Dialog

“Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst wird ein Dialog möglich, welcher zu einem den Menschen bewahrenden Handeln aufruft.”

Günther Uecker, Künstler

staunen

“Wahrnehmung des Göttlichen beginnt mit Staunen. Es ist das Ergebnis dessen, was der Mensch aus einem höherem Nichtbegreifen macht. Das größte Hindernis für die Wahrnehmung ist unsere Anpassung an konventionelle Begriffe, an geistige Klischees. Staunen oder radikales Sich-Wundern, der Zustand des Nicht-angepasst-Seins an Worte und Begriffe ist deshalb Voraussetzung für echte Wahrnehmung des Seienden.”

A. J. Heschel (jüd. Philosoph und Theologe 1907-72), Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums (1955), Neukirchen-Vluyn 1980, S. 37

prophetisch-kritische Sprengkraft

“Die Stärke der Kunst ist es, den Finger auf die Wunden des Gegenwärtigen zu legen, Fragen und Wünsche, auch Sehnsüchte aufzudecken.”

Handreichungen der Deutschen Bischofskonferenz: “Liturgie und Bild”, 1996

der Sinn künstlerischer Arbeit

“Der Sinn künstlerischerArbeit besteht zu einem großen Teil darin, für das sinnlich nicht in Erscheinung-Tretende, unsere Welt jedoch ständig Wandelnde, die Kraft nämlich, Symbole und Zeichen zu finden. Zeichen, mit denen wir die Angst vor dem Ausgeliefertsein an das Unaufhaltsame entmachten können und darüber hinaus zeichen, mit denen das rein Denkbare für den Erlebnisraum des sinnlich Wahrnehmbaren ohne Substanzverlust erschlossen werden kann.”

Johannes Schreiter in einem Vortrag an der Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt/M., 1978

Horizonte öffnen

“Die schöne Anschaulichkeit, die sie [die Bilder] bieten, ist verführerisch und missverständlich, begünstigt ein bloß oberflächliches Hinsehen; andererseits können Bilder Horizonte eröffnen, ermöglichen Ein-Sicht und Erkenntnis, werfen Fragen auf und verstellen vorschnelle Antworten. Wer Bilder sieht, darf seinen Augen nicht trauen. Auf jeden Fall nicht nur.”

Herbert Fendrich: Glauben. Und Sehen, Münster 2004, S. 4

Nahrung für den Glauben

„Man kann die marginale Rolle, die Bilder heute in der Frömmigkeit, der Liturgie und der Theologie spielen, auch als Folge eines Verlustes an „Religion“ begreifen, aber vielleicht auch als eine URSACHE dieses Verlustes. Wenn dem Glauben die Bilder abhanden kommen, werden davon vielleicht Theologen und Dogma nicht berührt, aber der Glaube bleibt – bildlich gesprochen – ohne Nahrung und hungert aus.“

Herbert Fendrich: Glauben. Und Sehen, Münster 2004, S. 18

Umgang mit dem Unbekannten üben

“Zeitgenössische bildende Kunst als Gast im Unterricht – das ist das Orientierungsmodell, das wir den Unterrichtenden der Fächer Religion, Ethik oder Philosophie gerne nahe legen würden. Und so wie George Steiner es beschreibt, ist diese Umgangsform ja selbst schon ein unmittelbar inhaltliches Moment der genannten Unterrichtsfächer: Es geht um den einzuübenden Umgang mit dem Unbekannten und dem Fremden, um das Lernen des Vertrautmachens und Vertrautwerdens. Was er hier vorschlägt, ist, das Kunstwerk wie einen unbekannten Gast, einen Fremden zu empfangen und willkommen zu heißen, ihn im vorsichtigen Gespräch zu fragen, wo er herkommt, wohin er möchte und welche Geschichten er zu erzählen hat.“

Andreas Mertin, Karin Wendt, Mit zeitgenössischer Kunst unterrichten, Göttingen 2004, S. 89

Bilder der Hoffnung

“Bilder der Kunst können (so) ein Schlüssel zu neuen Sichtweisen des Glaubens sein, wo überlieferte theologische Denkmuster nicht mehr überzeugen. Sie können den Anschluss an die Fragen und Zweifel heutiger Menschen herstellen und mit ihnen nach neuen Antworten des Glaubens Ausschau halten. Sie verweigern den bloßen Rückzug auf den göttlichen Heilsplan und öffnen Zugang zu Worten und Bildern der Hoffnung, dass Gott Neues schaffen wird, so tastend und unfertig all die Versuche auch bleiben werden, dieses Neue zu benennen und zu beschreiben. (Frieder Harz)”

M.-L- Goecke-Seischab, Frieder Harz, Christliche Bilder verstehen, München 2004, S. 129

anregende Schöpfer

“Bilder der Kunst erinnern daran, dass auch Künstler Schöpfer sind. Mit ihren Werken in Bildern und Tönen (und Worten) leiten sie zum bewussten Wahrnehmen an, stellen neue Sichtweisen auf unsere Welt vor Augen, regen zum eigenen Sehen von Schöpfung an. Sie halten in all ihrem Schaffen Schöpfungsträume lebendig und formen sie mit ihrer Ausdruckskraft neu, ringen und trotzen sie der Wirklichkeit ab. Manchmal geschieht das im Gestalten klassischer Schönheit, manchmal auch in einem verzweifelten Gestalten angesichts des Bedrückenden.
In diesem Sinne sind Glaube und Kunst eng aufeinander bezogen. Glaube braucht Bilder des Vertrauens und der Hoffnung, erinnernde und zukunftswendende Schöpfungsbilder im weiten Sinne. Künstler schaffen Bilder von und in unserer Welt, in denen sie zum Wahrnehmen und Deuten, zum Staunen und Nachdenken, zu neuen Sichtweisen anregen. Freilich lässt sich der Glaube nicht in bestimmten Bildern einfangen, und Kunst bleibt den religiösen Überlieferungen gegenüber selbstständig. Aber im Betrachtenden, Sehenden und Hörenden selbst kann jeweils beides zusammenfinden, können Bilder und Musik (und Dichtung) zum Ausdruck des Glaubens werden. (Frieder Harz)”

M.-L- Goecke-Seischab, Frieder Harz, Christliche Bilder verstehen, München 2004, S. 46

Künstler

“Künstler leben zwischen Himmel und Erde. Sie sind nicht ganz von drüben und nicht ganz von hier. Sie müssen ihr Fach erlernen, meistern, beherrschen. Aber was mit ihnen passiert, das haben sie  – meistens – nicht im Griff: wie Stromleitungen sind sie, wie Stromkabel, suchend, kämpfend mit sich und ihrer, unserer Zeit. In ihren Werken, in ihren Bildern spiegelt sich auch wieder, was uns bewegt, und sie vermitteln jenen Hauch der Ewigkeit, nach dem wir alle suchen, auch wenn wir unsere Sehnsucht tief begraben haben: unendlich geliebt zu werden und unendlich zu lieben. Künstler vermitteln uns Kenntnis von uns selber, wie es um uns steht.”

Sr. Nike Vennekens in: Dimension des Religiösen in der Kunst der Gegenwart. Kunstkreis Coppenburg e.V. 2004, S. 31

Kunst verändert

“Kunst gibt dem Betrachter keine direkte Information, sondern verweist ihn auf sich selbst – auf Gedanken und Gefühle, die bei ihm hervorgerufen werden. Diese mögen dann zu einer veränderten Wahrnehmung der Realität führen.”

Joseph Beuys

wo Bilder lebendig sind

“Bilder haben heute eine vierte Dimension; ihnen wird Leben eingehaucht; sie haben ein Eigenleben; ihr Wesen verändert sich mit unserer eigenen Wahrnehmung und Vorstellung. Sie entstehen, wachsen, verwandeln sich, gehen zu Grunde. (…) Der wahre Ort des Kunstwerks ist nicht auf dem Bildschirm, an der Wand oder im Raum (…), sondern in der Seele und im Herzen des Menschen, der es betrachtet. Dies ist der Ort, an dem alle Bilder lebendig sind.”

Bill Viola in: Friedhelm Mennekes, Begeisterung und Zweifel. Regensburg 2003, S. 139

gute Kunst

“Gute Kunst ist für mich christliche. Nehmen wir die Fotgrafin Nan Goldin. Sie wählt ein Motiv aus, das bei oberflächlicher Betrachtung lächerlich erscheinen mag. Ihre Fotografie macht etwas Wunderbares daraus. Sie betrachtet das Motiv mit den Augen einer Liebenden, und wenn jemand einen anderen liebt, wird dieser unabhängig von seinem äusseren Erscheinungsbild schön. Nan Goldin ist zwar Jüdin, aber in ihrer Kunst offenbart sie mit ihrem Werk etwas zutiefst Christliches.”

Christian Boltanski in: Friedhelm Mennekes, Begeisterung und Zweifel. Regensburg 2003, S. 53

Sinnbildung

“Für mich haben Religion bzw. Theologie und Kunst etwas gemeinsam: Beide sind offene Systeme, die ihre Grundlage in Symbolen haben. Genauso wie jeder religiöse Mensch in seiner Suche nach dem Transzendenten seinen eigenen, individuellen Weg findet, so betrachtet jeder Mensch ein Kunstwerk anders. Sinn konstituiert sich in dieser Begegnung zwischen dem Menschen und dem Transzendenten einerseits und der Kunst andererseits jeweils individuell und anders.”

Christian Boltanski in: Friedhelm Mennekes, Begeisterung und Zweifel. Regensburg 2003, S. 49

Sprache der Bilder

Wir können (…) Bilder „lesen“, wie wir ein Buch lesen, obwohl wir dies wahrscheinlich gar nicht sagen würden. Wir „lesen“ ein Buch, aber Bilder „betrachten“ wir, wir lassen sie auf uns wirken, ihre Formen und Farben, und dann „verstehen“ wir sie aus unserer inneren Erwartungshaltung heraus, d.h. wir „wollen“ bestimmte Formen erkennen, auch wenn uns dies erschwert wird. Aber wenn wir sie nicht finden, dann konstruieren wir diese Formen. Es ist das Recht des Betrachters, bestimmte Formen oder Formelemente so zu ordnen, dass sie für ihn „etwas“ darstellen. Diese Formelemente haben, genau wie die Schriftzeichen unserer Schriftsprache, eine von Regeln bestimmte Anordnung ihrer Elemente, und zwar so, dass sie, genau wie ein Satz in der Sprache, Sinn übermitteln.
Allerdings folgt diese nichtsprachliche Syntax nicht den Regeln der sprachlichen Zeichen. Während ich die Wörter in dem Satz „Das Gesicht ist rot“ nacheinander anordnen muss, sind die entsprechenden nichtsprachlichen Zeichen im Bild, die Linien, Halbkreise, Striche und Punkte nicht hintereinander angeordnet, und sie sind als solche zugleich in bestimmten Farben an einer bestimmten Stelle des Bildes realisiert. Die Syntax eines Bildes ist also nicht linear, sondern simultan, die Wahrnehmung der nichtsprachlichen Zeichen erfolgt gleichzeitig. Farbe und Form sind im selben Augenblick wahrnehmbar, und damit wird mehr Information gegeben als durch das sprachliche Zeichen. Hinzu kommt ihre Mehrdeutigkeit, durch die sie mehrere Funktionen erfüllen können. Ein Strich, ein Kreis, ein Punkt kann in den verschiedenen Zeichenkombinationen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben.
So erzählen diese Bilder auch verschiedene Geschichten. Sie sind jeweils die Geschichte dessen, der das Bild betrachtet, und sie sind unabhängig von dem, was der Künstler gemeint hat oder erzählen wollte. Der Betrachter erzählt „seine“ Geschichte zu diesem Bild, und sie deckt sich nie völlig mit der Geschichte eines anderen Betrachters. Ein Bild ist keine unbewegliche Größe, sondern das Ergebnis der Wahrnehmung, abhängig von unserer Stimmung, unserer Absicht, abhängig von Zeit und Ort und Umgebung, abhängig auch von unserem Wissen, unseren Gesprächen mit anderen, vor allem aber von unserer eigenen Geschichte und unseren Erfahrung mit Engeln, die unser Sehen und Verstehen bestimmen. Es sind immer „unsere“ Engel, die wir sehen.

Prof. Dr. Edeltraud Bülow (Michael Blum und Erich Purk, Ein Engel für dich. Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2002, S. 46

neu und überraschend bewegen

Neues müssen sie [die Künstler] schaffen, und diesem Neuem muss eine Kraft innewohnen, die geistige Wirklichkeiten in die Seelen der Menschen “einbrennt”. (239)

Kunst in der Kirche soll bewegen. Dies wird sie nur erreichen, wenn sie durch ihre Form und ihre Vielsprachigkeit immer wieder Überraschendes im Rezipienten erzeugt. Ob es ein provokantes Bild ist, eine abstrakte Plastik oder eine auf die Grundformen reduziertes Formgebilde – es soll  die Beschauer befähigen, das im [Kirchen-] Raum Geschehende tiefer zu erfassen und sich auch vom Gesamten des Raumes ergreifen zu lassen. (Spiegel des Heiligen, 240) Im Sakralraum sollen die Menschen – durch irgendwelche sinnenhaften Gegebenheiten angestoßen – die Ahnung von einer jenseitigen Wirklichkeit erspüren. Zugleich soll ihnen dieses Gefühl des “Mehrwertes”, das sich in allem und jedem präsentieren kann, den Lebensmut stärken und sie nach oben und zur Seite hin öffnen. (242)

Die Anstossgedanken der Künstler erscheinen nicht selten alltäglich banal, oftmals bestehen sie aus kaum wahrnehmbaren Kleinigkeiten, hier und da kommen sie sogar als skurrile oder verquere Spiele daher. Aber das Nichsagbare, das sich dann als Formung von “Wirklichkeit mit Mehrwert” zeigt, kommt in der anderen Form des Bildes in die Erfahrungswelt der Rezepienten. Es geht immer um diesen “Mehrwert”, der nicht andres beschreibbar ist, als dass er sich sinnenhaft in einer neuen Form präsentiert. (241)

Moderne Kunstwerke wollen im Beschauer etwas bewegen. Deshalb sprechen sie ihn direkt an. Das Signal kann vom Betrachter in unterschiedlicher Weise aufgenommen, rezipiert und innerlich verarbeitet werden. Ein Bild kann affizieren. Der Mensch weiss zunächst gar nicht, was es ist, das ihn anzieht. Eine spezielle Eingangsweise kann sich sogar durch erstmalige Ablehnung anbahnen. Das klingt paradox. Aber wer ein Bild ablehnt, tut dies meist deshalb, weil das Thema in ihm schon besetzt ist und ihn eine neue Form verunsichert. So herrscht bei ihm das Vorurteil, welches durch das Bild zunächst bestärkt, langfristig aber möglicherweise zersetzt wird. Dies ist zunächst nicht leicht aufzubrechen; dann er empfindet die neue Form als Provokation, und diese erzeugt zunächst meist einen Kontrasteffekt, so dass ein Mensch sich sperrt. Aber bei einem guten Kunstwerk ist es so, dass es, wenn es nur kurz durch einen Spalt in die Seele eingestrahlt ist, dort einen Prozess auslöst, der im Laufe der Zeit Erlebnisse, Ängste oder Hoffnungen mit dieser Form in Zusammenhang bringt. Das Kunstwerk wird vertraut – nicht im Sinne von Gewöhnung, sondern in gegenteiligen Sinn: Es wird zum Anschauungspunkt für sich ordnende Seelenkräfte. Ja, es kann den Charakter eines “Symbols” erhalten im Sinne eines “externalisierten Selbstobjektes”. Kunstwerke sind offen, um in jedem Beschauer das ihm Zuträgliche anzustoßen und zu bewirken. (vgl. U. Eco, Das offene Kunstwerk, Frankfurt a.M. 1977) 241f)

Ludwig Mödl, Kunst der Gegenwart im Blickfeld der Pastoral, in: “Spiegel des Heiligen”, Regensburg 2003

anderes sichtbar machen

“Kunst macht nicht sichtbar, sondern sie muss durchlässig sein, damit anderes sichtbar wird. Kunst ist wie ein Schleier, durch den hindurch wir das dahinter Liegende erkennen können. Sie ist gleichsam eine osmotische Zellwand, die den Austausch zur Transzendenz hin möglich macht. Kunst zielt auf diesen Austausch.”

Theo Sundermeier, Aufbruch zum Glauben. Die Botschaft der Glasfenster von Johannes Schreiter, Frankfurt, 2005, S. 8

sichtbar machen

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“

Paul Klee

Erfahrbarkeit von geistigen Wirklichkeiten

“Geistige Wirklichkeiten sind uns Menschen nur über die Sinne vermittelbar. Vermittlung ist ein kreativer und dynamischer Prozess, der den Menschen als gestaltendes Wesen herausfordert. Dass es kein Menschsein ohne Gestaltung gibt, legt Günter Rombold seinen Ausführungen (LThK 6 1997, 533-535) zugrunde. Das bedeutet: Die sehbaren, hörbaren, riechbaren oder fassbaren Dinge bezeichnen dort, wo sie zu Vehikeln geistiger Aussagen werden, in ihrer begrifflichen Fassung mehr als nur die sie umschreibenden Inhalte. Sei weisen über sich hinaus und werden als Bilder, Metaphern oder Begriffe zu Trägern nichtsinnenhafter Wirklichkeiten. „Erfahrbarkeit von geistigen Wirklichkeiten“ weiterlesen