The Problem of God

Inszenierung des Heiligen

Um es vorweg zu nehmen, der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im K21 in Düsseldorf ist eine bibliophile Kostbarkeit. Nicht wegen seines Formats, der Seitenanzahl oder vielen Abbildungen. Sondern wegen seines Konzepts, mit dem die verschiedenen Akteure – Künstler, Autoren, Kuratoren, Kunstwerke und Texte in Anlehnung an den Ausstellungstitel das Göttliche, oder anders gesagt das Heilige, Transzendente und Besondere inszeniert haben.

Das Buch gibt wieder, was der Ausstellung zugrunde liegt: Die Frage, „wie sich die christliche Bildtradition als universales Kulturgut und soziales Gedächtnis in einem säkularen Kontext etabliert und unabhängig von ihren religiösen Bezugsrahmen weiterentwickelt hat.“ (S. 16) Nicht zufällig sind es in Anlehnung an die Lebenszeit Jesu 33 künstlerische Positionen, in denen die vielschichtige und ambivalente Auseinandersetzung mit den Formen und Zeichen der christlichen Bildsprache im kollektiven Bild- und Textgedächtnisses manifestiert.

Wunderbar gleich zu Beginn, allerdings versteckt unter dem Schutzumschlag, der als Prägung in das Softcover eingelassene Titel, die „unsichtbare“, aber spürbare Präsenz hinter/unter den in schwarz gedruckten Künstlernamen, die hier für ihr Arbeiten stehen.

Den Anfang des Kataloges bilden nach den Danksagungen drei solide geschriebene Essays. Die Kuratorin Isabelle Malz führt einfühlsam in Ausstellung, ihre Themen und Ausstellungsobjekte ein. Sie resümiert: „Das in den säkularen Bereich eingeflossene, von seinem religiösen Rahmen losgelöste christliche Bild- und Kulturerbe erweist sich in der Kunst nach wie vor als ein komplexes, aber durchaus auch paradoxes Referenzsystem von anhaltender Wirkung. Die in den Kunstwerken verarbeiteten religiösen Motive und Themen haben sich hinsichtlich ihrer ursprünglichen Funktion längst verselbständigt, weiterentwickelt und mit neuen und veränderten Bedeutungsebenen aufgeladen.“ (S. 34)

Alena Alexandrova verfolgt in ihrem Beitrag „Nach Bildern“ einen eher philosophischen Ansatz, bei dem sie in der Differenzierung zwischen „Kultbild“ und „Kunstbild“ auch dem Mythos und Einfluss des „wahren Bildes“, des sogenannten „Acheiropoietos“ nachgeht. „Wenn Künstler heutzutage religiöse Bilder benutzen, dann verwenden sie sie als „Dinge“, die eine öffentliche Bedeutung haben, doch nicht als Objekte einer Kultpraxis“ (S. 48), ist eine ihrer Feststellungen.

David Morgan beschreibt im dritten Beitrag hervorragend die Beziehung und präzisiert die Unterschiede von Kunst und Andachtsbild. Die „Visuellen Kulturen des Heiligen“ fasst er so zusammen: „Kunst und Religion geben sich große Mühe, visuelle Artefakte wertzuschätzen, den Betrachtern Hingabe zu entlocken, beim Erleben der Bilder Aura zu erzeugen und dies zu lenken, indem sie Bilder mit einem umfassenden Instrumentarium versehen. Doch die eine stattet das Singuläre, Einzigartige mit einer Aura aus, während es der anderen darum geht, das Heilige zu verbreiten, sodass die Kopie keinen Verlust der Aura bedeutet, sondern vielmehr eine Überfülle davon.“ (S. 63) Die beiden Sätze treffen seine Aussage im Kern, sollen aber vielmehr Appetit auf die Lektüre seines wirklich außerordentlich guten Aufsatzes machen.

Zehn Bildtafeln mit religiösen Themen aus dem Bilderatlas „Mnemosyne“ des englischen Kunsthistorikers und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg gliedern „als zentraler Bildspeicher, als Denkfigur und Matrix“ die wissenschaftlichen Vorworte und führen den Leser als gesammelte Vorbilder des letzten Jahrhunderts genial an die Exponate heran und zeigen auf, dass sich Bildmuster schon immer tradiert und in neuen Inhalten und Bedeutungszusammenhängen manifestiert haben.

Die gediegene Präsentation der 120 Arbeiten der 33 Künstler ist geradezu vorbildlich. Sie ist eine gelungene Mischung von verschiedenen Beiträgen. So wurden von KünstlerInnen selbst konzipierte Künstlerseiten in das Gesamtkonzept integriert und leben die Präsentationen vom abwechslungsreichen Spiel der Beschreibungen, Interviews, Zitate und ergänzenden Fotos. Die Würdigungen der einzelnen KünstlerInnen machen deutlich, wie unterschiedlich, differenziert und selbstverständlich sie in den vergangenen 25 Jahren mit dem christlichen Bildererbe umgegangen sind und Gott dabei keinesfalls ein Problem darstellt. Und die Bandbreite der eingeladenen KünstlerInnen und ihre verwendeten Techniken sind der beste Beweis dafür.

Für deutschsprachige Leser ist angenehm, dass die englische Übersetzung an das Ende des Kataloges gelegt und dort auf gelbes Papier gedruckt wurde. Dadurch wurden die Beiträge nicht unnötig in die Länge gezogen. Dem gleichen Prinzip folgen die gesondert aufgeführten Werklisten, Künstler- und Autorenbiographien, die nachgelagert wurden, um die Quellenangaben und das Informationsangebot abrunden.

Fazit: Ein absolut empfehlens- und lohnenswerter Ausstellungskatalog für alle, die sich für die Spuren des christlichen Bildgutes und ihre Verwendung in der Gegenwartskunst interessieren. Ausstellung und Katalog sind ein weiterer wertvoller Beitrag zum Dialog zwischen Kunst und Religion, dieses Mal angeregt von der Deutschen Bischofskonferenz anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils.

 

The Problem of God. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 26.09.2015 – 24.01.2016 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21 Ständehaus, Düsseldorf, die auch Herausgeber ist. Mit Texten von Alena Alexandrova, Isabelle Malz, David Morgan. Kerber Verlag Bielefeld, 2015. 408 Seiten, 171 farbige und 43 s/w Abbildungen, deutsch mit englischer Übersetzung, 49,95 Euro, ISBN: 978-3-7356-0150-6.

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