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Hans Thomann, Strahlenkranz, 2011
© Hans Thomann

Ausstrahlung

Eine menschliche Gestalt befindet sich im Zentrum eines Strahlenkranzes aus Feuerwerkskörpern. Fünfzig Holzstäbe gehen von der Brust bzw. von der Herzgegend aus in alle Richtungen, formal mit den kurzen Armierungseisen korrespondierend, aus denen die Figur zusammengeschweißt ist. Ansonsten steht die weiße Menschengestalt im Gegensatz zu den bunten Feuerwerkskörpern: Die Figur ist innen hohl, die Raketen sind mit Pulver gefüllt, sie besteht aus unbrennbarem Stahl, die vielen entfalten sich in genialen Lichteffekten, der Mensch bleibt am Boden, die Leuchtkörper verzaubern den Himmel, er hat eine große Langlebigkeit, sie verbrennen in wenigen Sekunden.

Was diese so gegensätzlichen Materialien wohl über den Menschen aussagen? Eine nähere Betrachtung der menschlichen Gestalt und vertiefte Gedanken zu den im Kreis angeordneten Feuerwerkskörpern werden Anhaltspunkte zum Verständnis dieses spannungsvollen Kunstwerks geben.

Der im Zentrum der Installation stehende Mensch ist mit den Stahlstücken plastisch skizziert. Er ist ähnlich flüchtig festgehalten wie in einem Skizzenbuch, und doch mit Eisenstäben beständig in den Raum geholt. Die verwendeten Rundstäbe werden normalerweise für die Armierung, die innere Verstärkung von Beton gebraucht. Am fertigen Bauwerk sind sie unsichtbar. Bei dieser Menschengestalt bilden sie jedoch die Außenhülle, die sich nach oben verdichtet. Und sie wirken wie ein transparenter Panzer, der Halt gibt, schützt, und doch für das Licht durchlässig ist. Da weder Hände noch Füße oder Gesichtszüge ausgearbeitet sind, kann diese Gestalt für jeden Menschen stehen.

Durch die unterschiedliche Beinlänge scheint dieser menschliche „Platzhalter“ in den Raum zu schreiten, mit den leicht nach hinten geneigten Armen den Raketenkranz wie ein Gepäckstück auf dem Rücken haltend. Assoziative Vergleiche mit einem Propeller oder einem großen bunten Flügel mögen aufsteigen und die Menschengestalt zu einem modernen Ikarus machen.

Doch die strahlende Darbietung eines Feuerwerks ist stets von kurzer Dauer, begleitet von lauten Knallern sowie starker Rauch- und Geruchsentwicklung. Neben der Erinnerung an einen an ein Wunder grenzenden Lichtzauber bleiben nur Leitstäbe und ausgebrannte Hülsen übrig. Die künstlichen Lichteffekte erregen wohl kurzfristig Aufsehen und Staunen, auf die Dauer kann sich allerdings niemand eine solch kostspielige und letztlich auch umweltbelastende und gesundheitsschädliche Inszenierung leisten. Sie ist in allen Belangen weder tragfähig noch tragbar.

Letztlich stellt die Installation die Frage, wie wir mit einfachen Mitteln, mit unseren eigenen Energien Glanzpunkte setzen können. Es geht darum, wie wir, ohne auf künstliche Effekte zurückzugreifen, mit unserem Handeln Akzente setzen können, die eine anhaltende Ausstrahlung haben.

Die fünfzig Leuchtkörper verweisen mit ihren Leitstäben bildsprachlich auf das Herz (Detail). Alles, was wir denken, reden und tun, hat seinen Ursprung im Herz. Wenn dieses Denken, Reden und Handeln gut ist, wird es eine positive Wirkung zeigen. Jesus sagt in der Bergpredigt zu seinen Zuhörern: „Ihr seid das Licht der Welt. … Euer Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,14.16) Für ihn ist die Ausstrahlung eine Folge der guten Werke und gleichzeitig eine zweifach erhellende Kraft: Nämlich, dass andere das Gute sehen und gleichzeitig Den erkennen, der im Ursprung das Gute bewirkt. Der tief im Innern der Herzen berührt und bewegt, ruhig und ohne Effekthascherei. Was Gott bewirkt, besitzt eine natürliche Leuchtkraft. Es muss nicht wie bei einem Pfau mit einem großen Rad stolz zur Schau getragen werden noch mit künstlichen Mitteln überhöht werden. Ein lateinisches Sprichwort fasst das in weltlichen Worten treffend zusammen: „Gute Taten leuchten auch im Dunkeln.“ Sie tun dies ohne Hilfsmittel – einfach, weil sie gut sind!

Patrik Scherrer, 01.06.2013

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