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Thomas Werk, Dreieinigkeit, 2006
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Göttliche Gemeinschaft

Drei geometrische Formen sind in rotbrauner (blutroter) Farbe auf das Blatt gemalt worden. Alle drei Formen haben in etwa die gleiche Größe und scheinen mit dem gleichen breiten Pinsel in je einem Arbeitsgang sorgfältig aufgetragen zu sein. Zuerst das Viereck oder Quadrat, dann das gleichschenklige Dreieck, zuletzt – und dadurch für den Betrachter zuvorderst – der Kreis. Zusammen ergeben sie eine neue Formierung, erhalten sie eine zusätzliche Ausdruckskraft.

Jede der drei Formen besitzt mit der umschlossenen Innenfläche ein ausgeprägtes eigenes Zentrum. Dieses bildet gleichzeitig einen tragfähigen Sitz für einen Teil der anderen Form, seien es die unteren Ecken des Dreiecks, die durch die Zentren des Quadrates und des Kreises gehalten werden, sei es der Zwischenraum derselben im Dreieck.

Während Quadrat und Kreis partnerschaftlich nebeneinander angeordnet sind, ist das Dreieck als Zwischenform von links nach rechts wie von hinten nach vorne verbindend in sie eingeordnet.

Jede der drei Formen ist eine geometrische Grundform. Einfacher geht es nicht. Sie lassen sich nicht noch mehr reduzieren. Unverwechselbare Gestalt. Symbolhaft. Eigenständig.

Und doch sind sie zueinander und miteinander in Beziehung. Um Gemeinschaft zu werden, lassen sie nicht nur Nähe zu, sondern auch Überlagerungen und gestaltete Einheit.

Können so einfache geometrische Formen auf Gott hinweisen? Vermögen sie symbolisch von einem Gegenüber zu sprechen, das sich uns in dreigestaltiger Wesensart offenbart und uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist begegnet? Können die abstrakten Grundformen den drei Seinsweisen von Gott zugeordnet werden?

Dadurch, dass Quadrat und Kreis partnerschaftlich nebeneinander stehen, können sie als Symbole für den Vater und den Sohn gedeutet werden. Das verbindende Dreieck weist auf den Heiligen Geist hin, der dem Glaubensbekenntnis nach aus dem Vater und dem Sohn hervorgegangen ist. Ob nun Kreis oder Quadrat den Vater bzw. den Sohn symbolisieren, hängt von der Lesart ab: Zum einen könnte der Kreis den Sohn darstellen, weil er uns am nächsten dargestellt ist. Durch ihn haben wir im Heiligen Geist Zugang zum Vater, der die Welt erschaffen hat und deshalb mit einem Quadrat versinnbildlicht werden kann, denn die vier Seiten entsprechen den vier Himmelsrichtungen und weisen auf das Weltall hin. Es könnte aber genauso gut umgekehrt sein. Der Kreis könnte, weil er keinen Anfang und kein Ende hat, für den Vater stehen, der von Ewigkeit her lebt und mit dem Sohn und dem Heiligen Geist zusammen Leben schafft. Das Quadrat wäre dann Symbol für den Sohn, weil dieser in Jesus Christus irdisch geworden ist: ein Mensch dieser Welt. Alles sind Versuche, die Unbegreiflichkeit Gottes durch Symbole in unsere Vorstellungskraft zu holen.

Erstaunlich, wie gut die abstrakten Formen den an sich genauso abstrakten Gottesbegriff zum Leben erwecken. Doch … können die Formen auch irdisch-menschlich gelesen werden? Die meisten von uns verbinden den Kreis, die runde Form, gefühlsmäßig mit der Frau, während das Viereck eher dem Mann zugeteilt wird. Und … Mann und Frau stehen doch im Idealfall wie Quadrat und Kreis gleichberechtigt nebeneinander und zueinander! Könnte dann nicht – erhöht und die beiden „Irdischen“ von Mitte zu Mitte verbindend – das Dreieck als Symbol für die göttliche Dreifaltigkeit gelesen werden, als transzendente, verbindende Ebene, aus der Liebe strömt: zueinander, über die Zweiergemeinschaft hinaus und zu Gott oder dem Nächsten?

Patrik Scherrer, 09.06.2007

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