weil die Kunst das alles kann, muss sie es auch tun

“Schließlich ist die Kunst gerade nicht an die Wirklichkeit gebunden und kann etwas imaginieren, sich etwas Verrücktes ausdenken. Die Kunst kann gegen etwas opponieren und genau das Gegenteil von dem tun, was sonst so gemacht wird. Sie kann mit Traditionen brechen, sie kann Dinge auf die Spitze treiben, sich Hals über Kopf hoffnungslos verstricken und Sachen neu entschieden gegen den Strich bürsten. Sie kann Grenzen ausloten und sprengen. Sie kann steile, steinige Wege verfolgen und Abgründe untersuchen. Sie kann radikale Experimente wagen und Unglaubliches erforschen. Und weil die Kunst das alles kann, muss sie es auch tun. Das ist sogar zwingend notwendig. Sie muss ihre Möglichkeiten voll nutzen, sonst ist sie alles andere als intensiv, sonst ist sie langweilig und überflüssig.”

Wolfram Völcker, Was ist Qualität. In: Was kostet Kunst, 2011, S. 132f.

das Unglaubliche, das noch nie Gesehene

“Den Betrachter des Kunstwerkes interessiert nämlich nicht das, was er schon weiß, sondern das Unbekannte, das Unglaubliche, das noch nie Gesehene, die Sensation, die dieses eigene Wesen übersteigt oder in verdichteter Form neu sichtbar werden lässt.”

Wolfram Völcker, Was ist Qualität. In: Was kostet Kunst, 2011, S. 132

Forderung nach Unmöglichem

“Die Kunst ist eine in Form gebrachte Forderung nach Unmöglichem.”

Albert Camus, Mensch in der Revolte

Echo für den suchenden Menschen

“Die Gegenwartskunst könnte eine Hilfe für die Kirche sein, die Relevanz des Glaubens für die Gegenwart zurück zu erobern. Damit mehr Menschen anzusprechen. Kunst kann ein Echo für den suchenden Menschen schaffen, ähnlich wie es vielleicht manchen Gläubigen im Gottesdienst geht.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn,, in “Alte und neue Kunst”, Band 51-2020, S.21

Religion und Kunst sind Gegenpole

“Religion und Kunst sind Gegenpole zum Optimierungswahn unserer Gesellschaft. Auch können beide keine einfachen Antworten oder Lösungsvorschläge bieten. Ich weiß auch nicht, ob es den Begriff der christlichen Kunst überhaupt noch braucht. Ob man nicht anerkennen muss, dass jede politische oder kritische Kunst dem Auftrag der Kirche entspricht? Eine enge Zusammenarbeit würde also naheliegen.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

“Kunst braucht der Kirche keine Anregungen zu liefern, sie tut es automatisch, wenn sie politisch wird, Missstände anklagt und sichtbar macht. Sie beschäftigt sich zudem mit Themen wie Liebe, Hass, Trauer, Angst, Hoffnung, etc. Es gilt also, das Misstrauen abzulegen.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

gemeinsame Vermittlung von Kunst und Religion

“Weder Glaube noch Kunstverständnis fällt vom Himmel. Beides beginnt mit der Beschäftigung damit. Kirchenbesuche waren in vielen Familien noch zu meiner Kindheit obligatorisch. In Bildungsfamilien werden heute die Kids nicht mehr zum Gottesdienst mitgenommen, sondern zu Museumsbesuchen genötigt. Kunst braucht den Schutz von Museen, sowie Glaube den Schutz von Kirche benötigt. In den zahlreichen Diözesanmuseen wird die gemeinsame Vermittlung von Kunst und Religion als Chance gesehen.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

Zulassen von Vielfalt

“Die Katholische Kirche hat immer mit Bildern und Symbolen gearbeitet – und das ist auch eine Stärke. Wenn ein gläubiger Mensch sich mit einem Kunstwerk auseinandersetzt, wird er etwas anderes entdecken als ein nicht gläubiger Mensch. So viele Menschen wie es gibt, so viele unterschiedliche Berührungspunkte gibt es zwischen Menschen und Kunstwerken. Vielleicht ist die Antwort das Zulassen von Vielfalt, vielleicht müssen wir mehr wagen, mehr ausprobieren?”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

malen, was er in sich sieht

“Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.”

Caspar David Friedrich

erzähltes Bild, gehörtes Bild, lebendes Bild

“Jesus spricht in Bildern, er nimmt seine Hörer in die Bilder hinein und lässt sie so Worte, Antworten finden. Wieder wird der Blick auf die Verkündigung” gerichtet. Welchen Platz nehmen wir in diesem Bild ein? Sind wir heute nicht auch Verkündende, gerufen, wie der Engel gesandt, Kunde von Gott zu bringen? Ist dies zu anspruchsvoll, zu fromm oder weltfremd? Ist es gewagt zu fragen, ob wir nicht doch einen anderen Part in diesem Bild haben könnten, eine Maria zu sein, Christus in uns wachsen zu lassen, ihn heute in die Welt zu bringen, Mutter Jesu 1991 zu sein? Lassen wir es zu, in dieses Bild einzusteigen, auszusteigen aus der passiven Rolle des konsumierenden Adressaten in die lebendige Darstellung der Verkündigung, erzähltes Bild, gehörtes Bild, lebendes Bild?”

Eindringlichkeit des Leisen und Barmherzigkeit des Einfachen

„Wenn sich Kunst überhaupt noch Dimensionen unserer Welt zur Verfügung stellen möchte, die nicht schon mehr als genug durch andere Akteure abgedeckt sind, dann bleiben tatsächlich nur noch die eben genannten Biotopen Stille, Ordnung und Sinn. Die Eindringlichkeit des Leisen und die Barmherzigkeit des Einfachen wären Beiträge von zutiefst therapeutischer Tragweite. Hier würden wir mit Qualitäten aufwarten, die zudem keinerlei Verschleiß unterliegen. Solange es Menschen gibt, werden diese beiden unscheinbaren Medikamente nie zu entbehren sein.“

Johannes Schreiter im Vortrag in Schloss Holte-Stukenbrock, TGK GmbH, 6. Mai 2000

das Unsichtbare für sich selbst zu entdecken

„Kunst ist oft ein Ausdruck des Unbewussten und vielleicht spielt im kreativen Prozess der Entstehung von Kunst das Bewusstsein oft nur eine untergeordnete Rolle. Außergewöhnlich wird Kunst dann wirken, wenn sie Dimensionen des Unsichtbaren sichtbar macht, es aber dem Betrachter und der Betrachterin überlässt, das Unsichtbare für sich selbst zu entdecken.“

Gerhard Spangler

Befähigung zur Wahrnehmung von etwas ganz anderem

“Kirche – auch in ihrer baulichen Gestalt – ist immer Raum der Verkündigung des Wortes Gottes. Nicht nur in der Predigt, sondern auch in der Kunst, die uns in besonderer Weise an die Erfahrung heranführt, dass wir die wesentlichen Dinge im Leben nicht machen, sondern empfangen.

Das Ziel der Kunst ist nicht Belehrung, sondern Begegnung. Dass diese Begegnung glückt, hängt ebenso sehr vom Können des Künstlers ab wie vom Kontext, in dem sich sein Werk darstellt, und vom Betrachtenden, der es wahrnimmt. Das bedeutet: Es ist letztlich etwas Unverfügbares, um das es geht – in der Kunst genauso wie in aller Religion und so auch im christlichen Glauben.

Kunst will uns befähigen zur Wahrnehmung von etwas anderem als uns selbst und dem, was wir schon wissen. Oder, umgekehrt, uns zu einer anderen Wahrnehmung unser selbst und dessen, was wir immer schon gewusst zu haben glauben, befähigen. Sie will in uns etwas hervorrufen, Empfindungen vielleicht, Assoziationen, Gedanken, Fragen und die Ahnung: Es muss nicht alles bleiben, wie es ist – es könnte auch ganz anders sein. Sie will uns in Unruhe versetzen und ruhig werden lassen, uns auf etwas konzentrieren und uns schweifen lassen, nicht nur zu uns selbst hinführen, sondern auch von uns selbst wegführen. Sie will uns öffnen für die Begegnung mit dem Anderen, der im Raum der Kirche zu uns redet,”

Käthi La Roche in: “Kunstwerk” Grossmünster – Ein theologischer Führer, TVZ Zürich 2009, S. 50f

intensivieren und weiten

“Kunst irritiert, Kunst intensiviert Vorhandenes. Kunst generiert neue Ansichten von Vertrautem. Kunst weitet den Raum. Auch den inneren Raum der Betrachter*innen. In Kirchenräumen treffen theologische Verkündigung und künstlerische Bildsprache aufeinander.”

Birgit Weindl

Aufgabe der Kunst

“Kunst hat die Aufgabe wachzuhalten, was für uns Menschen so von Bedeutung und notwendig ist.”

Michelangelo

zeitgenössische Kunst eröffnet neue Horizonte

“Es gilt auszuhalten, dass nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, was für eine Bedeutung das jeweilige Kunstwerk hat. Es gilt anzuerkennen, dass Kunst eine Bedeutung in sich hat, aus sich heraus wirkt, nicht der Seh- und Erfahrungsgewohnheit des Alltags folgt und erst recht nicht verzweckt werden darf. Das Wahrnehmen von Kunst bedarf Zeit, damit Kunst räsonieren kann, zur individuellen oder gemeinschaftlichen Auseinandersetzung und schließlich zum Dialog führt. In jedem Menschen bewirkt das Wahrgenommene andere Resonanzen. Kirche ist im historischen Sinne „Kulturguterhalterin“. Aber so [der Innsbrucker Bischof Hermann] Glettler, Kirche muss auch „anschlussfähig bleiben für heutige Kunstschaffende. In diesem Offenen geht es viel um das Sich-provozieren-Lassen, Sich-herausfordern-, -herausrufen-Lassen, auch Fragen nach neuer Solidarität, der Weggemeinschaft.“ Einfache Antworten gibt es meist nicht. Und der Weg ist selten bequem.”

“Das Aussetzen im Angesicht zeitgenössischer Kunst lohnt sich. Was anfangs sperrig wirkt, führt durch die Auseinandersetzung zu neuen Einsichten, lässt über den Binnenraum Kirche hinausblicken und eröffnet somit neue Horizonte, nicht zuletzt des Glaubens.”

Katharina Seifert, in „aus unserem schaffen“, heft 18/2019, S. 334

Ausdruck des Unaussprechlichen

„Kunst vermag dem Unaussprechlichen einen Ausdruck zu verleihen, bei dem das zutiefst Verborgene des Lebens als auch das es himmelhoch Übersteigende berührt und thematisiert werden können.“

Patrik Scherrer

Kunst und Kirche sind Partner

“Nicht immer ist es ein einfacher Dialog. Denn die Kulturschaffenden bestehen auf ihre errungene Freiheit und Unabhängigkeit, die Kirche auf ein Werk, das den Glauben anschaulicher macht, den Betrachter berührt. Einig sind sich beide nur darin, dass ein Kunstwerk Fragen auslösen soll: nach dem, woher der Mensch kommt, wie er in seiner Gesellschaft verantwortlich lebt und wie er mit Gott und dem Kosmos in Verbindung steht. Große Fragen, die ebenso wie ihre Antworten immer wieder in neuem Gewand erscheinen.”

Alois Bierl, Chefreporter Sankt Michaelsbund

Unberechenbare Berührung

“Es lässt sich nicht vorhersagen, wann und warum eine Berührung mit dem Kunstwerk stattfindet, auf welche Details jemand besonders reagiert und was die Neugierde auslöst. Die Formen der Aneignung sind ebenso vielfältig wie die Lebenserfahrung der Menschen und in ihrer Intensität und Nachhaltigkeit von außen nicht zu bewerten. Gerade darin besteht eine Parallele von Kunst und Religion.”

Stefan Kraus, Das Thema christliche Kunst ist abgehakt, S. 39

Prinzip der Kunst

(Es ist das) „Prinzip der Kunst: mehr wiederfinden, als verloren gegangen ist.“

Elias Canetti