichnung und Strahlkraft, denn sein Kopf ist von sonnenähnlichen Strahlen umgeben, während der Kopf der linken Gestalt schwächer gezeichnet ist und von Balken umgeben eingesperrter und leidender erscheint.

Doch durch die Solidarität des einen ist eine Leidens- und Gebetsgemeinschaft entstanden, in der der Bedürftige einen zweifachen Beistand erhält: einerseits im Mitmenschen und andererseits durch das Gebet auch in Gott. Insofern spiegelt sich das Wort von Jesus in diesem Bild wieder: „Alles, was sich zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,19-20) Das tröstet und schenkt Zuversicht.

Patrik Scherrer, 17.06.2006

Thomas Werk

Stargader Str. 48
10437 Berlin

12/2015

2 Betende
Entstehungsjahr: 2004
101 x 70 cm, Schwarze Tusche, Gouache, Kohle.
Papier auf Leinwand aufgezogen,155 x 125 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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