voll Kommen

Licht durchdringt die Mitte eines dicht gebundenen Astkranzes, der von seiner Erdenschwere befreit im Bildraum schwebt. Immaterielles begegnet Materiellem, das Unfassbare dem Fassbaren.

Von hinten unten überstrahlt das Licht den oberen Teil des Kranzes und löst ihn partiell auf. In der unteren Hälfte geschieht das Entmaterialisieren durch Absprengen von kleinen Astteilen oder Dornen. Das Licht nimmt dem Kranz die einengende Kraft, überwältigt ihn loszulassen und aus der Starre in die Bewegung zu gehen.

Durch das aufstrahlende und überstrahlende Licht von hinten wird der Dornenkranz zu einem Fenster in die Ewigkeit, einem Durchbruch, einem Durchgang für die Begegnung mit Gott.

Der geflochtene Kranz erinnert mit seinen spitzen Enden an die Dornenkrone Jesu und das damit verbundene Leiden. Der Kranz vermag darüber hinaus Symbol für das irdische Leben mit seinem Wachstum zu sein. Zum einen waren die Äste einmal Teil aufstrebender und blühender Pflanzen, die dann geschnitten und in eine neue Form gezwungen worden sind. Zum anderen steht das Kranzgeflecht für das Wiederkehrende in unserem Leben, das sich Jahreskreis um Jahreskreis zu einem festeren Gebilde fügt.

Hier, mitten drin, leuchtet nun dieses neue Licht auf, das fähig ist, das oft dornige und festgefahrene Leben in eine neue Dimension zu überführen. Nicht von vorne, sondern von hinten, aus dem Verborgenen heraus, von der Schattenseite her. Es kommt von außerhalb, und doch von innen her. Was für eine Botschaft: Das österliche Licht strahlt mitten in unserem Leben auf, es verwandelt uns von innen. Von unseren inneren Freiräumen her schenkt uns Gott Erlösung von allem Bindenden, die Gnade, ganz zu Ihm zu kommen und in der vollkommenen, allumfassenden Gemeinschaft mit ihm zu leben.

Österliche Kraft

Explosiv verbreitet sich die lichte Energie von der Mitte ausgehend über das Bild. Von innen her bekleidet dieses strahlende Licht die ganze Bildfläche. Seine Mitte liegt hinter einem kleinen gelben Rechteck, das von einem Kreuz gezeichnet ist. Das Kreuz ist noch zentral da, aber es hat seine Macht verloren.

Denn hinter diesem gelben Rechteck ereignet sich eine unaufhörliche Lichtexplosion, die zwei rechteckige Formen überstrahlt. Der innere Rahmen ist gelb und eher quadratisch, der äußere Rahmen schwarz und gleicht von den Dimensionen her einer Tür. Es ist, als wolle die starke Lichterscheinung alles Bisherige und Dagewesene sprengen und neue Dimensionen eröffnen.

Eine erste Auswirkung ist in der unteren Bildhälfte zu beobachten. Schwarze Dunkelheit ist förmlich an den Rand gedrängt worden. Das Licht hat sich tief in den Bereich aller lebensbedrohenden Machenschaften (Dornen links und rechts) und auch des Todes (schwarzes Kreuz) eingesenkt, um alle zu erleuchten, die im Schatten des Todes verloren sind.

Auf eine moderne Weise bringt der Künstler das Hinabsteigen Jesu in das Reich des Todes und seine Auferweckung durch eine lichte Kraft zum Ausdruck, die alles verändert. So heißt es im Osterlob des „Exsultet“ zu Beginn der Osternachtfeier: „Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg. […] Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude.“

Durch die Auferstehung Jesu ist zudem eine Tür in die Ewigkeit geöffnet worden. Es kommt nicht nur Licht in unsere Welt hinein, sondern es wird auch offenbar, dass es nach dem irdischen Tod lichtvoll weitergeht. Endete das Leben bislang mit dem Tod, so ist das irdische Leben seit Jesu Auferstehung bereits der erste Teil eines unfassbar längeren Lebens in der Gemeinschaft mit Gott.

Sehr schön wird das in einem österlichen Kirchenlied (GL 337) besungen:
4. „Die Seite, die geöffnet war, / freu dich und singe, / zeigt sich als Himmelspforte dar, Halleluja. Sing fröhlich Halleluja!
5. O Christ, nun feste Hoffnung hab, freu dich …
    auch du wirst gehn aus deinem Grab. Halleluja! Sing fröhlich …
7. So wirst zum Leben du erstehn, / freu dich …
    und deinen Heiland ewig sehn, Halleluja. Sing fröhlich Halleluja.

Als Zeichen der Liebe und des Dankes scheint jemand die rote Rose oben an den Lichtkranz „geheftet“ zu haben. Es ist, als wolle sie sagen, dass die Liebe stärker als der Tod ist, weil Gott selbst Liebe ist und darin den Tod überwunden hat.

Adventsereignis

Durchdringende Begegnung. Licht durchbricht das Dunkel. Seinesgleichen begegnet sich und geht ineinander über. Es ist ein lichtvolles Wehen zu beobachten, sanft erwartend von unten, stärker und konzentrierter von oben. Ein mystisches Herunterkommen in eine intensive Erwartung.

Klarheit vermittelt das Bild nicht. Es umschreibt vielmehr ein Ereignis, bei dem die Dunkelheit durch die Lichterscheinung aufgebrochen wird, bei dem ein senkrechtes Niederkommen auf eine waagrecht wartende Ebene trifft und sich mit ihr vereinigt.

Es ist das Warten und Kommen in diesem Bild, das fasziniert, das Erwarten und das Niederkommen. Das Geschehen der Heiligen Nacht wird auf diese Weise symbolisch fein angedeutet. Das Bild lässt aufmerken, weckt aus dem Alltagseinerlei auf mit seiner ungewöhnlichen Erscheinung. Wachsame Aufmerksamkeit macht sich breit für das noch Größere, das folgen wird. Wo wird Gott dieses Jahr seinen Sohn in uns Menschen hineinschenken? Wann wird Er durch jemanden von uns so sichtbar gegenwärtig werden, dass die Menschen seine heilende Anwesenheit spüren?

Es ist Wehen.
Es ist kein Regen, der fällt
Es ist Bild.
Nacht ist.

Darin geschieht Kommen.
Ein Herhauch, ein Windflug, „Immer noch Sturm“.
Oder leichtes Aufstehen des Nebels?

Der Engel sagt an?
Die Szene der Krippe?

Jene Stunde der Armut?
Gott atmet in Welt? Und birgt sich darin. Er wird nicht gesehen.

Jene Zeit ist?

Betlehembild.
Es wird sich füllen. Es wird real.

Es kommen die Hirten, die Weisen, wer noch?
Endlich auch wir?

Ich gerate hinein, in die Zeit Christi, in seine Anwesenheit.
In das, was jetzt immer noch ist.
In die Nacht und zur Stille.
In die Verborgenheit.
Ich gerate in Stürme. „Immer noch Sturm“ (Handke).

Josef Roßmaier

Morgendliche Begrüßung

Gelbe Hände strecken sich einer roten Kugel entgegen. In ihr und um sie herum künden pulsierende Kreislinien und bunte Lichtpunkte von einer vibrierenden Energie, die über sich hinausgeht. Es sind Lichtlinien, welche die rote Kugel wie Haare prachtvoll kleiden und sich nach unten handartig ausformen als wollten sie den menschlichen Händen die Hand reichen. Ein im Bild schwebendes Augenpaar verstärkt den Eindruck, mit der roten Kugel eine göttliche Persönlichkeit vor sich zu haben, die voller Liebe und Leben den Menschen zugewandt ist und sich an sie verschenken will.

Es ist eine besondere Begegnung, die hier ins Bild gebracht wird. Zum einen die Zuwendung des himmlischen Gestirns, das durch seine Größe und Pracht einzigartig ist, zum anderen durch die vielen menschlichen Hände, die sich wie Keimlinge lichthungrig aus dem Wasser dem Gestirn entgegenstrecken als auch die mit einem Vogel verzierte Gondel, welche die Anwesenheit eines hohen Würdenträgers andeutet. Die feinen Wellenlinien mögen auf ihre wasserreiche Heimat anspielen, das schlangenförmige Gebilde mag den mäandrierenden Verlauf der flachen Gewässer andeuten, kann aber auch symbolisch für ein Auf und Ab, ein Hell und Dunkel des Lebens stehen. Einige Verse aus dem Sonnengesang des Echnaton lassen das Bild mit seiner ägyptischen Formensprache besser verstehen.

Am Morgen bist du aufgegangen im Lichtland
und bist strahlend als Sonne des Tages.
Was auf Füßen steht, erwacht: du hast sie aufgerichtet,
sie reinigen ihre Körper und ziehen Leinengewänder an;
ihre Arme sind in Lobgebärden bei deinem Erscheinen,
das ganze Land tut seine Arbeit.

Die Arme kommen aus dem Wasser, weil das Sonnenlicht die ganze Schöpfung geweckt und aufgerichtet hat und die Menschen sich vor dem Morgenlob als erstes für die Begegnung mit ihrem Lebensspender waschen und rein machen. Das Bild zeigt nur die emporgestreckten Arme der Menschen, so wie wir sie heute von begeisterten und jubelnden Besuchern eines Popkonzertes kennen. Hier strecken sich die Hände ihrem Star auf der Himmelsbühne entgegen. Sie begrüßen die Sonne bei ihrem Erscheinen, sie sind der körperliche Ausdruck ihrer tiefen Dankbarkeit, dass sie zuverlässig da ist und ihrem Leben einen festen Rhythmus gibt. Die hochgestreckten Hände bejubeln und loben ihren Himmelsstar, der ihnen täglich Licht und Wärme spendet und wesentlich zur Fruchtbarkeit des Landes und damit zur Lebensmittelversorgung beiträgt.

Aus einem anderen Blickwinkel gesehen könnte man auch sagen, dass die Sonne gleichsam auf Händen getragen wird. Durch das tägliche Ritual wird sie nicht als selbstverständlich angesehen, sondern die Beziehung wird gepflegt und das Wohlgefallen des übergeordneten „Herrschers“ erbeten. Dieser Dialog wird in der jüdischen und christlichen Religion insbesondere in den Psalmen deutlich. Hier wird auch ersichtlich, dass einiges aus dem Gedankengut des Echnaton verwandelt und weiterentwickelt in das Gespräch mit Gott eingeflossen ist. Abschließend und beispielhaft dafür können die Verse 1-6a des Psalms 24 stehen:

Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.
Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, …

Alle Bilder von Christina Simon aus dem Sonnen-Hymnus

Licht vom Himmelsthron

Unser Blick wird durch eine leicht abgewinkelte rechteckige Öffnung auf ein lichtes Geschehen geführt. In der rechten unteren Ecke sitzt eine junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Schoß. Sie sind vom sonnengelben warmen Licht durchdrungen, der Kopf des Kindes ist umgeben von einem Heiligenschein. Auf sie beide zeigt von oben ein übergroßer Finger, der sich bald als Engel offenbart, dessen Flügel wie ein Strich auf Jesus und Maria deuten. In dieser Direktheit vermag man die Stimme Gottes zu hören, wie sie bei der Verklärung aus den Wolken zu den anwesenden drei Jüngern sagte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören“ (Mt 17,5).

Gleichzeitig ist man versucht, in dem Engel Gabriel zu sehen, der zu Maria hinuntersteigt und ihr ankündigt, dass sie auserwählt wurde, den „Sohn des Höchsten“ in sich zu tragen und zur Welt zu bringen. Das Kind wäre in diesem Fall eine Visualisierung des Zukünftigen.

Gegenüber von Jesus und Maria neigt sich auf der anderen Seite der bühnenartigen Darstellung eine dreiteilige Menschengruppe ins Bild hinein. Auch sie sind Randständige. Ihre Schräglage kann sich auf ihre Lebenssituation beziehen, aber auch als ein sich ins Licht hineingeben. Sie trauen sich, die Dunkelheit zu verlassen und sich vom Licht erfassen zu lassen. Damit neigen sie sich gleichzeitig Jesus zu und verneigen sich vor ihm. Denn das Licht, das vor ihnen her gezogen ist, weist nun in Gestalt eines Engels auf den lang Ersehnten und Gesuchten. Wunderbar ist die Offenheit, mit der die Künstlerin die Begegnung darstellt. Aus der Darstellung geht nicht hervor, ob es sich um die drei Könige handelt, die zu Jesus kamen, um ihm die Ehre zu erweisen und ihn anzubeten.

So klar die drei Personengruppen in einer Dreieckanordnung erkennbar sind, so werfen doch die beiden braunroten Elemente beidseits des Engels Fragen auf. Mit ihren dunklen Farben haben sie etwas Bedrohliches an sich, das über dem Kind schwebt. Sie muten wie Schatten oder Vorboten des Leids an, welches Jesus später zu ertragen und durchleiden hat. Links mag ein Kreuzesbalken angedeutet sein, rechts eine spitzige Waffe.

Überwältigend an diesem Bild ist jedoch das intensive, warme Licht. Es lässt die 3. Strophe des Adventsliedes „Tauet, Himmel, den Gerechten“ (GL 474) hören, in der es heißt: „Und in unsres Fleisches Hülle kommt zur Welt des Vaters Sohn. Leben, Licht und Gnadenfülle bringt er uns vom Himmelsthron. Erde jauchze auf in Wonne bei dem Strahl der neuen Sonne, bald erfüllet ist die Zeit, macht ihm euer Herz bereit! Bald erfüllet ist die Zeit, macht ihm euer Herz bereit!“

Marias Herz war bei der Ankündigung durch den Engel bereit gewesen. Durch ihr bedingungsloses Ja zu Gottes Willen wurde sie Mutter. Aus der Frau am Rande wurde sie zur Mutter von Gottes Sohn. Für uns Menschen ist sie Schwester. Und Vorbild zu unserem Ja zu Gottes Willen. Sie ist uns Hilfe auf unserem Weg der Erwartungen und der Suche, auf unserem Weg zu Gott …

Lassen wir uns hineinnehmen in die Gnaden-, Licht- und Lebensfülle vom Himmelsthron, mit der Jesus alle beschenkt, die Ja zu ihm sagen.

Verheißung

Dreieckförmig bricht von oben kommendes Licht die nachtblauen Schatten auf. In seiner Mitte scheint ein dunkelgelber Lichtstrahl die Dunkelheit wie ein scharfes Messer zu teilen und zur Seite fallen zu lassen. Wie schroffe Berghänge beim ersten Tageslicht geben die Schatten nun einen Blick durch das Tal und auf das Dahinterliegende frei. Es ist kein Weg zu sehen, der sich dem Betrachter öffnet und den er mit seinem geistigen Auge beschreiten könnte.

Vielmehr lädt ihn das hinter den nachtblauen Schatten Offenbarte und gleichzeitig Verborgene ein, schritt- und stufenweise durch die weichende Dunkelheit dem Licht entgegen zu gehen. Denn die Dunkelheit hat ihre Macht verloren. Mit der Vertreibung der Nacht ist die Herrschaft des Lichtes angebrochen. Diese Verheißung steht im Raum.

Im Hintergrund ist von den letzten Schleiern der Nacht noch halb verborgen eine Architektur mit einer blauen Türe sichtbar. Noch ist sie verschlossen, aber sie weist eindeutig auf ein Haus und auf die Möglichkeit hin, dass es weitergeht, wenn sie entriegelt und geöffnet wird. Wohin sie wohl führen wird? Und wer wird die Türe öffnen? Was wird demjenigen zu schauen gegeben, der mutig anklopft und um Einlass bittet?

Das Bild scheint auf den ersten Blick keine Auskunft darüber zu geben. Doch direkt hinter der Lichtsäule ist mehr angedeutet als sichtbar eine engelsgleiche Gestalt auszumachen, die mit einem erhobenen Leuchtschwert der Türe zugewandt ist. Sie scheint die hellblaue Türe zu bewachen und weist gleichzeitig auf sie hin. Ob die Türe den Eingang zum Himmel bildet? Ist sie eine Art Himmelspforte? Darf der Besucher dahinter – wie auch immer – den Himmel erwarten, den Himmel auf Erden? Das Bild schweigt dazu. Es lässt die Verheißung im Raum stehen.

Allerdings vermag eine andere Assoziation die Ahnung zu vergrößern, was denjenigen erwarten wird, der auf das Licht zugeht. So wie die Intervention von oben einen Weg durch die Dunkelheit bahnt, werden Parallelen zum Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer sichtbar. Gott selbst ist „herabgestiegen, um es [sein Volk] der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land heraufzuführen in ein schönes, weites Land, …“ (Ex 3,8). Wie die Israeliten von den Ägyptern verfolgt dann am Meer standen, streckte Mose seine Hand aus, ließ Gott durch einen starken Wind die Wassermaßen zurückweichen, so dass „rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand“ (Ex 14,22). Damit war für das Volk Gottes der Weg in die Freiheit offen.

Auch heute befreit Gott uns von den Dunkelheiten unserer Zeit, damit wir in der Freiheit seines Lichtes seine Nähe zu uns in seinem Sohn erkennen und selbst Lichtträger werden.

Feuer vom Himmel

Beinahe tanzend fallen die Flammenzungen von links oben ins Bild hinein. Wie aus der Ferne kommend werden sie zur rechten unteren Ecke hin immer größer. Fröhlich bewegt konzentrieren sie sich wie ein Feuer und bilden gleichzeitig einen Ruhepunkt.

Das Herabkommen der Flammen spielt sich vor einem Hintergrund mit verschiedenen Blautönen ab. Seine mysteriöse Erscheinung lässt sich weder dem Himmel, dem Meer, noch der Nacht zuordnen. Mehrere Bildebenen verstärken auf der linken Bildhälfte die Tiefenwirkung. Hier streben im Vordergrund transparente blaue Flammen bis auf die Höhe der gelbroten Flammentreppe auf und überlagern diese leicht, darüber steigen rauchartig mehrere Aufhellungen nach oben. Rechts sind die Flammen unverdeckt und scheinen so ganz beim Betrachter zu sein.

Dieser vom Himmel niedersteigende Flammenreigen erinnert auf seine Weise an das Pfingstereignis in Jerusalem. „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Auf dem Bild sind keine Menschen gemalt. So können sich die Feuerzungen nicht allein auf das Pfingstfest vor langer Zeit beziehen, sondern auch uns im hier und jetzt betreffen. Zu jedem Betrachter des Bildes kommt gleichsam der Sturm der Feuerzungen, auf jede und jeden von uns soll sich eine Flamme niederlassen.

Die Flammen vom Himmel können als sichtbares Geschenk göttlicher Weisheit und Begeisterung gedeutet werden. Sie sind Ausdruck der Erleuchtung und des Erkennens, was geschehen war. „Es ist mir ein Licht aufgegangen!“

Eine Flamme ist zudem ein äußeres Zeichen für das innere Verstehen und die Gabe, diese Erkenntnis anderen verständlich machen zu können. Denn das Pfingstwunder realisierte sich nicht nur, dass die Jünger andere Sprachen sprechen konnten, sondern auch, indem diese Sprachen verstanden wurden.

Schließlich kann eine Flamme über jeder Person als Ausdruck der Begeisterung für die Sache Jesu gedeutet werden. Als sichtbares Zeichen, dass wir für das Anliegen Jesu brennen und uns mit Feuer und Flamme dafür einsetzen.

Osterkreuz

Das Vortragekreuz von Peter Sandhaus bedient sich einer modernen Herstellungstechnik […]: Das Kreuz ist mit einem 3-D-Drucker hergestellt und besteht aus Kunststoff, der in einem aufwendigen chemischen Verfahren vergoldet wird und dem Kreuz eine weithin sichtbare Ausstrahlung verleiht. Die Zeitgenossenschaft unterstreicht der Künstler noch dadurch, dass sich das Jahr des Wettbewerbs niederschlägt in 2015 individuell verschiedenen kleinen Kreuzen, die zu einem Netzwerk verbunden sind. Das so entstandene kreuzförmige Netz hat anthropomorphe Züge, erinnert an einen abstrakten menschlichen Torso und weckt die Assoziation an ein Kruzifix. In dieser Formgestalt fallen Kruzifix und Kreuz in eins. Die vier Enden des Kreuzes sind dabei offen gestaltet und lassen eine gedankliche Fortsetzung der Kreuzform zu, die ins Unendliche ausgreift. Durch die netzartige Struktur interagiert das Objekt mit dem jeweiligen Hintergrund, der durch das Kreuz hindurchscheint. Damit wird das Kreuz integraler Bestandteil seiner Umgebung. Der Hinweis auf die kleinteilige Zusammensetzung des einen Kreuzes berührt auch die theologische Vorstellung von der Kirche als dem Leib Christi (vgl. Kol 1,18), der wiederum aus vielen Gliedern besteht (vgl. 1 Kor 12,12ff). So wird das Kreuz auch zu einem Symbol der gesamten Gemeinde, für die es gemacht ist. Schließlich ist die Leichtigkeit des Kreuzes, die dem Material geschuldet ist, zu betonen (ca. 1,2 kg): Es lässt sich außerordentlich gut bei Prozessionen verwenden. Damit eröffnet sich auch eine theologische Interpretation, die das Kreuz nicht als drückendes Joch versteht, sondern als leichte Last (vgl. Mt 11,29f).

Der Text stammt mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Katalog „ars liturgica – Gestaltung eines Vortragekreuzes“ (S. 38). Mit dieser Arbeit gewann Peter Sandhaus 2016 den 1. Preis im Wettbewerb. Der Katalog kann beim Liturgischen Institut in Trier zum Preis von 8 Euro zzgl. Versandkosten bezogen werden.

Neu sehen lernen

Sicher haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass Sie Menschen, Landschaften oder Dinge, die Ihnen durchaus vertraut sind, eines Tages wie mit neuen Augen gesehen haben. Auch Ostern verändert unsere Sicht auf das Leben und damit unsere Lebensweise selbst. Die Tatsache, dass Gott durch Jesu Auferweckung von den Toten sein und unser Leben neu geschaffen hat, verändert unsere Wahrnehmung. Von nun an sehen wir alles in einem neuen Licht, mit einem neuen Verständnis. Es ist ein Sehen und Verstehen aus einem Geist und Glauben heraus, die alles verändern: Der Tote lebt, der Liegende geht herum, der Gekreuzigte ist frei, der Gedemütigte und Erniedrigte ist im Himmel erhöht und erhält den Platz zur Rechten Gottes.

Das Bild verkörpert dieses neue Sehen der veränderten Wirklichkeit. In den gelben Farben sind aufgelöste Körperstrukturen wahrnehmbar. Am deutlichsten ist ein gelber Kreis sichtbar, der einen Kopf oder eine Sonne andeuten kann. Letztere ist ja auch ein Symbol für den Auferstehenden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Gestalt im Bild mehr einer Lichterscheinung als einem leibhaftigen Menschen gleicht. Denn darum geht es: Um das Spüren, dass Jesus nach seiner Auferstehung in neuer Gestalt, mit einer Präsenz, die nicht festzuhalten ist – wie bei Maria aus Magdala – mitten unter uns gegenwärtig ist. Eine geistige Gegenwart, die künstlerisch am besten mit Licht ausgedrückt werden kann.

Lichtblitze bilden also die neue Gestalt des Auferstandenen, der von einem blauen rechteckigen Wolkenband umgeben ist, als würde er darauf in den Himmel auffahren oder schon in den Himmel eingegangen sein. Je nach Proportion wecken die zackigen Striche Assoziationen an die Krippe Jesu und das weihnachtliche Aufleuchten des göttlichen Lichtes in der Dunkelheit dieser Welt. Mit der Auferstehung von den Toten wird hier der Übergang zum ewigen Leben verbildlicht, die Fortsetzung des bereits in der Taufe anlegten neuen Lebens. Auf jeden Fall ist der Auferstehende ein in den Himmel Eingehender und von nun an dort Wohnender. Ein im Himmel Geborgener. Dies ganz im Sinne von Gerettetem und eine neue Heimat Erfahrenden.

Im Licht von Ostern erfahren wir Gläubigen etwas von dieser Glaubenswahrheit. Das Leiden und der Schmerz, der Abschied und der Tod haben nicht das letzte Wort. Es geht weiter! Er-weitert, größer, wunderbarer als wir es uns vorstellen können. Im Glauben erhalten wir eine Vorahnung dessen, was uns einst erwarten wird. Die Osterzeit ist das Einüben in das Sehen dieses neuen Lebens, das der Auferstandene ausgelöst hat. Die Osterzeit ist die Einübung in das Leben mit und in dieser neuen Lebenswirklichkeit.

In der Herzgegend des Auferstandenen ist eine Verdichtung festzustellen. Will sie auf das Herz hinweisen? – Dass man nur mit dem Herzen gut sieht? – Dass das dem Auge Verborgene dem sichtbar wird, dem geschenkt wurde, in der Liebe und der Freude Gottes zu sehen?

Verkündigung … an Maria?

Eine junge Frau sitzt im Schlafanzug an ihrem Laptop und trinkt dabei eine Tasse Kaffee oder Tee. Das gemalte Geschehen könnte eine ganz normale Frühstückssituation darstellen, wenn nicht verschiedene Gegenstände im Raum auf etwas Außergewöhnliches hinweisen würden. Die braune Wand gibt einen seltsam dunklen Rahmen für den lichterfüllten Spiegel und seinen Kontrapunkt im Lilienstrauß. Auch das Apple-Logo korrespondiert seltsam gut mit der blauen Tasse, dem Bildschirm im Spiegel und dem Boden. Und dann ist da noch der Fotograf, der kniet, aber nicht die Sitzende, sondern genauso wie die Frau mich als Betrachter ins Visier nimmt. – Was will und kann uns der Künstler damit alles sagen?

Wer die Striche und damit die Zeichnung in der dunklen Rückwand zu entdecken vermag, wird direkt zum Thema des Bildes geführt. Mit wenigen Linien ist da die Verkündigung an Maria aus dem Verkündigungstriptychon von Simone Martini aus dem Jahre 1333 skizziert. Die Darstellung erinnert an Malereien in Grisaille-Technik, welche in Renaissance- und Barockbildern oft als Verweis auf „Vorbilder“ der im Bild dargestellten Protagonisten verwendet wurden. Die lässig mit angezogenem Bein am Tisch sitzende Frau wird durch die Mariendarstellung unmittelbar über ihr als moderne Maria definiert. Sie ist die neue Eva, wie es der angebissene Apfel auf dem Laptop weiter andeutet. Dieser steht wie ein aufgeschlagenes Buch offen vor ihr auf dem Tisch.

Sie scheint der Versuchung des neuen Mediums nicht zu erliegen, sondern seine Informationsmöglichkeiten (Wissen, vgl. Gen 3) für die gezielte Lektüre und den Austausch mit dem „Unsichtbaren“ zu nutzen. Auf dem Bildschirm im Spiegel ist erstaunlicher- und wunderbarerweise nicht spiegelverkehrt zu lesen:

und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit
gesehen

Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen
einen Sohn wird sie gebären,
und man wird ihm den Namen Emmanuel geben
was heißt Gott mit uns

Diese Worte aus dem Johannesevangelium 1,14 und dem Buch Jesaja 7,14 kündigen ihr die Inkarnation Gottes unter den Menschen an. Gott offenbart sich ihr in diesen Worten, auch wenn es nicht die gleichen Worte wie jene des Engels sind, lassen sie sehend werden für das Geheimnis der Menschwerdung. Nicht zufällig steht von der Frau aus gesehen hinter dem Computer ein Strauß Lilien. Der Künstler hat nicht nur eine Lilie dargestellt, sondern viele Lilien, die über die Symbolik der Reinheit und Jungfräulichkeit hinaus auf eine unfassbare Fülle hinweisen. Vor dem dunklen Hintergrund bildet er im Raum eine helle „Gestaltwerdung“ des unfassbaren Lichtes, das im Spiegel zu sehen ist. Hier werden die Lilien zum Symbol für Jesus, der aus dem unerschaffenen Licht in unsere Welt kam (vgl. Credo) und uns aus seiner Fülle Gnade über Gnade zukommen ließ (vgl. Joh 1,17).

Als Pendant zum Engel von Simone Martini, der dem Lilienstrauß zu entsteigen scheint, begegnet uns auf der anderen Seite des Bildes gegenüber der jungen Frau ein Fotograf. Er ist nur im Spiegel dargestellt und gehört damit zur „anderen“ Welt, die nicht begreifbar, aber dennoch gegenwärtig ist. Seine kniende Haltung gleicht einer Kniebeugung, sein erhobener linker Arm einem Flügel. Doch im Gegensatz zum Engel arbeitet der Fotograf nonverbal. Er öffnet seine Kamera für einen kleinen Augenblick, um das Trägermaterial zu belichten. Dadurch geschieht hier auf eine weitere Art „Gestaltwerdung“. Allerdings fotografiert er nicht die junge Frau, sondern mich als Betrachter, denn bei mir und jetzt soll die Botschaft „Fleisch“ werden. Das mag auch der Grund sein, wieso mich die junge Frau unentwegt anschaut, ja geradezu fixiert.

Es geht um mich. Gott will durch mich unter den Menschen wohnen. Nicht nur für einen flüchtigen Moment wie bei einem ehrenden „Schnappschuss“ oder einem vergänglichen Foto, sondern verdichtet und überzeitlich wirkend wie in diesem gemalten Bild. Die blaue Tasse, die sich als Blickfang fast mittig im Bild vor dem Oberkörper der Frau befindet, mag andeuten, dass wir Seine Worte so oft und wie ein Getränk zu uns nehmen und verinnerlichen sollen, damit sie uns Leben werden. Dann wird Immanuel, „Gott mit uns“ sein und der Himmel – wie es der blaue Boden verheißt – unsere Lebensgrundlage und unser Halt werden.

Kreuz-Zeichen

Das filigran gestaltete Kreuz von Tobias Eder beeindruckt durch seine starke Reduktion auf eine einzige durchgehende, schmale Linie. Sie ist in ihrer spitz gewinkelten Form der Gestik einer Bekreuzigung nachempfunden: Die Bewegung beginnt von oben nach unten, führt wieder hinauf, um dann nach links abzuknicken und schließlich nach rechts zu führen. Dieses performative Geschehen, das vor allem Anfang und Ende eines katholischen Gottesdienstes rahmt, wird in der fixierten und abstrakten Form des Vortragekreuzes zu einem liturgischen Begleitphänomen während des Gottesdienstes. So kann das Vortragekreuz die Gläubigen an die aktive Teilnahme am Gottesdienstgeschehen erinnern. Gleichzeitig kann diese zur festen Form erstarrte Bewegung verstanden werden als Illustration eines Gedankens des Apostels Paulus, der den Weg Christi beschreibt als Abstieg zur Erde und Aufstieg in den Himmel und deshalb zur umfassenden Verehrung einlädt (vgl. Phil 2,5-11). Das Material, hochpolierte Bronze, steht für Glanz und Herrlichkeit und weckt die Assoziation an Erhabenheit. Dadurch lässt sich das Kreuz als Symbol für die Überwindung des Todes durch die Auferstehung Christi und als Zeichen seiner Wiederkunft interpretieren.

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Der Text stammt mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Katalog „ars liturgica – Gestaltung eines Vortragekreuzes“ (S. 46). Mit dieser Arbeit gewann Tobias Eder 2016 den 3. Preis im Wettbewerb. Der Katalog kann HIER beim Liturgischen Institut in Trier zum Preis von 8 Euro zzgl. Versandkosten bezogen werden.

Eine Liebesbeziehung

Gelb sind die wenigen Buchstaben in der Mitte der blau-grauen Fläche platziert. Es ist ein Wortspiel, ein Dialog zwischen den Worten „Er kennt mich“ und „Erkenntnis“. Da wir von oben nach unten lesen, geht sein Mich-Kennen meiner Erkenntnis voraus. Es sind Worte, die durch das „mich“ mich als Betrachter ganz persönlich ansprechen. Doch wer ist „Er“? Und wer erkennt wen? Wer wird erkannt, anerkannt und zur Erkenntnis geführt?

Der Künstler präsentiert eine Beziehung zwischen dem, der erkennt, und dem, dem als Geschenk Erkenntnis angeboten wird. Die Arbeit verweist auf den, bei dem Erkenntnis ist und der jeden kennt, der diese Arbeit betrachtet. Wie es die gelbe Farbe suggeriert, soll mir als Betrachter ein Licht aufgehen. Dabei lässt sich die obere Zeile mehr Dem zuordnen, der über mir steht, die untere Zeile mehr uns Menschen. So kann neben den Worten auch das Oben und Unten eine Verbindung mit Gott schaffen, einem Gott, der mich kennt und bei mir Erkenntnis eben dieses Kennen und Liebens ermöglicht.

Mit diesen schlichten Worten versinnbildlicht der Künstler die Beziehung des Christen zu Gott, wie es ein Glaubender schon vor langer Zeit in Psalm 139 (Verse 1-3.5-6) treffend zum Ausdruck gebracht hat. „Herr, du hast mich erforscht und kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. Ob ich gehe oder ruhe, du hast es vermessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. (…) Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.“

Was zunächst bedrohlich erscheint, dass Gott nichts verborgen ist und er alles weiß, wandelt und öffnet sich in „einen Raum der Zuneigung und des Vertrauens“, die sich „nur noch kindlich staunend wahrnehmen lässt“ (Mathee). Wer sich in diesen Raum begibt, darf Gott auf eine intime und innige Art und Weise erleben. Und er erfährt zudem bei Ihm, wer er ist. Denn nur bei Gott ist diese Erkenntnis.
Bei Gott wird der Mensch identisch mit dem, als der er gemeint ist. Und er entdeckt und erlebt sich dabei als Mensch, der von Gott geliebt, getragen und beschützt wird. Denn Er kennt mich!

Diese Arbeit ist beim Künstler unter der Bestell-Nr. 6014 auch als Postkarte erhältlich.

Das wahre Licht kam in die Welt.

Es gibt viele Arten von Licht. Hier wird das Licht als warme Erscheinung thematisiert, gehalten von einer braun-roten Fassung, die nach oben bis auf die Andeutung einer Eiform offen ist. Das zentrale Licht ist sanft und atmet zwischen weiß und zitronengelb.

Die helle Mitte und die feurige Schale bilden eine immaterielle Einheit, die in einem grauen, eckigen Gefäß ruht, das nach oben ebenfalls offen ist. Größer gesehen kann die geometrische Form auch als einfachste Konstruktion einer Behausung gesehen werden, in der sich das übergroße Licht niedergelassen hat. Man könnte sagen: Das Unfassbare hat sich in die irdische Offenheit eingelassen und lebt nun in ihr als göttliches Licht.

Wie der brennende Dornbusch Mose angelockt hat (Ex 3,2f), lädt das warme Licht den Betrachter ein, näher zu treten und es zu schauen, zu staunen und sich an ihm zu wärmen. Es macht keine Angst, verbrennt und zerstört nicht. Es sind vielmehr Leben und Freude in ihm, die Frieden verkünden, Nähe und Gegenwart, ja Erfüllung präsentieren. In diesem symbolischen Bild ist vieles über die Menschwerdung Gottes erkennbar. Der Evangelist Johannes fasst es in dem kurzen Satz zusammen: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Denn für ihn ist Jesus das göttliche Licht, das Herz und Verstand mit Weisheit erhellt und befähigt, Jesu Wort aufzunehmen und zu befolgen. In seiner Geburt wird lichtvoll das Kommen des Retters gefeiert, der durch seinen Tod unsere Sünden getragen und in seiner Auferstehung den ewigen Tod besiegt hat. Im Bild mögen das lilafarbene Rechteck ganz unten und die diagonalen Elemente, welche es durchbrechen und einen Aufbruch, einen Neuanfang spüren lassen, auf den Tod und die Auferstehung Jesu hinweisen. Gleichzeitig lassen die x-förmigen Linien an eine Krippe im Stall denken, in der sich das göttliche Licht offenbart.

Mit seinen einfachen Elementen spannt das Bild aber nicht nur den Bogen von der Geburt bis zur Auferstehung Jesu, sondern auch vom Anfang der Schöpfung zum Bild ihrer Vollendung. Denn in der Geburt Christi erhält mit dem Menschen die ganze Schöpfung die Grundlage für einen Neuanfang. Die Referenz an den ersten Schöpfungstag, an dem Gott als erstes das Licht schuf, in dem er es von der Finsternis trennte (vgl. Gen 1,1-5), ist offensichtlich in den Worten des Johannes. Ebenso kann von der Geburt aus ein inhaltlicher Licht-Bogen ans Ende der Bibel gespannt werden, wo im Buch der Offenbarung der Autor berichtet, wie er „die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen“ sieht. Sie wird als „die Wohnung Gottes unter den Menschen“ beschrieben (Offb 21,2f), die kein Licht braucht. „Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (21,23)

Wo und wie auch immer wir Gottes Licht betrachten, in Jesus hat es ein Gesicht erhalten. Und „aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ (Joh 1,16)

Licht (-er Dreiklang) werden

Die menschliche Gestalt ist nur durch ihren senkrechten Körper und den leicht geneigten Kopf zu erkennen. Alle anderen Körper- und Haltungsmerkmale treten zu Gunsten eines anderen Geschehens zurück. Denn die Farben sind wohl maltechnisch äußerlich aufgetragen, deuten aber von ihrer Symbolik her auf innere Vorgänge und Befindlichkeiten hin, da besonders der Lendenbereich, die Brustgegend und der Kopf betont sind.

Der Kopf ist nur durch eine feste dunkelgelbe Kreislinie angedeutet. Sie umschreibt einen runden Freiraum, der durch seine ungeschaffene Form und das umgebende Dunkelgelb als ein geistiger und heiliger Bereich ausgewiesen ist. Ihm wohnt himmlische Transzendenz und irdische Demut inne. Aus seiner Mitte entspringen die weißen Farbelemente, die der Gestalt einen hellen Grund geben. Dieser stellt gleichzeitig ein klares Dasein im Hier wie einen lichten Verweis auf das Dort dar.

Der ganze Leib ist durch die hellen gelben und braun-roten Stellen geprägt. Insbesondere der Lenden- und Bauchbereich sind von gestischem Leben erfüllt und scheinen mit der Farbe zusammen auf ein inwendiges Leben wie ein ungeborenes Kind hinzuweisen. Die leuchtend gelben Stellen sind von da ausgehend wie Funken der Freude, welche den ganzen Körper durchziehen und bis in die letzte Faser das Glück der Mutterschaft spüren lassen, das in seiner Mitte einen Platz gefunden hat. Durch ihre Konzentration im Brust- und Herzbereich kann das leuchtende Gelb auch als Farbe des Glaubens gedeutet werden.

Mit diesen ungewöhnlichen Attributen hat der Künstler seine Erfahrungen mit Maria in gestischen Strichen aufs Papier gebracht. Er hat einen demütigen Mensch gemalt, der ganz transparent auf Gott hin ist, der in sich den Glauben, die Hoffnung und die Liebe trägt, feurig, warm und voller Leben. Er hat einen Menschen mit freiem Kopf gemalt, der für Gottes erfüllenden Geist offen ist und Sein Wort bereitwillig in sich aufnimmt. Und Maria hat Sein Wort so innig aufgenommen, sie hat Gott ihren Leib so vollständig zur Verfügung gestellt, dass Er durch sie ganz und gar Mensch werden konnte. Das ist das Licht und die Freude von Maria: ihre grenzenlose Hingabe an Gott. Dadurch konnte Gott sich in seinem Sohn in grenzenloser Hingabe uns schenken.

Im Bild scheint die Gestalt der Maria in Bewegung zu sein. Sie ist nicht nur innerlich mit Leben erfüllt, sondern auch dabei, dieses Leben und diese Freude zu Menschen wie Elisabeth zu tragen. Nach Mariens freudigem Gruß antwortete Elisabeth: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ (Lk 1,42-45)

Alles, was der Künstler zu Maria gemalt hat, ist auch Anspruch an uns, so wie Maria zu leben: Glauben, dass Gott zu uns spricht. In unserem Kopf und Leben Freiraum für IHN zu lassen. Offen für Gottes Geist zu sein. Sein Wort erwarten, es in uns wohnen lassen, auf dass es in Fleisch und Blut übergeht, wächst und Seine Gestalt annimmt. „Licht werden“, „brennen für Gott“ bedeutet, ganz transparent auf IHN hin zu werden, damit die Menschen in der Begegnung mit uns IHM begegnen können, Gottes Barmherzigkeit, des Geistes Kraft, Jesu Menschenliebe.

Licht am Horizont

Dunkelheit bedeckt den größten Teil der Bildfläche. Schatten und Unschärfen lassen kein klares Erkennen zu. Nur in der Ferne ist ein gelbes Licht zu sehen – oder ist es vielmehr sein Widerschein auf einer Wolke?

Damit beherrscht nicht die Dunkelheit, sondern das Licht dieses Bild. Das Licht am Horizont lässt die Dunkelheit nicht mehr als Nacht erfahren, vielmehr als Dämmerung, als Morgendämmerung vielleicht, in der bereits eine Fläche und hohe Gräser oder Büsche erkennbar sind. Die Nacht neigt sich ihrem Ende zu, die Schritte des durch die Nacht Wandelnden nehmen an Sicherheit zu, denn Licht ist in Sicht.

In der immer dunkler werdenden Jahreszeit um die Wintersonnenwende werden wir Menschen verstärkt zu Lichtsuchenden und Sonnenhungrigen. Manche spüren den Mangel an Tageslicht durch eine verstärkte Müdigkeit, Launenhaftigkeit, manchmal sogar durch depressive Verstimmungen. Dadurch wird die Sehnsucht nach Licht existenziell. Die Kälte verstärkt diese Sehnsucht mit dem Bedürfnis nach Wärme, insbesondere in der Nacht.

Auf Weihnachten zugehen ist ein stiller und einsamer Weg durch die Nacht. Den drei Weisen hat ein Stern den Weg geleuchtet. Ein himmlisches, ja kosmisches Licht hat auf das „Licht der Welt“ hingewiesen, das in einem Kind allen Menschen aufleuchtet. Erst mit seiner Geburt werden in der Natur die Tage wieder länger und bei den Menschen die Herzen heller.

Uns leuchtet der Weihnachtsstern schon von weitem. An vielen Orten leuchten die Lichter manchmal so, als wäre Weihnachten schon da. Doch noch ist es nicht soweit. Die Zeit ist noch nicht gekommen. Wir müssen warten, dürfen erwarten, sollen uns vorbereiten auf die Begegnung mit IHM. Der Weg durch die Nacht ist nicht einfach auszuhalten. Er ist auch ein Weg durch die Dunkelheiten unseres Glaubens hindurch, die Zweifel, den Unglauben, die Angst, den Weg nicht zu finden oder zu schaffen.

Möge Gott uns mit der Gnade beschenken, möge er uns mit dem Licht des Glaubens und der Liebe erfüllen, damit wir im Glauben stark werden. Damit wir selbst Licht werden in den Dunkelheiten unserer Zeit. Für alle Menschen auf den Schattenseiten des Lebens, die sich nach geordneten Verhältnissen, sozialer Geborgenheit und Wärme sehnen. Damit sie Licht am Horizont erfahren dürfen.

Erfüllt von Heiligem Geist

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Erdscholle. Sie sind bis auf ein Feigenblatt, das ihre Genitalien bedeckt, nackt. Beide sind orange leuchtend dargestellt, die Frau etwas größer als der Mann, einander zugewandt. Sie stehen vor einem mit dichten Linien bewegten Hintergrund, der sich rechts hinter der Frau einen Spalt öffnet und denjenigen offenbart, der reines Licht ist. Die Frau tritt gleichsam als fleischgewordene Idee aus dieser Öffnung heraus, als Konkretisierung des geistigen Vorbildes.

So zeigt die Arbeit die ersten beiden Menschen, Adam und Eva, nach ihrer Erschaffung durch Gott und nach dem Sündenfall (vgl. Gen 3,7). Sie stehen nicht im Garten Eden, nicht im Paradies, sondern auf einem Stück Land, das überall sein könnte. Als dritter Protagonist tritt bei dieser Darstellung der Hintergrund machtvoll in Erscheinung. Es sind fließende Linien voller Dynamik und Leben, die sich in gelben, roten und braunen Farbfeldern über die beiden zu ergießen scheinen, wobei der dunkelrote Bereich durchaus als Symbol für die Dreifaltigkeit gedeutet werden kann.

Es ist ein übernatürliches, kraftvolles Geschehen, das wohl mit Wind und Licht zu tun hat, viel mehr aber auch Umgebendes, Belebendes, Durchdringendes, Befähigendes, Erfüllendes und Bewegendes zum Ausdruck bringt. Wirkmächtig wird hier Gott als Creator spiritus, als Schöpfergeist dargestellt, der den Menschen durch seinen Geist erschaffen und auch von Anfang an mit ihm beschenkt hat.

In der orangen Farbe leuchten Adam und Eva in der Glut innerer Erleuchtung, die von der Erkenntnis ihrer Nacktheit und Schuld über die Wahrnehmung von Gott bis zur Furcht vor ihm geht infolge einer sensibleren Differenzierung von Gut und Böse. Wie auch immer offenbart sich Gott durch seinen Geist in ihnen. Eingehüllt in einen Gnadensturm fließenden Lichts wird ihnen ihre Unvollkommenheit und Hilfsbedürftigkeit bewusst. Auch darin sind sie ganz unsere Ureltern. Wer weiß, wie sie damals zu Gott gebetet haben. Uns sind heute so wunderbare Worte wie jene des Gebetes „Veni creator spiritus“ gegeben, mit denen wir um die Fülle der göttlichen Geisteskraft bitten können. Das Bild wird dann zu einer Visualisierung der Verheißung für uns, mit welcher Kraft Gott in uns und um uns wirken kann, wenn wir ihn darum bitten:

Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein,
besuch das Herz der Kinder dein:
Die deine Macht erschaffen hat,
erfülle nun mit deiner Gnad.

Der du der Tröster wirst genannt,
vom höchsten Gott ein Gnadenpfand,
du Lebensbrunn, Licht, Lieb und Glut,
der Seele Salbung, höchstes Gut.

O Schatz, der siebenfältig ziert,
o Finger Gottes, der uns führt,
Geschenk, vom Vater zugesagt,
du, der die Zungen reden macht.

Zünd an in uns des Lichtes Schein,
gieß Liebe in die Herzen ein,
stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit
mit deiner Kraft zu jeder Zeit.

Treib weit von uns des Feinds Gewalt,
in deinem Frieden uns erhalt,
dass wir, geführt von deinem Licht,
in Sünd und Elend fallen nicht.

Gib, dass durch dich den Vater wir
und auch den Sohn erkennen hier
und dass als Geist von beiden dich
wir allzeit glauben festiglich.

Dem Vater Lob im höchsten Thron
und seinem auferstandnen Sohn,
dem Tröster auch sei Lob geweiht
jetzt und in alle Ewigkeit.

AUS-radiert?

Die Abfolge von fünf Bildern lässt uns einen existenziellen Veränderungsprozess nachverfolgen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um Leben und Tod, einen Kampf um’s Überleben. Der oberflächlich auf dem weißen Blatt erscheinende Tod ist vom AUS bedroht, von der Ausradierung durch eine stärkere Erscheinung seiner Selbst. Erstaunlicherweise vermag er ganz schwach zu überleben. Ob er sich regenerieren und zu alter Stärke zurückfinden wird?

Ausgangspunkt und Grundlage ist die Bleistiftzeichnung eines Totenkopfes. In der linken oberen Ecke des Blattes platziert schaut er aus einer erhöhten Position und wie „von oben herab“ den Betrachter an. Seine „Augen“ sind nicht zu sehen. Sie sind entweder in den schwarzen Augenhöhlen oder hinter schwarzen Brillengläsern verborgen. Noch scheint er zu lächeln: „Seht, da bin ich und warte auf euch!“

Im zweiten Bild  erhält der gezeichnete Totenkopf Konkurrenz durch sich selbst. In einem Radiergummi in Form eines Totenkopfs begegnet ihm selbst der Tod und bedroht ihn mit dem Aus. Klein wie ein David vor dem Goliath liegt der Radiergummi neben ihm und lacht wie er mit seinen offen liegenden Zähnen: „Du kannst mir nicht entwischen. Du gehörst mir. Gleich werde ich deine Existenz angreifen. Denn ich habe die Macht dich auszutilgen, auszuradieren.“

Die nächsten Momentaufnahmen (Blatt 3 und Blatt 4) zeigen, wie mit dem Totenkopf-Radiergummi die Zeichnung so lange bearbeitet wurde, bis der Gummi aufgebraucht war. Gewissermaßen war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer der Stärkere ist. Auf jeden Fall war der Kampf für beide aufreibend. Der Radiergummi hat seine Gestalt gänzlich verloren und existiert nur noch als Krümel. Die Zeichnung ist noch schwach sichtbar – ein Schatten ihrer selbst).

Beide haben ihre Macht verloren. Von beiden sind nur noch Spuren zu sehen. Vom Radiergummi die Krümel, welche das Graphit des gezeichneten Totenkopfs weggerubbelt haben und ihnen nun anhaftet. Von der Zeichnung ist mehr zu erahnen als auf dem Papier zu sehen. Die künstlerische Aktion mag belustigend wirken. Mit dem Tod wird versucht, den Tod auszuradieren. Aber kann die Aktion nicht auch ein ermutigendes Gleichnis für unser Leben sein?

Der Tod kann nicht vernichtet werden. Er wird weiterhin zur Wirklichkeit des Lebens dazugehören. Aber er kann uns nicht ausradieren! Die Aktion macht deutlich, dass immer etwas übrig bleibt. Spuren einer Existenz, Spuren von etwas Existenziellem, das sich nicht ausradieren lässt, das selbst der Tod nicht löschen kann. Das Wesentliche überlebt den Tod und wird in eine neue Daseinsebene überführt (vgl. 1 Kor 15,51). In Bezug auf die Zeichnung sind es die tiefer liegenden Schichten oder das Darunterliegende, welche der Tod nicht erreichen und damit vernichten konnte.

In Bezug auf uns Menschen sind es alle Erfahrungen der Liebe, die sich tief in unsere Herzen und unsere Seele eingebrannt haben. Alle Liebe, die wir in welcher Form auch immer – von der uneingeschränkten Hingabe bis zur Verweigerung – zu geben oder zu empfangen imstande waren. So kann uns der „Todeskampf“ ermutigen, uns um das Wesentliche zu bemühen, um das, was unter die Haut geht, Herz und Seele berührt, erfreut und in Ewigkeit leben lässt.

Ein Lichtspalt Hoffnung

Inmitten der Dunkelheit strahlt ein Licht auf. Im Zentrum werden ein Neugeborenes und seine Mutter sichtbar, nach unten hin auch viele Schaulustige.

Ein kraftvoller Lichtstrahl hat dieses wunderbare Aufleuchten bewirkt. Von oben nach unten lässt er das gelbe Licht, welches das rote Rechteck umgibt – es mag ein Symbol für die Erde sein – in die Mitte eines dunklen und wirren Geschehens hineinfließen. Das Durcheinander mutet nach Zerstörung und Trümmern an, eine liegende Person ist zu sehen, ein Verletzter vielleicht. Ein schwarzes Kreuz ist neben der gelben Frau und ihrem Kind aufgerichtet und dem Geschehen zugewandt. Mit seinen Armen strahlt es Erbarmen aus, Zuwendung und Trost. Es identifiziert den Neugeborenen als Gottes Sohn, der sein Leben für uns Menschen hingegeben hat. Es bringt das Heil zum Ausdruck, das Jesus in und mit seinem Leben bewirkt hat.

So ist Jesus im Gegensatz zum schwarzen Kreuz als hellster Punkt im Bild weiß dargestellt. Wie das Innere einer Flamme erleuchtet er sein Umfeld mit warmem Licht. In die chaotisch-laute Umgebung bringt er ordnende Ruhe hinein, in der Bedrängnis werden er und seine Mutter zu einem Freiraum. Die Menschen strömen zu ihm und wollen ihn sehen. Ihn, der sie aus dem „Schatten des Todes“ herausholt, Ihn, der sie mit seinem Licht erfüllt und dadurch ihre Persönlichkeit zum Vorschein bringt und aufleuchten lässt, wie es die Künstlerin durch die unterschiedlichen Farben der Gestalten andeutet (Detailbild).

Gott wird in der Dunkelheit und in den Wirren unserer Welt Mensch, damit alle Menschen von seinem Licht erleuchtet und durchdrungen zu ihrem wahren Menschsein finden. In dem Sinne kann das rote Rechteck auch als Symbol für das menschliche Herz gesehen werden. Denn Gottes Gnade durchdringt wie ein Lichtstrahl alle zerstrittenen und leidenden Herzen, er dringt tief in ihre blutende Mitte, um zu heilen und zu erlösen und letztlich zum erfüllten Leben zu führen.

Ohne die vielfältigen Geschehnisse unserer Zeit zu verdrängen oder zu verharmlosen, hat die Künstlerin uns ein Hoffnungsbild gemalt. Sie bringt die Gewissheit des Paulus malerisch zum Ausdruck: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus schenkt. Weder „Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, noch Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert“. „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?“ (vgl. Röm 8,31ff)

Der Lichterglanz von Weihnachten möchte die Kraft des göttlichen Lichtes spüren lassen. Er möchte ermutigen, dem neuen Leben zu vertrauen, das als Licht in die Krippe unserer Herzen gelegt wurde. Er möchte ermutigen, dem Licht zu folgen, welches das Dunkel aufzubrechen und am Ende zu besiegen vermag. Der Lichtspalt Hoffnung ist der Anfang – alles in seinem herrlichen Licht befreit zu sehen, und die Vollendung, da er die Schatten des Todes überwindet.

ein Spalt
in der Wand des unendlichen Alls
ein Lichtspalt
hinein in die finstern Verliese der Welt

Hoffnungsspalt
oder Illusion

geträumtes Erwachen
oder erwachtes Leben

schnelles Aufflammen
ein kurzer Augenblick
zur Zeit des Kaisers Augustus

nein heute

aufstrahlendes Licht aus der Höhe
um allen zu leuchten
die in Finsternis sitzen
und im Schatten des Todes

ein Hoffnungsstrahl

(Peter Stengele)

Komm bald!

Warme, satte Farben erfüllen dieses Bild. Vor allem das gelbe Lichtspiel fasziniert, das sich von oben in den weinroten Bereich herabsenkt, der wiederum wie eine Brücke über einen violetten Fluss anmutet.

Doch die Bildkomposition lässt ganz unterschiedliche Sichtweisen zu. So kann die halbrunde Form in violett auch die Erde in Erwartung andeuten. Denn das Kreissegment ist über das Erdenrund hinaus auch eine sich wölbende, emporstreckende Form, die in sich schwanger ist und sich gleichzeitig etwas Höherem entgegenstreckt. Die violette Farbe, die in der Liturgie in Zeiten der Veränderung und des Übergangs getragen wird, unterstützt diese Bewegung genauso wie das gleichfarbige rechteckige Element, das die Wölbung überragt und damit die Erwartung noch steigert. Wie ein Altar ragt es in den roten Bereich hinein.

Dieses Rechteck mit der Kreisstruktur lässt auch an die Jahresringe von Holz denken und könnte so Bezüge zur Krippe wie zum Kreuz schaffen. Doch die Kreise bilden eine sich weitende Spirale, die sich von einem Ursprung her ausbreitet. Ähnlich wie bei den Jahresringen des Holzes wird hier die Zeit spürbar. So könnte die Spirale bedeuten, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, die Zeit erfüllt, alles am Punkt ist, dass ES geschehen kann: Dass sich Himmel und Erde berühren können.

Das Bild zeigt noch nicht die Begegnung oder Vollendung. Es zeigt im Emporwölben die irdische Erwartung, im stahlenden Herniederkommen den göttlichen Aufbruch aus den Höhen des Himmels. Es zeigt das Herabsteigen Gottes als Antwort auf die Sehnsucht der Menschen, es zeigt seine bevorstehende Ankunft. Nun stehen sie sich unmittelbar gegenüber und es braucht nicht mehr viel, dass sie sich berühren und durchdringen.

Vorerst verbindet die tiefrote Mitte das gelbe Lichtspiel mit dem violetten Halbrund und seiner rechteckigen Erhöhung. Ob diese Mitte durch seine verbindende und überbrückende Position her als Liebe gedeutet und mit Maria personifiziert werden kann? Das Bild legt es nahe und lässt es doch offen.

Denn genauso wie das Bild die göttliche Ankunft thematisiert, vermag es auch Jesu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt anzukündigen, welche seiner Ankunft rückwirkend eine so große Bedeutung gegeben haben. Ebenso könnte die Spirale im Rechteck in ihrer Endlosigkeit auf Jesus hinweisen, ihre Zweifarbigkeit auf seine zwei Naturen.

Das Bild hat das Potential, die Sehnsucht nach Licht und nach Gott zu wecken. Es lässt spüren, dass es bei Seiner Ankunft wohl schön sein muss, dabei zu sein. Noch viel schöner ist aber, in der Nachfolge Christi selbst von Gott berührt, durchdrungen und verwandelt zu Licht für andere zu werden.

Komm, Herr Jesus. Komm bald! (vgl. Offb 22,20)

Fließendes Licht

Unaufhaltsam kommt das Licht von weit hinten. Wie der Blick eines Auges flutet es aus einem Jenseits in das Diesseits hinein, aus der ungeschaffenen in die geschaffene Welt. Vom weißen Zentrum dehnt sich das Licht im Raum aus, sich gelb materialisierend, orange feurig sich entfaltend, um sich dann in warmem Rot über einen imaginären Rand zu ergießen.

Als Betrachter ist man geneigt, das Bild als eine Vision des ewigen Lichts zu sehen. Die Mystikerin Mechthild von Magdeburg (13. Jh.) sagte in ihrem Buch „Das fließende Licht der Gottheit“ zu Gott: „Du bist das Leuchtende in allem Licht.“

Michael Lesehr hat eine mystische Lichtschau (Lightshow) geschaffen, die Mechthilds Aussage sehr nahe steht. Das leicht aus der Bildmitte nach links verschobene Zentrum wirkt intensiv, konzentriert und kraftvoll. Es ist nicht groß oder vereinnahmend. Es lässt sich schauen ohne geblendet zu werden oder zu erblinden. Auch die warmen und gleichmäßig sich ausbreitenden Farben sind angenehm zu betrachten. Faszinierend ist zudem, dass das Bild trotz aller Einfachheit nicht langweilig wirkt.

Wie hat der Künstler es geschafft, das Licht so gleichmäßig fließen zu lassen, es von der Mitte unaufhörlich nach außen strömen zu lassen? Das Bild besteht aus unzählig vielen feinen, kurzen Linien, die strahlenförmig von der Mitte nach außen orientiert sind. Dadurch, dass auch zwischen den dunkleren Strichen hellere Striche gelegt sind, ergibt sich diese dynamische Bewegung nach außen. So vermag der Strahlenkranz von dem inneren Leuchten ausgehend immer neue Kreise zu ziehen. Ohne Unterlass.

Und wir können uns einüben in das Schauen des ewigen Lichts. Noch macht es den Eindruck, als sei es ein visueller Dialog durch das Loch in einer Wolkendecke, doch am jüngsten Tag werden wir ihn unverhüllt von Angesicht zu Angesicht sehen. Dann wird unser Schauen durch Gottes Schauen erwidert und wir werden hoffentlich die beglückende Erfahrung seiner Liebe, Güte und Barmherzigkeit machen.